Cornelia Koppetsch

deutsche Soziologin und Hochschullehrerin
Cornelia Koppetsch (2019)

Cornelia Koppetsch (* 13. März 1967 in Werdohl/Westfalen) ist eine deutsche Soziologin mit den Schwerpunkten politische Soziologie, Ungleichheitsforschung sowie Familien- und Geschlechterforschung. Sie lehrt an der Technischen Universität Darmstadt. Koppetsch erzielte mediale Aufmerksamkeit durch ihre Thesen zum Aufstieg der neuen Rechtsparteien, dann dadurch, dass Ende 2019 zwei ihrer Bücher wegen Plagiatsvorwürfen durch die Verlage vom Markt genommen wurden.

LebenBearbeiten

Der Vater von Cornelia Koppetsch arbeitete im Postdienst als Zusteller, die Mutter ist Hausfrau. Ihre Schwester Anne-Kathrin Koppetsch ist evangelische Pastorin in Dortmund. Koppetsch ging auf das Bergstadt-Gymnasium in Lüdenscheid.[1] Nach ihrem Abitur nahm Koppetsch ein Studium der Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen auf. Nach dem Vordiplom 1988 wechselte sie an die Universität Hamburg und absolvierte dort 1992 das Diplom in Psychologie. Danach war Koppetsch bis 1996 Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und arbeitete an ihrer Dissertation zu Wissenschaft an Hochschulen. Ein deutsch-französischer Vergleich. 1996 wurde sie bei Martin Kohli und Wolf Lepenies an der Freien Universität Berlin zum Dr. phil. promoviert. Von 1995 bis 1998 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PH Freiburg, 1998 wurde sie wissenschaftliche Assistentin an der Universität Lüneburg. Sie veröffentlichte zusammen mit Günter Burkart eine Studie zu Geschlechterverhältnissen in Paarbeziehungen im Milieuvergleich (Die Illusion der Emanzipation. Zur Reproduktion von Geschlechtsnormen in Paarbeziehungen im Milieuvergleich). 2006 folgte die Habilitation mit einer Studie über Arbeit und Identität im Wandel: Das Ethos der Kreativen. Vom bürgerlichen Beruf zur Kultur des neuen Kapitalismus und erhielt die Venia Legendi für Soziologie.

Koppetsch nahm verschiedene Gastprofessuren wahr, unter anderem am Department of Sociology der University of Chicago (USA) und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2009 ist sie Professorin für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung an der Technischen Universität Darmstadt.[2] Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der politischen Soziologie, der Mittelschichts- und Ungleichheitsforschung und der Geschlechterforschung.

Unterschiedliche Arbeiten von Koppetsch befassen sich mit dem gegenwärtigen Wandel von Lebensführung und Gefühlswelten in der Mittelschicht. Dabei spielen ihrer Meinung nach Verunsicherungen und Abstiegsängste, die durch den beschleunigten Wandel und die Globalisierung westlicher Gesellschaften hervorgerufen wurden, eine zentrale Rolle. In diesem Zusammenhang beschäftigt sie sich auch mit der zeitgenössischen Eskalation von ideologischen und politischen Auseinandersetzungen.[3]

Koppetsch ist Mitbegründerin eines milieuvergleichenden Ansatzes in der Geschlechterforschung, der die Beharrungskraft traditioneller Rollenaufteilungen im Geschlechterverhältnis auf die Wirksamkeit latenter Geschlechtsnormen bezieht. Dieser Ansatz erklärt Geschlechterverhältnisse nicht durch biologische oder anthropologische Unterschiede, sondern geht davon aus, dass es latente Übereinstimmungen zwischen Männern und Frauen hinsichtlich des „richtigen“ Mannseins bzw. Frauseins gibt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Wandel von akademischen Berufsfeldern in den Kreativ- und Wissensökonomien.

Die Gesellschaft des ZornsBearbeiten

Mit der Studie Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter legte Koppetsch 2019 einen Erklärungsansatz zu den gesellschaftlichen Entstehungsursachen der neuen Rechtsparteien in Europa und in den USA vor. Der Aufstieg der neuen Rechtsparteien lässt sich demnach zurückführen auf einen epochalen Umbruch: den Übergang von der Industriemoderne zur globalen Moderne, die durch kulturelle, ökonomische und politische Grenzöffnungen geprägt ist. Dieser Wandel hat quer durch alle gesellschaftlichen Milieus Gewinner und Verlierer erzeugt und eine sozialmoralische Spaltung der Gesellschaft hervorgerufen, die sich im politischen Raum als „Kulturkonflikt“ äußert. Die Konfliktlinie verläuft zwischen jenen, die sich transnational, kosmopolitisch ausrichten und denen, die mit dem rasanten Verschwinden der alten, national organisierten Industriemoderne hadern.[4] Diese zweite Gruppe sieht sich laut Koppetsch als Verlierer und fühlt sich zu Rechtspopulisten hingezogen. Dabei spiele es keine Rolle, ob der empfundene Verlust kulturellen oder ökonomischen Charakter hat. Man finde unter den Wählern der AfD abgehängte Industriearbeiter, deren berufliche Kenntnisse in der digitalisierten Wissensgesellschaft nichts mehr zählen, aber auch Vertreter des alten Bildungsbürgertums, die unter schwindender kultureller Deutungshoheit leiden. Dazu kommen ehemalige Bürger der DDR, die ihre Lebensgeschichte als „entwertet“ betrauern. Daraus sei eine „Querfront der Verlierer“ geworden, in sich heterogen aber vereint durch das Ressentiment gegen die globalisierte Welt. Den Gegenpol bilde eine kosmopolitische Elite, die von der Globalisierung in ökonomischer wie in kultureller Hinsicht profitiere und sich im Lob der Offenheit gefalle, sich aber tatsächlich in ihren gentrifizierten, urbanen Enklaven gegen alles Andere abgrenze.[5]

Das Buch erschien 2019 beim Transcript-Verlag und erregte mediale Aufmerksamkeit. Das Manuskript war zuvor vom Suhrkamp-Verlag abgelehnt worden.[6] 2019 wurde das Buch für den Bayerischen Buchpreis nominiert. Nachdem Plagiatsvorwürfe bekannt geworden waren, zog die Jury vor der Preisverleihung, zu der Koppetsch erschienen war, ihre Nominierung zurück.[7] Jurymitglied Sandra Kegel begründete die Entscheidung aufgrund „eines schwebenden Verfahrens über die Vorwürfe, dass gewisse Formulierungen nicht dem wissenschaftlichen Comment entsprechen“.[8] Koppetsch wurde unter anderem vorgeworfen, vom Soziologen Andreas Reckwitz nicht nur den Begriff „Neogemeinschaften“, sondern auch wörtliche Passagen aus dessen Buch Die Gesellschaft der Singularitäten ohne Quellenangaben übernommen zu haben. 26 Stellen werden nach einer Recherche der F.A.Z. beanstandet. Koppetsch räumte Fehler ein und begründete die Fehler später mit Zeitdruck.[9][6] Der Verlag nahm daraufhin das Buch aus dem Handel.[10][6] Kurz darauf wurde bekannt, dass das Buch in seiner Erstausgabe auch 12 Passagen aus dem Buch Die Republik der Angst (Rowohlt) von Frank Biess enthalte, was dem Transcript Verlag seit Sommer 2019 bekannt war.[11][6] Koppetschs Buch enthält nach Recherchen verschiedener Medien auch Plagiate unter anderem von Herfried Münkler,[12] Oliver Nachtwey,[13] Klaus Kraemer (Soziologe),[14] Aladin El-Mafaalani,[6] Sighard Neckel, Wendy Brown, Zygmunt Bauman, Maurizio Bach und Slavoj Zizek.[15][6]

Nach Bekanntwerden des Plagiatsvorwurfs setzte in den Medien darüber eine rege Diskussion ein. Jochen Zenthöfer argumentiert in der FAZ: „Es liegt kein Zitierstil und keine Rechtsprechung vor, die die von Koppetsch verwendeten Methoden als zulässig erachtet. Das gilt auch für das Genre Sachbuch“.[16][6] Knut Cordsen äußert im Bayerischen Rundfunk: „In der Musik würde man wohl von einem ‚Mashup‘ sprechen: einem Amalgamieren von Sätzen und Formulierungen verschiedener anderer Autoren zu einem Text, der dann als der eigene ausgegeben wird.“[17] Alexander Cammann schrieb in der ZEIT: „Es geht um Übernahmen, Aneignungen und Verschleierungen, die zum Beispiel eine Professorin ihren Studierenden in Seminararbeiten nicht durchgehen lassen kann, aber auch ansonsten in Büchern nicht zulässig sind“.[18] Gustav Seibt, der das Werk bereits im Juli 2019 rezensiert hat[19], verteidigte hingegen die Zitierweise mit der Begründung, das Buch sei eine Synthese, bei der summarische Verweise am Ende genügten.[20] Michael Angele verweist zudem darauf, dass der Begriff „Neogemeinschaften“ schon vor Reckwitz existiert. Er hält die Zitierweise für formal unrichtig, kann aber keine plagiatorischen Absichten erkennen.[21] Armin Nassehi hält das Buch für eine große wissenschaftliche Leistung, die Zitierfehler aber für unverzeihlich.[6]

Ende November 2019 wurde berichtet, dass auch Koppetschs Buch Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte aus dem Jahr 2013 Plagiate verschiedener Autoren enthalte, darunter von Hartmut Rosa und vom Kabarettisten Vince Ebert.[22] Der Campus Verlag nahm das Buch daraufhin vom Markt.[23] Koppetschs Habilitationsschrift „Das Ethos der Kreativen“ wird (Stand Dezember 2019) von VroniPlag Wiki auf Plagiate durchsucht.[6] An der Technischen Universität Darmstadt wurde im Dezember 2019 unter dem Vorsitz der Philosophin Petra Gehring eine Untersuchungskommission eingesetzt, die den „Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten“ im Falle von Koppetsch systematisch verfolgt und die Plagiatsprüfungen ihrer verschiedenen Bücher zusammen- und weiterführt.[24]

Veröffentlichungen (Auswahl)Bearbeiten

MonographienBearbeiten

HerausgeberschaftenBearbeiten

  • mit Kornelia Hahn: Soziologie des Privaten. VS-Verlag, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-17751-9.
  • Nachrichten aus den Innenwelten des Kapitalismus. Zur Transformation moderner Subjektivität. VS-Verlag, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-18163-9.
  • mit Anja Weiß, Albert Scharenberg und Oliver Schmidtke: Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2001, ISBN 978-3-531-13749-0.
  • Körper und Status. Zur Soziologie der Attraktivität. UVK, Konstanz 2000, ISBN 978-3-87940-738-5.

AufsätzeBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Berlinerin mit Werdohler Wurzeln erklärt Rechtspopulismus, come-on.de, 10. Juni 2019.
  2. TU Darmstadt: Prof. Dr. Cornelia Koppetsch. Professur für Geschlechterverhältnisse, Bildung und Lebensführung
  3. Edith Kresta: Soziologin über die urbane Mittelschicht: „Viele Linke machen sich etwas vor“. In: taz. 8. Juli 2018 (taz.de [abgerufen am 9. Juli 2018]).
  4. Adam Soboczynski: Die Sehnsucht nach Restauration. Kaum jemand erklärt die Umbrüche unserer Zeit so glänzend wie die Soziologin Cornelia Koppetsch, Die Zeit, 23/2019.
  5. Jens Balzer: Die Querfront der Verlierer. In: Deutschlandfunk Kultur, 18. Juli 2019.
  6. a b c d e f g h i SPIEGEL ONLINE: Cornelia Koppetsch und Plagiatsvorwürfe: Aufstieg und Fall einer Bestsellerautorin. Abgerufen am 14. Dezember 2019.
  7. Bayerischer Buchpreis: Plagiatsvorwurf gegen Koppetsch. 7. November 2019, abgerufen am 7. November 2019.
  8. 2019 – Bayerischer Buchpreis. 7. November 2019, abgerufen am 11. November 2019.
  9. Sachbuch-Bestseller: „Die Gesellschaft des Zorns“ steht unter Plagiatsverdacht. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 7. November 2019]).
  10. Soziologin Cornelia Koppetsch unter Plagiatsverdacht. Abgerufen am 9. November 2019.
  11. Gesellschaftsdiagnose mit verschwiegenen Quellen. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 20. Dezember 2019]).
  12. Jochen Zenthöfer: Soziologin unter Druck : Universität Darmstadt untersucht Koppetsch-Plagiate. In: FAZ.net, 25. November 2019.
  13. Alexander Cammann: Schwebende Verfahren. In: Die Zeit. 13. November 2019, abgerufen am 20. Dezember 2019.
  14. Knut Cordsen: Plagiatsverdacht: Warum Koppetsch unsauber zitiert hat. In: Bayerischer Rundfunk. 7. November 2019, abgerufen am 22. Dezember 2019.
  15. Gesellschaftsdiagnose mit verschwiegenen Quellen. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 20. Dezember 2019]).
  16. Analyse von Koppetschs Plagiat: Verschleierungen und Bauernopfer. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 20. Dezember 2019]).
  17. Knut Cordsen: Plagiatsverdacht: Warum Koppetsch unsauber zitiert hat. In: Bayerischer Rundfunk. 7. November 2019, abgerufen am 22. Dezember 2019.
  18. Alexander Cammann: Schwebende Verfahren. In: Die Zeit. 13. November 2019, abgerufen am 20. Dezember 2019.
  19. Gustav Seibt: Querfronten der Verlierer. In: Süddeutsche Zeitung. 1. Juli 2019, abgerufen am 11. November 2019.
  20. Hat Cornelia Koppetsch plagiiert? FAZ und SZ sehen das unterschiedlich – 9punkt – Die Debattenrundschau vom 09.11.2019. Abgerufen am 9. November 2019.
  21. Michael Angele: Zwei Gänsefüßchen für eine tolle Soziologin. In: der Freitag, Ausgabe 46/2019.
  22. Jochen Zenthöfer: Soziologin unter Druck: Universität Darmstadt untersucht Koppetsch-Plagiate. In: FAZ.net, 25. November 2019.
  23. Jochen Zenthöfer: Plagiate im zweiten Buch: Die Collagen der Cornelia Koppetsch. In: FAZ.net, 21. November 2019.
  24. Neues Ungemach für Cornelia Koppetsch. Abgerufen am 20. Dezember 2019.