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Rhönit

seltenes Mineral, komplexes Alumosilikat mit zusätzlichen Sauerstoffionen

Rhönit ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Abteilung der Kettensilikate und Bandsilikate (Inosilikate) innerhalb der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“. Es kristallisiert im triklinen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung Ca2(Mg,Fe2+)4TiFe3+[O2|Al3Si3O18][1] und ist damit ein komplexes Alumosilikat mit zusätzlichen Sauerstoffionen und den Kationen Calcium, Magnesium, Titan und Eisen in der Oxidationsstufe 3+. Das in der Formel enthaltene Magnesium kann zudem teilweise durch Eisen in der Oxidationsstufe 2+ ersetzt (substituiert) sein, was mit den runden Klammern um die beiden Elemente angedeutet wird.

Rhönit
Rhönite-620201.jpg
Rötliche Rhönitkristalle auf Matrix vom Nickenicher Sattel, Nickenich in der Eifel, Rheinland-Pfalz, Deutschland (Länge des größten Kristalls: 0,16 mm)
Allgemeines und Klassifikation
Chemische Formel Ca2(Mg,Fe2+)4TiFe3+[O2|Al3Si3O18][1]
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Silikate und Germanate
System-Nr. nach Strunz
und nach Dana
9.DH.45 (8. Auflage: VIII/D.07)
69.02.01a.05
Kristallographische Daten
Kristallsystem triklin
Kristallklasse; Symbol triklin-pinakoidal; 1
Raumgruppe P1 (Nr. 2)Vorlage:Raumgruppe/2
Gitterparameter a = 10,43 Å; b = 10,81 Å; c = 8,93 Å
α = 105,9°; β = 96,1°; γ = 124,8°[1]
Formeleinheiten Z = 2[1]
Zwillingsbildung polysynthetisch parallel {010}[2]
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 5 bis 6[2]
Dichte (g/cm3) gemessen: 3,4 bis 3,76; berechnet: [3,64][2]
Spaltbarkeit gut nach {010} und {001}[2]
Bruch; Tenazität nicht definiert
Farbe braunrot, dunkelbraun bis schwarz
Strichfarbe rotbraun[3]
Transparenz durchscheinend bis undurchsichtig
Glanz Halbmetallglanz
Radioaktivität vorhanden, aber kaum messbar[4]
Kristalloptik
Brechungsindizes nα = 1,795 bis 1,810[5]
nβ = 1,806 bis 1,825[5]
nγ = 1,830 bis 1,845[5]
Doppelbrechung δ = 0,035[5]
Optischer Charakter zweiachsig positiv
Achsenwinkel 2V = 50° bis 90° (gemessen), 70° bis 84° (berechnet)[5]

Rhönit entwickelt tafelige bis prismatische Kristalle von bis zu einigen Zentimetern Länge, findet sich aber auch in Form von skelettförmigen bis unregelmäßigen Körnern und in Mineral-Aggregaten. Die durchscheinenden bis undurchsichtigen Kristalle können von braunroter oder dunkelbrauner bis schwarzer Farbe sein und weisen auf den Oberflächen einen halbmetallischen Glanz auf.

Etymologie und GeschichteBearbeiten

Als eigenständiges Mineral beschrieben wurde Rhönit im Jahre 1907[6] in Gesteinen aus den Schwarzen Bergen der Südrhön[7] durch Julius Soellner (1874–1946),[8][9] der das Mineral in der namensgebenden Rhön, einem Mittelgebirge im Grenzgebiet der deutschen Bundesländer Bayern, Hessen und Thüringen, entdeckte. Soellner hatte die entsprechenden Gesteinsvorkommen bereits im Jahre 1902 beschrieben, dabei aber das Mineral als den chromhaltigen Spinell Picotit fehlbestimmt. Im Jahre 1906 korrigierte er diesen Fehler zwar in einer Veröffentlichung,[10] hielt das Mineral aber nunmehr für Aenigmatit.

Bereits im Jahre 1883 wurde eine Beschreibung des Minerals als Zerfallsprodukt basaltischer Hornblende in Basaltgesteinen aus der Rhön veröffentlicht, wobei allerdings offengelassen wurde, ob es sich hierbei um ein neues Mineral oder doch lediglich um eine Neubildung von Hornblende handeln würde, da die damals verfügbaren Analysen noch keine sichere Aussage über die Natur des Minerals ermöglichten.[11]

KlassifikationBearbeiten

Bereits in der veralteten, aber teilweise noch gebräuchlichen 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Rhönit zur Mineralklasse der „Silikate und Germanate“ und dort zur Abteilung der „Kettensilikate und Bandsilikate (Inosilikate)“, wo er zusammen mit Aenigmatit, Deerit, Hainit, Howieit, Magbasit und Tinaksit die „Aenigmatit-Gruppe“ mit der System-Nr. VIII/D.07 bildete.[12]

Im zuletzt 2018 überarbeiteten und aktualisierten Lapis-Mineralienverzeichnis nach Stefan Weiß, das sich aus Rücksicht auf private Sammler und institutionelle Sammlungen noch nach dieser klassischen Systematik von Karl Hugo Strunz richtet, erhielt das Mineral die System- und Mineral-Nr. VIII/F.14-50. In der „Lapis-Systematik“ entspricht dies ebenfalls der Abteilung „Ketten- und Bandsilikste“ (Verzweigte Ketten), wo Rhönit zusammen mit Addibischoffit, Aenigmatit, Dorrit, Høgtuvait, Khesinit, Krinovit, Kuratit, Makarochkinit, Serendibit, Warkit, Welshit und Wilkinsonit die „Aenigmatit-Gruppe“ bildet.[3]

Die seit 2001 gültige und von der International Mineralogical Association (IMA) bis 2009 aktualisierte[13] 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Rhönit ebenfalls in die Abteilung der „Ketten- und Bandsilikate“ ein. Diese ist allerdings weiter unterteilt nach der Struktur der Ketten, so dass das Mineral entsprechend seinem Aufbau in der Unterabteilung „Ketten- und Bandsilikate mit 4-periodischen Einfachketten, Si4O12“ zu finden ist, wo es zusammen mit Aenigmatit, Baykovit, Dorrit, Høgtuvait, Khmaralith, Krinovit, Makarochkinit, Sapphirin, Serendibit, Welshit und Wilkinsonit die unbenannte Gruppe 9.DH.45 bildet.

Auch die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Rhönit in die Klasse der „Silikate und Germanate“ und dort in die Abteilung der „Kettensilikate: Ketten mit Seitenzweigen oder Schleifen“ ein. Hier ist er in der „Aenigmatit und verwandte Arten (Aenigmatit-Untergruppe)“ mit der System-Nr. 69.02.01a innerhalb der Unterabteilung „Kettensilikate: Ketten mit Seitenzweigen oder Schleifen mit P>2“ zu finden.

KristallstrukturBearbeiten

Rhönit kristallisiert triklin in der Raumgruppe P1 (Raumgruppen-Nr. 2)Vorlage:Raumgruppe/2 mit den Gitterparametern a = 10,43 Å; b = 10,81 Å; c = 8,93 Å; α = 105,9°; β = 96,1° und γ = 124,8° sowie zwei Formeleinheiten pro Elementarzelle.[1]

Bildung und FundorteBearbeiten

Rhönit bildet sich entweder primär in siliciumuntersättigten, alkalischen und mafischen, magmatischen Gesteinen oder sekundär durch Opacitisierung von Amphibolen. Eine weitere Bildungsmöglichkeit besteht in der Kontaktzone von alkalischen Basalten zu Kalksteinen. Als Begleitminerale können unter anderem titanhaltiger Augit, Diopsid, verschiedene alkalische Feldspate, Forsterit, Kaersutit, titanhaltiger Magnetit, Magnesioferrit, Perowskit und Spinell auftreten.[2]

Als seltene Mineralbildung konnte Rhönit nur an wenigen Fundorten nachgewiesen werden, wobei bisher (Stand 2015) rund 40 Fundorte bekannt sind.[14] Neben seiner Typlokalität in der Rhön nahe Fulda fand sich das Mineral in Deutschland noch in einem Basalt-Steinbruch bei Gonterskirchen im Vogelsberg in Hessen, bei Scharnhausen in Baden-Württemberg und an mehreren Orten in der rheinland-pfälzischen Vulkaneifel. Zu diesen zählen der Nickenicher Sattel und der Tönchesberg im Kreis Andernach, der Nerother Kopf und der Emmelberg nahe Üdersdorf im Kreis Daun, der Niveligsberg in der Gemeinde Drees, der Steinbruch „Caspar“ am Ettringer Bellerberg, der Kunkskopf und der Veitskopf in der Gemeinde Wassenach sowie die Eiterköpfe, der Karmelenberg und die Wannenköpfe in der Gemeinde Ochtendung.[15]

Der bisher einzige bekannte Fundort in Österreich ist ein Basalt-Steinbruch am Pauliberg im mittleren Burgenland.

Weitere Fundorte liegen unter anderem auf der Hut-Point-Halbinsel und am Mount Sidley in der Antarktis; in einem Steinbruch westlich von Scottsdale auf der australischen Insel Tasmanien; in den französischen Gemeinden Murol, Alissas und Freyssenet; auf Arnold Eschers Land im Verwaltungsbezirk Tunu auf Grönland; im Karancs-Medves-Gebiet (Nördliches Ungarisches Mittelgebirge) und im Balaton-Hochland in Ungarn; am Ätna auf der italienischen Insel Sizilien; auf der Insel Dogo in der japanischen Präfektur Shimane; am „Pulling Point“ bei Dunedin auf der Südinsel Neuseelands; im Okres Lučenec und im Okres Rimavská Sobota in der Slowakei; in den Basanit-Lavafeldern El Sebadal und La Isleta nahe der Stadt Las Palmas de Gran Canaria auf Gran Canaria in Spanien; in der River Ranch Mine bei Beitbridge in Simbabwe sowie auf der Insel Kauaʻi (Hawaii) und am Fundpunkt „159“ im Big-Bend-Nationalpark (Texas) in den Vereinigten Staaten von Amerika.[15]

Des Weiteren wurde Rhönit auch in verschiedenen Meteoriten nachgewiesen wie dem bei D’Orbigny in der argentinischen Provinz Buenos Aires entdeckten Steinmeteoriten (D’Orbigny-Meteorit), dem im Gebiet Pawlodar in Kasachstan gefallenen Efremovka-Meteoriten, dem in Pueblito de Allende im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua niedergegangenen Allende-Meteoriten, dem in der marokkanischen Provinz Zagora niedergegangenen Steinmeteoriten „NWA 4590“ und dem in der Sahara gefallenen Steinmeteoriten 99555.[15]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • J. Soellner: Ueber Rhönit, ein neues änigmatitähnliches Mineral und über das Vorkommen und die Verbreitung desselben in basaltischen Gesteinen. In: Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und Palaontologie. Band 24, 1907, S. 475–547 (rruff.info [PDF; 22,6 MB; abgerufen am 19. Juli 2019]).

WeblinksBearbeiten

  Commons: Rhönite – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 644 (englisch).
  2. a b c d e Rhönite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org [PDF; 78 kB; abgerufen am 19. Juli 2019]).
  3. a b Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
  4. David Barthelmy: Rhonite Mineral Data. In: webmineral.com. Abgerufen am 19. Juli 2019 (englisch).
  5. a b c d e Rhönite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 19. Juli 2019 (englisch).
  6. J. Soellner: Ueber Rhönit, ein neues änigmatitähnliches Mineral und über das Vorkommen und die Verbreitung desselben in basaltischen Gesteinen. In: Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und Palaontologie. Band 24, 1907, S. 475–547 (rruff.info [PDF; 22,6 MB; abgerufen am 19. Juli 2019]).
  7. Julius Soellner: Geognostische Beschreibung der Schwarzen Berge in der südlichen Rhön. In: Jahrbuch der königlich preußischen geologischen Landesanstalt. Band 22, 1901, S. 1–77 (online verfügbar bei archive.org – Internet Archive [abgerufen am 19. Juli 2019]).
  8. Literatur von und über Soellner, Julius Hubert im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  9. Autor Soellner, Julius, b. 1874. In: franklin.library.upenn.edu. University of Pennsylvania (Penn Libraries), abgerufen am 19. Juli 2019 (englisch).
  10. Julius Soellner: Ueber das Vorkommen und die Verbreitung von Aenigmatit in basaltischen Gesteinen. In: Centralblatt für Mineralogie, Geologie und Paläontologie. 1906, S. 206–208 (zobodat.at [PDF; 562 kB; abgerufen am 19. Juli 2019]).
  11. Karl Petzold: Petrographische Studien an Basaltgesteinen der Rhön. Gebauer-Schwetschke'sche Buchhandlung, Halle a. S. 1883, S. 28–29 (online verfügbar bei archive.org – Internet Archive [abgerufen am 19. Juli 2019]).
  12. Karl Hugo Strunz, Christel Tennyson: Mineralogische Tabellen. 8. Auflage. Akademische Verlagsgesellschaft Geest & Portig KG, Leipzig 1982, S. 421.
  13. Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF 1703 kB) In: cnmnc.main.jp. IMA/CNMNC, Januar 2009, abgerufen am 25. April 2019 (englisch).
  14. Localities for Rhönite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 19. Juli 2019 (englisch).
  15. a b c Fundortliste für Rhönit beim Mineralienatlas und bei Mindat, abgerufen am 19. Juli 2019.