Ludwig von Friedeburg

deutscher Marineoffizier und U-Bootkommandant im Zweiten Weltkrieg, deutscher Soziologe und Bildungspolitiker (SPD), MdL

Ludwig-Ferdinand von Friedeburg (* 21. Mai 1924 in Wilhelmshaven; † 17. Mai 2010 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Soziologe am Institut für Sozialforschung und Politiker (SPD). Seine Bemühungen zur Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems in Gesamtschulen stießen auf großen Widerstand.[1]

Das Grab von Ludwig von Friedeburg auf dem Friedhof Niederursel in Frankfurt am Main.

LebenBearbeiten

Ludwig-Ferdinand von Friedeburg besuchte die bereits im Jahre 1320 gegründete Kieler Gelehrtenschule.[2] Ein Schulfreund war in diesen Jahren Werner Creutzfeldt, dessen Vater Hans Gerhard Creutzfeldt, Professor und Chefarzt der Kieler psychiatrischen Klinik, war einer der Entdecker der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Ein weiterer Schulfreund war Hardwin Jungclaussen, ein naher Verwandter der Physiker Heinrich Hertz und Gustav Hertz.

Sein Vater Hans-Georg von Friedeburg war Generaladmiral, ab 1943 Kommandierender Admiral der deutschen Unterseeboote. Ludwig-Ferdinand von Friedeburg wurde nach dem Abitur ebenfalls Marineoffizier. Er trat 1941 in die Kriegsmarine ein und beendete seine Offiziersausbildung im Juni 1943.[3] Anschließend wurde er Zweiter Wachoffizier (II WO) und später Erster Wachoffizier (I WO) auf U 548, einem U-Boot des Typs IX C/40, mit Oberleutnant zur See Eberhard Zimmermann als Kommandanten. Als Leutnant zur See wurde ihm die Überführung von U 155, ebenfalls ein großes Boot vom Typ IX, von Lorient nach Flensburg aufgetragen. Die kommenden 43 Seetage vom 9. September bis 21. Oktober 1944 machten ihn zum jüngsten deutschen U-Boot Kommandanten des Zweiten Weltkrieges. Zu diesem Zeitpunkt war von Friedeburg erst 20 Jahre und 111 Tage alt. In der Zeit zwischen November 1944 und Februar 1945 besuchte er den Kommandanten-Lehrgang und erhielt die Baubelehrung für die neue U-Boot-Klasse XXIII. Am 1. Mai 1945 stellte er sein neues Boot U 4710 in Kiel im Dienst, das jedoch zu keinem Kriegseinsatz mehr kam. Ludwig von Friedeburg soll sich ab dem 5. Mai 1945 im Internierungslager Mürwik befunden haben.[4] Im Flensburger Vorort Mürwik war Anfang Mai 1945 der Sonderbereich Mürwik eingerichtet worden, in dem sich (bei der Marinesportschule) der provisorische Regierungssitz der letzten Reichsregierung unter Karl Dönitz befand. Im Auftrag von Karl Dönitz[5][6] war sein Vater Hans-Georg von Friedeburg an den Kapitulationsverhandlungen im Mai 1945 beteiligt. Dieser wurde in Folge am 7. Mai 1945 einer der Mitunterzeichner der Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht. Wenige Tage danach hat sich Hans-Georg von Friedeburg selbst das Leben genommen.

Nachdem Ludwig von Friedeburg in alliierte Gefangenschaft geraten war, wurde er aus dieser am 12. September 1947 entlassen. Von 1947 bis 1951 studierte er an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, wo er 1951 als Diplom-Psychologe abschloss. 1952 promovierte er ebenfalls in Freiburg über Die Umfrage als Instrument der Sozialwissenschaften. Von 1951 bis 1954 war er Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach. 1955 wechselte er als Abteilungsleiter an das Frankfurter Institut für Sozialforschung. 1960 habilitierte er sich bei Theodor W. Adorno mit einer Arbeit zur Soziologie des Betriebsklimas. Danach wurde er Kultusminister (SPD) in Hessen und versuchte hier gegen breite Widerstände, das Schulsystem grundlegend zu reformieren, was nicht gelang.

Von 1962 bis 1966 war Friedeburg Professor für Soziologie und Direktor des Instituts für Soziologie an der Freien Universität Berlin. 1966 wurde er an die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und erneut zum Direktor des Instituts für Sozialforschung berufen. Als dessen geschäftsführender Direktor amtierte er von 1975 bis 2001.

Im Jahr 1999 sprach Friedeburg zur Eröffnung der Wehrmachtsausstellung im Landeshaus Kiel, die von erheblichen Protesten begleitet wurde.[7]

FamilieBearbeiten

Am 8. April 1960 heiratete Ludwig von Friedeburg Ellen Schölch (1936–2020[8]), Tochter von Heinrich Schölch, Fabrikant, und Hulda Landgraf. Sie hatte bei Adorno studiert und das Studium als Dipl.-Soziologin abgeschlossen.[9] Sein Bruder war der Journalist Friedrich von Friedeburg (1926–1991).[10]

BildungspolitikBearbeiten

Von 1969 bis 1974 war er hessischer Kultusminister unter Ministerpräsident Albert Osswald. Die von ihm angestrebten Bildungsreformen waren außerordentlich umstritten. Von Friedeburgs Schulpolitik polarisierte derartig, dass der spätere Ministerpräsident Roland Koch (CDU) meinte: „Ludwig von Friedeburg hat der CDU in Hessen wahrscheinlich mehr neue Mitglieder zugeführt als jeder andere.“[11]

Kernpunkte seiner Schulpolitik waren:

Gefordert, aber nicht intensiv betrieben wurde auch die Einführung der Ganztagsschule.

1972/73 legte von Friedeburg die Hessischen Rahmenrichtlinien für die Grund- und Mittelstufe und die Gymnasien vor und löste damit einen Sturm der Entrüstung, aber bei einem Teil seiner Anhänger auch Begeisterung aus. Sie galten damals als die tiefgreifendsten Veränderungen in Bezug auf alle Bundesländer.

Diskussionspunkte waren vor allem:

Im Mathematikunterricht wurde gleichzeitig die Einführung der Mengenlehre im Unterricht der Grundschulen diskutiert.

Die geführten Diskussionen entspannen sich auch an der Person von Friedeburgs und verebbten erst, nachdem Friedeburgs Nachfolger Hans Krollmann (SPD) Veränderungen vornahm.

Von Friedeburg forcierte die Einrichtung neuer Förderstufen und Gesamtschulen, oft gegen den erbitterten Widerstand der betroffenen Schulen und Eltern. Erklärtes Ziel war, das gegliederte Schulsystem abzuschaffen. Diese Politik wurde von seinen sozialdemokratischen Nachfolgern weitergeführt und endete erst 1987, als die CDU mit dem Wahlversprechen der „freien Schulwahl“ die Landtagswahl gewann.

EhrungenBearbeiten

Ludwig von Friedeburg erhielt das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. Die Stadt Frankfurt ehrte ihn 1994 mit der Goetheplakette für herausragende wissenschaftliche und bildungspolitische Leistungen. Am 23. Juni 2006 verlieh ihm die Fakultät Human- und Gesellschaftswissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg die Ehrendoktorwürde als „einem der entscheidenden Köpfe der Bildungsreform der 60er und 70er Jahre“.

Publikationen (Auswahl)Bearbeiten

  • (Mit Jürgen Habermas, Christoph Oehler und Friedrich Weltz) Student und Politik. Eine soziologische Untersuchung zum politischen Bewußtsein Frankfurter Studenten. Luchterhand, Neuwied 1961.
  • Soziologie des Betriebsklimas. Studien zur Deutung empirischer Untersuchungen in industriellen Großbetrieben. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1963, 2. Auflage 1966.
  • Jugend in der modernen Gesellschaft. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1965.
  • (Hrsg. mit Jürgen Habermas): Adorno-Konferenz 1983. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-28060-0.
  • Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989 (Taschenbuchausgabe 2002), ISBN 3-518-28615-3.

LiteraturBearbeiten

  • Jochen Lengemann: Das Hessen-Parlament 1946–1986. Biographisches Handbuch des Beratenden Landesausschusses, der Verfassungsberatenden Landesversammlung und des Hessischen Landtags (1.–11. Wahlperiode). Hrsg.: Präsident des Hessischen Landtags. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-458-14330-0, S. 256 (hessen.de [PDF; 12,4 MB]).
  • Jochen Lengemann: MdL Hessen. 1808–1996. Biographischer Index (= Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen. Bd. 14 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Bd. 48, 7). Elwert, Marburg 1996, ISBN 3-7708-1071-6, S. 134.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. „Vater der Gesamtschule“. Ludwig von Friedeburg gestorben (Memento vom 28. Mai 2010 im Internet Archive), hr, 20. Mai 2010.
  2. Hardwin Jungclaussen: Frei in drei Diktaturen – Wie ich mein Leben erlebte und wie ich mein Glück fand. Autobiografie. trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, trafo Literaturverlag, Reihe Autobiographien Band 48, Berlin 2015, ISBN 978-3-86465-050-5.
  3. Rainer Busch, Hans-Joachim Röll: Der U-Boot-Krieg 1939-1945. Dei deutschen U-Boot-Kommandanten, Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg 1996, ISBN 3 8132 0490 1, Seite 72–73
  4. NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter Dokumentation der Fachtagung 14. und 15. März 2013 im Hessischen Landtag, Wiesbaden 2014, Seite 48; abgerufen am: 2. März 2018; Der Begriff „Internierungslager Mürwik“ ist in der gängigen Fachliteratur nicht bekannt. Möglicherweise ist damit der folgend genannte Sonderbereich gemeint oder eine Inernierungsörtlichkeit bei Flensburg.
  5. Die Zeit: Die 21 Tage der Regierung Dönitz, Seite 2, vom: 8. November 1951; abgerufen am: 2. März 2018
  6. Gerhard Spörl: Zeitgeschichte: „Da liegt sie, diese Bestie“. In: Der Spiegel. Nr. 18, 2015, S. 46–58 (online25. April 2015).
  7. "Fähig sein zur Auseinandersetzung", Artikel in der taz, aufgerufen am 8. Januar 2020
  8. Anzeige in FAZ 5. November 2020.
  9. „Friedeburg, Ludwig-Ferdinand von“. Hessische Biografie. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  10. Friedeburg, Friedrich-Ferdinand von. Hessische Biografie. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
  11. zitiert in: Hugo Müller-Vogg, Beim Wort genommen, (Roland Koch im Gespräch mit Hugo Müller-Vogg), Societäts-Verlag Frankfurt, 2002, ISBN 3-7973-0829-9, Seite 132.