Li Wenliang

chinesischer Augenarzt, warnte frühzeitig vor COVID-19

Li Wenliang (chinesisch 李文亮, Pinyin Lǐ Wénliàng; * 12. Oktober 1986 in Beizhen; † 7. Februar 2020 in Wuhan) war ein chinesischer Augenarzt in der Stadt Wuhan.

Li wurde bekannt, weil er schon frühzeitig die Gefahren der durch die neue Coronavirusvariante SARS-CoV-2 verursachten Lungenentzündung COVID-19 erkannte und seine ärztlichen Kollegen davor warnte. Er wurde dafür von den chinesischen Behörden wegen Verbreitung von „Gerüchten“ gemaßregelt. Li erkrankte später im Verlauf der COVID-19-Pandemie selbst an einer Lungenentzündung und starb im Alter von 33 Jahren an den Folgen dieser Infektion.[1][2]

BiografieBearbeiten

Li wurde in Beizhen in der Provinz Liaoning geboren und studierte ab 2004 sieben Jahre Medizin an der Universität Wuhan, wo er als Arzt approbiert wurde. Er spezialisierte sich auf Augenheilkunde und war zuletzt am Zentralkrankenhaus Wuhan tätig.[3] Er war Mitglied der KP Chinas.[4]

Whistleblower der Coronavirus-Pneumonie 2019/2020Bearbeiten

Als Ende Dezember 2019 eine Serie von Lungenentzündungen in Wuhan auffällig wurde, informierte er am 30. Dezember 2019 in einer WeChat-Gruppe seine Arztkollegen über sieben Patienten, die mit Verdacht auf eine Infektion mit dem SARS-Virus im Zentralkrankenhaus Wuhan behandelt wurden.[5][3] Damit erregte er jedoch den Unmut der chinesischen Behörden, die vor allem bestrebt waren, keine Panik in der Bevölkerung aufkommen zu lassen. Die Gesundheitskommission der Stadt Wuhan hatte am Tag von Lis Posting eine Anweisung herausgegeben, wonach Informationen über die neuartige Lungenentzündung nur von autorisierten Personen an die Öffentlichkeit weitergegeben werden dürften.[3]

 
Die im Internet veröffentlichte, von der Polizei erzwungene Erklärung Li Wenliangs[6]

Am 1. Januar 2020 berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, dass acht Personen in Wuhan strafrechtlich belangt würden, weil sie Falschinformationen im Internet verbreitet hätten, was „negative soziale Folgen“ haben könne. In derselben Meldung wurde bekräftigt, dass es keine Anzeichen für eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung der neuen Erkrankung oder eine Infektion des medizinischen Personals gebe.[7] Vier Tage nach seinem Online-Posting wurde Li in das Sicherheitsbüro der Stadt Wuhan einbestellt. Dort wurde er genötigt, eine Erklärung zu unterschreiben, in der er beschuldigt wurde, „unwahre Behauptungen gemacht“ zu haben, die die „gesellschaftliche Ordnung ernsthaft gestört“ hätten. Das Schreiben endete mit der Feststellung: „Wir wünschen, dass Sie sich beruhigen und sorgfältig nachdenken, und möchten Sie ernsthaft warnen: Wenn Sie weiter halsstarrig bleiben, Ihre Vergehen nicht bedauern und mit diesen illegalen Aktivitäten fortfahren, werden Sie strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden – haben Sie das verstanden?“ Li unterschrieb mit „Ich habe verstanden“ (明白). Ende Januar veröffentlichte er eine Kopie des Schreibens auf der Internetplattform Weibo. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Behörden bereits öffentlich bei Li entschuldigt.[5][8]

Coronavirus-InfektionBearbeiten

Eine Woche nach der behördlichen Verwarnung, am 10. Januar, zeigte er erste Symptome. Li infizierte sich bei einer Patientin mit dem Coronavirus SARS-CoV-2. Seine Eltern erkrankten ebenfalls. Auf Weibo beschrieb er seine Symptome. Es begann mit einem Husten, einen Tag später entwickelte er Fieber und weitere zwei Tage später musste er im Krankenhaus aufgenommen werden. Nach seinen Aussagen fielen mehrere Tests auf das neuartige Coronavirus negativ aus. Am 30. Januar 2020 meldete er schließlich, dass der Nukleinsäuretest positiv ausgefallen sei. Das Posting signierte er mit einem Emoji, das einen kleinen Hund mit zurückgerollten Augen und heraushängender Zunge zeigte. Mittlerweile hatte er zahllose Leser aus ganz China, die Tausende von unterstützenden Kommentaren abgaben.[5]

Tod und Würdigung der LebensleistungBearbeiten

Am 6. Februar 2020 berichteten verschiedene chinesische Medien, dass Li gestorben sei.[9] Wenig später gab es dann Berichte, dass er noch lebe, allerdings in einem kritischen Zustand sei und mittels ECMO behandelt werde.[10] Wenige Stunden später folgte dann die endgültige Todesnachricht.[5][10] Der Umgang der chinesischen Zensur mit der Todesnachricht und der öffentlichen Diskussion war ein Thema der internationalen Berichterstattung.[11]

Li Wenliang erkannte drei Wochen vor der internationalen Anerkennung der COVID-19-Pandemie diese neue Erkrankung, als er feststellte, dass sieben Patienten offensichtlich zeitnah auf dem "Huanan Seafood Wholesale Market" von Wuhan von SARS-ähnlichen Viren angesteckt worden waren. Seine Wahrnehmung gründete sich allein auf der klinischen Beobachtung plausibler medizinischer Zusammenhänge ohne die Durchführung spezieller Labortests oder bildgebender Untersuchungen. Li Wenliang war seiner Ausbildung nach spezialisiert auf Augenheilkunde, aber diese Art von klinischer Beobachtung gehört zu den Grundfähigkeiten, die jeder Arzt unabhängig von seiner Spezialisierung entwickelt haben sollte.[12]

FamilieBearbeiten

Li hinterließ ein Kind und seine schwangere Frau.[13] Als er erste Symptome zeigte, nahm er ein Hotelzimmer, um die Familie nicht anzustecken. Seine Eltern infizierten sich ebenfalls mit dem Coronavirus,[14] überlebten aber die Infektion.[15]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Li Wenliang – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Coronavirus: Krankenhaus bestätigt Tod von Whistleblower-Arzt. In: spiegel.de. Der Spiegel, 7. Februar 2020, abgerufen am 7. Februar 2020.
  2. Georg Fahrion, DER SPIEGEL: Coronavirus: Li Wenliang - das Vermächtnis des Whistleblowers - DER SPIEGEL - Politik. Abgerufen am 7. Februar 2020.
  3. a b c 新冠肺炎“吹哨人”李文亮确诊 曾被警方训诫(更新) („Der Whistleblower der neuartigen Coronavirus-Pneumonie Li Wenliang: Die Wahrheit ist das Wichtigste (Update)“). In: china.caixin.com. Caixin, 7. Februar 2020, abgerufen am 7. Februar 2020 (chinesisch).
  4. Arzt Li Wenliang - Posthum ein Nationalheld, Deutsche Welle, 7. Februar 2020, zuletzt abgerufen am 2. Mai 2020
  5. a b c d Stephanie Hegarty: The Chinese doctor who tried to warn others about coronavirus. BBC News, 6. Februar 2020, abgerufen am 6. Februar 2020 (englisch).
  6. 8人因网上散布“武汉病毒性肺炎”不实信息被依法处理 („8 Personen werden aufgrund Online-Verbreitung von Falschinformationen zur ‚Wuhan-Virus-Lungenentzündung‘ strafrechtlich belangt“). Xinhua, 1. Januar 2020, abgerufen am 7. Februar 2020 (chinesisch).
  7. Friederike Böge: Coronavirus: Er schlug als Erster Alarm. In: faz.net. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Februar 2020, abgerufen am 7. Februar 2020.
  8. Friederike Böge: Li Wenliang: Er warnte vor dem Coronavirus – jetzt ist er tot. In: faz.net. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Februar 2020, abgerufen am 7. Februar 2020.
  9. a b Cissy Zhou: Coronavirus: Whistle-blower Dr Li Wenliang confirmed dead of the disease at 34, after hours of chaotic messaging from hospital. In: scmp.com. South China Morning Post, 7. Februar 2020, abgerufen am 7. Februar 2020 (englisch).
  10. Analysis by James Griffiths CNN: China's censors tried to control the narrative on a hero doctor's death. It backfired terribly. Abgerufen am 7. Februar 2020.
  11. Parrish 2nd, R.K., Chang, T.C., Duncan Powers, S.L.: The value and caveats of interpreting small case series: implications for patient care. In: https://doi.org/10.1016/j.ajo.2019.10.027. New York.
  12. Chris Buckley: Chinese Doctor, Silenced After Warning of Outbreak, Dies From Coronavirus. In: The New York Times. 6. Februar 2020, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 7. Februar 2020]).
  13. Chao Deng and Josh Chin: Chinese Doctor Who Issued Early Warning on Virus Dies. In: Wall Street Journal. 7. Februar 2020, ISSN 0099-9660 (wsj.com [abgerufen am 7. Februar 2020]).
  14. China startet Untersuchung nach Arzt-Tod. Tagesschau.de. 7. Februar 2020, abgerufen am 7. Februar 2020.
  Anmerkung: Bei diesem Artikel wird der Familienname vor den Vornamen der Person gesetzt. Das ist die übliche Reihenfolge im Chinesischen. Li ist hier somit der Familienname, Wenliang ist der Vorname.