Moshe Zuckermann

israelisch-deutscher Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie

Moshe Zuckermann (hebräisch משה צוקרמן, geboren 1949 in Tel Aviv) ist ein israelisch-deutscher Soziologe und emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv.

Moshe Zuckermann (2009)

LebenBearbeiten

Zuckermann wurde als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Israel geboren und wuchs in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Deutschland (Frankfurt am Main), wo Zuckermann ein Gymnasium besuchte. Mit 20 Jahren kehrte er von Frankfurt nach Israel zurück. Zuckermann besitzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft.[1] Zuckermann studierte Soziologie, Politologie und Geschichte und arbeitete anschließend als Soziologe in der Luftwaffe, danach wechselte er wieder in die Wissenschaft.[2] Er lehrte seit 1990 am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas der Universität Tel Aviv.[3] Von Februar 2000 bis 2005 leitete er das Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. 2006/2007 war er Gastprofessor am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern.[4] Von 2010 bis 2015 war er wissenschaftlicher Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien.[5]

Politische PositionBearbeiten

Zuckermann ist ein Kritiker der israelischen Politik und Gesellschaft. Er steht politisch links und befürwortete für den Nahostkonflikt zunächst als Zwischenlösung die Gründung eines Palästinenserstaates, der dann langfristig mit Israel eine Konföderation eingehen solle.[6] Inzwischen tritt er für eine Ein-Staat-Lösung ein, da er eine Zweistaatenlösung als „unrealistisch“ ablehnt.[7] Bereits im Jahr 2000 hatte er erklärt, dass Israel lediglich eine „Scheindemokratie“ sei.[8]

Zuckermann gehörte 2021 zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die eine Neudefinition des Antisemitismusbegriffs versucht und dabei insbesondere die Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions vom Vorwurf freispricht, „per se“ antisemitisch zu sein.[9]

Zuckermann ist Anhänger kritischer Theorien und referiert regelmäßig zu entsprechenden Themen. Er unterstützt die Tierrechtsbewegung und lehnt im Sinne der „Versöhnung von Mensch und Natur“ den Speziesismus ab.[10]

Neben seiner Tätigkeit als Sachbuch-Autor ist Zuckermann regelmäßig mit Beiträgen für Hörfunk, Fernsehen und Printmedien wie die taz, dem Deutschlandfunk, dem Magazin Melodie und Rhythmus, die Frankfurter Rundschau, Die Zeit, den Freitag, oder die Zeitschrift des iz3w vertreten.

SchriftenBearbeiten

MonographienBearbeiten

HerausgeberschaftenBearbeiten

  • Geschichte und Psychoanalyse. Wallstein, Göttingen 2004.
  • Theodor W. Adorno – Philosoph des beschädigten Lebens. Wallstein, Göttingen 2004.
  • Geschichte denken: Philosophie, Theorie, Methode. Universität Tel Aviv, Forschungszentrum für Geschichte. Hrsg. im Auftrag des Instituts für Deutsche Geschichte. Gerlingen 2000.

Aufsätze (Auswahl)Bearbeiten

  • 2016: Operation Yonathan: Mythos und Ideologie. In: Markus Mohr (Hrsg.): Legenden um Entebbe: Ein Akt der Luftpiraterie und seine Dimensionen in der politischen Diskussion. Unrast, Münster 2016, ISBN 978-3-89771-587-5.
  • 2006: Aufschrei der Utopie als radikale Kritik von zweierlei Barbarei. In: Marcus Hawel, Gregor Kritidis (Hg.): Aufschrei der Utopie. Möglichkeiten einer anderen Welt. Hannover 2006, ISBN 3-930345-51-X.
  • 2006: Kants Religionsschrift. Überlegungen zu Vernunft und Religion auf dem kurzen Weg missglückter Säkularisierung. In: Margarete Jäger, Jürgen Link (Hrsg.): Macht – Religion – Politik. Zur Renaissance religiöser Praktiken und Mentalitäten. Münster 2006, ISBN 3-89771-740-9.
  • 2005: Die Ideologie der israelischen Rechten. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul (Hrsg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt. Analysen rechter Ideologie. Unrast, Münster, ISBN 3-89771-737-9.
  • 2004: Was heißt: Solidarität mit Israel? In: Gerhard Hanloser (Hrsg.): Sie waren die Antideutschesten der deutschen Linken. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik.
  • 2001: Die Lösung des Unlösbaren. Historische Chance des Friedens in Palästina. In: ak – analyse + kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis. #447, 22. Februar.
  • 2000: Faschismus, autoritärer Charakter und Kulturindustrie. In: jour fixe initiative berlin (Hrsg.): Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft.

AuszeichnungenBearbeiten

  • Sigmund-Freud-Vorlesung 2010: Freuds Weltsicht und die Theorie vom „autoritären Charakter“. Zur Aktualität der Freudschen Kategorien für die gegenwärtige Gesellschaftsanalyse.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Nirit Sommerfeld im Gespräch mit Moshe Zuckermann, Tel Aviv im Mai 2019, 9. Juni 2019 Youtubekanal von Nirit Sommerfeld, Min. 31 ff.
  2. deutschlandfunkkultur.de: Soziologe Moshe Zuckermann - Schmerzpunkte im israelischen und deutschen Bewusstsein erforschen. In: deutschlandfunkkultur.de. 5. Oktober 2020, abgerufen am 27. Mai 2022.
  3. "Der Wunsch, beherrscht zu werden" - science.ORF.at. In: sciencev2.orf.at. 7. Mai 2010, abgerufen am 27. Mai 2022.
  4. Universität Luzern: Gastprofessur Moshe Zuckermann (Memento vom 7. März 2014 im Internet Archive)
  5. Israel-Kritiker Zuckermann wehrt sich gegen Antisemitismus-Vorwurf durch Deutsche hna.de, 17. Oktober 2018, siehe Abschnitt Zur Person.
  6. Die Logik der Okkupation. Eine Diskussion mit dem israelischen Historiker Moshe Zuckermann (Memento vom 24. August 2006 im Internet Archive), ohne Datum, in: Sozialistische Positionen, 5/2002
  7. Cyrus Salimi-Asl: „Zwei-Staaten-Lösung nicht realistisch“ (Interview). In: Neues Deutschland. 21. Mai 2021, abgerufen am 7. November 2021.
  8. Moshe Zuckermann, Vorlesung an der Westfälischen Wilhelms-Universität (Memento vom 20. Januar 2005 im Internet Archive), Münster, 24. Oktober 2000
  9. The Jerusalem Declaration On Antisemitism
  10. vgl. Matthias Rude: Leiderfahrung und Solidarität: Die Tiere Rosa Luxemburgs (Artikel in der Wochenendausgabe der sozialistischen Tageszeitung „Neues Deutschland“, 21./22. Mai 2011; PDF; 213 kB); Mitschnitt des Vortrags „Rosa Luxemburg – erlebtes Leid, Mitgefühl und gesellschaftliche Revolution“ und Aphorismus von Zuckermann auf der Website vom Internationalen Repressionskongress „New Roads of Solidarity“, Oktober 2010.