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Friedrich Dessauer

deutscher Physiker, Unternehmer, Publizist und Politiker (Zentrum), MdR
Friedrich Dessauer

Friedrich Dessauer (* 19. Juli 1881 in Aschaffenburg; † 16. Februar 1963 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Physiker, Röntgenpionier, Reichstagsabgeordneter des Zentrums, sozial engagierter Unternehmer und Publizist.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Friedrich Dessauer wurde als zehntes Kind eines Industriellenehepaars geboren. Sein Vater Philipp Dessauer (1837–1900), dessen Ahnherr Alois Dessauer war, war der Gründer der Weißpapier- und Cellulosefabrik Aschaffenburg. Seine Mutter war Elisabeth Maria Karoline Vossen (1843–1920), die Tochter des Farbenfabrikanten Franz Daniel Vossen aus Lüttich. Sein Neffe war Guido Dessauer. Schon in seiner Jugendzeit faszinierte ihn die naturwissenschaftliche und medizinische Forschung, besonders die von Conrad Röntgen 1895 in Würzburg entdeckten X-Strahlen und deren medizinische Einsatzmöglichkeiten. Dessauer studierte ab 1899 Elektrotechnik und Physik an der Universität München und an der TH Darmstadt. Aufgrund des Todes seines Vaters unterbrach er sein Studium zunächst, setzte es ab 1914 an der Universität in Frankfurt am Main fort und schloss es dann 1917 mit der Dissertation Über einen neuen Hochspannungstransformator und seine Anwendung zur Erzeugung durchdringungsfähiger Röntgenstrahlen ab. Zuvor hatte er zunächst ein Labor, dann die Firma VEIFA mit bis zu 500 Angestellten für Röntgenapparate und andere medizinische Geräte aufgebaut, von der er sich 1916 trennte. 1921 wurde Dessauer Leiter des neu gegründeten Instituts für physikalische Grundlagen der Medizin in Frankfurt.

Nach dem Ersten Weltkrieg trat er der Zentrumspartei bei und wurde im März 1919 Mitglied der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung und des Frankfurter Zentrumsvorstands. Als sozial denkender Arbeitgeber setzte er sich für eine Überwindung des Klassenkampfes ein und unterstützte die Kooperation von Zentrum, SPD und DDP in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, sein besonderes Interesse galt der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im Dezember 1924 zog er in den Reichstag in Berlin ein. Dessauer gehörte dem Reichstag bis zum November 1933 an. Seit 1924 war er Beisitzer im Reichsvorstand der Zentrumspartei. Dort stand er den Ansichten Joseph Wirths nahe, zählte also zum linken Parteiflügel. Daher spielte er ebenso eine führende Rolle in der demokratischen Wehrorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und gehörte dem pazifistischen Friedensbund Deutscher Katholiken an. Als Begründer und Mitinhaber der linkskatholischen Rhein-Mainischen Volkszeitung, zu deren Verlagsleiter er Josef Knecht bestellt hatte, warnte Dessauer bereits früh vor dem Nationalsozialismus. In der Fraktion sprach er sich 1933 gegen die Zustimmung zum sogenannten Ermächtigungsgesetz aus, willigte dann aber doch in die Fraktionslinie ein. 1933 wurde er von den Nationalsozialisten all seiner Ämter enthoben. Im Juli 1933 wurde der Zentrumspolitiker schließlich verhaftet und im „Kleinen Volksvereinsprozeß“ in Mönchengladbach wegen Anstiftung zur Untreue angeklagt, doch am 20. Dezember 1933 durch Landgerichtspräsident Starting freigesprochen, der Dessauer öffentlich „untadelige vaterländische Gesinnung“ bescheinigte.[1]

Ungeachtet des Freispruchs verweigerte die Universität Dessauer zunächst die Lehrberechtigung. Am 6. Februar 1934 überfielen Studenten Dessauers Privathaus, Dessauer wurde vorübergehend erneut verhaftet und am 14. Mai 1934 wegen „nichtarischer Abstammung“ nach dem Berufsbeamtengesetz in den Ruhestand versetzt, da einer seiner Großväter Jude gewesen war. Nach Dessauers Emigration 1934 in die Türkei wurde sein universitäres „Institut für physikalische Grundlagen der Medizin“ 1937 zu einem „Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik“ der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Sein früherer Assistent, der Biophysiker Boris Rajewsky (1893–1974), durfte es umbenennen und auch weiterleiten. Dessauer erhielt einen Ruf als Professor für Radiologie und Biophysik an die Universität von Istanbul, 1938 ging er auch aus Gesundheitsgründen in die Schweiz und lehrte am Physikalischen Institut Freiburg. 1948 kehrte er aus dem Exil zurück und hielt vor allem wissenschaftsphilosophische Vorträge an der Universität Frankfurt am Main. Am 16. Februar 1963 starb Dessauer wie viele Strahlenphysiker an den Folgen einer zu hohen Strahlenkontamination, aufgrund derer er bei sich mehrfach plastische Gesichtsoperationen hatte durchführen lassen.[2] Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Aschaffenburger Altstadtfriedhof.[3]

LeistungenBearbeiten

Dessauer widmete den größten Teil seines Lebens der Erforschung von Radioaktivität mit besonderer Betonung der Anwendbarkeit in der Medizintechnik. 1922 berief ihn die Universität Frankfurt a. M. zum ordentlichen Professor. Zum Beispiel gilt er aufgrund seiner Untersuchungen von 1922 zum Wirkungsmechanismus von Röntgenstrahlen bei ihrer Einwirkung auf biologische Substanzen und Vorgänge als Begründer der Quantenbiologie. Mit der Treffertheorie konnte er die Strahlenwirkung auf die lebende Zelle quantitativ erfassen.

Friedrich Dessauer ist ein Ehrenbürger der Städte Frankfurt am Main und Aschaffenburg. Nach ihm sind das Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Frankfurt-Höchst und das Friedrich-Dessauer-Gymnasium in Aschaffenburg, die Friedrich-Dessauer-Schule in Limburg,[4] sowie verschiedene andere Schulen und die Friedrich-Dessauer-Straße in Frankfurt am Main benannt. Der VDE Rhein Main verleiht alljährlich den Friedrich-Dessauer-Preis an Hochschulabsolventen mit herausragenden Leistungen in den Fachbereichen Elektrotechnik und Informationstechnik.

AuszeichnungenBearbeiten

WerkeBearbeiten

  • Die Versuchung des Priesters Anton Berg (unter dem Pseudonym Jakob Stab). Josef Kösel Verlag, München 1921.
  • Zur Therapie des Karzinoms mit Röntgenstrahlen: Vorlesungen über die physikalischen Grundlagen der Tiefentherapie. Verlag Theodor Steinkopff, Dresden / Leipzig 1922
  • Leben, Natur, Religion: das Problem der transzendenten Wirklichkeit. Cohen, Bonn 1924
  • Philosophie der Technik. Das Problem der Realisierung. Cohen, Bonn 1927
  • Befreiung der Technik (mit Karl A. Meissinger). J.G. Cotta’sche, Stuttgart / Berlin 1931
  • Wissen und Bekenntnis: Erörterung weltanschaulicher Probleme mit besonderer Berücksichtigung des Buches „Weltbild eines Naturforschers“ von Arnold Heim. Walter, Olten 1944
  • Seele im Bannkreis der Technik (mit X. von Hornstein). Otto Walter AG Olten, Freiburg im Breisgau 1945
  • Weltfahrt der Erkenntnis: Leben und Werk Isaac Newtons. Rascher, Zürich 1945
  • Wilhelm C. Röntgen: die Offenbarung einer Nacht. Walter, Olten 1945
  • Atomenergie und Atombombe: fassliche wissenschaftliche Darstellung und Würdigung. Walter, Olten 1945 (2., bedeutend erw. Auflage 1947)
  • Mensch und Kosmos: ein Versuch. Knecht, Frankfurt am Main 1949
  • Naturwissenschaftliches Erkennen; Beiträge zur Naturphilosophie. Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 1951
  • Quantenbiologie: Einführung in einen neuen Wissenszweig. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1954 (2. Auflage 1964)
  • Streit um die Technik. Knecht, Frankfurt am Main 1956
  • Die Teufelsschule. Aus dem Vermächtnis eines Arztes. Frankfurt a. M. 3. Auflage 1957
  • Prometheus und die Weltübel. Frankfurt Knecht, Frankfurt am Main 1959
  • Kontrapunkte eines Forscherlebens. Erinnerungen. Amerikanische Reisebriefe. Knecht, Frankfurt a. M. 1962

LiteraturBearbeiten

  • Michael Habersack: Friedrich Dessauer (1881–1963): eine politische Biographie des Frankfurter Biophysikers und Reichstagsabgeordneten. Schöningh, Paderborn 2011, ISBN 978-3-506-77129-2.
  • Bernd Haunfelder: Reichstagsabgeordnete der Deutschen Zentrumspartei 1871-1933. Biographisches Handbuch und historische Photographien (= Photodokumente zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 4), Düsseldorf, 1999, S. 304.
  • Dieter Mayer: Friedrich Dessauer und die Zeitschrift „Deutsche Republik“. Vom Einsatz eines Demokraten gegen die Zerstörung der Weimarer Republik. In: Alfred Engelmann (Hrsg.): Festschrift 1833-1938. 150 Jahre Friedrich-Dessauer-Gymnasium Aschaffenburg. Aschaffenburg 1983, S. 166–179.
  • Martin Goes: Friedrich Dessauer 1881–1963. Zur Person und zur Vertreibung durch die Nationalsozialisten aus Amt und Vaterland. Aschaffenburg 1995
  • Martin Goes: Friedrich Dessauer (1881–1963): Röntgenpionier aus Aschaffenburg und seit 1934 im Exil. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 209–232.
  • Johannes Schaber: Dessauer, Friedrich. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 14, Bautz, Herzberg 1998, ISBN 3-88309-073-5, Sp. 924–932.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. A. Bayer: Der kleine Volksvereinsprozeß im Dezember 1933 in Mönchengladbach. 1982, S. 17.
  2. A. Vicdani Doyum: Alfred Kantorowicz unter besonderer Berücksichtigung seines Wirkens in İstanbul (Ein Beitrag zur Geschichte der modernen Zahnheilkunde). Medizinische Dissertation, Würzburg 1985, S. 78–81
  3. Altstadtfriedhof Aschaffenburg
  4. Friedrich-Dessauer-Schule, Limburg(Lahn)