Dystopie

negativer Zukunftsentwurf in fiktionalen Erzählungen

Eine Dystopie ist eine meist in der Zukunft spielende Erzählung, in der eine erschreckende oder nicht wünschenswerte Gesellschaftsordnung dargestellt wird. Deshalb wird eine derartige Fiktion auch Antiutopie, selten auch Kakotopie oder Mätopie genannt. Die Dystopie ist ein Gegenbild zur positiven Utopie beziehungsweise der Eutopie, die Thomas Morus mit seinem Roman Utopia geprägt hat.[1] Häufig wollen die Autoren dystopischer Geschichten mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbildes auf bedenkliche gesellschaftliche Entwicklungen der Gegenwart aufmerksam machen und vor deren Folgen warnen.[2]

Detail des dystopischen Gemäldes Gestade der Vergessenheit von Eugen Bracht, 1889
Landschaftsmalerei mit dystopischer Atmosphäre
Die Dekonstruktionsmaschine, 2005
Acryl auf Leinwand, 50 × 300 cm
Standort: Aargauer Kunsthaus
Künstler: Matthias A. K. Zimmermann
Figur im Live-Rollenspiel mit dystopischem Szenario
Menschen beim Verlassen der Städte. Vision des Künstlers Zbigniew Libera – Dystopie

BegriffBearbeiten

Der Begriff Dystopie (aus altgriechisch δυς- dys- „miss-, un-, übel-“ und lateinisch topia „Landschaftsmalerei, -beschreibung“, dieses von griechisch τόπος tópos „Ort, Stelle, Gegend“) hat vor allem in jüngerer Zeit breite Verwendung gefunden. Synonyme sind Anti-Utopie, negative Utopie, schwarze Utopie oder Gegenutopie; selten wird auch Kakotopie (κακός kakós „schlecht“) oder Mätopie (von μή „nicht“)[3] verwendet. Dystopie ist ansonsten auch ein medizinischer Fachbegriff, mit dem eine wechselseitige negative Beeinflussung von Krankheiten bezeichnet wird.

Eine Utopie ist dem eigentlichen Wortsinn nach die Beschreibung eines „Nicht-Ortes“, d. h. eines Ortes, den es im realen Leben nicht gibt, es ist ein herbeigewünschtes Nirgendwo; die griechische Vorsilbe ου- ou- ist verneinend wie das deutsche „un-“ im Sinne von „nicht-“. Philosophische und literarische Utopien sind faktisch aber ausgeführte Entwürfe eines Staates oder Landes, dessen Gesellschaft gut organisiert ist, was deshalb gelegentlich ähnlich klingend Eutopie genannt wird (im Englischen sogar gleich klingend), denn die griechische Vorsilbe ευ- eu- steht für „gut-“ oder „wohl-“. Eben dazu ist δυσ- dys- das Gegenstück. Insofern sind die Begriffe Dystopie und Utopie nicht exakt gegenteilige Begriffe in dem Sinne wie z. B. Dysphorie und Euphorie.

GesellschaftBearbeiten

Eine dystopische Gesellschaft ist oft charakterisiert durch eine diktatorische Herrschaftsform oder eine Form repressiver sozialer Kontrolle. Typische Charakteristika einer Dystopie: Dem Individuum ist durch mechanisierte Superstaaten jegliche Freiheit genommen, die Kommunikation der Menschen untereinander ist eingeschränkt oder anderweitig gestört und das Bewusstsein der eigenen Geschichte und/oder eigener Werte gekappt.

Geschichte und HerkunftBearbeiten

Die Geschichte der Dystopien beginnt erst im Zeitalter der industriellen Revolution. Zwar gab es schon immer Gegner von Naturwissenschaft und technischem Fortschritt, doch resultierte daraus nie eine Gegenutopie. Selbst die Fortschrittgläubigen zweifelten zunächst an den technischen Möglichkeiten. Erst als ihre Vorstellungen von der Realität eingeholt wurden, bestand ein Grund, die technische Weiterentwicklung und ihre Tendenzen anzugreifen.

Erste Ansätze finden sich hier bei E. T. A. Hoffmann; die erste Dystopie im engeren Sinn ist Mary Shelleys Roman Verney, der letzte Mensch.[4]

Der erste Gebrauch des Wortes wird John Stuart Mill zugeschrieben,[5] dessen gute Griechisch-Kenntnisse es vermuten lassen, dass er unter Dystopia nicht lediglich das Gegenteil von Thomas Morus’ Utopia verstand, sondern vielmehr einen Ort meinte, an dem es im weitesten Sinne schlecht um die Dinge bestellt sei.

Grenze des Fortschrittsoptimismus der industriellen RevolutionBearbeiten

Die Zerstörung des Fortschrittsglaubens beginnt allmählich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Das lässt sich auf verschiedene Gründe zurückführen: erstens die technische Entwicklung in zuvor nie dagewesener, exponentiell steigender Geschwindigkeit, zweitens die wachsende Zentralisierung von Ländern und den Machtverhältnissen darin, drittens die generelle und kollektive Fin-de-siècle-Angstvorstellungen, sowie viertens, dass fast alle bewohn- und bewirtschaftbaren Landflächen der Erde von Menschen oder Institutionen wie Regierungen besessen werden; die Grenzen räumlicher Expansion beginnen sich deutlich abzuzeichnen.

Grundzüge dystopischer FiktionenBearbeiten

Für ihren fiktiven Zukunftsentwurf variieren Dystopien wiederkehrende Themen und Stoffe und stellen deren Bedeutung für die jeweilige Gesellschaft dar: die bereits im Vorfeld erfolgte Zerstörung oder Verwüstung des Planeten durch Krieg, Revolution oder Naturkatastrophen, eine diktatorische Herrschaft mit Totalüberwachung, die Zerstörung und Verwüstung des Planeten, knappe Ressourcen und staatlich verordnete Zuteilung, Pandemien/ Seuchen oder auch undurchlässige Gesellschaftssysteme mit strenger, hierarchischer Unterteilung.[4]

In vielen Dystopien herrscht ein Lebensstandard in den Unter- und Mittelschichten, der im Allgemeinen unter dem Niveau zeitgenössischer Gesellschaften liegt. Jedoch gibt es Ausnahmen, so z. B. in Schöne Neue Welt und Equilibrium, in denen die Bevölkerung zwar einen vergleichsweise hohen materiellen Standard genießt, sich diesen jedoch um den Preis ideeller Qualitäten, wie z. B. dem Verlust von emotionaler Tiefe, erkauft.

Protagonisten, hinterfragen in der Regel die gesellschaftlichen Verhältnisse und spüren oft intuitiv, dass etwas im Argen liegt, so wie der Protagonist V in Alan Moores V wie Vendetta, oder Neo in Matrix. Sofern die Fiktion auf unserer Weltordnung basiert, ist eine Kontrolle der Gesellschaft durch autokratische Strukturen (Wir, 1920), politisch installierte Totalüberwachung (GRM. Brainfuck, 2019) oder Großkonzerne (Der Circle, 2013) ebenfalls nicht unüblich.

Um den Leser in den Bann zu ziehen, nutzen dystopische Fiktionen üblicherweise Vertrautheit als ein weiteres Mittel: Es reicht nicht, das Leben in einer Gesellschaft zu schildern, die unerfreulich erscheint. In der fiktiven dystopischen Gesellschaft müssen Elemente aus dem Hier und Jetzt anklingen, die dem Leser aus seinem eigenen Erfahrungshorizont bekannt sind. Wenn der Leser die Muster oder Trends identifizieren kann, die unsere heutige Gesellschaft potentiell in das fiktive Dystopia führen könnten, wird die Beschäftigung mit der Fiktion zu einer fesselnden und wirkungsvollen Erfahrung. Schriftsteller können Dystopien wirksam nutzen, um ihre eigene Besorgnis über gesellschaftliche Trends zum Ausdruck zu bringen. So basiert George Orwells Roman 1984 auf politischen Entwicklungen im Jahr seiner Niederschrift 1948, in dem sich bereits ein eisiges Klima im Nachkriegs-Europa abzeichnete. In ähnlicher Weise schrieb Ayn Rand ihre Erzählung Anthem (deutsch: Die Hymne des Menschen) als eine Warnung vor der Unterordnung des Individuums unter den Staat oder „das Wir“. In Sebastian Guhrs Roman Die Selbstlosen werden Tierrechte über Menschenrechte gestellt. Margaret Atwood schrieb Der Report der Magd als eine Warnung vor dem aufkommenden religiös-fundamentalistischen Totalitarismus in den USA und der Scheinheiligkeit des Feminismus der 1970er-Jahre, der eher der Sache seiner Gegner in die Hände spielte.

In vielen dystopischen Gesellschaften gibt es Teile der Bevölkerung, die nicht unter der vollständigen Kontrolle des Staates stehen und in die der Held der Geschichte üblicherweise seine Hoffnungen setzt, aber am Ende dennoch scheitern. In 1984 von George Orwell spielen diese Rolle die „Proles“ (das Proletariat) bzw. die "Bruderschaft", in der Dystopie Wir von Jewgeni Iwanowitsch Samjatin sind es die Menschen außerhalb der Mauern des „Einzigen Staates“.

Dystopische Fiktionen sind oft (aber nicht immer) ungelöst, das heißt, die Erzählung handelt von Individuen, die unbefriedigt sind und eventuell rebellieren, aber letztlich in ihren Bemühungen, etwas zu verändern, scheitern. Nicht selten fügen sie sich am Ende den gesellschaftlichen Normen. Dieser erzählerische Bogen, hin zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, ist bezeichnend für klassische dystopische Werke wie 1984. Sie stehen in krassem Kontrast zu Fiktionen, in denen ein Held erfolgreich Konflikte löst oder anderweitig Dinge zum Besseren kehrt.

Kritik am Konzept von DystopienBearbeiten

Ebenso wie die meisten Philosophen, Politikwissenschaftler und Schriftsteller die Idee einer perfekten Gesellschaft oder einer „Utopia“ aufgegeben haben, haben viele auch Skepsis geäußert in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit einer realen Dystopia in der Fassung von Orwell und anderen. Obgleich es viele Staaten mit absolutistischem Machtanspruch in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, weisen Schriftsteller wie Gregg Easterbrook und andere darauf hin, dass solche Gesellschaften zur Selbstzerstörung tendieren oder aber von benachbarten Gesellschaften zerstört werden. Diktaturen und ähnliche Regime neigen zur Kurzlebigkeit, da sie durch ihre Politik und ihre Handlungen kontinuierlich neue potentielle Gegner auf den Plan rufen.

Eine kritische Sicht auf dystopische Gesellschaftsverhältnisse besteht darin, sie als den drohenden Gang der Dinge zu betrachten. Demnach trachten alle sozialen Konstrukte (Ideen und Organisationen) ohne Unterlass danach, synergetische Gewinne durch Einschränkung der Freiheitsgrade und Nichtkonformitäten der Individuen zu erzielen. In gemäßigtem Maße ergibt das für das Individuum die Segnungen der Kultur und Zivilisation, im Exzess führt es zur Dystopie, wenn nämlich versucht wird, durch Überreglementierung und zwangsweise verabreichte Drogen den (komplexeren) biologischen Unterbau des Individuums auszuschalten, der zum Menschsein ebenso unerlässlich ist wie der soziale Überbau.[6]

Moderne DystopienBearbeiten

 
Ziviler Protest: auch in dystopischen Welten extrem gefährlich

Schon im 19. Jahrhundert gab es dystopische Szenarien (Edward Bulwer-Lytton: Das kommende Geschlecht), doch blieben diese randständig. Im 20. Jahrhundert entstand mit Samjatins Wir die erste „klassische“ Dystopie, in der gezeigt wird, wohin die etatistische Utopietradition führen kann, wenn sie auf dem technisch-naturwissenschaftlichen Stand des 20. Jahrhunderts aufbaut. Kurzgeschichten von Philip K. Dick wie Kolonie, Autofab und Der Minderheiten-Bericht (verfilmt als Minority Report) sind Klassiker der Dystopie. Das Warhammer-40.000-Universum, kreiert von Games Workshop als Tabletop-Spiel, aber in Büchern und Videospielen fortgesetzt, zeigt den Weg der Menschheit im 41. Jahrtausend: unterdrückt, tyrannisiert von einer Bürokratie im Auftrag des sogenannten „Gott-Imperators“, ständig im ewigen Krieg und Abwehrkampf gegen der Menschheit feindlich gesinnte Fraktionen wie Aliens und dämonenähnliche Wesen. Als moderne Autorin der Dystopie gilt die Kanadierin Margaret Atwood u. a. mit den Romanen Der Report der Magd (1985) und Die Zeuginnen (2019)[4], auf welchen seit 2017 die Fernsehserie The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd aufbaut.

Literarische DystopienBearbeiten

Filme und Fernsehserien (Auswahl)Bearbeiten

Hörspiele (Auswahl)Bearbeiten

Bildende Kunst (Auswahl)Bearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Hans Esselborn (Hrsg.): Utopie, Antiutopie und Science Fiction im deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2416-8.
  • Bartholomäus Figatowski: Wo nie ein Kind zuvor gewesen ist... – Kindheits- und Jugendbilder in der Science Fiction für junge Leser. Kid, Bonn 2012, ISBN 978-3-929386-35-6, S. 122–131 u. 228–260.
  • Agnes Heller: Von der Utopie zur Dystopie. Was können wir uns wünschen? Edition Konturen, Wien/Hamburg 2016, ISBN 978-3-902968-20-3.
  • Eva Horn: Zukunft als Katastrophe. Fiktion und Prävention. S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-10-016803-0.
  • Krishan Kumar: Utopia and anti-utopia in modern times. Blackwell, Oxford 1991, ISBN 0-631-16714-5.
  • Stephan Meyer: Die anti-utopische Tradition: eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung. Lang, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-631-37492-5.
  • Dunja Mohr: Worlds Apart? Dualism and Transgression in Contemporary Female Dystopias. McFarland, Jefferson 2005, ISBN 0-7864-2142-8.
  • Thomas Müller; Thomas Möbius; Gregor Ritschel (Hrsg.): Digitale Dystopien, Berliner Debatte Initial, Heft 1/2020, ISBN 978-3-947802-49-4, ISSN 0863-4564.
  • Thomas Nöske: Clockwork Orwell. Über die kulturelle Wirklichkeit negativ-utopischer Science Fiction. Unrast, Münster 1997, ISBN 3-928300-70-9.
  • Ralph Pordzik: Utopie und Dystopie in den neuen englischen Literaturen. Winter, Heidelberg 2002, ISBN 3-8253-1312-3.
  • Agata Waleczek: Gesellschaft in filmischen Dystopien als Systemversagen anhand der Filme „V wie Vendetta“, „Sin City“ und „I am Legend“. Grin Verlag, München 2011, ISBN 978-3-656-39162-3.

WeblinksBearbeiten

Commons: Dystopie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Dystopie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Eutopie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dystopie auf duden.de, abgerufen am 4. Januar 2011
  2. S. Meyer: Die anti-utopische Tradition: eine ideen- und problemgeschichtliche Darstellung. Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-631-37492-5, S. 15
  3. Mätopie auf Wissen.de
  4. a b c Endlich mal erklärtWas ist eine Dystopie? Deutschlandfunk, aufgerufen am 17. Mai 2022
  5. John Stuart Mill: Public and parliamentary speeches – Part I – November 1850 – November 1868. University of Toronto Press, Toronto 1988, ISBN 0-415-03791-3 (libertyfund.org).
  6. Vittorio Ferretti: Back to Ptolemaism - To Protect the Human Individual from Abuses of Social Constructs. Amazon, 2012