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Levante

Länder des östlichen Mittelmeeres
Ungefähre Lage der Levante im engeren Sinne

Levante (altitalienisch levante, mittelfranzösisch levant, „Osten“, „Morgenland“, abgeleitet vom Sonnenaufgang, von lat. levare, „emporheben, aufgehen“) ist die historische geografische Bezeichnung für die Länder am östlichen Mittelmeer, die östlich von Italien liegen.[1][2]

Im weiteren Sinn sind damit besonders die griechische Halbinsel und die griechischen Inseln in der Ägäis, die mediterranen Küstengebiete der Türkei, Zypern, der Libanon, Palästina, das historische Syrien und Ägypten bezeichnet.

Im engeren Sinn beschränkt sich die Bezeichnung auf die Ostküste des Mittelmeeres und ihr Hinterland, also das Gebiet der heutigen Staaten Syrien, Libanon, Israel, Jordanien sowie der palästinensischen Autonomiegebiete und der türkischen Provinz Hatay. Dies entspricht ungefähr der im Arabischen Asch-Scham (الشام / aš-Šām, „der Norden“) genannten Region zwischen Euphrat und Sinai im Nahen Osten.[3]

GeschichteBearbeiten

 
Historische Karte der antiken Region aus dem Jahr 1902

Ur- und VorgeschichteBearbeiten

Als Landverbindung zwischen Afrika und Eurasien war die Levante schon früh von verschiedenen Urmenschen bewohnt. Sie wird oft als Ursprungsgebiet der Neolithischen Revolution bezeichnet, doch passt in diesem Zusammenhang der Begriff Fruchtbarer Halbmond besser, da sich wesentliche Schritte der neolithischen Revolution auch in den Flussgebieten von Euphrat und Tigris (Mesopotamien) ereigneten.

Frühgeschichte und AntikeBearbeiten

Schon früh gelang in der Levante der kulturelle Sprung zur Kupferzeit, Bergwerke wie in Timna sind seit ca. 5500 v. Chr. nachgewiesen. In der Antike existierten in der Region verschiedene Völker und Staaten, die jedoch nie zu einer staatlichen Einheit fanden und unter dem Einfluss der benachbarten Reiche wie Ägypten und der Hethiter standen. Politisch-wirtschaftliche Bedeutung erlangten im Norden die Phönizier als Händler, Seefahrer und Kolonisatoren des Mittelmeerraumes, während im Süden bei den Israeliten mit dem Judentum und in dessen Folge dem Christentum zwei Weltreligionen entstanden. Seit dem 8. Jh. v. Chr. gehörte die Levante, bis auf wenige lokale und/oder zeitliche Ausnahmen, zu den aufeinanderfolgenden Reichen des Neuassyrischen Reiches, des Neubabylonischen Reiches, des Perserreiches, des Alexanderreiches und des Diadochenreiches der Seleukiden sowie schließlich zum Römischen Reich. Als Teil des Oströmischen bzw. Byzantinischen Reiches wurde die Levante praktisch vollständig christianisiert.

MittelalterBearbeiten

Im 7. Jh. wurde die Levante von moslemischen Arabern im Zuge der Islamischen Expansion erobert, Damaskus wurde Hauptstadt des Kalifats der Umayyaden. Bis heute ist die Region jedoch durch starke ethnische und religiöse, v. a. christliche, Minderheiten wie die Aramäer geprägt. Während der Kreuzzüge gründeten christlich-abendländische Kreuzfahrer seit 1098 eine Reihe von teils nur kurzlebigen Kreuzfahrerstaaten. 1291 gilt mit der Eroberung Akkons durch die inzwischen in Ägypten herrschenden Mamluken als ihr Ende. Aus europäischer Sicht erhielt die Levante durch die intensiven Handelsbeziehungen mit italienischen Stadtstaaten eine besondere Bedeutung, die bereits lange vor den Kreuzzügen im Frühmittelalter mit dem Byzantinischen Reich und als Handelsrouten schon in der Antike etabliert waren. Die Levante war ein wichtiger Umschlagplatz für Orientwaren, die über den Indischen Ozean und die asiatischen Karawanenwege im Rahmen des Indienhandels und der Seidenstraße herangeschafft wurden und die man gegen europäische Erzeugnisse wie zum Beispiel Tuche eintauschte. Der Levantehandel trug erheblich zum Reichtum von Städten wie Marseille und Livorno oder Stadtstaaten wie Genua und Venedig bei, wurde aber durch seit dem 15. Jh. durch erhöhte Zollforderungen und Handelssperren der wechselnden moslemischen Machthaber erschwert. Durch die dadurch notwendig gewordene Erschließung neuer Seewege im 15. und 16. Jahrhundert nahm die wirtschaftliche Bedeutung der Levante stark ab.

NeuzeitBearbeiten

Um 1516 wurde die Levante, ebenso wie die anderen Teile des ägyptischen Mamlukensultanats, vom Osmanischen Reich erobert, dem es für die nächsten 400 Jahre angehörte. Nach seiner Niederlage im I. Weltkrieg wurden ein französisches Protektorat im Norden und ein britisches Protektorat im Süden eingerichtet. Während bzw. nach dem II. Weltkrieg erlangten die neuen Staaten Libanon (1943) sowie Syrien und Jordanien (je 1946) ihre Unabhängigkeit. In Folge der seit dem Ende des 19. Jh. verstärkten zionistischen Bestrebungen und den Erfahrungen des Holocaustes kam es 1948 zur Errichtung des Staates Israel. Völkerrechtlich umstritten ist der neue Staat Palästina in den palästinensischen Gebieten. Die neuere Geschichte aller dieser Staaten ist bis heute stark vom Nahostkonflikt geprägt.

HerkunftsbezeichnungBearbeiten

Der aus den romanischen Sprachen stammende Begriff bedeutet generell „Osten“, die Himmelsrichtung der aufgehenden Sonne und den östlichen Teil des Mittelmeerraums bezeichnend. Die Herkunftsbezeichnung Levantino bezeichnete jemanden aus der Levante, den Europa nächstgelegenen Teilen Vorderasiens einschließlich Griechenlands und Ägyptens. Als Levantiner galt bis zum 19. Jahrhundert auch, wer von gemischter, europäisch-orientalischer Abkunft war. Speziell wurden in der Levante geborene und erzogene Abkömmlinge von europäischen Männern und orientalischen Frauen so bezeichnet, gedanklich verbunden mit deren sozialökonomischer Sonderrolle in den Handelsstädten des Orients als Kaufleute und Vermittler zwischen dem Orient und Europa.[4][5] Im Osmanischen Reich waren „Levantiner“ als ethnokonfessionelle Gruppe greifbar, der Begriff bezeichnete die unter französischer Schutzherrschaft stehende Bevölkerungsgruppe der römisch-katholischen Christen im osmanischen Herrschaftsgebiet.[6] Im Italienischen und Sizilianischen beschreibt levantino bzw. livantinu bis heute auch abwertend oder despektierlich eine „Händlernatur“, einen leichtfertigen, doppelzüngigen oder gerissenen Menschen.[7]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Wilhelm Heyd: Geschichte des Levantehandels im Mittelalter. 2 Bände. Cotta, Stuttgart 1879.
  • James Weinstein: Levantine peoples (Iron Age). In: Kathryn A. Bard (Hrsg.): Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt. Routledge, London 1999, ISBN 0-415-18589-0, S. 442–45.
  • Michael Sommer (Hrsg.): Die Levante. Beiträge zur Historisierung des Nahostkonflikts. Arnold-Bergstraesser-Institut, Freiburg i. Br. 2001, ISBN 3-928597-31-0.
  • Dominique Trimbur (Hrsg.): Europäer in der Levante. Zwischen Politik, Wissenschaft und Religion (19.–20. Jahrhundert). Oldenbourg, München 2004, ISBN 3-486-57561-9 (= Pariser historische Studien, Bd. 53). Online auf perspectivia.net
  • Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (Hrsg.): Mittelmeer-Handbuch. Teil 5.: Levante, Schwarzes Meer und Asowsches Meer. 10. Auflage. BSH, Hamburg/Rostock 2004, ISBN 3-89871-051-3.
  • Jean-Pierre Thiollet: Je m’appelle Byblos. H & D, Paris 2005, ISBN 2-914266-04-9.
  • Jürgen E. Walkowitz: Quantensprünge der Archäologie. In: Varia neolithica 4, 2006, ISBN 3-937517-43-X.
  • Julia Chatzipanagioti: Griechenland, Zypern, Balkan und Levante. Eine kommentierte Bibliographie der Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts. Lumpeter & Lasel, Eutin 2006, ISBN 3-9810674-2-8.
  • Alfred Schlicht: Die Araber und Europa. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-019906-4.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Levante – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Levante – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Stichwort Levant im Online Etymological Dictionary (englisch).
  2. Stichwort levante in der Enciclopedia Treccani (italienisch).
  3. Der immense Stellenwert von Asch-Scham. In: Islamische Zeitung, 3. Januar 2007, abgerufen am 21. Juli 2018.
  4. Meyers Lexikon, Leipzig 1927, 7. Auflage, 7. Band, S. 912 f.
  5. Wolfgang Pfeifer u. a.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 3. Auflage. 1995, S. 769.
  6. Oliver Jens Schmitt: Levantiner. Lebenswelten und Identitäten einer ethnokonfessionellen Gruppe im Osmanischen Reich im „langen 19. Jahrhundert“ (Südosteuropäische Arbeiten, 122). Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2005.
  7. Stichwort Livantinu, in: Luigi Milanesi: Dizionario Etimologico della Lingua Siciliana. Band 2, Mnamon, Mailand 2015, ISBN 978-88-6949-089-7.