Gertraudenbrücke

Brücke in Berlin

Koordinaten: 52° 30′ 45″ N, 13° 24′ 10″ O

B1 Gertraudenbrücke
(alte und neue)
Gertraudenbrücke (alte und neue)
Ansicht von Süden über den Spreekanal
Nutzung Straßenverkehr und Fußgänger
Überführt Gertraudenstraße
Querung von Spreekanal, Friedrichsgracht
Ort Berlin-Mitte
Konstruktion zwei parallele Stahlträger auf Betonwiderlagern1,
Steinbogen auf steinernen Widerlagern2
Gesamtlänge 38,0 m1
Breite 33,5 m1, 22,0 m²
Längste Stützweite 18 m 2
Lichte Höhe 3,3 m 2
Fahrzeuge pro Tag 2.320 Lkw[1]
69.500 Kfz[2]
Baubeginn 19771, Sommer 18942
Fertigstellung Ende 19781, Mitte 18962
Lage
Gertraudenbrücke (Berlin)
Gertraudenbrücke

1: Straßenbrücke
2: Fußgängerbrücke

Die Gertraudenbrücke und die Neue Gertraudenbrücke in Berlin führen im Ortsteil Mitte die Gertraudenstraße über den Spreekanal zum Spittelmarkt und verbinden die historischen Stadtteile Alt-Kölln und Neukölln am Wasser. Die zwischen und 1894/95[3] gebaute steinerne Gertraudenbrücke steht unter Denkmalschutz und erhielt mit der 1977 als Stahlträgerbrücke errichteten und südlich parallel verlaufenden Neuen Gertraudenbrücke eine Erweiterung, sodass heute ein Ensemble aus zwei Brücken besteht. Die Neue Gertraudenbrücke ist Teil der Bundesstraße 1 und gehört im Bereich des historischen Mitte Berlins zu der stark frequentierten Verkehrsmagistrale, die vom Potsdamer/Leipziger Platz über Leipziger Straße, Spittel- und Molkenmarkt zum Alexanderplatz führt.

GeschichteBearbeiten

Bereits seit dem 13. Jahrhundert befand sich an der südlichen Grenze des historischen Alt-Köllns eine Brücke über den westlichen Spreekanal. Die an das Teltower Stadttor anschließende hölzerne Zugbrücke trug zunächst den Namen Teltower Brücke und war wegen der Insellage eine zweigeteilte Konstruktion. Im 15. Jahrhundert wurde vor dem Tor ein Hospital mit Kapelle errichtet, das auf den Namen der heiligen Gertrud geweiht wurde. Die Brücke hieß nun Gertraudenbrücke. Der Bau neuer Stadtbefestigungen der Doppelstadt Kölln-Berlin im 17. Jahrhundert führte zum Abriss des Gertraudentores, und die Brücke wurde umgebaut. 1737–1739 ließ Berlins Oberbaudirektor Titus de Favre eine neue breite Zug- und Klappbrücke aus Holz errichten und die Brückenauffahrt erhöhen. Diesen Zustand beschreibt eine historische Quelle aus dem 18. Jahrhundert sehr anschaulich:

„Die Gertrautenbrücke. Sie führt von Altkölln, aus der Gertrautenstraße, über die Friedrichsgracht nach Neukölln und dem Werder. Sie ward 1739 von Favre auf die jetzige Art mit Gegengewichten erbauet und kostete 1950 Rthlr. [=Reichsthaler] ohne die Materialien. Bey dieser Gelegenheit ward die Gegend erhöht. Vor der Befestigung Berlins, stand hier das Gertrauten Thor. Es war hier damals eine doppelte Brücke, weil hier ein doppelter Arm der Spree ging. Bey der Befestigung aber ging das Gertrautenthor ein.“[4]

Um 1878/1879 versuchten die Stadtverantwortlichen, durch den Anbau je drei Meter breiter eiserner Fußstege und einer Klappenverstärkung dem zunehmenden Kutsch- und Pferdebahnverkehr (1890 wird ein Stundendurchsatz von 70 Wagen der Pferdebahnlinien angegeben) mehr Platz zu verschaffen. Zur gleichen Zeit wurde der benachbarte Mühlendamm verbreitert und der Spreekanal für den Schiffsverkehr ausgebaut.

Alle Umbaumaßnahmen der Gertraudenbrücke genügten nun nicht mehr, und eine feste und breitere Brücke musste die bisherigen Konstruktionen ersetzen. Baumeister Otto Stahn lieferte die Pläne für die noch heute erhaltene massive Gewölbebrücke, die 1894/95 errichtet wurde. Das Gewölbe und die Verkleidung der Ansichtsflächen bestehen aus dunkelgrau-brauner rheinischer Basaltlava. 1896 wurde die Skulptur der heiligen Gertrud aufgestellt.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ließ die Stadt die Bronzeskulptur abbauen, weil sie zu Kriegsgerät umgeschmolzen werden sollte. Der Bronzegießer Hans Füssel (1897–1989)[5] versteckte die Figur jedoch und konnte sie so vor der Vernichtung bewahren. 1954 kam die „Brückenheilige“ auf ihren Platz zurück.[6]

1977 wurde südlich der alten Brücke eine schmucklose Stahlträger-Autobrücke erbaut. Die historische Brücke mit der Statue wurde der veränderten Straßenführung und dem Fußgängerverkehr angepasst. Sie steht unter Denkmalschutz.

Brückenschmuck und die heilige GertrudBearbeiten

Das massive stufenförmig dem flachen Gewölbebogen folgende Brückengeländer ist im mittleren Bereich aufgelöst in kleine spitzbogige Felder mit je zehn Säulen und schmiedeeisernen Ornamenten in den Zwischenräumen. Zusammen mit der Bronzefigur der heiligen Gertrud bildet es den einzigen Brückenschmuck. Die Skulptur zur Erinnerung an das Gertraudenhospital aus dem 15. Jahrhundert wurde 1896 von Rudolf Siemering modelliert und in der Kunstgießerei Lauchhammer in Bronze gegossen.[7] Die drei Meter hohe Statue soll die Äbtissin Gertrud des Klosters Nivelles aus dem 7. Jahrhundert darstellen. Sie ist Schutzpatronin gegen Mäuse- und Rattenplagen, der Reisenden und Pilger, der Gärtner und der Armen und Witwen. Die zahlreichen Tierchen sind am Postament in Bronze gegossen, ihr Streicheln verheißt eine ständige Geldvermehrung im eigenen Portemonnaie. 2017 wurde die Skulptur demontiert und im Depot des Landesdenkmalamtes eingelagert.[8] Erst nach Abschluss der Sanierung der Gertraudenbrücke, die 2020 noch nicht begonnen war, soll die heilige Gertrud wieder aufgestellt werden.

Zukunft der BrückeBearbeiten

Das am Ende des 20. Jahrhunderts erstellte „Planwerk Innenstadt“ sieht die langfristige Wiederherstellung der historischen Mitte Berlins vor. Die Umsetzung für den Bereich der Gertraudenstraße sah einen Abriss der sanierungsbedürftigen neuen Gertraudenbrücke mit einer Rückverlegung der Straßentrasse vor. Danach sollte die alte Gertraudenbrücke längs geteilt werden und als nördlicher und südlicher Brückenteil die Gehwege aufnehmen. Ein neues Brückenmittelteil für die Aufnahme der Fahrstreifen und des Gleiskörpers der Straßenbahn sollte eingefügt werden, sodass historische Brückenteile erhalten blieben. Wegen permanenter Finanzknappheit und geänderter Prioritäten sollte mit einer Umsetzung des Planwerks frühestens 2011 begonnen werden, obwohl die Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen und Stadtentwicklung Anfang 2009 bereits Bebauungspläne an der neu gestalteten Gertraudenbrücke präsentierte.[9]

Sehenswertes in der Nähe der BrückeBearbeiten

  • Juwelenhaus, Gertraudenstraße 10: in der Vergangenheit Konfektionshaus, Gold- und Juwelenschmiede, Sitz eines Musikverlages, Hochzeitsausstatter, Buchhandlung. Nach der Wende lange leerstehend, erwarb es der badische Unternehmer Karlheinz Hurle im Jahr 2002. Aus dem fünfstöckigen denkmalgeschützten Gebäude der Architekten Max Jacob und Georg Roensch[10] entstand für über drei Mio. Euro das nun Juwelenhaus genannte Bürogebäude.[11] In den unteren Etagen etablierte sich inzwischen das Hochzeitshaus Berlin.[12]
  • Petriplatz
 
Die Gertraudenbrücke auf einer DDR-Briefmarke

BriefmarkeBearbeiten

Im Jahr 1985 gab das Ministerium für Post- und Fernmeldewesen der DDR eine Serie „Berliner Brücken“ heraus, deren 10-Pfennig-Wert eine Seitenansicht der (alten) Gertraudenbrücke zeigt.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Elisabeth Lemke: Das Denkmal der heiligen Gertrud auf der Gertraudtenbrücke. In: Ernst Friedel (Hrsg.): Groß Berliner Kalender. Illustriertes Jahrbuch. 1913. Verlag von Karl Siegismund, Berlin 1913, S. 224–225.
  • Eckhard Thiemann, Dieter Deszyk, Horstpeter Metzing: Berlin und seine Brücken. Jaron Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-89773-073-1, S. 82–84
  • Marina Wesner, Claudia M. Melisch: St. Petri-Kirche. Berlin 2008, ISBN 3-929829-87-8, S. 49–50

WeblinksBearbeiten

Commons: Gertraudenbrücke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Verkehrsmengen LKW 2014. Straßenverkehrszählung 2014 mit Stand 16. Oktober 2015 (pdf)
  2. Verkehrsstärkenkarte DTV 2014: Kfz in 24 Stunden
  3. Denkmaldatenbank Berlin, abgerufen 6. September 2020
  4. Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, aller daselbst befindlicher Merkwürdigkeiten, und der umliegenden Gegend. Friedrich Nicolai (Verlag) Berlin, 3. überarbeitete Auflage 1786, S. 139/140
  5. Kurzbiografie und Werke Hans Füssels abgerufen am 15. Mai 2010
  6. Buchausschnitt von St. Petri-Kirche...
  7. Referenzliste der Kunstgießerei Lauchhammer, siehe 1896 (Memento des Originals vom 24. Oktober 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kunstguss.de abgerufen am 29. Oktober 2009
  8. Berliner Woche 3. Mai 2017, abgerufen 6. September 2020
  9. Bebauungszeichnung Scheibenhaus Gertraudenbrücke. (Memento vom 23. Februar 2009 im Internet Archive) Stadtentwicklung Berlin; abgerufen am 6. März 2009
  10. Baudenkmal Juwelenhaus
  11. Katja Fischer: Ein Juwel an der Gertraudenbrücke. In: Die Welt, 5. März 2003
  12. Homepage Hochzeitshaus berlin