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  • דִּבְרֵי הַיָּמִיםErste und Zweite Chronik (als ein Buch)
Lehr- bzw. Weisheitsbücher
des Alten Testaments

Namen nach dem ÖVBE. Pseudepigraphen
der Septuaginta sind kursiv gesetzt.

Kohelet (abgekürzt Koh; hebräisch קֹהֶלֶת „Versammler“) ist ein Buch des Tanach, das dort zu den Ketuvim („Schriften“) gehört. Im christlichen Alten Testament (AT) wird es zu den Büchern der Weisheit gezählt. In der Lutherbibel trägt das Buch den Titel Der Prediger Salomo. Kennzeichnend für diese biblische Schrift ist ihre Multiperspektivität. Einige Ausleger sehen Kohelet von einem tiefen Pessimismus und Skeptizismus geprägt. Andere dagegen verstehen ihn als einen Weisheitslehrer, der zu heiterer Gelassenheit angesichts der unbegreiflichen Wechselfälle des Lebens aufruft.

Die Gesamtaussage des Buches muss im Zusammenhang mit Kohelets Absicht verstanden werden, eine sinnvolle Lebensführung zu finden. Er setzt sich mit der traditionellen Weisheit auseinander, insbesondere mit dem Tun-Ergehen-Zusammenhang: Dem Gerechten wird es gut ergehen, dem Frevler schlecht. Kohelet stellt fest, dass die Erfahrung oft das Gegenteil lehrt. Außerdem kommt er zu der Erkenntnis, dass der Tod letztendlich jede Errungenschaft des Lebens auslösche. Daher empfiehlt er, das Gute im Leben als Gottes Gabe zu genießen, da die Zukunft ungewiss sei. Kohelet ist das Buch des Alten Testaments mit den stärksten Affinitäten zur Philosophie.

Inhaltsverzeichnis

NameBearbeiten

Das hebräische Wort קֹהֶלֶת Ḳohelet bezeichnet nach Koh 1,1 EU eine Person, deren Lehren den Inhalt des Buchs bilden. Teilweise wird Kohelet im Buch wie ein Eigenname verwendet. Es ist ein Partizip Femininum zum Verb קהל ḳahal „sammeln“, man könnte also übersetzen: „die Sammelnde“. Da dieses feminine Partizip aber mit einem maskulinen Verb konstruiert wird und Kohelet außerdem in 1,1 als „Sohn Davids“ bezeichnet wird, ist Kohelet ein männliches Wesen. Es gibt im Bibelhebräischen vergleichbare Bezeichnungen von Männern mit einem Partizip Femininum; dabei handelt es sich um Funktionsbezeichnungen, Ämter, die die betreffenden Männer ausübten. Das ist auch hier anzunehmen. Eine Amtsbezeichnung wird sekundär als Personenbezeichnung verwendet.[1] Zwei Interpretationen sind möglich, die beide Anhalt im Buch finden:

  • Kohelet war ein Sammler von Sprichwörtern, die er verbesserte und in Form brachte (vgl. Koh 12,9 EU).
  • Kohelet versammelte Menschen. Dabei kann es sich dem Inhalt des Buches nach aber weder um eine politische Versammlung noch um die Kultgemeinde gehandelt haben, sondern Kohelet trat in der Art griechischer Wanderphilosophen öffentlich auf und versammelte einen Schülerkreis um sich.[2]

Die antiken Übersetzer ins Griechische (Septuaginta) entschieden sich, Kohelet als Ekklesiastes (Ἐκκλησιαστής), „Redner in einer Volksversammlung“, zu übersetzen. Davon abgeleitet ist der lateinische Buchtitel in der Vulgata: Liber Ecclesiastes. Der Bibelübersetzer Hieronymus schlug als Übersetzung ins Lateinische contionator beziehungsweise concionator („Volksredner“) vor, weil der Verfasser sich nicht an eine einzelne Person, sondern an die Öffentlichkeit insgesamt wende.[3] Martin Luthers Buchtitel „Prediger Salomo“ schließt sich an diese Tradition an.

Identifikation mit SalomoBearbeiten

 
Antike Wasserreservoirs nahe Jerusalem erhielten aufgrund von Koh 2,6 EU den Namen Teiche Salomos

Der Name des israelitischen Königs Salomo wird zwar im ganzen Text nicht genannt, aber die Identifikation des Autors mit Salomo ist im Buch schon angelegt. Das „Ich“, das im Buch zu Wort kommt, stellt sich folgendermaßen vor: „Ich, Kohelet, war in Jerusalem König über Israel.“ (Koh 1,12 EU) Damit wird eine „salomonische Spur“ gelegt,[4] die mit einem Vorwissen der Leser über Salomo rechnet.

Die historisch-kritische Exegese ist sich darin einig, dass das Koheletbuch eines der jüngeren Bücher des Tanach ist. Der historische Salomo ist demnach nicht der Autor, vielmehr ist „Salomo“ eine Rolle, die Kohelet annimmt; man nennt dies die Salomo- oder Königsfiktion. Kohelet schlüpft in den Mantel des Salomo, weil ein märchenhaft reicher und kluger Herrscher alle Möglichkeiten hat, sein Leben mit Hilfe der Weisheit selbst zu gestalten.[5] Dabei sind die Exegeten uneins, ob die Rolle des Philosophenkönigs ab der Passage Koh 2,25 EU aufgegeben wird (Norbert Lohfink: „Der Königsmantel sinkt dann … zu Boden“[6]) oder bis zum Ende des Buches durchgehalten ist.

An Salomo interessiert seine „Weisheit“ (hebräisch חָכְמָה ḥokhmāh), wobei auf verschiedene Salomotraditionen angespielt wird: Salomos Gebet um Weisheit (1 KönEU) und Salomo als Weisheitslehrer (Spr 1,1–3 EU). Ging es in den älteren Texten um Weisheit als Bildungsgut, das königliche Beamte und auch der König selbst für die Regierungsgeschäfte brauchen, so wird die Weisheit in jüngeren Texten religiös aufgeladen. In den Kapiteln Spr 1 bis 9 konvergieren Weisheit und Tora.[7] Sie sind eine Ergänzung des Sprüchebuchs aus hellenistischer Zeit und damit nur wenig älter als Kohelet.

Entstehungszeit und -ortBearbeiten

 
Die Herrschaft der Tobiadenfamilie über Palästina wird oft als zeitgeschichtlicher Hintergrund des Koheletbuchs betrachtet.[8] Foto der archäologischen Stätte Qasr el-Abd, die mit Tyros identifiziert wird, der Residenz des Tobiaden Hyrkanos im Ostjordanland

Das Hebräisch des Buchs Kohelet ist eigenartig und deutet auf eine späte Entstehung des Textes hin. Zwar könnte man einige Unterschiede zum klassischen Bibelhebräisch auch durch Dialekt oder Umgangssprache erklären, aber zusammengenommen brachten die Auffälligkeiten Franz Delitzsch bereits 1875 zu dem Schluss: Wenn das Koheletbuch von Salomo stammte und also im 10. Jahrhundert v. Chr. geschrieben worden wäre, „so gäbe es keine Geschichte der hebräischen Sprache.“[9] Die Spätdatierung ist heute Konsens der Forschung.[10] Sie wird gestützt durch die Beobachtung, dass zwei Lehnwörter aus dem Persischen auftreten: hebräisch פַּרְדֵּס pardēs „Baumgarten“ (als Lehnwort im Deutschen: Paradies); hebräisch פִּתְגָם pitgām „Botschaft“. Außerdem gibt es im Wortschatz sowie der Grammatik Einflüsse des Aramäischen. Als die Provinz Jehud Teil des persischen Weltreichs war, hat dies in der hebräischen Sprache Spuren hinterlassen. Sie sind ein Merkmal der jüngeren Schriften des Tanach.

Die ältesten identifizierten Zitate oder Übernahmen aus dem Buch Kohelet enthält das Buch Jesus Sirach, das im frühen 2. Jahrhundert v. Chr. verfasst worden sein dürfte: Sir 39,12–35 EU kann als kritische Auseinandersetzung mit KohEU verstanden werden. Viele Forscher nehmen eine Entstehung in der frühen hellenistischen Zeit (3. Jahrhundert v. Chr.) an. Als Entstehungsort wird heute überwiegend Jerusalem vermutet, aber auch Alexandria wäre möglich.[11] Der kleine Tempelstaat Judaia war (innerhalb der Provinz Syrien und Phönizien) Teil des Ptolemäerreichs. Für die lokale Elite eröffneten sich neuartige Möglichkeiten der Lebensgestaltung, wie die Biografien der Tobiaden Josef und Hyrkanos zeigen. JiSeong James Kwon nennt eine Reihe von Motiven, die in der Tobiadenfamilie wichtig waren und im Koheletbuch angesprochen werden, darunter eine distanzierte Haltung zum Jerusalemer Tempel, ein Interesse an Palast- und Gartenarchitektur sowie an internationalen Bankgeschäften.[12]

Möglich ist eine allgemeine atmosphärische Beeinflussung Kohelets durch den Zeitgeist oder eine konkrete Auseinandersetzung mit griechischer Kultur. Letzteres hieße, dass man „gewissermaßen ein interkulturelles Diskussionsforum rekonstruiert, an dem Kohelet teilnimmt.“[13]

Diethelm Michel dagegen meint, dass das Koheletbuch aus einer innerjüdischen Problemkonstellation heraus verständlich sei; der hellenistische Hintergrund seiner Entstehungszeit sei zum Verständnis des Buches nicht notwendig. Kohelet argumentiere in zwei Richtungen:[13]

  • gegen die Meinung, man könnte sich mit richtigem Handeln einen bleibenden Gewinn oder Vorteil (hebräisch יִתְרוֹן yitrōn) im Leben verschaffen;
  • gegen Askese, Leiden an der Welt und Hoffnung auf einen Ausgleich im Jenseits als Konsequenz aus der Erfahrung, dass der Tun-Ergehen-Zusammenhang (dem Guten ergeht es gut, dem Frevler schlecht) empirisch oft nicht aufgeht – eine beunruhigende Erfahrung, die Kohelet teilt (Koh 8,14 EU).

Stellung im KanonBearbeiten

Das Koheletbuch gehört zur hebräischen Weisheitsliteratur und ist zugleich ein Spätling in diesem Schrifttum.

Im Tanach wird es zum Kanonteil Ketuvim gezählt und außerdem zu den fünf Buchrollen (Megillot), die jüdischen Festtagen zugeordnet sind. In der Anordnung der Megillot gibt es zwei Traditionen:

  • nach der Reihenfolge der Feste im jüdischen Kalender: Hoheslied – Rut – Klagelieder – Kohelet – Ester
  • nach der im Mittelalter angenommenen Entstehungszeit: Rut – Hoheslied – Kohelet – Klagelieder – Ester

In der Antike gab es aber auch eine andere Gliederung des Kanonteils Ketuvim, wobei Kohelet zwischen dem Buch der Sprichwörter und dem Hohenlied angeordnet war. Sie wurde von der griechischen Übersetzung (Septuaginta) übernommen und für die christliche Tradition prägend. Ludger Schwienhorst-Schönberger zufolge hat diese Reihenfolge ihre Logik, denn das Koheletbuch setze sich kritisch mit der älteren Weisheit auseinander, wie sie im Buch der Sprichwörter vorliegt, und rufe zum Lebensgenuss auf, welcher das zentrale Thema des Hohenlieds ist.[14]

AufbauBearbeiten

Die ältere Exegese (Franz Delitzsch 1875, Kurt Galling 1940) sah im Koheletbuch eine lockere Sammlung von Sentenzen. Walther Zimmerli (1974) arbeitete jedoch heraus, dass Koh 1,12–2,26 einen Spannungsbogen bildet. Darauf bauten viele spätere Exegeten auf. In den Kapiteln 1 bis 3 wird oft eine kompositionelle Einheit („Traktat“) erkannt, die entweder mit Koh 3,15 EU endet oder bis Koh 3,22 EU reicht.[15]

In der neueren Exegese überwiegt die Annahme, dass das komplette Koheletbuch planvoll gestaltet sei. Eine das ganze Buch umgreifende Gesamtkomposition nahm Norbert Lohfink an (1980, Hauptübersetzer für Kohelet in der Einheitsübersetzung). Er sah ein spannungsvolles Zugleich von linear-dynamischer und „palindromischer“ Anordnung. Die „palindromische“ Konzeption Lohfinks, in deren Mittelpunkt die Religionskritik (Koh 4,17–5,6) stand, blieb eine Minderheitsmeinung, während Franz-Josef Backhaus und Ludger Schwienhorst-Schönberger Lohfinks lineare Gliederung modifizierten. Bei Schwienhorst-Schönberger (1997) ergibt sich daraus folgende Struktur des Textes:[16]

1,1 Überschrift
1,2 Rahmen und Mottovers Windhauch
1,3 – 3,22 Propositio Möglichkeit menschlichen Glücks
4,1 – 6,9 Explicatio Auseinandersetzung mit traditionellen Wertvorstellungen
6,10 – 8,17 Refutatio Abweisung anderer Glücksbestimmungen
9,1 – 12,7 Applicatio Praktische Konsequenzen
12,8 Rahmen und Mottovers Windhauch
12,9 – 14 Nachworte

Schwienhorst-Schönberger sieht, wie seine Gliederung zeigt, formale und inhaltliche Gemeinsamkeiten des Koheletbuchs mit der hellenistischen Diatribe.[17] Schon Lohfink hatte Kohelets Nähe zur Diatribe mit ihrer „auf Wirkung und Bekehrung abgestimmten Redepragmatik“ hervorgehoben: „Relativ früh steht nach eingen Schockoperationen die Hauptthese deutlich da. Dann wird sie vertieft, verteidigt, in die Lebenspraxis verlängert.“[18]

EinheitlichkeitBearbeiten

Dem Koheletbuch wurden zwei Nachworte von verschiedenen Herausgebern angefügt.

  • Der erste Herausgeber hat die Überschrift Koh 1,1 EU und das Nachwort (Kolophon) Koh 12,8–11 EU hinzugefügt.
  • Der zweite Herausgeber fügte Koh 12,12–14 EU hinzu. Dabei handelt es sich um eine Uminterpretation der Lehre Kohelets, um sie in die weisheitliche Schultradition zurückzuholen, von der sich Kohelet distanziert hatte.[19]

Es ist immer aufgefallen, dass es im Buch Spannungen und Widersprüche gibt. Zu ihrer Erklärung wurden verschiedene Modelle vorgeschlagen.

Widersprüche können ein Indiz dafür sein, dass Texte verschiedener Autoren zusammengearbeitet wurden. Die extreme Anwendung der literarkritischen Methode brachte Carl Siegfried (1898) dazu, neun Schichten im Koheletbuch zu unterscheiden. Das war nicht konsensfähig. Für diese Forschungsrichtung steht in neuerer Zeit das von Aarre Lauha (1978) und James L. Crenshaw (1987) vertretene „Glossenmodell“: Redaktoren fügten demzufolge in das Koheletbuch dogmatische Korrekturen als Glossen ein. Der Vers Koh 11,9b EU wird in der Exegese allgemein als eine nachträgliche Hinzufügung angesehen.[20]

Manche sehen in den Widersprüchen des Textes eine spezifische Eigenart des Koheletschen Denkens, ein „Zwar–Aber“. James A. Loader (1986) fand dafür die Formulierung „polar structures.“ Auf theoretischer Ebene bezeichne Kohelet dieses Zwar–Aber mit seinen Windhauch-Aussagen; auf praktischer Ebene löse er die von ihm konstatierten Widersprüche durch den Aufruf zur Lebensfreude.[21]

Andere Ausleger nehmen an, dass Kohelet andere Meinungen zitiere, um sich dann kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen (so Lohfink und Michel). Allerdings sind Zitat und Kommentar schwer voneinander abzugrenzen. Das führt zu der Vermutung, dass gerade diese Uneindeutigkeit vom Autor gewollt sei: „Thesen und Antithesen fungieren wie eine Art von Navigation. Der Leser wird gelenkt, ohne daß er sofort und eindeutig die Widersprüche und Spannungen … verstehen und zuordnen kann.“ Diesen Ansatz vertreten etwa Krüger und Schwienhorst-Schönberger.[22]

ThemenBearbeiten

WindhauchBearbeiten

 
Junger Mann mit Schädel, Vanitas (Gemälde von Frans Hals, etwa 1626, National Gallery)

Ein Leitwort des Koheletbuchs ist hebräisch הֶבֶל hevel, im Status constructus: havel. Das Nomen bezeichnet konkret den Lufthauch und metaphorisch etwas Leichtes, Unbeständiges. (Der Eigenname Abel, hebräisch ebenfalls Hevel, stammt möglicherweise nicht von dieser Wurzel, ist aber ein sprechender Name, da Abel nach der biblischen Erzählung Gen 4 von seinem Bruder Kain ermordet wurde, sein Leben also kurz und flüchtig war). Außerhalb des Koheletbuchs begegnet hevel in der Hebräischen Bibel in Klagen über die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Vermeintlich Wertvolles wie Reichtum oder militärische Stärke kann sich als hevel erweisen. Polemisch werden andere Gottheiten und deren Kultbilder als machtlose Nichtse und hevel bezeichnet. Kohelet nimmt diesen Sprachgebrauch auf, gibt dem Wort aber auch eine eigene Bedeutung.

Als Mottovers ist Koh 1,2 dem Buch vorangestellt:

  • hebräisch הֲבֵ֤ל הֲבָלִים֙ אָמַ֣ר קֹהֶ֔לֶת הֲבֵ֥ל הֲבָלִ֖ים הַכֹּ֥ל הָֽבֶל׃ havel havālīm amar ḳohelet havel havālīm hakol hāvel.
  • Wörtliche Übersetzung: „Hauch der Hauche, sprach Kohelet, Hauch der Hauche, das alles – Hauch.“

Die Übersetzung der Vulgata blieb sehr eng am hebräischen Text: Vanitas vanitatum dixit Ecclesiastes / vanitas vanitatum omnia vanitas. „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, sagte der Ecclesiastes, Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist Nichtigkeit.“[23] Luther übersetzte: „Es ist alles ganz eitel…“, wobei „eitel“ im Deutschen seitdem aber eine Bedeutungsveränderung durchlaufen hat: Die Grundbedeutung ist „leer“, daraus entwickelte sich „nichts als“ (z. B. eitel Gold), aber auch „eingebildet“, „weil Gehaltlosigkeit oft mit … Selbstüberschätzung verbunden ist.“[24]

Einige deutsche Übersetzungen von Koh 1,2 sollen die Bandbreite der möglichen Deutungen aufzeigen.

Martin Luther: Biblia Deudsch (1545) Es ist alles gantz Eitel / sprach der Prediger / Es ist alles gantz eitel.
Martin Buber/Franz Rosenzweig: Die Schrift (1929) Dunst der Dünste, spricht Versammler, Dunst der Dünste, alles ist Dunst.
Einheitsübersetzung (1980) Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.
Diethelm Michel: Qohelet (1988) Vollkommen absurd, sprach Qohelet, vollkommen absurd – alles ist absurd.
Zürcher Bibel (2007) Nichtig und flüchtig, sprach Kohelet, nichtig und flüchtig, alles ist nichtig.

LebensfreudeBearbeiten

Kohelet fragt nach dem „Guten“ im Leben, hebräisch טׂוב ṭov. Schwienhorst-Schönberger versteht darunter das menschliche Glück. Es konkretisiere sich als Glückserfahrung, nicht als Besitz materieller und sozialer Güter.[25] Köhlmoos bevorzugt den Begriff Lebensfreude. Das „Gute“ wird bei Kohelet jedenfalls als eine Gabe Gottes verstanden, die unverfügbar und flüchtig ist (Carpe-diem-Motiv).[26]

Gott und GottesfurchtBearbeiten

Der Gott Kohelets gewährt dem Menschen Gutes und dadurch Lebensgenuss; er ist außerdem Schöpfer und Lenker der Welt auf eine für den Menschen unerkennbare Weise. Allerdings sei er, so Melanie Köhlmoos, kein personales Gegenüber und greife auch nicht handelnd in die Welt ein. Damit habe Kohelet innerhalb des Alten Testaments eine Außenseiterstellung.[27] Auch Schwienhorst-Schönberger konstatiert einen Aspekt von Apersonalität. Kohelet betone den Geheimnischarakter des jüdischen Gottes.[28]

Nach Frank-Lothar Hossfeld empfiehlt Kohelet, den Kontakt zu Gott zu wahren, aber das Übermaß zu meiden und nicht zu versuchen, Gott zu manipulieren. Kohelets religiöse Grundhaltung sei Scheu und Respekt im Bewusstsein der Distanz zwischen Mensch und Gott.[29] Thomas Krüger definiert Kohelets Gottesfurcht als kritische Teilnahme an der religiösen Praxis. Die Gottesfurcht habe ihren Wert in sich und erwarte keine Belohnung.[30] Das Thema Gottesfurcht wird beispielsweise bei der Frage der Gelübde konkret. Kohelet rät eher von dieser religiösen Praxis ab. Wenn man aber trotzdem ein Gelübde abgelegt habe, so solle man es halten, ohne Ausflüchte zu suchen (Koh 5,3–6 EU).

AuslegungsgeschichteBearbeiten

JudentumBearbeiten

 
Dekoration für eine Laubhütte: Text des Koheletbuchs als Mikrographie, Tinte und Wasserfarbe auf Papier (Israel David Luzzatto, Triest um 1775, Jewish Museum)[31]

Die Zugehörigkeit des Koheletbuchs zum Bibelkanon war im Judentum zwischen dem 1. und 5. Jahrhundert n. Chr. noch umstritten. Das Buch wurde dann in den Kanon aufgenommen, weil man annahm, König Salomo sei der Urheber („Salomofiktion“). Die Weisheit Salomos wurde mit der Tora identifiziert, Kohelet als Toralehrer interpretiert.[32]

Der Brauch, das (gesamte) Koheletbuch an Sukkot (Laubhüttenfest) zu lesen, ist seit dem 11. Jahrhundert in einigen jüdischen Gemeinden bezeugt. Heute wird Kohelet in aschkenasischen Gemeinden an dem Sabbat gelesen, der in die Sukkot-Festwoche fällt, oder aber am achten Tag des Festes (Schmini Azeret). Kohelet wurde wohl dadurch zur Lesung des Laubhüttenfestes, dass die anderen vier Megillot klare inhaltliche Bezüge zu dem jüdischen Feiertag haben, an dem sie gelesen werden. Sukkot und Kohelet sind dabei quasi übrig geblieben und wurden deshalb miteinander verbunden. Nachträglich entdeckte man dann auch gewisse inhaltliche Bezüge: Kohelet empfiehlt die Freude – Sukkot ist ein fröhliches Fest. Kohelet spricht über Vergänglichkeit – die Laubhütte ist ein vergängliches Bauwerk.[33]

ChristentumBearbeiten

Die christliche Auslegung des Buchs prägte der Kirchenvater Hieronymus. Die drei Bücher, die Salomo zugeschrieben wurden, wenden sich Hieronymus zufolge an Menschen mit unterschiedlicher spiritueller Erfahrung: das Buch der Sprichwörter sei für Anfänger, das Koheletbuch für Fortgeschrittene und das Hohelied für die Vollkommenen.[34]

Die monastische Tradition las Kohelet als Anleitung zur Weltverachtung (contemptus mundi). Thomas a Kempis etwa entnahm Koh 1,2 die Aufforderung, alles Irdische zu verachten und nur himmlische Güter zu begehren.[35] Gegen diese Auslegungstradition wandten sich die Reformatoren, die das Buch als Aufruf zur gelassenen Erfüllung der alltäglichen Pflichten interpretierten. Ihre eigenen theologischen Fragestellungen prägten die Botschaft, die sie dem Koheletbuch entnahmen: Bestreitung des freien Willens (Martin Luther), göttliche Vorsehung (Philipp Melanchthon), Rechtfertigung (Johannes Brenz).[36]

In der Leseordnung der katholischen Kirche wird am 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) die erste Lesung dem Buch Kohelet entnommen (Koh 1,2. 2,21–23).[37] Außerdem werden in den Messen für die Werktage der 25. Lesewoche (Jahr II) Texte aus dem Buch Kohelet vorgetragen.

In der revidierten evangelischen Perikopenordnung (2018) sind 3,1–15 LUT am Altjahrsabend, 7,15–18 LUT an Septuagesimae und 12,1–7 LUT am 20. Sonntag nach Trinitatis als Lesung oder Predigttext aus dem Alten Testament vorgesehen. Damit ist Kohelet eines der biblischen Bücher, die durch die Revision mehr in den Blick der Gemeinde gerückt werden. In der vorherigen Perikopenordnung kam Kohelet nämlich nur marginal vor: Koh 3,1–14 war Predigttext am 24. Sonntag nach Trinitatis (Reihe III und VI). Diesen Sonntag gibt es im Kirchenjahr aber nur bei sehr frühem Ostertermin. Etwa einmal in 30 Jahren wurde über Kohelet gepredigt.[38]

Für Trauungen wird oft der Abschnitt 4,9–12 LUT verwendet, für Beerdigungen 3,1–8 LUT.[38]

RezeptionBearbeiten

Musikalische und literarische AdaptionenBearbeiten

  • In der Oper Kar – Musiktheater für den Berg (1994) adaptierten Komponist Herbert Lauermann, Librettist Christian Martin Fuchs und Regisseur Herbert Gantschacher 3,1–8 EU.
  • Der Titel des Justizromans A Time to Kill (1989) von John Grisham ist 3,3 KJV entnommen.
  • Oliver Stone stellte seinem Film Platoon (1986) den ersten Halbsatz von 11,9 KJV als Leitspruch voran („Rejoice O young man in thy youth […]“).
  • Zwei Lieder der Rock-Gruppe Die Puhdys zitieren das Koheletbuch: Wenn ein Mensch lebt (1974) nimmt Bezug auf Kapitel 3 LUT. Dabei diente die Textfassung der Luther-Übersetzung als Grundlage: Prediger 3,1: „Ein jegliches hat seine Zeit“, 3,2: „Geboren werden (im Liedtext: leben) und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist“, 3,5: „Steine zerstreuen und Steine sammeln“, 3,8: „Streit und Friede“. Alles hat seine Zeit (2005) bezieht sich ebenfalls auf Koh 3.[39]
  • Bernd Alois Zimmermanns Kompositionen Omnia tempus habent (1957) und Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne – Ekklesiastische Aktion (1970) sind eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Buch Kohelet.
  • In dem Lied Turn! Turn! Turn! (1950) adaptierte Pete Seeger 3,1–8 KJV.
  • Dem Roman The Sun Also Rises (1926) stellte Ernest Hemingway 1,4–7 KJV als Motto voran; der Buchtitel ist 1,5 KJV entnommen.
  • Der Titel des Romans The House of Mirth (1905) von Edith Wharton nimmt Bezug auf 7,4 KJV („The heart of the wise is in the house of mourning; but the heart of fools is in the house of mirth.“)
  • Der Titel des Romans The Golden Bowl (1904) von Henry James nimmt Bezug auf 12,6 KJV („… or the golden bowl be broken …“)
  • In dem Liederzyklus Vier ernste Gesänge (1896) adaptierte Johannes Brahms 4,1–4 LUT.
  • Vanitas! Vanitatum Vanitas! (1643) ist der Koh 1,2 entnommene, lateinische Titel einer Ode von Andreas Gryphius.

Geflügelte WorteBearbeiten

 
Emblematische Illustration von Kohelet 10,8 LUT, darunter eine gereimte Paraphrase; Holzschnitt von 1751

Georg Büchmann listet eine Reihe von Geflügelten Worten, die dem Koheletbuch entnommen sind:[40]

  • „Alles ist eitel“ (Koh 1,2 LUT),
  • „Alle Wasser laufen ins Meer“ (Koh 1,7 LUT),
  • „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne“ (Koh 1,9 LUT),
  • „Ein Jegliches hat seine Zeit“ (Koh 3,1 LUT),
  • „Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe“ (Koh 9,4 LUT),
  • „Weh dir, Land, dessen König ein Kind ist“ (Koh 10,16 LUT), bei Shakespeare: „Woe to that land that’s governed by a child“ (Richard III 2,3),
  • „Das sind die Tage, von denen wir sagen: Sie gefallen uns nicht“ (Koh 12,1 LUT).

LiteraturBearbeiten

Kommentare

Weitere Literatur

  • Annette Schellenberg: Erkenntnis als Problem. Qohelet und die alttestamentliche Diskussion um das menschliche Erkennen (= Orbus Biblicus et Orientalis. Band 188). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002. ISBN 3-525-53045-5.
  • Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung. In: Ders. (Hrsg.): Das Buch Kohelet: Studien zur Struktur, Geschichte, Rezeption und Theologie (= Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Band 254). Walter de Gruyter, Berlin / New York 1997. ISBN 3-11-015757-8. S. 5–38.
  • Alexander Achilles Fischer: Skepsis oder Furcht Gottes? Studien zur Komposition und Theologie des Buches Kohelet (= Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Band 247). Walter de Gruyter, Berlin / New York 1997. ISBN 3-11-015458-7.
  • Diethelm Michel: Untersuchungen zur Eigenart des Buches Qohelet (= Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Band 183). Walter de Gruyter, Berlin / New York 1989. ISBN 3-11-012161-1.
  • Diethelm Michel: Qohelet (= Erträge der Forschung 258). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, ISBN 978-3534083176.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Diethelm Michel: Qohelet, Darmstadt 1988, S. 2f. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 41.
  2. Norbert Lohfink: Kohelet, Würzburg 1980, 4. Aufl. 1993, S. 12.
  3. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 43.
  4. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 118.
  5. Diethelm Michel: Untersuchungen zur Eigenart des Buches Qohelet, Berlin / New York 1989, S. 18.
  6. Norbert Lohfink: Kohelet, Würzburg 1980, 4. Aufl. 1993, S. 23.
  7. Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2018, S. 40–42.
  8. Klaus Bringmann: Geschichte der Juden im Altertum. Vom babylonischen Exil bis zur arabischen Eroberung, Stuttgart 2005, S. 82–84.
  9. Franz Delitzsch: Hoheslied und Koheleth, Leipzig 1975, S. 197.
  10. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 109–111.
  11. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 24 f.
  12. JiSeong James Kwon: Gemeinsame intellektuelle Hintergründe in Kohelet und in der Familientradition der Tobiaden. In: Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 130 (2018), S. 235–251.
  13. a b Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 28.
  14. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 44 f.
  15. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 7–9. Siehe Walter Zimmerli: Das Buch Kohelet – Traktat oder Sentenzensammlung? In: Vetus Testamentum 24 (1974), S. 221–230.
  16. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 12.
  17. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 22 f.
  18. Norbert Lohfink: Kohelet, Würzburg 1980, 4. Aufl. 1993, S. 10.
  19. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 14.
  20. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 16 f.
  21. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 16.
  22. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung Berlin / New York 1997, S. 29 f.
  23. Andreas Beriger et al. (Hrsg.): Hieronymus BIBLIA SACRA VULGATA Lateinisch und deutsch. Band 3: Psalmi - Proverbia - Ecclesiastes - Canticum canticorum - Sapientia - Iesus Sirach. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 1918, S. 894 f.
  24. Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 21. unveränderte Auflage, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1975, S. 161.
  25. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 43.
  26. Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2018, S. 53–55.
  27. Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2018, S. 58 f.
  28. Ludger Schwienhorst-Schönberger: Kohelet, Freiburg 2004, S. 95.
  29. Frank Lothar Hossfeld: Die theologische Relevanz des Buches Kohelet. In: Ludger Schwienhorst-Schönberger (Hrsg.) Das Buch Kohelet: Studien zur Struktur, Geschichte, Rezeption und Theologie, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1997, S. 377–389, hier S. 385.
  30. Thomas Krüger: Kohelet (Prediger), Neukirchen-Vluyn 2000, S. 14
  31. Sukkah Decoration. In: Jewish Museum. Abgerufen am 12. März 2019.
  32. Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2018, S. 18, 21 f.
  33. Michael V. Fox: קהלת Ecclesiastes. The Jewish Publication Society, Philadelphia 2004. ISBN 0-8276-0742-3, S. xv.
  34. Melanie Köhlmoos: Kohelet, Göttingen 2018, S. 23.
  35. Norbert Lohfink: Kohelet, Würzburg 1980, 4. Aufl. 1993, S. 5.
  36. Thomas Krüger: Kohelet (Prediger), Neukirchen-Vluyn 2000, S. 61.
  37. 18. Sonntag im Jahreskreis C. In: Schott. Erzabtei Beuron, abgerufen am 12. März 2019.
  38. a b Detlef Dieckmann: Worte von Weisen sind wie Stacheln: eine rezeptionsorientierte Studie zu Koh 1–2 und zum Lexem dbr im Buch Kohelet, TVZ, Zürich 2012, S. 37 f.
  39. Detlef Dieckmann: Worte von Weisen sind wie Stacheln: eine rezeptionsorientierte Studie zu Koh 1–2 und zum Lexem dbr im Buch Kohelet, TVZ, Zürich 2012, S. 39.
  40. Georg Büchmann: Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des Deutschen Volks, 3. Aufl., Berlin 1866, S. 148 f.
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