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Thomas Bayrle

deutscher Maler, Grafiker und Video-Künstler
Thomas Bayrle, Aufnahme aus dem Film The Future of Art (2010)

Thomas Bayrle (* 7. November 1937 in Berlin) ist ein deutscher Objektkünstler, Maler, Grafiker und Video-Künstler.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Thomas Bayrle wurde als Sohn des Malers und Grafikers Alf Bayrle und dessen Ehefrau, der promovierten Kunsthistorikerin Elisabeth Weiss, geboren. Von 1934 bis 1937 arbeiten beide im Frobenius-Institut und nahmen an Expeditionen in Afrika teil. Mit seiner Mutter und den zwei jüngeren Brüdern wurden er 1940 in das hessische Oberndorf bei Gelnhausen evakuiert. 1953 siedelte die Familie nach Frankfurt über.

Bayrle, der Textilingenieur werden wollte, machte ab 1956 eine zweijährige Ausbildung zum Musterzeichner und Weber. In der Maschinenweberei Gutmann in Göppingen arbeitete er an Jacquardwebstühlen, deren Lärm ihn an einen rhythmischen Sound erinnerte, der ihn Jahrzehnte später, wie auch die vertikale textile Ornamententstehung, zu Arbeiten inspirierte.

Von 1956 bis 1958 studierte Bayrle von 1958 bis 1961 an der Werkkunstschule Offenbach. Zunächst hatte er das Studienziel Gebrauchsgrafik, er wandte sich aber der Druckgrafik zu und erlernte bei Eberhard Behr die Technik der Lithografie und der Radierung. 1961 gründete er zusammen mit Bernhard Jäger die Gulliver-Presse und machte sich auch als Drucker und Verleger von Künstlerbüchern einen Namen. In der Gulliver-Presse erschien unter anderem eines der ersten Bücher von Ernst Jandl (Hosi-Anna! 1965) – illustriert von Thomas Bayrle und Bernhard Jäger. 1964 nahm er an der documenta III und 1977 an der documenta 6 in Kassel teil. Von 1972 bis 2002 war er Professor an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main. Zu seinen Studenten gehörten unter anderen Martin Liebscher, Marko Lehanka, Georg Peez, Manfred Stumpf, Kerstin Jeckel und Stefan Müller. 1995 hatte er in Japan eine Gastprofessur an der Tohoku University inne.

Er ist mit der Künstlerin Helke Bayrle (* 1941) verheiratet. Thomas Bayrle lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

WerkBearbeiten

Bayrles Arbeiten basieren in der Regel auf einem grafischen Grundprinzip. Ausgehend von traditionellen Techniken gehörte er zu den ersten deutschen Künstlern, die computergenerierte und animierte Kunst produzierten. Wesentliches ästhetisches Element seiner Arbeit ist das Prinzip des Seriellen. In der US-amerikanischen Tradition von Andy Warhol oder Roy Lichtenstein, aber auch des deutschen Künstlers Sigmar Polke befindet sich Bayrle, indem er seine bildnerischen Themen vielfach aus der Welt der Konsumgüter entnimmt. Mit der Reflexion auf eine Warenwelt als Anhäufung von multiplizierbaren, wiederholbaren Formen und Piktogrammen liefert Bayrle nicht nur einen Kommentar zur Gesellschaft, sondern verweist auf seine eigenen künstlerischen Mittel.

Die Motoren, die während der dOCUMENTA (13) gezeigt wurden, sind von dem Feinmechanikbetrieb Anton Schwinghammers zusammengesetzt worden.

AusstellungenBearbeiten

In den letzten Jahren fanden wichtige Einzelausstellungen und Beteiligungen in Galerien und Museen in Düsseldorf, Montréal, Köln, Graz, Frankfurt am Main, Wien, Venedig, Auckland, Berlin, Duisburg, Genf, Karlsruhe, New York, Zürich und Austin/Texas statt. Bayrle ist mit seinen Arbeiten in Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen im deutschsprachigen und angelsächsischen Raum vertreten. 1984 beteiligte er sich bei Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf. 2002 hatte er eine Ausstellung im Städel Museum in Frankfurt am Main.

2005 und 2006 nahm Bayrle unter anderen an Ausstellungen im Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe, im Kunstmuseum Thun, im Kunsthaus Zürich, im Museum für Moderne Kunst (MMK), Frankfurt am Main, in der Kunsthalle Fridericianum, Kassel teil. 2007 stellte Bayrle im Fonds Régional d’Art Contemporain Limousin (FRAC), Limoges und im Office for Contemporary Art, Oslo aus. 2008 war er Teilnehmer an der Biennale of Sydney (Art Gallery of New South Wales). 2009 fand eine große retrospektive Ausstellung im Museu d’Art Contemporani de Barcelona (MACBA) in Barcelona statt. Im Jahr 2012 war er Teilnehmer an der dOCUMENTA (13) in Kassel. Seine Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben dokumentierte Bayrle 2014 durch eine Auswahl seiner Werke mit der Ausstellung katholisch in der Kunst-Station Sankt Peter Köln sowie durch die Ausstellung Agnus Dei in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum Berlin.[1]

Für die Saison 2003/2004 in der Wiener Staatsoper gestaltete er im Rahmen der von museum in progress konzipierten Ausstellungsreihe „Eiserner Vorhang“ ein riesiges Großbild (176 m²).

In seiner Einzelausstellung 'Wenn etwas zu lang ist – mach es länger' im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) kombinierte Bayrle für die Saison 2017/18 traditionelle handwerkliche Techniken mit computergenerierter Kunst des Informationszeitalters. Für die Ausstellung entstanden auch bedeutende Neuproduktionen, darunter die Installation iPhone meets Japan, ein begehbares Szenenbild, mit dem Bayrle in einer „Superform“ aus iPhones ein japanisches Shunga aus der Asien-Sammlung des MAK reflektierte.[2]

Seit März 2018 zeigt die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München einige futuristische Kompositionen des Künstlers.[3] Im Rahmen der Ausstellung I'm a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung wird die großformatige Skulptur "Autostrada" (2003) und weitere grafische Wandtableaus aus dem Sammlungsbestand präsentiert.[4]

AuszeichnungenBearbeiten

Literatur (Auswahl)Bearbeiten

  • Bayrle & Jäger: Gulliver-Presse 1961–1966. Galerie Bernd Slutzky, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-9802923-1-2.
  • Bayrle. Edition Unida, Den Haag 1970.
  • Feuer im Weizen. März, Frankfurt am Main 1970.
  • Thomas Bayrle: Druckgrafik 1960–1983. Ausstellungskatalog, Städtische Galerie Wolfsburg 1981.
  • Bayrle Big Book. Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 1990, ISBN 3-88375-170-7.
  • Thomas Bayrle: works 1967–1995. China Youth Press, Beijing/Unak, Tokyo, 1997, ISBN 7-5006-2483-2 (chinesisch/japanisch).
  • Thomas Bayrle. Ausstellungskatalog, Städelsches Kunstinstitut und Revolver, Archiv für Aktuelle Kunst, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-934823-89-0.
  • Daniel Birnbaum u. a. (Hrsg.): Thomas Bayrle. 40 Years Chinese Rock’n’Roll. Buch zur Ausstellung in Frankfurt: 40 Years of Chinese Rock’n’Roll, 2006, ISBN 3-86560-100-6.
  • Cuz Martínez u. a.: I’ve a feeling we’re not in Kansas anymore. Museu d’arte Contemporani de Barcelona, 2009, ISBN 978-84-92505-02-9 (englisch).
  • Christoph Thun-Hohenstein, Nicolaus Schafhausen, Bärbel Vischer (Hrsg.): THOMAS BAYRLE. Musterzeichner. VfmK Verlag für moderne Kunst GmbH, Wien, 2017.
  • Massimiliano Gioni u. a.: Thomas Bayrle Playtime, Phaidon, London, 2018 (zur Ausstellung im New Museum, New York), ISBN 978-0-71487635-1

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ankündigung der Ausstellung "Agnus Dei" von Thomas Bayrle auf der Website der Stiftung St. Matthäus. Abgerufen am 7. September 2014.
  2. Wenn etwas zu lang ist – mach es länger - MAK Museum Wien. Abgerufen am 28. November 2017.
  3. Lenbachhaus  - I'm a Believer. Abgerufen am 18. März 2019.
  4. Detail. Abgerufen am 18. März 2019.