Elektrizitätsgesellschaft Alioth

Die Elektrizitätsgesellschaft Alioth (EGA) mit Sitz in Münchenstein war ein Unternehmen der Elektroindustrie in der Schweiz.

GeschichteBearbeiten

 
Elektromotoren der Firma Alioth auf der Weltausstellung Paris 1889
 
Zwei um 1910 gebaute Drehstromgeneratoren von Alioth, die im Kraftwerk Arniberg im Einsatz waren. Der Antrieb erfolgte durch eine Pelton-Turbine von Bell aus Kriens

Rudolf Alioth gründete 1881 in Basel gemeinsam mit Emil Bürgin eine elektrotechnische Unternehmung, die sich zunächst mit der Herstellung von Bogenlampen, Generatoren und Elektromotoren befasste. Nach Meinungsverschiedenheiten mit der Stadt Basel über den Aufbau eines elektrischen Versorgungsnetzes verlegte das Unternehmen seinen Sitz ins nahe Münchenstein; nach Bürgins Ausscheiden firmierte es seit 1895 als Elektrizitätsgesellschaft Alioth AG (EGA). Zu deren Hauptgegenstand entwickelte sich rasch die Konstruktion und Fertigung von elektrischen Ausrüstungen für Eisenbahnen. Nachdem sich Rudolf Alioth allmählich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hatte, fusionierte die EGA im Jahre 1911 mit Brown, Boveri & Cie (BBC), die das Alioth-Gelände in Münchenstein bis 1970 als Lokomotivmontage nutzte.

BedeutungBearbeiten

Die Eröffnung der Gotthardbahn hatte das schweizerische Fernverkehrsnetz 1882 vorläufig abgerundet. Wesentliche Aufgaben stellten sich jedoch im Bereich der schmalspurigen Nebenbahnen. Anders als etwa MFO und BBC unternahm Alioth keine Versuche mit hochgespanntem Wechselstrom, sondern konzentrierte sich darauf, die Gleichstrombahnen weiter zu entwickeln. Dabei gelang der entscheidende Schritt vom schwächlichen zweiachsigen Tramwagen hin zu einem – mit einer Masse von rund 25 t nach damaligem Verständnis «schweren» – Vierachser, der nicht nur als Personentriebwagen, sondern auch als Lokomotiv-Ersatz dienen konnte.

Die elektrische Traktion sprengte die Beschränkungen der Dampfbahn (bei Meterspur Mindestradien von 100 m, maximale Steigung 45 Promille) und eröffnete mit Kurvenradien unter 50 m und 70 Promille Steigung ungeahnte Möglichkeiten der sparsamen, geländenahen Trassierung. In allen Teilen der Schweiz entstanden nun solche Bahnen. Zusammen mit Partnerfirmen aus der Waggonbauindustrie fertigte Alioth zweckmässige zuverlässige Triebwagen. Bei vielen Bahnen rüstete die EGA nicht nur die Fahrzeuge aus, sondern plante und lieferte die gesamten elektrischen Anlagen: Fahrleitung, Gleichrichterstationen und bei Bedarf auch das zur Versorgung der Bahn erforderliche Kraftwerk.

Durch die Übernahme der EGA im Jahre 1911 erwarb BBC dieses Knowhow. BBC selbst hatte erst kurz zuvor mit der Bleniotalbahn seine erste Gleichstrom-Schmalspurbahn geliefert, und die fehlende Erfahrung war einigen Konstruktionsdetails deutlich anzusehen. Mit dem Kriegsausbruch endete der Schmalspurbahn-Boom abrupt; lediglich einige angefangene Projekte wurden noch fertiggestellt. BBC konnte deshalb von der Übernahme nicht wie erwartet profitieren.

Siehe auch: Bahnstrom

FabrikationslisteBearbeiten

Die Elektrizitätsgesellschaft Alioth lieferte elektrische Anlagen und Fahrzeuge an die folgenden Bahnen. Wenn nicht anders angegeben, handelt es sich um Meterspurbahnen in der Schweiz. Bei den Fahrzeugen sind jeweils Serienbezeichnung, Hersteller und Baujahr angegeben.

  Diese Liste ist insbesondere bei den Trambahnen vermutlich unvollständig. Ergänzungen sind willkommen.
Strassenbahn Altstätten–Berneck
  • Ce 2/2 1–7, MAN/Alioth 1897–1898
Châtel-St-Denis – Palézieux (CP, heute tpf)
  • BCFe 4/4 1–2, SWS/Alioth 1901, später umnummeriert: CEG 8–9
 
Historischer Motorwagen BCFe 4/4 11 aus der Serie les sept à vingt (MOB BCFe 4/4 7–20) der Montreux-Berner-Oberland-Bahn
Montreux – Les Avants – Montbovon – Château-d'Oex – Gstaad – Zweisimmen – Lenk im Simmental (MOB)
  • BCFe 4/4 1+2, SIG/Alioth 1901
  • BCe 4/4 3, SIG/Alioth 1901
  • BCFe 4/4 4, SIG/Alioth 1903, ursprünglich Sommerwagen
  • BCFe 4/4 5+6, SIG/Alioth 1903
  • BCFe 4/4 7–20, SIG/Alioth 1904–1906, Nummer 11 als betriebsfähiger historischer Motorwagen bei der Museumsbahn Blonay-Chamby erhalten
  • BCFe 4/4 21+22, SIG/Alioth 1908
  • BFZe 4/4 23–26, SIG/Alioth 1912, Nummer 26, nicht betriebsfähig, dient heute als Vereinslokal der Modellbahngruppe Obersimmental-Saanenland in Saanen
Basel – Dornach (BEB, heute BLT)
  • Ce 2/2 1-4, Bautzen/Alioth 1902
  • Ce 2/2 5-6, SWS/Alioth 1905

Die Birseckbahn diente der EGA als Test- und Referenzstrecke mit Werksanschluss.

Châtel-St-Denis – Bulle – Montbovon (CEG, heute tpf)
  • BCe 4/4 1–2, SWS/Alioth 1903
  • BCFe 4/4 6–7, SWS/Alioth 1903
  • CFe 4/4 11–12, SWS/Alioth 1903
  • CFZe 4/4 13–14, SWS/Alioth 1904
  • BCe 4/4 415–17 SWS/Alioth 1905, Nummer 115 (ex 415) mehrfach umgebaut erhalten
  • Ge 2/2 501, CEG/Alioth 1913, mit Reservedrehgestell der Triebwagen, heute Nummer 12
  • Ge 4/4 502–03, CEG/Alioth 1927–1933, mit elektrischer Ausrüstung von ausrangierten Triebwagen, heute Nummer 13–14
Tram Basel (B.St.B., heute BVB)
  • Ce 2/2 101–136, SWS/Alioth 1905–1908
  • Ce 2/2 137, SWS/Alioth 1911, Musterwagen für die folgende Serie
  • Ce 2/2 138–151, SWS/BBC 1912

Für die am 5. Mai 1895 eröffnete Basler Trambahn hatte Siemens die elektrische Ausrüstung (550 V Gleichstrom) geliefert. Mit den Wagen 101–136 beschaffte die BStrB erstmals Fahrzeuge nicht beim «Hauslieferanten», was für Alioth einen besonderen Erfolg bedeutete.

Basel – Flüh (BTB, heute BLT)
  • BCe 4/4 1–5, SWS/Alioth 1905
  • BCe 4/4 6, SWS/Alioth 1908
Trambahn Altdorf – Flüelen (AF)
 
Ce 2/2 4 der Strassenbahn Altdorf–Flüelen an der Endhaltestelle vor dem Telldenkmal in Altdorf
  • Ce 2/2 1–4, MAN/Alioth 1906
Aigle – Ollon – Monthey (AOM, heute TPC)
  • CFZe 2/4 1–3, Rastatt/Alioth 1907
  • CFZe 4/4 11, SIG/Alioth 1909
Munster – Col de la Schlucht (MSchB)
  • 3 BCFeh 4/4, SIG/SLM/Alioth
  • 1 Ceh 2/2, SIG/SLM/Alioth
Langenthal – Oensingen (LJB, heute ASm)
  • CFe 4/4 1–2, Ringhoffer/Alioth 1907, Nummer 116 (ex 1) umgebaut 1978, Nostalgie-Triebwagen
  • Ce 2/2 11–12, Ringhoffer/Alioth 1907, Nummer 12 bei Museumsbahn Blonay–Chamby erhalten
  • Fe 4/4 51, Ringhoffer/Alioth 1908
Monthey – Champéry (MCM, heute TPC)
  • BCFeh 4/4 1–3, SIG/SLM/Alioth 1908
  • BCFeh 4/4 6, SIG/SLM/Alioth 1909, heute bei Blonay–Chamby
St.Moritz – Pontresina – Poschiavo – Tirano (BB, heute RhB)
  • BCe 4/4 1–14, SIG/Alioth 1908–1909, später umgebaut, siehe RhB ABe 4/4 I
  • BCFe 4/4 21–23, SIG/Alioth 1911, später umgebaut, siehe RhB ABe 4/4 I
  • Fe 2/2 51, SIG/Alioth 1909
  • Ge 2/2 61–62, SIG/Alioth 1911
 
SLM He 2/2 Nr. 18 «Gündlischwand» der Schynige Platte-Bahn
Lauterbrunnen – Grindelwald (WAB)
  • He 2/2 51–62, SLM/Alioth 1909–1910
  • He 2/2 63, SLM/Alioth 1912

Lok 55 steht als Denkmal in Münchenstein, Nummern 51–54 sind noch bei der WAB, 56–63 bei der SPB, dort auch von BBC gelieferte Nachbauten 11–14.

Lugano – Tesserete (LT)
  • BCFe 4/4 1–3, SWS/Alioth 1909
Dermulo – Fondo – Mendola (FEAA, Zweiglinie der Ferrovia Trento-Malè)

Trentino, seinerzeit Österreich

  • CFe 4/4 4, Nesselsdorf/Alioth 1910, 1934 an Rittner Bahn, dort als Triebwagen 105 «Alioth» betriebsfähig erhalten
Tram Lugano (TEL)
  • Ce 2/2 1–9, SWS/Alioth 1910
Altstätten – Gais (AG, heute AB)
  • CFeh 3/3 1–3, SIG/SLM/Alioth 1911, Nummer 2 (später 17) fahrfähig erhalten (Verein AG2), Zahnradantrieb ausgebaut, Nummer 3 ausgestellt im Schweizerischen Verkehrshaus in Luzern.
Lugano – Ponte Tresa (FLP)
  • BCe 4/4 1–3, SWS/Alioth 1912, Nummer 3 erhalten bei SEFT-FM

Obwohl die Lieferung nach der Firmenfusion durch BBC erfolgte, trugen die Fahrzeuge «Alioth»-Fabrikschilder.

PLM Paris–Lyon–Mediterranée (Strecke Cannes–Grasse)

  • 1910: 2-teilige Versuchslok (Normalspur) für Wechselstrom 12 kV/25 Hz, System Auvert & Ferrand mit rotierenden Umrichtern Wechselstrom/Gleichstrom (2 × 600 kW, 136 t)
 
Elektrolok Auvers Ferrand Alioth (Juli 1911)

Nicht ausgeführte ProjekteBearbeiten

Aigle – Sépey – Diablerets (ASD, heute TPC)

Für diese Bahn hatte Alioth die elektrischen Anlagen projektiert. Nach der 1911 erfolgten Fusion zeigte BBC aber kein Interesse an der Ausführung des Auftrags, diesen bekam schliesslich die AEG Berlin.

Furkabahn (FO, heute MGB)

Die 1908 an Alioth und Roland Zehnder, den Direktor der MOB, erteilte Konzession für eine elektrische Furkabahn kam nicht in der vorgesehenen Form zur Ausführung, weil die französischen Kapitalgeber die Pläne massiv änderten. Stattdessen wurde die Furkabahn als Dampfbahn für gemischten Betrieb, Adhäsion und Zahnstange Abt, gebaut.

WeblinksBearbeiten

Commons: Elektrizitätsgesellschaft Alioth – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

QuellenBearbeiten

Daten aus

  • Peter Willen: Lokomotiven und Triebwagen der Schweizer Bahnen. Orell Füssli, Zürich/Wiesbaden, 1976ff.
  • Hans G. Wägli: Schienennetz Schweiz. AS-Verlag, Zürich 1998, ISBN 3-905111-21-7.