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Die Choquet-Theorie (nach Gustave Choquet) ist eine mathematische Theorie aus dem Teilgebiet der Funktionalanalysis. Sie präzisiert die Vorstellung, dass die Punkte einer kompakten, konvexen Menge eines lokalkonvexen Raumes als „Mittelung“ über die Menge der Extremalpunkte dieser Menge dargestellt werden können.

Inhaltsverzeichnis

Der endlichdimensionale FallBearbeiten

Ist   eine kompakte, konvexe Menge eines  -dimensionalen reellen Vektorraums, so kann man jeden Punkt   aus   nach dem Satz von Minkowski als Konvexkombination von   Extremalpunkten   darstellen, etwa  . Bezeichnet   das Einpunktmaß in  , so folgt für jede affine Abbildung  

 ,

wobei   für die Menge der Extremalpunkte stehe. Das erste Gleichheitszeichen folgt aus der angegebenen Konvexkombination für   und der Affinität von  , das zweite ist klar, da die rechte Seite nur eine maßtheoretische Schreibweise der linken Summe ist. In diesem Sinne kann also jeder Punkt aus   als Mittelung bezüglich eines auf der Menge der Extremalpunkte konzentrierten Wahrscheinlichkeitsmaßes dargestellt werden. Die Choquet-Theorie beschäftigt sich mit unendlichdimensionalen Verallgemeinerungen dieses Sachverhaltes.

Allgemeine SituationBearbeiten

Es sei   eine kompakte, konvexe Menge eines lokalkonvexen Raums. Dann ist  , der Abschluss der Menge der Extremalpunkte von  , ebenfalls kompakt.

Es sei   der Raum aller stetigen, affinen Abbildungen auf   mit Werten in den reellen Zahlen. Die Restriktionsabbildung   in die Algebra der stetigen Funktionen ist isometrisch, wie leicht aus dem Satz von Krein-Milman folgt, denn   ist eine abgeschlossene Seite, die ihrerseits Extremalpunkte von   enthalten muss.   kann in diesem Sinne als Teilraum von   aufgefasst werden.

Sei nun   ein Punkt, den wir über die Menge der Extremalpunkte „mitteln“ wollen. Die Abbildung   ist ein positives, stetiges, lineares Funktional auf   mit Norm 1 und kann nach dem Satz von Hahn-Banach normgleich zu einem stetigen linearen Funktional nach   fortgesetzt werden. Nach dem Darstellungssatz von Riesz-Markow gibt es daher ein reguläres Borelmaß auf  , so dass folgende Formel gilt:

 

Das notiert man auch kurz als

 ,

was aber nichts anderes als die vorangegangene Formel bedeuten soll. Man sagt in diesem Fall, der Punkt   sei durch das Maß   dargestellt. In diesem Sinne liefert der Satz von Krein-Milman für einen Punkt   also eine Art Mittelung über  , der Punkt   ergibt sich als Integral nach einem Maß auf dem Abschluss der Menge der Extremalpunkte.

In vielen unendlichdimensionalen Fällen ist der Abschluss der Menge aller Extremalpunkte gleich der kompakten, konvexen Menge selbst, so dass obige Aussage uninteressant wird, da man als Maß dann das Einpunktmaß in   nehmen kann. Es wäre daher besser, wenn man wie im endlichdimensionalen Fall auf die Abschlussbildung verzichten könnte, aber die Menge der Extremalpunkte ist im Allgemeinen keine Borelmenge[1], so dass man nicht von Borelmaßen auf dieser Menge sprechen kann. Ist die kompakte konvexe Menge aber sogar metrisierbar, so tritt dieser Fall nicht auf, und der Satz von Choquet liefert eine Darstellung der gewünschten Art. Im nicht-metrisierbaren Fall muss man wegen der fehlenden Messbarkeit anders formulieren und kommt zum Satz von Bishop-de Leeuw.

Satz von ChoquetBearbeiten

Ist die kompakte, konvexe Menge metrisierbar, so liegen die oben erwähnten Messbarkeitsprobleme nicht vor, denn dann ist die Menge der Extremalpunkte eine Gδ-Menge und daher Borel-messbar.[2]

  • Satz von Choquet[3] (1956) : Sei   eine metrisierbare, kompakte, konvexe Menge eines lokalkonvexen Raums und  . Dann gibt es ein Wahrscheinlichkeitsmaß   mit Träger in  , das den Punkt   darstellt.

Satz von Bishop-de LeeuwBearbeiten

Wenn die kompakte, konvexe Menge nicht metrisierbar ist, so kann es vorkommen, dass die Menge der Extremalpunkte nicht messbar ist, und die Aussage, ein Maß habe Träger in der Menge der Extremalpunkte, hat keinen Sinn. Man könnte diese Bedingung abschwächen, indem man fordert, dass das Maß auf jeder Borelmenge, die mit der Menge der Extremalpunkte einen leeren Schnitt hat, verschwindet. Aber selbst das erweist sich als nicht ausreichend, man muss zusätzlich die betrachteten Borelmengen reduzieren.

Unter dem baireschen σ-Ring, benannt nach R. L. Baire, versteht man den von allen kompakten Gδ-Mengen erzeugten σ-Ring. Die Elemente dieses  -Ringes heißen auch Baire-Mengen.

  • Satz von Bishop-de Leeuw[4] (1959): Sei   eine kompakte, konvexe Menge eines lokalkonvexen Raums und  . Dann gibt es ein Wahrscheinlichkeitsmaß   auf  , das auf jeder zur Menge der Extremalpunkte disjunkten Baire-Menge verschwindet und den Punkt   darstellt.

BemerkungenBearbeiten

Der Satz von Bishop-de Leeuw, der auch manchmal Satz von Choquet-Bishop-de Leeuw genannt wird, ist eine echte Verallgemeinerung des Satzes von Choquet, denn in einem kompakten, metrisierbaren Raum ist jede abgeschlossene Menge eine kompakte  -Menge.

Der Satz von Bishop-de Leeuw verschärft den Satz von Krein-Milman, denn letzterer lässt sich leicht aus ersterem zurückgewinnen. Ist   Punkt einer kompakten, konvexen Menge, so hat ein darstellendes Maß aus dem Satz von Bishop-de Leeuw offenbar den Träger im Abschluss der Menge der Extremalpunkte. Indem man das Maß durch diskrete Maße approximiert, sieht man, dass   im Abschluss der konvexen Hülle von   liegt, woraus sich nun leicht der Satz von Krein-Milman ableiten lässt.

Die hier vorgestellten Sätze haben Anwendungen in der Theorie der Banachalgebren, was dann zum Begriff des Choquet-Randes führt, und auch in anderen Bereichen der Funktionalanalysis. Für weiterführende Einzelheiten wird auf das unten angegebene Lehrbuch von R.R. Phelps verwiesen.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. E. Bishop, K. de Leeuw: The representation of linear functionals by measures on sets of extreme points, Ann. Inst. Fourier (Grenoble) 1959, Band 9, Seiten 305–331, siehe Seite 327
  2. R. R. Phelps: Lectures on Choquet's Theorem, van Nostrand (1966), Proposition 1.3
  3. R. R. Phelps: Lectures on Choquet's Theorem, van Nostrand (1966), Theorem im Kapitel 3
  4. R. R. Phelps: Lectures on Choquet's Theorem, van Nostrand (1966), Theorem im Kapitel 4