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Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije

leitendes Zentralorgan des russischen Militärnachrichtendienstes
Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU)
Hauptverwaltung für Aufklärung

Wappen der GRU

Gründung 5. November 1918
Land Flag of Russia.svg Russische Föderation
Flag of the Soviet Union.svg Sowjetunion (bis 1991)
Aufgabe der Behörde Militärnachrichtendienst
Aufsichtsbehörde Verteidigungsministerium der Russischen Föderation
Direktor Igor Kostjukow
Behördensitz Uliza Grisodubowoi, Moskau (Hauptquartier)
Budget geheim
Anzahl der hauptamtlichen Mitarbeiter ungefähr 12.000[1]
Leitsatz Величие Родины – в Ваших славных делах ‚In Euren ruhmreichen Taten liegt die Größe des Vaterlandes‘
unterstellte Dienste Specnaz.jpg GRU SpezNas

Die Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (russisch Главное разведывательное управление (ГРУ) ‚Hauptverwaltung für Aufklärung (GRU)‘) ist das leitende Zentralorgan des Militärnachrichtendienstes (Военная разведка) des russischen Militärs.

NameBearbeiten

Der offizielle Name lautete von zirka 2016 bis 2018 zwischenzeitlich Главное управление Генерального штаба Вооружённых Сил Российской Федерации Glawnoje uprawlenije Generalnowo schtaba Wooruschjonnych Sil Rossijskoj Federazii (GU GSch WS RF), deutsch ‚Hauptverwaltung des Generalstabes der Streitkräfte der Russischen Föderation‘, wobei sowohl Volk und selbst Präsident Putin diesen Wechsel nie nachvollzogen.[2] Das die Hauptaufgabe benennende Wort (Разведывательный ‚für Aufklärung‘) kam somit als Namensbestandteil vorübergehend nicht mehr vor.[3]

AuftragBearbeiten

Die Aufgabe der GRU ist die nachrichtendienstliche Beschaffung aller militärisch relevanten Informationen sowie die Spionageabwehr innerhalb der russischen Streitkräfte. Ferner unterhält die GRU mit der Spezialeinheit Speznas eine operative Kommandoeinheit für Unkonventionelle Kriegführung und Terrorismusbekämpfung, die in der Lage ist, verdeckt auf sich allein gestellt hinter feindlichen Linien zu operieren.

GeschichteBearbeiten

 
GRU-Wappen (Величие Родины – в Ваших славных делах ‚In Euren ruhmreichen Taten liegt die Größe des Vaterlandes‘)

Der ehemalige zaristische Offizier und Mitglied des kaiserlich russischen Militärgeheimdienstes Semjon Aralow wurde im Januar 1918 erster Direktor der GRU, jedoch bereits im Juli 1920 degradiert und Leiter der Militärischen Geheimdienstabteilung in der 12. Armee.[4]

Die GRU war in der Zeit des Kalten Krieges für Militärspionage, später auch für Waffenlieferungen an Rebellengruppen und Regime in Afrika, Asien und Lateinamerika zuständig, in denen die Sowjetunion eine kommunistische Regierung anstrebte. Das Prinzip des Dienstes war seit den 1960er-Jahren (unter der Leitung von General Iwaschutin) „keine Öffentlichkeit“. Erst als das KGB den Diebstahl der Geheimnisse zur Atombombe ganz für sich beanspruchte, deklassifizierte die GRU einige Archivmaterialien, mit welchen Wladimir Lota im Jahr 2002 das Buch The GRU and the Atom Bomb erstellte.[5]

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1990 blieb das GRU-Netzwerk intakt und ist nun für die Russische Föderation tätig. In den neunziger Jahren wurden offizielle Waffenverkäufe über eine staatliche Exportagentur abgewickelt, und nur für heikle Situationen wurden die inoffiziellen Kanäle der GRU benutzt, wie beispielsweise bei Lieferungen an Palästina, um die Beziehungen zu Israel nicht zu gefährden.[6]

Die historisch jüngste Aufgabe der GRU ist die Wirtschaftsspionage, wie bei anderen Geheimdiensten auch. Der deutsche Verfassungsschutz erwähnt dabei nicht nur den zivilen Auslandsnachrichtendienst SWR, sondern auch die GRU und den Inlandsgeheimdienst FSB. Hans-Peter Uhl, Mitglied des Parlamentarischen Gremiums zur Kontrolle der Nachrichtendienste sagte, Putin habe 2007 „bei der Amtseinführung des Chefs des SWR die Anweisung gegeben, durch Wirtschaftsspionage im Ausland dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft der Russischen Föderation gestärkt wird“.[7]

Als Nachfolger von Walentin Korabelnikow wurde Ende April 2009 Generalleutnant Alexander Schljachturow zum Leiter der Hauptverwaltung Aufklärung (der sog. 2. Hauptverwaltung des Generalstabs) und zum stellvertretenden Chef des Generalstabs der russischen Streitkräfte ernannt. Zwischen der Leitung der GRU und dem russischen Verteidigungsministerium soll es zu Differenzen über die Konzeption der Militärreformen – besonders in dem Teil, der die GRU unmittelbar betraf – gekommen sein, berichtete RIA Nowosti 2009.[8] Im Jahr 2011 entschied sich Putin, die Konkurrenzsituation bestehen zu lassen, als der FSB die Kontrolle über die GRU zu übernehmen versucht hatte.[9]

Im Jahr 2014 hatten Sicherheitsexperten bei Google Kenntnis von offensichtlich staatlich entwickelten Schadprogrammen. Russland wurde in deren technischem Bericht zwar nicht erwähnt, dessen Titel lautete jedoch „Blick ins Aquarium“,[10] eine Anspielung auf das Hauptquartier der GRU in Moskau, welches diesen Übernamen trägt.[11] Die Süddeutsche Zeitung berichtete 2015, dass die GRU in der Ostukraine tätig ist.[12]

Im Januar 2016 starb der Leiter der GRU Igor Dmitrijewitsch Sergun je nach Quelle überraschend oder mysteriös – nach verschiedenen Angaben zu Ort und Zeitpunkt gemäß offiziellen Angaben an einem Herzinfarkt in einem Sanatorium des FSB.[9]

Im Dezember 2016 belegte US-Präsident Barack Obama Führungspersonen der GRU mit Sanktionen, ein Fingerzeig auf die Verantwortung des Dienstes bei der Einmischung in die Wahlen.[11]

US-Geheimdienste schreiben der GRU nach einem Artikel in der Washington Post vom Dezember 2017 verschiedene Destabilisierungsaktionen während des Euromaidans in der Ukraine 2013/2014 zu, bei der sich GRU-Agenten in sozialen Medien als russischsprachige Ukrainer ausgaben, die in ihren Textnachrichten vorgaben, ihr Leben werde von „Brigaden“ aggressiver „Westler“ bedroht.[13]

Britische und niederländische Behörden gaben im Oktober 2018 bekannt, dass eine Abteilung der GRU mit der Bezeichnung „26165“ als Hackergruppe in Erscheinung trat, die zuvor unter verschiedenen Bezeichnungen wie ATP 28, Fancy Bear oder Sofacy Group Bekanntheit erlangt hatte. Auch seien es Agenten dieser Abteilung gewesen, die 2018 versucht hatten, in das Wi-Fi-Netzwerk der Organisation für das Verbot chemischer Waffen in Den Haag einzudringen. Die beteiligten russischen Agenten, welche zuvor auch schon die Welt-Anti-Doping-Agentur in Lausanne als Ziel hatten, wurden von den niederländischen Behörden festgenommen, konnten aber wegen ihrer Diplomatenpässe nicht festgehalten werden und wurden ausgewiesen.[14] Nach dem Anschlag mit Nervengift auf Sergei Skripal und der Ausweisung von Agenten aus den Niederlanden gelangte eine ungewöhnliche Menge von Informationen über die GRU an die Öffentlichkeit[15] und der damalige Direktor der GRU, Igor Korobow wurde kritisiert.[16] Korobow starb am 21. November 2018 „nach langer und schwerer Krankheit“.[17] Sein interimistischer Nachfolger wurde Vizeadmiral Igor Kostjukow, der schon bei der 100-Jahr-Feier des Geheimdienstes als Stellvertreter des erkrankten Korobow aufgetreten war.[17]

OrganisationBearbeiten

Im Gegensatz zum KGB war und ist die GRU nur wenig bekannt. Die GRU war und ist eine Hauptverwaltung des sowjetischen und nach dem Zusammenbruch russischen Generalstabs. Anders als das aufgelöste KGB hat die GRU den Zusammenbruch der Sowjetunion als Struktur überstanden. Sie ist dem Chef des Generalstabs untergeordnet.

Die Hauptverwaltung Dienst gliedert sich in zwölf operative Verwaltungen und zahlreiche sonstige Verwaltungen, Abteilungen und Verbände.

Operative VerwaltungenBearbeiten

Sonstige Verwaltungen, Abteilungen und VerbändeBearbeiten

  • Verwaltung Kosmische Aufklärung (Satelliten)
  • Kaderverwaltung (Personal)
  • Operativ-technische Verwaltung
  • Administrativ-technische Verwaltung
  • Verwaltung Außenbeziehungen
  • Politische Verwaltung
  • Finanzverwaltung
  • Archivabteilung
  • Informationsdienst
  • Abteilung Informationsverbreitung
  • Dechiffrierdienst
  • Militärpolitische oder Militär-Diplomatische Akademie[18]
  • 16. Speznas-Brigade (Rjazan)
  • 22. Speznas-Brigade (Moskau)

SpeznasBearbeiten

 
Speznastrupp der GRU (1988)
 
GRU-SpezNas-Aufnäher

Die GRU unterhält außerdem eine eigene Spezialeinheit Spezial'noje naznačenije (Speznas), deren Stärke auf 25.000 Soldaten geschätzt wird.[19] Sie befehligt alle Arten der Fernmelde- und elektronischen Aufklärung (SIGINT), inklusive communications intelligence (COMINT), electronic intelligence (ELINT), radar intelligence (RADINT), telemetry intelligence (TELINT) und infrared sets reconnaissance. Die Speznas sind ähnlich ausgerüstet wie das United States Marine Corps (USMC). Zur Ausrüstung gehören somit Panzer, Erdkampfflugzeuge und Kampfhubschrauber. Ihr unterstehen auch Spionagesatelliten und Aufklärungsflugzeuge.

GRU in DeutschlandBearbeiten

DDRBearbeiten

Die Struktur der GRU bestand in der DDR bis 1990 innerhalb der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD/WGT) und eingeschränkt fortgesetzt bis zum Abschluss des Truppenabzugs 1994.

Strategischer Zweig in WestdeutschlandBearbeiten

LeitungBearbeiten

Bekannte AgentenBearbeiten

ÜberläuferBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Deutscher Verfassungsschutz: Wirtschaftsspionage S. 9
  2. Russlands Militärgeheimdienst ist fürs Grobe zuständig, NZZ, 25. September 2018; „Was es mit der Änderung auf sich hat, ist auch Fachleuten nicht wirklich klar – und offenbar auch Präsident Putin nicht, der ebenfalls weiterhin vom GRU spricht.“
  3. Иван Петров: Новым начальником ГРУ стал генерал Игорь Коробов. Генерал-лейтенант Игорь Коробов назначен новым начальником Главного разведывательного управления (ГРУ) Генерального штаба Вооруженных сил России. 2. Februar 2016, abgerufen am 19. Dezember 2018 (russisch, Webseite der offiziellen Zeitung der Regierung der Russischen Föderation).
  4. Leaders of Soviet Military Intelligence. Abgerufen am 1. September 2014 (englisch).
  5. George Koval: Atomic Spy Unmasked. In: smithoninan magazine. Mai 2009.
  6. Benjamin von Bidder, Matthias Schepp, Thilo Thielke: Sagenhafte Gewinne. In: Der Spiegel. Nr. 46, 2010 (online15. November 2010).
  7. Bernd Kallina: Schwimmen im Haifischbecken. Deutsche Unternehmen als Ziel internationaler Wirtschaftsspionage. In: Deutschlandfunk. 15. Juni 2008, abgerufen am 20. Februar 2014.
  8. Ilja Kramnik: Stühlerücken bei Russlands Militäraufklärung. In: RIA Nowosti. 28. April 2009.
  9. a b A Mysterious Death Raises Questions in Russia. In: Stratfor. 6. Januar 2016; “Putin has tried to keep a balance among the various services — a difficult feat in a world of intrigue and espionage.
  10. Peering Into the Aquarium: Analysis of a Sophisticated Multi-Stage Malware Family.
  11. a b Die Jagd nach Putins Agenten: Wie ein Spionagefall in Lausanne zu einem Fiasko des russischen Geheimdiensts führte. In: NZZ. 18. Oktober 2018.
  12. Separatisten, gefangen in der Befehlskette. 24. März 2015, abgerufen am 19. Dezember 2018. [ Das Gebäude ist ab sofort neues GRU-Hauptquartier in Donezk.]
  13. Kremlin trolls burned across the Internet as Washington debated options. In: Washington Post. 25. Dezember 2017.
  14. Russia cyber-plots: US, UK and Netherlands allege hacking. In: BBC. 4. Oktober 2018.
  15. Russlands Militärgeheimdienst wird blossgestellt. In: NZZ. 5. Oktober 2018
  16. Head of Russian Skripal-linked GRU spy agency dies. In: BBC. 22. November 2018, abgerufen am 29. November 2018.
  17. a b Jutta Sommerbauer: Der Tod des russischen Geheimdienstchefs. In: Die Presse online. 22. November 2018, Print-Ausgabe vom 23. November 2018, abgerufen am 29. November 2018.
  18. Career Trainee Program, GRU Style, CIA Center for the Study of Intelligence, Studie zur Ausbildung GRU vom 18. September 1995
  19. Markus Ackeret: Russlands Militärgeheimdienst ist fürs Grobe zuständig. In: Neue Zürcher Zeitung. 2018, abgerufen am 25. September 2018.
  20. Вице-адмирал Игорь Костюков назначен начальником ГРУ. После смерти своего предшественника Игоря Коробова он временно исполнял обязанности главы военной разведки. 10. Dezember 2018, abgerufen am 19. Dezember 2018 (russisch).
  21. Hans Coppi, Sabine Kebir: Ilse Stöbe: Wieder im Amt. Eine Widerstandskämpferin in der Wilhelmstraße. VSA, Hamburg 2013, ISBN 978-3-89965-569-8.

Koordinaten: 55° 46′ 55,2″ N, 37° 31′ 22,8″ O