Molkenmarkt

Platz in Berlin

Der Molkenmarkt (früherer Name: Alter Markt) ist der älteste Platz Berlins.[1] Er liegt im Ortsteil Mitte, östlich des Nikolaiviertels unweit der Spree, und ist seit den 1960er Jahren nur ein stark frequentierter Verkehrsknotenpunkt.

Molkenmarkt
Coat of arms of Berlin.svg
Platz in Berlin
Molkenmarkt
Molkenmarkt mit dem Alten Stadthaus
links im Hintergrund
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Mitte
Angelegt 13. Jahrhundert
Einmündende Straßen
Spandauer Straße,
Stralauer Straße,
Mühlendamm,
Grunerstraße
Nutzung
Nutzergruppen Straßenverkehr
Technische Daten
Platzfläche 9200 m² (gerundet)

Der Platz wird durch das Alte Stadthaus mit seinem hohen Turm und seiner Rundkuppel dominiert und durch die verkehrsreiche Grunerstraße in ost-westlicher Richtung zerschnitten. Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Randbebauung und in der Nachkriegsgeschichte eingeebnete Fläche lässt ihn nicht mehr als Stadtplatz erleben. Ursprünglich war er Teil des ehemals dicht bebauten Berliner Altstadtkerns.

Vorgeschichte des Platzes wird durch archäologische Grabungen erkundetBearbeiten

Senatsbeschluss zur NeugestaltungBearbeiten

Am 19. April 2016 beschloss der Senat von Berlin den Bebauungsplan zur Rekonstruktion des Molkenmarktes.[2][3]

Die Verschmälerung und Verschwenkung der Grunerstraße hat parallel dazu ebenfalls begonnen und soll im Jahr 2022 abgeschlossen sein. Die dann frei werdende zukünftige Baufläche soll dann noch einmal rund zwei Jahre lang gründlich untersucht werden. Die Zeitvorgaben erscheinen insgesamt unrealistisch, denn auch die Wohnbebauung soll schon 2022 beginnen. Eine nochmalige detaillierte Ablaufplanung aller Beteiligten – Verkehrs-, Bau und Kulturverwaltung des Senats, der Wohnungsbaugesellschaften und der betroffenen privaten Eigentümer – sollte zur Entschärfung der Konflikte stattfinden.[4]

Ab etwa 2022 soll nach den Senatsbeschlüssen die historische Struktur das Molkenmarktviertel wieder hergestellt werden.[5]

Grabungsarbeiten ab 2019Bearbeiten

Zunächst führten Archäologen vom 14. Januar bis Juli 2019 Grabungen auf dem nördlichen Streifen des Mühlendamms durch. Die Ergebnisse führten dazu, dass das Grabungsfeld auf 25.000 m² erweitert wurde, es ist damit mehr als doppelt so groß als der bisher ausgewiesene Molkenmarkt.[4]

Der Senat misst diesem Bereich der Anfänge Berlins besondere Bedeutung zu, denn anders als bei normalen Untergrund­untersuchungen, die meist von externen Fachfirmen durchgeführt werden, sind zu den Arbeiten zwei Projektteams direkt im Landesdenkmalamt Berlin eingerichtet worden und ein Grabungsleiter aus diesem Amt, der Historiker Michael Malliaris, wurde eingesetzt. Insgesamt sind fast 30 Personen in mehreren Schichten mit der intensiven Sichtung und Dokumentation des Untergrundes beschäftigt, darunter auch vier Praktikanten aus der Jugendbauhütte Berlin/Brandenburg, 16 befristet eingestellte Mitarbeiter und zwei Flüchtlinge, die vom Verein Schlesische 27 zu einem Praktikum abgestellt wurden. Die Stadtverwaltung finanziert die Grabungen in den Jahren 2020/2021 mit insgesamt 6,7 Millionen Euro.[6]

Erste überraschende Ergebnisse wurden schon bis Februar 2020 bekannt: ein leicht angekohltes Holzstück, das in einer 50 cm dicken rot-schwarzen Schicht unter dem heutigen Straßenniveau gefunden wurde, konnte mit Hilfe der Dendrochronologie auf das Fälljahr 1469 bestimmt werden. Höchstwahrscheinlich diente es bereits als Baumaterial für ein Fachwerkhaus an der Fundstelle. Die roten Materialreste sind verziegelter Lehm, die schwarzen sind zerfallene Bauhölzer. Und unter dem Fundament des Fachwerkhauses traten noch die klaren Umrisse eines einfachen Holzhauses zutage, das etwa sechs Meter lang und 2,50 Meter breit war. In dieser Schicht befanden sich Keramikscherben, die in das 13. Jahrhundert verweisen, also unmittelbar auf die Entstehung der ersten Siedlung. Etwa 2,50 Meter darunter fanden die Grabenden nur noch eiszeitlichen Sand, in dem sich jedoch kleine schwarze Punkte zeigten, die nach Erkenntnissen von Archäologen auf menschlicher Grabungstätigkeit beruhen.[6]

Das Grabungsfeld umfasst auch Flächen zwischen dem Roten Rathaus und der Grunerstraße, deren Trassierung später verändert werden soll. Genau hier fanden die am Grabungsprojekt Beteiligten vor allem Zeugnisse aus der frühen Industriegeschichte Berlins: Unmittelbar neben dem Rathaus hatte die Stadt eines von drei Elektrokraftwerken errichten lassen, als die Elektroenergie in großem Maße zum Einsatz kommen sollte. Dafür mussten um 1888 alle vorherigen Bauten abgerissen werden. – Die Anlage lieferte jedoch nur Gleichstrom und musste deshalb 1919 stillgelegt, in den 1930er Jahren dann beseitigt werden. Als Fundstücke sind weißgeflieste Wände, Fußbodenfliesen, verrostete Eisengestelle und Trägerteile dokumentiert. Um noch tiefer graben zu können, werden Teile der Mauern behutsam abgebrochen. Gesucht wird hier vor allem nach Spuren früheren jüdischen Lebens in Berlin, auf die ja auch bereits der Große Jüdenhof verweist.[6]

Alle Fundstellen und Fundstücke sollen weitestmöglichst für die Einrichtung archäologischer Fenster genutzt werden. Kandidaten dafür sind laut dem Grabungsleiter das Palais Blankenfelde an der Spandauer Straße, das Kraftwerk, die Zornsche Apotheke (in welcher der 14-jährige Johann Friedrich Böttger die Goldherstellung versuchte), das Königliche Leihhaus und die allererste französische Kirche (Temple de Berlin) (Stand von Mitte Februar 2020).[6]

Das Landesdenkmalamt organisiert regelmäßige Führungen für Interessierte, die sich jeden Freitag um 14 Uhr an der Jüdenstraße am Alten Stadthaus einfinden können. Die Führungen sind kostenlos, können jedoch wetterbedingt ausfallen.

Lage und ErschließungBearbeiten

Die folgenden Straßen beginnen am Molkenmarkt oder tangieren ihn:

GeschichteBearbeiten

 
Molkenmarkt um 1780

Schon vor der ersten Erwähnung Berlins (1244) und Cöllns (1237) wurde an dieser Stelle gehandelt und gefeilscht. Der Markt befand sich in günstiger Lage am nördlichen Ende des Mühlendamms, dem ersten befestigten Spreeübergang. Der neu eröffnete Neue Markt an der Marienkirche löste ihn Ende des 13. Jahrhunderts vom ersten Platz des meist bevölkerten Hauptmarkts ab. Kurfürst Friedrich III. ließ den Handelsmarkt nach kurzer Zeit schließen und nutzte ihn dann für Militärparaden. Im 18. Jahrhundert entstanden rings um den Platz mehrere Adelspalais', von denen jedoch nur das Palais Schwerin erhalten ist. In den 1930er Jahren mussten viele umliegende Bauten wegen der Verbreiterung des Mühlendamms und der Erweiterung der Schleuse abgerissen werden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss die Ost-Berliner Stadtverwaltung eine autogerechte Umgestaltung der Innenstadt und ließ nach dem Neubau der Mühlendammbrücke und der Errichtung der Wohnbauten in der Leipziger Straße die darüber verlaufende Grunerstraße achtspurig ausbauen, die eine schnelle Ost-West-Verbindung zwischen Alexanderplatz und dem Potsdamer Platz ermöglichte.[1] Damit wurden etwa 80 Prozent der früheren Platzfläche zu einer reinen Verkehrsfläche, über die täglich rund 72.000 Fahrzeuge ihren Weg nehmen.[4]

Das Ephraim-Palais wurde 1985 unweit vom alten Standort im Nikolaiviertel wieder aufgebaut, ebenso das Gasthaus Zur Rippe. Ein berlinweit bekannter Ort war der nahegelegene Große Jüdenhof.

NameBearbeiten

 
Molkenmarkt, 1902
 
Abriss der nördlichen Randbebauung, 1936

Der Molkenmarkt trug zahlreiche historische Namen: Olde Markt (Op den Olden Markt) (13. Jahrhundert bis 1685),[7][8] Mulkenmarkt (1685–1728),[9] Königsmarkt (1737 bis um 1750; nachdem ein nach Entwurf von Andreas Schlüter angefertigtes Denkmal des Königs Friedrich I. aufgestellt worden war),[10] Königsplatz (1728–1737).[11] Seit etwa 1750 ist der Name Molkenmarkt amtlich.[12]

Als Namensherkunft gilt einerseits die Mühlenhofmeierei, die hier ihre Milchprodukte verkaufte. Andererseits wird angenommen, dass der Name von Mollen (niederdeutsch für ‚Mühlen‘) am Mühlendamm abgeleitet wurde.[1]

Bauten (Auswahl)Bearbeiten

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die gesamte Berliner Innenstadt und damit auch der Molkenmarkt mit seiner Umgebung stark zerstört. Einige Gebäude wurden wieder aufgebaut oder repariert wie die Nummer 1 und Nummer 2. Im 17. Jahrhundert gehörten die Bauwerke dem damaligen brandenburgischen Kurfürsten. Hier wohnten die Adelsfamilie Blankenfelde (seit dem 13. Jahrhundert), der Kanzler Lampert Distelmeyer und der Baumeister Rochus zu Lynar. Später gab es an dieser Stelle die Stadtvogtei, das Polizeipräsidium und das Stadtgefängnis. 1934 wurde die Vogtei abgebrochen und eine Münzprägestätte neu errichtet.

Der preußische Gesandte Otto von Schwerin erwarb das Haus Molkenmarkt Nummer 3 und ließ es für seine Familie als Wohnsitz herrichten. Das Gebäude ist erhalten und als Palais Schwerin Baudenkmal geschützt. Neben dem Haus Nummer 3 befand sich der Zugang zum Krögel. Das Alte Stadthaus und ein Gebäude der Städtischen Feuersozietät (1932 errichtet) in der Umgebung sind ebenfalls erhalten.[8] Seit dem Jahr 2000 hat das Deutsch-Französische Jugendwerk in der Nummer 1 seinen Sitz.[13]

Rückbau in Anlehnung an die HistorieBearbeiten

Das Planwerk Innenstadt und der darauf fußende Bebauungsplan Klosterviertel sehen vor, die Grunerstraße zurückzubauen, sie zum Roten Rathaus hin zweifach zu verschwenken und den Platz sowie das ihn umgebende Quartier in einer an die ursprüngliche Platzgeometrie angelehnten Form zu bebauen. Statt der früheren Straßen mit maximal zwei bis drei Fahrstreifen pro Richtung sollen jedoch nun vier- bis sechsspurige Straßenzüge mit einer Straßenbahn auf einem eigenen, begrünten Gleiskörper (Rasengleis) angelegt werden.[14]

Entgegen der ursprünglichen Bebauung sind deutlich höhere Traufhöhen vorgesehen, allerdings in eher lockerer Blockbebauung. Auch der Platz vor dem Alten Stadthaus würde dann wieder bebaut. Das Quartier war von den Nationalsozialisten zur Anlage eines Gauforums niedergelegt und auch zu DDR-Zeiten aus Repräsentationsgründen freigehalten worden. Diese Konzeption ist wegen ihrer verkehrstechnischen Änderungen und wegen des Abtrennens des Stadthauses vom Platz als bisher platzdominierendes Bauwerk umstritten.[15]

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Molkenmarkt (Berlin-Mitte) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Horst Ulrich, Uwe Prell, Ernst Luuk: Molkenmarkt. In: Berlin Handbuch. Das Lexikon der Bundeshauptstadt. FAB-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-927551-27-9, S. 828.
  2. Isabell Jürgens: Reparatur am Herzen Berlins - Grunerstraße wird verlegt. Berliner Morgenpost, 19. April 2019, abgerufen am 29. November 2019.
  3. Umbau am Molkenmarkt beginnt; in Berliner Zeitung vom 14. Januar 2019; abgerufen am 14. Januar 2019.
  4. a b c Archäologisches Großprojekt. Unter dem Molkenmarkt verstecken sich 800 Jahre Stadt; in Berliner Zeitung, 7. Januar 2019 (Online-Ausgabe); abgerufen am 14. Januar 2019.
  5. Mühlendamm – Kraftzentrum von einst und Blick in die Fundgrube. In: Berliner Zeitung, 25. März 2019, S. 12.
  6. a b c d Maritta Tkalec: Ausgrabungen in Berlin-Mitte: Hinterlassenschaften bei der Planung berücksichtigen In: Berliner Zeitung, 20. Januar 2020 (Onlineausgabe) und Am Anfang stand die Holzhütte, S. 10 (Printausgabe).
  7. Olde Markt. In: Luise.
  8. a b Horst Rathunde: Der Molkenmarkt. Wo man vorbeikommt…. In: BZ am Abend, 1. August 1981.
  9. Mulkenmarkt. In: Luise.
  10. Königsmarkt. In: Luise.
  11. Königsplatz. In: Luise.
  12. Molkenmarkt bei Luise
  13. Homepage des Deutsch-Französischen Jugendwerks (Memento vom 4. Dezember 2011 im Internet Archive)
  14. Planung zum Molkenmarkt, Stand: 2009 der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.
  15. Richtig schöne DDR-Architektur. In: Berliner Zeitung, 7. August 2008; Kritik durch Ex-Senator Thomas Flierl (Die Linke).

Koordinaten: 52° 31′ 0″ N, 13° 24′ 36″ O