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Physikum

Erster Abschnitt der ärztlichen Prüfung

Physikum ist in Deutschland die traditionelle Bezeichnung für die Zwischenprüfung im Rahmen des Medizinstudiums. Die offizielle Bezeichnung lautet im Studiengang Humanmedizin seit 1. Oktober 2003 Erster Abschnitt der ärztlichen Prüfung (nach den vorher gültigen Approbationsordnungen: Ärztliche Vorprüfung) und in dem der Zahnmedizin Zahnärztliche Vorprüfung. Die Bezeichnung Physikum wird jedoch inoffiziell weiterhin oft verwendet: In der universitären Alltagssprache ist sie die allgemein übliche, auch in Forschungsliteratur wird sie weiter benutzt[1][2][3] und in Fachwörterbüchern[4] sowie anderen neueren Titeln großer Fachbuchverlage taucht sie regelmäßig auf.[5] Davon abweichend ist im Studiengang Veterinärmedizin der traditionelle Sprachgebrauch der offizielle geblieben und somit wird Physikum parallel zum neuen Ausdruck Tierärztliche Vorprüfung auch in Dokumenten weiterhin verwendet. Im Studiengang Humanmedizin ist durch gesetzliche Neuregelung im Jahr 2002 aus einer traditionellen Zwischenprüfung dieses Namens rechtlich ein integraler erster Teil einer staatlichen Prüfung geworden, was sich in der neuen amtlichen Benennung niederschlug und vor allem Konsequenzen für die Bewertung hat.

Das Physikum stellt die erste umfassende Prüfung im Rahmen des Medizinstudiums dar. In der Bezeichnung – wie auch in den Inhalten – spiegelt sich bis heute das Programm der Reformbewegung wider, die im 19. Jahrhundert zur Einrichtung dieser Prüfung führte. Sie wurde zunächst für den Studiengang Humanmedizin eingeführt und später für die Studiengänge der Veterinär- und Zahnmedizin übernommen.

Inhaltsverzeichnis

Inhalte und Regelungen der PrüfungBearbeiten

Für den Studiengang HumanmedizinBearbeiten

Rechtliche GrundlagenBearbeiten

Die rechtliche Grundlage für die deutschlandweiten Prüfungen im Studiengang Humanmedizin bildete und bildet seit dem späten 19. Jahrhundert die Approbationsordnung für Ärzte (AOÄ) für das Deutsche Reich (siehe das spätere Kapitel Historische Hintergründe) bzw. nachfolgend für die Bundesrepublik Deutschland. Heute gilt sie in der Fassung vom 27. Juni 2002 (zuletzt geändert am 17. Juli 2017). Sie wurde vom Bundesminister für Gesundheit erlassen und stellt juristisch eine Verordnung und damit im materiellen Sinne ein Bundesgesetz dar. Darin enthalten die Paragraphen 9 bis 21 Allgemeine Prüfungsbestimmungen und die §§ 22 – 26 regeln Einzelheiten für den Ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung, das Physikum (Der Wortlaut findet sich in elektronischer Veröffentlichung über den betreffenden Anhang zu diesem Artikel).

Organisation, Durchführung und InhalteBearbeiten

Die Zwischenprüfung bestand früher für die Studierenden aller medizinischen Fakultäten aus dem traditionellen Physikum. Heute wird es jedoch an einigen Universitäten, die Modell- und Reformstudiengänge durchführen, durch andere Prüfungen ersetzt. Die Prüfung findet nach vier Semestern Regelstudienzeit statt. Im Bundesland Hessen ist bei der Anmeldung eine „Verwaltungsgebühr“ in Höhe von zur Zeit (bei Anmeldung für die Prüfung im Frühjahr 2019) 95 Euro zu entrichten, mit der „für die Bearbeitung der Prüfungsanmeldung“ bezahlt werden soll.[6] (Auch zur Zeit der Einführung des Physikums – sowie bei der Vorgänger-Prüfung – war eine Gebühr in beträchtlicher Höhe zu entrichten, die damals der Besoldung der Prüfer diente. / Siehe unten das Kapitel Historische Hintergründe.)

Die Prüfung gliedert sich in zwei aufeinanderfolgende Teile, einen schriftlichen und einen mündlich-praktischen, die an verschiedenen Terminen abgehalten werden. Der schriftliche Teil ist im Studiengang Humanmedizin in Form einer deutschlandweit einheitlichen Prüfung zu bearbeiten. Diese wird jährlich an zwei Terminen, im März und im August, angeboten und an jedem der beiden Termine an zwei aufeinanderfolgenden Tagen durchgeführt. Für das Jahr 2019 sind sie dementsprechend auf den 12. und 13. März bzw. den 20. und 21. August festgesetzt, für das Jahr 2020 um jeweils zwei und für 2021 um wiederum einen Kalendertag(e) früher. An den letzten Terminen nahmen an ihr im Frühjahr 2018 deutschlandweit 2493 Kandidaten teil, im „Herbst“ (späten August) desselben Jahres waren es 6552 (siehe das Unterkapitel Prüfungsergebnisse). Die inhaltliche Ausrichtung der Prüfungen, die Vorbereitung der Unterlagen und die Auswertung erfolgen zentral im Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP – siehe dazu den betreffenden Anhang zu diesem Artikel). Die Meldung zum Examen und die Entscheidung über die Zulassung erfolgen dezentral bei den Landesprüfungsämtern (LPÄ). Diese Ämter führen auch die Prüfungen durch und informieren die Prüfungsteilnehmer über ihre Ergebnisse. Die Prüfung umfasst 320 Single-Choice-Fragen aus den Fächern Physiologie/Physik (80 Fragen) und Biochemie/Chemie (80 Fragen) am ersten Tag, sowie Anatomie/Biologie (100 Fragen) und Medizinische Psychologie/Soziologie (60 Fragen) am zweiten Tag. Der Prüfling hat an jedem der beiden Tage vier Stunden Zeit für die Bearbeitung der Fragen. Bei der Bewertung werden alle Fragen gleich gewichtet: Für jede der Erwartung entsprechende Antwort wird ein Punkt vergeben. Es können also theoretisch maximal 320 Punkte in diesem Prüfungsteil erzielt werden. Da es jedoch vorkommt, dass im Zuge der Auswertung noch Fehler in der Aufgabenstellung entdeckt werden, müssen in solchen Fällen eine oder mehrere Fragen aus der Bewertung entfernt werden, wodurch sich die Zahl der maximal erreichbaren Punkte, an denen sich die Benotungsskala bemisst, entsprechend geringfügig reduziert.

Der mündliche Teil (eigentlich: mündlich-praktischer Teil) umfasst nach der neuen Approbationsordnung die Fächer Anatomie, Physiologie und Biochemie/Molekularbiologie. Nach der alten Approbationsordnung wurden zwei mündliche Prüfungsfächer ausgelost (Anatomie, Biochemie, Physiologie, Medizinische Psychologie/Medizinische Soziologie). Der eigentlichen Prüfung geht an manchen Universitäten ein halbstündiger praktischer Vortermin voraus, während andere Universitäten den praktischen Teil in die mündliche Prüfung integrieren. Die mündliche Prüfung wird von den Hochschullehrern der Universität abgehalten, an der der Prüfling studiert. Die Approbationsordnung sieht bis zu vier Prüflinge je Prüfungsgruppe vor und legt eine Prüfungsdauer zwischen 45 Minuten und einer Stunde je Prüfling fest.[7]

BewertungBearbeiten

Die beiden Prüfungsteile müssen nicht in demselben Halbjahr absolviert werden. Sie werden zunächst jeweils getrennt benotet und die Gesamtnote für das bestandene Physikum errechnet sich abschließend als arithmetischer Mittelwert aus den zunächst vergebenen Noten für beide Teile. Schriftliche und mündliche Prüfung werden also gleich gewichtet. Ein nicht bestandener Teil kann zweimal wiederholt werden. Für einen bereits bestandenen Teil ist dies – etwa zum Erzielen einer besseren Note – jedoch nicht gestattet. Die Gesamtnote für das Physikum geht später zu einem Drittel in die Gesamtnote der Ärztlichen Prüfung ein.[8] Durch diese Bewertungsweise hat das Physikum gegenüber früheren Zeiten inzwischen seinen Charakter und Status grundsätzlich geändert: Handelte es sich seit seiner Einführung im 19. Jahrhundert um eine Zwischenprüfung im traditionellen Sinne, deren Bestehen für die Zulassung zu der einige Jahre später erfolgenden Abschlussprüfung lediglich vorausgesetzt und nachzuweisen war (wie dies auch in anderen Studiengängen in Deutschland praktiziert wurde und wird), so gilt sie infolge einer späteren Umorganisation im Rahmen einer erneuten Studienreform seit der Approbationsordnung aus dem Jahr 2002 dem Gesetz nach als integraler erster Teil einer medizinischen Prüfung, deren drei Teile jeweils gleich gewichtet werden, was durch den Wechsel der offiziellen Bezeichnung (siehe oben die Einleitung zum Artikel) zum Ausdruck gebracht wurde.[9]

Das erfolgreiche Bestehen des Physikums beendet den vorklinischen Teil des Medizinstudiums und leitet in den klinischen Teil über. (Für gegenwärtige Planungen, diese seit Einführung des Physikums bestehende Trennung wieder aufzuheben, siehe das nachfolgende Kapitel Zukunftsperspektiven etc.)

Für den Studiengang VeterinärmedizinBearbeiten

Durchführung und InhalteBearbeiten

Das Physikum im Studiengang der Veterinärmedizin findet ebenfalls nach dem vierten Semester statt. Geprüft werden die Fächer Tierzucht und Genetik, Biochemie, Physiologie, Anatomie, Histologie und Embryologie. Die Prüfungen erstrecken sich über einen Zeitraum von acht bis zehn Wochen und werden alle in mündlicher, zum Teil auch in praktischer Form abgelegt. Die Fächer Chemie, Physik, Zoologie und Botanik werden bereits im Vorphysikum nach dem zweiten Semester geprüft.

Rechtliche GrundlageBearbeiten

Die Rechtsgrundlage dafür stellt die Verordnung zur Approbation von Tierärztinnen und Tierärzten in der Neufassung vom 27. Juli 2006 dar. Darin beinhalten die §§ 5 – 18 Allgemeine Prüfungsregelungen, während die §§ 19 – 21 das Vorphysikum und §§ 22 – 28 das Physikum regeln (der Text derselben ist in elektronischer Form über den entsprechenden Anhang zu diesem Artikel lesbar). Im letztgenannten Abschnitt taucht der Begriff Physikum auch heute noch im Gesetzestext auf.[10]

Für den Studiengang ZahnmedizinBearbeiten

Durchführung und InhalteBearbeiten

Das Physikum im Studium der Zahnmedizin kann frühestens nach dem fünften Semester abgelegt werden und umfasst die Fächer Anatomie, Physiologie, Biochemie und Zahnersatzkunde. Diese Fächer werden separat mündlich geprüft, Zahnersatzkunde ist zudem mit einer mehrere Tage dauernden praktischen Prüfung verbunden. Die Fächer Chemie, Physik und Biologie werden im Rahmen des Vorphysikums (offiziell: der Naturwissenschaftlichen Vorprüfung) frühestens nach dem zweiten Semester mündlich geprüft.

Rechtliche GrundlageBearbeiten

Die Rechtsgrundlage dafür stellt die Approbationsordnung für Zahnärzte dar. Darin beinhalten die §§ 3 – 17 Allgemeine Prüfungsregelungen, während die §§ 18 – 24 die Naturwissenschaftliche Vorprüfung und die §§ 25 – 31 die Zahnärztliche Vorprüfung, also das Physikum regeln (deren Text ist in elektronischer Form über den entsprechenden Anhang zu diesem Artikel lesbar).

Weitreichende Neuregelung in VorbereitungBearbeiten

Da die gesetzliche Regelung und mit ihr Formen und Inhalte von Ausbildung und Prüfungen in Anbetracht des wissenschaftlichen Fortschritts in Zahn- und Humanmedizin als veraltet empfunden werden, ist eine Neuregelung mit weitreichenden Änderungen in Vorbereitung, die auch entsprechende Folgen für Inhalte und Durchführung der Zwischenprüfung haben wird. Insbesondere ist im ersten Studienabschnitt eine noch viel weiter gehende fachliche „Verzahnung“ mit Inhalten der Humanmedizin vorgesehen, die sich auch im künftigen neugestalteten Physikum für die angehenden Zahnärzte widerspiegeln wird.

Prüfungsergebnisse im Studiengang HumanmedizinBearbeiten

DokumentationBearbeiten

Das IMPP, das für die Fragen und deren Auswertung verantwortlich zeichnet (siehe oben), ist auch mit der Aufgabe betraut, die Ergebnisse (anonymisiert) zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Detailreiche Grafiken diesen Inhalts können auf dem Informationsportal des Instituts (siehe den Anhang zu diesem Artikel) für die letzten zwanzig Jahre studiert werden.

Untersuchung und hochschulpolitische KontroverseBearbeiten

Ein im Jahr 2006 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichter Aufsatz unternahm es, die Prüfungsergebnisse aus den Jahren 1994 (als die medizinischen Fakultäten in den Neuen Bundesländern erstmals am Physikum teilnahmen) bis 2004 deutschlandweit und vergleichend einer detaillierten Untersuchung zu unterziehen. Die Autoren dieser Studie warnten jedoch davor, aus den Prüfungsergebnissen der einzelnen Hochschulen direkt auf die Qualität der dortigen medizinischen Lehre schlussfolgern zu wollen (und darauf eventuell politische Forderungen betreffend finanzieller Mittelzuweisung zu gründen).[11] Wegen der hochschulpolitischen Brisanz des Themas entspann sich anschließend eine Diskussion unter Universitätslehrern der Medizin über die Methodik und Aussagekraft dieser Studie.[12] In diesem Zusammenhang warf der damalige Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, Hermann O. Handwerker, Fakultäten mit Reformstudiengängen im Fach Humanmedizin vor, durch deren Einrichtung – und in deren Folge den Verzicht auf die Teilnahme an der deutschlandweiten Physikums-Prüfung – vor einem direkten Vergleich ihrer didaktischen Leistungsfähigkeit „geflüchtet“ zu sein.[13]

Beispielhafte ErgebnisseBearbeiten

Herbst 2016Bearbeiten

Im Herbst des Jahres 2016 nahmen bundesweit 6466 Studierende (davon 60,9 % Frauen) an der schriftlichen Physikums-Prüfung teil. Sie erreichten durchschnittlich 74,50 % (Männer: 75,50 %; Frauen: 73,6 %) der maximalen Leistung. Bei der mündlichen Prüfung waren es 6216 (davon 60,4 % Frauen), die im Durchschnitt mit der Note 2,54 (Männer: 2,51; Frauen: 2,56) bewertet wurden. Die durchschnittliche Gesamtnote betrug 2,31.

Frühjahr 2017Bearbeiten

Im Frühjahr 2017 unterzogen sich 2388 Studierende (davon 64,2 % Frauen) der schriftlichen Prüfung und errichten durchschnittlich 70,38 % de maximalen Leistung. Bei der mündlichen Prüfung waren es 2244 Teilnehmende (davon 63,1 % Frauen), die die Durchschnittsnote 2,93 erzielten. Als Gesamtnote wurde durchschnittlich 2,64 erreicht.

Herbst 2017Bearbeiten

Im Herbst des Jahres 2017 nahmen 6496 Studierende nach durchschnittlich 4,4 Fachsemestern an der schriftlichen Prüfung teil; 60,6 % waren Frauen. 91,07 % der Prüflinge bestanden. Sie erreichten durchschnittlich 75,72 der maximalen Leistung (die 3957 Frauen: 75% / die 2539 Männer: 76,6 %). Bei der mündlichen Prüfung waren es 6226 Teilnehmer, die die Durchschnittsnote 2,59 (Frauen: 2,61; Männer: 2,56) erzielten. Als durchschnittliche Gesamtnote aus beiden Teilen wurde 2,27 erreicht.

Frühjahr 2018Bearbeiten

Im Frühjahr 2018 unterzogen sich 2493 Studierende der schriftlichen Prüfung, davon 65,5 % Frauen. Sie erreichten durchschnittlich 68,76 % der maximalen Leistung. 79,3 % der Prüflinge bestanden. In der mündlichen Prüfung erzielten 2501 Studierende die Durchschnittsnote 3,01. Die durchschnittliche Gesamtnote aus beiden Teilen war 2,66.

Herbst 2018Bearbeiten

Im Herbst des Jahres 2018 unterzogen sich bundesweit insgesamt 6552 Prüflinge dem schriftlichen Teil des Physikums. Von 315 gewerteten Aufgaben beantworteten sie zwischen 0 und 313 den Erwartungen entsprechend; es ergab sich ein Mittelwert von 235,29 je Person. Damit konnten sie durchschnittlich 74,7 % der maximal möglichen Leistung erbringen; 90,7 % der teilnehmenden Studierenden bestanden die Prüfung. Am besten schnitten sie dabei durchschnittlich im Fach Biologie (81,3 %) ab, gefolgt von den Fachgebieten Medizinische Psychologie & Soziologie (78,5 %) und Physiologie (75,9 % jeweils der maximal möglichen Leistung). Am geringsten waren ihre Erfolge im Fach Physik (61,5 %).

Zukunftsaussichten: Geplante Änderungen der Prüfung im Studiengang HumanmedizinBearbeiten

Einleitung, Grundsätze und ÜbersichtBearbeiten

Im Zuge von Reformen des Medizinstudiums sind auch Änderungen bei den Staatsprüfungen geplant.[14] Sie stehen insgesamt unter der Leitidee einer stärkeren Patientenorientierung der Ausbildung. Dabei ist für das Physikum vorgesehen, dass darin „künftig vermehrt klinische Bezüge erfasst“ werden sollen, was sich auch didaktisch und mnemotechnisch positiv auswirken soll: „[…] das erleichtert den Studierenden das Erlernen, aber auch das Behalten des wesentlichen Grundlagenwissens, weil es in für Ärzte sinnvolle Kontexte eingebunden ist“. Des Weiteren sollen im zweiten, dem mündlich-praktischen Teil der Prüfung nunmehr auch „Themen geprüft werden, die für den Patientenkontakt wichtig sind.“ Die Prüflinge sollen auf der erforderlichen „gute[n] wissenschaftlichen Basis“ bereits zu diesem Zeitpunkt „eine einfache Anamnese durchführen können“ – während Fragen zur Therapie auch weiterhin späteren Prüfungen vorbehalten bleiben. Schließlich werden sie auch ihre Fähigkeit unter Beweis stellen müssen, wissenschaftliche Studien gezielt und kritisch lesen und „beurteilen“ zu können.

Der diesen Planungen zugrundeliegende Masterplan Medizinstudium 2020 wird von der Leitung des IMPP so charakterisiert, daß er „auf einen Paradigmenwechsel in der medizinischen Ausbildung und den medizinischen Staatsexamina ab[zielt].“[15] (Zu dem in der Medizingeschichte, -theorie und -kritik seit dem 20. Jahrhundert etablierten Begriff des Paradigmas siehe die nachfolgenden Kapitel Historische Hintergründe und Kritik und Gegenbewegungen, die auch die erneute Neuausrichtung verständlich werden lassen).

EinzelheitenBearbeiten

  • Es ist vorgesehen, durch die „Fokussierung auf ein Kerncurriculum“ und „eine entsprechende Reduktion der derzeitigen Prüfungsinhalte in den Gegenstandskataologen um insgesamt ca. 20 - 25%“ Raum für die Aufnahme neuer Lerninhalte zu schaffen.[16]
  • Demgemäß sollen im schriftlichen Teil der Prüfung „die naturwissenschaftlichen Fragen reduziert werden.“
  • Dafür sollen verstärkt vorkommen:
    • „klinisch orientierte Fragen und insbesondere
    • die Erfassung von Wissenschaftskompetenz,
    • ethisch-rechtliche Grundlagen,
    • psychosoziale Kenntnisse etc.“
  • Grundsätzlich sollen „anwendungsorientierte Fragen [...] möglichst Fragen zur Überprüfung reinen Fachwissens ersetzen.“
  • In der Durchführung sollen die bisherigen mündlich-praktischen Prüfungen durch die neu entwickelten Methoden der objektiven strukturierten praktischen Prüfung bzw. objektiven strukturierten klinischen Prüfung ersetzt werden.
  • In deren Rahmen sollen bundesweit „alle Studierenden an zentral entwickelten Aufgaben geprüft werden.“
  • Vorwiegend überprüft werden dann Fähigkeiten und Fertigkeiten wie
    • Begründen und Erklären von Zusammenhängen, Strukturen und Funktionsweisen,
    • Anamneseerhebung an Simulationspatienten und ebenso
    • das Etablieren „einer vertrauensvollen Arzt-Patient-Beziehung, z. B. der adäquate Umgang mit Emotionen und eine patientenorientierte Informationsvermittlung.“
  • Schließlich sollen, „[...] um die Vergleichbarkeit der Leistungsstandards an den verschiedenen Fakultäten wiederherzustellen, [...] auch die Modellstudiengänge [an der gemeinsamen Prüfung] teilnehmen.“[17]

Physikums-ForschungBearbeiten

Einleitung und ÜbersichtBearbeiten

Das Physikum ist nicht nur die Zwischenprüfung im Studium der Medizin, die von deren Hochschullehrern als angewandte Wissenschaft verstanden wird, sondern es richtet sich auch seit Jahren das Interesse von Wissenschaftlern auf das Physikum selber. Diese Forschung erfolgt zum einen aus der Sicht der Medizingeschichte, die historische Entwicklungen und Veränderungen auf dem Gebiet der Medizin vor dem allgemeinen kultur-, geistes-, sozial- und wissenschaftshistorischem Hintergrund zu beschreiben und zu erklären sucht. Dabei richtet sich das Augenmerk einerseits auf die Überzeugungen und das inhaltliche Programm, das zur Entstehung und fachlichen Zusammensetzung der Prüfung und deren späteren Veränderungen führte und im Rahmen der Gestaltung des Medizinstudiums insgesamt zu betrachten ist, zum anderen auf deren kurz- und langfristige Auswirkungen auf Studierende, Ärzte und Medizin und damit auf Patienten und Gesellschaft. (Siehe zu diesen Aspekten die Kapitel Historische Hintergründe und darauf aufbauend Kritik und Gegenbewegungen.) Zum anderen gibt es Forschungen aus der Sicht der Hochschuldidaktik, der Psychologie und schließlich der Medizin selber, die verschiedenen Aspekten oder den Auswirkungen des Physikums nachgehen. Dabei wählen auch einzelne Studierende einige Jahre nach dem erfolgreichen Bestehen dieser Prüfung das Physikum zum Gegenstand ihrer eigenen medizinischen Dissertation. (Vergleiche den Abschnitt Die positivistische Wende und das Fach Medizingeschichte im Historischen Hintergrund-Kapitel.)

Medizinische Aspekte und Physikums-Wirkungs- und -Erfolgs-ForschungBearbeiten

So widmete sich eine als Pilotstudie verstandene und im Jahr 2001 als Dissertation veröffentlichte Untersuchung an der Universität Düsseldorf dem Thema Streß und körperliche Beschwerden während der Examensvorbereitung am Beispiel des Physikums.[18] Diese wurde an sechsundsechzig Medizinstudierenden beiderlei Geschlechts im Alter von durchschnittlich 23,14 Jahren (mit einer zusätzlichen kleineren Kontrollgruppe) mittels Fragebögen und Protokollen durchgeführt. Die tägliche Lerndauer lag bei durchschnittlich 8,38 Stunden in der Endphase vor dem schriftlichen und bei 8,13 Stunden vor dem mündlichen Prüfungsteil (S. 14), während der die Prüfungsteilnehmer „signifikant weniger schliefen“ (S. 16). „Das Physikum erwies sich als eine besondere Belastungssituation für die Medizinstudenten“ (S. 14) in der Auswertung der Befragung nach dem subjektiven Empfinden (S. 21). Die Autorin kam dabei zu dem Ergebnis, dass eine große Zahl verschiedenartiger Beschwerden protokolliert wurden, dies jedoch meist nicht signifikant häufiger als bei der Kontrollgruppe von Medizinstudierenden außerhalb der Prüfungsvorbereitungsphase. „Lediglich Herzjagen und -stolpern trat in der Examensgruppe deutlich häufiger auf“ (S. 17). Lediglich 4,5 % der Examenskandidaten in der ersten bzw. 13 % in der zweiten Vorbereitungsphase gaben keine Beschwerden an (S. 20). Eine weitergehende Hypothese über die Auswirkung verschiedener Lernstile konnte wegen der „unerwartet niedrigen Anzahl beschwerdefreier Probanden“ nicht getestet werden (S. 22). Als Erklärung für die zwar erwartete, aber in der Untersuchung nicht gefundene größere Beschwerdefreiheit der Kontrollgruppe wurden angenommen ein „verstärkte[s] Verantwortungsgefühl für die eigenen Gesundheit bei den Examenskandidaten“ oder „daß die Prüfungskandidaten bewußt andere potentielle Risiken wie Alkoholkonsum reduzierten, nicht aber die Probanden der Kontrollgruppe“ (S. 21), sowie daß wegen einer zu vermutenden Neigung, in dem betrachteten Zeitraum „die sozialen Kontakte zu reduzieren“, auch „die Exposition der Studenten zu potentiell pathogenen Keimen reduziert wurde. Dies wäre eine mögliche Erklärung für die reduzierte Infektionsrate bei den Examenskandidaten“ (S. 21 f.). (Vergleiche die Forderungen zur ärztlichen Gesundheit und diesbezüglichen Vorbildfunktion im späteren Unterkapitel Kritik aus der Sicht der Medizingeschichte. Siehe auch das Artikel-Kapitel Stress im Medizinstudium.)

Eine vier Jahre später veröffentlichte prospektive Studie auf dem Gebiet der Pneumologie ging dem Zusammenhang zwischen Schnarchen und Physikum nach. Die Forscher gelangten durch die Befragung von Bochumer Medizinstudierenden, von denen 481 verwertbare Datensätze zur Verfügung stellten, zu dem Ergebnis, daß zwar der Körpermasseindex (in der heutigen stark anglisierten Fachsprache: Body-Mass-Index, abgekürzt BMI) einer Medizin studierenden Person nicht deutlich genug mit der Prüfungsnote korreliert, um als Prädiktor dienen zu können; doch „Alter und Schnarchen scheinen einen unabhängigen Einfluss auf das Prüfungsergebnis des Physikums zu haben.“ Und zwar lag die durchschnittliche Prüfungsnote bei den schnarchendn Medizinstudierenden – mit 3,1 gegenüber 2,8 – um drei Dezimalstellen über der der nicht schnarchenden.[19] Aus diesem Forschungsprojekt erwuchs ebenfalls eine Dissertation.[20]

Historische HintergründeBearbeiten

Einleitung: Welchem Ziel dient eine historische Betrachtung des Themas?Bearbeiten

Das Wort Physikum ist einerseits der traditionelle Name einer konkreten Prüfung. Er beinhaltet andererseits aber auch ein Programm und spiegelt damit einen Plan für die Gestaltung der medizinischen Ausbildung – einschließlich der Prüfungen – sowie den Aufbau und die inhaltliche Fundierung der medizinischen Wissenschaft insgesamt wider. Die Entstehung der Prüfung wie auch der dahinterstehenden Vorstellungen und ihre langfristigen Auswirkungen werden erst in einem größeren Zusammenhang und in langfristiger Perspektive, als Ergebnisse einer langen – auch wechselvollen – historischen Entwicklung mit vielen handelnden Personen und deren jeweiligen Ideen und Zielen, verständlich.

In der Medizintheorie wird für diesen Zusammenhang aktuell der Begriff des Paradigmas herangezogen, das sowohl die Inhalte und die fachliche Komposition der neuen Prüfung – damals wie heute – bestimmt(e), als auch in ihrem Namen zum Ausdruck gebracht wurde (vergleiche das spätere Unterkapitel Fundamentalkritik & Gegenbewegung in Gestalt eines Modellprojekts an der Universität Würzburg).[21] In der Medizingeschichte wird dieser Begriff schon seit längerem verwendet.[22] Gemäß der historisch-kritischen Wissenschaftsphilosophie des US-amerikanischen Wissenschaftshistorikers und -theoretikers Thomas S. Kuhn (1922–1996) enthält ein Paradigma (von griechisch παράδειγμα parádeigma, „Beispiel, Vorbild, Muster“) „die für die Wissenschaftlergemeinschaft fundamental forschungsleitende Theorie, Annahmen, Prinzipien, Verallgemeinerungen, ferner Begriffe, Definitionen, Regeln, Naturgesetze und einen gewissen Bestand an kanonisiertem Wissen.“[23] Nach der Beschreibung dieser einflussreichen Denkschule „richten sich die Wissenschaftler nach historischen Mustern der Forschung, zu denen sowohl die grundlegenden Begriffe einer Disziplin, ihre ontologischen Präsuppositionen und ihe Modellvorstellungen gehören, ferner gelungene und von daher vorbildhafte Realisierungen der Forschung. Diese Elemente kostituieren den Grundkonsens einer Wissenschaftlergemeinde (scientific community).“[24] Unter einem Paradigma versteht man also „zu bestimmten Zeiten vorherrschende konsensfähige Denkmuster. [...] Paradigmen solcher Art sind so beschaffen, dass sie als epistemische (das Denken betreffende) Muster - ähnlich Modellen - Annahmen und Vorstellungen widerspiegeln, die es gestatten, für eine Vielzahl von Fragestellungen Lösungsmöglichkeiten sowie Erklärungsansätze und damit die Grundlagen einer >>Normalwissenschaft<< zu bieten. Ein Paradigma, so Kuhn, bereitet vor einem Wissenschaftler quasi eine Landkarte aus.“[25] Dieses Paradigma-Modell wurde entwickelt, um den Verlauf der Wissenschaftsentwicklung und vor allem den Wandel in dieser verständlich zu machen, der hier nicht kontinuierlich gesehen wird und für den neben inneren (internen) auch außerhalb der Wissenschaft liegende (externe) Fakten verantwortlich gemacht werden. Ebenso wird demnach von einem solchen Paradigma festgelegt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Wissenschaftsdisziplin als rational angesehen wird.[26]

Zudem gab und gibt es zu verschiedenen Zeiten entgegenlaufende Vorstellungen, Ziele und Tendenzen und daraus resultierend Kritik und Gegenbewegungen[27] (siehe dazu auch das nachfolgende Kapitel mit diesem Titel). Diese werden ebenfalls aus langfristiger Entwicklung heraus nachvollziehbar.

Schließlich änderte sich auch die inhaltliche Zusammensetzung der Zwischenprüfung, die Auswahl und Gewichtung der Fachgebiete, deren Kenntnis am Ende der Basisausbildung zukünftiger Ärzte die jeweils Verantwortlichen als notwendig erachteten, im Laufe von knapp 160 Jahren Physikumsgeschichte – und einer noch längeren „Vorgeschichte“ – signifikant. Auch dies spiegelt gesellschaftliche, geistige, ideologische, wissenschaftliche und politische Entwicklungen außer- und innerhalb der Medizin wider und somit ist ein Überblick über solche Hintergründe unabdingbar, um die Gegenwart, Geschichte und Vorgeschichte der Physikums-„Komposition“ zu verstehen.[28]

Die VorgeschichteBearbeiten

Geistesgeschichtlicher Rahmen (Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, mit Fortwirken bis heute)Bearbeiten

EinleitungBearbeiten

In Europa bestehen seit der Antike zwischen Medizin, Philosophie[29][30][31] und Naturkunde[32][33][34][35][36] enge Wechselbeziehungen. Sie beeinflussen und inspirieren sich seit ihrer Entstehung und vielfach bis heute gegenseitig, viele Persönlichkeiten waren an mehr als einem Gebiet interessiert, standen im Austausch mit deren Experten oder waren oft selber auf verschiedenen Feldern tätig.

Die Bezeichnungen von Fachgebieten unterliegen dabei im kulturhistorischen Verlauf Wandlungen. So wurde unter Philosophie (griechisch, wörtlich Liebe zur Weisheit) ursprünglich nicht lediglich ein einzelnes Fachgebiet unter anderen verstanden, sondern allgemein denkerische und forschende Bemühungen, die alle Gebiete – außer Theologie, Medizin und Rechtskunde – beinhalten konnten im Sinne einer Universalwissenschaft. Die uns heute geläufigen Einzelfachgebiete differenzierten sich in einem langfristigen Prozess allmählich aus dieser Allgemeinwissenschaft heraus und wurden so von Teilgebieten der Philosophie zu eigenständigen Disziplinen. Auch die denkerische und forschende Beschäftigung mit Phänomenen der Natur nannte man lange Naturphilosophie, während sich der Begriff Naturwissenschaft(en) zusammen mit dem Verständnis ihrer Eigenständigkeit erst spät in der Neuzeit herausbildeten. Dementsprechend wurde zum Beispiel auch die Bezeichnung Physik – heute als Prototyp der exakten Naturwissenschaft angesehen – erst im 19. Jahrhundert üblich, während man etwa zu Zeiten Isaac Newtons, eines ihrer berühmtesten Vertreter, von Mathematischer Naturphilosophie sprach. Daher ist beim Umgang mit historischen Texten und Fachbezeichnungen im historischen Kontext früherer Zeiten zu beachten, welches Verständnis bei den betreffenden Autoren und ihren zeitgenössischen Lesern diesen zugrunde liegt.

Die wechselseitigen Einflüsse, Überschneidungen und Hintergründe werden in allen nachfolgenden Abschnitten und Kapiteln beleuchtet.

Wechselbeziehungen der Wissenschaftsdisziplinen in der Antike und deren FolgewirkungBearbeiten

Voraussetzungen für die Entwicklung der antiken Medizin wurden von den frühen Philosophenschulen geschaffen[37][38] durch ihre Hinwendung zu systematischem methodischem Fragen, zu planmäßiger und reflektierter Naturforschung sowie durch Nachdenken über ethische Fragen. Bereits die frühe Schule der durch Pythagoras von Samos (etwa 570 bis 496/7 vor Christus) begründeten Pythagoreer[39][40] war bestrebt, ihre Lehre auf die Medizin zu übertragen.[41] Vervollkommnung des Menschen durch tiefe philosophische Erkenntnis und ethische Lebensführung stand für sie im Vordergrund und auf dem Gebiet der Heilkunde die Gesundheitsfürsorge und Krankheitsprävention durch eine auf Einsicht in die Naturzusammenhänge beruhende und an dem allgemeinen pythagoreischen Ideal der Harmonie orientierte Lebensführung: Leben im Einklang mit dem Kosmos und der Natur als Basis für körperlich-seelisches Wohlergehen, persönliche Höherentwicklung und erfülltes Leben des Menschen.[42] Moral und vorausschauende Gesundheitspflege waren untrennbar verflochten, der Mensch sollte so leben, daß Arzneien überflüssig wurden und Krankheit seinen Geist nicht beeinträchtigen konnte.[43] Mit diesen Ideen wirken sie in Philosophie, Wissenschaft, Weltanschauungen, Künsten, Medizin und Gesellschaft in Europa bis heute nach. (Zur Wiederbelebung der gesundheitsbezogenen Ideale auch in heute geplanten Neuerungen der Medizinerausbildung samt Prüfungswesen siehe das spätere Unterkapitel Kritik aus der Sicht der Medizingeschichte und Gegenbewegung.) Der für die abendländische Geistesgeschichte grundlegend wichtige Philosoph und Akademiegründer Platon (428/7 – 348/7 vor Christus),[44][45] der Studienzeit unter anderem bei den Pythagoräern in Unteritalien verbracht hatte und einige ihrer Lehren übernahm, schrieb auch über Naturkunde und befasste sich an verschiedenen Stellen in seinem Werk mit der Medizin. Er äußerte hohe Wertschätzung für diese, sah den guten Arzt als Vorbild für den idealen Staatsmann und forderte bereits Gesundheitsfürsorge durch umsichtige Lebensweise und eine Medizin, die als ganze so ausgerichtet sein sollte, wie es mit später entstandenen Begriffen als ganzheitlich und psychosomatisch zu beschreiben ist[46] – gut zweieinviertel Jahrtausende, bevor der Gesetzgeber im modernen Westdeutschland die Universitäten zwang, Fächer wie die Psychosomatik in die Grundausbildung aller Ärzte zu integrieren (siehe das nachfolgende Unterkapitel Die Folgen der positivistischen Wende und der Studienreform). In noch erheblich größerem Umfang betrieb auch sein (von 384 bis 322 vor Christus lebender) Schüler Aristoteles Naturforschung[47] und beeinflusste auf diese Weise – neben seinem Jahrtausende währenden fundamentalen Einfluß auf Philosophie und Naturkunde[48] – noch die Medizin der Neuzeit. Seine Vorstellung von der Seele „wirkt“ sogar „bis in die Gegenwart nach“ in medizinischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts.[49]

In der Medizingeschichtsschreibung setzt man den Beginn der wissenschaftlichen Medizin in der Regel mit dem Arzt Hippokrates und der von ihm begründeten Medizinschule auf der Mittelmeerinsel Kos an.[50] Sein Ruhm bereits in der Antike beruht auf einer preisenden Erwähnung im Werk Platons und ihm wird der Ausspruch zugeschrieben: Man soll Philosophie in das Ärztliche und Ärztliches in die Philosophie hineintragen.[51] In der im Kern auf Hippokrates und seine Schule zurückgehenden, inhaltlich jedoch heterogenen antiken griechischsprachigen Textsammlung, die als Corpus Hippocraticum[52] bekannt geworden ist, finden sich in vielen Schriften Bezüge auf die Philosophie und Behandlung philosophischer Themen. Auch der Medizinischen Ethik wird darin Aufmerksamkeit gewidmet. Für den bekannten Hippokratischen Eid wird dabei eine Prägung durch die Pythagoreer (siehe oben) angenommen.[53]

In Fortführung antiker Tradition war an den Universitäten seit dem 13. Jahrhundert von den angehenden Medizinern – wie von allen Studenten – zunächst eine mehrjährige philosophisch-mathematisch-naturkundliche Grundausbildung[54] zu absolvieren, an die sich das spezielle Studium im gewählten Fach anschloss. Das Konzept bestand – in modernen Begriffen ausgedrückt – darin, zunächst akademische Schlüsselqualifikationen zu vermitteln, nämlich produktives Denken und niveauvolle und effektive Kommunikationsformen einzuüben, um in der darauf aufbauenden Phase in pythagoreischer Tradition (siehe oben) durch mathematische, musiktheoretische und naturkundlich-naturphilosophische Inhalte ein tiefes Verständnis des Weltganzen zu erlangen, bevor der zukünftige Fachmann durch das Studium im gewählten Einzel-Hauptfach – wie der Medizin – in die Lage versetzt wurde, verantwortungsvoll in der Menschenwelt zu wirken: Umfassende allgemeine Bildung für alle und spezielle fachliche Ausbildung wurden also gleichermaßen als notwendig angesehen und kultiviert. Die Medizin verstand man als eine in die Praxis umgesetzte Naturphilosophie. Das ursprüngliche Konzept für die erste Phase im Universitätsstudium (zum Beispiel) der Medizin geht also im Prinzip auf eine Denker- und Lebensgemeinschaft im 5. Jahrhundert vor Christus zurück.[55]

Mediziner als NaturforscherBearbeiten

Wissenschaftshistoriker weisen heute darauf hin, dass die historischen Entwicklungen von Naturkunde und Medizin nicht getrennt voneinander verstanden werden können, obwohl sie traditionell und auch institutionell meist separat behandelt werden. Ein großer Teil von dem, was wir heute Naturwissenschaft nennen, war bis etwa zum Jahr 1800 – und teilweise noch darüber hinaus – abhängig von Organisationen der Medizin.[56] Um die historischen Prozesse zu verstehen, die zu den heutigen Vorstellungen, Konzepten und Praktiken auf beiden Gebieten führten, stehen heute die Personen, also Ärzte und Naturkundler – oft beides in einem –, im Zentrum der Aufmerksamkeit mitsamt ihrem kulturellen Hintergrund.[57]

Mediziner betätigten sich seit langem selber als Naturforscher. Dies geschah zunächst vor allem auf dem Gebiet der Pflanzenkunde, denn die intensive Beschäftigung mit heilwirksamen Pflanzen ist für den heilenden Menschen seit jeher geboten. So ist umfangreiches Expertenwissen über Heilpflanzen[58] und deren therapeutischen Einsatz schriftlich belegt schon seit den frühen Hochkulturen des Altertums[59][60] und anschließend aus der klassischen Antike – mit Rezeption bis weit in die Neuzeit[61] –, wissenschaftliche Forschungen belegen es jedoch auch bei schriftlosen Kulturen[62] und deuten auf gezielten Einsatz bereits zur Steinzeit[63] und vermutlich sogar vor der Hominisation (Menschwerdung im Laufe der Evolution)[64] hin. Von diesem Ausgangspunkt richtete sich das forschende Interesse schon früh weiter auf grundsätzliches Verständnis der Pflanzen. So wurden zum Beispiel in der Neuzeit die humanistisch gebildeten Ärzte[65] Otto Brunfels (circa 1489 – 1534)[66] und der Geisteswissenschaftler und Tübinger Medizinprofessor Leonhard Fuchs (1501–1566)[67] als Väter der Botanik tituliert.[68] Im späten 18. Jahrhundert wirkte Friedrich Casimir Medicus (1736–1808) in Mannheim sowohl als Garnisons- und fürstlicher Leibarzt (offizieller Titel: Hof-Medicus) und Hochschullehrer der Medizin als auch als Gründer und Leiter des dortigen Botanischen Gartens. Er forschte und publizierte zu Themen der klinischen Medizin wie auch der Botanik.[69][70] Dieselbe Doppelfunktion übten auch andere aus wie zum Beispiel Friedrich Joseph Schelver (1778–1832),[71] der an der Universität Heidelberg als Professor Medizin lehrte, Direktor des Botanischen Gartens wurde und zu verschiedenen Themen der Biologie sowie auch der Medizin publizierte. Erik Nissen Viborg (1759–1822) wurde in Kopenhagen erst Professor an der Veterinärschule und später Leiter derselben, um später zusätzlich noch eine Professur für Botanik an der dortigen Universität zu übernehmen.[72] Und der seinerzeit sehr bekannte Johann Emanuel Veith (1787–1876)[73] wurde im Jahr 1812 an der Universität Wien mit einer umfangreichen lateinischen Dissertation botanisch-pharmakologischen Inhalts[74] zum Doktor der Medizin promoviert, die im Folgejahr auch in deutscher Sprache als Buch erschien[75] und bald darauf zu einem voluminösen Lehrbuch erweitert wurde,[76] um seine Karriere als Dozent, Professor und Direktor des Thierarznei-Instituts fortzusetzen – und in dieser Funktion mehrere veterinärmedizinische Lehrbücher zu verfassen –, dieses jedoch später zugunsten einer humanmedizinischen Privatpraxis zu verlassen, die Alternativmedizin (siehe unten) für sich und diese Praxis zu entdecken, dann katholischer Mönch und schließlich Weltgeistlicher und produktiver Schriftsteller zu werden, dabei jedoch weiterhin ärztlich praktizierend, wobei sich „dieser höchst merkwürdige Mann“ sowohl als Prediger und Seelsorger am Stephansdom als auch als homöopathischer Arzt „namentlich in der Cholerazeit“ (siehe unten) „viel Zulauf[s]“ erfreute.

Andere Schwerpunkte naturkundlicher Forschung durch Ärzte bildeten – ebenfalls berufsbedingt – die Anatomie und Physiologie, wobei sich deren Interesse nicht auf den Menschen beschränkte. Auch Mediziner, die sich in ihren Studien sowohl der Pflanzen- als auch der Tierwelt widmeten, stellten keine große Ausnahme dar. So wurde Hans Sloane (1660–1753)[77] nach naturkundlichem Studium und medizinischer Promotion schließlich einerseits Leibarzt der britischen königlichen Familie, andererseits ein „sehr berühmter Naturforscher“, der auf einer Seereise nach Jamaika seine Beobachtungen von Meerestieren und deren Verhalten „sorgfältig notierte“,[78] auch seine 15-monatigen Aufenthalt dort „im Interesse der Naturwissensch.[aft] in so ausgiebiger Weise [benutzte], dass er mit einer äusserst reichhaltigen zoolog.[ischen] und botan.[ischen] Sammlung (unter letzterer 800 verschiedene Species) 1689 nach London zurückkehrte“, verfasste über letztere eine berühmte botanische Abhandlung,[79] wurde als Arzt in jahrzehntelanger Tätigkeit in verschiedenen Positionen „für seinen prognostischen Weitblick berühmt“, bekleidete höchste Ämter in Wissenschaftsorganisationen, überließ ein Grundstück im Stadtteil Chelsea dem dortigen Botanischen Garten und wurde zum Gründer des British Museum. Der seinerzeit „bekannte Naturforscher“ Julius Theodor Christian Ratzeburg (1801–1871)[80] wurde nach Apothekerlehre und medizinischem Studium an der Universität Berlin dort Privatdozent für Pharmakologie und anschließend im Alter von 30 Jahren Professor für Naturwissenschaften an der höheren Forstanstalt zu Neustadt-Eberswalde, weshalb ein Großteil seiner „zahlreiche[n] naturwissenschaftl.[ichen] Schriften“ forstwissenschaftliche Themen und die hierfür wichtigsten Lebewesen zum Thema hatte. Und der an der Universität Berlin promovierte Mediziner Johann Friedrich Brandt (1802–1879)[81] gab seine Praxistätigkeit schon nach kurzer Zeit auf, um nach erfolgter Habilitation zunächst Medizinische Botanik und Pharmakologie zu lehren, im Alter von 29 Jahren jedoch an die Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg zu wechseln, zudem Direktor des dortigen zoologischen Museums und für dieses Fach auch Professor an Hochschulen der Lehrer- und Medizinerausbildung zu werden. Er verfasste weit über 300 wissenschaftliche Arbeiten zu verschiedenen Gegenständen der Zoologie und widmete auch der Paläontologie große Aufmerksamkeit.[82] Beide genannten Autoren, J. Th. C. Ratzeburg und J. F. Brandt, publizierten gemeinsam auch medizinisch bedeutsame Werke: Neben einem illustrierten Lehrbuch über Giftpflanzen waren dies ein vierbändiges über Arzneygewächse[83] und ein seinerzeit bekanntes umfangreiches Lehrbuch über Medicinische Zoologie.[84] Ebenfalls der Paläontologie widmete der gebürtige Schweizer Louis Jean Rudolphe Agassiz (auch die deutsche Namensform Ludwig Johann Rudolf A. wurde verwendet) (1807–1873)[85][86] einen Großteil seines Gelehrtenlebens: Nach Medizin- und Naturkundestudium und Promotion auf beiden Gebieten an der Universität München wurde er Professor für Naturgeschichte an der Akademie in Neuenburg (frz. Neuchatel), deren Nachfolge-Institution heute die dortige Universität ist, und schließlich für Zoologie und Geologie – sowie Museumsgründer – an der Universität Harvard, wegen seiner regen Forschertätigkeit als Humboldt Amerikas apostrophiert, und publizierte über rezente Spezies, geologische Themen und mit besonderer Vorliebe – da schon als Gymnasiast „eifrig mit Fischefangen beschäftigt“ – über fossile Fische. Ähnlich gelagert waren die Interessen eines sehr einflussreichen Deutschen: Der Arzt und für das 19. Jahrhundert bahnbrechende Physiologe Johannes Müller (1801–1858) (siehe unten die Unterkapitel Entwicklung der Naturwissenschaften) verbrachte in fast jedem Jahr im Sommer zur Erholung und forschend Wochen und Monate an den Küsten europäischer Meere, wo ihm viele Entdeckungen zur Biologie diverser Meerestiere gelangen.[87] Vor dem Hintergrund solcher Traditionen werden auch die Ausbildungsinhalte für Mediziner des 19. Jahrhunderts verständlich (siehe unten die betreffenden Abschnitte über das Studium und seine Reformen).

Naturforscher und PhilosophieBearbeiten

Naturkunde und Philosophie waren seit der Antike untrennbar verbunden und eine selbstständige Naturwissenschaft bzw. Einzeldisziplinen im heutigen Sinne gab es nicht (siehe die Einleitung zu diesem Unterkapitel).[88] Doch auch nach der allmählichen Herausbildung eigenständiger naturwissenschaftlicher Disziplinen blieb eine Reihe gerade der bekanntesten und für die Weiterentwicklung ihrer Forschungsgebiete richtungsweisenden Wissenschaftler seit dem 19. Jahrhundert der Philosophie eng verbunden und profitierte von einer intensiven Beschäftigung mit philosophischen Themen und einer klassischen (neu)humanistischen Bildung nicht nur als Menschen, sondern auch in ihrer Forschungstätigkeit und den Neuerungen, die sie dort erreichen konnten. Johannes Müller (siehe oben) war durch eine gründliche schulische humanistische Bildung geprägt (vergleiche das nachfolgende Unterkapitel Sprachgeschichtlicher Rahmen). Diese hatte ihm Zugang verschafft sowohl zum Werk des Naturforschers J. W. Goethe[89][90] als auch zu den biologischen Schriften des Aristoteles (vergleiche auch das nachfolgende Unterkapitel Kritische Sprachbetrachtung zum Naturbegriff). Seine ausgezeichneten Sprachkenntnisse ermöglichten es ihm, diese während seiner meeresbiologischen Feldstudien zur Anregung und gedanklichen Auseinandersetzung regelmäßig im Original zu lesen. Auch an einer Wertschätzung der Philosophie hielt er gegen den Zeitgeist fest (siehe unten). Auch Jakob Johann von Uexküll, der im frühen 20. Jahrhundert neuen biologischen Disziplinen den Weg bahnte – und indirekt auf die Medizin Einfluss nahm –, wird heute als Naturwissenschaftler und Philosoph gesehen (siehe unten Kritische Sprachbetrachtung...).

Ebenfalls für Vertreter der Physik – die eine wichtige Rolle als Vorbild für Naturforschung und Medizin spielen sollte (siehe unten Entwicklung der Naturwissenschaften) – war philosophisches Interesse nicht unüblich und erwies sich solche Inspiration als entscheidend. Noch das „Genie“ Heinrich Hertz belegte als Student im Wintersemester 1879 an der Berliner Universität eine Vorlesung über Geschichte der Philosophie bei dem bekannten Hochschullehrer Eduard Zeller zur Vorbereitung auf sein Doktorexamen am Anfang des darauffolgenden Jahres, in dessen Verlauf er dann nicht nur in Physik und Mathematik geprüft, sondern auch „nach der vorsokratischen, der platonischen und der aristotelischen Philosophie“ gefragt wurde, wobei er wegen seiner gründlichen Vorbereitung auch in diesem Fach hätte glänzen können, „wenn Professor Zeller nicht gar zu leicht gefragt hätte.“[91] Und besonders tritt dies bei Albert Einstein (1879–1955), dem weltweit bekanntesten Naturwissenschaftler überhaupt, zutage, der für eine seiner bahnbrechenden Publikationen aus dem Jahr 1905 später mit dem Nobelpreis für Physik geehrt wurde, in der er den von H. Hertz erforschten Photoelektrischen Effekt erstmals theoretisch erklären konnte und der Quantentheorie – und damit letztlich einem neuen naturwissenschaftlichen Weltbild – zum Durchbruch verhalf: Als Student gründete er mit Freunden einen privaten Debattierklub, dessen regelmäßige Zusammenkünfte der intensiven Diskussion von Themen der wissenschaftlichen Methodik und der Philosophie gewidmet waren, woraus er Zeit seines Forscherlebens großen Gewinn zog,[92] der später sogar

„das wechselseitige Aufeinanderangewiesensein von Erkenntnis- bzw. Wissenschaftstheorie und Naturwissenschaft betonte,“

ohne dabei „seine eigenen physikalischen Forschungen und Resultate einem philosophischen System zuzuordnen.“[93] Sein weitgespanntes Denken trug ihm schon zeitlebens den Titel Philosophen-Wissenschaftler ein[94] (vergleiche auch das spätere Unterkapitel Kritik aus der Sicht der Wissenschaftstheorie etc.) und seine reflektierte Abgeklärtheit wurde von Forscherkollegen lobend wahrgenommen: „Einstein hatte Verständnis dafür, daß die Dinge anders sein konnten als seine Theorie behauptete; er war anderen Ideen gegenüber sehr tolerant.“[95] - was in der Wissenschaftsgeschichte nicht durchgehend zu beobachten ist (siehe zu dieser das betreffende Unterkapitel im Kapitel Kritik). Auch der Pionier der Quantenphysik und Wissenschaftsorganisator Werner Heisenberg (1901–1976) verdankte seiner humanistischen Bildung und besonders der Philosophie Platons wesentliche Inspiration für sein Wirken.[96] Sein österreichische Kollege, der Quantenphysiker und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger (1887 - 1961), von seiner Schulzeit an nicht minder philosophisch geprägt,[97] beschränkte sich ebenfalls nicht auf die engen Grenzen seines Fachgebietes, sondern „[sein] Werk reicht von physikalischen über biologische bis zu philosophischen Themen.“ Gerade hier war sein Interessenhorizont ungewöhnlich weit gespannt: „Philosophisch suchte S.[chrödinger] nach einer Verbindung der modernen Atomtheorie mit der griechischen Naturphilosophie und (über A.[rthur] Schopenhauer vermittelt) mit der indischen Philosophie.“[98] Diese Verbindung aus Gedankenschärfe und Interessenvielfalt ermöglichte ihm auch, ein bekanntes Buch zu schreiben, mit dem er zum Kronzeugen der aktuellen Physikums-Kritik wurde. (Siehe das spätere Unterkapitel Fundamentalkritik ... und Gegenbewegung etc.) (Zu den Quantenphysikern siehe auch das spätere Unterkapitel Kritik an der klassischen Physik, neue Sichtweisen auf die Natur etc.)

Medizin(er) und Philosophie nach der AntikeBearbeiten

Eine Reihe von Medizinern widmete auch nach der Antike der Philosophie – über die obligatorische Grundausbildung im Studium (siehe oben) hinausgehend – viel Aufmerksamkeit. So reflektierte zum Beispiel der studierte Geisteswissenschaftler (Magister artium), sowie Doctor und spätere Wittenberger Professor der Medizin Daniel Sennert (1572–1637)[99] im frühen 17. Jahrhundert in seinen Schriften eingehend über Erkenntnisgewinnung in den Wissenschaften.[100] Franz Anton Mai (1742–1814)[101] war in beiden Fächern promoviert und wirkte unter anderem als Leibarzt der pfälzischen Kurfürstin Elisabeth in Mannheim, als Professor der Hebammenkunst in Heidelberg, als Sozialreformer, als Autor vieler gesundheitsfürsorgender Schriften für Laien und "hat sich um die Förderung des Gesundheitswesens in Baden große Verdienste erworben".[102] Johann Emanuel Veith (siehe oben Ärzte als Naturforscher) war zusätzlich zu seiner therapeutischen, didaktischen und priesterlichen Tätigkeit als Herausgeber eines – auch im späten 20. Jahrhunderts gelesenen – Philosophischen Jahrbuches[103] tätig. Noch elf Jahre bevor der später überaus einflussreiche R. Virchow in seiner programmatischen ersten öffentlichen Rede die Wende hin zu einer positivistisch orientierten Medizin markierte (siehe die nachfolgenden Unterkapitel über prägende Denker und die Medizinalreformbewegung), gab der in Wien wirkende vielseitig interessierte Arzt Burkard Eble (1799–1839)[104] den angehenden Ärzten in einem Buch zur Hodegetik (griechisch: "Wegweisung")[105] in diesem traditionsbewußten Geist mahnende Worte mit auf den beruflichen Lebensweg: „Wer methodisch studieren will – so heißt es in de Vorrede -, wer seinen Kopf nicht verwirren und seine Jahre nicht verlieren will, der muß einen klaren Überblick über das ganze Land haben, worin er seine künftige Tätigkeit auszuüben gedenkt. Eine solche Übersicht darf sich nach Ebles Meining nicht auf das Wesen und den Inhalt der Medizin beschränken, sondern muß auch deren Verhältnis zu allen anderen Wissenschaften umfassen. Da aber das Gebiet der Medizin alle Wissenschaften und Künste an Umgfang übertrifft, finden alle anderen Erfahrungwissenschaften, wie etwa die Lehre von der Seele oder eine Theorie der Gesellschaft, in der Medizin ihren Brennpunkt und ihren letzten Zweck. – Definiert wird in dieser Einführung in die Medizin die Heilkunst als Inbegriff derjenigen Kenntnisse und Fertigkeiten, die uns in den Stand versetzen, die Gesundheit zu erhalten und, wo sie verloren ging, wiederherzustellen, oder wenigstens das Leiden zu lindern. Ein Arzt müsse daher Gelehrter und Künstler zugleich sein. […] Nach alter hippokratischer Tradition werden alsdann die persönlichen Voraussetzungen zum ärztlichen Beruf aufgezählt: eine gesunde Konstitution, scharfe und gepflegte Sinne, ein vorzügliches Wort- und Sachgedächtnis, natürliche Urteilskraft, produktives Einbildungsvermögen sowie die Gabe der Vernunft. Daraus der Schluß: Es gibt keinen gründlichen Gelehrten und also auch keinen gediegenen Arzt ohne philosophische Bildung.[106]

Einige Persönlichkeiten wirkten sogar in verschiedenen Jahrhunderten in beiden Disziplinen – Medizin und Philosophie – als Hochschullehrer, sogar beidseits im Rang eines Professors. Beispiele dafür sind Petrus von Albano (um 1257 – 1316)[107] an der Universität Padua, Jacopo Tignosi[108] im 15. Jahrhundert an der Universität Pisa und Ernst Platner (1744–1818)[109][110] an der Universität Leipzig. Letzterer war als akademischer Lehrer äußerst wirkungsvoll durch seine didaktischen Fähigkeiten und seinen transdisziplinären (Fachgrenzen überschreitenden) Geist. So lobt der Biograph:[111]

„P.[latner] gehörte zu den vorzüglichsten akademischen Lehrern seiner Zeit. Er leistete Ausgezeichnetes auf dem Gebiete der Philosophie sowohl, als auf dem Gebiete der Med.[izin], und zwar besonders in den Fächern Anthropol.[ogie], Physiol.[ogie], gerichtl.[iche] Med.[izin], Staatsarzneikunde und Psychol.[ogie.] Er verstand es, in seinen Vorlesungen die philos.[ophische] Darstellung in ein gefälliges Gewand zu kleiden, und hat sich namentlich auch durch Anregung des Studiums der Psychol.[ogie] und deren innige Verbindung mit der Med.[izin] verdient gemacht, wobei er mit grösster Entschiedenheit die Wahrheit vertheidigte und Vorurtheile bekämpfte.“

Diese innige Verbindung lehrte er ungefähr 200 Jahre bevor im modernen Deutschland eine intensive Diskussion darüber anhub, psychologische Aspekte wieder in die allgemeine ärztliche Ausbildung zu integrieren (siehe die nachfolgenden Unterkapitel zur Studienreform und zu deren weitreichenden Folgen). Folgenreich war seine Lehrkunst auch für den Studenten Carl Gustav Carus, der später zu einem der führenden Vertreter der Romantischen Medizin werden sollte (siehe unten), denn einer seiner damaligen Lehrer war der Arzt und Psychologe Ernst Platner, dessen Zusammenschau von psychologisch-med.[izinischen] Erkenntnissen und Ästhetik C.[arus] prägte.[112]

Auch Friedrich Joseph Schelver (siehe oben den Abschnitt über Ärzte als Naturforscher) lehrte zunächst für einige Jahre bis 1806 in Jena Philosophie, bevor er nach Heidelberg wechselte und verfasste – neben Arbeiten zu den oben genannten Themen – auch ein Buch über Philosophie der Medizin.[113]

In späterer Zeit wechselten noch die Psychiater Theodor Ziehen[114] (1882–1950) und der durch den mit ihm befreundeten Soziologen Max Weber geprägte Karl Jaspers (1883–1969)[115] nach jeweils mehrjähriger Lehrtätigkeit an der medizinischen Fakultät auf eine Professur für Philosophie an die Universität Halle bzw. Heidelberg und später an die Universität Basel. Zum Zusammenhang der Fachgebiete äußerte sich Jaspers, der einerseits „ab 1909 für einige Jahre in die Geschichte der Psychiatrie – und damit auch der Medizin – eingriff“, andererseits zu Beginn der 1930er Jahre „als einer der führenden deutschen Philosophen“ galt,[116] mehrfach pointiert: „Von Jugend an philosophierte ich. Die Medizin und die Psychopathologie habe ich ergriffen aus philosophischen Motiven.“[117] Und:

„Die Praxis des Arztes ist konkrete Philosophie.“[118]

Dabei beschäftigten ihn bereits sehr früh Fragen der medizinischen Methodologie und der Erkenntnisgewinnung. Mit dieser Herangehensweise an die Medizin setzte er bereits im Physikum seinen Prüfer in Erstaunen[119] und als junger Voluntär in der Psychiatrischen Abteilung der Universitätsklinik betätigte er sich ähnlich wie ein mit innerem Abstand beobachtender Ethnologe (siehe auch das spätere Unterkapitel Kritik aus der Sicht der […] Empirischen Kulturwissenschaft): „Er gewann auf diese Weise den Abstand für die Reflexion auf das, was seine Klinikkollegen taten.“ Damit zog er bereits früh die Aufmerksamkeit von Fachkollegen auf sich. War man zuvor geneigt, sich unmittelbar der empirischen Forschung und Befunderhebung zuzuwenden, „so galt sein Interesse in erster Linie der Art und Weise, wie und auf welchen Wegen ein bestimmter Sachverhalt zugänglich wird.“ Es ging ihm darum,

„[…] zu wissen, was man weiß und was man nicht weiß, zu wissen, wie in welchem Sinne und in welchen Grenzen man etwas weiß, mit welchen Mitteln dieses Wissen erworben und begründet wird.“[120]

Dabei legte er großen Wert darauf, dass die Beschäftigung mit methodologischen Fragen sich nicht in rein logischen Erörterungen verlieren dürfte, sondern konkreten Ertrag erbringen müsste:

„Es sei gerade bei logisch-methodologischen Abhandlungen ein Kriterium ihrer Fruchtbarkeit, ob sie sich dem Autor als dienlich erweisen, entweder neue Materialerkenntnisse zu gewinnen oder das Chaos vorhandener Meinungen, Behauptungen, Tatsachen in einer materiellen Darstelllung zu ordnen, zu klären und in ihren Wertunterschieden sichtbar zu machen.“[121]

Durch diese neuartige und reflektierte Zugangsweise, sein Bestreben das Erkennen zu erkennen und dadurch die Sache zu klären,[122] erreichte sein fachmedizinisch-psychiatrisches Hauptwerk seine große Wirkung:

„Daß die Psychopathologie ihre methodologische Orientierung Jaspers verdankt, ist unumstritten. Die Relation zwischen den Eigenheiten einer Methodik und der Eigenart der durch sie sich erschließenden Wirklichkeit wurde von keinem Psychiater vor ihm auch nur annähernd so scharf erkannt und durchschaut. Dieses Verdienst ist immer wieder herausgestellt und eingehend gewürdigt worden.“[123]

Auch nach dem Ende seiner eigenen klinischen Tätigkeit stand er mit medizinischen Hochschullehrern und praktizierenden Ärzten in Kontakt; insbesondere mit seinem in Berlin arbeitenden Schwager diskutierte er einen Großteil seiner philosophischen Werke und so wurde dieser für ihn „zum lebendigen Zeugen seiner Idee eines Philosophie und Wissenschaft zwar getrennt handelnden, gleichwohl beides in Personalunion vereinigenden philosophierenden Arztes.“ (Vergleiche oben den Abschnitt über die Fachbeziehungen in der Antike.) Seinem Biographen gilt Japers' Werk über die Psychopathologie hinaus von Bedeutung „für die Konzeption der Idee des Arztes (1953/1958) wie der Medizin überhaupt.“[124] K. Jaspers wiederum spielt nun eine wichtige Rolle in der Kritik an der gegenwärtigen Medizin, der Medizinerausbildung und nicht zuletzt am Physikum (Siehe das spätere Unterkapitel Fundamentalkritik ... und Gegenbewegung etc.). – Und philosophische Bildung ermöglicht es heute einzelnen Hochschullehrern der Medizin, das Welt-, Natur- und Menschenbild grundlegend und fundiert zu kritisieren, das sich in der Medizin zur Zeit der Einführung des Physikums durchsetzte (siehe das spätere Unterkapitel Gegenbewegung: Entwürfe für eine ganzheitliche Medizin).

Denker der Neuzeit, die Naturkunde und Medizin grundlegend prägtenBearbeiten

In der Neuzeit wurden vor allem die Denker Francis Bacon (1561–1626)[125] und René Descartes (1596–1650)[126] einflussreich und damit in der Rückschau wegweisend für die Entwicklung der Naturwissenschaften und damit auch der Medizin.[127]

Maßgeblich von dem französischen Mathematiker, Wissenschaftsforscher und Soziologen Auguste Comte (1798–1875)[128][129] formuliert wurde die Position des Positivismus,[130] der im Laufe des 19. Jahrhunderts die universitäre Medizinische Wissenschaft dominierte und im Kern bis heute prägt. (Siehe das spätere Unterkapitel über den Triumph des Positivismus.... Für den bewussten Bruch mit den erwähnten jahrhunderte- bzw. jahrtausendealten Traditionen unter dem Einfluss des Positivismus siehe unten die Unterkapitel Programm der Medizinalreformbewegung und Die Studienreform). (Zur detaillierten Kritik der Auffassungen dieser Autoren und der dadurch erfolgten Prägung der Medizin siehe die nachfolgenden Unterkapitel über Die zeitgeschichtlichen Voraussetzungen etc. und Sprachbetrachtung, sowie diverse Teile des abschließenden Kapitels Kritik und Gegenbewegungen, vor allem über ...Entwürfe für eine „ganzheitliche“ Medizin.)

Zeitgeschichtliche Voraussetzungen der medizinhistorischen Wendungen: Der Kontext der gesellschaftlichen und geistigen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. JahrhundertsBearbeiten

Die gesellschaftliche und geistige Situation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren geprägt von zwei gegenläufigen Entwicklungen. Zum einen bestimmten die zunehmende Industrialisierung,[131] Technisierung, Fortschrittsglaube und Ökonomisierung vieler Lebensbereiche das Bild. (Vergleiche später die Preisreden führender Mediziner auf die errungene Herrschaft über die Natur mittels Dampfkraft und elektrotechnischer Anwendungen im Unterkapitel Der Triumph des Positivismus.) Zuzug verarmter Landbevölkerung infolge einer Landflucht führte zu schnellem Wachstum der Städte, Unterschiede an Bildung, materiellem und sozialem Status verstärkten sich zwischen Regionen und Orten wie auch zwischen gesellschaftlichen Schichten. Die großen Städte wurden aufgrund defizitärer Infrastruktur, „aber auch bedingt durch inhumane Auswüchse der kapitalistischen Produktionsweise, zu Brennpunkten sozialer und gesundheitlicher Gefahren.“ Verelendung und eklatant mangelnde Hygiene verschärften gesundheitliche Probleme, Seuchenzüge wie die Cholera forderten vermehrt Opfer in den Metropolen. Allein in Berlin – dem Schauplatz entscheidender Entwicklungen in der Geschichte des Physikums (siehe unten) – starben im Jahr 1831 1462 Menschen aller Bevölkerungsschichten an ihr.[132] „Daneben kam es aber auch zur Veränderung und Erosion traditioneller Wertsysteme, deren Auswirkungen bis in unsere Zeit reichen.“[133] Auch die allgemein mentalitätsverändernde Wirkung der Industrialisierung mit sich verstärkendem Nützlichkeits- und Effizienzdenken samt dessen Folgen – nicht zuletzt in der Medizin – wird von Historikern betont.[134]

Eine kulturhistorische Gegenbewegung stellt im frühen 19. Jahrhundert die Romantik[135][136][137] dar, die Literatur, bildende Künste, Musik, Philosophie, Wissenschaften und auch die Medizin zeitweise stark beeinflusste. Sie wird gedeutet als Reaktion einerseits auf die vorangegangene Epoche der sogenannten Aufklärung, die als (zu) einseitig vernunftbetont wahrgenommen wurde, und andererseits auf die tiefgreifenden Umwälzungen der materiellen, sozialen und geistigen Lebenswelt des Jahrhunderts. Kennzeichnend sind unter anderem: eine Betonung des Subjekts und seines Erlebens, überhaupt der Gefühlswelt und der Kreativität, gerade auch der unbewussten Sphären; eine sensible Wahrnehmung der Natur und eine von hoher Achtung geprägte Haltung ihr gegenüber jenseits von materiellen Nutzungsinteressen – entgegen der objektivierenden, zerstückelnden, unterwerfenden und ausbeutenden Zugangsweise, die in Wirtschaft und Wissenschaft der Zeit dominant wurde; eine hohe Wertschätzung vergangener Epochen und fremder Kulturen; ein starker Wunsch nach Ganzheitlichkeit in Wahrnehmung, Denken, Handeln, Leben und Erleben und die betonte Suche nach Verbindungen und Zusammenhängen zwischen Phänomenen, Aspekten, Ebenen – und auch Fachbgebieten, um die Welt in Theorie und Praxis nicht in isolierte Einzelbestandteile zerfallen zu lassen. Solche Ideen, Motive und Bedürfnisse treten in späteren historischen Phasen wie der Lebensreformbewegung des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts und – mit dieser verbunden – der Naturheilkundebewegung (siehe unten Alternativmedizin) und der die Natur besingenden, romantisches Liedgut wiederbelebenden Jugendbewegung, sowie der Alternativ- und Umweltbewegung[138] – bis hinein in die Ausprägung der wissenschaftlichen Disziplin Ökologie[139][140] – seit dem späten 20. Jahrhundert wieder in den Vordergrund, sind dann aber nicht neu.[141] Und wenn ein Autor wie der bekannte englische Naturschriftsteller Richard Mabey (* 1941),[142] der sich selber im Umfeld der modernen Ökologischen Kritik (englisch: Ecocriticism) sieht, nach einer überstandenen existenzbedrohenden Lebenskrise und ernüchternden Erfahrungen mit dem modernen Medizinbetrieb die Heilkraft der Natur[143] beschwört, dann versucht er heute an die als vorbildlich empfundene Haltung romantischer Dichter wie John Clare (1793-1864) der Natur gegenüber wieder anzuknüpfen,[144] die er der modernen unterwerfenden Haltung in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Landwirtschaft und auch Medien gegenüberstellt, mahnt eine Kehrtwende an und geißelt europäische Vor-Denker der Neuzeit wie Francis Bacon (siehe oben Geistesgeschichtlicher Rahmen) dafür, diese Ideologie der Unterwerfung begründet zu haben[145] – wobei er sehr ähnliche Töne anschlägt wie die philosophisch geschulten deutschen Vor-Denker einer ganzheitlichen Medizin im 20. Jahrhundert, die das zur Zeit der Romantik kultivierte psychosomatische Denken erneut aufleben ließen und auch wieder in medizinischen Prüfungen etablierten (siehe die späteren Unterkapitel Kritische Sprachbetrachtung und Gegenbewegung: Entwürfe für eine ganzheitliche Medizin).

Die Entwicklung der Naturwissenschaften bis ins 19. JahrhundertBearbeiten

Die Physik wird zur LeitdisziplinBearbeiten

In der Neuzeit entwickelte sich die Physik[146][147] aus antiker und mittelalterlicher Naturphilosophie und aus einer technisch-handwerklichen Tradition zu einer mathematischen und experimentellen Naturwissenschaft. Sie verselbständigte sich als Fachgebiet und grenzte sich gegen andere Disziplinen ab. Die Klassische Physik des 19. Jahrhunderts basierte auf der Überzeugung, dass man prinzipiell das gesamte Naturgeschehen auf mechanischer Grundlage beschreiben und erklären könne.[148] Die Physik erzielte wachsenden Erfolge im Erklären, Vorhersagen, Beherrschen und Nutzbarmachen von Naturphänomenen. Diese wurden insbesondere zunächst an der Astronomie, später vor allem an der zunehmenden Industrialisierung (siehe oben) sichtbar. Historiker sprechen daher sogar von der Omnipotenz (lateinisch, von omni- und potentia: wörtlich All-Könnerschaft, All-Vermögen, All-Macht) der Physik als einer Eigenschaft, mit der sie den Zeitgenossen erschien. Durch diese imponierenden Erfolge wurde sie allmählich zu einer Leitdisziplin für die gesamten Naturwissenschaften und die Technik, die sich methodisch nach ihr ausrichteten und ebenfalls effizienter wurden. Die so umgestalteten Naturwissenschaften gewannen im 19. Jahrhundert zunehmend Einfluss auch auf die medizinische Wissenschaft, die sich und ihre Forschung immer mehr an ihnen orientierte.[149]

Die Physiologie wird zur Basis einer zunehmend naturwissenschaftlich geprägten MedizinBearbeiten

Physiologie[150] bedeutete seit der Antike die allgemeine "Lehre vom Werden und Vergehen in der Natur" (vergleiche unten Sprachliche Hintergründe / Bedeutung). Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die Gebiete Physik, Mineralogie, Botanik und Anatomie davon geschieden: In einer "inhaltlichen Revolution" verengte sich das Fachgebiet zur "Lehre von der besonderen Funktionsweise der belebten Natur." Im gleichen Zeitraum etablierte es sich in Forschung und Lehre an den Universitäten. Die Physiologie ist in ihrem modernen Zuschnitt historisch gesehen „aus den Bedürfnissen der praktischen Medizin heraus entstanden“.[151] An den Universitäten bildete sie bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts eine untrennbare Einheit mit der Anatomie, deren vergleichende Methode auf sie übertragen wurde: Physiologie war damals universal-biologisch, ihre Vertreter waren gleichzeitig auch Zoologen, wiewohl Forschung und Lehre ausschließlich an der medizinischen Fakultät angesiedelt waren (vergleiche oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen). Sie stand zum Beginn des 19. Jahrhunderts unter starkem Einfluss durch Ideen des deutschen Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling (1775–1854).[152] Mit dem Mediziner und biologischen Grundlagenforscher Johannes Müller (1801–1858)[153][154][155][156] und seinen Schülern erfuhr sie eine wesentliche Neuausrichtung. Müller neigte als junger Mann ebenfalls den Schelling'schen Ideen zu, orientierte sich jedoch unter dem Einfluss seines Berliner Hochschullehrers Carl Asmund Rudolphi in den Jahren 1823/24 an einer strenger naturwissenschaftlichen Methodik. Seine schließlich gewonnenen Überzeugung brachte er mit den Worten zum Ausdruck:

„Die Medizin kann wahre Fortschritte nur dadurch machen, daß die ganze Physik, Chemie und alle Naturwissenschaften auf sie angewendet, und daß sie auf die gegenwärtig erstiegene Höhe derselben gestellt und mit ihren glänzenden Fortschritten in Übereinstimmung gebracht werde.“[157]

In seiner berühmt gewordenen Antrittsvorlesung (Von dem Bedürfnis der Physiologie nach einer philosophischen Naturbetrachtung vom 19. Oktober 1824) und später in Vorworten größerer Veröffentlichungen wie der Bildungsgeschichte der Genitalien (von 1830) legte er sein Programm dar. Er warf – wie auch andere Kritiker – Anhängern der naturphilosophischen Ideen Schellings vor, aus diesen direkt Einzelheiten über die Natur abzuleiten (was in der Wissenschaftstheorie als deduktive Methode bezeichnet wird), was er als Spekulation verurteilte. Stattdessen müsste allein die Empirie, Ergebnisse aus direkter Naturbeobachtung und Versuchen, den Grundstein für die Physiologie legen (was einer induktiven Methode entspricht). Er wendete sich ausdrücklich nicht gegen Philosophie im Allgemeinen – sondern nur gegen eine bestimmte Strömung, eine Art und Weise der Verwendung von Gedanken eines Autors durch eine Reihe von Zeitgenossen – und wies ihr eine andere Stelle und Rolle zu (als jene es taten), in der sie dann weiterhin wichtig und unverzichtbar sei: Erst auf der zuvor gewonnenen soliden Basis, auf der Spitze des Forschungsprozesses, greife "das philosophische Denken die Erfahrung auf, um sie zu begreifen" (In: Von dem Bedürfnis der Physiologie nach einer philosophischen Naturbetrachtung / siehe oben). Weiters reflektierte er bei dieser Gelegenheit öffentlich über die großen methodischen Schwierigkeiten und Gefahren ernsthafter Gewinnung von naturkundlichem "Wissen" und die notwendigen geistigen Voraussetzungen auf Seiten der sie Betreibenden:

„[…] Man sieht alltäglich Versuch auf Versuch sich häufen, einen den Schein des anderen stürzen, beides oft genug von Männern, welche weder so sehr geistig ausgezeichnet sind, noch Wahrheit der Person und Sebstverleugnung zum Versuchen mitbringen. Es ist nichts leichter, als eine Menge sogenannter interessanter Versuche zu machen. Man darf die Natur nur auf irgendeine Weise gewalttätig versuchen; sie wird immer in ihrer Not eine leidende Antwort geben. Nichts ist schwieriger, als sie zu deuten, nichts ist schwieriger als der gültige physiologische Versuch; und dieses zu zeigen und klar einzusehen, halten wir für die erste Aufgabe der jetzigen Physiologie.“[158]

Als Inhaber des prestigereichsten Lehrstuhls für Physiologie in Berlin (ab 1833) und unermüdlicher inspirierender Forscher prägte er eine ganze Schule von begabten und später einflussreichen, dabei aber jeweils selbständig denkenden und arbeitenden Forschern und Hochschullehrern in diesem Sinne. Somit hat er historisch gesehen einen Wendepunkt markiert, der wegen der fachlichen Bedeutung der Physiologie auch für die Medizin folgenreich wurde. Eine spätere Generation von Wissenschaftlern richtete die Disziplin in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts dann zunehmend in positivistischer Weise aus – wodurch die Philosophie vermeintlich überflüssig wurde (vergleiche oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen und das nachfolgende zu Nachgeschichte & Triumph des Positivismus, sowie spätere zur Kritik an dieser Entwicklung).

Die Entwicklung der Medizin in der ersten Hälfte des 19. JahrhundertsBearbeiten

Die Entwicklung der Medizin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts[159] war gekennzeichnet durch vier Elemente:

  1. Eine große Uneinheitlichkeit, Vielfalt von Ideen, Richtungen, Systemen, Theorien und praktischen Vorgehensweisen zu Beginn des Jahrhunderts.
  2. Mit der sogenannten Romantischen Medizin[160][161] gab es im frühen 19. Jahrhundert zum letzten Mal eine einflussreiche Richtung, die Aspekte wie Ganzheitlichkeit der Betrachtung und des Erlebens wertschätzte und in den Vordergrund stellte.
  3. Der allmähliche Aufschwung und schließliche Siegeszug der auf den Naturwissenschaften basierenden Medizin, die ab der Mitte des Jahrhunderts dominant war und die Universitäten ausschließlich beherrschte.
  4. Das Weiterbestehen oder sogar Wachsen von einigen Seiten- und Gegenströmungen in derselben Zeitspanne, die zeitweise großen Anklang fanden und bis heute überdauern und oft – wiewohl inhaltlich, konzeptionell und im Vorgehen voneinander sehr verschieden – unter dem Begriff „Alternativmedizin[162] zusammengefasst werden.

Diese medizinhistorische „Landschaft“ bildet auch den Hintergrund für die verschiedenen Reformbestrebungen innerhalb der Medizin von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute.

Die Entwicklung der MedizinerausbildungBearbeiten

Die Ausbildung der Ärzte[163] in Europa war seit dem Mittelalter für ein halbes Jahrtausend nahezu unverändert geblieben. Seit dem späten 18. Jahrhundert – einer Epoche allgemeiner politischer und gesellschaftlicher Umbrüche – setzten tiefgreifende Neuerungen ein. Als revolutionierend wird beschrieben, dass neue Fächer wie Chemie, Botanik und Physiologie in der Ausbildung etabliert wurden und sie zunehmend auf den praktischen Unterricht am Krankenbett ausgerichtet wurde. Diese Neuerung, die Betonung auf praktischen Unterricht, ging vor allem von der Universität Leiden aus und wurde von dort ausgebildeten Hochschullehrern nach anderen europäischen Städten verbreitet. Unterschiedlich ist die Rolle des Staates bei der Medizinerausbildung: erfolgt diese in England und Amerika vorwiegend an nicht-staatlichen Einrichtungen, so spielt der Staat in Frankreich und noch mehr in Preußen (dem größten und einflussreichsten Staat auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches) und später im gesamtdeutschen Reich und seinen Nachfolgern eine wesentliche Rolle; vor allem dadurch, dass er das studienabschließende Staatsexamen abnimmt und mit der Approbation die staatliche Zulassung zur Berufsausübung erteilt und somit per Gesetzt die Ausbildungsinhalte festlegen kann.

Die MedizinalreformbewegungBearbeiten

Einleitung und HauptpersonenBearbeiten

In der Zeit der bürgerlichen Revolution von 1848/1849 entstand auch eine Medizinalreformbewegung.[164][165] Sie war einerseits eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit,[166] hatte weiters aber auch Gründe in dem stark anwachsenden medizinischen Fachwissen sowie nicht zuletzt in einem Wandel in den sowohl politischen als auch geistig-weltanschaulichen Überzeugungen (siehe unten den Abschnitt Geistige Grundlagen, Programm und Ziele) einer nachwachsenden Generation von Medizinern, die später zu wissenschaftlich und gesellschaftlich sehr einflussreichen Vertretern ihres Faches und Standes werden sollten. Ihre Träger waren vor allem junge Privatdozenten der damaligen Berliner Kaiser-Wilhelms-Universität wie Rudolf Virchow (1821–1902),[167][168] der später, nach dem weitgehenden Scheitern der Revolution, im politisch liberaleren Würzburg und anschließend (seit 1856) wieder in Berlin als medizinischer Grundlagenforscher, Hochschullehrer, Anthropologe, Herausgeber von Fachzeitschriften, Wissenschaftsorganisator, Abgeordneter und führender Bildungspolitiker tätig war und als Pionier der Pathophysiologie Weltruhm erlangte. Virchow war als Medizinstudent in Berlin ein Schüler des damals landesweit führenden Physiologen Josef Müller, der ihn und weitere spätere bedeutende Forscher fachlich und methodisch tiefgreifend prägte (siehe oben das Unterkapitel Entwicklung der Naturwissenschaften). Neben einer anspruchsvollen wissenschaftlichen Fachzeitschrift gab er auch – zeitweise zusammen mit seinem Kollegen und Freund, dem Psychiater und Internisten und späteren Hochschullehrer Rudolf Leubuscher (1821–1861)[169] – ab Juli 1848 eine medizinisch-politische Wochenzeitschrift mit dem Titel Die medicinische Reform heraus, deren Erscheinen jedoch auf politischen Druck hin bereits nach nicht einmal einem Jahr eingestellt werden musste.[170] Da Virchow ein äußerst umfangreiches schriftliches Werk hinterließ, viele seiner Vorträge und Reden von Hörern teilweise oder ganz mitgeschrieben oder später gedruckt wurden, von ihm auch persönliche Tagebücher und private Briefe an Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und andere Forscher erhalten sind und schließlich von der Reformzeitschrift alle Exemplare sorgfältig aufbewahrt und noch zu seinen Lebzeiten sowie ab dem späten Zwanzigsten Jahrhundert als wichtige medizinhistorische Quelle wiederholt in Buchform veröffentlicht wurden (zuletzt im Jahr 2010),[171] sind wir nicht nur über sein Leben und Denken, sondern auch über Verlauf, Ideen und Ziele der für die Medizingeschichte folgenreichen Reformbewegung und ihrer Protagonisten gut informiert.

VerlaufBearbeiten

Eine Reformbewegung mit ärztlicher Beteiligung gab es von etwa 1840 bis 1848. Zunächst richtete sich die Aufmerksamkeit und die Unzufriedenheit auf die unübersichtlichen Verhältnisse im Gesundheitswesen: so gab es im Königreich Preußen, dessen Hauptstadt Berlin war, drei verschiedene Klassen von Ärzten, für die zwei Ministerien zuständig waren. Daher entspann sich eine erste Phase der Reformbemühungen mit einer langanhaltenden Debatte, an der Ärzte und Verwaltungsbeamte beteiligt waren. In der allgemeine Revolutionsstimmung der Jahre 1848 und 1849 kamen in einer zweiten Phase neue Personen dazu und die Auseinandersetzungen wurden mit weiteren Themen ausdifferenziert. Die Bewegung blieb als aktuell-politische ärztliche Bewegung erfolglos. Doch die Akteure hatten ihre Ziele keineswegs geändert. In der letzten Ausgabe vor dem Einstellen der Programm-Zeitschrift Die medicinische Reform verkündeten sie:

„…Die medicinische Reform, die wir gemeint haben, war eine Reform der Wissenschaft und der Gesellschaft. Wir haben ihre Principien entwickelt; sie werden sich ohne das Fortbestehen dieses Organs Bahn brechen. Aber jeder Augenblick wird uns beschäftigt finden, für sie zu arbeiten, bereit, für sie zu kämpfen. Wir wechseln nicht die Sache, sondern nur den Raum…“[172]

In späteren Jahren und in einflussreicher Stellung betrieben die Akteure ihre Ziele weiter und so wurde die Bewegung mittelfristig folgenreich für die Medizin als Wissenschaft, ihre Stellung und ihr Wirken in der Gesellschaft – und nicht zuletzt für Struktur und Inhalte der ärztlichen Ausbildung.

Geistige Grundlagen, Programm und ZieleBearbeiten

Im 19. Jahrhundert waren eine humane und politisch liberale Einstellung und Fortschrittsglaube zumeist verbunden mit einem an den Naturwissenschaften orientierten und der Philosophie gegenüber feindlichen Denken.[173] Der Materialist Virchow war der Überzeugung, die – am Ideal der zeitgenössischen Physik ausgerichtete – Naturwissenschaft sollte an die Stelle traditioneller Philosophie (oder gar Religion) treten. Ihre Inhalte sollten mit intensiven Bemühungen durch Volksbildung und Hochschulausbildung vermittelt werden. Eine auf diese Weise gesehene und erklärte „Natur“ sollte zum Vorbild für die Gesellschaft als Ganzes werden. Insbesondere eine moderne, auf der zeitgenössischen Naturwissenschaft aufbauende Medizin kam dabei zusammen mit Bildungsinstitutionen eine Schlüsselrolle zu: Sie sollten effizienter werden und gleichzeitig allen Menschen zugute kommen und so als Vermittler zwischen der „Natur“ und der Gesellschaft Wohlergehen und Fortschritt bringen.[174] Im Überschwang der Revolutionsjahre fasste Virchow aus utopisch-sozialromantischem Denken heraus sein Sendungsbewusstsein und seinen Anspruch in Worte. Der mit tiefen Einsichten in die Natur ausgestattete Arzt werde zum Lehrer Aller und zur Säule, zum Ferment und Bereiter einer neuen humanen Gesellschaft: „Obwohl dem Wortlaut nach nur Heilkunst, hat sich die wissenschaftliche Medizin immer die Aufgabe gesetzt und stellen müssen, die einzige Lehre vom Menschen zu enthalten.“ Und: „Der Physiolog und der praktische Arzt werden, wenn die Medizin als Anthropologie einst festgestellt sein wird, zu den Weisen gezählt werden, auf denen sich das öffentliche Gebäude errichtet, wenn nicht mehr die Interessen einzelner Persönlichkeiten die öffentlichen Angelegenheiten bestimmen werden“.[175] Oder: „Politische Stürme von so schwerer und gewaltiger Natur, wie sie jetzt über den denkenden Theil Europas dahinbrausen, alle Theile des Staates bis in den Grund erschütternd, bezeichnen radicale Veränderungen in der allgemeinen Lebensanschauung. Die Medicin kann dabei nicht unberührt bleiben; eine so radicale Reform ist auch bei ihr nicht mehr aufzuschieben.“ Und: „Wenn wir es jetzt, wo die äusseren Verhältnisse für Unternehmungen solcher Art noch misslicher geworden sind, dennoch wagen, uns dieser Aufgabe zu stellen, so müssen wir um so mehr erwarten, dass alle diejenigen, welche es mit der Entwicklung unserer schönen Wissenschaft, dem höchsten Inbegriff menschlicher Erkenntnis, gut meinen, unsere Kräfte durch thätige Theilnahme stärken und stützen werden. [...] Möge die 'grosse' Medicin nicht vergessen, dass ein Princip der Perfektibilität in der Welt ist, dem sie sich nicht für immer wird entziehen können.“ (Beide Stellungnahmen vom 10. Juli 1848.) Schließlich verkündete er (am 23. März 1849):

„So muss auch die Medicin zur Natur zurück. Innerlich hat sie diesen Process vollendet, seitdem sie erkannt hat, dass auch die Pathologie weiter nichts als Physiologie ist. Es handelt sich jetzt um den grösseren Schritt der äusserlichen Emancipation. Aus den Aerzten waren Priester geworden, welche die Medicin knechteten. Allein die Medizin emancipirte sich, wie sich der Staat und die Schule emancipiren, bis der Process mit der Emancipation der Gesellschaft beendigt sein wird. Zunächst müssen dann die Aerzte wieder Priester werden, die hohen Priester der Natur in der humanen Gesellschaft. Aber mit der Verallgemeinerung der Bildung muss diese Priesterschaft sich wieder in das Laienregiment auflösen und die Medicin aufhören, eine besondere Wissenschaft zu sein. Ihre letzte Aufgabe als solche ist die Constituirung der Gesellschaft auf physiologischer Grundlage.“[176]

Virchow war während der gesamten Zeitspanne seines öffentlichen Wirkens ein entschiedener Verfechter des Positivismus (siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen). Seine Äußerungen sind stellenweise bis in die Wortwahl ein Echo auf Gedanken Auguste Comtes.[177] Schon vor den Revolutionsjahren äußerte er sich in seiner Rede Ueber die Standpunkte in der wissenschaftlichen Medicin polemisch gegen die „Zeiten der philosophischen Verwirrung“[178] und formulierte ein Jahr später in seiner Rede Die naturwissenschaftliche Methode und die Standpunkte in der Therapie am selben Ort sein weltanschauliches und methodisches Bekenntnis:[179]

„Der Naturforscher kennt nur Körper und Eigenschaften von Körpern; was darüber ist, nennt er transcendent und die Transcendenz betrachtet er als Verwirrung des menschlichen Geistes. […] So sind für ihn die Körper und die Bewegung, oder, was dasselbe heißt, die Materie mit ihren Gegensätzen ewig, und wenn er von ewigen Kräften spricht, so meint er damit die allgemeinen Bewegungsgesetze als Produkt der Gegensätze […]“[180]

Transzendenz (in heutiger Schreibweise / von lateinisch transcendere = (hin)übergehen, (hin)überschreiten) ist nun aber seit jeher ein Zentralbegriff der Religion, Religionswissenschaft und Theologie sowie seit Platon auch der Philosophie und insbesondere der des seinerzeit sehr einflussreichen und geistesgeschichtlich wirkungsmächtigen Deutschen Idealismus, als dessen Gegner und Verächter er sich damit öffentlich positionierte.

Virchow hatte bereits in seiner ersten öffentlichen Rede im Jahr 1845 (Über das Bedürfnis und die Richtigkeit einer Medizin vom mechanischen Standpunkt), deren Inhalte durch damalige Hörer zum Teil bekannt geworden sind, sein medizinisches Grundsatzprogramm skizziert: Das Leben ist für ihn im Wesentlichen Aktivität der Zelle und unterliegt allgemeinen physikalischen und chemischen Gesetzen. Für die Forschung forderte er Tierexperimente, Leichenöffnungen und klinische Beobachtungen. Zunächst standen in der Reformbewegung sozialmedizinische Anliegen im Vordergrund, ausgelöst durch Virchows Erfahrungen, als er im Regierungsauftrag eine Epidemie (damals als „Typhus“ bezeichnet, nach heutiger Einschätzung von Fleckfieber) in Oberschlesien untersuchte und als durch mangelnde Hygiene und Bildung der Bevölkerung verursacht beschrieb. Zu den wichtigsten Forderungen der Reformer gehörten jedoch auch die Umgestaltung des Medizinstudiums und eine einheitliche akademische Ausbildung für alle Ärzte, die den modernen Anforderungen der zunehmend naturwissenschaftlich orientierten Medizin gerecht werden sollten. Das Idealbild, das den Akteuren der Reformbewegung vorschwebte, war das des Arztes als Naturforscher. Er sollte alle Phänomene zu Naturgesetzen reduzieren können. Somit wurde eine Medizin angestrebt, die sich nicht in erster Linie als Kunst verwirklicht, sondern als angewandte Naturwissenschaft.[181]

Die Stimme der Medizinstudenten: Forderungen zur AusbildungsreformBearbeiten

Durch die journalistische Tätigkeit der Reformaktivisten sind auch Äußerungen der Medizinstudenten jener Zeit überliefert. Im Herbst des Jahres 1848 publizierten sie nämlich im Rahmen ihrer Berichterstattung den Inhalt eines Forderungskatalogs zur Umgestaltung der Medizinerausbildung und insbesondere des Prüfungswesens, den der Verein der Medicin Studirenden in Berlin Mitte Juli formuliert und als Brief beim zuständigen preußischen Unterrichtsministerium eingereicht hatte.[182] Auch wenn dem keine repräsentative Befragung zugrunde liegt, gibt der noch heute als Nachdruck (siehe oben) verfügbare Zeitschriftenartikel als historische Quelle Einblicke in das Denken und Empfinden der damaligen Fachstudenten (es waren ausschließlich männliche, da das Medizinstudium den Frauen dort erst sechzig Jahre später erlaubt wurde[183]). In den Worten der Berichterstatter wurde darin eine „radicale Aenderung im Prüfungssystem“ angemahnt, die „Abstellung“ von „Uebelständen“, „wozu besonders der Promotionszwang, die zwecklosen Quälereien des Staatsexamens und der Mangel an Kliniken gehör[t]en“. Die Studenten forderten unter anderem, die Prüfungen öffentlich abzuhalten, in ihren eigenen Worten aus dem Grund „… wenn besonders in der Oeffentlichkeit der Prüfungen eine unschätzbare Bürgschaft liegt für eine gerechte und vernünftige Ausführung derselben …“, und sie beantragten „… Die Entfernung derjenigen Examinatoren, deren Wissenschaftlichkeit und Unparteilichkeit nicht über allen Zweifeln erhaben sind …“ Bezüglich des Fächerkanons forderten sie, die Fächer Logik, Naturgeschichte und Medizingeschichte aus Unterricht und Prüfungen zu entfernen. Im Fach Naturgeschichte sahen sie keinen Gewinn für den angehenden Arzt, da schon in anderen Fächern wie Physiologie und Anatomie von der Naturbetrachtung aus „Bezüge zur Medizin“ hergestellt würden. Zur Medizingeschichte befanden sie, dass „das Studium deselben … auf den unerfahrenen Anfänger sogar verwirrend wirken“ müsse. Zum Fach Logik, also einem Teilgebiet der Philosophie und damals in Preußen der letzte Rest philosophischen Unterrichts im Medizinstudium, bemerkten die Studenten:

„Wenn die Logik angesehen werden muss als die Lehre von den Gesetzen des Denkens, so liegt eben hierin der Beweis, dass diese Gebiete schon vorher im menschlichen Geist vorhanden und wirksam sind, und dass es jener Selbsterkenntnis des Geistes nicht erst bedürfe, um seine Thätigkeit zu ordnen und erspriesslich zu machen; der Werth der Logik als Wissenschaft ist unschätzbar, ihr praktischer unbedeutend.“[184]

Die Studienreform: Das Physikum entstehtBearbeiten

Administrative Bestimmungen und ÄnderungenBearbeiten

Während mit dem Scheitern der Revolution viele weitreichende Projekte der Reformer zum großen Teil in Vergessenheit gerieten, wurden in der Folgezeit doch weitreichende Schritte zur Neuorganisation der Ausbildung unternommen. Im Zuge dieser Umgestaltung wurde im Jahr 1861 im Königreich Preußen das zuvor bestehende Tentamen philosophicum als die entscheidende Zwischenprüfung, die die vorklinische von der klinischen Ausbildung trennte, durch das neue Tentamen physicum ersetzt.[185] (Zur Bedeutung der Ausdrücke siehe das nachfolgende Kapitel Sprachliche Hintergründe.) Damit wurden die geisteswissenschaftlichen Fachgebiete aus dem Lehrinhalt entfernt und der Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern ausgebaut. Gleichzeitig wurde auch der Fächerkanon im nachfolgenden klinischen Studienabschnitt erheblich erweitert.[186]

Die Organische Verfügung über die neue Zwischenprüfung wurde am 19. Februar 1861 vom Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten Moritz August von Bethmann-Hollweg in Berlin erlassen. Sie trat am 1. Oktober desselben Jahres in Kraft. Der Beginn des Wintersemesters des Jahres 1861 ist daher die „Geburtsstunde“ des Physikums.

Der Minister schrieb:

Die durch Verfügung vom 7. Januar 1826 angeordnete Prüfung der Aspiranten des medicinischen Doctorgrades in den allgemeinen Hülfswissenschaften der Arzneikunde bedarf nach den vorliegenden Erfahrungen eines Menschenalters mit Rücksicht auf den Entwicklungsgang, den die gesamte Arzneiwissenschaft in neuerer Zeit genommen hat, und in Uebereinstimmung mit den eingezogenen Gutachten der medicinischen Fakultäten sämmtlicher Landes-Universitäten einer wesentlichen Umgestaltung. Ich habe mich daher bewogen gesehen, nach reiflicher Erwägung aller in Betracht kommenden Umstände die hierneben in – metallographirten Exemplaren angeschlossene Verfügung (Anlage a.) zu erlassen und veranlasse das Königliche Universitäts-Curatorium der medicinischen und der philosophischen Fakultät dortiger Universität, einige Abdrücke zur Kenntnisnahme und Nachachtung mitzutheilen, auch Sorge zu tragen, dass der Inhalt der Verfügung, so weit es erforderlich ist, zur Kunde der Studirenden der Medicin gebracht werde.
Anlage a.
Mit Rücksicht auf die während eines Zeitraums von mehr als dreissig Jahren gesammelten Erfahrungen und auf den gegenwärtigen Zustand des medicinischen Studiums auf den Königlichen Universitäten ist es nothwendig geworden, der durch Verfügung vom 7. Januar 1826 angeordneten Prüfung der Aspiranten des Doctorgrades in der medicinischen Fakultät in den allgemeinen Hülfwissenschaften der Arzneikunde eine veränderte Einrichtung zu geben. Es werden daher, nach Anhörung der medicinischen Fakultäten sämmtlicher Universitäten, die in der gedachten Verfügung sub 2 – 6. enthaltenen Bestimmungen hierdurch aufgehoben und an deren Statt folgende Bestimmungen getroffen:
1) Alle Aspiranten des Doctorgrades in der medicinichen Fakultät sollen ausser dem Zeugnisse der Reife zu den Universitäts-Studien (...) noch ein Zeugnis darüber beibringen, dass sie auf einer der Landes-Universitäten ein Tentamen physicum bestanden und in demselben dargetan haben, dass sie in den allgemeinen Vorbereitungs-Wissenschaften des medicinischen Studiums, insbesondere in der Physik und Chemie, in der Anatomie und Physiologie, die für einen Doctor der Medicin erforderlichen Kenntnisse besitzen.
2) Diesem Tentamen physicum haben sich die Aspiranten des medicinischen Doctorgrades frühestens nach dem Schluss ihres vierten und spätestens vor Beginn ihres siebenten Studien-Semesters zu unterwerfen. Dasselbe wird unter dem Vorsitze des jedesmaligen Decans der medicinischen Fakultät gehalten, bei welchem sich die Studirenden wegen Zulassung zur Prüfung zu melden haben.
3) [Regelte die Berufung und Zusammensetzung der Prüfungs-Commission, die in der Regel aus vier Mitgliedern bestand.]
4) Die Mitglieder der Prüfungs-Commission haben die Verpflichtung, bei der Prüfung neben den ihnen speciell übertragenen Fächern auch die beschreibenden Naturwissenschaften in einer dem Zwecke entsprechenden Weise zu berücksichtigen und sich in dieser Hinsicht vorher unter einander zu verständigen.
5) Ueber den Verlauf der Prüfung ist jedesmal ein Protokoll aufzunehmen und der Ausfall derselben, wie in jedem einzelnen Fache, so im Allgemeinen durch die Censuren gut, genügend und ungenügend zu bezeichnen. Wer im Tentamen physicum die Schluss-Censur ungenügend erhalten hat, kann zu den medicinischen Promotions-Prüfungen noch nicht zugelassen werden.
6) Für das Tentamen und die Ausstellung der Zeugnisse über dessen Ausfall hat jeder Studirende der Medicin bei der Anmeldung zur Prüfung Zehn Thaler in Golde an den Decan der medicinischen Fakultät zu entrichten. Der Betrag dieser Gebühren wird unter den Vorsitzenden und die Mitglieder der Commission zu gleichen Theilen vertheilt. Wenn jedoch ein Mitglied mehrere Hauptfächer zu vertreten hat, fällt ihm ein doppelter Antheil zu und ebenso dem Decan, falls er zugleich selbst als Mitglied an der Prüfung Theil nimmt, ein doppelter oder nach Umständen dreifacher Antheil.[187]

Dem preußischen Modell der Ausbildungsreform folgten nach kurzer Zeit auch die anderen deutschen Staaten. Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871, in dem Preußen dominierte, wurde die Regelung im gesamten Reich verbindlich: Im Folgejahr wurde die erste reichseinheitliche ärztliche Approbationsordnung und wiederum elf Jahre später 1883 die erste Prüfungsordnung für das gesamte Reich verabschiedet.[188]

Somit war der Zeitpunkt der Einführung der neuen Prüfung nicht einheitlich. In Baden zum Beispiel – das in Heidelberg und in Freiburg zwei der drei traditionsreichsten Universitäten auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands beheimatet – wurde das Physikum erst im Jahr 1873, also zwölf Jahre nach seiner Entstehung, verbindlich.[189]

Die Prüfungsgebühren im medizinisch-sozioökonomischen Kontext der ZeitBearbeiten

Die Prüfungsgebühren, die in der Verordnung (siehe oben, Absatz 6) mit Zehn Thaler[n] in Golde festgesetzt wurden, lassen sich einschätzen im Vergleich mit anderen Beträgen für Einkommen und Kosten in jener Zeit. Für die Verhältnisse in Berlin zu Beginn des folgenden Jahrzehnts, also der 1870er Jahre, liegen dabei zahlreiche Angaben gerade im Kontext der Universitätsmedizin vor, die als Maßstab dienen können (dabei ist zu bedenken, dass der Anteil der Kosten für die Ernährung am Gesamtbudget in einem durchschnittlichen Haushalt damals sehr viel höher lag als heute).[190] Die Promotion schlug in jener Zeit – auch bedingt durch die Herstellungskosten für die Dissertation – mit 125 Talern zu Buche (Seite 18). Der Universitätsgarten samt Herbar (mit über 100 000 Arten), „eine Zierde der Stadt“, mitverwaltet vom Direktor des außerhalb der Innenstadt liegenden Botanischen Gartens, hatte einen Jahresetat von circa 1.200 Talern, der Universitätsbibliothek (mit über 100 000 Bänden) standen 3 – 4.000 Taler zur Verfügung (S. 28 f. und 32). Die Gehälter für Ärzte an der Poliklinik betrugen 500 Taler im Jahr für den Direktor, 200 für den ersten und 100 für den zweiten Assistenten (während nachfolgende Ränge „in Anbetracht ihrer armenärztlichen Function“ je 150 verdienten) (S. 64). Die Verpflegungssätze für Patienten waren gestaffelt. In der Universitätsklinik für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten betrug der Verpflegungssatz „I. Klasse“ 60 Taler pro Monat, während die Klinik insgesamt im Jahr über 10.000 Taler verfügte (S. 68). An der chirurgischen Klinik mit doppelt so hohem Jahresetat war er identisch: Pro Tag 2 Taler in der I., 1 1/2 in der II. und 25 Sgr (Silbergroschen) in der III. Klasse für Selbstzahlende (S. 57 f.). Am Charite-Krankenhaus für Arme mit einem Jahresetat von 326.000 Talern bei etwa 17.000 Patienten (im Jahr 1871) wurden der „öffentliche[n] Kasse“ 17 1/2 Silbergroschen als Tagessatz berechnet (S. 78). Wenig begüterte Wöchnerinnen konnten für ihre Verpflegung auch durch leichte Handarbeit bezahlen. Hebammen erhielten eine Belohnung von 1 Taler in jedem Fall, da sie eine Geburt meldeten, sodass die Klinik einen Praktikanten zur Beobachtung des Geburtsverlaufs entsenden konnte (S. 67).

Inhaltliche ÄnderungenBearbeiten

Bei der früheren Prüfung Tentamen philosophicum ist Philosophie nicht im Sinne eines Einzelfachgebietes im heutigen universitären Lehrbetrieb zu verstehen, sondern in einem traditionellen Sinne von umfassender wissenschaftlicher Bildung, Universalwissenschaft und Allgemeinbildung.[191] (Siehe dazu auch das Artikel-Kapitel Wissenschaftsgeschichtliche Aspekte der Philosophie.)

Durch die Neuerung wurde nun der seit den ersten Universitäten des Mittelalters bestehende Anspruch aufgegeben, „dem angehenden Arzt auf der Universität nicht nur fachliche Kenntnisse, sondern zugleich eine philosophisch fundierte Allgemeinbildung zu vermitteln.“[192] (Zu der jahrtausendealten Tradition, mit der damals bewusst gebrochen wurde, siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen).

Durch den Namen der neuen Prüfung wurde und wird zugleich das dahinter stehende inhaltliche Programm der Reformbewegung (siehe oben das entsprechende Unterkapitel) zum Ausdruck gebracht: Die Basis der Medizin und damit auch der Ausbildung sollten ausschließlich die Naturwissenschaften bilden (siehe auch das Kapitel Sprachliche Hintergründe). „Mit diesem methodischen und thematischen Wechsel“ – von der früheren „Prüfung über die Gegenstände der Weltweisheit“ hin zu „einer Prüfung über die Gegenstände der Naturwissenschaften“ – „war eine damals kaum abzuschätzende Schwergewichtsverlagerung in der medizinischen Unterweiung eingetreten.“[193]

Die Prüfung umfasste seit 1861 nur noch die Fächer Anatomie, Physiologie, Physik, Chemie und „beschreibende Naturwissenschaften“ (in stark verringertem Umfang: Botanik, Zoologie und Mineralogie / Im Jahr 1883 fiel auch Mineralogie fort, was eine Reihe von Fakultäten auch für die Disziplinen der belebten Natur gefordert hatten).[194]

Die offizielle Begründung für die Neugestaltung der PrüfungBearbeiten

Der Berliner Arzt, Hochschullehrer, Direktor der Gebärabteilung der Charite und Königlich Preußische Geheime Medicinalrath Joseph Hermann Schmidt hatte in seinem fünfzehn Jahre vor der Neuerung erschienenen Buch[195] noch begründend kommentiert: „Das Tentamen philosophicum liegt (oder sollte liegen) beim Uebergange der philosophischen Naturwissenschaften in die speciell-medicinischen […]“[196] Die seit dem Jahr 1825 bestehende Regelung, die Fächer Logik, Psychologie, Physik, Chemie, Mineralogie, Botanik, und Zoologie zu prüfen, hatte er leidenschaftlich verteidigt und gepriesen.[197] Er wollte diese etablierte Zwischenprüfung lediglich um drei für die Medizin besonders wichtige Fächer ergänzt wissen, sodaß sie sich über die vorgenannten und nunmehr zusätzlich auch „[...] Anatomie, Physiologie [und] allgemeine Pathologie erstrecken“ möge, von denen er die letzten beiden als „die eigentliche Philosophie der Medicin“ bezeichnet, die im bisherigen Fächerkanon der Zwischenprüfung „gar nicht repräsentirt gewesen ist.“[198]

Doch nunmehr, im Jahr der Studienreform, äußerte sich das preußische Kultusministerium anders; offiziell erfolgte die Änderung aufgrund negativer Erfahrungen mit der bisherigen Regelung, andererseits aber auch im Sinne des positivistisch geprägten Reformprogramms: die früher in der Ausbildung enthaltenen Fächer galten als empfehlenswert und nützlich – aber eben nicht mehr als unentbehrlich (siehe das nachfolgende Textzitat). Der Minister August von Bethmann-Hollweg – selber kein Arzt, sondern von Beruf Jurist und Politiker – erließ am 20. Juli 1861 eine mehrere Druckseiten umfassende Circular-Verfügung, um die Anordnungen und Neuerungen vom Februar des Jahres (siehe oben) ausführlich zu begründen:

„Die unter dem 19. Februar d. J. erlassene Verfügung, betreffend eine veränderte Einrichtung der durch Ministerial-Erlass vom 7. Januar 1826 angeordneten Prüfung der Aspiranten des medicinischen Doctorgrades in den allgemeinen Hülfswissenschaften der Arzneikunde hat zu Zweifeln und unrichtigen Auffassungen verschiedener Art Anlass gegeben, welchen zu begegnen der Zweck der nachstehenden Erläuterungen ist.

Durch die Einführung des Tentamen philosophicum wurde beabsichtigt, die Studirenden der Medicin zu einem gründlicheren Studium der für ihre wissenschaftliche Ausbildung mehr oder weniger wichtigen Hülfswissenschaften zu veranlassen. Als solche wurden nicht ohne guten Grund ausser Logik und Psychologie, deren Kenntniss dem Mediciner nicht weniger nützlich ist, als dem Theologen und Juristen, die sogenannten beschreibenden Naturwissenschaften und besonders die Physik und die Chemie betrachtet. Jedem künftigen Arzt ist anzurathen, sich mit den genannten Disciplinen vertraut zu machen, so wenig auch der unmittelbare Gewinn in die Augen fallen mag, der aus denselben für die ärztliche Praxis hervorgeht. Kein wissenschaftlich gebildeter Arzt läugnet dies oder wird es läugnen.

Dennoch sind je länger desto mehr von Seiten der oberen Medicinal-Behörden, wie aus dem Schoosse der medicinischen Fakultäten, denen hinsichtlich der Regelung des medicinischen Studiums unzweifelhaft die erste Stimme gebührt, ernste Bedenken gegen die Zweckmässigkeit der bestehenden Einrichtung erhoben worden.

Zunächst wurde auf die Thatsache hingewiesen, dass das Studium der hier in Betracht kommenden philosophischen und naturhistorischen Fächer bei den künftigen Aerzten in Folge der eingeführten Prüfung ein ernstes und gründliches in Wahrheit nicht geworden ist. (…) Der eigentliche Zweck des Tentamen philosophicum ist also nicht erreicht worden; er konnte aber auch nicht erreicht werden, weil es in Folge der ausserordentlichen Entwicklung, welche sämmtliche Theile der Naturwissenschaft, wie nicht weniger der Arzneiwissenschaft, gewonnen haben, jetzt wenigstens nicht mehr möglich ist; binnen zweier akademischer Studienjahre gründliche Kenntnisse in Zoologie, Botanik, und Mineralogie, in Physik und Chemie, ferner in Logik und Psychologie zu erwerben und nebenbei noch die für den künftigen Arzt so ganz unentbehrlichen, schwierigen Gebiete der Anatomie und Physiologie gehörig kennen zu lernen. Was durch das Tentamen erreicht werden sollte, war gut und in hohem Grade wünschenswerth, aber es war bei dem gegenwärthigen Stande des medicinischen Studiums unerreichbar.

Das Tentamen wirkte aber in seiner bisherigen Einrichtung zugleich auch gerade nachtheilig auf das medicinische Studium ein; es beförderte eine Oberflächlichkeit im Studium, die für die gesammte Entwicklung der jungen Leute äusserst gefährlich ist, indem es dieselben zwang, ihre Kräfte auf eine unnatürliche Weise zu zersplittern und es ihnen fast unmöglich machte, sich den für ihre Ausbildung so überaus wichtigen Fächern wie Anatomie und Physiologie mit dem Fleisse und der Hingabe zu widmen, ohne welche ein erheblicher Gewinn aus ihrem Studium nicht gezogen wird […] [Auch Gutachten aller Landesuniversitäten seien in dieser Richtung ausgefallen. Sie hätten unter anderem übereingestimmt:] […] von der Beibehaltung einer Prüfung in Logik und Psychologie könne nach den vorliegenden Erfahrungen ein erkennbarer Einfluss auf das medicinische Studium nicht erwartet werden, so wünschenswerth ein solcher auch sein möge […]

[Bei den Änderungen] standen in erster Linie die Berücksichtigung der Anatomie und Physiologie und das grössere Gewicht, das auf die Ausbildung in der Physik und Chemie zu legen ist. Es wäre vielleicht möglich gewesen, daneben auch die übrigen bisherigen Prüfungs-Gegenstände beizubehalten, wenn die Studirenden der Medicin gleichzeitig verpflichtet worden wären, ihren Studien-Cursus auf mindestens fünf Jahre auszudehnen. Durch eine solche Anordnung würden jedoch die nicht wenig zahlreichen ärmeren unter ihnen bei der ohnehin verhältnissmässig grossen Kostspieligkeit ihres Studiums in eine so nachtheilige Lage versetzt, dass die Maassregel nur durch die Nothwendigkeit gerechtfertigt werden könnte. [Diese jedoch sah er nicht gegeben.] […]

Hiernach blieb nur übrig, in der ersten Prüfung der Mediciner die zu ihrer weiteren Ausbildung unerlässlichen Disciplinen vorzugsweise zu berücksichtigen […] die philosophischen [das heißt im modernen Sprachgebrauch: geisteswissenschaftlichen] Disciplinen endlich, welche diesem Studium nicht näher stehen, als jedem anderen wissenschaftlichen Gebiete, von der Prüfung auszuschliessen. Es lässt sich erwarten, dass die Kraft der Studirenden sich künftig mehr concentriren und ihre Leistungsfähigkeit in den wichtigsten Fächern sich steigern werde […]

Wenn ich somit von der Einrichtung des Tentamen physicum für das medicinische Studium heilsame Folgen erwarte, so versteht es sich von selbst, dass es nach wie vor höchst wünschenswerth bleibt, dass sich die Studirenden der Medicin nicht auf das Studium der unentbehrlichsten Fächer beschränken, sondern auch solche Disciplinen möglichst gründlich kennen zu lernen suchen, welche, wie die Philosophie, Philologie und Mathematik, für die allgemeine Bildung von grösster Wichthigkeit sind, oder gar, wie die naturhistorischen Fächer einen näheren Zusammenhang mit den wichtigsten Vorbereitungs-Wissenschaften haben, welche der Mediciner zu studiren hat. Hierauf werden die Studirenden durch einen neuen Studienplan aufmerksam gemacht werden, dessen Beachtung ihnen künftig auf allen Landes-Universitäten empfohlen werden soll […]

Im Uebrigen wird nun zunächst abzuwarten sein, ob in Folge der Einführung des Tentamen physicum Unzulänglichkeiten hervortreten, welche eine Modification der darauf bezüglichen Bestimmungen nöthig oder wünschenswerth erscheinen lassen. Sollte dies wirklich der Fall sein, so werde ich gern bereit sein, auf eine Revision jener Bestimmungen einzugehen.“[199]

Die positivistische Wende und das Fach MedizingeschichteBearbeiten

Neben der früheren Breite der Grundlagenausbildung, die einer Expansion von Spezialwissen im engeren medizinischen Bereich zum Opfer fiel, war vom Zeitgeist und Fortschrittsglauben auch ein Fach wie Geschichte der Medizin betroffen, dem die angehenden Mediziner mit demonstrativem Desinteresse begegneten und das deshalb, obwohl es durch Übernahme der Methoden der Geschichtswissenschaften an wissenschaftlichem Charakter gewann, an den meisten Universitäten für lange Zeit ganz verschwand.[200] Damit war den bereits im Revolutionsjahr 1848 erhobenen Forderungen der Medicin Studirenden (siehe oben den Abschnitt Die Stimme der Medizinstudenten zur Zeit der Medizinalreformbewegung) faktisch statt gegeben worden und Medizinhistoriker vermerken mit Bedauern, dass sich das Interesse von Ärzten an ihrem Fachgebiet davon „auch später [...] kaum wieder erholen“ sollte.[201]

Inzwischen – Jahrzehnte nach der Rückkehr dieses Fachgebietes an die Universitäten – ist der Übergang vom Tentamen philosophicum zum Tentamen physicum selber zum Gegenstand medizinhistorischer Forschung geworden.[202]

Die NachgeschichteBearbeiten

Der Triumph des Positivismus in Naturbetrachtung und MedizinBearbeiten

Die Entwicklung, die mit dem Maschinenmodell des Organismus im Mechanismus des 17. Jahrhunderts vor allem bei Descartes (siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen) einsetzte und durch die Rezeption des Positivismus (siehe ebendort) durch Naturforscher und Mediziner im 19. Jahrhundert intensiviert wurde, erreichte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ihren Höhepunkt.[203] Der bekannte und einflussreiche französische Physiologe Claude Bernard (1813–1878) formulierte „in seiner berühmten Einführung in die experimentelle Medizin“ aus dem Jahr 1865 – also vier Jahre nach der Entstehung des Physikums – im Geiste der barocken Weltanschauung, der lebende Organismus sei „eine bewundernswerte Maschine, ausgestattet mit den wunderbarsten, verwickeltsten und zartesten Mechanismen“. Aufgabe des Physiologen sei es daher, „die elementaren Bedingungen der physiologischen Vorgänge zu determinieren und ihre natürliche Rangordnung zu erkennen, um dann die verschiedenen Verknüpfungen in dem vielgestaltigen tierischen Organismus zu verstehen und zu verfolgen“. Dieses allein entspreche der modernen Auffassung in den Wissenschaften:

„die Natur zu erobern, ihr ihre Geheimnisse zu entreißen, sich ihrer zum Nutzen der menschlichen Zielsetzungen zu bedienen. Die Physik und die Chemie haben dem Menschen die Herrschaft über die unbelebte Natur gesichert. Die Physiologie wird sie ihm über die belebte Natur geben.“[204] (Vergleiche oben das Unterkapitel über den Kontext der gesellschaftlichen Entwicklungen.)

Diese Vorstellung übertrug er selber konsequent auf die Medizin und den Menschen. Fünf Jahre später hatte er

„das berühmte, einprägsame Bild vom Tempel der medizinischen Wissenschaft geschaffen, dessen Vorhalle der Patient, dessen Allerheiligstes das Labor darstellt. Die mit bestem Gewissen gewählte Metapher entsprach ganz dem Zeitgeist. Niemand aus der Universitätselite widersprach. Moral wurde zunehmend nach den Kriterien und Ergebnissen der Naturwissenschaften interpretiert.“[205]

Kollektive Vorstellungen lassen sich in der Rückschau gut an erhalten gebliebenen Texten der wichtigsten auf Versammlungen gehaltenen Reden und Vorträge ablesen, wie in der Politik so auch in Forschung und Medizin. So verkündete der Physiologe Emil Du Bois-Reymond (1818-1892),[206] ein Schüler und später der Lehrstuhlnachfolger Johannes Müllers (siehe oben Die Entwicklung der Naturwissenschaften etc), im Jahr 1872 auf der Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte in Leipzig

„Naturerkenntnis ist das Zurückführen der Veränderungen in der Körperwelt auf die Bewegung von Atomen ... oder Auflösung der Naturvorgänge in Mechanik der Atome.“[207]

Damit formulierte er vor der versammelten fachlichen Öffentlichkeit das erkenntnistheoretische Programm, das auch dem Physikum zugrundeliegt und die inhaltliche Gestaltung des medizinischen Grundstudiums bestimmte. (Vergleiche oben den Abschnitt zum Programm etc. der Medizinalreformbewegung.) (Zu inzwischen gewandelten Vorstellungen auch in den Naturwissenschaften siehe die späteren Unterkapitel zu Neuen theoretischen Modellen etc. und zur Kritik an der klasischen Physik etc.) Und sieben Jahre später hieß es auf der Versammlung in Baden-Baden, „daß die Geschichte der modernen Naturforschung nichts weniger erwiesen habe als die endgültige Herrschaft der physikalischen Betrachtungsweise auch in der Wissenschaft vom Leben. Die physikalische Medizin war auf dieser Grundlage zu einer verbindlichen Wissenschaft von der Wirklichkeit und damit auch aller Zukunft des Menschen geworden.“[208] (Vergleiche R. Virchows Forderung der „Constituirung der Gesellschaft auf physiologischer Grundlage“ oben im Unterkapitel über die Medizinalreformbewegung.)

Die Entwicklungslinien kulminierten in der Situation, die sich für die Patienten ergab: Entscheidend wurde „für die reale Begegnung des Arztes mit dem kranken Menschen die aus dem reduzierten Modelldenken erwachsene Auffassung von einer rein krankheitsorientierten, sich als objektive Wissenschaft gebenden Heilkunst.“ Illustrativ, da charakteristisch für die neue Einstellung ist ein Buch des in Heidelberg promovierten und in Karlsruhe amtierenden badischen Arztes und Gesundheitspolitikers Robert Wilhelm Volz (1806–1882) (Geheimer Rath seit 1880) mit dem Titel Der ärztliche Beruf.[209][210] Es erschien im Jahr 1870 in erster und 1886 in zweiter Auflage – also sehr zeitnah, nämlich fünf Jahre vor bzw. elf Jahre nach der Einführung der Physikums-Prüfung in seinem Land (siehe oben das Unterkapitel Administrative Änderungen) und „gehuldigt“ wurde darin „mit enthusiastischen Worten dem gängigen Fortschritt[sideal]“:

Was die französische Guillotine mit der Zerstörung aufräumend begonnen, haben Dampf und Elektrizität durch positives Schaffen aufbauend fortgesetzt und erstrebt: die freie Entwicklung aller Kräfte des einzelnen Menschen, in der Gesellschaft wie im Staate. Erst auf der Folie des Fortschritts werde deutlich, wie revolutionär sich das menschliche Denken gewandelt habe. Die alte Medizin war nach Volz subjektiv, und alles hing von der Persönlichkeit des Arztes und von dem persönlichen Eindruck ab, wodurch er seinen Kranken näherkam. Der Arzt hatte es früher nicht mit dem eigentlichen Objekt Krankheit zu tun, sondern mehr mit der Person des Kranken. Das alles sei jetzt grundsätzlich anders geworden, denn die Medizin ist jetzt tatsächlich, das heißt objektiv, geworden. Es sei daher völlig gleichgültig, wer da am Bette stehe. Der Arzt tritt vor ein Objekt, welches er ausforscht, ausklopft, aushorcht, ausspäht, und die rechts und links liegenden Familienverhältnisse ändern daran gar nichts; der Kranke wird zum Gegenstand. Da aber eine solche objektive Betrachtung jeder erlernen können und verstehen müsse, hätten die Hippokratesse zu verschwinden, die sonst jede Stadt aufwies. Natürlich würde dadurch dem gemütlichen Wesen der Hausärzte der Boden entzogen, müßten die persönlichen Beziehungen zwischen Arzt und Patient sich lockern, die Schwergewichte sich verschieben: Die patientenorientierte Heilkunst ist zur krankheitsorientierten Heiltechnik geworden.“

Die Folgen der positivistischen Wende und der StudienreformBearbeiten

Die langfristige und im 19. Jahrhundert von der positivistischen Überzeugung einer wachsenden Zahl von Ärzten und anderen einflussreichen Menschen angetriebene historische Entwicklung mit den Bemühungen der Reformer (siehe oben), die in die Studienreform einmündete, die umgestaltete Ausbildung – samt Prüfungen – also einerseits hervorbrachte, andererseits durch sie – aufgrund der fundamentalen geistigen Prägung der nachfolgenden Medizinergenerationen – verstetigt und noch erheblich verstärkt wurde, legte den Charakter der Hochschulmedizin in den Grundzügen bis heute fest. Die Basis bildeten ab diesem Zeitpunkt einzig die Naturwissenschaften in der Ausprägung der Zeit mit der Klassischen Physik als Leitdisziplin (siehe oben). Dieses Programm kommt im Wort Physikum als Name zum Abschluss der ausschließlich naturwissenschaftlichen Grundlagenausbildung zum Ausdruck. Damit hatten im Jahr 1861 die Reformer (siehe oben das Unterkapitel Die Medizinalreformbewegung) ihr Ziel erreicht: Der Arzt wird von den verantwortlichen Entscheidungsträgern als Vertreter der angewandten Naturwissenschaften gesehen und konsequent dementsprechend ausgebildet. Diese Entwicklung zeitigte eine ganze Reihe von Folgen großer Tragweite in den anschließenden Jahrzehnten und vielfach im Grunde bis heute.

  • Die naturwissenschafts-basierte Sicht- und Vorgehensweise erreichte in vielen Bereichen eine wachsende Effizienz der Medizin und Ergebnisse, die als große Erfolge wahrgenommen wurden.
  • Die Begründbarkeit durch die Naturwissenschaften der Zeit und damit letztlich durch die Klassische Physik wurde zum Kriterium dafür, was Inhalt universitärer Medizin in Forschung, Praxis und Lehre ist. Methoden und Inhalte, die diesem Kriterium nicht entsprechen, wurden und werden außerhalb der Universitäten entwickelt, angewendet und vermittelt und von Seiten der Universitären Medizin entweder ignoriert oder bekämpft.
  • Die Psychiatrie musste unter diesen Umständen folgerichtig rein biologisch ausgerichtet werden[211] – mit gravierenden Folgen für Behandler, Patienten und Angehörige.
  • Die Entwicklung der Psychotherapie (griechisch: wörtlich Seelendienst oder Dienst an der Seele) wird konsequenterweise in der Medizingeschichte als Gegenströmung gegen den „Hauptstrom“ der biologisierten Medizin bezeichnet.[212] Sie vollzog sich folgerichtig außerhalb der Universitäten durch einzelne Ärzte aus der Behandlungspraxis heraus in dem Bemühen, ihren Patienten zu helfen, wo dies mit den in der universitären Ausbildung erworbenen Mitteln nicht möglich war. Auch die Weitervermittlung an andere Ärzte, Erfahrungsaustausch, Publikationswesen und in bescheidenem Maße Forschung wurden von engagierten Ärzten privat organisiert.
  • Somit entstand eine sowohl organisatorische als auch fachlich-konzeptionelle Spaltung in zwei getrennte „Medizinsysteme“, denen die Patienten gegenüberstehen. Einerseits ein „offizielles“, universitäres, mit einer auf einer historisch bedingten Form von Naturkunde basierenden „Körpermedizin“. Und anderseits ein kleineres, privates, mit einer „Seelenmedizin“ für wenige meist gebildete und finanziell privilegierte Patienten, deren theoretische wissenschaftliche Fundierung bis heute kontrovers diskutiert wird zwischen Befürwortern eines naturwissenschaftlich-positivistischen, eines geisteswissenschaftlich-hermeneutischen und eines dritten, eigenständigen, aus der psychotherapeutischen Praxis heraus entwickelten Theorie-Ansatzes.[213] Eine einheitliche, alle Zweige umfassende und handlungsleitende theoretische Fundierung für die beiden „Medizinsysteme“ – also für eine Gesamt-Medizin – existiert bis heute nicht:

„[…] Selbst mit dem bestechenden Schlagwort psychosozialer Kontext, mit dem das Neue unserer Strukturpläne wie auch der Approbationsordnung umrissen wird, ist zunächst nur etwas negativ deklariert: daß man eben aussteigen möchte aus dem zu eng gewordenen Modelldenken einer als angewandte Naturwissenschaft verstandenen Medizin, ohne aber artikulieren zu können, was das positiv bedeutet.“[214]

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  • Da nach intensiven Diskussionen über eine Reformierung der medizinischen Ausbildung in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1970 eine neue Approbationsordnung erlassen wurde, die die medizinischen Fakultäten der Universitäten unter anderem nötigte, Disziplinen wie Medizinische Psychologie, Medizinische Soziologie, Psychosomatik und Psychotherapie in den Fächerkanon der Grundausbildung für alle Ärzte aufzunehmen,[215] deren Inhalte dann auch Gegenstand der Zwischenprüfung wurden (siehe oben das Kapitel Inhalte und Regelungen der Prüfung), handelt es sich bei dieser sachlich und sprachlich korrekt ausgedrückt (siehe das nachfolgende Kapitel mit dem Abschnitt über Wortbedeutungen) nun nicht mehr um ein (reines) Physikum, sondern um ein Philosophikum – im traditionellen weiten Sinne von Philosophie (siehe oben die Ausführungen in den Unterkapiteln Geistesgeschichtlicher Rahmen und Inhaltliche Änderungen durch die Studienreform) – mit weit überwiegendem Physikums-Anteil und ohne Philosophie – im modernen engeren Sinne.
  • Der lange Zeit an der Universität Köln lehrende Arzt und Medizinhistoriker Klaus Bergdolt wies darauf hin,[216] dass „der von Virchow betriebene Paradigmenwechsel hin zur wissenschaftlich-positivistischen Medizin gegen Ende des 19. Jahrhunderts“ fatale Auswirkungen auf das Verhältnis von Medizin und Patienten hatte. Große Krankenhäuser wurden – von allen finanziell Bessergestellten – nach Möglichkeit gemieden, insbesondere die Universitätskliniken – also die Zentren von Forschung und Ausbildung -, „weil das Gespräch mit dem Arzt dort nur bedingt geschätzt wurde und – so wurde es jedenfalls von breiten Volksschichten empfunden – kalte Technik zu triumphieren schien.“ Zudem war die Furcht verbreitet, dort zum Objekt von wissenschaftlichen Studien zu werden. Dafür macht er die kollektive Gesinnung der Ärzte der Zeit verantwortlich: „[…] Es waren allerdings – im Gegensatz zu heute – die Ärzte selbst, die damals dem Positivismus huldigten. […] Bei aller Bewunderung für das naturwissenschaftliche Paradigma, das mit 'alten Lehren' […] brach und auch in der Presse gefeiert wurde, erlitt die Schulmedizin einen entscheidenden Vertrauensbruch. Die ärztliche Elite hatte ihn selbst provoziert. […] Das Gespräch mit dem Patienten und seinen Angehörigen, jahrtausendelang eine der wichtigsten ärztlichen Pflichten, schien Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich verloren.“ Denn im Zuge der positivistischen Studienreform mit der neuen Zwischenprüfung, auf die er ausdrücklich verweist, waren Geisteswissenschaften, „Seele“ und subjektive Sicht des Menschen aus dem Lernstoff der Mediziner verschwunden.[217] Darin handelten die verantwortlichen Mediziner nur konsequent in der Umsetzung ihrer Ideologie: bereits Auguste Comte (siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen), „einer der Vordenker der neuen Medizin“ hatte das Kollektiv der Menschen im Blick und erachtete daher folgerichtig „das Individuum für eine zu überholende Abstraktion.“[218] – Als Gegenbewegung erlebten kleinere private Krankenhäuser und insbesondere die von – durch Virchow und gleichgesinnte Mediziner als Inbegriff der Rückständigkeit verspotteten – Religionsgemeinschaften geführten Kliniken gerade in den großen Städten eine sprunghaft steigende große Nachfrage. – Die erwähnte Furcht vor medizinischen Studien – das heißt Menschenversuchen – war auch keineswegs unbegründet. Da die Bedeutung methodischer Forschung wuchs und damit die Motivation der Ärzte, sich daran im Dienste des Fortschritts der Wissenschaft (und der eigenen Karriere und wissenschaftlichen Reputation) aktiv zu beteiligen, sich die Blickweise zunehmend vom menschlichen Individuum zum Kollektiv verschob (siehe oben), gleichzeitig aber mit Religion und Philosophie die Quellen ethischer Überlegungen aus der Ausbildung und dem Denken der Mediziner verdrängt wurden, bedienten sie sich geeigneten Menschenmaterials ohne Bedenken oder gar erbetene und erteilte Erlaubnis seitens der Versuchs-Objekte, bis hin zur absichtlichen Infektion mit Erregern gefährlicher Krankheiten.[219]

Die skizzierten historischen Entwicklungen – mit dem positivistischen Umbruch – und ihre Folgen erweckten in der Folgezeit auch erheblichen Unmut bei Patienten, Ärzten und Wissenschaftlern und dieser führte zu verschiedenartigen Bemühungen um Verbesserung. Solche Kritik und Gegenbewegungen werden im abschließenden Kapitel (siehe unten) dargestellt.

Sprachliche HintergründeBearbeiten

Sprachgeschichtlicher RahmenBearbeiten

Die traditionelle internationale Wissenschaftssprache im westlichen Europa war seit dem frühen Mittelalter das Latein,[220][221] das dadurch auch langfristig „der Schlüssel zum Verständnis der wissenschaftlichen Medizin geworden“ war.[222] (siehe dazu auch die Artikel und Artikel-Kapitel Das Bildungswesen des Frühmittelalters, Die Mittelalterliche Universität und Die Sprachgeschichte des Lateins). Dieser Sprache wird außerdem eine vorzügliche Qualität zuerkannt: „Das Lateinische bietet der Medizinischen Fachsprache Kürze, Präzision und Ausdruckskraft.“[223]

Wegen der kulturellen Überlegenheit des antiken Griechenlands im Allgemeinen, sowie insbesondere gerade auch auf dem Gebiet der Medizin,[224] wurde eine große Zahl von Wörtern und insbesondere Fachwörtern im Altertum von den Römern aus dem klassischen Griechischen in die lateinische Sprache entlehnt und somit – mit lateinischen Buchstaben und Wortendungen – Teil dieser Wissenschaftssprache (siehe dazu auch die Artikel Medizin des Altertums und Medizinersprache).

Latein spielte in der Medizinerausbildung auch in der Neuzeit noch für lange Zeit eine wichtige Rolle. Zudem „hat man in Deutschland besonders lange am Latein festgehalten.“[225] Auch im 19. Jahrhundert waren medizinische Doktorarbeiten in dieser Sprache vorzulegen – was einige Studenten dazu führte, Übersetzungen z. B. bei sprachkompetenten Kommilitonen in Auftrag zu geben. Auch der später als Physiologe und Berliner Professor berühmt gewordene philologisch äußerst kompetente Johannes Müller (siehe oben das Kapitel Historische Hintergründe) war als Student durch das Versiegen von Quellen finanzieller Unterstützung ab 1820 (dem Jahr seines neunzehnten Geburtstags) genötigt, auf diese Weise einen Teil seines Lebensunterhaltes zu bestreiten.[226] Ebenso verfaßten die späteren Protagonisten der Medizinalreform (siehe oben das betreffende Unterkapitel) und geistigen Väter des später entstandenen Physikums ihre eigenen medizinischen Doktorarbeiten auf Latein: R. Virchow De rheumate praesertim corneae im Jahr 1843[227] und R. Leubuscher De indole hallucinationum in mania religiosa im Jahr darauf[228] Auch bestand eine ihrer Forderungen für die Ausbildungsreform darin, die Unterweisung der Studenten im Fach Anatomie, die Mitte des Jahrhunderts vielerorts in diktierten Lektionen in lateinischer Sprache bestand, durch einen überwiegend praxisbezogenen Unterricht auf Deutsch zu ersetzen.

BedeutungBearbeiten

Die Bezeichnungen für die Prüfungen im MedizinstudiumBearbeiten

Lateinisch temptamentum, sowie als (aussprachebedingte) Varianten tentamentum und (als Kurzform) tentamen bedeuten „Probe“, „Versuch“ und „Untersuchung“.

Altgriechisch φύσις, transkribiert mit lateinischen Buchstaben phýsis, bedeutet „Natur“. (Zum historischen Verständnis und Bedeutungswandel dieses Schlüsselbegriffs der Natur siehe das nachfolgende Unterkapitel zur Sprachbetrachtung.) Davon wird das Adjektiv physikos gebildet: „natürlich“, „zur Natur gehörig/gehörend“, „die Natur betreffend“ etc. Entlehnt ins Lateinische wird daraus physicus. Wird es mit einem Substantiv grammatikalisch neutralen Geschlechts wie tentamen verbunden, erhält es als Endung -um.

Zusammengestellt im Ausdruck Tentamen physicum (siehe oben das Kapitel Historische Hintergründe / Die Studienreform) bedeutet es wörtlich „zur Natur gehörige/auf die Natur bezogene/die Natur betreffende Probe“.

Der Fachausdruck wird dann verwendet im Sinne von: „Die Naturwissenschaften (bzw. naturwissenschaftlichen Grundlagen der Medizin) betreffende Untersuchung (der Fähigkeiten der Studierenden)“.

Bei der heutigen Bezeichnung Physikum handelt es sich also um eine in der universitären Umgangssprache entstandene Abkürzung, die als solche sprachlich eigentlich keinen Sinn ergibt, weil das zu diesem Adjektiv gehörende Substantiv fallengelassen wurde.

Die heutige Schreibweise mit k (das es im Lateinischen nicht gibt) statt c ist das Ergebnis der Eindeutschung.

Der Name der früheren Prüfung Tentamen philosophicum (siehe oben das Unterkapitel Die Studienreform) (von griechisch philein – „gerne mögen“ – und sophos – „weise, verständig“ – bzw. sophia – „Weisheit“ und daraus gebildetem φιλοσοφία philosophía) bedeutet wörtlich „Die Weisheitsliebe betreffende Probe / Untersuchung“.

Verwandte WörterBearbeiten

Verwandt mit temptamentum und tentamen(tum) ist lateinisch temptatio, ebenfalls mit der Grundbedeutung „Versuch, Probe“. Während die erstgenannten gelegentlich die Bedeutung „Versuchung“ annehmen können (bezeugt ist dies bei dem bedeutenden römischen Dichter Ovid), wird diese für temptatio später im christlichen Kontext (in lateinischen Bibelübersetzungen und bei spätantiken christlichen Schriftstellern wie zum Beispiel Augustinus) häufig und lebt in den entsprechenden Wortformen der romanischen Tochtersprachen des Latein sowie – vermittelt über das Französische – im Englischen weiter: temptation.

Ebenfalls von griechisch Physis werden gebildet die Fachbezeichnungen Physio-logie (wörtlich: „Natur-Lehre“) und Physik (wörtlich: „angewandte Naturwissenschaft“ oder „praxisbezogene Könnerschaft in Bezug auf die Natur“, wobei hier bei der Entlehnung ins Deutsche das zugehörige Substantiv fallengelassen wurde, es sich sprachhistorisch also um eine Verkürzung handelt, mit der nur noch das Adjektiv geblieben ist). (Zum wissenschaftshistorischen Aspekt siehe oben die Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der Historischen Hintergründe und Entwicklung der Naturwissenschaften.)

BegriffsverwendungsgeschichteBearbeiten

Die erwähnten Begriffe wurden für die Universitätsprüfungen im Medizinstudium nicht eigens erfunden oder neu gebildet, sondern lediglich umfunktioniert. Tentamen im Sinne von „Untersuchung“ wurde schon seit Jahrhunderten im Zusammenhang wissenschaftlicher Forschung verwendet. So ist Tentamen philosophicum für „philosophische Untersuchung“ im traditionellen Sinne (siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der historischen Hintergründe) von „allgemein wissenschaftlicher Untersuchung“ im 17. Jahrhundert belegt.[229] Tentamen physicum im Sinne von „naturkundlicher Untersuchung“ tauchte zum Beispiel im Titel einer medizinischen Dissertation mit physiologischem Thema aus Edinburgh am Ende des 18. Jahrhunderts auf.[230]

Bei dem Begriff für die neue medizinische Prüfung in Deutschland vollzog sich der Übergang von der vollständigen und sprachlich korrekten Form Tentamen physicum zum umgangssprachlich verkürzten Physikum allmählich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Auch dies läßt sich an Buchtiteln ablesen: Denn speziell der Vorbereitung auf die medizinische Zwischenprüfung dienende Fachbücher verschiedener Verlage werden nicht nur heutzutage in reichhaltiger Auswahl angeboten (siehe oben den Einleitungsteil zu diesem Artikel), sondern es gibt sie bereits seit dem späten 19. Jahrhundert.[231][232]

Die vollständige Form Tentamen physicum wurde mindestens bis zum Jahr 1930 verwendet.[233] Doch zeitlich parallel tauchte bei anderen Verlagen schon früher die Kurzform auf. Dabei vollzieht sich zum Beispiel in einem Büchlein Zoologie für das Ph... der Übergang von der lateinischen Schreibweise ...Physicum in der 3. Auflage zur eingedeutschten Form ...Physikum in der 4. Auflage aus dem Jahr 1908.[234] Diese – heute allgemein übliche – Form ist bereits im Jahr 1902 belegt[235] und wurde mit der Verordnung über die Änderung der Prüfungsordnung für Ärzte ‹Physikum› vom 13. Mai 1932 quasi amtlich.[236]

SprachbetrachtungBearbeiten

Einführung: Mit welchem Ziel pflegt man Sprachbetrachtung?Bearbeiten

Die Erforschung, Betrachtung und Kritik von Sprache[237][238][239][240] verfolgt den Zweck, nicht nur menschliche Kommunikation, sondern ebenso das durch die vorgegebenen semantischen und grammatischen Strukturen der Sprache geprägte Denken besser zu verstehen, sowie kulturhistorischen Wandel aufzuzeigen. Dieses Bemühen hat zum Ziel, die eigene geistige Position zu reflektieren und zu erhellen und zu größerer Bewusstheit in Denken und denk-geleitetem Handeln zu verhelfen (siehe auch das nachfolgende Kapitel Kritik und Gegenbewegungen mit seinen Unterkapiteln zur Wissenschaftstheorie etc und zur Geistesschulung).

Dies läßt sich an dem in diesem Artikel zentralen Begriff der Natur verdeutlichen, dessen Bedeutung, Verständnis und Verwendung im Laufe der Zeit in – einander wechselseitig beeinflußender – Theorie und Praxis erheblichen und fundamentalen Wandlungen unterworfen waren und sind. Dazu wird zunächst seine Herkunft und Entstehung nachgezeichnet, um anschließend sein sich wandelndes Verständnis durch Menschen verschiedener Epochen darzulegen und von dort aus ein Licht auf vergangene und aktuelle Entwicklungen und kontroverse Diskussionen auch in der Medizin und Medizintheorie zu werfen. Schließlich wird auf diese Weise eine weitere inhaltliche Verbindung der drei Hintergrund-Kapitel zu Geschichte, Sprache sowie medizinischer, philosophischer und grundlagen-wissenschaftlicher Kritik aufgezeigt.

Etymologische HerleitungBearbeiten

Die Historische Sprachwissenschaft und die Etymologie (griechisch: wörtlich Wahrheitslehre; heute gebraucht im Sinne von Wortherkunftslehre) versuchen, Veränderungsprozesse an Sprachen und deren Bestandteilen zu dokumentieren, zu rekonstruieren und zu erklären und damit kulturhistorische Einsichten zu gewinnen.

Die hier behandelten Sprachen Griechisch, Lateinisch und Deutsch werden der seit langem intensiv erforschten Indogermanischen Sprachfamilie zugerechnet, deren gemeinsamer Vorfahre und damit die mit wissenschaftlichen Methoden zu ermittelnden sprachlichen Wurzeln des Physikums in die Kupfersteinzeit datiert werden.

Sprachwissenschaftler gehen von einem ursprünglichen Verb der Form *bheh₂u aus (das Schriftzeichen h₂ bezeichnet einen Laryngal oder Kehlkopflaut, der zur Folge hat, dass die beiden Vokale e und u nicht ineinander übergleitend wie ein Doppelvokal, sondern lautlich getrennt e-u geprochen werden), für das die Bedeutung „wachsen, entstehen, sein“ angegeben wird.[241][242]

Aus dieser Wurzel entwickelten sich in verschiedenen Zweigen Wörter wie englisch be („sein“) (was ursprünglich mit einem e-Laut ausgesprochen wurde, der sich erst in der frühen Neuzeit zu dem heutigen i-Laut wandelte), deutsch bin (in diesem Fall mit einer anderen Wortwurzel im verschmolzen), lateinisch fieri („werden“) und im Frühgriechischen das Verb phuo („wachsen lassen“, „hervorbringen“, „erzeugen“ etc.) und seine mediale Form phuomai („wachsen“, „werden“, „entstehen“). Für die Aussprache ist bei ph ein behauchtes p (kein f-Laut) anzusetzen. Der frühe u-Laut wandelt sich später zum Ypsilon des Klassischen Griechischen, also einem ü-Laut, womit sich die Form phyo bzw. phyomai ergibt.

Von diesem Verb leiten sich dann einerseits phyton „Wuchs, Pflanze“ (enthalten in diversen Fachwörtern) und schließlich φύσις phýsis („Wuchs, Charakter, Abstammung, Natur, Wesen“) – wovon Physikum gebildet ist (siehe oben das Unterkapitel Bedeutung) – und physiologos („Naturforscher, Naturphilosoph“) her. Das Wort Physis wurde auch als Fachbegriff in die deutsche Sprache entlehnt.

Das deutsche Wort Natur ist entlehnt aus dem lateinischen natura, welches sich vom Verb nasci (Stammformen: nascor, natus / -a / -um) („gezeugt / geboren werden“) herleitet,[243] was seinerseits eine verkürzte Form des seltener bezeugten ursprünglichen gnasci (Stammformen: gnascor, gnatus / -a / -um) ist. Dieses Verb ist selber ein Inchoativ (Verb mit einer Beginn ausdrückender Aktionsart) vom aktiven Verb gignere (Stammformen: gigno, genui, genitum), das wiederum eine Reduplikation der alten Grundform genere („zeugen, erzeugen, hervorbringen, gebären“; im Passiv: „entstehen, sich erzeugen, werden“) darstellt.

Von demselben alten Wortstamm „GEN-“ sind die griechischen Verben „gennao“ und „gi-gnomai“ gebildet, von deren Fortbildungen Fremd- und Fachwörter wie „Genesis“, „Genese“ (und damit gebildete Fachwörter), „Genealogie“ und „genetisch“, „Genetik“ (wörtlich: „angewandte Werdens-/Entstehenskunde“; das ursprüngliche Substantiv wurde auch hier bei der Entlehnung fallen gelassen) und „Gen“ entlehnt sind.

Entsprechen dieser Herkunft bedeutet natura ursprünglich gewissermaßen die immer wieder neu Gebärende, Hervorbringende; daher: 1) „Die Geburt“ a) abstrakt b) konkret; 2) übertragen: „die Natur“ und zwar „die natürliche Beschaffenheit“, „das Wesen“, „die Gestalt“, „die Lage“ etc.

Kritische Betrachtung der Bedeutungsgeschichte – mit Bezug zur Medizin: Was heißt hier Natur?Bearbeiten

Die Hintergrund-Kapitel dieses Artikels, die das Thema transparent machen sollen, ranken sich auch – explizit oder implizit – um den grundlegenden Begriff der Natur.[244][245][246][247][248] (Siehe dazu auch oben das Kapitel Historische Hintergründe mit den Unterkapiteln Geistesgeschichtlicher Rahmen, Kontext – die Bewegung der Romantik sowie Entwicklung der Naturwissenschaften.) Von den skizzierten langfristigen und sehr wechselvollen geistigen und gesellschaftlichen Entwicklungen blieb auch das menschliche Bild von der Natur nicht unberührt. Denn was in Wissenschaft, Philosophie und Praxis – explizit und implizit – unter Natur verstanden, wie sie gesehen, in Modelle gefaßt und über sie gedacht wurde und wird, ist keineswegs einheitlich und feststehend, sondern divergiert erheblich zwischen Kulturräumen und unterliegt im Laufe der Zeit tiefstgreifenden Veränderungen:

Gemäß seiner etymologischen Herkunft (siehe oben) ist das Verbalsubstantiv Physis,[249] das vor allem seit dem 6. und 5. Jahrhundert vor Christus zum Fachbegriff der griechischen Philosophie (in Naturkunde und Ethik) wird, bestimmt als das „Werden eines Wachsenden“.[250] Somit ist der Natur-Begriff der Antike, der auch dem Werk des naturforschenden Philosophen Aristoteles zugrunde liegt, welches das abendländische Denken bis weit in die Neuzeit hinein tiefgreifend beeinflusste, gemäß seiner Herkunft der einer aktiven, einer hervorbringenden Natur. Natur ist hier ein handelndes und zudem mächtiges Subjekt. Von philosophisch gebildeten Vertreten der Tiefenpsychologie wird darauf hingewiesen, dass in früheren Epochen der Geistesgeschichte das Verständnis von Natur mythisch als die „weibliche Gebärpforte“ präsent und die psychosexuelle Konnotation von „physis“ etwa im Werk Platons ausgesprochen war.[251] (Zu den beiden Philosophen vergleiche oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der Historischen Hintergründe.)

In der Neuzeit vollzieht sich – zeitgleich zur Entwicklung von Naturwissenschaften und Philosophie – allmählich ein Wandel. Manifest wird dieser im 17. Jahrhundert: da wird „[…] die in der Vorstellung einer machina mundi ausgedrückte Ordnung der N.[atur] […] zu einer im strengen Sinne mechanistischen, d. h. allein durch die -> Mechanik erklärbaren, Ordnung. Im Rahmen einer sich zur -> Experimentalphilosophie wandelnden N.[atur]philosophie wird der aristotelisch-scholastische N.[atur]begriff, und mit ihm die Vorstellung einer >handelnden< N.[atur], zugunsten des Begriffs eines >kosmischen Mechanismus< (mecanismus cosmicus) aufgegeben.“ Dieses mechanistische Weltbild liegt dann den Naturwissenschaften zugrunde. „[…] Aus Metaphysik der N.[atur] […] wird Methodologie der N.[atur]wissenschaften; als N.[atur] erscheint im eingeschränkten Sinne nur noch das, was Gegenstand einer empirischen (Gesetzes-)Wissenschaft ist.“[252] Natur ist nun zu einem Objekt geworden.

„Gegen diese Reduktion“ erscheinen im 19. Jahrhundert etwa bei – dem auch in erheblichem Umfang naturforschenden Dichter – Goethe, Schelling und Hegel und anderen im geistigen Umfeld der Romantik wieder Konzeptionen einer einheitlichen und schaffenden Natur – gegen den Anspruch der Naturwissenschaften, die Natur ganz erfassen zu können und „gegen die sich abzeichnenden Tendenzen einer technischen >Aneignung< der N.[atur] (im Rahmen technischer Produktionsprozesse).“ Sie können sich jedoch nicht dauerhaft durchsetzen.

Heute wird erneut „[…] in ökologischen Zusammenhängen versucht, den zerstörerischen Konsequenzen einer solchen >Aneignung< der N.[atur] durch den Menschen entgegenzuwirken. Ziel einer ökologischen >N.[atur]philosophie< ist, N.[atur] nicht mehr allein als Teil der gesellschaftlich verfaßten Wirklichkeit (unter den Bedingungen einer Industriegesellschaft), sondern unter (lebenserhaltenden) Gesichtspunkten einer erneuten Selbständigkeit der N.[atur] zu sehen. In diesem Sinne geht es in ökologischen Orientierungen – vor dem Hintergrund einer Entwicklung des N.[atur]begriffs, die von der antiken Vorstellung einer >handelnden< (vom Menschen unabhängigen) N.[atur] über die unter empirisch-hypothetischen Methodenidealen stehenden neuzeitlichen N.[atur]konstruktionen zur technischen Aneignung der N.[atur] (als eines nunmehr selbst technischen Objekts) führte – im Wesentlichen um die teilweise Wiederherstellung einer >Aristotelischen N.[atur]< […] In derartigen Entwicklungen wird nicht nur das Verhältnis von N.[atur] und Technik (unter den Laborbedingungen moderner naturwissenschaftlicher Forschung als Gegensatz weitgehend aufgehoben), sondern auch das Verhältnis von N.[atur] und Kultur (unter den Bedingungen von Industriegesellschaften zugunsten technischer Kulturen entschieden) neu bestimmt werden […]“[253]

Im Zuge solchen Umdenkens mahnte mit Blick auf theoretische Konzeptbildung in der Medizin – von der wiederum die Praxis geleitet wird – der deutsche Arzt und Hochschullehrer Thure von Uexküll (1908–2004) – dessen Vater, der Naturwissenschaftler und Philosoph Jakob Johann von Uexküll (1864–1944) als ein Wegbereiter der biologischen Disziplinen Verhaltensforschung und Ökologie[254] und der selber als Pionier der Psychosomatik im deutschsprachigen Raum gilt (siehe auch das nachfolgende Unterkapitel Gegenbewegung: Entwürfe für eine "ganzheitliche" Medizin) – bereits zur Mitte des 20. Jahrhunderts:

„Wir haben … jahrhundertelang die Natur nur in Hinblick auf unsere Maßstäbe befragt … was herauskam, war eine Natur, mit der wir umgehen und die wir nach unseren Wünschen verändern können … Aber … die Natur, mit der wir auf diese Weise umgehen, ist nicht die Natur selbst. Diese Natur hat nicht unsere, sondern ihre Maßstäbe. Sie spricht nicht für den Menschen, sondern für sich selbst. Sie steht dem Menschen nicht gegenüber, sondern umgreift ihn … Diese Natur wieder für sich selbst sprechen zu lassen … dies ist die Aufgabe, vor der wir stehen.“[255]

Mit dieser tiefen Einsicht in die prinzipielle Methodenabhängigkeit der „Eigenart der durch sie sich erschließenden Wirklichkeit“ schließt der philosophisch geprägte Arzt Uexküll inhaltlich an die Jahrzehnte zuvor formulierte Einsicht des sich dem antiken Ideal des Philosophenarztes annähernden Karl Jaspers an, dem durch seine reflektierte Zugangsweise bereits ein bahnbrechendes fachmedizinisches Grundlagenwerk gelungen war (siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der Historischen Hintergründe mit den Abschnitten über die Wechselbeziehungen zwischen Medizin und Philosophie in und nach der Antike.) (Vergleiche auch oben die Warnung des philosophisch reflektierten wegweisenden Physiologen Johannes Müller, der Natur nicht mit unbedachter „Gewalt“ irgendwelche „wissenschaftlichen“ Ergebnisse abpressen zu wollen im Unterkapitel über die Entwicklung der Naturwissenschaften; ebenso die Rede über die Unterwerfung der „Natur“ im Unterkapitel zum Triumph des Positivismus. / Zum Zusammenhang von – kulturgeprägtem – Naturverständnis und Medizin siehe auch das den Artikel abschließende Unterkapitel Kritik an der klassischen Physik.)

Kritik und GegenbewegungenBearbeiten

EinleitungBearbeiten

Die Ausrichtung der Medizinerausbildung, wie die Reformbewegung diese im 19. Jahrhundert in den Grundstrukturen bis heute festlegte (siehe oben das Kapitel Historische Hintergründe), findet nicht nur Zustimmung. (Vergleiche auch die Einleitung zum obigen Kapitel Historische Hintergründe.) An dem historischen Prozess, der zu der Studienreform mit der Einrichtung der neuen Prüfung führte und der sich gewissermaßen in der Institution und dem programmatischen Begriff des Physikums kristallisiert, wurde und wird vielmehr von verschiedener Seite fundamentale und scharfe Kritik geübt. Diese bezieht sich zum einen auf fehlende Schulung von Denken, Wahrnehmung und Kommunikation, die aus der weitgehenden Entfernung philosophischer (im engeren Sinne) und anderer nicht-naturwissenschaftlicher Inhalte aus der Medizinerausbildung resultierte. Zum anderen wird die nur noch an den Naturwissenschaften geschulte, durch die Ausbildung eingeübte und so zur unreflektierten Gewohnheit gewordene Sichtweise der Absolventen auf Menschen, Gesundheit und menschliches Leiden als unangemessen verurteilt. Die einseitige Ausrichtung der Medizin auf eine ausschließlich naturwissenschaftliche Basis, die eine zentrale Intention der Akteure der Medizinalreform war und mit der Studienreform im 19. Jahrhundert erfolgreich umgesetzt wurde, wird dabei als eine verhängnisvolle Fehlentwicklung der gesamten Medizinischen Wissenschaft gesehen, die negative, teils sogar katastrophale Auswirkungen auf Denken und Handeln der forschenden und therapierenden Ärzte in Vergangenheit und Gegenwart nach sich gezogen habe. Solche Kritik wird häufig von Psychiatern formuliert, denen man traditionell eine größere Neigung zu philosophischen Gedankengängen zuschreibt als anderen Medizinern.[256] Schließlich wird auch das – herkömmliche – seit dem 19. Jahrhundert fest etablierte naturwissenschaftliche Fundament der Medizin (siehe die entsprechenden Teile des obigen Kapitels Historische Hintergründe) selber von manchen Autoren als veraltet und nur teilweise hilfreich kritisiert und es werden Gegenentwürfe dazu vorgelegt.

Kritik aus der Sicht der MedizingeschichteBearbeiten

Traditionsabbruch im Zuge der Positivistischen WendeBearbeiten

Der gleichermaßen als Facharzt für Psychiatrie wie als historisch, philologisch, kultuvergleichend und philosophisch arbeitender Geisteswissenschaftler ausgebildete Medizinhistoriker Heinrich Schipperges (1918–2003),[257][258] der genau 100 Jahre nach Entstehen des Physikums an der Universität Heidelberg erstmals ein eigenes Institut für sein Fach aufzubauen begann, wies in einem zwei Jahre später veröffentlichten Aufsatz[259] mit weitem historischen Blickwinkel auf eine folgenschwere Entwicklung hin: „Der Medizinhistoriker [...] steht betroffen vor einem Tatbestand, der unsere Situation in jeder Weise charakterisiert. Es ist dies der Abbruch der Tradition, der sich um das Jahr 1860 vollzogen und die bisher schärfste Zäsur in der vieltausendjährigen Geschichte der menschlichen Heilbemühungen gesetzt hat. Was wir nämlich als unsere moderne Medizin kennen und schätzen, das ist im Grunde ein recht junges und gänzlich neues Sachgebiet, das sich erst nach 1860 unter Virchow [... und anderen] durchgesetzt hat -, durchgesetzt unter dem Elan einer positivistischen Weltanschauung [...]“ Während nun in der traditionellen Medizin seit ihrer Begründung in der Antike der Aspekt der Gesundheitserhaltung durch eine dieser förderliche Lebensführung den Bemühungen um eine Wiederherstellung derselben durch medikamentelle und chirurgische Behandlung nicht nur zur Seite stand, sondern im unterweisenden und anleitenden Umgang des selber vorbildhaften Arztes mit dem individuellen Menschen sogar die wesentliche Rolle spielte, ist parallel zu der neutzeitlichen Entwicklung der Naturwissenschaften allmählich eine Verschiebung zu konstatieren einerseits vom Individuum hin zum Kollektiv als Fokus der Aufmerksamkeit und andererseits von der eigenverantwortlichen Gesundheitserhaltung mit Hilfe des Arztes zu einem Reparaturbetrieb durch den Mediziner am Körper. Diese Entwicklung kulminierte mit der Durchsetzung des Positivismus zum benannten Zeitpunkt und zog weitreichendste Folgen für die Gesellschaft und auch für die Rolle des Arztes nach sich.

Gegenbewegung: Kehrtwende in der Aufgabenbeschreibung der Ärzte – mit Auswirkung auf die Ausbildung und PrüfungsgestaltungBearbeiten

Heute setzt unter dem Druck der Kostenlawine im Gesundheitswesen allmählich ein Umdenken ein.[260] Diesem zufolge wird für die Zukunft wiederum erwartet:

„Die Medizin wird unter den Kriterien patientenorientierter Prioritäten vielleicht wieder einmal das werden, was sie seit Jahrtausenden – abgesehen von einem kurzen Intermezzo zwischen 1840 und 1990 – war: eine Bildung der Gesunden vor einer Heilung der Kranken, nicht nur Heiltechnik, sondern eben auch Heilkunde. Die Medizin wird sich wieder mehr im Vorfeld der Krankheit abspielen; sie wird dazu neben einer immer intensiver werdenden Notfallmedizin großzügigere flankierende Strategien einer Vorsorge und Nachsorge entwickeln müssen, die etwas völlig anderes sein dürften als die traditionellen Maßnahmen der Prophylaxe und der Rehabilitation. / An den Grenzen des Wachstums werden wir Fortschritte nur noch bei gleichzeitigen Verzichten machen können, und zwar durch einen mehr aktiven als reaktiven Lebensstil, eine disziplinierte Selbstbeteiligung an jenem System, dem wir alle in unserer Lebens- und Leidenswelt verhaftet sind. Zu einer solchen Kultur des Lebens aber hätte uns gerade die ältere Heilkunde nicht nur die heuristischen Prinzipien anzubieten, sondern auch ein erstaunlich ausgereiftes Material für die auf uns zukommenden Gesundheitsstrategien.[261]

Auch jenseits des Atlantik ruft zum Beispiel der bekannte und „berufspolitisch erfahrene“ somatische Mediziner Walter M. Bortz II (* 1930),[262] ein Erforscher und Förderer gesunden Altwerdens, „zu einem revulotionären Paradigmenwechsel auf: weg von Passivität und Abhängigkeit von der Pharma- und Medizintechnikindustrie, hin zu einer Next Medicine, in der menschliches Verhalten Priorität in ärztlichem Denken und Handeln erhält [...]“[263] Er fordert:

“The physician's role transcends that of simple mecanical repair. The human body is infinitely more than a deterministic machine. ... Medicine's mission is to assert and assure human potential ... The crisis ... requires a revolutionary response ... what is needed is a rigorous new alternative, a new paradigm, more complete than the former paradigm.”

„Die Rolle des Arztes überschreitet die der simplen mechanischen Reparatur. Der menschliche Körper ist unendlich mehr als eine deterministische Maschine. [...] Die Mission der Medizin ist es, menschliches Potential zu erhalten und zu sichern [...] Die Krise [...] verlangt nach einer revolutionären Antwort [...] Was gebraucht wird, ist eine rigorose neue Alternative, ein neues Paradigma, vollständiger als das frühere Paradigma.“[264]

Wenn nun von den Verantwortlichen für die Gestaltung medizinischer Universitätsprüfungen in Deutschland mit Blick auf konkrete Zukunftsplanung (siehe oben das Kapitel 3 Geplante Änderungen der Prüfung) sogar verlangt wird:

„[...] Die Ärzte müssen sich im Klaren darüber sein, dass sie eine Führungsrolle im Bereich der Gesundheit und Prävention einnehmen und wir gemeisam die Gesundheitskompetenz der Menschen stärken müssen [...],“[265]

so nähern sie sich damit - unausgesprochen - einem Ideal wieder an, das bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden durch die Philosophenschule der Pythagoräer an die entstehende abendländische Medizin vermittelt wurde (siehe oben Geistesgeschichtlicher Rahmen der Historischen Hintergründe) und das sich erklärtermaßen in Zukunft auch in den Examina widerspiegeln soll. (Vergleiche oben die empirischen Befunde zur gesundheitlichen Befindlichkeit von Medizinstudierenden in- und außerhalb von Prüfungsphasen im Kapitel Physikumsforschung sowie das nachfolgende Unterkapitel Fundamentalkritik ... und Modellprojekt etc) (Für weitere Kritikpunkte aus der Sicht der Medizingeschichte siehe die nachfolgenden Unterkapitel zur Psychiatriegeschichte und zur Wissenschaftstheorie ... und Wissenschaftsgeschichte.)

Gegenbewegung: Neue theoretische Modelle in der Wissenschaft vom Leben – mit Auswirkung auf die in der MedizinBearbeiten

Gegenüber der reduktionistischen Physiologie des späten 19. Jahrhunderts, die die Weltsicht der „geistigen Väter“ des Physikums prägte (siehe oben den Abschnitt Geistige Grundlagen der Medizinalreformbewegung im Kapitel Historische Hintergründe), ist im 20. Jahrhundert in dieser biologischen Grundlagendisziplin erneut ein fundamentaler Wandel eingetreten.[266] In dessen Folge ist aus der Sicht der Geschichte dieses Fachgebietes zu konstatieren:

„Es geht darum, weder dem Ziel eines Physikalismus zuliebe die für das Lebendige so kennzeichnende biologische Organisation negieren, wegdeuten zu wollen, noch durch Betonung dieser Sonderordnung der physikalisch-chemischen Analyse der Lebenserscheinungen eine Grenze zu setzen. Die Anerkennung der zweckmäßigen, planmäßigen Ordnung, der dynamischen, selbstreferentiellen Organisation, der Teleonomie aufgrund eines internen Programms lebendiger Systeme steht nicht im Gegensatz zur Kausalforschung, sondern fordert sie, im Gegenteil, erst heraus. Es wird mit recht betont, daß "lebendig" stets eine Eigenschaft von Systemen ist, von Systemen besonderer Art, die von den Theorien der zeitgenössischen Physik nicht oder in noch sehr unvollkommener Weise erfaßt werden.“[267]

Dieses Denken in Systemen ist nun ebenfalls maßgeblich geworden für neue um Ganzheitlichkeit bemühte Modellbildungen in der Medizin – aus denen sich wiederum Forderungen für die medizinische Ausbildung samt Prüfungswesen ableiten (siehe dazu das nachfolgende Unterkapitel zu diesen Entwürfen für eine "ganzheitliche" Medizin).

Kritik aus der Sicht der Psychiatriegeschichte und der PsychiatriereformbewegungBearbeiten

Ein weiterer Zweig der Kritik erwächst aus der Sicht der Psychiatriegeschichtsforschung und Psychiatriereformbewegung des 20. Jahrhunderts. So macht der lange an der Universität Witten/Herdecke (siehe unten den Abschnitt Gegenbewegung: Systematische Geistesschulung…) lehrende Psychiater und Geisteswissenschaftler Klaus Dörner[268] in seinem im Jahr 1978 erstmals erschienenen Lehrbuch diese Neuausrichtung – mit ausdrücklichem Bezug auf die Medizinalreformbewegung und die Studienreform mit der Eliminierung der Geisteswissenschaften aus der Medizinerausbildung bei Einführung der Physikums[269] – für die nachfolgende Dehumanisierung der Psychiatrie insgesamt verantwortlich. Dörner zufolge manifestierte diese sich mit einer dem neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Denken entstammenden Sichtweise auf den – in diesem Fall psychisch schwer – kranken Menschen als Objekt (statt als Mitmensch und damit Subjekt) bereits in der psychiatrischen Wissenschaft selber, bevor sie dann in der von ihr begründeten ärztlichen Praxis zu unmenschlichem Handeln an den Patienten führte, das in den Psychiatrieverbrechen zur Zeit der NS-Diktatur nur sein Extrem fand.[270] Die betreffenden Ärzte handelten also keineswegs nur als Handlanger verbrecherischer Machthaber, sondern: „Die Psychiatrie wurde aus sich heraus mörderisch“.[271] Gegen die genannten Gewalttaten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, den er als „Vernichtungskrieg nach außen und innen“ bezeichnet, regte sich Widerstand lediglich von wenigen Ärzten und Vertretern der Kirchen.[272] Er erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass bereits der zu seiner Zeit sehr einflussreiche „Arzt und Goethe-Freund“ C. W. Hufeland zum Beginn der Industrialisierung[273] prophezeite: „Der Arzt, der ein Menschenleben wertet oder auch nur vergleicht, 'wird der gefährlichste Mensch im Staate'“; angesichts dessen ihn „tiefer Schrecken“ befalle.[274] Erst eine Re-Philosophierung der Fachwissenschaft durch eine Reihe von Autoren, die mit einem ungewöhnlich weiten geistigen Horizont ausgestattet waren, ermöglichte später eine schrittweise Humanisierung des ärztlichen Denkens und nachfolgend auch der psychiatrischen Praxis. Die beiden Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg (1945–1965) waren der

„Zeitraum, dem wir so viele philosophische Beiträge zur Psychiatrie verdanken, dass es zum ersten Mal seit Gründung der Psychiatrie wieder zu einem Gleichgewicht zwischen medizinischen und philosophischen Beiträgen gekommen ist, wie jede wirkliche Psychiatrie ihn offensichtlich braucht […]“

Dieser ersten Nachkriegsgeneration sei zu danken, „dass sie das einzige ihr Mögliche getan hat, nämlich durch philosophische Rückbesinnung auf den Anfang der Psychiatrie diese von der Einseitigkeit der Medizinisierung zu befreien […]“ Von diesen Vordenkern „mit ihren vielen phänomenologischen, hermeneutischen, existenzphilosophischen und philosophisch-anthropologischen Denkansätzen, die es zum Teil erst noch zu beerben gilt“, nennt er dreizehn Psychiater und zwei Philosophen mit Namen, um sie für ihre wichtige korrigierende Rolle in der deutschen Medizingeschichte zu würdigen.[275]

Ähnlich in seiner Blickweise und Forderung äußerte sich auch der lange Zeit an der Universität Basel lehrende bekannte italienische Psychiater und Psychotherapeut Gaetano Benedetti (1920–2013), in populärwissenschaftlicher Form zum Beispiel in seinem Buch mit dem programmatischen Titel Der Geisteskranke als Mitmensch.[276] Auch er widersprach aufgrund seiner langen Praxis- und Lehrerfahrung dem gängigen Biologismus und Reduktionismus in der Seelenheilkunde (so die wörtliche Übersetzung von Psych-iatrie) als langfristig ineffektiv, inhuman und letztlich versteckt gewalttätig.[277]

Gegenbewegung: Entwürfe für eine ganzheitliche Medizin – mit philosophisch und empirisch fundierter Zurückweisung des Maschinen-Modells in der MedizinBearbeiten

Eine Zusammenschau körperlicher und geistig-seelischer Aspekte in der Heilkunde war und ist in vielen Kulture gegeben und wurde auch in Europa seit der Antike unternommen (siehe oben Geistesgeschichtlicher Rahmen). In der Neuzeit lag ein letzter Versuch einer ganzheitlichen Sichtweise zeitlich in der Epoche der Romantik (siehe oben das Unterkapitel zur Medizinentwicklung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts). Mit der zunehmenden Dominanz der modernen Naturwissenschaften und begleitender Ideologien erfuhr die Medizin europäischer Prägung eine epochale Umgestaltung hin zu einer rein körperbezogenen und ingenieur-analogen Sichtweise. Die in einer Gegenströmung entwickelte Seelenmedizin (siehe oben Die Folgen...) trat als modernes inhaltlich geschlossenes, theoriegeleitetes Heilsystem mit sich entwickelnder Ärzteorganisation in der Form der von Sigmund Freud (1856–1939)[278] seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Psychoanalyse in Erscheinung. In weiterer Folge dieser einflussreichen Therapieform wurden auch in verschiedenen Ländern Versuche unternommen, die beiden separaten Medizinsysteme für Körper und Seele in einer Einheit zusammenzuführen und gleichzeitig die allmählich und zunehmend als zu einseitig und defizitär empfundene Universitätsmedizin um wichtige Bereiche zu ergänzen.[279][280][281]

Dabei wurde der heute geläufige Begriff psycho-somatisch (griechisch: seelen-körperlich) erstmals im Jahr 1818 im Kontext der Romantischen Medizin von dem Psychiater Johann Christian August Heinroth (1773–1843)[282] verwendet,[283] dem ein Biograph gut ein Jahrhundert später bescheinigte, „zur psychologischen Begründung der Psychiatrie wesentlich beigetragen“ zu haben.[284]

Im deutschsprachigen Raum sind Ansätze zu einer solchen vereinheitlichenden Theoriebildung vor allem mit zwei Namen verbunden. Der an den Universitäten in Heidelberg und in Breslau lehrende Psychiater Viktor von Weizsäcker (1886–1957)[285] entwickelte von der Psychoanalyse ausgehend unter Einbezug philosophischer Ideen einen Entwurf einer solchen einheitlichen und um Humanität bemühten alternativen Gesamtmedizin – und resignierte angesichts des geringen Interesses vor allem seiner somatisch orientierten Kollegen. Der lange Zeit an der Universität Ulm lehrende Arzt Thure von Uexküll[286] (siehe oben das Unterkapitel Kritische Sprachbetrachtung) importierte den in den USA entwickelten Entwurf einer Bio-psycho-sozialen Medizin nach Deutschland und versuchte, auf dieser Grundlage – verbunden mit anderen Denktraditionen und somit erweitert zu einer Integrierten Medizin – eine Ganzheitliche Gesamt-Medizin nicht nur für den einzelnen Praktiker, sondern gerade auch in Theorie und Hochschule zu entwickeln. Mit diesem ambitionierten Vorhaben konnte er sich nicht durchsetzen, begründete aber das umfangreichste und in manchen Kreisen sehr einflussreiche Lehrbuch der Psychosomatischen Medizin deutscher Sprache.[287] Sein Ansatz ist durch eine innovative Synthese von Theorien unterschiedlicher Herkunft gekennzeichnet: „Um das Zusammenwirken der Teilbereiche ärztlichen Verstehens zu erschließen, schlug von Uexküll vor, drei einschneidende theoretische Vorannahmen einzuführen, die Theorie des Konstruktivismus, die Lehre der Zeichen und eine Systemtheorie, in der Organismen zusammen mit ihrer Umwelt ein Ganzes, ein lebendes System bilden.[288] (Vergleiche oben das Unterkapitel über Neue Modellbildungen in der Biologie.)

Dem durch Uexküll ausgebildeten und später an der Universität Köln lehrenden Psychosomatiker und Psychoanalytiker Karl Köhle (* 1938) ermöglichte philosophische Bildung, das von R. Descartes herrührende mechanistische Weltbild (sieh oben den Geistesgeschichtlichen Rahmen der Historischen Hintergründe), das zur Zeit der Einführung des Physikums die Herrschaft in Naturforschung und Medizin erlangte (siehe das Unterkapitel Triumph des Positivismus), detailliert zu kritisieren und dabei auf einen Klassiker des 19. Jahrhunderts zurückzugreifen (Dieser wird mit seinem Text im nachfolgenden Unterkapitel Kritik aus der Sicht der Wissenschaftstheorie etc. vorgestellt, welcher mit dem Folgenden kontrastiert.)[289] Dabei weist K. Köhle darauf hin, daß Descartes' „- in methodischer Hinsicht - reduktionistisch[er]“ Denkansatz einer Gedankenübung entsprang, er selbst „jedoch, zumindest zunächst, den hypothetischen Charakter seines oft als 'mechanistisch' bezeichneten Konzepts betont [hat]: 'Ich stelle mir einmal vor, dass der Körper nichts anderes sei als eine ... Maschine [...]'“ Descartes schrieb im Jahr 1632 weiters von „'[...] all unsere[n] Funktionen, von denen man sich vorstellen könnte, dass sie aus der Materie ihren Ursprung nehmen...'“ Diese hypothetische Annahme erwies sich in den nächsten Jahrhunderten als sehr nützlich. Dies hatte jedoch neben dem Nutzen die verhängnisvolle Wirkung, daß ihr im Denken der einflußreichsten Intellektuellen gestattet wurde, „sich aus ursprünglicher Bescheidenheit in die Position eines alleinherrschendeen Dogmas aufzuschwingen, aus einem methodischen zu einem ontologischen (substanziellen) Reduktionismus zu wechseln.“ Folgerichtig verkündete 116 Jahre später der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709–1751): „Ziehen wir also den kühnen Schluss, dass der Mensch eine Maschine ist ...“ Und ein von Emil Du Boi-Reynolds (siehe oben das Unterkapitel über den Triumph des Positivismus) sechs Jahre vor der Medizinalreformbewegung geschriebener Brief „verdeutlicht den ideologischen Charakter dieser Auffassung:“

[...] wir haben uns verschworen, die Wahrheit geltend zu machen, dass im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind, als die gemeinen physikalisch-chemischen.

Dabei hatte Descartes selber zehn Jahre nach Veröffentlichung seiner Maschinen-Hypothese „unseren Organismus durchaus als eine Einheit von Körper und Seele, als ein (essentielles) Kompositum wahrgenommen.“[290] „Er sah jedoch keine Möglichkeit, das methodische Problem zu lösen, die Verbindung (conjunctio) zu einer Einheit zu verstehen,“ obwohl er als Grund für diese Unfähigkeit eine eigene frühere Begriffsverwechslung ausmachte.[291]

Knapp 150 Jahre, nachdem ärztlicherseits mit großem Stolz verkündet worden war, der Patient sei durch die neuen Entwicklungen nun endlich zum Objekt geworden (siehe oben das Unterkapitel zum Triumph des Positivismus...) wird in dem grundlegenden Lehrbuch sogar zu bedenken gegeben:

Anerkennung des Patienten als Subjekt mindert in Verbindung mit einem erweiterten Verständnisansatz unsere Gefährdung, selbst psychisch depriviert zu werden. Eine habituelle Tendenz, Patienten zu 'verdinglichen', wirkt dagegen als Tendenz zu 'Selbstverdinglichung' auf uns zurück, mindert unsere Fähigkeit, innere Zustände zu erleben, Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und in unserer Selbstfürsorge zu berücksichtigen.“[292]

(Zum Zusammenhang von Studiengestaltung und Ärztegesundheit siehe auch das nachfolgende Unterkapitel über das Würzburger Philosophicum.)

Der österreichisch-US-amerikanische Psychiater, interdisziplinäre Forscher und Nobelpreisträger Eric Kandel (* 1929) fand auf seinem Lebensweg vom Beruf des Historikers zu dem des Psychoanalytikers und schließlich zu den Neurowissenschaften und versuchte, in seiner Forschung diese Interessengebiete zu verbinden,[293][294] was ihm insofern gelang, als er mit modernen naturwissenschaftlichen Methoden die körperlichen – sowohl funktionellen als auch strukturellen – Folgewirkungen emotionalen Erlebens, also den somatischen Niederschlag der individuellen seelischen Geschichte, nachweisen konnte.[295] Kandels[296][297] und ähnliche Forschungsergebnisse suchte auch der Physiologe Johann Caspar Rüegg zu popularisieren und erarbeitete nach seiner Emeritierung an der Universität Heidelberg sein um Brückenschlag zwischen den somatisch und psychisch orientierten Fachdisziplinen bemühtes Lehrbuch Gehirn, Psyche und Körper.[298] Damit möchte er zur Entwicklung einer biologisch fundierten Psychosomatik beitragen[299] und plädiert – mit Verweis auf Platon (siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen) und im Anschluss unter anderem an den bekannten ungarischen Psychoanalytiker Michael Balint (1896–1970)[300] – energisch für eine sprechende Medizin[301], denn entscheidend sei auch die Person des Arztes und die Wirkung von Worten. – Dies lehrt er nach 130 Jahren in diametralem Gegensatz zu dem an seiner eigenen Universität ausgebildeten Arzt und Politiker R. W. Volz (siehe oben das Unterkapitel Triumph des Positivismus...). Er verweist unter anderem auf die neue, vormals getrennte Aspekte "synthetisierende" Disziplin der Psychoneuroimmunologie[302] und darauf, dass Forschungen im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts naturwissenschaftlich nachwiesen, dass psychische Techniken Immunreaktionen normalisieren[303] und seelische Erfahrungen und damit verbundene Verhaltensweisen prinzipiell „epigenetisch von einer Generation auf die andere 'vererbt'“[304] werden können. Die untrennbare enge Vernetzung der die Gesundheit beeinflussenden Aspekte des Menschseins bringt er nach Jahrzehnten der Lehrtätigkeit in einem naturwissenschaftlichen Fach, eineinhalb Jahrhunderte nach Einführung des Physikums – und in scharfem Kontrast zu dessen „geistigem Vater“, seinem Fachprofessorenkollegen R. Virchow, der gelehrt hatte: „Der Naturforscher kennt nur Körper und die Bewegung von Körpern […]“ – in seinem Schlusswort[305] zum Ausdruck:

„Ohne Frage spielen bei der Entstehung psychosomatischer Störungen biologische Faktoren – vor allem auch veränderte Gene – eine gewichtige Rolle. Doch ebenso bedeutsam sind erlittener Stress und frühkindliche Erfahrungen, in erster Linie Beziehungserfahrungen. Es sollten also in der Medizin, insbesondere in der Psychosomatischen Medizin, gewiss nicht nur die biologische, sondern darüber hinaus die personale, interpersonelle und soziokulturelle Ebene betrachtet werden. Allerdings wirken diese ‚geistigen‘, nicht biologischen Ebenen, die in der personalen, ganzheitlichen Medizin […] so wichtig sind, letztlich auch biologisch – und ‚psycho-somatisch‘ –, indem sie nämlich die Genexpression neuronaler Proteine und damit die synaptischen Vernetzungen neuronaler Netzwerke beeinflussen. So wirken Geist und Körper aufeinander ein. […]“

Somit ergibt sich die Situation, dass einerseits die positivistische Umgestaltung der Medizin mit der Studienreform so nachhaltig erfolgreich war, dass auch heute noch vielen Ärzten und vor allem Universitätsmedizinern „Seelenmedizin“ nur akzeptabel wird, wenn sie mit naturwissenschaftlichen Details und Befunden vorgelegt und gestützt wird, sie andererseits die Entwicklung naturwissenschaftlich-medizinischer Einsichten und Methoden derartig förderten, dass diese letztlich Ergebnisse erbrachten, die eben diese Ideologie als der Wirklichkeit nicht angemessen und der Gesundheitsförderung nicht zuträglich erwiesen.

Nach intensiven Diskussionen in den 1960er Jahren wurden in Deutschland Lerninhalte der Psychosomatik zumindest in geringem Umfang ab dem Jahr 1970 auch verbindlich in die universitäre Grundausbildung aller Ärzte integriert und damit Prüfungsstoff. (Siehe oben das Unterkapitel Folgen der Studienreform...) Nach über einem Jahrhundert teilten also die Verantwortlichen die Meinung des damaligen preußischen Kultusministers und der auf ihn einwirkenden positivistisch gesinnten Mediziner von der fehlenden „Notwendigkeit“ solcher Fächer nicht mehr (Siehe oben das Unterkapitel zur offiziellen Begründung der neuen Prüfung.) Die Begründung für die Existenz eines – absichtsvoll damals so benannten – Physikums anstelle der früheren Prüfung war und ist damit im Grunde entfallen. Somit spiegelt die Inhaltsgeschichte der Zwischenprüfung – vom (Tentamen) Philosophicum zum reinen (Tentamen) Physicum zum neuen sozusagen psychologisch angereicherten Physikum, das dem Wortsinn nach nun gar kein (echt)es mehr ist (siehe oben), – auch die wechselvolle Entwicklung der deutschsprachigen Medizin und Medizintheorie wider.

Kritik aus der Sicht der Wissenschaftstheorie, empirischen Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte mit Bezug zur therapeutischen und forschenden PraxisBearbeiten

EinleitungBearbeiten

Noch grundsätzlicher und in der Konsequenz vernichtender ist die Kritik an dem ausbildungsbedingten Mangel an geistigen Schlüsselqualifikationen, den Folgen mangelnder spezifischer geistiger Schulung, die durch philosophische Bildung möglich wäre und – nach Ansicht der betreffenden Autoren – erfolgen müsste, die aus der Sicht der Wissenschaftstheorie – also eines modernen Zweiges[306] der Philosophie, die die Medizinalreform aus dem Studium eliminierte – mit direktem Bezug zur therapeutischen und forschenden Praxis formuliert wird. Dazu förderten empirische Forschung moderner kultureller Praxis und gründliche Betrachtung der Geschichte von Naturwissenschaften und Medizin eine Fülle von Beispielen zutage, mit denen sich die Relevanz und Tragweite solcher philosophischen Kritik verdeutlichen lassen. Die an dieses sich anschließenden Unterkapitel führen dann in aktuelle Diskussionen und Modellprojekte zur Gestaltung der Ausbildung zukünftiger Mediziner ein, welche vor dem Hintergrund des hier Dargelegten an Gewicht und Brisanz gewinnen.

Aus der Sicht der WissenschaftstheorieBearbeiten

So attestiert[307] der an der Universität Kassel lehrende deutsche Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph Rolf-Peter Warsitz – der als approbierter Arzt, Lehranalytiker und Hochschullehrer sowie durch seine doppelte wissenschaftliche Qualifikation als promovierter Mediziner und Geisteswissenschaftler über eine ungewöhnliche geistige Blickweite verfügt[308] – klinisch tätigen Ärzten allgemein eine notorische Allergie gegen alle Erkenntnistheorie,[309] also gegen eine geistige Disziplin, deren Notwendigkeit bereits in der Antike mindestens 2200 Jahre[310] vor der Verbannung der Philosophie aus der Medizinerausbildung in Deutschland erkannt und die daher damals bewusst kultiviert wurde. Von dieser Kritik nimmt er auch seine psychoanalytischen Fachkollegen ausdrücklich nicht aus. Er folgt Gedanken des französischen Philosophen Louis Althusser[311][312] und des argentinischen Psychiaters und Psychoanalytikers Jorge Canestri,[313][314] der Althussers Idee weiterentwickelte zu dem Konzept einer spontanen oder impliziten Philosophie,[315] was zu verstehen ist im Sinne von stets mitgemeinten, -gedachten und -gesagten (daher implizit), aber eben vor-bewussten und darum nicht klar gesehenen und nicht (klar) ausgesprochenen philosophischen, konzeptionellen und weltanschaulichen Voraussetzungen, Vorstellungen und Überzeugungen. Nach Warsitz' Ausführungen ist die Folge der angeprangerten fehlenden Neigung, Schulung und Übung bei Praktikern, wie ebenso auch bei Forschern und Theoretikern, dass sie sich das Zustandekommen dessen, was sie als „Wissen“ gelernt haben und ansehen, sowie der geistigen Modelle, die ihren Vorstellungen und ihrem praktischen Handeln zugrunde liegen, nicht bewusst machen:

„Jeder Wissenschaftler arbeitet demnach mit einer impliziten Philosophie, die die Grundannahmen seiner Erkenntnistheorie, Methodologie und Anthropologie beinhaltet und die nur, wenn sie nicht reflektiert wird, seine wissenschaftliche Erkenntnis trübt.“[316]

Konfrontiert mit von den ihren abweichenden Vorstellungen anderer (z. B. Ärzte oder Wissenschaftler) oder mit Sachverhalten, die sich in ihre – unbewusst bleibenden – Modelle der Wirklichkeit nicht einfügen lassen, können sie daher aus – ausbildungsbedingter – intellektueller Hilflosigkeit in der Regel nur reflexhaft mit Beharren, Abwehr, Ausblenden oder Ignorieren reagieren:

„[…] Man versteht dann immer nur das, was sich im eigenen Horizont zeigt, […] solange jene Vorurteilsstruktur des Verstehens nicht in Frage gestellt bzw. reflektiert wird […] Statt einer „Verständigung“ resultiert dann ein „statisches Verstehen“, ein Festhaltenwollen von etwas Verstandenem, das i. S. eines Partizip-Perfekt-Passivs stets etwas Starres ist, während die Verständigung auf eine zeitlichen, dynamischen Prozeß zielt.“[317]

Dieses intellektuelle Defizit zeitigt dann aber verheerende Folgen für die Kommunikation innerhalb der Ärzteschaft und mit anderen Personengruppen und kann schließlich die Qualität ärztlichen Handelns entscheidend limitieren, mit entsprechenden – letztlich durch die Studienreform des 19. Jahrhunderts, die das Physikum hervorbrachte, mitverursachten – Folgen für medizinische Fachpersonen, Patienten und Gesellschaft. (Vergleiche dazu das nachfolgende Unterkapitel Fundamentalkritik und Gegenbewegung in Gestalt eines Modellprojekts.)

Denn es bezeichneten verschiedene philosophische Autoren auch der Neuzeit gerade den überlegenden und überlegenen Umgang mit Vorurteilen als Aufgabe und Kennzeichen des philosophisch reflektierten und geistig souveränen Menschen: Nach Ansätzen bei den Philosophen F. Bacon und R. Descartes (siehe oben Geistesgeschichtlicher Rahmen) gelangte das Thema besonders in der Schule der sogenannten Aufklärung in des Fokus der Aufmerksamkeit.[318] So widmete bereits ein halbes Jahrhundert vor der Medizinalreformbewegung (siehe oben das betreffende Historische Unterkapitel) das von Georg Samuel Albert Mellin (1755–1825) herausgegebenen Encyclopädische Wörterbuch der kritischen Philosophie[319] in der Nachfolge der praktischen Philosophie Immanuel Kants (1724–1804)[320] dem Vorurtheil einen eigenen und umfangreichen Artikel. Darin bemüht sich der Autor zunächst um eine präzise Charakterisierung des Gegenstandes:

„[...] Zuweilen sind Vorutheile wahre vorläufige Urtheile; nur daß sie uns als Grundsätze oder als bestimmende Urtheile gelten, ist unrecht und macht diese vorläufigen Urtheile zu Vorurtheilen. Die Ursache von dieser Täuschung ist darin zu suchen, daß subjective Gründe fälschlich für objective gehalten werden, aus Mangel an der allen Urtheilen vorherzugehenden Ueberlegung (Reflexion). [...] Nehmen wir nun ohne diese Ueberlegung Urtheile an, so werden sie Vorurtheile, oder Principien zu urtheilen aus subjectiven Ursachen, die fälschlich für objective Gründe gehalten werden.

Anschließend untersucht er ihr Zustandekommen, ihre Hauptquellen. Als diese macht er aus:

  • a. die Nachahmung (was alle Welt thut, ist recht)
  • b. die Gewohnheit
    • welche in Kombination auftretend besonders bedenklich sind: „[...] Ist aber ein Vorutheil der Gewohnheit zugleich durch Nachahmung entstanden, so ist der Mensch, der es besitzt, davon schwerlich zu heilen.“

Als Ursache dafür erörtert er mahnend: „[...] Aber sehr viele Menschen treten lieber aus Trägheit in Anderer Fußstapfen. Dergleichen Menschen können immer nur Copien von Anderen werden, und wären Alle von der Art, so würde die Welt ewig auf einer und derselben Stelle bleiben. Es ist daher höchst nöthig und wichtig: die Jugend nicht zum bloßen Nachahmen anzuhalten.“

  • c. Die Neigung.

Im Folgenden entwickelt er eine Typologie: Aus diesen drei Quellen entspringen „[...] so manche besondere Vorurtheile:

  • a. Vorutheile des Ansehens
    • der Person
    • der Menge
    • des Zeitalters, sei es
      • des Alterthums - oder
      • der Neuheit
  • b. Vorurtheile aus Eigenliebe oder logischem Egoismus, die „[...] sich in einer gewissen Vorliebe für das äußern, was ein Product des eigenen Verstandes ist, z. B. des eigenen Lehrgebäudes.“

Abschließend ruft er in seinem Fazit auf:

„Die Vernunft verstopft die Quelle der Irrthümer, die Vorurtheile, und sichert hiermit den Verstand durch die Allgemeinheit der Principien. Dem Vorurtheile des Ansehens muss man die Maxime des Selbstdenkens; dem Vorurtheile aus Eigenliebe, die Maxime, sich (in der Mittheilung mit Menschen) in die Stelle jedes Andern zu denken, entgegensetzen. Das erstere Princip ist negativ (auf keines Meisters Wort zu schwören), das der zwangsfreien; das zweite positiv (sich den Begriffen Anderer bequemen), das der liberalen Denkungsart. Beide Maximen machen eine dritte möglich: jederzeit mit sich selbst einstimmig zu denken; das Princip des consequenten (folgerechten) Denkungsart. Hat der Mensch das Vorurtheil des Ansehens, so denken Andere für ihn und er ahmt bloß nach oder lässt sich am Gängelbande leiten. Die wichtigste Revolution in dem Inneren des Menschen ist daher: der Ausgang aus dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit, da er es wagt, mit eigenen Füßen auf dem Boden der Erfahrung, wenn gleich noch wackelnd, fortzuschreiten.“[321]

Des Weiteren nahm der am antiken griechischen Denken geschulte und von der spätromantischen Musik geprägte klassische Philologe und bekannte Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)[322] indirekt Einfluß auf die Medizin. Denn „[...] bedeutend war [sein] Einfluß auf die Literatur [...], die Musik [...] und die Psychologie (z.B. S. Freud, L.[udwig] Klages).“ – Die von dem Arzt S. Freud entwickelte Psychoanalyse gehört aber heute zu den Themen des Physikums. – Zum anderen wird „[...] der [...] erkenntniskritische Perspektivismus [in seinem Werk] bis zur Gegenwart systematisch aufgenommen und diskutiert.“ Nietzsche veröffentlichte neun Jahre nach der Einführung der neuen Prüfung auch in den „Nachzügler“-Universitäten Badens (siehe oben das Unterkapitel Die Studienreform) und damit drei Jahre, nachdem auf der Versammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte die „endgültige Herrschaft der [klassisch] physikalischen Betrachtungsweise auch in der Wissenschaft vom Leben“ verkündet worden war (siehe oben das Unterkapitel Die Nachgeschichte), sein erkentniskritisches Werk Die fröhliche Wissenschaft. Darin schrieb er:

„In der Wissenschaft haben die Ueberzeugungen kein Bürgerrecht, so sagt man mit gutem Grunde: erst wenn sie sich entschliessen, zur Bescheidenheit der Hypothese, eines vorläufigen Versuchs-Standpunktes, einer regulativen Fiktion herabzusteigen, darf ihnen der Zutritt und sogar ein gewisser Werth innerhalb des Reichs der Erkenntnis zugestanden werden, – immerhin mit der Beschränkung, unter polizeiliche Aufsicht gestellt zu bleiben, unter die Polizei des Misstrauens. – Heisst das aber nicht, genauer besehen: erst, wenn die Ueberzeugung aufhört, Ueberzeugung zu sein, darf sie Eintritt in die Wissenschaft erlangen? Fienge nicht die Zucht des wissenschaftlichen Geistes damit an, sich keine Ueberzeugungen mehr zu gestatten?... So steht es wahrscheinlich: nur bleibt übrig zu fragen, ob nicht, damit diese Zucht anfangen können, schon eine Ueberzeugung da sein müsse, und zwar eine so gebieterische und bedingungslose, dass sie alle anderen Ueberzeugungen sich zum Opfer bringt. Man sieht, auch die Wissenschaft ruht auf einem Glauben, es giebt gar keine „voraussetzungslose“ Wissenschaft. Die Frage, ob Wahrheit noth thue, muss nicht nur schon vorher bejaht, sondern in dem Glauben bejaht sein, dass der Satz, der Glaube, die Ueberzeugung darin zum Ausdruck kommt, „es tut nichts mehr noth als Wahrheit, und im Verhältniss zu ihr hat alles Uebrige nur einen Werth zweiten Rangs [...]““[323]

Der erste Teil dieses Aphorismus wurde nun ein Jahrhundert später den Medizinern vorgehalten, die seit dem 19. Jahrhundert (bis heute) die Auffassung des Denkers R. Descartes (siehe oben das Kapitel Historische Hintergründe) von der Maschinenhaftigkeit des Lebens und auch des Menschen naiv in den Rang einer feststehenden Wahrheit erhoben haben, um dem gegenüber neue und dem Leben und Menschen angemessenere Modelle zu begründen, die heute auch wieder zum Prüfungsstoff für Medizinstudierende gehören (siehe oben die Unterkapitel über Neue theoretische Modelle in der Wissenschaft vom Leben und Gegenentwürfe einer ganzheitlichen Medizin).[324]

Und der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) forderte mahnend als Voraussetzung für die Wissenschaft:

„[...] Leidenschaft des echten und rechten Fragens. Die Leidenschaft fällt nicht beliebig zu, sie hat ihre Zeit und ihr Tempo. Es muß die Bereitschaft da sein, die besteht in: 1. Bekümmerung um eine instinktsichere Vorurteilsüberlegenheit. [...] Gefaßtheit darauf, daß das Leben dem erkennenden Fragen zu allem anderen eher verhilft als zu einer seelischen Behäbigkeit. [...] Nicht Vorurteilslosigkeit, die eine Utopie ist. Die Meinung, kein Vorurteil zu haben, ist selbst das größte Vorurteil. Überlegenheit gegenüber jeder Möglichkeit, daß sich etwas als Vorurteil herausstellt. Nicht frei von Vorurteilen, sondern frei zu sein für die Möglichkeit, im entscheidenden Moment aus der Auseinandersetzung mit der Sache heraus ein Vorurteil aufzugeben. Das ist die Existenzform des wissenschaftlichen Menschen. […]“[325]

Schließlich hat auch der lange Zeit an der Universität Frankfurt am Main lehrende Philosoph Jürgen Habermas (* 1929) nachdrücklich „auf die Notwendigkeit der ideologiekritischen Aufklärung unthematisierter Vorverständnisse [...] aufmerksam gemacht.“[326] Er kritisierte in diesem Zusammenhang auch ausdrücklich „den >positivistisch halbierten Rationalismus< einer um den erkenntniskritischen Teil verkürzten Wissenschaftstheorie“ als vorurteilsbeladen.[327] (Zum Positivismus vergleiche oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der Historischen Hintergründe, zu seinen Auswirkungen auf die Medizin den Abschnitt Geistige Grundlagen etc der Medizinalreformbewegung und das Unterkapitel Die Nachgeschichte der Studienreform.)

Aus der Sicht der Empirischen KulturwissenschaftBearbeiten

Mit Blick auf die Versorgung – psychisch – Kranker kam die heute an der Universität Stanford lehrende US-amerikanische Kulturanthropologin Tanya M. Luhrmann auf empirischem Wege zu vergleichbaren Ergebnissen. Am Beispiel Nordamerikas, wo ähnliche historische Prozesse die medizinische Ausbildung formten wie in Europa, untersuchte sie mit Methoden der Sozialwissenschaften (z. B. Interviews) und der Ethnologie (z. B. der in diesem Fachgebiet maßgeblichen Teilnehmenden Beobachtung[328]), wie sich eine Ausbildung auf dem Gebiet der Therapie psychisch Kranker auf deren Absolventen auswirkt. Sie beobachtete und verglich dabei die beiden grundsätzlich verschiedenen Richtungen, eine an biologischen Modellen orientierte medikamentöse Behandlungsweise einerseits und eine an psychologischen Modellen orientierte psychodynamische und verbalen Behandlungsweise (in ihrem Fall die Psychoanalyse) andererseits (im amerikanischen Englischen verwendet man dafür den Oberbegriff psychiatry, während man im Deutschen auch terminologisch zwischen einerseits Psychiatrie und andererseits Psychotherapie unterscheidet). Eines ihrer Resultate war dabei, dass die Absolventen aufgrund der sehr einseitigen geistigen Prägung durch die Modelle und Fachsprache ihrer jeweiligen Methode und mangels eines grundsätzlichen Reflexionsvermögens nicht in der Lage waren, sich in die Gedankenwelt der jeweils anderen Richtung hineinzuversetzen, miteinander sinnvoll zu kommunizieren und zum Wohle der Patienten ergebnisorientiert zu kooperieren, wofür sie stattdessen plädiert.[329]

Aus der Sicht der Wissenschaftsgeschichte – bis hin zu der der medizinischenBearbeiten

Mit Blick auf die wissenschaftliche Forschung gelangte der britische Quantenphysiker und Nobelpreisträger Paul Dirac durch eigene Erfahrung und Reflexion über die Wissenschaftsgeschichte zu ähnlichen Einsichten. In einem im Jahr 1972 vor Fachkollegen gehaltenen Vortrag[330] wies er am Beispiel seines eigenen Faches, zu dessen Fortschritt er selber maßgeblich beigetragen hatte, der Physik, darauf hin, dass die Geschichte der Wissenschaft auch eine Geschichte der Überwindung von – gerade tiefverwurzelten und konzeptionellen – Vorurteilen ist[331] und dass das Festhalten an Vorurteilen, die als solche nicht erkannt und verstanden, sondern stattdessen mit dauerhaft gültigen Beschreibungen einer objektiv erfassten Realität verwechselt werden, Verbesserungen zwangsläufig entgegenstehen muss. Ein solches mit einer Tatsache verwechseltes Vorurteil – das er rückblickend sowohl bei sich selber als auch bei allen seinen Fachkollegen konstatieren mußte – „führte“ ihn auch selber „in die Irre“[332] und behinderte ihn so in seiner Arbeit, durch die er schließlich unerwartete Ergebnisse gewann.

Wissenschaftshistoriker verweisen mit Nachdruck auf die Vorläufigkeit aller wissenschaftlichen Vorstellungen und Theorien[333] – einschließlich der grundlegendsten Weltmodelle[334] – und berichten von solchen – durch mangelnde philosophische Bildung verursachten – Vorurteilen und ihrer fortschritthemmenden Wirkung, von quasi-religiöser Einstellung zur eigenen wissenschaftlichen Meinung und von Ideen, die erst bespottet wurden, um später allgemein anerkannt zu werden – teils in sehr scharfem kritischen Ton – mehrfach, gerade und insbesondere bei tiefgreifenden und umstürzenden Neuerungen[335] und in verschiedenen Disziplinen, auch in für die Medizin direkt wichtigen Fachgebieten wie zum Beispiel der Evolutionsbiologie,[336] der Genetik[337] und der Virologie[338] und nicht zuletzt in der Medizin selber,[339] wo Vorurteile direkt oder indirekt Menschenleben kosten können, wie unter anderem an einem bekannten Beispiel aus der Geburtshilfe deutlich wird,[340] an dem auch der von seiner Theorie fest überzeugte Pathologe Rudolf Virchow – als einer der prominentesten und einflussreichsten Mediziner seiner Zeit – nicht unbeteiligt war,[341] der die Entfernung der Philosophie aus der Ärzteausbildung so erfolgreich betrieben hatte (siehe oben das Kapitel Historische Hintergründe). Dabei hatte Virchow selber die Problematik vorgefaßte[r] Meinungen gerade in der Medizin in jüngeren Jahren mit Scharfblick durchschauend und mahnend angesprochen[342] – um sich später jedoch nicht an die eigene Ermahnung zu halten, was einer generellen Neigung entsprach, die Biographen nicht unverborgen blieb.[343] – Sein gleichaltriger Wiener Professorenkollege, der Gynäkologe und Geburtshelfer Carl Braun von Fernwald (1822–1891) hingegen, der keine selbstentwickelte Theorie verteidigen zu müssen glaubte, war in diesem gravierenden Fall den neuen Anregungen gegenüber sehr aufgeschlossen und konnte so tatkräftig eine beträchtliche Anzahl von Menschenleben retten.[344] (Zum positiven Effekt philosophischer Abgeklärtheit in der Wissenschaft siehe auch oben den Abschnitt Naturforscher und Philosophie im Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen.)

Fundamentalkritik am status quo der Medizinerausbildung und Gegenbewegung: Wieder ein Philosophicum – ein Modellprojekt an der Universität WürzburgBearbeiten

In einer Gegenbewegung gegen den kritisierten historischen Prozess wurde im Sommersemester des Jahres 2010 an der medizinischen Fakultät der Universität Würzburg mit ausdrücklichem Bezug auf die ehemalige Tradition des Tentamen philosophicum – zunächst auf fakultativer Basis – eine Vorlesung mit dem Titel Philosophicum eingerichtet. Das von den Entwicklungen im 19. Jahrhundert (siehe oben) herrührende Fehlen der Philosophie in Ausbildung und Denken der Ärzte wird nämlich von den Vordenkern des Projekts als empfindliche Lücke und Verlust unverzichtbarer Inhalte eingeschätzt. Die neuartige Lehrveranstaltung wird von Dozenten der medizinischen und der philosophischen Fakultät gemeinsam organisiert und abgehalten und soll Studierenden wie auch therapeutisch Tätigen zu einer vertieften Besinnung auf vor allem ethische Fragen ihrer (zukünftigen) Praxis verhelfen[345] – womit man wieder an eine Tradition anknüpft, die in der Antike in der Hippokratischen Schule lebendig war (siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der historischen Hintergründe).

Die Verantwortlichen dieses Projekts erläuterten ihre Überzeugung von der Notwendigkeit der Philosophie im Medizinstudium in einem im Jahr 2018 erschienenen Grundsatzartikel:[346] Sie sehen sich selber in einer „jahrhundertelange[n]“ Tradition des Abendlandes, sich in der ärztlichen Ausbildung „neben ethischen auch weitergehenden philosophischen Fragestellungen zu widmen“, die bestand, bis im 19. Jahrhundert die frühere Zwischenprüfung „paradigmatisch durch das Tentamen physicum ersetzt“ wurde (zum wissenschaftstheoretischen Fachbegriff des Paradigmas siehe oben die Erläuterungen in der Einleitung zum Kapitel Historische Hingtergründe) und heben die Diskrepanz hervor zwischen dem Studium und der gängigen Praxis der Humanmedizin, die heute naturwissenschaftlich geprägt sind und dem ärztlichen Handeln, das – gemäß Karl Jaspers (siehe oben Geistesgeschichtlicher Rahmen) – „gleichermaßen auf Ethik, Humanität und Philosophie“ beruht. Auch mit Bezug auf den damals geprägten Prüfungsnamen merken sie kritisch an,

„dass ein Physikum sprachlich und sachlich ein fundamentales Problem innerhalb der Medizin verdeckt,“

weil das damalige reduktionistische Programm, dem es seine Existenz und Inhalte verdankte, (siehe oben die Unterkapitel Programm der Medizinalreformbewegung und Triumph des Positivismus etc.) auch aus der Sicht der modernen Naturwissenschaft nicht mehr aufrecht zu erhalten sei und den Phänomenen des Lebens nicht gerecht werde. Dabei berufen sie sich besonders auf ein bekanntes Buch des philosophisch gebildeten Naturwissenschaftlers Erwin Schrödinger (vergleiche oben das Unterkapitel Naturforscher und Philosophie, sowie das nachfolgende Unterkapitel Kritik an der klassischen Physik etc). An diesen Befunden setzt das Würzburger „Modellprojekt“ an: „Die Inhalte des Wahlfachs gehen über die medizinische Ethik hinaus und beinhalten eine systematische Analyse der Theorie der Medizin – auch im Kontext anderer Wissenschaften, der Erkenntnistheorie und Hermeneutik.“ Sie verweisen auch darauf, dass sich philosophische Reflexion deutlich positiv auf das Selbstverständnis und die (seelische) Gesundheit von Medizinstudierenden und Ärzten auswirke,[347] die im heutigen Medizinbetrieb – wissenschaftlich nachweisbar – erheblichen Gefährdungen ausgesetzt sind (vergleiche dazu oben das Unterkapitel zum Bemühen um eine ganzheitliche Medizin sowie das frühere Kapitel Physikumsforschung).[348] So gelangen sie zu dem Schluss:

„Medizinisches und philosophisches Denken lassen sich weder wissenschaftstheoretisch noch in der Praxis trennen und werden erst so der einzigartigen Bedeutung der Medizin voll gerecht: Kein Patient möchte heute ausschließlich anhand neuester wissenschaftlicher Ergebnisse behandelt werden. Er will auch von seinem Arzt als Individuum wahrgenommen werden. [...]“

Und als Fazit formulieren sie die Kernauassagen:

„Es besteht die Notwendigkeit einer Philosophie der Medizin ex principiis. [...]

  • Man braucht philosophisch interessierte und ausgebildete Ärzte.“

Gegenbewegung: Systematische Geistesschulung an der Universität Witten/HerdeckeBearbeiten

Neue Wege und wiederbelebte alte Traditionen erprobt man an der privaten Universität Witten/Herdecke. Diese steht der Weltanschauung nahe, die sich selber Anthroposophie (griechisch: wörtlich Menschen-Weisheit oder freier: Weisheitslehre vom Menschen) nennt.[349] In sie flossen eine Vielzahl von weltanschaulichen, religiösen, philosophischen, lebenspraktischen und ästhetischen Ideen verschiedener Traditionen abendländischer wie auch asiatischer Herkunft ein. An dieser Hochschule hielten es die Verantwortlichen für geboten, die Herausbildung grundlegender geistiger Fähigkeiten nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sie systematisch zu schulen. Daher ist dort während der gesamten Lehrzeit für alle Studierenden – und insbesondere auch die zukünftigen Ärzte – ein die Ausbildung im Hauptfach begleitendes und ergänzendes Studium fundamentale (lateinisch: „Grundlagen betreffendes Studium“) verpflichtend, für das sogar eine eigene Fakultät für Kulturreflexion – Studium fundamentale eingerichtet wurde.[350] Die Studierenden wählen in dessen Rahmen aus einem vielgestaltigen Angebot Lehrveranstaltungen, die zehn Prozent des gesamten zeitlichen Studienaufwandes entsprechen müssen (ein noch größerer Einsatz mit Studienleistungen in über das Pflichtprogramm hinausreichendem Umfang kann mit einem gesonderten Zertifikat belohnt werden). Das Lehr- und Lernangebot dieser Grundlagenfakultät soll die drei Bereiche Reflexive, Kommunikative und Künstlerische Kompetenz fördern. Zu den Leitgedanken des Studium fundamentale gehört es, durch künstlerische Betätigung und die Beschäftigung mit Philosophie und anderen Geisteswissenschaften zum Beispiel im Kompetenzbereich Reflexion „eigene Urteilskraft und Kritikfähigkeit auszubilden, wissenschaftliches Denken zu schulen und interdisziplinäres Denken einzuüben“. Als konkrete Lernziele werden hierfür genannt, „reflexive Fähigkeiten weiterzuentwickeln. […] Denn Reflexion bedeutet, sich mit den Bedingungen und Grenzen des eigenen Denkens auseinanderzusetzen […]“ Und: „Ihre Fähigkeiten im Umgang mit ihrer eigenen Fachdisziplin zu schulen, sie wissenschaftlich kritikfähig zu machen.“ Auch im Kompetenzbereich Künstlerische Kompetenz geht es aus der Sicht der Verantwortlichen „nicht nur um Kreativität und Spaß, sondern auch um die Kunst als alternatives Mittel der Welt- und Selbsterfahrung, als Erkenntnismöglichkeit.“

Bei den Studierenden findet dieses Konzept Anklang, für einzelne – auch Mediziner – ist es sogar ausschlaggebend für die Wahl der Hochschule. Sie äußern sich:

„Über das Stufu-Angebot gewinne ich einen flexiblen Standpunkt gegenüber den Inhalten meines Hauptstudiums, indem ich lerne, die Sichtweisen anderer Disziplinen in mein Denken zu integrieren.“

Und:

Stufu heißt, mit anderen Denkweisen das zu hinterfragen, was man für selbstverständlich hält.“

– Womit sie Einsichten zeigen, die den Medizinstudenten in Berlin 170 Jahre zuvor nicht zuteil geworden waren (siehe oben das Unterkapitel Die Stimme der Studenten zur Zeit der Medizinalreform) und sich, ebenso wie die Hochschulleiter, im Einklang mit Hippokrates und den Forderungen der zuvor zitierten Wissenschaftshistoriker und Philosophen der Neuzeit befinden (siehe die Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der historischen Hintergründe und Kritik aus der Sicht der Wissenschaftstheorie).

Kritik an der Klassischen Physik, neue Entwicklungen in der Physik, neue Sichtweisen auf die Natur und Gegenentwürfe für ein verbessertes naturwissenschaftliches Fundament der MedizinBearbeiten

EinleitungBearbeiten

Die Medizinalreformer des 19. Jahrhunderts waren beeindruckt von den naturwissenschaftlichen und durch sie möglich gewordenen technischen Fortschritten der jüngeren Vergangenheit und der Physikalischen Wissenschaft ihrer Zeit, die zur Leitwissenschaft geworden war. Sie erhoben diese zu ihrem Ideal und wollten sie zum – einzigen – Fundament ihres Faches machen, was mit der Studienreform auch geschah und die Medizin – einschließlich Ausbildung und Prüfungswesen – bis heute tiefgreifend prägt (siehe das Kapitel Historische Hintergründe). Die Physik des 19. Jahrhunderts wird häufig als Klassische Physik bezeichnet, um sie gegen die Moderne Physik abzugrenzen, die auch durch um die Wende zum 20. Jahrhunderts einsetzende neue Entwicklungen geformt wurde (siehe dazu Geschichte der Physik).

ReduktionismusBearbeiten

Ihr Grundsatzprogramm bestand darin, letztlich alle Phänomene auf einfache Grundtatsachen reduzieren zu können. Gegen ein solches wissenschaftliches Programm des Reduktionismus[351][352] wurden und werden jedoch seitdem von Philosophen und auch Physikern grundsätzliche Einwände erhoben. Unter anderem besagt das Konzept der sogenannten starken Emergenz, dass es Phänomene gibt, die grundsätzlich niemals aus zugrundeliegenden Tatsachen hergeleitet, erklärt oder vorausgesagt werden können. Eine besonders radikale Position dieser Art vertritt zum Beispiel der US-amerikanische Quantenphysiker und Nobelpreisträger Robert Laughlin, die er auch in seinem im Jahr 2005 erstmals erschienenen Buch popularisierte, das in der deutschen Ausgabe den programmatischen Titel Abschied von der Weltformel trägt.[353] Mit der Stimme des Rezensenten in der renommierten Tageszeitung The New York Times zur Erstausgabe:

“This year is the 100th anniversary of Einstein's revolution. In Laughlin’s view, another physics revolution is coming. We live not at the end of discovery, but at the end of Reductionism, a time in which the false ideology of human mastery of all things through microscopics is being swept away by events and reason. To invoke a familiar metaphor, physicists have fruitefully spent the last century trying to map every twig, acorn and bird's nest in the trees. Now it's time to step back and see the forest.”

„Dieses Jahr erlebt die Hundertjahrfeier von Einsteins Revolution. In Laughlins Sicht ist eine andere Revolution der Physik im Anmarsch: Wir leben nicht am Ende der Entdeckung, sondern am Ende des Reduktionismus, in einer Zeit, in welcher die falsche Ideologie der Bemeisterung aller Dinge durch Mikroskopie durch Ereignisse und Verstand hinweggefegt wird. Um eine bekannte Metapher zu bemühen haben Physiker das letzte Jahrhundert ertragreich damit verbracht, jeden Zweig, jede Eichel und jedes Vogelnest zu kartographieren. Nun ist die Zeit, zurück zu treten und den Wald zu betrachten.“[354]

QuantenphysikBearbeiten

Mit der Entwicklung der Quantenphysik erweiterten sich nicht nur Rechen- und Handlungsmöglichkeiten der Physik erheblich, sondern sie führte auch zu grundlegend neuen Sichtweisen auf die Natur,[355] wie sie besonders der auch philosophisch geprägte und tätige deutsche Quantenphysiker, Nobelpreisträger und Hochschullehrer Werner Heisenberg[356][357] (siehe auch oben Naturforscher und Philosophie) und seine Schüler (zum Beispiel Hans-Peter Dürr und Carl Friedrich von Weizsäcker, sowie dessen Schüler Thomas Görnitz) formulierten.

Sein Zeitgenosse Erwin Schrödinger (siehe ebendort) widmete ein ganzes Buch neuen Betrachtungsweisen, die sich aus der Quantenphysik und anderen Konzepten der Modernen Physik für die Biologie ergeben.[358]

Auch auf die Medizin selber werden diese angewendet. So gibt der US-amerikanische Quantenphysiker und Hochschullehrer Fred Alan Wolf[359] in seinem im Jahr 1986 erstmals erschienenen Buch The Body Quantum[360] der Überzeugung Ausdruck, dass für die Erklärung von Leben die moderne Quantenphysik unverzichtbar sei. Demnach ist die klassische Physik zwar weiterhin sehr nützlich, um Teilbereiche der Biologie zu verstehen, jedoch nicht in der Lage, den Körper vollständig zu erklären. Dazu und für eine Verbindung von Körper und Geist sowie ein Verständnis der Leib-Seele-Wechselwirkung ist die Quantenphysik notwendig, die schließlich zu einem gesünderen und glücklicheren Leben führen kann.[361] Wolfs Buch wurde von einigen praktizierenden und lehrenden Medizinern enthusiastisch aufgenommen.[362] So wirft der Psychiater, Psychiatriereformer und Hochschullehrer Alfred M. Freedman[363] der Mehrheit seiner forschenden und behandelnden Kollegen vor, weiterhin ein ausschließlich durch die Klassische Physik geprägtes Weltbild beizubehalten bzw. – ungeachtet von Lippenbekenntnissen zu einem ganzheitlichen Konzept – in ihrer Arbeitspraxis doch nur einem biologisch-reduktionistischen Modell oder auch einem psychologischen oder sozialen Reduktionismus anzuhängen. Auch er verweist darauf, „daß die Beschränkungen des klassischen Ansatzes zu entmenschlichenden Vorstellungen vom Menschen geführt haben, die aus der Sicht der modernen Physik kaum zu halten sind“. Und er folgert: „Die klassisch-mechanistische, bruchstückhafte Betrachtungsweise führt unausweichlich darauf hinaus, den Menschen zu zerstückeln und damit das Individuum zu entmenschlichen“. Er äußert die Hoffnung, Wolfs Arbeit werde dem abhelfen, zu einem neuen Denken führen und letztlich einen bislang unerreichbaren Grad von phyischer und psychischer Gesundheit herbeiführbar werden lassen.[364]

Einen ähnlichen Versuch unternahm in seinen Büchern[365] aus der Perspektive des praktischen Arztes und Hochschullehrers Michael Imhof.[366] Aus frustrierenden Erfahrungen in seiner langjährigen Tätigkeit als Oberarzt an der Chirurgischen Klinik der Universität Würzburg heraus, auf die er sich – jenseits von Faktenwissen und technischer Kompetenz – durch seine Ausbildung nicht angemessen vorbereitet erlebte,[367] zielt er darauf ab, aus Ansätzen der modernen Naturwissenschaft wie der Quantenphysik (besonders Heisenberg’scher Prägung),[368] verbunden mit den Ideen einer Anzahl philosophischer Autoren (Carl Friedrich von Weizsäcker, Nicolai Hartmann (1882–1950) und andere), der Medizin ein neues geistiges Fundament zu geben: in der Hoffnung, diese Ansätze und Denk- und Sichtweisen mögen eine deutlich bessere Grundlage bereitstellen für eine zugleich wirksame und humane Medizin als die, welche er in seiner eigenen Ausbildung kennenlernte (vergleiche oben das Historische Unterkapitel Programm der Medizinalreformbewegung) und die nach seiner Erfahrung letztlich Leiden hervorbringt. Er gibt zu bedenken:

„Der Raum, in welchem "Medizin" geschieht, erwächst immer aus dem Raum der jeweiligen Kultur- und Geistesgeschichte. «Krankheit» ist somit in die Seins-Entität des Menschen und seiner komplexen biologischen und geistigen Beziehungsmuster eingebettet. […] Medizin ist also immer eingewebt in das Welt-, Natur- und Seinsverständnis der Menschen – sowohl des Einzelnen als auch der gesamten Menschheit.[369]

(Siehe dazu auch oben das Unterkapitel zur Sprachbetrachtung am Beispiel des Begriffs Natur.) Indem er die griechischen Philosophenmediziner zum Ideal nimmt,[370] versucht er, an Traditionen anzuknüpfen, die in den Anfängen der abendländischen wissenschaftlichen Medizin ihren Ursprung haben (siehe oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der historischen Hintergründe.)

LiteraturBearbeiten

  • Erwin Heinz Ackerknecht: Beiträge zur Geschichte der Medizinalreform von 1848. In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin. Band 25, 1932, S. 61–183. (E. H. Ackerknecht wurde im Jahr 1931 an der Universität Leipzig mit einer unter Anleitung des Medizinhistorikers Henry E. Sigerist entstandenen Dissertation über dieses Thema zum Doktor der Medizin promoviert und veröffentlichte später noch weitere Aufsätze und eine Biographie in Buchform über R. Virchow und sein Wirken.[371])
  • August Hirsch (Hrsg.): Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. Zweite Auflage durchgesehen und ergänzt von H. Haberling, F. Hübotter und H. Vierordt. Sechs Bände. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1929–1935.
  • Klaus Dörner: Kapitel 14: Wege der Psychiatrie (Psychiatriegeschichte). In: derselbe et alii: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie.
    • Erste Auflage: Zusammen mit Ursula Plog. Psychiatrie-Verlag, Wunstorf 1978.
    • 24., vollständig überarbeitete Auflage: Herausgegeben zusammen mit Ursula Plog, Thomas Bock, Peter Brieger, Andreas Heinz und Frank Wendt. Psychiatrie-Verlag, Köln 2017, ISBN 978-3-88414-610-1, S. 687–714.
  • Wolfgang Uwe Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. 8., überarbeitete Auflage. Springer Verlag, Heidelberg 2017, ISBN 978-3-662-54659-8.
  • Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. 8 Bände. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart, 2005 bis 2018, ISBN 978-3-476-02108-3.
  • Werner Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4.
  • Ilse Jahn (Hrsg.): Geschichte der Biologie – Theorien, Methoden, Institutionen, Kurzbiographien. 3., neubearbeitete und erweiterte Auflage. Spektrum Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-8274-1023-1.
  • Dietrich von Engelhardt, Fritz Hartmann (Hrsg.): Klassiker der Medizin. Zwei Bände. Beck Verlag, München 1991, ISBN 3-406-35592-7.
  • Heinrich Schipperges (Hrsg.): Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. Meyers Lexikonverlag, Mannheim 1990, ISBN 3-411-02704-5. (Informationen über den Medizinhistoriker H. Schipperges finden sich im Unterkapitel Kritik aus der Sicht der Medizingeschichte.)
  • Jean-Charles Sournia u. a.: Histoire de la Medicine, de la Pharmacie, de l’Art Dentaire et de l’Art Veterinaire. Societe francaise d’editions professionelles, medicales et scientifiques. Albin Michel-Laffont-Tchou, Paris 1978.
    • Deutsch als: Illustrierte Geschichte der Medizin. Deutsche Bearbeitung unter fachlicher Beratung des Instituts für Theorie und Geschichte der Medizin an der Universität Münster, Direktor: Richard Toellner. 8 Bände. Verlag Andreas & Andreas, Salzburg 1980, ISBN 3-85012-090-2 (zitiert wird nach der deutschen Ausgabe).
  • Rudolf Virchow: Sämtliche Werke. Herausgegeben von Christian Andree. Olms Verlag, Hildesheim und Zürich. Erscheint seit 1992 (mit Verlagswechsel seitdem).

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Physikum – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Gesetzestext über die Regelung des Physikums im Studiengang Humanmedizin.
  • www.impp.de Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen in Mainz; dieses stellt zentral deutschlandweit die schriftlichen Fragen des Physikums. Auch Dokumentationen zu den erzielten Ergebnissen können dort eingesehen werden.
  • Gesetzestext über die Regelung des Physikums im Studiengang Veterinärmedizin.
  • Gesetzestext über die Regelung des Physikums im Studiengang Zahnmedizin.
  • Untersuchung zum Abschneiden der Studierenden der verschiedenen Fakultäten Deutschlands im Studiengang Humanmedizin in der Prüfung in den Jahren 1994 bis 2004.
  • Artikel über das Würzburger Projekt einer Philosophicum betitelten Vorlesung für Mediziner auf dem Informationsportal des Thieme-Verlages (vom 17. Januar 2011).
  • Informationen über das Projekt Philosophicum auf dem Informationsportal des Würzburger Universitätsklinikums.
  • Studium fundamentale – Bewässern der Kulturwüste über das obligatorische Begleitstudium an der Universität Witten/Herdecke auf dem Informationsportal der Berliner Zeitung Tagesspiegel (dort zuerst veröffentlicht am 21. August 2000).
  • Der Stufu-Donnerstag in Witten auf dem Informationsportal des Thieme-Verlages (vom 25. Februar 2014).
  • Informationen über das Studium fundamentale auf dem Informationsportal der Universität Witten/Herdecke.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Arthur Boniface Pranada: Internetbasierte Untersuchung zum Zusammenhang zwischen Schlafqualität, Lebensqualität und dem Verlauf des Studiums bei Bochumer Medizinstudenten. Medizinische Dissertation, Bochum 2005, S. 66: „[...] Es zeigte sich jedoch [...] ein Zusammenhang zwischen Schnarchen und schlechten Noten im Physikum.“ // Ebenso in dem Fachaufsatz, der im Unterkapitel Physikums-Forschung vorgestellt wird.
  2. Manfred Spitzer: „Vom Geigen zum Physikum: Kortikale Plastizität beim Menschen: ein Update.“ In: Nervenheilkunde. Band 31 (2012), S. 378–381.
  3. Christian Götz, Ursula Pohl, Ute Schlasius-Ratter, Hossein Shahla: "Does „Physikum“ matter? Prognosekraft der vorklinischen Grundlagenfächer für die Prüfungsleistungen beim Zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung." Gemeinsame Jahrestagung der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) und des Arbeitskreises zur Weiterentwicklung der Lehre in der Zahnmedizin (AKWLZ). Münster, 20. - 23.9.2017. German Medical Science Publishing House, Düsseldorf 2017.
  4. Pschyrembel Fachwörterbuch Medizin Deutsch-Englisch. 4. überarbeitete Auflage von Fritz-Jürgen Nöhring. Verlag de Gruyter, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-022030-8, S. 1196. Dort wird Physikum übersetzt mit "preliminary (medical) examination, first medical examination."
  5. Aktuelle Beispiele zu verschiedenen Spezialthemen und aus verschiedenen Verlagen sind: T. Brockfeld, V. Lippek, B. Müller : Lernstrategien: MC-Techniken und Prüfungsrhetorik; in 30 Tagen durch das mündliche und schriftliche Physikum. 6. Auflage. Medi-Learn-Verlag, Marburg 2015, ISBN 978-3-95658-018-5. // O. Strompen, T. Vogt, L. A. Cömert: Biochemie für Mediziner: Prüfungsfragen und Antworten für das Physikum. Lehmanns Media, Berlin 2015, ISBN 978-3-86541-840-1. // Mihai Ancau: Klinische Grundlagen fürs Physikum. Springer Verlag, Heidelberg/ Berlin 2016, ISBN 978-3-662-46713-8. // Endspurt – die Skripten fürs Physikum. 4., aktualisierte Auflage. Buchreihe im Thieme-Verlag, Stuttgart 2017. // Examensfragen: Generalprobe Physikum H 17, Tag 1 + 2. Medi-Learn-Verlag, Ottendorf 2018, ISBN 978-3-95658-084-0.
  6. Merkblatt des Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamtes im Gesundheitswesen: Erster Abschnitt der ÄP (M1) im Frühjahr 2019.
  7. In § 24 (siehe den Gesetzestext am Anhang zu diesem Artikel).
  8. Gemäß § 33 der Approbationsordnung für Ärzte (siehe den über den Anhang zu diesem Artikel einsehbaren Gesetzestext).
  9. Wie die Approbationsordnung aus dem Jahr 1970 sprach auch die Approbationsordnung für Ärzte vom 14. Juli 1987 in deren §§ 22 - 24 von einer Ärztlichen Vorprüfung, die inhaltlich dem traditionellen Physikum entsprach. Dieser schloss sich später die in den §§ 25 ff. geregelte Ärztliche Prüfung an, die wiederum aus drei Teilen bestand, sodass sich die Gesamtnote aus deren drei Einzelnoten errechnete, was in § 34 geregelt war. Seit der Approbationsordnung für Ärzte vom 27. Juni 2002 (in Kraft getreten am 1. Oktober 2003) jedoch wird das traditionelle Physikum nicht mehr als Vorprüfung, sondern als Erster Teil der Ärztlichen Prüfung sowohl bezeichnet als auch gewertet, was aus deren §§ 22 - 26 bzw. aus § 33 hervorgeht.
  10. Der § 22 beginnt mit den Worten „Das Physikum umfaßt die Prüfungsfächer […]“
  11. Thomas Zimmermann, Karl Wegscheider, Hendrik van den Bussche: Medizinische Fakultäten: Der Ausbildungserfolg im Vergleich. In: Deutsches Ärzteblatt 103 (25), 2006, S. A-1732 – 1738 (siehe den betreffenden Anhang zu diesem Artikel).
  12. Kommentare und Briefe. In: Deutsches Ärzteblatt 103, 2006, in den Heften 37 und 38.
  13. „[…] Wenn denn schon Rankings in unserer Gesellschaft unvermeidlich sind, dann bleiben wir doch lieber bei der unkorrigierten und ungeschminkten 'Bundesligatabelle' des IMPP. Allerdings haben sich vor diesem Vergleich schon etliche Fakultäten in 'Reformstudiengänge' geflüchtet.“ / Zitiert aus: Briefe – Hochschulen: Verwirrt und enttäuscht. ibidem, Heft 37, S. A-2375. (Der Brief ist auch lesbar in elektronischer Form durch Weiterschalten von der im Anhang zu diesem Artikel angegebenen Untersuchung.)
  14. „Interview: Nicht mehr nur kreuzen – wie Examensprüfungen bald aussehen könnten. IMPP-Direktorin Prof. Jana Jünger im Interview mit der MBZ: Kommunikation und Patientenorientierung bilden neue Schwerpunkte“. In: Marburger Bund – Zeitung Nr. 12/24. August 2018. S. 7. / Auch in elektronischer Form veröffentlicht auf dem Informationsportal des IMPP.
  15. Jana Jünger: „Kompetenzorientiert prüfen im Staatsexamen Medizin.“ In: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz. Band 61 (Heft 2), Februar 2018, S. 171–177.
  16. Ibidem. Kapitel „Überarbeitung der Gegenstandskataloge.“
  17. Ibidem. Kapitel „Zukünftige Gestaltung des ersten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung (M1).“
  18. Natalija Schüller: Zusammenhang zwischen Examensstreß und Gestaltung der Lernzeiten und körperlichen Beschwerden bei Medizinstudenten während der Examensvorbereitung. Medizinische Dissertation, Universität Düsseldorf 2001.
  19. J de Zeeuw et alii: „Beeinflussung des Studienerfolgs durch schlafbezogene Atmungsstörungen - Ergebnisse einer Befragung Bochumer Medizinstudenten.“ In: Pneumologie 2005; 59 - P139.
  20. Diese wurde in der Einleitung zu diesem Artikel im Zusammenhang mit der Begriffsverwendung zitiert.
  21. Indem davon gesprochen wird, daß im 19. Jahrhundert die frühere Zwischenprüfung „paradigmatisch durch das Tentamen physicum ersetzt“ wurde. // Nach: Thomas Bohrer, Michael Schmidt, Johann-Heinrich Königshausen: „Zur Notwendigkeit der Philosophie im Medizinstudium“. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 143, 2018, S. 1272 - 1275. (Zu den historischen Vorgängen und den Sprachlichen Hintergründen siehe im folgenden die detaillierten Ausführungen in den entsprechenden Unterkapiteln.)
  22. Zum Beispiel wird bei Heinrich Schipperges, Geschichte der Medizin in Schlaglichtern, S. 292, „Medizin im Paradigmenwechsel“ dargestellt.
  23. Carl F. Gethmann: Wissenschaft, normale. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 8, 2018, S. 538 f.; Zitat auf S. 538.
  24. Carl F. Gethmann: Paradigma. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 89 - 93; Zitat auf S. 89 f.
  25. Wolfgang Eckart: 9.3 Paradigma, Wissensrevolution, Denkstil. In: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Zitat auf S. 306 (Hervorhebungen durch Fettdruck im Original).
  26. „Kuhn hat seine Konzeption (zusammengefaßt in: The Strucuture of Scientific Revolutions, 1962) besonders in Abgrenzung von der Wissenschaftstheorie und Theorie der Wissenschaftsentwicklung des Kritischen Rationalismus formuliert. Während dieser den Prozeß der Wissenschaftsentwicklung kumulativ-kontinuierlich, nach wissenschaftsinternen (methodologischen) Rationalitätskriterien verlaufend rekonstruiert, sieht K.[uhn] einen diskontinuierlichen, auch von wissenschaftsexternen (sozialen) Faktoren bestimmten Wandel in der Wissenschaftsgeschichte. Der zentrale Begriff für die Erklärung des Phänomens des diskontinuierlichen Wandels ist für K.[uhn] zunächst der des Paradigmas, womit der Sachverhalt bezeichnet werden soll, daß einige anerkannte Vorbilder konkreter wissenschaftlicher Praxis Modelle liefern, gemäß denen die Wissenschaftlergemeinschaften (scientific community) ihre methodischen und sozialen Entswcheidungen fällen. Was in einer Disziplin >rational< heißt, hängt danach jeweils von einem solchen Paradigma ab. [...]“ // Carl F. Gethmann: Kuhn, Thomas Samuel. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 4, 2010, S. 400 - 403; Zitat auf S. 400.
  27. Auch der Begriff Gegenbewegung ist in der Medizingeschichte etabliert: Siehe z. B. das Unterkapitel 6.2 Gegenbewegungen in der Medizin im Rahmen der Darstellung von „Tendenzen im modernen Gesundheitswesen“ bei Heinrich Schipperges: Geschichte der Medizin in Schaglichtern, S. 291–311.
  28. „[...] Die neuere Krankheitslehre macht aber auch deutlich, daß eine moderne Theorie der Medizin kaum zu verstehen ist ohne ihren historischen Hintergrund und ohne die neuzeitliche Naturphilosophie. Wir kommen einfach nicht daran vorbei, uns mit allen Methoden, Techniken und Strategien der modernen Wissenschaft auseinanderzusetzen. Vor allem aber läßt es sich in unserer Zeit [...] nicht mehr länger umgehen, daß wir uns prinzipiell mit dem Selbstmißverständnis der abendländischen Wissenschaft und dessen Folgen für die Lebenswelt des 20. Jahrhunderts konkret befassen.“ / Heinrich Schipperges: Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. S. 77 f.
  29. Jürgen Mittelstraß: Philosophie. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 195–203.
  30. Dietrich von Engelhardt: Philosophie und Medizin. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1150–1152.
  31. Marion Stamatu: Philosophie. In: Karl-Heinz Leven (Hrsg.): Antike Medizin. Ein Lexikon. Verlag C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52891-0, Spalten 696–698.
  32. Marion Stamatu: Natur. In: Antike Medizin. Ein Lexikon. Spalten 641–644.
  33. Jürgen Mittelstraß: Natur. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 5, 2013, S. 500–503.
  34. Jürgen Mittelstraß: Naturgeschichte. ibidem. S. 507–509.
  35. Jürgen Mittelstraß: Naturphilosophie. ibidem. S. 511–514.
  36. Klaus Mainzer: Naturwissenschaft. ibidem. S. 521–523.
  37. 1.3 Wissenschaftliche Konzepte – die Voraussetzungen der hippokratischen Medizin. In: Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. S. 8–11.
  38. „[…] Die beginnende wissenschaftliche Forschung führte zu einer Umwälzung der Medizin und Therapie. Diese Umwälzung war das Werk der milesischen Naturphilosophen, der Pythagoreer von [[Kroton (Stadt)|]], Heraklits von Ephesos, Empedokles' von Agrigent sowie der Atomisten Leukippos und Demokrit. Innerhalb von zwei Jahrhunderten, die die wichtigsten der Medizingeschichte überhaupt darstellen, schufen sie die griechische Medizin, entwickelten sie weiter und gaben ihr den philosophischen Rahmen sowie das methodische Vorgehen. Sie vervollkommneten die Sektion von Tieren und die biologischen Versuche. Wer den Einfluß der Philosophen leugnet, verstellt sich den Blick für das Verständnis der griechischen Naturwissenschaft und der griechischen Medizin […]“ // Gaston Baisette: Die Medizin bei den Griechen. In: Illustrierte Geschichte der Medizin. Band 1. Unterkapitel über Die vorsokratischen Naturphilosophen. S. 221–261. Zitat auf S. 221.
  39. Martin Carrier: Pythagoreer. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 515–521.
  40. Matthias Gatzemeier: Pythagoreismus. ibidem, S. 521–523.
  41. Gaston Baisette: Die Medizin bei den Griechen. In: Illustrierte Geschichte der Medizin. Band 1. Unterkapitel über die Pythagoräer auf S. 213–220.
  42. Aus ihrer Weltanschauung „resultierte die Verpflichtung zu einer reinen Lebensführung, mit Vorschriften zu gesundheitlichem Verhalten und Ernährungsregeln ('Vegetarismus'). Gesundheit und Krankheit sind Ausdruck der im Menschen realisierten Harmonie.“ // Hans Georg von Manz: Pythagoras von Samos. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. Seite 1205.
  43. „[...] ihre Lehren wirkten aber noch auf die gr.[iechische] Medizin, indem Gesundheit, ähnlich wie in der Zahlentheorie, als Harmonie verstanden wurde, u.[nd] zwar als leibliche u.[nd] seelische [...] Der Körper als Hülle der Seele bedurfte daher der Pflege durch Befolgung der auch im moralischen Sinne richtigen Lebensweise (gr.[iechisch] diaita), geregelt durch Diätetik einschließlich Hygiene, bzw. der maßvollen Therapie. Nach dem Verständnis der P.[ythagoreer] sollte man jedoch so leben, daß Arzneien überflüssig sind, denn ein kranker Körper hindere die Seele an der Erkenntnis.“ // Carolin Oser-Grote: Pythagoreer. In: Antike Medizin. Ein Lexikon. Spalten 742 f.; Zitat in Sp. 742.
  44. Matthias Gatzemeier: Platon. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 329–341.
  45. Marion Stamatu: Platon. In: Antike Medizin. Ein Lexikon. Spalten 709–711.
  46. Ausgeführt in seinem Dialog (in Dialogform verfasster Abhandlung) Charmides (156 e) und an anderen Stellen.
  47. Kuno Lorenz / Peter Janich: Aristoteles. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 1, 2005, S. 211–221.
  48. Matthias Gatzemeier: Aristotelismus. ibidem, S. 221–231.
  49. Hans Georg von Manz: Aristoteles. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 97–99; Zitat auf Seite 98 b.
  50. W. U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. S. 11 ff.
  51. Dietrich von Engelhardt: Philosophie und Medizin. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. hier: S. 1150.
  52. Renate Wittern: Hippokratische Schriften/Corpus Hippocraticum. In: Antike Medizin. Ein Lexikon. Spalten 418–420.
  53. „Der Text wurde wahrscheinlich für eine kleine Gruppe - eine Sekte - von Ärzten im 4. Jahrhundert v. Chr. verfasst und in seinen beiden Hauptteilen, dem Vertragspassus und dem Sittenkodex, durch die Pythagoräische Lebens- und Sittenlehre geprägt.“ // Wolfgang Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, S. 17.
  54. Kuno Lorenz: ars. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 1, 2005, S. 239 f.
  55. „Wenn ein Student des späten Mittelalters sich in der medizinischen Fakultät immatrikulieren wollte, hatte er bereits eine akademische Vorbildung hinter sich. Er hatte in der Regel die Artistenfakultät, das Studium der 'freien Künste' ('Artes liberales'), durchlaufen [...] Das Attribut 'liberales' deutete an, daß die Künste nicht zum Gelderwerb gedacht waren, sondern einem freien Mann dienen sollten. Durch den Kanon der Artes liberales war die Studienordnung für Jahrhunderte festgelegt; sie galt bis weit in die Neuzeit auch für die Medizin. Von ihrem theoretischen Aspekt her verstand sich die Medizin als eine Naturphilosophie, die in der ärztlichen Praxis - als prophylaktischer Habitus oder korrigierender Eingriff - zur Anwendung kam. Dieses naturphilosophische Konzept hatte sich weitgehend an den Lehrschriften des Aristoteles orientiert [...] “ // Heinrich Schipperges (Hrsg.): Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. Kapitel 5.2 Bild des Arztes und Bildung zum Arzt. Zitat auf S. 260.
  56. Historians tend to treet science and medicine as having developed in parallel, and we maintain separate societies and journals, often giving primacy to science, at least for intellectual history. Yet much of 'science' before circa 1800 was dependant on the organizations of medicine, and much of science now is promoted for the improvement of medical diagnoses and therapies. This Focus section unpicks some of the historical and historiographical relationships, […] seeks to problematize the issues, in the hope of historiographical fertilization.” (deutsch: „Historiker tendieren dazu, Naturwissenschaft und Medizin so zu behandeln, als hätten sie sich parallel entwickelt, und wir unterhalten getrennte Fachgesellschaften und -zeitschriften, wobei wir oft der Naturwissenschaft eine Vorrangstellung zuerkennen, zumindest was die Geistesgeschichte anbelangt. Doch ein großer Teil der 'Naturwissenschaft' vor etwa 1800 war von den Organisationen der Medizin abhängig, und vieles an Naturwissenschaft wird heute gefördert, um medizinische Diagnosen und Therapien zu verbessern. Dieser Fokus-Abschnitt greift einige der historischen und historiographischen Bezüge auf, versucht, die Gegenstände zu problematisieren in der Hoffnung auf historiographische Befruchtung.“) // John V. Pickstone und Michael Worboys: Focus: Between and beyond ‚histories of science‘ and ‚histories of medicine‘. / Introduction. In: ISIS: An International review devoted to the history of science and its cultural influences. Band 102, 2011, S. 97–101; Zitat auf S. 97.
  57. […] In reconstructions of this world, physicians and naturalists (often the same people) have achieved a new centrality. […]” (deutsch: „[...] In Rekonstruktionen dieser Welt haben Ärzte und Naturforscher (oft dieselben Personen) eine neue Zentralstellung erreicht. [...]“) // John V. Pickstone: Sketching together the modern histories of science, technology, and medicine. Ibidem, S. 123–133; hier: S. 125.
  58. Thomas Richter: Heilkraut. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 545–553.
  59. In der Altägyptischen Medizin in Papyrustexten, am umfangreichsten im Papyrus Ebers aus der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus, der jedoch zum größten Teil aus kopierten Werken aus dem dritten Jahrtausend vor Christus besteht. // Kamal Sabri Kolta: Papyri, medizinische. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1096–1099. // Ange – Pierre Leca: Die Medizin im Alten Ägypten. In: Illustrierte Geschichte der Medizin. Band 1, S. 108–143; hier: S. 110 f.
  60. In medizinischen Texten der Mesopotamischen Kultur identifizierte Campbell Thompson rund 250 verschiedene Heilpflanzen. // Juan R. Zaragoza: Die Medizin in Mesopotamien. In: Illustrierte Geschichte der Medizin. Band 1, S. 90–107; hier: S. 102. // Martha Haussperger: Mesopotamische Medizin. In: Enzylopädie Medizingeschichte. S. 974–979.
  61. Am einflussreichsten war der griechische Arzt der Römischen Kaiserzeit Pedanios Dioskurides. // Ulrich Stoll: Dioskurides, Pedanios, 1. Jh. n. Chr. in Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 308–315.
  62. Medizinethnologen dokumentierten reichhaltiges Heilpflanzenwissen bei Wildbeuterkulturen wie z. B. den zentralafrikanischen Pygmäen // Hans Dieter Neuwinger: Afrikanische Arzneipflanzen und Jagdgifte: Chemie, Pharmakologie, Toxikologie. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1998, ISBN 3-8047-1550-8 (an verschiedenen Stellen erwähnt in dem nach Pflanzengruppen geordneten Nachschlagewerk). Er verweist (auf S. 925) auf Marie E. Motte: Thérapeutiques chez les Pygmées Aka de Mongoumba. In: S. Bahuchet (Hrsg.): Pygmées de Centafrique. S.E.L.A.F., Paris 1979, S. 77–108. // dieselbe: Les Plantes chez les Pygmees Aka et les Mozombo de la Lobaye (Centrafique). Paris 1982. // Die Humanethologin Cornelia Canady verbrachte im Auftrag ihres Münchner Universitätslehrers Irenäus Eibl-Eibesfeldt Jahre mit Forschungen bei den Aka (alternative Schreibweisen: BaAka, Bayaka, Baka) im zentralafrikanischen tropischen Regenwald und berichtete anschaulich über verblüffend wirksame Heilungsrituale, die magische Beschwörungsrituale und Heilpflanzentherapie vereinen, sowie über die große Urwaldapotheke, über die erfahrene ältere Mitglieder dieses Volkes wissensreich und gekonnt verfügen können – für deren Erfahrungsschatz sich wiederum heute große pharmazeutische Konzerne interessieren: Die Gottestänzerin. Mein Leben bei den Pygmäen. Heyne Verlag, München 2002, ISBN 3-453-21170-7, besonders auf den Seiten 137–142 und 149–152. Von wirksamen Heilpflanzen seien den Bayaka Hunderte bekannt (ibidem. S. 140).
  63. Bei der Gletschermumie im Öztal in Tirol aus der Kupfersteinzeit des vierten Jahrtausends vor Christus fand man verpackte Heilpflanzen und getrocknete antibiotikahaltige Pilze, die wahrscheinlich zur Wundbehandlung einsetzbar waren. Paläontologische Ausgrabungen und neueste Forschungen an den Zähnen von Neanderthalern weisen auf Verzehr von Heilpflanzen hin. // Albert Zink u. a.: Possible evidence for care and treatment in Tyrolean Iceman. In: International Journal of Paleophatology. 8. August 2018, doi.org. // Karen Hardy u. a.: "Neanderthal medics? Evidence for food, cooking and mecinal plants." In: Naturwissenschaften. 27. Juni 2012, doi.org.
  64. Ethologische Feldforschung bei Schimpansen – bei denen Kulturbildung nachgewiesen wurde – dokumentierte wiederholt gezielte Aufnahme von ausgewählten Heilpflanzen (ausschließlich) im Krankheitsfall. Schimpansen gelten als die nächsten biologischen Verwandten des Menschen, deren letzter gemeinsamer Vorfahre auf eine Zeit vor circa 6–7 Millionen Jahren datiert wird. // Richard W. Wrangham, W. C. MacGrew, Frans de Waal, Paul Heltne (Hrsg.): Chimpanzee Cultures. Harvard University Press 1996, ISBN 0-674-11663-1. // Siehe zum Beispiel den Überblicksartikel von Joel Shurkin: News Feature: Animals that self-medicate. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 111 (49), 9. Dezember 2014, S. 17339–17341. // Hynek Burda, Peter Bayer, Jan Zrzavy: Humanbiologie. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-8252-4130-8, S. 35f.
  65. Siehe Die ärztliche Botanik im Humanismus. In: Walther U. Eckart, Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin. S. 75f.
  66. Wolf-Dietrich Müller-Jahnke: Brunfels, Otto. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 215.
  67. Barbara I. Tshisuaka: Fuchs, Leonhard. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 442f.
  68. Thomas Richter: Heilkraut. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. hier: S. 551.
  69. Geschichte der Biologie. S. 899 f.
  70. Ilona Knoll: Der Mannheimer Botaniker Friedrich Casimir Medicus (1736–1808). Leben und Werk. Medizinische Dissertation. Universität Heidelberg 2002. / Buchausgabe: (= Monographien zur Geschichte der Pharmazie. Band 3). Palatina Verlag, Heidelberg 2003, ISBN 3-932608-31-3.
  71. Schelver, Friedrich Joseph. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte. Band 5, 1934, S. 63 f.
  72. Viborg, Erik Nissen. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte.... Band 5, 1934, S. 746.
  73. Veith, Johann Emanuel. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte. Band 5, 1934, S. 718 f.
  74. Dissertatio inauguralis medico-botanica sistens plantarum officinalium in Austria sponte crescentium aut in hortis cultarum enumerationem systematicam.
  75. Systematische Beschreibung der vorzüglichsten in Oesterreich wildwachsenden, oder in Gärten gewöhnlichen Arzneygewächse. Verlag der Geistingerschen Buchhandlung, Wien und Triest 1813.
  76. Abriß der Kräuterkunde für Oekonomen und Thierärzte nebst einer Uebersicht der gewöhnlichen einheimischen Gewächse und Standörter. 413 S. Verlag der Geistingerschen Buchhandlung, Wien und Triest 1813.
  77. Sloane, Hans. In: Biographisches Wörterbuch der hervorragenden Ärzte…, Band 5, 1934, S. 304 f.
  78. Nach dem Porträt auf dem Informationsportal der Nationalbibliothek von Jamaika[1], abgerufen am 20. November 2018: “[...] During the three (3) months voyage, Sloane made observations on phosphorescence in the water and the habit of sea birds. He carefully recorded sights of the grampus and the porpoise, as well as the flying fish and the chambered nautilus.” (deutsch: „Während der dreimonatigen Reise stellte Sloane Beobachtungen an zur Phosphoreszenz im Wasser und Verhalten von Seevögeln. Er verzeichnete sorgfältig Sichtungen des Rundkopfdelphins und des Schweinswals und ebenso auch des Fliegenden Fisches und des gehäusetragenden Nautilus.“)
  79. Catalogus plantarum quae in insula Jamaica sponte proveniunt, vel vulgo coluntur cum earundem synonymis & locis natalibus, adjectis aliis quibusdam quae in insulis Maderae, Barbados, Nieves,& Sancti Christopheri nascuntur, seu Prodromi historiae naturalis Jamaicae pars prima. Imprensis D. Brown, London 1696.
  80. Ratzeburg, Julius Theodor Christian. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte. Band 4, 1932, S. 730.
  81. Geschichte der Biologie. Seite 785.
  82. „[…] Eine Reise wurde […] bis Bessarabien und die Krim unternommen, um ein bei Nikolajew gefundenes Mastodon zu bergen. […] eine Reihe Aufsätze ist dem Mammuth gewidmet; ein überaus umfangreiches Manuscript, einen Monographie über das Mammuth, hat sich nach B.'[randt]s Tode vorgefunden.“ // Brandt, Johann Friedrich. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte. Band 1, 1929, S. 678–680; Zitate auf S. 679.
  83. Darstellung und Beschreibung der Arzneygewächse, welche in die neue Preussische Pharmacopöe aufgenommen sind, nach Familien geordnet. Berlin 1829 - 41.
  84. Medicinische Zoologie oder getreue Darstellung und Beschreibung der Thiere, die in der Arzneimittellehre in Betracht kommen. Zwei Bände. Hirschwald Verlag, Berlin 1829 und 1833.
  85. Agassiz, Ludwig Johann Rudolf. In: 42 – 44.
  86. Geschichte der Biologie. Seiten 761 f.
  87. Brigitte Loff: Johannes Müller. In: Klassiker der Medizin. Band 2, S. 122 und 129.
  88. From the European Renaissance through the eighteenth century, […] 'science' in the modern sense barely existed and no one was called a 'scientist'. […] however, other terms for genres of knowledge/practice were relatively stable and remain helpful for historians. 'Natural history', 'natural philosophy' and 'mixed mathematics' were common actors' categories. […]” (deutsch: „Von der Europäischen Renaissance bis zum 18. Jahrhundert existierte 'Naturwissenschaft ' im modernen Sinne kaum und niemand wurde 'Naturwissenschaftler' genannt. [...] andere Termini für Formen von Wissen/Praxis waren relativ beständig und bleiben nützlich für Historiker. 'Naturgeschichte', 'Naturphilosophie' und 'vermischte Mathematik' waren gängige Kategorien von Handelnden.“) // ISIS: An International review devoted to the history of science and its cultural influences. Band 102, 2011, S. 99 und 124.
  89. Reiner Wimmer: Goethe. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3, 2008, S. 166–170.
  90. Manfred Wenzel: Goethe, Johann Wolfgang von. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 497–499.
  91. Albrecht Fölsing: Heinrich Hertz – eine Biographie. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1997, ISBN 3-455-11212-9, S. 265, 125 und 129 (auf S. 129 auch die Zitate, wobei das letzte aus einem Familienbrief von H. Hertz stammt).
  92. So berichtet es der am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin forschende Einstein-Experte Jürgen Renn in seiner die Entwicklung der wissenschaftlichen Gedanken des Forschers nachzeichnenden Studie Auf den Schultern von Riesen und Zwergen: Einsteins unvollendete Revolution. Verlag Wiley-VCH, Weinheim 2006, ISBN 978-3-527-40595-4; besonders auf S. 95.
  93. Gereon Wolters: Einstein, Albert. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Band 2, 2005, S.299–301; Zitate auf S. 300.
  94. Paul Arthur Schilpp (Hrsg.): Albert Einstein, philosopher-scientist. (Library of living philosophers, Band 7.) Evanston, Illinois 1949 und öfter.
  95. Geschildert von dem jüngeren Quantenphysiker Richard P. Feynman (1918 - 1988) in seinem autobiographischen Buch Surely You're Joking, Mr. Feynman! Verlag W. W. Norton, New York 1985. Deutsche Ausgabe als >>Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!<< Abenteuer eines neugierigen Physikers. Gesammelt von Ralph Leighton. Herausgegeben von Edward Hutchings. Übersetzt von Hans-Joachim Metzger. Piper Verlag, München und Zürich 1987 und 2004, ISBN 3-492-24119-0, im Kapitel Geistesriesen; Zitat auf S. 105.
  96. „Heisenberg hat im Laufe seines Lebens viele geistige Anregungen aufgenommen. Dabei hat ihn die Philosophie Platons besonders geprägt. Dies tritt bei seinem Spätwerk, der Einheitlichen Theorie der Materie deutlich hervor.“ // Wilfried Kuhn: Ideengeschichte der Physik. Eine Analyse der Entwicklung der Physik im historischen Kontext. 2. Auflage. Verlag Springer Spektrum, Berlin und Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-47058-9, S. 429.
  97. „[...] Ähnlich wie Heisenberg befaßte er sich schon während seiner Schulzeit intensiv mit griechischer Philosophie. Schrödinger steht damit inder Reihe berühmter Naturwissenschaftler, die durch den Besuch angesehener humanistischer Gymnasien sehr früh entscheidende Anregungen für ihr späteres wissenschaftliches Werk empfangen haben. [...] Sehr wichtig für die wissenschaftliche Entwicklung des jungen Studenten war neben der hervorragenden rein fachwissenschaftlichen Ausbildung der an der Universität [Wien] herrschende philosophisch geprägte erkenntniskritische Geist eines Ernst Mach und Ludwig Boltzmann. Während meiner Gastprofessur am dortigen Institut für theoretische Physik [...] hat mich besonders beeindruckt, wie auch heute in den Vorlesungen und Seminaren dieser Geist noch weht. Nicht zuletzt war dies auch ein Anlaß, die vorliegende Ideengeschichte der Physik zu schreiben, in der die Physik im wissenschaftstheoretischen Kontext kritisch reflektiert wird.“ Aus: W. Kuhn: Ideengeschichte der Physik. S. 440 f.
  98. Klaus Mainzer: Schrödinger, Erwin. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 7, 2018, S. 292–294.
  99. Wolfgang U. Eckart: Sennert, Daniel. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1320.
  100. Wolfgang U. Eckart: Grundlagen des medizinisch-wissenschaftlichen Erkennens bei Daniel Sennert (1572–1637) untersucht an seiner Schrift „De chymicorum liber...“, Wittenberg 1629. Medizinische Dissertation, Münster / Westfalen 1977.
  101. Manfred Vasold: Mai, Franz Anton. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 884.
  102. Mai (May), Franz Anton. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte. Band 4, 1932, S. 36 f.
  103. Lydia: philosophisches Jahrbuch. Braumüller Verlag, Wien 1849–1854. / Nachdruck: Minerva Verlag, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-598-53032-3.
  104. Eble, Burkard. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte…. Band 2, 1930, S. 373.
  105. Methodologie oder Hodegetik: als Einleitung in das medicinisch-chirurgische Studium. Wien 1834.
  106. Heinrich Schipperges (Hrsg.): Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. Meyers Lexikonverlag, Mannheim 1990, ISBN 3-411-02704-5, Kapitel 5: Struktur und Wandel medizinischer Bildungssysteme. S. 253–272; hier: S. 264 f.
  107. Bernhard D. Haage: Petrus von Abano. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1131 f.
  108. Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Marsilio Ficino. ibidem, Seite 395.
  109. Ortrun Riha: Platner, Ernst. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1168.
  110. Ernst Platner. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte. Band 4, 1932, S. 627 f.
  111. Im angegebenen Ärztelexikon. S. 627.
  112. Werner E. Gerabek: Carus, Carl Gustav. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 232 f.
  113. Erschienen in Frankfurt im Jahr 1809.
  114. Ziehen, Theodor. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte der letzten fünfzig Jahre. Herausgegeben von I. Fischer. Band 2. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1933, S. 1722 f.
  115. Wolfgang Blankenburg: Karl Jaspers. In: Klassiker der Medizin. Band 2, S. 350–365.
  116. Ibidem. S. 352 und 355.
  117. Nach Jaspers' Buch Philosophische Autobiographie, zitiert ibidem. S. 352.
  118. Ibidem. S. 448, Anmerkung 1. Nach dem Aufsatz Der Arzt im technischen Zeitalter. In: Universitas. 11, 1959, S. 337–349.
  119. „Bereits im Physikum begann er, nach dem Bau des Rückenmarkes gefragt, zum Erstaunen des Prüfers nicht mit einer Darstellung der morphologischen Struktur, sondern beschrieb erst die verschiedenen Untersuchungsmethoden, durch die sie zugänglich werden.“ ibidem, Kapitel II. Die Bedeutung von Karl Jaspers für die Psychiatrie. / 1. Methodologische Neuorientierung. S. 356–358; Zitat auf S. 356.
  120. Ibidem, nach Jaspers' Buch Philosophische Autobiographie.
  121. Ibidem, S. 357. Als Zitatquelle ist angegeben Jaspers' im Jahr 1921 erschienene Kritik an A. Kronfelds Buch Das Wesen der psychiatrischen Erkenntnis, dem er eben das Fehlen solcher "Fruchtbarkeit" vorwirft.
  122. Ibidem. S. 356, nach Jaspers' Buch Philosophische Autobiographie. S. 25.
  123. ibidem. S. 357.
  124. Ibidem. S. 355 und 351.
  125. Friedrich Kambartel: Bacon, Francis. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 1, 2005, S. 342 f.
  126. Jürgen Mittelstraß, Peter Janich: Descartes, Rene. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 2, 2005, S. 162–166.
  127. Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. (Zur Rolle von F. Bacon:) Seiten 103 und 135; (Zur Rolle von R. Descartes:) Seiten 107, 125 f. und 135.
  128. Herbert R. Ganslandt: Comte, Auguste. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 2, 2005, S. 84–86.
  129. A. Comte wird manchmal als Philosoph bezeichnet. Die zitierte, von Fachleuten verfasste Enzyklopädie tut dies ausdrücklich nicht.
  130. Herbert R. Ganslandt, Martin Carrier: Positivismus. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 384–86.
  131. Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. S. 173 f.
  132. „[...] Die Lage in den Städten und Dörfern noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts können wir uns heute kaum drastisch genug vorstellen. Schmutz und Unrat beherrschten das Straßenbild. [...] [Soziale Not in ihren verschiedenen Formen und] Verelendung bildeten zusammen mit Ernährungsdefiziten und hygienischen Mißständen einen Nährboden, der die Entstehung von Seuchen und ihre schnelle Ausbreitung gewährleistete. [...] Insbesondere das entkräftete und wenig widerstandsfähige Stadt- und Landproletariat fiel der Krankheit schnell zum Opfer.“ // Ibidem, S. 195.
  133. Ibidem, S. 174.
  134. So Klaus Dörner im ganzen Kapitel Wege der Psychiatrie. Er führt zum Beispiel aus: „[…] Aber diese [Arbeitskräfte] reichten bald nicht mehr, waren auch nicht immer zur rückgratverbiegenden Umerziehung bereit. Denn die Frage der Eignung führte jetzt zu neuen Kriterien der industriellen Vernunft: Fähigkeit zum reibungslosen, monotonen und sich endlos beschleunigenden Funktionieren, Freisein von störenden persönlichen Eigenarten sowie Kalkulierbarkeit und Vorausberechenbarkeit des Verhaltens. Denn Maschinen (und Verkehr) werden von nun an immer kostspieliger und störanfälliger. Sie verlangen immer mehr diszipliniertes, genormtes, leistungssteigerndes und selbstverbietendes Verhalten: einer der Gründe für die Zunahme unbrauchbarer, gestörter, frühinvalider und psychiatrisierter Menschen – bis heute. […] Nur die Brauchbaren nach den obigen neuen Kriterien der Vernunft kamen in die Fabriken, wurden zum Proletariat. Für die anderen schuf man je nach Art ihrer Unvernunft oder Leistungsminderwertigkeit Spezialeinrichtungen. So entstanden die Grundzüge des Industrie-Versorgungssystems. […] Dies ist die Geburt der Psychiatrie als Einrichtung; sie ist also ein lupenreines, weil fabgrikanaloges Produkt der Industrialisierung über erstens Institutionalisierung, zweitens Professionalisierung und […] drittens Medizinisierung des Helfens…“(S. 696 f.).
  135. Dieter Teichert: Romantik. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 7, 2018, S. 169–171.
  136. Bärbel Frischmann: Romantik. In: Enzyklopädie der Philosophie. Herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 3. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1999-2, S. 2344–2350.
  137. Siehe auch Literatur zur Romantischen Medizin im nachfolgenden Unterkapitel.
  138. Am Beispiel des sehr einflussreichen englischen Dichters William Wordsworth (1770–1850) dargestellt in dem Buch von Jonathan Bate: Romantic ecology – Wordsworth and the environmental tradition. Routledge, London 1991 und 2013, ISBN 978-0-415-85659-1.
  139. Siehe zum Beispiel die Schriften des damals an den Technischen Universitäten in Berlin und anschließend in München lehrenden Ökologen und Ökologiehistorikers Ludwig Trepl (1946–2016), vor allem: Geschichte der Ökologie. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Erste Auflage 1987. Zweite Auflage: Beltz-Athenäum-Verlag, Weinheim 1994, ISBN 3-89547-007-4. // Und: Die Idee der Landschaft: Eine Kulturgeschichte von der Aufklärung bis zur Ökologiebewegung. Transcript Verlag, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-1943-0.
  140. "Vom Standpunkt ihrer wissenschaftlichen Begründung beginnt die Geschichte der modernen Ökologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts." Günther Leps: Ökologie und Ökosystemforschung. In: Geschichte der Biologie. S. 601–619; hier: S. 601. Auch er verweist auf Ludwig Trepl: „[…] Vgl. auch L. TREPL 1987 (2. Aufl. 1994), der verschiedene Aspekte der Geschichte des Ökologiebegriffs im Kontext einer ökologischen Weltanschauung (S. 13; 29) untersucht und insofern dessen außerbiowissenschaftliches, mitunter inflationäres Eindringen in das gesellschaftliche Bewußtsein miteinbezieht.“ (ibidem, Anmerkung 3.) // Und: „[…] Vgl. auch TREPL (1987), der historische, wissenschaftliche und weltanschauliche Einflüsse bei der Begründung des Ökosystembegriffs im 20. Jh. erörtert.“ (Seite 612, Anmerkung 2.)
  141. Siehe auch Klaus Dörner, Wege der Psychiatrie: „[…] Andererseits kam [die Triebkraft für die Entstehung der Psychiatrie] aus den zeitgleichen Protestbewegungen der Romantik. Diese erzeugte Faszination für psychisches Kranksein wie überhaupt für alle dunklen Gefühle, die 'Nachtseiten' (Novalis), also gerade für die Seiten des Menschen, die sich naturhaft der Einzwängung in berechenbares Verhalten widersetzen. Karl Philipp Moritz ist mit seiner 'psychologischen' Autobiographie Anton Reiser (1785–1790) eine Art Urvater auch aller späteren Selbsterfahrungsbewegungen geworden. Auch die Romantik ist gesamteuropäisch und erneuert sich bis heute als Gegenbewegung gegen die Rationalisierung aller Lebensbereiche immer wieder […]“(S. 698).
  142. In der englischen Wikipedia findet sich ein Artikel über ihn.
  143. Dies ist der Titel der deutschen Ausgabe seines Buches Nature Cure (2005). Aus dem Englischen von Claudia Arlinghaus, Christa Schuenke und Britta Waldhof. (Naturkunden, No. 38.) Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2018, ISBN 978-3-95757-463-3.
  144. „[...] John Clare war kein Präsentator der Natur. Er war ihr Repräsentator und Repräsentant, ihr Vertrauensmann. Über seine speziellen >Plätzchen< schrieb er vor Ort statt aus der Distanz, und er schrieb im Namen seiner Mitgeschöpfe, indem er sich nicht so sehr auf oberflächliche Art mit ihnen >identifizierte<, sondern eher mit ihnen solidarisierte. Gerade im Akt des Schreibens, von dem man meinen könnte, er scheide ihn von der Natur, vereint er sich wieder mit ihr in der besonderen Rolle des Umweltbarden, der den Liedern der an den Rand gedrängten Mehrheit Ausdruck verleiht und sie übersetzt. In The Lament of Swordy WellDie Klage von Swordy Well – versetzt er sich in ein >>Stück Land<<, das durch >>schändliche Einhegung<< und >>der Gewinnsucht gierige Hand<< unterdrückt und ausgebeutet wird. In seinem langen, hypnotischen Gedicht Der Nachtigall Nest verbündet er sich mit dem Vogel [...] Ist Clares Beziehung zur Nachtigall eine Art kultureller Symbiose? [...]“ / Ibidem. S. 118 f.
  145. „[...] Ich komme nicht ohne wilde Geschöpfe aus, die Menschheit vermutlich ebensowenig. Den Kontakt zu unseren Ursprüngen zu verlieren, zu den Quellen des Lebens, den Evolutionsmustern der Weisheit, die sich unserer Kontrolle entziehen, zu anderen Daseinsformen, an denen wir uns messen können, zu unseren Freunden, hätte Folgen, die wir uns wohl nicht auszumalen wagen. [...] Ich frage mich, welches Bild die Planer und Macher der Fernsehsendungen von unserem und insbesondere von ihrem eigenen Verhältnis zur Natur haben. Sind sie auf die Rolle des Zirkusdirektos abonniert und wir auf die des staunenden Publikums? [...] Das Drehbuch, dem die Filmemacher so entschlossen zu folgen scheinen, schrieb vor vier Jahrhunderten der Schriftsteller Francis Bacon, der den Übergang von einer organischen Betrachtungsweise der Natur zum modernen mechanistisch-reduktionistischen Weltbild am deutlichsten aufzeigte. Die Natur, schrieb er, müsse von der Wissenschaft >>bezwungen<< und >>bearbeitet<< werden. Ihre >>Untersucher und Erforscher<< hätten die Aufgabe, ihre Pläne und Geheimnise auszukundschaften. >>[...] Die durch die Kunst [d. h. die Wissenschaft] gereizte und gefangene Natur [zeigt] sich offenbarer, als wenn sie sich frey überlaßen bleibt.<<“ / Ibidem. S. 114–118.
  146. Klaus Mainzer, Martin Carrier: Physik. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Band 6, 2016, S. 302–311; hier v. a, S. 302 und 304.
  147. Dieter Hoffmann: Geschichte der Physik. In: Lexikon der Physik. Herausgegeben von Walter Greulich. Band 2. Spektrum Verlag, Heidelberg 1999, ISBN 3-86025-292-5, S. 482–491.
  148. Klassische Physik. In: Lexikon der Physik. Redaktion: Ulrich Kilian und Christian Weber. Band 3. Spektrum Verlag, Heidelberg 1999, ISBN 3-86025-293-3, S. 243 f.
  149. Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. S. 175 und 185 ff.
  150. Claudia Wiesemann: Physiologie. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1158 f.
  151. Heinz Penzlin: Die vergleichende Tierphysiologie. In: Geschichte der Biologie. S. 461–498; hier besonders Seiten 461 f.
  152. Werner E. Gerabek: Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph von. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1291–1293.
  153. Barbara I. Tshisuaka: Müller, Johannes von. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1013.
  154. Brigitte Lohff: Johannes Müller. In: Klassiker der Medizin. Band 2, S. 119–134.
  155. Die naturwissenschaftliche Physiologie. In: Walther U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. S. 186–191.
  156. Geschichte der Biologie, besonders Seiten 352 und 461.
  157. Zitiert nach: Eduard Seidler / Karl-Heinz Leven: Geschichte der Medizin und Krankenpflege. 7., überarbeitete und erweiterte Auflage. Kohhammer Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-17-017624-2, S. 186 (dort ohne exakte Herkunftsangabe).
  158. Zitiert nach: Heinrich Schipperges (Hrsg.): Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. Meyers Lexikonverlag, Mannheim 1990, ISBN 3-411-02704-5. Kapitel 5: Struktur und Wandel medizinischer Bildungssysteme. S. 253–272; hier: S. 265.
  159. Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. S. 173 ff.
  160. Dietrich von Engelhardt: Romantische Mediziner. In: Klassiker der Medizin. S. 95–118.
  161. derselbe: Medizin der Romantik. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 903–907.
  162. Siehe dazu die Arbeiten des in Stuttgart lehrenden Medizinhistorikers Robert Jütte: Alternativmedizin. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 42–49. // Geschichte der alternativen Medizin: von der Volksheilkunde zu den unkonventionellen Therapien von heute. Beck Verlag, München 1996, ISBN 3-406-40495-2. // Das Kapitel 4.7 Geschichte der Alternativen Medizin in dem zusammen mit Wolfgang Uwe Eckart verfassten Methodenlehrbuch Medizingeschichte – Eine Einführung. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Böhlau Verlag / UTB, Köln etc. 2014, ISBN 978-3-8252-3927-5, S. 328–336.
  163. Giovanni Maio: Ausbildung, ärztliche (Neuzeit). In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 122f.
  164. Georg Harig, Peter Schneck: Geschichte der Medizin. Verlag Gesundheit, Berlin 1990, ISBN 3-333-00465-8, S. 211 f.
  165. Wilfried Witte: Reform, medizinische (1848/49). In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1221–1223.
  166. Diesen Aspekt betont bereits E. H. Ackerknecht am Anfang seiner für die Forschung wegweisenden Arbeit (siehe Literaturverzeichnis).
  167. Christian Andrea: Virchow, Rudolf. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1445–47.
  168. Gunter Mann: Rudolf Virchow (1821–1902). In: Klassiker der Medizin. Band 2, S. 203–215.
  169. Michael Kutzer: Leubuscher, Rudolf. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 846.
  170. Gustav Scheuthauer: Virchow, Rudolf V. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. Band 5, 1934, S. 768–772; hier: S. 768.
  171. Die medicinische Reform. Eine Wochenschrift, erschienen vom 10. Juli 1848 bis zum 29. Juni 1849. Nachdruck in: Rudolf Virchow: Sämtliche Werke, Band 5, Abteilung I = Medizin. 2010, ISBN 978-3-487-14441-2. Mit Inhaltsverzeichnis und Register. (Es erschienen insgesamt 52 Ausgaben, jeweils am Freitag.)
  172. Editorial unter dem Titel Schluss. Ausgabe vom 29. Juni 1849, S. 273 f. / Zitat von Seite 274 (Hervorhebungen im Original).
  173. Klaus Dörner: Wege der Psychiatrie. S. 701.
  174. Nach E.-H. Ackerknecht, Materialien zu Geschichte der Medizinalreform.
  175. Beide Zitate, die aus verschiedenen Veröffentlichungen stammen, nach Erwin H. Ackerknecht: Rudolf Virchow und die Sozialmedizin. In: Sudhoffs Archiv. Band 59 (3), 1975, S. 247–253; hier: S. 252.
  176. Drei Zitate nach Heinrich Schipperges: Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. S. 75.
  177. So zum Beispiel bereits im Titel seiner im hohen Alter gehaltenen Rede Die Gründung der Berliner Universität und der Übergang aus dem philosophischen in das naturwissenschaftliche Zeitalter vom 3. August 1893.
  178. Gelesen in der Jahressitzung der Gesellschaft für wissenschaftliche Medicin zu Berlin am 5. Dezember 1846. Veröffentlicht in Virchows Archiv für Anatomie und Physiologie und für klinische Medicin 1847, S. 1–19; Zitat auf S. 7.
  179. „Zu dem methodischen Prinzip eines naturwissenschaftlichen Positivismus hatte sich der jungen Virchow bereits [...] 1849 klar bekannt [...]“ // Heinrich Schipperges: Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. S. 75.
  180. Gelesen am 20. Dezember 1847. Veröffentlicht ibidem 1849, S. 3–37; Zitate auf Seite 9 f.
  181. Johanna Bleker: Der gefährdete Körper in der Gesellschaft. Ansätze zu einer sozialen Medizin zur Zeit der bürgerlichen Revolution in Deutschland. In: Arthur E. Imhof: Der Mensch und sein Körper. Von der Antike bis heute. C.H. Beck, München 1983, ISBN 3-406-09191-1, S. 226–242; hier besonders S. 235.
  182. Unter der Rubrik Bericht über die Reform-Vorgänge in zwei Teilen in den Nummern 12 und 13 der erwähnten Zeitschrift Die medicinische Reform vom 22. und 29. September 1848, S. 83f. und 91f.
  183. „… 1896 gab es in Berlin die ersten sechs Abiturientinnen; studieren konnten Frauen in der dt. Hauptstadt aber erst ab 1908, an den Univ. Freiburg und Heidelberg hingegen bereits i. J. 1900 … Insgesamt nahmen am Anfang des 20. Jh. etwa die Hälfte der Studentinnen ein Medizinstudium auf …“ Britta-Juliane Kruse: Frauenstudium, medizinisches. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 435–437; Zitat auf Seite 437.
  184. ibidem, auf Seite 92.
  185. Georg Harig, Peter Schneck: Geschichte der Medizin. Verlag Gesundheit, Berlin 1990, ISBN 3-333-00465-8, S. 212.
  186. Giovanni Maio: Ausbildung, ärztliche (Neuzeit). In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 122 f.
  187. Zitiert nach: Das Preussische Medicinalwesen: Aus amtlichen Quellen dargestellt. Von Geheimem Ober-Medicinal- und vortragendem Rathe im Königlichen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten Wilhelm Horn. Band 2. Zweite, vermehrte Auflage. Verlag August Hirschwald, Berlin 1863, S. 32 f.
  188. Giovanni Maio: Ausbildung, ärztliche (Neuzeit). In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 122.
  189. Eduard Seidler: Die Medizinische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau: Grundlagen und Entwicklungen. Springer Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-540-53978-6, S. 230.
  190. Alle folgenden Angaben aus dem Buch von Johannes Rigler: Das medicinische Berlin. Verlag Elwin Staude, Berlin 1873.
  191. Jürgen Mittelstraß: Philosophie. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 195–203.
  192. Die Darstellung folgt Claudia Huerkamp: Der Aufstieg der Ärzte im 19. Jahrhundert: Vom gelehrten Stand zum professionellen Experten. (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 68). Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-525-35727-3. Das Zitat findet sich auf Seite 102.
  193. Heinrich Schipperges: Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. Kapitel 5: Struktur und Wandel medizinischer Bildungssysteme. S. 253–272; Zitate auf S. 258.
  194. Ibidem. S. 102 f.
  195. Die Reform der Medicinal-Verfassung Preußens. 2., unveränderte Auflage. Enslin Verlag, Berlin 1846.
  196. Seite 94.
  197. „[…] Von der anderen Seite kann nicht bestritten werden, daß […] eben der Weg zur Medicin, was auch unsere jungen Skeptiker und Spectiker nach der neuesten Mode immer sagen mögen, durch die Philosophie hindurchführt. Lob und Preis den Manen des ehrwürdigen Mannes, welcher eben durch das Tentamen philosophicum das ärztliche Prüfungswesen veredelt hat! […] Es werden immer einige philosophische Disciplinen übrig bleiben, die dem angehenden Arzte dringend nöthig, gleichwohl in der medicinischen Facultät als solcher nicht repräsentirt sind […]“ / Ibidem. S. 96.
  198. Ibidem. S. 96 und 95 (Hervorhebung durch Sperrdruck im Original).
  199. Zitiert nach: Das Preussische Medicinalwesen: Aus amtlichen Quellen dargestellt. Von Geheimem Ober-Medicinal- und vortragendem Rathe im Königlichen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten Wilhelm Horn. Band 2. Zweite, vermehrte Auflage. Verlag August Hirschwald, Berlin 1863, S. 34–36.
  200. Das Desinteresse hing mit dem naturwissenschaftlichen Fortschritt in der Medizin zusammen, was den durchschnittlichen Studenten auf frühere Epochen der Medizin als bemitleidenswert herabblicken ließ. / Nach Claudia Huerkamp: Der Aufstieg der Ärzte im 19. Jahrhundert: Vom gelehrten Stand zum professionellen Experten. (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 68). Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985, ISBN 3-525-35727-3, S. 103 f.
  201. „[...] Nach 1871 fanden sich keine Vorlesungen mehr zur Medizingeschichte in den Vorlesungsverzeichnissen. Für mehrere Jahrzehnte fehlte in der beginnenden Ära der naturwissenschaftlichen Medizin das Interesse an Medizingeschichte fast völlig. Auch später sollte es sich unter Ärzten kaum wieder erholen.“ Nach der Darstellung [2] zur Institutsgeschichte auf dem Informationsportal der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg, abgerufen zuletzt am 5. Dezember 2018.
  202. Zum Beispiel in der Spezialstudie von Regina Häckel: Die Einführung des Tentamen Physicum für Mediziner an der Universität Würzburg. Medizinische Dissertation, Universität Würzburg 2015.
  203. Heinrich Schipperges (Hrsg.): Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. Kapitel 6.1 Wandel der theoretischen Modelle. S. 274–291.
  204. Ibidem. S. 289.
  205. Klaus Bergdolt: Das Kontinuum des Ärztlichen. In: Das Bild des Arztes im 21. Jahrhundert. Herausgegeben von Christian Katzenmeier und demselben. Springer Verlag, Heidelberg 2017, S. 105–115; hier: S. 107.
  206. Geschichte der Biologie. S. 812.
  207. Über die Grenzen des Naturerkennens. Verlag von Velhagen & Clasing, Leipzig 1927, S. 5. / Hier zitiert nach: Geschichte der Biologie. S. 436.
  208. H. Schipperges: Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. S. 289.
  209. Der Absatz folgt weitgehend H. Schipperges, ibidem. S. 290 f.
  210. Ergänzende biographische und bibliographische Angaben aus dem Artikel Volz, Robert Wilhelm. In: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte. Band 5, 1934, S. 799 f.
  211. Geisteskrankheit ist Gehirnkrankheit – die neue klinische Psychiatrie. In: Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. S. 215 f.
  212. Gegenströmungen – die Anfänge der Psychotherapie. In: Wolfgang U. Eckart: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. S. 217 f.
  213. Rolf-Peter Warsitz: Die widerständige Erfahrung der Psychoanalyse zwischen den Methodologien der Wissenschaften. In: Psyche. 51, 1997, S. 101–142.
  214. H. Schipperges: Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. S. 260.
  215. Giovanni Maio: Ausbildung, ärztliche (Neuzeit). In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 122 b.
  216. Klaus Bergdolt: "Das Kontinuum des Ärztlichen." In: Das Bild des Arztes im 21. Jahrhundert. Herausgegeben von Christian Katzenmeier und demselben. Springer Verlag, Heidelberg 2017, S. 105–115; hier vor allem Seiten 106–109.
  217. „Den naturwissenschaftlich begabten, psychologisch häufig weniger geschulten Ärzten, die das [Meidungsverhalten der Patienten] nicht verstanden, erschien es sogar konsequent, als Vorbedingung des klinischen Studiums das Philosophicum durch das Physicum zu ersetzen. Geisteswissenschaften sollten in der Medizin keine Rolle mehr spielen. […]“ Ibidem. S. 107.
  218. Ibidem. K. Bergdolt zitiert dabei: Heinrich Schipperges: Utopien der Medizin: Geschichte und Kritik der ärztlichen Ideologie des 19. Jahrhunderts. Müller Verlag, Salzburg 1968, S. 74.
  219. „Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Humanexperimente betreffend Infektionskrankheiten (z. B. Pocken) oder Ernährungsstörungen (z. B. Skorbut) statistisch ausgewertet. Aus Reihenversuchen mit eher zufällig ausgewählten Kollektiven entwickelten sich in einem langen Prozeß die kontrollierten klinischen Versuche. Hervorzuheben ist die ethische Problematik: die Frage der Auswahl der Probanden, ihrer Freiwilligkeit und Zustimmung. Dieses Problem […] wurde im 19. Jahrhundert nicht als Problem erkannt. Der Umgang forschender Ärzte mit den Versuchspersonen war 'unbefangen'. Es zählten die Ernsthaftigkeit der Fragestellung, der Wunsch, dem Fortschritt der Wissenschaft zu dienen, eine medizinisch korrekte Durchführung des Versuchs nach dem zeitgenössischen Standard und nützliche Ergebnisse. / Bei derartigen Menschenversuchen war der Experimentator der alleinige Herr des Verfahrens; seine Versuchspersonen waren Abhängige wie Diener seines eigenen Haushaltes, kasernierte Soldaten unter Befehl, soziale Randgruppen wie Waisenkinder, Prostituierte oder Strafgefangene; in der forschenden Krankenhausmedizin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden auch Kranke, die wegen anderer Gebrechen hospitalisiert waren, als Probanden medizinischer Versuche herangezogen. In all diesen Fällen fehlten Aufklärung und Einverständnis der Patienten bzw. Probanden...“ // Kapitel Humanexperimente. In: Karl-Heinz Leven: Geschichte der Medizin. Von der Antike bis zur Gegenwart. Beck Verlag, München 2008, ISBN 978-3-406-56252-5, S. 99–104; Zitat auf S. 101.
  220. „Die der lateinischen Sprache mächtig waren und sich die lateinische Bildung angeeignet hatten, bildeten eine geistige Gemeinschaft, welche alle politischen und Volksgrenzen übergriff; sie waren auch die Träger der lateinischen Literatur. […]“ // Aus: Franz Brunhölzl: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Band 1. W. Fink Verlag, München 1975, ISBN 3-7705-1113-1, S. 12 (Hervorhebung im Originaltext).
  221. „Durch mehr als eineinhalb Jahrtausend ist Latein die abendländische Wissenschaftssprache gewesen. Deshalb gab es für die damaligen Studenten keine Schwierigkeiten der Verständigung. […] Die Wissenschaften, die im westlichen Teil des Römischen Reiches gepflegt wurden, gingen mit dessen Untergang im 5. Jahrhundert keineswegs verloren. Vielmehr wurden sie von den neuen Völkern nicht nur sorgfältig bewahrt, sondern noch durch Jahrhunderte in lateinischer Sprache weiterentwickelt. So hat das Lateinische nicht nur an der Ausbildung der Terminologie, sondern auch an der Entwicklung der Grundbegriffe fast aller Wissenschaften mitgearbeitet; damit besitzen wir im Latein nicht nur den Schlüssel zur Sprache, sondern auch zur Geschichte der europäischen Wissenschaften […]“ // Aus: Carl Vossen: Mutter Latein und ihre Töchter. 13. Auflage. Stein-Verlag, Düsseldorf 1992, ISBN 3-87784-029-9, S. 28.
  222. „Zur historischen Entwicklung und bedeutung der Medizinischen Fachsprache.“ In: Juliane C. Wilmanns / Günther Schmitt: Die Medizin und ihre Sprache. Lehrbuch und Atlas der Medizinischen Terminologie nach Organsystemen. Ecomed Verlag, Landsberg/Lech 2002, ISBN 3-609-64390-0, S. 15 - 21; Zitat auf S. 18.
  223. Ibidem, S. 20.
  224. Raymond Villey: Kapitel Die Medizin in Rom: Galen. In: Illustrierte Geschichte der Medizin. Band 2, S. 411–439.
  225. J. C. Wilmanns / G. Schmitt: Die Medizin und ihre Sprache. S. 19.
  226. Brigitte Lohff: Johannes Müller. In: Klassiker der Medizin. Band 2: „[…] Stets Klassenbester, erhielt er bei einer öffentlichen Prüfung als Vierzehnjähriger eine Auszeichnung für seine Griechisch- und Lateinkenntnisse. / Ein großes Glück für diesen begabten Schüler war es, daß […] Johannes von Schulze […] die Stelle des Oberkonsistorialrates an der Schule übernahm. Von Schulze, selber in der Klassischen Philologie ausgebildet, war Anhänger des neuhumanistischen Bildungskonzeptes. Damit wurde das Koblenzer Gymnasium ab 1815 eine Schule, die preußisch orientiert war und großen Wert auf eine fundierte Ausbildung in den alten Sprachen und der Mathematik legte. Müllers besondere Begabung für die alten Sprachen förderte Schulze durch unentgeltlichen Privatunterricht.“ (S. 121 f.) „[…] Durch Übersetzungen von Dissertationen seiner Kommilitonen ins Lateinische musste er sich nebenbei etwas verdienen.“ (S. 124)
  227. Siehe ibidem die angegebene biographische Literatur.
  228. Leubuscher, Rudolph L. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. Band 3, 1931, S. 756 f.
  229. Zum Beispiel im folgenden Buchtitel von Robert Plot: De origine fontium, tentamen philosophicum. Oxford 1685.
  230. John Thomas Baumgartner: Tentamen physicum inaugurale, quaedam de lucis atque caloris, per combustionem vigentium, origine, complectens […] pro gradu doctoris, Summisque in Medicina Honoribus [...] Edinburgi MDCCXCIX [1799].
  231. Zum Beispiel von Adolf Schuftan: Günther's Mentor für das Tentamen physicum. Schletter Verlag, Breslau 1895. (Später im Verlag Max Günther erscheinend.) – In fachspezifischen Einzelbänden wie zum Beispiel 4. Leitfaden der Botanik für Mediziner.
  232. Carl [auch Karl geschrieben] Peter: Das Tentamen physicum. Anleitung zum Studium der Anatomie, Physiologie, Physik, Chemie, Zoologie, Botanik. Verlag S. Calvary, Berlin, ab 1897. – Ebenfalls in Einzelbänden wie zum Beispiel: 6. Allgemeine Botanik (1898).
  233. Hans Ratzeburg: Chemie, Physik, Zoologie, Botanik in 750 Fragen und Antworten für das Tentamen Physicum. 5. und 6. Auflage. Ackermann Verlag, München 1930.
  234. Von Walter Guttmann. Karger Verlag, Berlin.
  235. Arthur Jünger: Universal-Repetitorium: Das Physikum. Anatomie, Physiologie, Zoologie, Botanik, Physik, Chemie. Verlag Preuss & Jünger, Breslau 1902.
  236. Erschienen im Verlag Speyer & Kaerner, Freiburg in Baden 1932.
  237. Kuno Lorenz: Sprache. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 7, 2018, S. 478–483.
  238. derselbe: Sprachphilosophie. Ibidem. S. 491–496.
  239. derselbe: Sprachkritik. Ibidem. S. 489–491.
  240. Wolfgang J. Meyer: Linguistik. Ibidem, Band 4, 2010, S. 577–581.
  241. Robert Beekes: Etymological Dictionary of Greek. Band 2. Brill Verlag, Leiden und Boston 2010, ISBN 90-04-17418-4, S. 1597.
  242. James Patrick Mallory und D. Q. Adams (Herausgeber): Encyclopedia of Indo-European Culture. Fitzroy Dearborn, London und Chicago 1997, ISBN 1-884964-98-2, S. 53.
  243. Informationen zur lateinischen Lexik und Etymologie in diesem Abschnitt nach: Handwörterbuch der lateinischen Sprache. Herausgegeben von Reinhold Klotz. 3. Auflage, Leipzig 1861. 7. Nachdruck in zwei Bänden: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1963.
  244. Jürgen Mittelstraß: Natur. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 5, 2013, S. 500–503.
  245. derselbe, Artikel natura naturans. Ibidem. S. 506 f. // Sowie die weiteren oben im Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der Historischen Hintergründe angegebenen Artikel im selben Band.
  246. Marion Stamatu: Natur. In: Antike Medizin. Ein Lexikon. Herausgegeben von Karl-Heinz Leven. Beck Verlag, München 2005, ISBN 3-406-52891-0, Spalten 461–464.
  247. Natur. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Unter Mitwirkung von mehr als 1000 Fachgelehrten herausgegeben von Joachim Ritter und Karlfried Gründer. Band 6. Schwabe Verlag, Basel und Stuttgart 1984.
  248. Natura naturans/naturata. Ibidem.
  249. Jürgen Mittelstraß: Physis. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 315 f.
  250. So bei Aristoteles in der unter dem Titel Metaphysik überlieferten Textsammlung: Delta 4.1014 b 16 - 17.
  251. Rolf-Peter Warsitz: „Die widerständige Erfahrung der Psychoanalyse zwischen den Methodologien der Wissenschaften.“ In: Psyche. 51, 1997, S. 101–142; hier: S. 108 f.
  252. Jürgen Mittelstraß: Natur. S. 501.
  253. ibidem. S. 501 f.
  254. Ilse Jahn, Ulrich Sucker: Kapitel 19. Die Herausbildung der Verhaltensbiologie (S. 580–600) mit dem Unterkapitel 19.3.1. Die Umweltlehre Jakob VON UEXKÜLLS. (S. 587 f.) In: Geschichte der Biologie: "Eine Alternative zu dem 'mechanizistischen' Konzept des Behaviorismus wie auch zu der anthropomorphen Tierpsychologie bildete die umwelttheoretische Konzeption tierlichen Verhaltens von Jakob VON UEXKÜLL, die auch eine Sonderstellung einnahm zwischen vergleichender und sinnesphysiologischer Verhaltensforschung und Ökologie [...]" (Zitat auf Seite 587).
  255. Thure von Uexküll: Der Mensch und die Natur. 1953, S. 8 f. / Zitiert nach: Medizin. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 5, 1980, S. 996.
  256. „…Seine Arbeit aber legt dem Psychiater die Beschäftigung mit der Natur des menschlichen Geistes und grundsätzlichen philosophischen Problemen nahe. Nicht von ungefähr ist etwa Theodor Ziehen von der Psychiatrie zur Psychologie, von der Medizinischen zur Philosophischen Fakultät übergewechselt. Psychiater und Neurologen wie Monakow, Weizsäcker, Jaspers repräsentieren einen besonderen Typ des >Iatros philosophos< als Gegenpol gewissermaßen zu einer anderen Gruppe, die sich auf die Anatomie, die Biologie im weitesten Sinne stützt…“ Aus: Hans-Heinz Eulner: Die Entwicklung der medizinischen Spezialfächer an den Universitäten des deutschen Sprachgebietes. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1970, ISBN 3-432-01655-7, S. 257 f. // Der griechische Ausdruck bedeutet wörtlich weisheitsliebender Heiler oder Philosophenarzt. Der Autor bezieht sich damit auf das Ideal, das einflussreiche antike Ärzte wie Hippokrates und Galen formulierten (siehe dazu oben das Unterkapitel Geistesgeschichtlicher Rahmen der Historischen Hintergründe).
  257. Heinz SchottSchipperges, Heinrich. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 2–4 (Digitalisat).
  258. Er zog auch selber mit seinem Denken und sehr umfangreichem Werk schon zu Lebzeiten forschendes Interesse auf sich: Paul Chummar Chittilappilly: Zwischen Kosmos und Zeit: medizinische Anthropologie bei Heinrich Schipperges; zum Gespräch zwischen Medizin und Ethik. Dissertation, Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen. Verlag Olms-Weidmann, Hildesheim 2000, ISBN 3-487-11263-9.
  259. „Ärztliche Bemühungen um die Gesunderhaltung seit der Antike.“ In: Heidelberger Jahrbücher. Band 7. Springer Verlag, Berlin etc. 1963, S. 121–136.
  260. „[...] Als Alternative zu diesem System der Krankenversicherung, die in den letzten Jahrzehnten zu einer Kostenlawine geführt hat, werden zunehmend Konzepte einer Gesundheitssicherung angeboten, die ein wissenschaftlich unterbautes System der Vorsorge und der Gesundheitsbildung zur Voraussetzung haben. [...] [Die zukünftige Medizin] wird ein System von übergeordneter Bedeutung sein, wofür allein schon drei Argumente sprechen: 1. Die Medizin wird der beherrschende ökonomische Faktor der Zukunft bleiben; schon jetzt werden 30 % aller Ausgaben für Krankheiten und deren Folgekosten erbracht. [Das zitierte Buch wurde im Jahr 1990 veröffentlicht.] 2. Die Medizin wird der psychologisch beherrschende Faktor bleiben; auch der kommenden Generation noch gilt Gesundheit als das höchste Gut. 3. Die Medizin wird zum politisch dominierenden Faktor der Zukunft werden; hier werden Prioritäten für den Lebensstil gefunden und gesetzt werden müssen.“ // Heinrich Schipperges: Geschichte der Medizin in Schlaglichtern. S. 109 f.
  261. Ibidem, S. 338.
  262. In der englischsprachigen Wikipedia findet sich ein Artikel über ihn.
  263. Uexküll – Psychosomatische Medizin. Theoretische Modelle und klinische Praxis. 8. Auflage. Herausgegeben von Karl Köhle et alii. Verlag Elsevier / Urban & Fischer, München 2017, ISBN 978-3-437-21833-0, S. 6. (Hervorhebungen im Original).
  264. Englisches Zitat: ibidem, S. 7 (Übersetzung erstellt für diesen Artikel).
  265. „Interview: Nicht mehr nur kreuzen – wie Examensprüfungen bald aussehen könnten. IMPP-Direktorin Prof. Jana Jünger im Interview mit der MBZ: Kommunikation und Patientenorientierung bilden neue Schwerpunkte“. In: Marburger Bund – Zeitung Nr. 12/24. August 2018. S. 7. / Auch in elektronischer Form veröffentlicht auf dem Informationsportal des IMPP.
  266. Heinz Penzlein: Kapitel 13. „Die theoretische und institutionelle Situation in der Biologie an der Wende vom 19. zum 20. J[ahr]h.[undert].“ Siehe besonders das Unterkapitel 13.1. „Die theoretischen Auseinandersetzungen über das Lebensproblem.“ In: Geschichte der Biologie. S. 431 - 440; besonders S. 434 - 437.
  267. Zitat auf S. 437.
  268. Er ist in beiden Gebieten promoviert. / Die biographischen Informationen finden sich im Anhang zum genannten Buch.
  269. Klaus Dörner: Wege der Psychiatrie. S. 701.
  270. Klaus Dörner, ibidem. S. 702–705.
  271. Klaus Dörner, ibidem. S. 704.
  272. „[…]Wir lernen: Heilen und Vernichten können zwei Seiten derselben Medaille sein […], ein Weitblick, den zur Tatzeit nur wenige Psychiater (Ewald, Göttingen; Müller, Lemgo; Jaspersen, Bethel) und Kirchenleute (von Galen, von Bodelschwingh, Braune, Wurm) hatten.“
  273. Die enorme auch gerade mentalitätsverändernde Wirkung der Industrialisierung betont der Autor im ganzen Kapitel (siehe oben das Unterkapitel Zeitgeschichtliche Voraussetzungen...).
  274. Klaus Dörner, ibidem. S. 705. / Er gibt als Literaturquelle an: Hufeland, C.[hristoph] W.[ilhelm]: „Die Verhältnisse des Arztes.“ In: Journal der Praktischen Arzneykunde und Wundarzneykunst. Band 23 (3), 1806, S. 5–36.
  275. „So sei hier wenigstens an einige Psychiater der Nachkriegsgeneration […] erinnert: von Baeyer, Kisker, Häfner, Kulenkampff, Bosch, Binswanger, von Gebsattel, Wulff, Frankl und Gross, im weiteren Sinne auch Buber und Levinas und auch die polnischen Psychiater Kempinski, Orwid und Szymusik.“/ Klaus Dörner: Wege der Psychiatrie. S. 706 f.
  276. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1976, ISBN 3-525-33406-0.
  277. „Es wird in dieser Schrift der Versuch unternommen, nicht die Schizophrenie, sondern vielmehr den schizophrenen Menschen als Geisteskranken und als psychotherapeutischen Partner darzustellen, also nicht nur als Bild der Psychopathologie, sondern und besonders als einer Existenz, die sich aus der psychotherapeutischen Verwirklichung meiner Person mit der seinen ergibt. Der Geisteskranke wird hier zu unserem Mitmenschen, indem wir ein solcher zu ihm werden. Die Frage, was Schizophrenie ist, wird hier nicht von der Ursache her, sondern vom Erleben des Kranken und von unserem Miterleben seiner Tragödie her untersucht. Angesichts einer oft jahrelangen Krankheit ist die Frage nach dem Wesen der betreffenden Schizophrenie kaum nur in der Rückführung auf eine Ursache, sondern auch im Bereich des sich an uns artikulierenden Lebensschicksals des Kranken zu suchen“ (Seite 5). „[...]Selbst wenn das erste Glied der kausalen Kette biologischer Natur ist, heißt das nicht, daß die ganze Kausalität dort aufgespeichert ist“ (Seite 6). „[...]Die bloß körperliche Behandlung unter Ausschaltung des Gesprächs ist im Grunde genommen auch eine Repression“ (Seite 8).
  278. Heinz Schott: Sigmund Freud. In: Klassiker der Medizin. Band 2, S. 323–334.
  279. Klemens Dieckhöfer: Psychosomatik. In: Enzyklopädie Medizingeschichte, S. 1197 f.
  280. Paul Hoff: Kapitel 2 – Geschichte der Psychiatrie. In: Hans-Jürgen Möller / Gerd Laux / Hans-Peter Kapfhammer (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie. 5. Auflage. Band 1. Springer Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-49293-2, S. 41–68; besonders Unterkapitel 10 – Psychosomatische Medizin. S. 58 f.
  281. Hans-Peter Kapfhammer: Kapitel 87 – Psychosomatische Medizin – Einleitung und Übersicht. ibidem, Band 4, S. 2645–2667.
  282. Ortrun Riha: Heinroth, Johann Christian August. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 564 f.
  283. Johann Christian August Heinroth: Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens oder der Seelenstörungen und ihrer Behandlung. Vogel Verlag, Leipzig 1818.
  284. Heinroth, Johann Christian August. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte... Band 3, 1931, S. 139.
  285. Wolfgang Jacob: Viktor von Weizsäcker. In: Klassiker der Medizin. Band 2, S. 366–387.
  286. Rainer Otte: Thure von Uexküll – von der Psychosomatik zur Integrierten Medizin. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-45891-6.
  287. Uexküll – Psychosomatische Medizin. Theoretische Modelle und klinische Praxis. 8. Auflage. Herausgegeben von Karl Köhle, Wolfgang Herzog, Peter Joraschky, Johannes Kruse, Wolf Langewitz und Wolfgang Söllner. Verlag Elsevier / Urban & Fischer, München 2017, ISBN 978-3-437-21833-0.
  288. Ibidem, S. 5 (Hervorhebungen im Original).
  289. Ibidem, S. 7 (alle Hervorhebungen in den folgenden Zitaten im Original).
  290. Indem er aussagte, „...dass ich meinem Körper aufs Engste verbunden (arctissime conjunctum) bin und gleichsam mit ihm vermischt (quasi permixtum), so dass ich mit ihm zusammen ein einheitliches Etwas ausmache (adeo ut unum quid cum illo componam).“ (6. Meditation)
  291. Beides belegt in Briefen aus dem Folgejahr, nämlich vom 28. Juni. bzw. 21. Mai 1643.
  292. Ibidem, S. 21 (Hervorhebungen durch Fettdruck im Original).
  293. Dargestellt zum Beispiel in der Aufsatzsammlung Psychiatry, psychoanalysis and the new biology of mind. Deutsche mit Kommentaren versehene Ausgabe als: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Michael Bischoff und Jürgen Schröder. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 3-518-29460-1.
  294. Auch in seinem neueren interdisziplinären Buch The age of insight. Deutsch als: Das Zeitalter der Erkenntnis: die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Martina Wiese. Siedler Verlag, München 2012, ISBN 3-88680-945-5.
  295. Eine fachwissenschaftliche Überblicksdarstellung findet sich in dem von E. R. Kandel, J. H. Schwarz und T. M. Jessell herausgegebenen Lehrbuch Principles of Neural Science. 4. Auflage. McGraw-Hill (Health Profession Division), New York 2000. Kandel schrieb darin die Kapitel "Disorders of mood: depression, mania, and anxiety disorders" (S. 1209 – 1226) und "Cellular mechanisms of learning and the biological basis of individuality" (S. 1247 – 1277).
  296. Verwiesen wird zum Beispiel (auf den S. 166, 204 und 219 des nachfolgend angegebenen Lehrbuchs) – neben der genannten Aufsatzsammlung Kandels und dessen Lehrbuch – auf die Forschungspublikation "Biology and the future of psychoanalysis, a new intellectual framework für psychiatry revisited." In: American Journal of Psychiatry. Band 156 (1999), S. 505–524.
  297. Sowie auf das zusammenfassende und autobiographische Buch Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes. Siedler Verlag, München 2006, ISBN 3-88680-842-4.
  298. Die erste Auflage erschien unter dem Titel Psychosomatik, Psychotherapie und Gehirn im Jahr 2001. Die 5., aktualisierte und erweiterte Auflage im Schattauer Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-7945-2652-9.
  299. Im (erneut abgedruckten) Vorwort zur ersten Auflage schreibt er davon, "[…] wie sehr die Psychosomatik mittlerweile zu einer Disziplin geworden ist, die auch naturwissenschaftlichen Kriterien genügen muß. Das vorliegende Buch über die biologischen Grundlagen der Psychosomatik will dem Rechnung tragen und darlegen, wie Emotionen und unser 'Geist' die Gesundheit des Körpers beeinflussen können und umgekehrt." (Seite IX)
  300. Angeführt wird dessen Buch in deutscher Ausgabe: Der Arzt, sein Patient und die Krankheit. Klett Verlag, Stuttgart 1957.
  301. Im abschließenden Unterkapitel Heilende Worte – Ein Fazit: ibidem. S. 164–166.
  302. In Kapitel 5: "Gehirn und Immunsystem". ibidem, Seiten 93–112; sowie im "Fazit" auf S. 165.
  303. ibidem, S. 200, Anmerkung 83. Genannt werden von diesen Hypnose, Meditation und Entspannungsverfahren. Rüegg verweist dort auf die Originalveröffentlichung von Kiecolt-Glaser JK et alii: Hypnosis as a modulator of cellular immune dysregulation during acute stress. In: J Consult Clin Psychol; 69 (2001): S. 674–682.
  304. ibidem, S. 198 f., Anmerkung 72. Er verweist dort auf die Originalveröffentlichungen: Weaver IC et alii: Epigenetic programming by maternal behavior. In: Nat Neurosci; 7 (2004): S. 847–854. // Und: derselbe et alii: Maternal care effects on the hippocampal transcriptome and anxiety-mediated behaviors in the offspring that are reversible in adulthood. In: Proc Natl Acad Sci USA; 103 (2006): S. 3480–3485.
  305. ibidem. S. 166.
  306. „[…] Das Interesse der P.[hilosophie] an der Wissenschaft, das diese aus einer gemeinsamen Vergangenheit bewahrt hat, macht sich gegenwärtig insbes.[ondere] in Form der Wissenschaftstheorie geltend. Neben der Bemühung, das Faktum der Wissenschaft, d. h. wissenschaftlicher Theoriebildung in ihrem methodischen Aufbau, zu analysieren […], ist hierbei vor allem (wenn auch konzeptions- oder positionsgebunden in unterschiedlicher Form) die Absicht leitend, gegen die Verselbständigung der Wissenschaften wieder ins Feld zu führen, was früher als begründungsorientierte Grundlagenkomponente zu ihnen gehörte […]“ Jürgen Mittelstraß: Philosophie. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 199f.
  307. Warsitz, Rolf-Peter: Die Psychoanalyse zwischen den Methodologien der Wissenschaft. In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. Begründet von Alexander Mitscherlich. Herausgegeben von Margarete Mitscherlich. 51. Jahrgang, Heft 2, Februar 1997, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1997, ISSN 0033-2623, S. 121–142.
  308. Informationen zur Person finden sich in seinen Veröffentlichungen sowie auf dem Portal seiner Universität und des Buchverlages Psychosozial.
  309. Das Zitat findet sich in dem Aufsatz auf Seite 136.
  310. Dokumentiert ist das in den Schriften Platons, dessen Lebenszeit mit 428/7 – 348/7 vor Christus angesetzt wird, und denen des Aristoteles, der sein Schüler war: „Ihren historischen Ursprung haben erkenntnistheoretische Bemühungen in der zuerst von Platon unter der Titelfrage >was ist Erkenntnis/Wissen (episteme)?< (Theait. 145e) diskutierten Unterscheidung zwischen ^Wissen, Glauben (^Glaube (philosophisch)) und ^Meinung sowie in der Aristotelischen Unterscheidung unterschiedlicher Formen des Wissens (Met. A1. 980a21 – 981b13)…“. / Jürgen Mittelstraß: Erkenntnistheorie. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 2, 2005, S. 377–379. / Die in dem Zitat verwendeten Abkürzungen beziehen sich auf den Dialog (in Dialogform verfasste Abhandlung) Theaitetos, der inhaltlich dem Spätwerk des Philosophen zugeordnet wird, sowie auf die Metaphysik betitelte Textsammlung. / Für die biographischen Informationen siehe: Gatzemeier, Matthias: Platon. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 6, 2016, S. 330–341.
  311. Louis Althusser: Philosophie et philosophie spontanee des savants. Entstanden 1967. Verlegt: Paris 1974. Deutsch als: Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler. Enthalten in: Schriften, Band 4. Argument Verlag, Hamburg 1985, S. 17–118.
  312. Althusser war wiederum seinerseits unter anderem durch die Psychoanalyse gedanklich geprägt und veröffentlichte auch selber darüber: Ecrits sur la psychanalyse: Freud et Lacan. Herausgegeben von O. Corpet und F. Matheron, Paris 1993. / Biographische und bibliographische Informationen nach: Dieter Teichert: Althusser, Louis. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 1, 2005, S. 109.
  313. In der französischen Wikipedia findet sich ein Artikel über ihn.
  314. Canestri bemüht sich auch mithilfe von Studien auf den Gebieten Neurowissenschaft, Linguistik und Epistemologie um einen Brückenschlag zwischen Disziplinen.
  315. Siehe dazu die von Jorge Canestri herausgegebenen Bände: Psychoanalysis: From Practice to Theory. John Wiley, Chichester, West Sussex 2006, ISBN 1-86156-494-5. Dort ausgeführt besonders in Kapitel 2: The map of private (implicit, preconscious) theories (Seiten 29–43). // Putting Theory to Work: How are Theories actually Used in Practice? Karnac, London 2012, ISBN 978-1-85575-587-1.
  316. Zitat auf Seite 124.
  317. Seite 124 f.
  318. Dieter Teichert: Vorurteil. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 8, 2018, S. 362 f.
  319. Encyclopädisches Wörterbuch der kritischen Philosophie oder Versuch einer fasslichen und vollständigen Erklärung der in Kants kritischen und dogmatischen Schriften enthaltenen Begriffe und Sätze: Mit Nachrichten, Erläuterungen und Vergleichungen aus der Geschichte der Philosophie begleitet und alphabetisch geordnet. 6 Bände. Frommann, Züllichau und Leipzig 1797 bis 1804.
  320. Oswald Schwemmer: Kant, Immanuel. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 4, 2010. / II: Teil: Praktische Philosophie, S. 153–158 und 161 f.
  321. Nach: Vorurtheil. In: Encyclopädisches Wörterbuch der kritischen Philosophie. Band 6, 1804, S. 75–84 (Hervorhebungen im Original).
  322. Siegried Blasche: Nietzsche, Friedrich. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 5, 2013, S. 573–579; Zitate auf S. 575.
  323. Zuerst erschienen im Jahr 1882. Zitiert ist ein großer Teil des Aphorismus 344 (ab dessen Beginn). Text nach der Kritischen Ausgabe, die von Giorgio Colli & Mazzino Montinari seit den 1960er Jahren besorgt wurde (Hervorhebungen im Original).
  324. Karl Köhle: Teil I Theoretische Grundlagen. Kapitel 1 „Integrierte Medizin.“ In: Uexküll - Psychosomatische Medizin, S. 3–22; Das Zitat steht dort auf S. 7.
  325. Martin Heidegger: Einführung in die phänomenologische Forschung. (Gesamtausgabe, Band 17.) Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-465-01218-6, S. 2.
  326. Carl F. Gethmann: Vorverständnis. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 8, 2018, S. 363 f.
  327. „[...] Im deutschsprachigen Raum ist die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Kritik vor allem innerhalb der Frankfurter Schule (-> Theorie, kritische) geführt worden. Diese wandte sich gegen den <positivistisch halbierten Rationalismus> (J.[ürgen] Habermas) einer um den erkenntniskritischen Teil verkürzten Wissenschaftstheorie, in deren -> Theoriesprache soziale Vorurteile einfließen, für die nachträgliche Rechtfertigung durch empirische Befunde, die sich nur mit Mitteln der Theorie selbst gewinnen lassen, kein zureichendes Korrektiv sei.“ // Herbert G. Ganslandt: Ideologie. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3, 2008, S. 538 - 542; Zitat auf S. 541. Er verweist dabei auf Habermas' Buch Technik und Wissenschaft als Ideologie. Frankfurt 1968 und 2003.
  328. Sie nahm, obwohl bereits promovierte Wissenschaftlerin in ihrem eigenen Fachgebiet, an entsprechenden Ausbildungen teil und unterzog sich auch selber einer Psychoanalyse.
  329. Tanya M. Luhrmann: Of two minds. The growing disorder in American psychiatry. Knopf, New York 2000, ISBN 0-679-42191-2.
  330. Paul A. M. Dirac: Development of the physicist's conception of nature. In: Jagdish Mehra (Hrsg.): The physicist’s conception of nature. – Symposium on the Development of the physicist's conception of nature in the twentieth century. Held at the International centre for theoretical Physics, Miramare, Trieste, Italy, 18 – 25 September 1972. D. Reidel, Dordrecht – Holland / Boston – USA 1973, ISBN 90-277-0345-0, S. 1–14.
  331. "When one looks back over the devgelopment of physics, one sees that it can be pictured as a rather steady development with many small steps and superposed on that a number of big jumps. Of course it is these big jumps which are the most interesting feature of this development. The background of steady development is largely logical, people are working out the ideas which follow from the previous set-up according to standard methods. But then, when we have a big jump, it means that something entirely new has to be introduced. / These big jumps usually consist in overcoming a prejudice. We have had a prejudice grom time immemorial; something which we have accepted without question, as it seems so obvious. And then a physicist finds that he has to question it, he has to replace this prejudice by something more precise, and leading to some entirely new conception of nature [...]"
  332. Im Original: […] led me astray: "[...] There was very strong reluctance to postulate new particles up until that time. / That led me astray when I first worked out these ideas about the holes in the vacuum distribution of electrons. I felt that the holes must represent protons because they certainly had a positive charge. I thought right at the beginning I would expect them to be symmetrical with the electrons and to have the same mass as the electrons. But it was rather inconceivable to me that there should be a new particle with a positive charge and the mass of the electron. I reasoned that if such particles did exist, the experimentalists would certainly have seen them. / Why did the experimentalists not see them? Because they were prejudiced against them. [...]" / ibidem. S. 12.
  333. „[…] unsere heutige wissenschaftstheoretische Position von dem hypothetischen Charakter und der Vorläufigkeit physikalischr Theorien […]“ Wilfried Kuhn: Ideengeschichte der Physik. Eine Analyse der Entwicklung der Physik im historischen Kontext. 2. Auflage. Verlag Springer Spektrum, Berlin und Heidelberg 2016, ISBN 978-3-662-47058-9, S. 71.
  334. Etwa am Beispiel der Kontroverse um die folgenreiche Veröffentlichung des frühneuzeitlichen italienischen Physikers und Mathematikers Galileo Galilei (1564–1642): „[…] Immerhin verdankt die Wissenschaft Kardinal Bellarmin die frühzeitige Erkenntnis, dass jede wissenschaftliche Theorie immer nur eine Hypothese ist, mit der man nur so lange arbeitet, bis sie durch eine neue Hypothese abgelöst wird, die die beobachteten Phänomene noch besser erklärt. Dies ist heute das gemeinsame Verständnis aller Wissenschaftler.“ Kapitel Emanzipation der Wissenschaft: Galileo Galilei. In: Thomas Hellweg: Meister von Raum & Zahl: Mathematikerportraits aus drei Jahrtausenden. Centaurus Verlag, Freiburg 2010, ISBN 978-3-8255-0696-4, S. 115–119; Zitat auf S. 118.
  335. „[…] Die geometrische Äquivalenz der beiden Modelle, die bereits Apollonios und selbstverständlich auch Ptolemäus bekannt war, enthielt in nuce die Äquivalenz des heliozentrischen und geozentrischen Modells. Trotzdem konnte sich in der Antike diese Idee nicht durchsetzen, weil man sich ihr psychologisch widersetzete.“ / W. Kuhn: Ideengeschichte der Physik. S. 70.
  336. Thomas Junker: Kapitel 10. Charles Darwin und die Evolutionstheorien des 19. Jahrhunderts. In: Geschichte der Biologie, S. 356 – 385. // „[…] Sicher ist, daß DARWINS Krankheit verstärkt in den Jahren 1837–1842 auftrat, als er seine revolutionäre Theorie zu entwickeln begann. DARWIN wußte sehr wohl, wie sehr diese Theorie mit ihren Konsequenzen für Wissenschaft und Religion seine wissenschaftliche Laufbahn gefährden konnte, ebenso wie sie ihn seiner gesellschaftlichen Klasse und nicht zuletzt seiner Frau entfremden könnte […]“ (S. 361). „[…] Es muß aber betont werden, daß die Rezeption, die Kritik und die theoretischen Alternativen zu DARWINS Theorien auch durch die unterschiedlichen persönlichen, nationalen und sozialen Gegebenheiten geprägt wurden. Obwohl in den letzten Jahren vermehrt Anstrengungen unternommen wurden, der Bedeutung dieser Faktoren gerecht zu werden, sind wir von einer wirklichen vergleichenden Darstellung noch weit entfernt. […] Kontrovers diskutiert werden beispielsweise noch folgende Fragen: Welche Bedeutung hatten das Lebensalter und der weltanschauliche, religiöse, soziale und politische Hintergrund der Anhänger bzw. Gegner DARWINS? Wie groß war der Einfluß, den die nationalen wissenschaftlichen Traditionen und die Struktur der jeweiligen Institutionen ausübten? In welchem Maße machen die allgemeinen philosophischen und ideologischen Trends in den verschiedenen Nationen die charakteristischen Reaktionen auf DARWINS Theorien plausibel? – […] Man mag die Vermengung wissenschaftlicher Ideen mit sozialen und ideologischen Fragen, die bei der Darwinismus-Kontroverse des 19. J[ahr]h.[underts] ständig präsent war, kritisieren und für die Wissenschaft abträglich halten, aber sie ist eine historische Tatsache, die dokumentiert, daß Wissenschaft nicht nur ein geistiges, sondern auch ein soziales Unternehmen ist […]“ (S. 367).
  337. […] Participants later referred to the 1946 [Cold Spring Harbor] Symposium [on Microbial Genetics] as the landmark event at which the new discipline of molecular biology acquired 'body and soul.' Those who considered themselves outsiders noted that the members of the orthodox phage church had gathered around their three bishops: Max Delbrück, Alfred Hershey, and Salvador Luria, who shared the Nobel Prize in 1969. It was Delbrück, however, who definded the dogma of the orthodox faith. Ideas and results reported from outside the church were rejected by Delbrück and treated as heresy. This makes it rather surprising to realize that Delbrück and his disciples were among the many skeptics who resisted the idea that DNA could be [Oswald T.] Avery's transforming material. […] Not until the announcement of the results of the Hershey-Chase experiments of 1952 was the general agreement that DNA must be taken seriously.” (deutsch: „[…] Teilnehmer verwiesen später auf das Symposium von 1946 [über Mikrobielle Genetik in Cold Spring Harbor] als den Wendepunkt, an dem die neue Disziplin der Molekularbiologie 'Fleisch und Seele' annahm. Diejenigen, die sich selber als Außenseiter betrachteten, bemerkten, dass die Mitglieder der orthodoxen Phagen-Kirche sich um ihre drei Bischöfe geschart hatten: Max Delbrück, Alfred Hershey und Salvador Luria, die sich den Nobelpreis im Jahr 1969 teilten. Es war jedoch Delbrück, der das Dogma des rechten Glaubens festlegte. Ideen und Ergebnisse, die von außerhalb der Kirche berichtet wurden, wurden von Delbrück zurückgewiesen und als Häresie behandelt. Darum ist es ziemlich überraschend, wenn man feststellt, dass Delbrück und seine Schüler sich unter den vielen Skeptikern befanden, die die Idee zurückwiesen, dass DNS [Oswald T.] Averys transformierendes Material sein könnte. […] Vor Bekanntgabe der Ergebnisse aus den Experimenten von [Alfred] Hershey und [Martha] Chase von 1952 gab es keine Übereinkunft, daß man DNS ernst nehmen müßte.“) Aus: Lois N. Magner: A History of the Life Sciences. Zweite Auflage. Marcel Dekker, New York etc. 1994, ISBN 0-8247-8942-3, S. 445.
  338. […] Phage workers were beginning to think that bacteriophages might act like tiny hypodermic needles full of genetic material; empty virus coates might remain outside the host cell after the genetic material had been injected. To test this possibility, Hershey and Chase used radioactive sulfur to label phage proteins and radioactive phosphorus to label DNA. After allowing phages to attack bacterial cells, the infected bacterial cultures were […] centrifuged in order to separate intact bacteria from smaller particles. Hershey apparently began these experiments with considerable skepticism about the idea that nucleic acids would enter the bacterial cell. His colleague Thomas F. Anderson later recalled a day at Cold Spring Harbor Laboratory when he and Hershey discussed the 'wildly comic possibility' that phage DNA could enter the bacterial cell and act like the transforming principle. Many scientists were surprised when the experiments indicated that the joke was 'not only ridiculous but true.'” (deutsch: „[…] Phagenforscher begannen anzunehmen, dass Bakteriophagen sich vielleicht wie winzige Injektionsnadeln voll genetischem Material verhalten.; leere Virushüllen würden außerhalb der Wirtszelle verbleiben, nachdem das genetische Material injiziert worden war. Um diese Möglichkeit zu testen, verwendeten Hershey und Chase radioaktiven Schwefel, um Phagenproteine und radioaktiven Phosphor, um DNS zu markieren. Nachdem man die Phagen Bakterienzellen hatte angreifen lassen, wurden die infizierten Bakterienkulturen […] zentrifugiert, um intakte Bakterien von kleineren Teilchen zu trennen. Hershey begann diese Experimente mit beträchtlicher Skepsis gegenüber der Idee, dass Nukleinsäuren in die Bakterienzellen eindringen würden. Sein Kollege Thomas F. Anderson erinnerte sich später an einen Tag am Cold Spring Harbor Laboratorium, als er und Hershey über die 'überaus komische Möglichkeit' diskutierten, dass Phagen-DNS in die Bakterienzellen eindringen und sich wie das transformierende Prinzip verhalten könnten. Viele Wissenschaftler waren überrascht, als die Experimente darauf hinwiesen, dass der Witz 'nicht nur lächerlich, sondern wahr' war.“) ibidem, S. 446.
  339. Am Beispiel der Erforschung der Tuberkulose: “[…] Thus, after decades of controversy as to the nature of tuberculosis, Koch's discovery vindicated the unitary theory of tuberculosis… Working feverishly, Koch was ready to present his preliminary report to the Physiological Society in Berlin on March 24, 1882. Paul Ehrlich later described the presentation as a masterpiece of scientific research and a deeply moving experience… Despite the rigorousness of Koch's investigations of the tubercle bacillus, not all scientists were willing to accept the idea that a single pathogen should be responsible for an enigma as complex as tuberculosis. Although systematic postmortem examinations by Rene Laennec (1781–1826) and other French physicians had found evidence that tuberculosis caused morbid effects throughout the body, Rudolf Virchow, the German pope of pathology, insisted that pulmonary tuberculosis and miliary tuberculosis were different diseases. Like Koch, Virchow was given to nationalistic attacks on his French counterparts, but Virchow also tended to denigrate Koch's work on the so-called tubercle bacillus. In any case, Virchow argued, if the microbe were as widespread as Koch asserted, but only certain individuals became consumptives, the true cause of tuberculosis could not be a contagion. Advocates of the germ theory of disease objected that one might as well say that bullets did not kill because not every soldier on the battlefield was killed by a barrage of bullets. […] In 1905 Koch was awarded the fifth Nobel Prize for Physiology or Medicine in recognition of his pioneering work on tuberculosis.” (deutsch: „[…] So bestätigte nach Jahrzehnten der Kontroverse über die Natur der Tuberkulose Kochs Entdeckung die Einheitstheorie der Tuberkulose. […] Nach fieberhaftem Arbeiten war Koch bereit, seinen vorläufigen Bericht der Physiologischen Gesellschaft in Berlin am 24. März 1882 vorzulegen. Paul Ehrlich beschrieb den Vortrag später als ein Meisterwerk wissenschaftlicher Forschung und eine tief bewegendes Erlebnis […] Trotz der Gründlichkeit von Kochs Untersuchungen des Tuberkelbazillus waren nicht alle Wissenschaftler bereit, die Idee zu akzeptieren, daß ein einziger Krankheitserreger für ein so komplexes Rätsel wie die Tuberkulose verantwortlich sein sollte. Obwohl systematische Leichenschauen von Rene Laennec (1781–1826) und anderen französischen Ärzten Hinweise gefunden hatten, daß Tuberkulose Krankheitseffekte im ganzen Körper verursachte, bestand Rudolf Virchow, der deutsche Papst der Pathologie, darauf, daß Lungentuberkulose und Miliartuberkulose verschiedene Krankheiten seien. Wie Koch richtete Virchow gewohnheitsmäßig nationalistische Angriffe auf seine französischen Kollegen, aber Virchow neigte auch dazu, Kochs Arbeit über die sogenannten Tuberkelbazillen zu verunglimpfen. Jedenfalls argumentierte Virchow, wenn die Mikrobe so weitverbreitet wäre wie Koch erklärte, aber nur bestimmte Individuen schwindsüchtig wurden, könne die wahre Ursache der Tuberkulose kein ansteckender Erreger sein. Anhänger der Keimtheorie der Krankheit erwiderten, daß man genausogut sagen könnte, daß Geschosse nicht töteten, weil nicht jeder Soldat auf dem Schlachtfeld von einer Geschoßsalve getötet würde. […] Im Jahr 1905 wurde Koch der fünfte Nobelpreis für Physiologie oder Medizin in Anerkennung seiner bahnbrechenden Arbeit über Tuberkulose verliehen.“) Aus: Lois N. Magner: A History of the Life Sciences. Zweite Auflage. Marcel Dekker, New York etc. 1994, ISBN 0-8247-8942-3, S. 290–293.
  340. „[…] Semmelweis, den die Todesfälle durch Puerperalfieber entsetzt hatten, wurde erst posthum als Retter der Mütter populär. In der I. Wiener Gebärklinik (zuständig für die Ausbildung von Medizinstudenten) starben 1841–1846 fast 10 %, in der II. Wiener Gebärklinik (an der Hebammenunterricht erteilt wurde) dagegen rund 3,4 % der Gebärenden. In manchen Monaten tötete das Kindbettfieber jede fünfte, in anderen fast jede dritte Patientin […]“ Barbara I. Tshisuaka: Semmelweis, Ignaz Philipp. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 1319 f.
  341. „[…] Als Reaktion auf Höchst wichtige Erfahrungen über die Aetiologie der in Gebäranstalten epidemischen Puerperalfieber […] nahm sich G. A. Michaelis, Gynäkologe in Kiel, das Leben. Ansonsten wurde der Inhalt der Veröff.[entlichung] entweder nicht beachtet oder, wie z. B. von J. Klein, R. Virchow, F. Scanzoni, J. Y. Simpson, strikt abgelehnt. Um zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in den Geburtskliniken Europas anzuregen, schrieb. S. Die Aetiologie, der Begriff und die Prophylaxis des Kindbettfiebers (Budapest, Wien, Leipzig 1861). Doch auch dieses Buch des Pioniers der -> Antisepsis verfehlte – möglichersweise wegen ungeschickter Datenpräsentation und stilistischer Mängel – die erhoffte Wirkung auf seine Zielgruppe. 1862 grassierte in Europa wieder eine Kindbettfieberepidemie, die für fast 20 % der betroffenen Frauen tödlich endete.“ B. Tshisuaka, ibidem. S. 1320.
  342. Seinem seinerseits nicht an Kritik sparenden veröffentlichten Ergebnisbericht über seine epidemiologische Inspektionsreise (siehe oben das Unterkapitel zur Medizinalreformbewegung) stellte er ein längeres Zitat voran, als dessen Quelle „Sarcone, Krankheiten in Neapel von 1764“ angegeben ist und das mit den Worten einsetzt: „Wenn irgend woraus erhellet, wie viel in dem menschlichen Herzen eine mit Leidenschaft geliebte, vorgefaßte Meinung vermöge, so erhellet es daraus, wenn man andern den Charakter einer Krankheit ganz nackt, natürlich und aufrichtig entwerfen soll. Wir sehen öfters in den Krankheiten nur dasjenige, was wir zu bemerken uns angewöhnt, und wissen die Geheimnisse der Natur auf keine andere Art zu lesen, als wie wir durch die Erziehung in der Schule gelernt haben. […]“ / Aus: Kritisches über den oberschlesischen Typhus. Entstanden am 21. Mai 1849. Erstdruck in Virchows Archiv, Band 3, 1851, S. 154–196. Abgedruckt in: Sämtliche Werke. Band 4, Abteilung I, Medizin. 1994, S. 493–521. // Mit der Quelle seines Zitats ist vermutlich gemeint: Michele Sarcone (1732–1797): Istoria ragionata dei mali osservati in Napoli, nel corso dell' anno 1764. Neapel 1764. Deutsch: Zürich 1770. / Nach: Sarcone, Michele. In: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte. Band 5, 1934, S. 23.
  343. […] Virchow’s great fame made him a widely respected authority in numerous fields of endeavor. His penchant, however, for polemics and acrimonious exchanges with colleagues exerted unfavorable influences for the development of certain medical ideas and methods. An example was his opposition to the prophylactic hand washings of Semmelweis for the prevention of puerperal fever. In his later years Virchow displayed a stifling dogmatism and a certain pedantry, which in some measure distracted from his earlier popularity[…]” (deutsch: „[...] Virchows großer Ruhm machte ihn zu einer weithin geachteten Autorität auf zahlreichen Feldern von Bemühung. Seine Neigung zu Polemik und scharfem Schlagabtausch mit Kollegen übte jedoch unvorteilhafte Einflüsse auf die Entwicklung gewisser Medizinischer Ideen und Methoden aus. Ein Beispiel war sein Widerstand gegen Semmelweis' vorbeugende Händereinigung zur Verhütung des Puerperalfiebers. In seine späteren Jahren legte Virchow einen erstickenden Dogmatismus und eine gewisse Pedanterie an den Tag, die in einem gewissen Maß von seiner früheren Popularität ablenkten.“) / Guenter B. Risse: Virchow. In: Dictionary of Scientific Biography. Published under the auspices of the American Council Of Learned Societies. Herausgegeben unter der Federführung von Charles Coulston Gillispie. Band 14. Verlag Charles Scribner’s Sons, New York 1976, ISBN 0-684-12926-4, S. 39–44. Zitat auf Seite 42.
  344. „[…] Von ihm wurde […] mit Rücksicht auf die vorangegangenen Puerperalerkrankungen ein ausgiebiger Ventilationsbau und mehrfache hygienische Einrichtungen im Gebärhause durchgeführt mit dem Erfolge, dass trotz zahlreicher Frequentation von Praktikanten aus aller Herren Ländern die Gesundheitsverhältnisse der Wöchnerinnen sich günstig gestalteten, indem die Mortalität derselben im 20jährigen Durchschnitt auf 1 % herabsank.“ / Braun, Carl Ritter von FERNWALD. In: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte…, Band 1, 1929, S. 683.
  345. Siehe dazu die beiden im Anhang zu diesem Artikel angegebenen elektronischen Informationsquellen.
  346. Thomas Bohrer, Michael Schmidt, Johann-Heinrich Königshausen: „Zur Notwendigkeit der Philosophie im Medizinstudium“. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 143, 2018, S. 1272–1275.
  347. Sie verweisen dabei auf die Publikation von Eric J. Keller: "Philosophy in medical education: A means of protecting mental health." In: Academic Psychiatry, Band 38, 2014, S. 409–413. E. J. Keller gelangt in dieser Arbeit durch Sichtung der Fachliteratur (35 Titel sind angegeben) und Interviews mit Psychotherapeuten, die ärztliche Patienten behandeln, zu dem Ergebnis (Results): “The culture of medicine, medical training, common physician psychology and identity, and conflicting professional expectations all seem to contribute to poor mental health among medical students, residents, and physicians. Many current efforts may be more successful by better addressing the negative effects of these characteristics of modern medicine.” Und er zieht die Schlussfolgerungen (Conclusions): “Programs aimed at promoting healthy mental lifestyles during medical education should continue to be developed and supported to mitigate the deleterious effects of the challenging environment of modern medicine. To improve these efforts, educators may consider incorporating philosophical discussions on meaning and fulfillment in life between medical students and faculty. Through medical school faculty members sharing and living out their their own healthy outlooks on life, students may emulate these habits and the culture of medicine may become less challenging for positive mental health.
  348. Neben der vorgenannten Arbeit von E. J. Keller verweisen sie hier auch auf die Untersuchung des an der Universität Gießen forschenden und lehrenden Psychosomatikers Harald B. Jurkat: „Lebensqualität bei Ärztinnen und Ärzten. Erfahrungen aus der empirischen Forschung.“ In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 133, 2008, S. 14–16. Auch H. Jurkat fordert darin „eine Integration der Ergebnisse zur psychischen Gefährdung bei Ärztinnen und Ärzten in der Medizinerausbildung im Sinne einer Primärprophylaxe“, wofür er Konzepte entwickelt und an seinem Wirkungsort bereits seit längerem erfolgreich erprobt habe (ausgeführt am Schluss seines Artikels).
  349. Für eine neutrale Darstellung aus kulturhistorischer Perspektive im Kontext langfristiger Entwicklungen siehe zum Beispiel das Buch des in den Niederlanden lehrenden deutschen Religionswissenschaftlers Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens. Beck Verlag, München 2004, ISBN 3-406-52173-8.
  350. Siehe dazu die drei im Anhang zu diesem Artikel angegebenen elektronischen Informationsquellen. / Alle Informationen über Einzelheiten des dortigen Studium fundamentale und die Zitate in diesem Abschnitt entstammen der Darstellung auf dem Informationsportal der Universität Witten/Herdecke, abgerufen am 9. September 2018.
  351. Martin Carrier: Reduktion. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 7, 2018, S. 25–30.
  352. Gereon Wolters: Reduktionismus. ibidem. S. 31f.
  353. Laughlin, Robert Betts: A different universe: reinventing physics from the bottom down. Basic books, New York 2005, ISBN 0-465-03828-X. / Deutsche Ausgabe: Abschied von der Weltformel: die Neuerfindung der Physik. Aus dem Amerikanischen von Helmut Reuter. Piper, München und Zürich 2007, ISBN 978-3-492-04718-0.
  354. Der Wissenschaftsjournalist Keay Davidson in der New York Times vom 19. Juni 2005.
  355. „…Sowohl die konkreten Einzelergebnisse der Quantentheorie als auch die aus ihr abgeleiteten philosophischen Konsequenzen haben zu einer wesentlichen Veränderung und Erweiterung unseres physikalischen Weltbildes beigetragen…“ Karoly Simonyi: Kulturgeschichte der Physik. Von den Anfängen bis heute. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-8171-1651-9, S. 471.
  356. „Neben seiner physikalischen Forschung veröffentlichte Heisenberg philosophische und allgemein verständliche Schriften, in denen er sich mit dem Wandel in den Grundlagen der exakten Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert auseinandersetzte.“ Klaus Mainzer: Heisenberg, Werner. In: Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3. 2008, S. 328–330.
  357. „Heisenberg ist einer der führenden theoretischen Physiker des 20. Jahrhunderts… Er hat bedeutende Beiträge zur Physik der Atomhülle, des Atomkerns und der Elementarteilchen erbracht, und auch seine Naturphilosophie zählt zu den großen Leistungen dieses Jahrhunderts.“ Karoly Simonyi: Kulturgeschichte der Physik. Von den Anfängen bis heute. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag Harri Deutsch, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-8171-1651-9, S. 440.
  358. Erwin Schrödinger: What is Life? Cambridge 1944. / Deutsch als: Was ist Leben? Bern 1946. / Darin behandelt Kapitel 4 Aspekte der Quantentheorie und deren Überlegenheit bei der Erklärung mancher Lebensphänomene gegenüber der Klassischen Physik. So sind dessen erste Abschnitte überschrieben mit Permanence unexplainable by classical physics und Explicable by quantum theory (Permanenz unerklärbar durch klassische Physik und Erklärbar durch Quantenphysik). Kapitel 7 diskutiert die Frage Is Life based on the laws of Physics? (Basiert Leben auf den Gesetzen der Physik?) Schrödinger zufolge seien New laws to be expected in the organism (Neue Gesetze im Organismus zu erwarten), das heißt eine bloße Anwendung klassisch physikalischer Gesetze nicht hinreichend zur Erklärung der Lebensphänomene.
  359. In der englischsprachigen Wikipedia findet sich ein Artikel über ihn.
  360. Fred Alan Wolf: The Body Quantum. The New Physics of Body, Mind and Health. Macmillan Publishers, London/ New York 1986, ISBN 0-02-630890-8. / Deutsche Ausgabe: Körper, Geist und neue Physik. Eine Synthese der neuesten Erkenntnisse von Medizin und moderner Naturwissenschaft. Eine Entdeckungsreise in den menschlichen Körper und sein wunderbares Funktionieren. Übersetzt von Friedrich Griese. Scherz Verlag, Bern etc. 1989, ISBN 3-502-67650-X.
  361. Einleitung zu Körper, Geist und Neue Physik, besonders Seiten 17–26.
  362. Siehe das Vorwort und Geleitwort zum Buch.
  363. In der englischsprachigen Wikipedia findet sich ein Artikel über ihn.
  364. Nach Freedmans Geleitwort zu Körper, Geist und Neue Physik auf den Seiten 11–14.
  365. Die große Krankheit der Zeit oder Grundlagen einer Medizinphilosophie. Königshausen & Neumann, Würzburg 1997, ISBN 3-8260-1441-3. / Was ist Krankheit? Röll Verlag, Dettelbach 2001, ISBN 3-89754-180-7. / Operation Gesundheit: über Risiken und Nebenwirkungen der modernen Medizin. Pattloch, München 2009, ISBN 978-3-629-02195-3. / Krankheit und Zeit: eine Philosophie der Medizin. Pabst Science Publishers, Lengerich 2018, ISBN 978-3-95853-366-0.
  366. Biographische Informationen finden sich in den Vorworten zu seinen Büchern und auf seinem eigenen elektronischen Informationsportal. Er ist auch Maler und versucht auf künstlerischem Wege, seine Erfahrungen als Mediziner zu reflektieren.
  367. Beschrieben im Vorwort zum Buch Die große Krankheit der Zeit oder Grundlagen einer Medizinphilosophie: „Ich habe dieses Buch aus einer inneren Notwendigkeit heraus geschrieben. Denn ich mußte als Chirurg oft ganz konkret erleben, daß ärztliches, ethisches Handeln genau das Gegenteil dessen bewirken kann, was wir als menschlich bzw. menschenwürdig ansehen: Die ethischen Normen wenden sich gegen sich selbst. Die Suche nach dem geistigen Fundament ethischen Handelns warf Fragen auf, die nur im Rahmen einer grundlegenden Philosophie geklärt werden können. Die Inhalte einer solchen 'Medizinphilosophie' bestehen in der Frage nach dem Wesen der Krankheit, wie sich die Krankheitsrealität mitteilt und inwieweit wir uns wissenschaftlich-geistig dieser Krankheit nähern können. Die Frage nach der Krankheitsrealität muß zwangsläufig die Frage nach dem Sinn beinhalten. […] Das vorliegende Buch hat ein wissenschaftlicher Chirurg, also ein laienhafter Autodidakt auf dem Gebiet der Physik und Philosophie geschrieben. Man mag es ihm großzügig nachsehen. Die Intention des Verfassers war es, einen Raum zu öffnen, oder einige wenige Steine zu einem Bauwerk zusammenzutragen, das Andere, Berufenere aufbauen bzw. vollenden können.“ (Seite 5).
  368. Siehe zum Beispiel im Buch Krankheit und Zeit, Kapitel 8: (K)eine Bedeutung der Quantenphysik für die Medizin der Zukunft? S. 162–182.
  369. Die große Krankheit der Zeit oder Grundlagen einer Medizinphilosophie. S. 8 (Hervorhebung durch Fettdruck im Original).
  370. Zum Beispiel im Buch Die große Krankheit der Zeit, Teil B. 2: Geistesgeschichtliche Grundlagen einer Medizinphilosophie / (b) Die griechischen Philosophenmediziner. S. 39 ff.
  371. Marcel H. Bickel: Ackerknecht, Erwin Heinz. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. S. 6.