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Kestnergesellschaft

Kunstverein mit Ausstellungen

Die Kestnergesellschaft (auch Kestner Gesellschaft) ist ein seit 1916 bestehender Kunstverein in Hannover und Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine. Die Kestnergesellschaft ist zu unterscheiden von dem ebenfalls in Hannover beheimateten kulturhistorischen Museum August Kestner. Beide hannoversche Institutionen sind nach August Kestner (1777–1853) benannt, der sich um das Kunst- und Kulturleben der Stadt verdient gemacht hatte. Als erste Frau in der Geschichte des Hauses leitet seit 2015 Christina Végh die Kestnergesellschaft.

Eingangshalle der Kestnergesellschaft im früheren Goseriedebad, im November 2005

GeschichteBearbeiten

Gründung 1916 und erste JahreBearbeiten

Die Gesellschaft wurde am 31. August 1916, in den wirtschaftlich schwierigen Jahren des Ersten Weltkriegs, gegründet.[1] Zu den Gründungsmitgliedern gehörte der Sanitätsrat und Kunstliebhaber Leo Catzenstein.[2] Die Gründung erfolgte zusammen mit der Hannoverschen Sezession zur Belebung des Kunstlebens. Gründungsanlass war das als „stocksteif“ kritisierte kulturelle Klima der Provinzstadt Hannover, in welcher der Stadtdirektor unabhängige Ausstellungsmöglichkeiten, insbesondere für zeitgenössische Kunst, verhinderte. Daraufhin hatten der Direktor des Kestner-Museums und Direktor der Städtischen Galerie Brinckmann in Gemeinschaft mit dem Maler und Direktor der Kunstgewerbeschule Wilhelm von Debschitz beschlossen, einen neuen Verein ins Leben zu rufen. Das Anliegen war, international wichtige Künstler mit ihren aktuellen Werken nach Hannover zu holen. Der erste Direktor der Räume in der Königstraße war Paul Erich Küppers (1890–1922).[3] Zu den Gründern gehörten neben dem Fabrikanten Hermann Bahlsen und dem Verleger August Madsack auch der Inhaber der Pelikanwerke Fritz Beindorff. In der ersten Ausstellung wurden neue Bilder von Max Liebermann gezeigt.

Nach dem Ersten Weltkrieg stellte die Schauburg ihre Bühne zwischen Dezember 1919 und April 1920 der Kestnergesellschaft „für einige mutige Theater-Experimente zur Verfügung“.[4][5] Unter Eckart von Sydow, dem zweiten Direktor nach Küppers frühem Tod, erhielt El Lissitzky im Jahr 1923 eine erste Ausstellung und den Auftrag, eine Mappe mit Lithografien als Jahresgabe für die Mitglieder zu entwerfen. Es entstand die sogenannte Proun-Mappe. Im gleichen Jahr wurden noch fünf weitere Mappen von Karl Schmidt-Rottluff, Max Kaus, Martel Schwichtenberg, Willy Robert Huth und László Moholy-Nagy aufgelegt.[6] Der Verein hatte unter der Leitung von Alexander Dorner und Justus Bier seine Blüte als Wegbereiter zur modernen Kunst.

Schließung 1936Bearbeiten

 
2016 installierte Gedenktafel zur Ehren des ehemaligen Direktor Justus Bier am Gebäude des ehemaligen Goseriedebades in Hannover, heute Sitz der Kestnergesellschaft

Im Jahr 1936 drängten die Nationalsozialisten auf die Entlassung des Direktors Justus Bier, weil er jüdischer Herkunft war. Der Vorstand der Kestnergesellschaft lehnte eine Kollaboration jedoch ab und entschied sich stattdessen 1936 zur Schließung. Justus Bier konnte über die Schweiz in die USA fliehen.[7]

Neugründung Warmbüchenstraße 1948Bearbeiten

Nachdem die Kestnergesellschaft 1936 ihren Betrieb eingestellt hatte, erfolgte die Neugründung 1948 in der Warmbüchenstraße. Dabei übernahm Alfred Hentzen die Direktion, von 1955 bis 1962 Werner Schmalenbach. Unterstützer waren unter anderem (erneut) Hermann Bahlsen, Wilhelm Stichweh, Bernhard Sprengel und Günther Beindorff, der Direktor der Pelikan-Werke. Von 1963 bis 1973 war Wieland Schmied der Leiter des Hauses, ab 1974 Carl Haenlein. Unter seiner Direktion bezog die Kestnergesellschaft 1997 das neue Haus in der Goseriede.

Goseriede 1997Bearbeiten

1997 bezog die Kestnergesellschaft nach einem Umbau das ehemalige Goseriedebad am Steintor.[8] Das Bad war 1902–1905 vom Stadtbaurat und späteren Abgeordneten des Provinziallandtages Carl Wolff als ein im Jugendstil gestaltetes Hallenbad erbaut worden. 1990 erwarb die Verlagsgesellschaft Madsack[9] das Gebäude und bot Teile (das ehemalige Damenbad und die Eingangshalle mit sämtlichen Nebenräumen) der Kestnergesellschaft zur Nutzung an. Das Herrenschwimmbad wurde vom Rundfunksender Radio ffn übernommen. Nach einem international besetzten Architektenwettbewerb mit Unterstützung der NORD/LB und der Stiftung Niedersachsen wurde das Haus von den hannoverschen Architekten Kai-Michael Koch, Anna Panse und Andreas Christian Hühn in Zusammenarbeit mit der Kestnergesellschaft bis 1997 umgebaut und im gleichen Jahr mit dem BDA-Preis ausgezeichnet. Es verfügt mit fünf Hallen auf zwei Ebenen über insgesamt 1500 m² Ausstellungsfläche, eine Bibliothek, eine Buchhandlung und ein Bistro-Restaurant.[10] Im Gegensatz zum Vorgängerhaus genügt es den Anforderungen eines modernen Ausstellungsbetriebes.[9] Der Standort liegt in unmittelbarer Nähe zum Anzeigerhochhaus.

Zum Vorstand und zum Kuratorium gehören namhafte Vertreter der Wirtschaft. Der Kunstverein ist mit etwa 3.500 Mitgliedern (2012) einer der größten und renommiertesten in Deutschland.[11] Für besonderes Aufsehen sorgte 2005 das Projekt Haus im Schlamm des spanischen Künstlers Santiago Sierra, bei dem ein begehbarer Raum mit Schlamm an den Bau des Maschsees erinnern sollte. 2007 kooperierten die hannoverschen Ausstellungshäuser Kestnergesellschaft, Kunstverein Hannover und Sprengel Museum Hannover bei der Ausstellung Made in Germany erstmals und zeigten parallel zur documenta eine Überblicksschau zur jungen zeitgenössischen Kunst von in Deutschland lebenden Künstlern. Über 60.000 Interessierte besuchten die Ausstellung, die von Mai bis August 2012 stattfand.[12][13] Die dritte Auflage der Kooperationsausstellung richtet sich 2017 erstmals thematisch aus und legt den Schwerpunkt auf die Produktion von Kunst und die Produktionsbedingungen in Deutschland.

Als Direktor war ab 2003 bis 2014 Veit Görner bestellt. Zuvor hatte dieser bereits als Kurator am Kunstmuseum Wolfsburg und als Diplompädagoge sowie Sozialtherapeut gearbeitet.[14]

Seit Mai 2015 leitet Christina Végh die Kestnergesellschaft. Die Kunsthistorikerin war von 2000 bis 2004 am Kunstmuseum Basel als Kuratorin tätig, von 2004 bis 2014 führte sie als Direktorin den Bonner Kunstverein. Geschäftsführerin ist seit 1981 Mairi Kroll. 2016 beging die Kestnergesellschaft ihr 100-jähriges Jubiläum.[15] Das Jubiläum stand ganz unter dem Motto „Stellung nehmen“ und wurde mit zwei Ausstellungen und zahlreichen Veranstaltungen und einem Jubiläumswochenende gefeiert. Ende 2019 verlässt Christina Végh die Kestnergesellschaft und wird 2020 Direktorin der Kunsthalle Bielefeld.

Weitere PersönlichkeitenBearbeiten

Bekannte ausstellende KünstlerBearbeiten

 
Detail von For Whom (2012) von Kris Martin vor der Kestnergesellschaft

Zu den Künstlern, die in der mehr als 100-jährigen Geschichte in der Kestnergesellschaft ausgestellt wurden, zählen namhafte Künstler und Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts:

GremienmitgliederBearbeiten

  • Dr. Hinrich Holm, Vorstandsvorsitzender der Kestnergesellschaft
  • Torsten Leue, Vorsitzender des Kuratoriums
  • Dr. Carl Haenlein, Ehrenmitglied des Kuratoriums

KestnerchronikBearbeiten

Die Geschichte der Kestnergesellschaft ist in einer dreibändigen Chronik festgehalten. Die Chronikbände 1 bis 3 dokumentieren die fast 100 Jahre Kestner-Historie von 1916 bis 2011. Bereits 1966 hatte der damalige Direktor Wieland Schmied mit der umfassenden Dokumentation Wegbereiter zur modernen Kunst einen Überblick über die ersten 50 Jahre der Kestnergesellschaft geliefert. An die Tradition dieses lange vergriffenen Standardwerkes schließt die neue Chronikreihe an. Das erste Buch, erschienen im Jahr 2006, erzählt die Geschichte der Kestnergesellschaft von ihrer Gründung 1916 in der Königstraße bis zu ihrer Schließung auf Druck der Nationalsozialisten im Jahr 1936. Buch 2 der Chronik aus dem Jahr 2009 setzt nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Wiederaufbau der Kestnergesellschaft in der Warmbüchenstraße ein. Der dritte und vorläufig letzte Band schließlich dokumentiert die Zeit ab 1997 im aktuellen Domizil der Kestnergesellschaft in der Goseriede 11. Zahlreiche Fotografien von Künstlern und Kunstwerken, Abbildungen von historischen Dokumenten und ausführliche Texte zu Ausstellungen und Veranstaltungen illustrieren die erfolgreiche Arbeit und ereignisreiche Geschichte der Kestnergesellschaft. Mit der Chronik erhält der Leser nicht nur einen Einblick hinter die Kulissen eines der renommiertesten Kunstvereine Deutschlands, sondern zugleich einen Überblick über die wichtigsten Eckdaten internationaler zeitgenössischer Kunst.

KestnereditionenBearbeiten

Die Kestnereditionen erscheinen seit 2003 regelmäßig zu jeder Ausstellung. Grafik, Fotografie oder andere Arbeiten werden exklusiv für die Mitglieder der Kestnergesellschaft in geringer Auflage und zu einem günstigen Preis angeboten.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ines Katenhusen: Kestner-Gesellschaft, kestnergesellschaft (siehe Literatur)
  2. Peter Schulze: Catzenstein, Leo. In: Dirk Böttcher, Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein, Hugo Thielen: Hannoversches Biographisches Lexikon. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2002, ISBN 3-87706-706-9, S. 84; online über Google-Bücher
  3. Alchimie im Damenbad - Im altneuen Haus mit Rebecca Horn: Die Kestner-Gesellschaft in Hannover im dritten Stadium (Elke von Radziewsky in DIE ZEIT, 22/1997)
  4. Klaus Mlynek: Schauburg, in: Geschichte der Stadt Hannover, Band 2, Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, mit Beiträgen von Dieter Brosius, Klaus Mlynek und Waldemar R. Röhrbein, Hannover: Schlütersche, 1994, ISBN 3-87706-364-0, S. 469f., 571
  5. Ines Katenhusen: Kunst und Politik, S. 266. 1998
  6. 1923. Die Mappen der Kestner-Gesellschaft. (Kaus, Lissitzky, Moholy-Nagy, Schmidt-Rottluff und Schwichtenberg) 09. April 2008 bis 29. Juni 2008. In: artmap. Sprengel Museum, abgerufen am 22. Oktober 2019.
  7. Im Palast der Fantasie Die Kestner-Gesellschaft in Hannover begeht ihr 75-jähriges Jubiläum [...] Der Kunstauffassung der Nazis hatte der Verein sich in den Dreißigerjahren verweigert von Harald Fricke (24. August 2002) auf taz.de
  8. Geschichte: Umzug in die Goseriede. In: Website der Kestner Gesellschaft. Abgerufen am 22. Oktober 2019.
  9. a b Geschichte des Goseriedebades. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Website der Kestner Gesellschaft. Archiviert vom Original am 4. November 2008; abgerufen am 22. Oktober 2019.
  10. Und wann kommt Leonardo ins Damenbad? (Memento des Originals vom 19. September 2011 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.art-magazin.de art-magazin.de Heftarchiv - Ausgabe: 5/1997 S. 36–39
  11. Kestnergesellschaft stellt dritte Chronik vor / Übersicht / Aus der Stadt / Hannover - HAZ - Hannoversche Allgemeine
  12. Made in Germany Zwei
  13. Ausstellung "Made in Germany Zwei" in Hannover - SPIEGEL ONLINE
  14. Ende einer Ära – Neuer Direktor für Kestner-Gesellschaft (Joachim Güntner in der Neuen Zürcher Zeitung, 20. Juni 2002)
  15. Wo geht’s hier zur Avantgarde? in FAZ vom 16. August 2016, Seite 13

Koordinaten: 52° 22′ 39″ N, 9° 43′ 54″ O