Nevigeser Wallfahrtsdom

Wallfahrtskirche in Neviges, Velbert, Nordrhein-Westfalen

Der Nevigeser Wallfahrtsdom (eigentlich Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens) ist eine Wallfahrtskirche im Velberter Ortsteil Neviges. Sie bildet mit der früheren Wallfahrtskirche St. Mariä Empfängnis, dem Kreuzberg und dem Marienberg den Marienwallfahrtsort Neviges im Erzbistum Köln. Das an die alte Wallfahrtskirche anschließende ehemalige Franziskanerkloster wird von Priestern der Gemeinschaft Sankt Martin bewohnt, die die Wallfahrt und die anliegende Pfarrgemeinde seelsorgerisch betreuen.

Wallfahrtsdom von Neviges, im Oktober 2008
Blick vom Prozessionsweg zur Kirche, im Oktober 2008

Geschichte der WallfahrtBearbeiten

 
Gnadenbild von Neviges, eingelassen in die moderne Marienstele

Als Ursprung der Wallfahrt gilt eine Marienerscheinung des Dorstener Franziskaners Antonius Schirley 1680, der beim betenden Betrachten eines Marienbildes in Wilhelm NakatenusDas Himmlisch Palm-Gärtlein[1] eine Stimme vernommen habe, die gesagt habe: „Bring mich nach dem Hardenberg, da will ich verehret sein!“.

Als der Fürstbischof von Paderborn und Münster, Ferdinand von Fürstenberg, nach schwerer Krankheit unerwartet seine Gesundheit wiedererlangt hatte, unternahm er zum Dank eine Pilgerfahrt nach Neviges und finanzierte auch die Fertigstellung des dort bereits im Bau befindlichen Franziskanerklosters. Am 25. Oktober 1681 wurde das Gnadenbild der Unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria vom Franziskanerkloster in Dorsten nach Neviges überführt. 1682 stifteten Kurprinz Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg (Jan Wellem) und seine Frau Maria Anna Josepha von Österreich die Gnadenkapelle.[2] 1688 wurde die Pilgerfahrt durch Johann Heinrich von Anethan, den damaligen Kölner Generalvikar, offiziell genehmigt. Papst Clemens XII. versprach allen Hardenberg-Pilgern völligen Ablass der Sündenstrafen.

Die 1728 als Klosterkirche fertiggestellte Kirche St. Mariä Empfängnis[3] unterhalb der heutigen Wallfahrtskirche war bis 1968 Wallfahrtskirche und ist bis heute die katholische Pfarrkirche von Neviges. Die Franziskaner beendeten ihre Tätigkeit in Hardenberg-Neviges Ende 2019. Ab 1. Januar 2020 übernahm zunächst Kreisdechant Daniel Schilling,[4] Pfarrer in Ratingen, die Zuständigkeit für die Wallfahrts- und Pfarrseelsorge. Im September 2020 wurde der 1976 in Frankreich gegründete Gemeinschaft St. Martin („Communauté Saint-Martin“) die Seelsorge übertragen. Mit drei Brüdern gründeten sie eine Niederlassung im bisherigen Franziskanerkloster.[5]

Wallfahrtskirche Maria, Königin des FriedensBearbeiten

 
Offene, an einen Marktplatz erinnernde Gestaltung des Innenraumes

Die heutige Wallfahrtskirche „Maria, Königin des Friedens“ wurde vom Architekten Gottfried Böhm entworfen. Der Bau ist architekturhistorisch dem Brutalismus zuzurechnen. Obwohl Gottfried Böhm im vorausgegangenen Architekturwettbewerb nicht den ersten Platz belegt hatte, wurde er auf persönlichen Wunsch des damaligen Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Frings hin letztlich mit der Ausführung beauftragt. Frings, dessen Sehfähigkeit bereits eingeschränkt war, ließ sich die Wettbewerbsmodelle vorführen, um sie abzutasten. Dabei sagte ihm der Böhmsche Entwurf derart zu, dass er darum bat, einen zweiten Wettbewerb mit neuen Vorgaben auszuschreiben. Dieser wurde dann zugunsten Böhms entschieden.

Böhm selbst hält sich mit einer Deutung der Form zurück. Für ihn bot der Bau die Möglichkeit, eine aufgehängte Betonkonstruktion umzusetzen, bei der die Wand- und Deckenelemente gegenseitig stützend eine Gemeinschaft ergeben.[6] Erbaut wurde der Mariendom ab dem 11. Oktober 1965 (erste Baumaßnahmen). Die Grundsteinlegung erfolgte 1966. Am 22. Mai 1968 weihte Weihbischof Vitus Chang SVD die Kirche. Unter dem Altar befinden sich Reliquien von Märtyrern der Thebäischen Legion und der heiligen Ursula und ihrer Gefährten.[7] Joseph Kardinal Frings feierte am Tag darauf die heilige Messe und öffnete die Kirche für die Wallfahrt.[8] Die Kirche ist mit mehr als 6.000 Plätzen nach dem Kölner Dom die zweitgrößte im Erzbistum Köln.

Der Bau soll in exemplarischer Weise das Kirchenverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils sichtbar machen. An die Stelle der festen Burg tritt das Zelt, die Behausung des „wandernden Gottesvolks“; an die Stelle der „geschlossenen Gesellschaft“ tritt die Präsenz auf den „Marktplätzen der Welt“. So gleicht die äußere Form des Gebäudes der eines großen Zeltes. Im Innern aber scheint der Hauptaltar im Zentrum eines weiten Marktplatzes zu stehen, den die Emporen wie fensterreiche Häuser umgeben und zu dem eine breite Straße von außen hinführt. Diese Verbindung zwischen „außen“ und „innen“, also dem Kirchenvorplatz und dem Kircheninnenraum, hat Böhm zusätzlich durch die Raumbildung, die Wahl der Materialien und der Motive unterstrichen: Die geschwungene Wegeführung des breiten Kirch- und Prozessionszuganges öffnet und verbreitert sich innen zu dem marktplatzartigen Kirchenraum, auch die Außenpflasterung wird innen weitergeführt, ebenso die freistehenden Straßenlaternen.

Das häufig wiederkehrende Symbol der Innengestaltung ist die Rose, Zeichen der Gottesmutter Maria, dessen großes Format in den Fensterverglasungen den Sichtbetonwänden des Innenraumes die Härte nimmt und dessen rot-weiße Farbfelder bei geeignetem Einfall des Sonnenlichts die Weihe und Würde des Ortes atmosphärisch unterstreichen. Das ursprüngliche, sehr kleine Gnadenbild ist in eine große Marienstele von Elmar Hillebrand eingelassen, aus der wie aus einem Lebensbaum Maria mit dem Kind herauswächst und dessen Innenseite und „Rückgrat“ das mit seinen drei Enden sichtbare Kreuz bildet.

Am 23. September 1978 besuchte Kardinal Karol Wojtyła, ein großer Verehrer der Gottesmutter, mit den deutschen und polnischen Bischöfen unter der Leitung des Primas Kardinal Wyszyński und Kardinal Höffner die Kirche, drei Wochen vor seiner Wahl zum Papst. An diese Begebenheit erinnern eine Gedenktafel nahe der Marienstele sowie ein Ölbild von Clemens Hillebrand.

SanierungBearbeiten

Das Faltdach erwies sich bald nach der Fertigstellung des Gebäudes als undicht. Eine erste Sanierung Ende der 1970er Jahre, bei der eine Kunststoffbeschichtung aufgebracht wurde, brachte keine dauerhafte Abhilfe. Durch Risse drang weiterhin Wasser ein und beschädigte die Bewehrung. Peter Böhm, der Sohn Gottfried Böhms, entwickelte zusammen mit der RWTH Aachen ein Verfahren für einen Textilbeton aus drei Lagen Spritzbeton mit zwei Einlagen Carbonfasergewebe von hoher Zugfestigkeit bei geringer Dicke. Nach Laborversuchen wurde das Verfahren 2015/2016 mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz auf einer Musterfläche des Dachs getestet. Bis Anfang 2020 war die Hälfte der Dachfläche saniert.[9]

Diebstahl und Rückgabe des GnadenbildesBearbeiten

Am Abend des 5. Februar 2016 wurde bekannt, dass das Gnadenbild von Neviges (eine postkartengroße Abbildung der Gottesmutter als Immaculata aus der Mitte des 17. Jahrhunderts) von Unbekannten aus seiner Stele entfernt und entwendet worden war. Am darauffolgenden Samstag fanden die Franziskaner es vor ihrer Klosterpforte liegend wieder. Täter und Motiv sind noch unklar.[10]

OrgelBearbeiten

Nach dem Bau sowie erneut 1987 wurde die Kirche aus Kostenersparnisgründen zunächst mit einer elektronischen Orgel versehen.[11]

Im Mai 2010 wurde die erste Pfeifenorgel des Doms eingeweiht. Sie geht zurück auf ein Instrument, das 1976 von der Orgelbaufirma Stockmann (Werl) für die Antoniuskirche in Hildesheim erbaut worden war. Dieses wurde 2010 von der Orgelbaufirma Seifert (Kevelaer) im Mariendom aufgestellt und um ein Auxiliarwerk mit 6 Registern erweitert, die unabhängig voneinander an beide Manuale und das Pedal registriert werden können. Das Auxiliarwerk ist neben dem ursprünglichen Schwellwerk des II. Manuals separat in einem 16´-Schwellwerk untergebracht. Eine völlige Neuintonation hat das Werk auf den großen Kirchenraum hin ausgerichtet.[12] 2012 wurde im Schwellwerk eine neue durchschlagende Clarinette 8′ eingebaut.[13] Die Disposition lautet wie folgt:

I Hauptwerk C–a3
Bordun 16′
Principal 8′
Spitzflöte 8′
Octave 4′
Gemshorn 4′
Quinte 223
Octave 2′
Mixtur IV 113
Horn 8′
Tremulant
II Schwellwerk C–a3
Rohrflöte 8′
Gamba 8′
Unda maris 8′ (2010)
Principal 4′
Blockflöte 4′
Nazard 223
Waldflöte 2′
Terz 135
Clarinette[Anm. 1] 8′ (2012)
Hautbois 8′ (2010)
Tremulant
Pedal C–f1
Contrabass[Anm. 2] 32′
Subbass 16′
Octavbass 8′
Gedacktbass 8′
Choralbass 4′
Pedalmixtur IV 223
Contraposaune[Anm. 3] 32′
Fagott 16′
I, II, P Auxiliarwerk C–a3
Seraphonprincipal 16′ (2010)
Seraphonprincipal 8′ (2010)
Seraphonoctave 4′ (2010)
Tuba 16′ (2010)
Trompete 8′ (2010)
Clarine 4′ (2010)
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: II/I, I/P, II/P
    • Suboktavkoppeln: I/I, II/I, II/II
    • Superoktavkoppeln: II/I, II/II
  • Anmerkungen
(2010) = Neues Register (2010)
(2012) = Neues Register (2012)
  1. durchschlagend
  2. ab c0; C–H akustisch aus Seraphonprinzipal 16′
  3. ab c0; C–H akustisch aus Posaune 16′

LiteraturBearbeiten

  • Gerhard Haun: Die Wallfahrt nach Neviges. Frohn Verlag, Wuppertal 1981, ISBN 3-88578-005-4.
  • Veronika Darius: Der Architekt Gottfried Böhm. Bauten der sechziger Jahre. Baumeisterforum, Beton-Verlag, Düsseldorf 1988, ISBN 3-7640-0236-0.
  • Kunibert Bering: Gottfried Böhm: Die Wallfahrtskirche in Neviges. Sakrale Architektur als Korrektur der Moderne. In: Architectura. Zeitschrift für Geschichte der Baukunst. 1992, S. 72–91.
  • Gerhard Haun: Mariendom Neviges. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 1997, ISBN 3-931820-56-4.
  • Oliver Elser, Miriam Kremser (Kuratoren und Herausgeber): Böhm 100 – der Beton-Dom von Neviges: Begleitheft zur Ausstellung anläßlich von Gottfried Böhms 100. Geburtstag. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main 2020, ISBN 978-3-939114-06-2.

WeblinksBearbeiten

Commons: Maria Königin des Friedens in Neviges – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Das Marienbild in Nakatenus’ Palm-Gärtlein (1664)
  2. Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 387, 389.
  3. Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 409.
  4. Webpräsenz Pastor Daniel Schilling [1]
  5. katholisch.de: Marienwallfahrtsort Neviges bekommt eine neue geistliche Gemeinschaft , 1. Juni 2020
  6. Vgl. Interview mit Gottfried Böhm, WDR 5, 2008.
  7. neviges.de: Förderverein Nevigeser Wallfahrtsstätten: Das Richtfest, abgerufen am 22. Dezember r2020.
  8. Gerhard Haun: Ausführliche Geschichte. In: Fink-Verlag. Abgerufen am 11. Mai 2017.
  9. Amelie Seck: Meister der Betonarchitektur. In: Monumente. 30. Jahrgang Nr. 1, Februar 2020, S. 20–24.
  10. http://www.ksta.de/nrw/unbekannte-taeter-stehlen-gnadenbild-sote,27916718,33728874.html
  11. Die Orgel. In: Bau des Mariendomes. Auf der Website des Fördervereins Nevigeser Wallfahrtsstätten, abgerufen am 23. Juni 2021.
  12. Nähere Informationen zur Orgel und Klangbeispiele auf der Webpräsenz von Pastor Schilling
  13. Die durchschlagende Clarinette: Gespielt durch Wolfgang Seifen [2]

Koordinaten: 51° 18′ 46″ N, 7° 5′ 15″ O