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Die UCI-Straßen-Weltmeisterschaften 1960 fanden am 13. und 14. August auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal statt. Es waren die 27. Weltmeisterschaften im Straßenradsport und die einzigen in der Geschichte des Radsports, die in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ausgetragen wurden. Den Weltmeistertitel der Profis gewann der Belgier Rik Van Looy, bei den Amateuren siegte Bernhard Eckstein aus der DDR und bei den Frauen die britische Starterin Beryl Burton. Zuvor waren die Bahn-Weltmeisterschaften auf den Alfred-Rosch-Kampfbahn in Leipzig und Karl-Marx-Stadt ausgetragen worden.

Die Weltmeisterschaften waren bereits im Vorfeld durch Bemühungen der DDR-Staatsführung geprägt, sowohl die Ausrichtung selbst als auch mögliche Erfolge von DDR-Sportlern propagandistisch zu nutzen. Durch den überraschenden Sieg von Bernhard Eckstein im Einzelrennen der Amateure, der auf einem taktischen Verzicht seines Mannschaftskameraden und Titelverteidigers Gustav-Adolf Schur beruhte, wurde die WM zu einem der denkwürdigsten Sportereignisse, die je in der DDR stattfanden.

VorgeschichteBearbeiten

 
DDR-Briefmarke zur Straßen-Radweltmeisterschaft 1960

Die Vergabe der Weltmeisterschaften an die DDR durch den internationalen Radsport-Verband UCI war aus politischen Gründen nicht unumstritten. Widerstand gegen die Entscheidung kam insbesondere von sportpolitischen Institutionen sowie von einigen Massenmedien der Bundesrepublik Deutschland, da von deren Seite ein Imagegewinn für die DDR befürchtet wurde. Andererseits akzeptierte die DDR-Staatsführung zugunsten des zu erwartenden Propagandanutzens der Veranstaltung die Austragung von Profiwettkämpfen, obwohl dies der Sportsdoktrin der DDR widersprach. Dem Präsidenten der UCI, dem Italiener Adriano Rodoni, wurde mit der Eröffnung der WM der Vaterländische Verdienstorden in Silber verliehen.

Sowohl die Radsport-Fans in der DDR als auch die Partei- und Staatsführung erwarteten für das Rennen der Amateure die Titelverteidigung und damit den dritten Gewinn in Folge durch den populären Fahrer Gustav Adolf Schur, genannt „Täve“. Im selben Jahr hatte er zwei Etappen der Friedensfahrt sowie zum vierten Mal in Folge die DDR-Meisterschaft für sich entscheiden können, die DDR-Mannschaft hatte zudem die Mannschaftswertung der Friedensfahrt vor der belgischen Mannschaft gewonnen. Die Zeitungen in der DDR berichteten dementsprechend im Vorfeld mit Sonderseiten und Beilagen. Zum Rennen selbst wurden bis zu 500.000 Zuschauer erwartet. Zur Bewältigung des Ansturms zum Sachsenring wurden dutzende Sonderzüge der Deutschen Reichsbahn eingesetzt.

Amateur-RennenBearbeiten

 
Neuer Weltmeister:
Bernhard Eckstein (DDR)

Das Amateur-Rennen am 13. August 1960 führte über den 8,7 Kilometer langen Rundkurs des Sachsenrings, der 20-mal zu absolvieren war, so dass sich eine Gesamtdistanz von 174,62 Kilometern ergab. Das Rennen begann bei regnerischem Wetter, was sich auch auf die Zahl der Zuschauer auswirkte. Die Angaben dazu schwanken zwischen 150.000 und 300.000 Besuchern unmittelbar an der Strecke.

Im Rennverlauf setzten sich zunächst der Italiener Enzo Cerbini und Bernhard Eckstein vom Hauptfeld ab. Sechs weitere Fahrer, unter ihnen Livio Trapè aus Italien und der Belgier Willy Vanden Berghen, nahmen die Verfolgung des Spitzenduos auf. Die so entstandene achtköpfige Ausreißergruppe lag drei Runden vor Ende des Rennens rund 90 Sekunden vor dem Hauptfeld mit Titelverteidiger Gustav Adolf Schur. In der drittletzten Runde erhöhte Schur das Tempo, wodurch sich der Vorsprung der Spitzengruppe auf rund 30 Sekunden reduzierte. Durch eine weitere Tempoverschärfung gelang es Schur, sich allein der Gruppe zu nähern.

In der vorletzten Runde erreichte er schließlich die führenden Fahrer, von denen sich kurz vorher jedoch Willy Vanden Berghen allein abgesetzt hatte und zum Beginn der letzten Runde einen Vorsprung von rund 30 Sekunden erreichte. Aus der Verfolgergruppe versuchten nun nur noch Schur und Eckstein, den Belgier einzuholen. Dies gelang ihnen am Badberg, einem steilen Anstieg rund vier Kilometer vor dem Ziel. Kurz danach setzte sich Eckstein allein aus der Dreiergruppe ab. Vanden Berghen zögerte und blieb bei Schur, da er davon ausging, dass sich Eckstein als Helfer von Schur dessen drittem Sieg unterordnen würde. Schur nahm die Verfolgung von Eckstein hingegen nicht auf und bremste damit den Belgier aus, der weiterhin bei ihm blieb. Dieser bemerkte zu spät, dass der Titelverteidiger keinen Versuch unternahm, seinen Mannschaftskameraden noch einzuholen. Eckstein gewann durch diesen Verzicht das Rennen mit sieben Sekunden Vorsprung vor Schur, der den Sprint gegen den Belgier für sich entschied.

Vanden Berghen selbst äußerte sich einige Jahre später positiv über den Sportsgeist Gustav Adolf Schurs. Egon Adler als 9. machte das positive Gesamtergebnis der DDR-Mannschaft komplett, Günter Lörke, Lothar Höhne und Erich Hagen landeten auf den Plätzen 26, 34 und 50. Die Fahrer des Bundes Deutscher Radfahrer konnten sich nicht unter den 30 besten Aktiven platzieren.

Profi-RennenBearbeiten

Das Profi-Rennen fand am 14. August 1960 ebenfalls auf dem Sachsenring statt und führte in 32 Runden über eine Distanz von 279,3 Kilometer. Von den 67 gestarteten Sportlern erreichten 32 die Wertung. Sieger wurde mit einer Zeit von sieben Stunden, 47 Minuten und 27 Sekunden der Belgier Rik Van Looy, der den Spurt aus dem geschlossen ins Ziel kommenden Hauptfeld vor dem Franzosen André Darrigade und Pino Cerami aus Belgien gewann. Das Fahrerfeld war zuvor lange Zeit geschlossen gefahren, lediglich die französischen Fahrer starteten immer wieder Ausreißversuche. Diese verpufften aber immer wieder, da die Belgier das Feld unter Kontrolle hielten. Nachdem sich in der vorletzten Runde eine 18-köpfige Gruppe abgesetzt hatte, übernahmen die Belgier auf den letzten Kilometern die Spitze, Pino Cerami machte für Van Loy die Pace, der kurz vor dem Ziel unwiderstehlich davon zog. Als bester Deutscher kam Hennes Junkermann auf Platz 6. Als zweiter Deutscher landete Lothar Friedrich auf dem 26. Rang, die weiteren sechs deutschen Teilnehmer gaben vorzeitig auf.

Frauen-WMBearbeiten

 
Starterliste der Frauen

Zur 3. Straßenweltmeisterschaft der Frauen war Teilnehmerinnen aus sieben Ländern gemeldet worden, unter ihnen auch die Titelträgerin des Vorjahres Yvonne Reynders. Am 13. August hatte das Fahrerinnenfeld auf dem Sachsenring bei sieben Runden eine Distanz von 61 km zu bewältigen. Nach einer Stunde, 54 Minuten und 39 Sekunden und einer Alleinfahrt siegte die Britin Beryl Burton mit über drei Minuten Vorsprung vor der belgischen Starterin Rosa Sels und Elisabeth Kleinhans aus der DDR. Für Beryl Burton war es dabei der zweite Titel bei dieser Weltmeisterschaft neben dem Sieg über 3.000 Meter Einerverfolgung bei den ebenfalls ausgetragenen WM-Wettbewerben im Bahnradsport. Mit Karin Hänsel (6.) und Renate Krämer (10.) konnte der DDR-Radsportverband auch bei den Frauen ein gutes Ergebnis erzielen. Der Bund Deutscher Radfahrer hatte keine Fahrerinnen ins Rennen geschickt.

Propaganda und LegendeBearbeiten

Sowohl die Begeisterung der Sportfans in der DDR über den Doppelsieg von Bernhard Eckstein und Gustav Adolf Schur, seinerzeit der populärste DDR-Sportler überhaupt, als auch die propagandistische Verwertung des Ergebnisses trugen dazu bei, dass das Rennen in den Sportannalen der DDR einen legendären Status erreichte. Das Verhalten des Mannschaftskapitäns wurde in der DDR-Presse mit Schlagzeilen wie „Schur schenkt Eckstein den Titel! Unser Weltmeister verzichtet für seinen Freund auf den Sieg!“ als selbstlose Entscheidung zugunsten seines Freundes Eckstein dargestellt. Schur, der als Sieger der letzten beiden WM-Austragungen als Top-Favorit gehandelt worden war, wurde noch vor Sieger Eckstein zum eigentlichen Helden des Rennens hochstilisiert, der Ausgang wurde unter anderem als „taktisch großartigste Leistung in der bisherigen Geschichte des Radsports“ (Leipziger Volkszeitung vom 14. August 1960) beschrieben. Das Ergebnis, das als Sensation und Triumph angesehen wurde, galt als Sieg des „sozialistischen Kollektivgeistes“ und als Beleg für die Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftssystems. Der bis dato siebenfache „DDR-Sportler des Jahres“ Täve Schur wurde endgültig zur Legende und gewann folgerichtig auch in diesem Jahr die Sportlerumfrage.

ErgebnisseBearbeiten

Amateure – 174,62 km
Platz Name Land Zeit
01 Bernhard Eckstein Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR 4:43:31 h
02 Gustav-Adolf Schur Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR + 0:17 min
03 Willy Vanden Berghen Belgien  BEL + 0:17 min
04 Juri Melichow Sowjetunion 1955  URS alle
+ 0:22 min
05 Jewgeni Klewzow Sowjetunion 1955  URS
06 Roland Lacombe Frankreich  FRA
07 Jacques Simon Frankreich  FRA
08 Kurt Postl Osterreich  AUT
09 Egon Adler Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR
10 Renzo Cerbini Italien  ITA
11 Ben Mohamed Marokko  MAR
12 Raymond Reaux Frankreich  FRA
13 Stanisław Gazda Polen 1944  POL
14 Alexander Petrow Sowjetunion 1955  URS
15 Gilbert Maes Belgien  BEL
16 Thomas Laidlaw Vereinigtes Konigreich  GBR
17 William Bradley Vereinigtes Konigreich  GBR
18 Francisek Kosela Polen 1944  POL
19 Anton Ruiner Osterreich  AUT
20 Erwin Jaisli Schweiz  SUI
21 Livio Trapè Italien  ITA
22 Jan Kudra Polen 1944  POL
23 Jaques Gestraud Frankreich  FRA
24 Cornelius Lotz Niederlande  NED
25 Herman Schmiediger Schweiz  SUI
26 Günter Lörke Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR
27 AlexanderPawlow Sowjetunion 1955  URS
28 Roger Thull Luxemburg  LUX
29 Viktor Kapitanow Sowjetunion 1955  URS
30 Gainan Saidchushin Sowjetunion 1955  URS
0
34 Lothar Höhne Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR
50 Erich Hagen Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR
Profis – 279,3 km
Platz Land Name Zeit
01 Rik Van Looy Belgien  BEL 7:47:27 h
02 André Darrigade Frankreich  FRA + 0 min
03 Pino Cerami Belgien  BEL + 0 min
04 Imerio Massignan Italien  ITA alle
+ 0 min
05 Raymond Poulidor Frankreich  FRA
06 Hennes Junkermann Deutschland  GER
07 Charly Gaul Luxemburg  LUX
08 Piet Damen Niederlande  NED
09 Jacques Anquetil Frankreich  FRA
10 Brian Robinson Vereinigtes Konigreich  GBR
11 Jef Planckaert Belgien  BEL
12 Raymond Mastrotto Frankreich  FRA
13 Graziano Battistini Italien  ITA
14 Jean Stablinski Frankreich  FRA
15 Frans De Mulder Belgien  BEL
16 Henry Anglade Frankreich  FRA
17 Seamus Elliott Irland  IRL
18 Frans Aerenhouts Belgien  BEL + 0:18 min
19 Emile Daems Belgien  BEL + 0:22 min
20 Nino Defilippis Italien  ITA + 0:22 min
21 Piet Rentmeester Niederlande  NED + 0:44 min
22 Ab Geldermans Niederlande  NED + 0:44 min
23 Fernando Manzaneque Sánchez Spanien 1945  ESP alle
+ 0:51 min
24 Miguel Poblet Spanien 1945  ESP
25 Gastone Nencini Italien  ITA
26 Lothar Friedrich Deutschland  GER
27 Marcel Rohrbach Frankreich  FRA alle
+ 0:57 min
28 Jan Adriaensens Belgien  BEL
29 René Strehler Schweiz  SUI
30 Jean Graczyk Frankreich  FRA
Frauen – 61 km
Platz Name Land Zeit
01 Beryl Burton Vereinigtes Konigreich  GBR 1:54:39 h
02 Rosa Sels Belgien  BEL + 3:39 min
03 Elisabeth Kleinhans Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR + 3:39 min
04 Vera Gorbatschewa Sowjetunion 1955  URS alle
+ 3:39 min
05 Marie-Thérèse Naessens Belgien  BEL
06 Karin Hänsel Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR
07 Yvonne Reynders Belgien  BEL
08 Lyli Herse Frankreich  FRA
09 Maria Lukschina Sowjetunion 1955  URS
10 Renate Krämer Deutschland Demokratische Republik 1949  GDR
11 Elsy Jacobs Luxemburg  LUX
0
15 Renée Vissac Frankreich  FRA
20 Andrée Vaudel Frankreich  FRA

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten