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Historia gentis Langobardorum

Wikimedia-Geschichts-Artikel
Salzburger Handschrift der Historia gentis Langobardorum, die linke Seite eines beschnittenen Doppelblattes aus Pergament, etwa 205–208 × 122–131 mm, süddeutsch. Die Handschrift wurde als Einband verwendet und von einem Druck des Jahres 1697 abgelöst, die alte Signatur ist am ehemaligen Rücken noch lesbar: „XIX 45“ (?). Der Schriftraum ist einspaltig und umfasst 17 Zeilen in karolingischer Minuskel des 11. Jahrhunderts. Es handelt sich um eine Passage aus dem liber III, 18 f., in der Ereignisse des Jahres 585 geschildert werden.[1]
Der Anfang der Historia Langobardorum in einer humanistischen Handschrift. Biblioteca Apostolica Vaticana, Urbinas Lat. 984, fol. 2r (2. Hälfte des 15. Jahrhunderts)

Die Historia gentis Langobardorum (Geschichte der Langobarden) ist das Hauptwerk des langobardischen Mönchs Paulus Diaconus († wohl vor 800), das er gegen Ende seines Lebens verfasste. In seinem Werk versucht Paulus die Geschichte einer germanischen Gens, der Langobarden, nach den Grundsätzen antiker Geschichtsschreibung darzustellen, wobei er neben Legenden zahlreiche Hinweise auf die vorchristliche Religion der Langobarden bietet. Das Werk endet mit dem Tod König Liutprands im Jahr 744. Als Tugenden seines Volkes nennt er vor allem „Mut, Ergebenheit gegenüber seinen Führern, Ehrgefühl“.[2] Den Untergang des Reiches durch die Franken, den er auf die Vernachlässigung der Religion durch den langobardischen Herrscher zurückführt, stellt Paulus, der lange am fränkischen Hof lebte, nicht dar. Das Werk wurde vielfach kopiert, überliefert sind mehr als hundert Abschriften.

Zeitpunkt und Ort der Abfassung, Anlass, InhaltBearbeiten

Das Geschichtswerk in sechs Büchern wurde nach 787 und nicht später als 796 verfasst, denn der Paulus erwähnt mit keinem Wort die Zerschlagung des Awarenreiches in diesem Jahr durch einen der Söhne Karls des Großen. Paulus schrieb wohl in Montecassino, denn er erwähnt in seinem Werk, er habe im dortigen Kloster am ersten Buch gearbeitet (I, 26), ebenso wie am letzten (VI, 2 und 40). Auch erwähnt der Verfasser an mehreren Stellen, er habe das Opus nach seiner Rückkehr aus dem Frankenreich verfasst. Dem Werk fehlen die sonst übliche Widmung, ebenso wie Prolog und Epilog. Die These, er habe den Untergang des Langobardenreiches aus Schmerz nicht geschildert, gilt als unhaltbar, da er die langobardische Schuld daran sehr wohl erwähnt (V, 6), ebenso wie die der Päpste (IV, 29).

Nach einer These von Rosamond McKitterick[3] entstand das Werk möglicherweise auf Initiative Karls des Großen und seines Sohnes Pippin, um die Kenntnis über die Langobarden und das wechselseitige Verständnis zwischen diesen und den siegreichen Franken zu verbessern. Die Verbreitung lässt sich anhand früher Chroniken nachweisen, wie etwa in Neapel oder Salerno.

Die Historia umfasst die Geschichte der Langobarden von ihren mythischen Anfängen in Skandinavien bis zum Tode König Liutprands und beschreibt zahlreiche Vorgänge und Zustände im Oströmisch-byzantinischen Reich, bei den Franken und anderen Machtgruppen. Die Geschichte wird aus langobardischer Sicht dargestellt, Orientierung bietet vor allem die Dynastie. Im Gegensatz zu den Franken gibt es keine Verbindung von Reich und Papsttum. Paulus Diaconus beschreibt schwerpunktmäßig die Beziehungen zwischen Franken und Langobarden. Gegen den von Konstantinopel ausgehenden Bildersturm bezieht er eindeutig Position. Gegen die Verunglimpfung durch die Päpste setzt er ein bewusst in Latein abgefasstes Werk, womit sein Publikum offenbar mehr umfasste, als bloß die Langobarden. Alle gentes sollte dabei der Glaube verbinden (I, 4); die Schuld der Langobarden, die schließlich zu ihrem Untergang führte, lag darin, die Religion vernachlässigt zu haben.

Als Quellen nutzte Paulus die Origo Gentis Langobardorum, den Liber pontificalis, die verschollene Historiola des Secundus von Trient und die ebenfalls verlorenen Annalen von Benevent. Er machte freien Gebrauch von Beda Venerabilis, Gregor von Tours und Isidor von Sevilla.

EditionenBearbeiten

 
Beginn des Prologs der Historia Langobardorum, Antonio Miscomini, Florenz 1480

Von der Historia sind etwa einhundert Handschriften erhalten. Sie wurde häufig von späteren Autoren genutzt und oft ergänzt. In Auszügen erschien das Werk 1471 in Rom.[4] Die erste gedruckte Ausgabe erschien 1480 bei Antonio Miscomini in Florenz, die erste Ausgabe in Frankreich 1514 in Paris. Die beste lateinische Ausgabe ist die von Ludwig Bethmann und Georg Waitz in den Monumenta Germaniae Historica.

ÜbersetzungenBearbeiten

  • Otto Abel: Des Paulus Diakonus Geschichte der Langobarden, in: Ders.: Paulus Diakonus und die übrigen Geschichtschreiber der Langobarden, Berlin 1849, S. 11ff. (Digitalisat)
  • Otto Abel (Übers.), Alexander Heine (Hrsg.): Geschichte der Langobarden – Paulus Diakonus und die Geschichtsschreiber der Langobarden, Phaidon-Verlag, Essen 1992, ISBN 978-3-888-51097-7 (Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1878) (Digitalisat der Erstausgabe, Berlin 1849, bei Google Books).
  • Wolfgang F. Schwarz (Hrsg.): Paulus Diaconus: Historia Langobardorum – Geschichte der Langobarden, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009. ISBN 978-3-534-22258-2

LiteraturBearbeiten

  • Ernesto Sestan: La storiografia dell’Italia longobarda: Paolo Diacono, in: La storiografia altomedievale, Settimane di Studio del CISAM, 17, Spoleto 1970, S. 357–386.
  • Florus van der Rhee: Die germanischen Wörter in der “Historia Langobardorum” des Paulus Diaconus, in: Romanobarbarica V (1980) 271–296.
  • Karl Heinrich Krüger: Zur ‘beneventanischen’ Konzeption der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus, in: Frühmittelalterliche Studien XV (1981), 18–35.
  • Donald Auberon Bullough: Ethnic history and the Carolingians: an alternative reading of Paul the Deacon’s “Historia Langobardorum”, in: Ders. (Hrsg.): Carolingian renewal. Sources and Heritage, Manchester 1991, S. 97–122.
  • Walter Pohl: Paulus Diaconus und die „Historia Langobardorum“. Text und Tradition, in: Anton Scharer, Georg Scheibelreiter (Hrsg.): Historiographie im frühen Mittelalter, Symposion Zwettl 1993, Wien 1994, S. 375–405.
  • Florin Curta: Slavs in Fredegar and Paul the Deacon: medieval gens or “scourge of God”?, in: Early medieval Europe VI (1997) 141–167.
  • Paulus Diaconus, in: Benedetta Valtorta (Hrsg.): Clavis Scriptorum Latinorum Medii Aevi. Auctores Italiae (700-1000), Florenz 2006, S. 196–219.
  • Pedro P. Herrera Roldán: Pablo Diacono. Historia de los Longobardos, Cadíz 2006.
  • Alheydis Plassmann: Mittelalterliche origines gentium. Paulus Diaconus als Beispiel, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken LXXXVII (2007) 1–35 (online).
  • Walter Pohl: Heresy in Secundus and Paul the Deacon, in: Celia Martin Chazelle, Catherine Cubitt (Hrsg.): The Crisis of the Oikoumene. The Three Chapters and the failed Quest for Unity in the Sixth-Century Mediterranean, Turnhout 2007, S. 243–264.
  • Christopher Timothy Heath: Narrative Structures in the Work of Paul the Deacon, PhD, Manchester 2013. (online)

WeblinksBearbeiten

 Wikisource: Historia gentis Langobardorum – Quellen und Volltexte

AnmerkungenBearbeiten

  1. Der Textanfang lautet: „[In qua Droctulft dux Langobardis confugerat seque partibus imperatoris tradens sociatus militibus, Langobardorum] exercitui fortiter resistebat. Iste ex Suavorum hoc est Alamannorum gente oriundus inter Langobardos creverat et quia erat forma idoneus ducatus honorem meruerat / …“.
  2. Stefano Gasparri: Paulus Diaconus. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 6, Artemis & Winkler, München/Zürich 1993, ISBN 3-7608-8906-9, Sp. 1825 f.
  3. Rosamond McKitterick: Paul the Deacon’s Historia Langobardorum and the Franks, in: Dies (Hrsg.): History and Memory in the Carolingian World, Cambridge 2004, S. 60–83.
  4. Digitalisat.