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Ahnenkult

ritueller Kult, bei dem tote Vorfahren verehrt werden
Ein Māori-Ahnentafel (poupou) aus Neu­seeland, einziges erhaltenes Objekt einer Südsee­reise von James Cook (Ethno­lo­gi­sche Sammlung der Universität Tübingen)

Ahnenkult oder Ahnenverehrung, auch Manismus genannt (von lateinisch manes „Geister der Verstorbenen“),[1] ist ein Kult vor allem von ethnischen Religionen, bei dem tote Vorfahren (Ahnen) verehrt werden, genauer: ihre weiterbestehenden Geister. Die Ahnen stehen entweder in direkter familiärer Linie oder waren Gründer oder Oberhaupt der Gruppe, der die Verehrenden angehören. Fast immer wird der Ahnenkult in Verbindung mit einer Opfergabe durchgeführt, beispielsweise einem Trank-, Speise-, Brand- oder Kleidungsopfer; in manchen Kulturen konnten auch Menschenopfer dazu gehören. Der Ahnenkult ist weltweit verbreitet, vor allem bei sesshaften und landwirtschaftenden Völkern – selten findet er sich bei Jägern und Sammlern (einige Aborigines-Stämme und afrikanische Religionen). Je nach Zeitalter und Kultur lassen sich mehr oder weniger unmittelbare Praktiken des Ahnenkults feststellen, dazu gehört auch die heute übliche Blumengabe an Grabstätten.

Die Verwandtschaftsgruppe umfasst die Angehörigen sowohl im Diesseits als auch im Jenseits, also alle lebenden und verstorbenen Mitglieder. Jede Verwandtschafts- und Kultgemeinde verehrt dabei Ahnen, die sie ausschließlich sich selbst zurechnet. Entsprechende Zeremonien sollen das Gefühl verstärken, dass die Ahnen mit und bei ihren Nachkommen leben (vergleiche Wir-Gefühl). Viele Religionen kennen Möglichkeiten, verehrte Ahnen symbolisch sichtbar zu machen, vor allem mit Ahnenfiguren, Ahnenmasken oder Gedenksteinen (vergleiche Menhire). Die Opfergabe für die Ahnen wird als eine regelmäßige Verpflichtung gesehen, um die Verbindung aufrecht zu halten. Die kultischen Zeremonien übertragen meist das diesseitige soziale Verhalten gegenüber den lebenden Ältesten auf die Ahnen, oft in Verbindung mit der Vorstellung, die Jenseitswelt sei die Fortsetzung oder die Spiegelung des Diesseits.

In Abgrenzung zum Totenkult werden beim Ahnenkult auch Vorfahren verehrt, die bereits lange tot sind, insbesondere die Gründerin oder den Gründer einer Abstammungsgruppe (Lineage) oder eines ganzen Familienzweiges. Darüber hinausgehend verehren große Familienverbände auch mythische Ahnen, die als Gründer beispielsweise eines Clans gelten (vergleiche mythische Stammmütter).

Inhaltsverzeichnis

Beispiele der FrühzeitBearbeiten

Die Bestattung im Wohnbereich ist insbesondere in protourbanen Großsiedlungen kein sicheres Indiz für einen Ahnenkult, da auch andere Beweggründe angenommen werden und der Ahnenkult primär den segmentären Gesellschaften der Jägerstufe zuzuordnen ist.

In den akeramischen (neolithischen) Siedlungen der Levante (z. B. Jericho) wurden die Schädel Verstorbener mit Gips übermodelliert und die Augen mit Muscheln imitiert. Die lebenden Vorbildern nachempfundenen Schädel wurden in bestimmten Ecken der Wohnräume aufgestellt bzw. unter dem Haus, aber auch in Höhlen vergraben (Nahal Hemar). Ein übermodellierter Kinderschädel aus Köşk Höyük spricht dagegen, diese Sitte als Ahnenkult anzusprechen. Auch aus anderen Siedlungen des PPNB sind zahlreiche Schädel junger Erwachsener bekannt.[2] In den frühen Schichten der neolithischen Ausgrabungsstätte Çatalhöyük (Zentraltürkei, ca. 5000 bis 2000 v. Chr.) bestatteten die Bewohner ihre Verstorbenen (oder nur Teile davon) direkt unter Plattformen, die als Schlafplätze angesehen werden.

Auf dem archäologischen Fundplatz Cladh Hallan, auf der Insel South Uist der Äußeren Hebriden, wurden Hinweise eines komplexen Ahnenkultes aus dem Übergang der Jungsteinzeit zur Bronzezeit nachgewiesen, wo Verstorbene zunächst in einem Moor konserviert, danach zum Teil über mehrere Jahrhunderte in Häusern aufgestellt und schließlich unter den Fußböden der Häuser bestattet wurden.[3]

Dieser nächstmögliche Kontakt mit der eigenen Herkunft löste sich im Laufe der kulturellen Entwicklung immer weiter und nahm abstraktere, wesentlich aufwändigere Formen an – bis hin zu endlosen königlichen Ahnenreihen, aufgezeichnet von ägyptischen Priestern und von ihnen mit komplizierten Riten und jährlichen Feiern versehen, die große Mengen an Opfertieren und -gaben verlangten (siehe auch: Herkunftssage).

So auch die Hellenen, deren Ahnenreihen von größter Wichtigkeit für den sozialen Status der Familie waren. Hier fanden ebenfalls regelmäßige Kultdienste für die Toten statt.

In den indianischen Kulturen von Alaska bis Mittelamerika war es üblich, die eigene Herkunft über ein bestimmtes Totem, das heißt ein heiliges Tier oder eine heilige Pflanze zu definieren, man konnte beispielsweise vom „großen Adler“ abstammen.

Ahnenkulte in verschiedenen KulturenBearbeiten

AfrikaBearbeiten

In Subsahara-Afrika besteht eine lange Tradition, die Ahnen in das spirituelle Gemeinschaftsleben miteinzubeziehen. Diese Ahnenverehrung hat mindestens so viele Ausprägungen wie es afrikanische Ethnien gibt, sodass wenig allgemeingültige Aussagen möglich sind. Dort, wo Christentum oder Islam Wurzeln gefasst haben, unternehmen Gläubige oft den Versuch, die althergebrachte Ahnenverehrung in den angenommenen Glauben zu integrieren, damit sie nicht durch den neueren Glauben von ihren Ahnen abgeschnitten werden. Es werden unterschiedliche synkretistische Ansätze verfolgt, die zur Veränderung beider Kultpraktiken führen. Dieser Volksglauben wird teilweise geduldet, andernorts auch als Häresie bekämpft.

ChinaBearbeiten

In China ist und war die familiäre rituelle Ahnenverehrung Hauptbestandteil der Volksreligion und ein fest integrierter Teil des Alltags. In älteren Zeiten gab es (und gibt es manchmal noch heute) einen Hausaltar, um die Ahnen zu verehren, und bis heute gibt es ein Totengedenk-Fest – das Qingming-Fest (qingming jie 清明節). Ahnenverehrung hat eine lange Geschichte und Tradition, die einen großen Einfluss auf die gesamte chinesische Gesellschaft hatte. Die Tradition beginnt ab der Shang-Periode (ca. 1600–1045 v. Chr.), die nach der ersten zeitgenössisch verbürgten Dynastie in China benannt ist. Zu dieser Zeit wurde die Gesellschaft als ein Bündnis der Verstorbenen und der Lebenden betrachtet, deswegen war Ahnenverehrung ein natürlicher Teil des alltäglichen Lebens.[4] Einerseits war Di 帝 für die Menschen der Shang-Zeit gleichzeitig ein Ahne des Shang-Herrschers und die Hauptgottheit; andererseits wurden aber auch Naturgeister verehrt.[5] Ihnen und den Seelen der Ahnen wurden Opfergaben dargebracht, die in harmonischer Verbindung zueinander standen. Informationen über die Shang-Periode bekommen die Wissenschaftler durch Texte auf erhalten gebliebenen, sogenannten Orakelknochen. Diese Texte erzählen von Ahnenverehrung durch Adelsfamilien und Herrscher. Während dieser Periode hatten Ahnenverehrung und Ahnenopfer eine wichtige Funktion, um die Gesellschaftsordnung zu wahren und die Macht des Herrschers zu legitimieren. Außerdem haben die Menschen die Verstorben um Rat und Schutz gebeten.[6] Am Ende der Shang-Periode, wurden die Rituale auch mit Hilfe von zeremoniellen Bronzegefäßen, in die Inschriften mit eingegossen wurden, durchgeführt. Außerdem wurden die Gefäße für die Opferspeisen der Ahnen benutzt.[7]

Während der Zhou-Periode (ca. 1045–256 v. Chr.) war die Ahnenverehrung auch ein wichtiger Teil des sozialen Lebens. Opfergaben hatten eine regulierende Funktion in der Gesellschaft. Die Menschen der Zhou-Periode betrachteten Houji 后稷 als Urahnen.[8] Zu dieser Zeit wurde Rituale der Ahnenverehrung auch mit Hilfe der ritualen Gefäße durchgeführt. Diese Rituale waren eine „Brücke“ zwischen den Welten der Lebenden und der Verstorbenen. Während der West-Zhou-Periode (ca. 1045 – 770 v. Chr.) wurde Ahnenverehrung in erster Linie durch lineage worship (Verehrung der eigenen Vorfahren) betrieben. Aber während der Ost-Zhou-Periode (ca. 770 – 256 v. Chr.), änderte sich diese lineage worship zu einer abstrakten Verehrung der aller Ahnen und der Naturmächte, die einen saisonalen Charakter trugen.[9] Im Laufe der folgenden chinesischen Geschichte, veränderte und erweiterte sich der Ahnenkult. Der Tod wird als eine Art Schlaf gesehen, aus dem der Mensch wieder erwachen kann. Deshalb gibt es das Ritual, die Seele des Toten herbeizurufen, dem Gegenstände des Alltags und Nahrung angeboten werden. Im Altertum glaubte man, dass die Seelen der Verstorbenen das gleiche Leben, das sie im Reich der Lebenden gelebt hatten, nach dem Tod weiterführen würden. Deswegen wurden viele Gegenstände in die Gräber gelegt, die den Verstorbenen nach dem Tod helfen sollten, dieses Leben weiterzuführen. Als ein gutes Beispiel dienen die weltberühmten Han-Gräber von Mawangdui in der Provinz Hunan, die besonders reich an Grabbeigaben waren.[10] Während dieser Han-Periode (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) kam der Buddhismus nach China und brachte eigene Vorstellungen des Lebens nach dem Tode mit. Buddhistische Konzeptionen der Reinkarnation und des postmortalen Lebens wurden von Chinesen übernommen und verändert, und dem Ahnenkult angepasst.[11]

In der späten Kaiser-Zeit standen die Namen der toten Ahnen auf hölzernen Tafeln in der Ahnenhalle oder auf dem Hausaltar. Ihnen wurden Opfer dargebracht und vor ihnen wurden wichtige Familienangelegenheiten (z. B. Hochzeiten) entschieden. Die Hinterbliebenen konnten mit ihren Ahnen entweder durch Opfer oder durch Orakel in Verbindung treten. Diese Rituale durften nur von Männern durchgeführt werden. Deshalb ist es einer Ahnenverehrung praktizierenden Familie wichtig, dass sie einen männlichen Nachkommen hatte. Teil der Ahnenverehrung war es auch, die eigenen sowie die kaiserlichen Ahnen mit einem Namenstabu zu belegen; diese kulturelle Vorschrift wurde bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts befolgt.

Weitere BeispieleBearbeiten

In manchen Kulturen Neuguineas wird der ursprüngliche, unmittelbare Ahnenkult heute immer noch praktiziert: Viele der Einheimischen benutzen die Schädel ihrer Ahnen als Schlaf-Kopfstütze. Der rituelle Verzehr der Asche des Toten stellt seine ultimative Rettung vor dem Verschwinden (Vergessen) dar und sein vollständiges Aufgehen in der Gemeinschaft der Lebenden.

Aus der evangelisch-reformierten Lebensweise hat sich der Ahnenkult bis auf sporadische Besuche auf dem Friedhof verabschiedet – wenn ein „Kontakt“ mit dem Verstorbenen überhaupt gewünscht ist, findet er rein geistig, also von außen nicht bemerkbar, statt. Katholische Gläubige zünden ab und zu eine Kerze für ihre Toten an (Brandopfer).

Doch darf dabei nicht übersehen werden, dass auch in Deutschland nicht wenige Familien eine unkirchliche Form der Verehrung von Vorfahren kennen, die durchaus ihre Riten hat; in Adelsfamilien lässt es sich empirisch leichter beobachten.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Hans Bonnet: Ahnenkult. In: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. 3. unveränderte Auflage. Nikol, Hamburg 2000, ISBN 3-937872-08-6, S. 9–11.

WeblinksBearbeiten

  Wiktionary: Ahnenkult – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Manismus ist nach dem deutscher Ethnologen Leo Frobenius (1873–1938) jener Teil des Animismus, der sich mit dem Einfluss und den Einwirkungen der Verstorbenen auf das tägliche Leben und das Schicksal der Hinterbliebenen befasst. Einwirkungen sieht der Naturmensch kraft seiner animistischen Vorstellungen in allen vom Gewohnten abweichenden Ereignissen und auffallenden Absonderlichkeiten, die er demgemäß ohne weiteres der übermächtigen Kraft der ihn unausgesetzt umschwebenden Seelen der Abgeschiedenen zuschreibt. Die Folge dieser Anschauungen ist der Ahnenkult.
  2. Michelle Bonogofsky, A bioarchaeological study of plastered skulls from Anatolia: new discoveries and interpretations. International Journal of Osteoarchaeology 15, 2005, 132, doi:10.1002/oa.749
  3. Jayd Hanna, Abigail S. Bouwman, Keri A. Brown, Mike Parker Pearson, Trence A. Brown: Ancient DNA typing shows that a Bronze Age mummy is a composite of different skeletons. In: Journal of Archaeological Science. Nr. 39, 2012, S. 2774–2779, doi:10.1016/j.jas.2012.04.030 (englisch).
  4. David N. Keightley: The Making of the Ancestors: Late Shang Religion and Its Legacy. In: John Lagerwey (Hrsg.): Religion and Chinese Society. 2 vols., The Chinese UP, Hong Kong 2004, S. 4
  5. Howard Smith: Chinese religion in the Shang Dynasty. In: International Review for the History of Religions 8 (2) 1961, S. 142–150, hier S. 146.
  6. Keightley 2004, S. 11.
  7. Mu-chou Poo: In Search of Personal Welfare: A View of Ancient Chinese Religion. State University of New York Press, Albany 1998, S. 24.
  8. Constance A. Cook: Ancestor worship during the Eastern Zhou. In: Handbook of Oriental Studies. Early Chinese Religion. Brill, Leiden 2009, S. 237.
  9. Cook 2009, S. 238–240.
  10. Guolong Lai: Death and the Otherworldly Journey in Early China as Seen through Tomb Texts, Travel Paraphernalia, and Road Rituals. In: Asia Major, 18, 1.2005, S. 4.
  11. Stephen R. Bokenkamp: Ancestors and Anxiety. Daoism and the Birth of Rebirth in China. University of California Press, Berkeley 2007, S. 7.