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Sergey Lagodinsky

deutscher Rechtsanwalt, Publizist und Politiker (Bündnis 90/Die Grünen), MdEP

LebenBearbeiten

Lagodinsky, geboren 1975 in Astrachan an der Wolga in der damaligen Sowjetunion, zog mit seiner Familie Ende 1993 nach Deutschland. Lagodinsky studierte Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen sowie Public Administration an der Harvard University. Er promovierte im Bereich Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und war Fellow am Global Public Policy Institute und bei der Stiftung Neue Verantwortung.

Publizistisch arbeitet er für mehrere Zeitungen und Rundfunkanstalten wie Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk und Deutsche Welle. Ebenso kommentierte er für den BBC World Service sowie RTVi, für Radio Liberty und N24 und veröffentlichte Gastbeiträge unter anderem für den Tagesspiegel, die Süddeutsche Zeitung sowie für Die Welt, die Financial Times Deutschland und das Handelsblatt.[2] Von September 2003 bis Februar 2006 war Lagodinsky Direktor des Berliner Büro des American Jewish Committee. Seit 2008 war Lagodinsky Präsidiumsmitglied der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.[3] Seit 2016 ist er Mitglied der Repräsentantenversammlung.[4]

PolitikBearbeiten

Vorstellungsvideo von Sergey Lagodinsky der Heinrich-Böll-Stiftung/Green European Foundation

Seit 2001 war Lagodinsky Mitglied der SPD.[5] Er gründete den Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten und beteiligte sich am Bundesarbeitskreis der Integration und Migration beim Bundesvorstand der SPD.[6] Nach der Einstellung des Parteiordnungsverfahrens gegen Thilo Sarrazin beendete er 2011 seine Parteimitgliedschaft[7] und veröffentlichte einen Offenen Brief an die Generalsekretärin Andrea Nahles, in dem er seinen Austritt mit der Ängstlichkeit und Unentschlossenheit der Partei begründete.[8] Kurze Zeit später trat er Bündnis 90/Die Grünen bei.[9] Seit April 2012 ist Lagodinsky Leiter des Referats Europäische Union / Nordamerika der Heinrich-Böll-Stiftung.[10]

Im November 2018 kandidierte Lagodinsky auf der Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen für die Europawahlliste, die Delegierten nominierten ihn für den 12. Listenplatz.[11][12] Seine Partei gewann bei der Europawahl mit 20,5 Prozent der Stimmen 21 der 96 deutschen Mandate, sodass Lagodinsky direkt einzog. Er trat der Fraktion Die Grünen/EFA bei, für die Fraktion ist er Mitglied im Rechtsausschuss, zu dessen stellvertretendem Vorsitzenden er gewählt wurde. Des Weiteren ist er stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten sowie im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres.[13]

Publizistische Stellungnahmen und KontroversenBearbeiten

 
Sergey Lagodisnky (2014)

Lagodinsky beteiligt sich seit Jahren an der Diskussion um Integration von Migranten[14] und schildert dabei auch autobiografische Einsichten zum Thema der Identität als jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.[15][16]

Sergey Lagodinsky stellte sich in der Diskussion um den Bau der Kölner Moschee gegen Ralph Giordano und setzte sich für den Bau repräsentativer muslimischer Gotteshäuser in Deutschland ein.[17] Er kritisierte scharf die Absetzung des Leiters des Zentrums für Türkeistudien Faruk Şen und sprach sich gegen eine Tabuisierung des Vergleichs von türkischen und jüdischen Diskriminierungserfahrungen aus.[18] In der Diskussion um die Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Islamophobie vertritt er die Ansicht, dass vergleichende Analysen beider Phänomene von großem Nutzen sein können.[19]

Außenpolitisch hat Lagodinsky u. a. zu den Fragen des deutsch-israelischen Verhältnisses,[20] der transatlantischen Beziehungen[21] und zu EU-Fragen[22] Stellung bezogen. Im Jahre 2009 lieferte er sich eine kontroverse Auseinandersetzung mit Klaus Harpprecht auf den Seiten der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte zum Stellenwert der deutsch-israelischen Beziehungen.[23]

Im Jahre 2006 forderte Lagodinsky in der Süddeutschen Zeitung vom Zentralrat der Juden in Deutschland eine institutionelle Anerkennung der kulturellen und religiösen Vielfalt des gegenwärtigen jüdischen Lebens in Deutschland.[24] Nach der Lancierung der Information über Charlotte Knoblochs Rücktritt im Jahr 2010 bezeichnete er die Kampagne innerhalb des Zentralrates der Juden gegen die damalige Präsidentin als „würdelos“.[25]

Im Februar 2011 kam es zu einer offenen Auseinandersetzung zwischen Henryk M. Broder und Lagodinsky bezüglich der Erinnerungsarbeit zum Widerstand in der Rosenstraße. Broder warf Lagodinsky vor, durch seine Zusammenarbeit mit Irene Runge und Mario Offenberg, die Broder als DDR-Kollaborateure und „schäbige Trittbrettfahrer der Geschichte“ bezeichnete, das Ansinnen der Gedenkveranstaltung, Zivilcourage in totalitären Regimen zu ehren, zu konterkarieren.[26] Lagodinsky antwortete, für ihn stehe die Arbeit mit Menschen im Mittelpunkt, auch mit solchen, die in der Vergangenheit Fehler begangen hätten.[27] Auch Lagodinskys Plädoyer für eine Beteiligung Deutschlands an der Durban-Review-Konferenz 2009 in Genf, die von diversen westlichen Staaten boykottiert wurde,[28] führte zu einer weiteren Auseinandersetzung mit Broder.[29]

AuszeichnungenBearbeiten

1998 wurde Lagodinsky mit dem Theodor-Fontane-Preis der Studienstiftung des deutschen Volkes „für seinen Einsatz in der deutsch-jüdischen Aussöhnung“ ausgezeichnet.[30][31]

WeblinksBearbeiten

  Commons: Sergey Lagodinsky – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Alphabetisches Verzeichnis aller Gewählten - Der Bundeswahlleiter. Abgerufen am 27. Mai 2019.
  2. Jüdisches Museum Frankfurt: Sergey Lagodinsky: Curriculum Vitae (Memento vom 14. April 2016 im Internet Archive).
  3. Körber-Stiftung: Kurzbiographie (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive).
  4. Repräsentantenversammlung: Mitglieder. Jüdische Gemeinde zu Berlin, abgerufen am 21. Juni 2018.
  5. Sarrazin war ihm zu viel taz.de vom 27. April 2011
  6. SPD hat „grundlegende Werte verraten“ – Interview. Deutschlandradio Kultur, 28. April 2011
  7. „Betrübt und beschämt“ – ein trauriger Brief an Nahles, Süddeutsche Zeitung vom 26. April 2011
  8. Offener Brief – „Die Partei will sich Sarrazin nicht stellen“, Jüdische Allgemeine vom 27. April 2011
  9. Von der SPD zu den Grünen (Memento vom 10. September 2012 im Webarchiv archive.today). Süddeutsche.de, 8. Juni 2011.
  10. Sergey Lagodinsky auf der Homepage der Heinrich-Böll-Stiftung
  11. Grüne Europaliste. Abgerufen am 13. Juli 2019.
  12. dpa: Grüne empfehlen sich kämpferisch für Europa. 10. November 2018, abgerufen am 17. Dezember 2018 (deutsch).
  13. Home | Sergey LAGODINSKY | Abgeordnete | Europäisches Parlament. Abgerufen am 13. Juli 2019.
  14. Unser Uwe. (PDF; 12 kB) Tagesspiegel, 10. August 2006
  15. Jüdischer Almanach – Identitäten. Suhrkamp Verlag, 2009, S. 45
  16. Unechte Juden, Echte Probleme. In: tachles – jüdisches Wochenmagazin, 2. Februar 2007
  17. Keine Angst von Minaretten. In: Welt am Sonntag
  18. Die Grenzen des Akzeptablen. taz.de
  19. Veröffentlicht in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“. Metropol, Berlin 2009. S. 151. Rezension (PDF; 109 kB) von Armin Pfahl-Traughber in DÖW Mitteilungen, 191, S. 7 f.
  20. Israel – ein progressiver Traum. In: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, August 2008.
  21. Sergey Lagodinsky, Thorsten Benner: Vom Liliputaner zur Mittelmacht. (PDF; 35 kB) In: Handelsblatt, 11. Januar 2007, S. 8
  22. Von der Frage zur Antwort. (PDF; 102 kB) In: Financial Times Deutschland, 20. März 2007.
  23. Israel und die Deutschen. (PDF; 338 kB) In: Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte, Juli/August 2009.
  24. Die Arroganz der Altvorderen. (PDF; 117 kB) In: Süddeutsche Zeitung, 10. Juni 2006
  25. Lagodinsky: Zentralrat hat sich würdelos verhalten. Interview auf Deutschlandradio Kultur, 8. Februar 2010
  26. Henryk M. Broder: „Sehr geehrter Genosse Lagodinsky“ Achse des Guten, 23. Februar 2011
  27. Arbeit mit Menschen. Achse des Guten, 24. Februar 2011
  28. Entgiften statt Torpedieren. In: Jüdische Allgemeine, 2. April 2009
  29. Henryk M. Broder: Kein Grund zur Dankbarkeit. Achse des Guten, 20. April 2009
  30. „Studienstiftung des deutschen Volkes vergab Theodor-Fontane-Preis“ (Memento vom 13. Juli 2012 im Internet Archive). Meldung des Informationsdienst Wissenschaft, 30. November 1998.
  31. Global Public Policy Institute (GPPi): Sergey Lagodinsky, fellow (Memento vom 29. April 2011 im Internet Archive) (englisch).