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Michael Butter

deutscher Amerikanist und Hochschullehrer

Michael Butter (* 26. Mai 1977 in München) ist ein deutscher Amerikanist. Seit 2014 ist er Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Verschwörungstheorien, Film und Fernsehen sowie Kolonialzeit und die Frühe Republik (USA). Er leitet ein EU-Forschungsprojekt zur Analyse von Verschwörungstheorien.

Inhaltsverzeichnis

Leben und akademische LaufbahnBearbeiten

Nach seinem Abitur am Hellenstein-Gymnasium Heidenheim[1] im Juni 1996 studierte Butter von 1997 bis 2003 Anglistik, Germanistik und Geschichte an der Universität Freiburg. Er schloss das Studium mit dem Ersten Staatsexamen für das Gymnasiallehramt und der Magisterprüfung ab. Der Titel seiner bei Manfred Pütz vorgelegten Magisterarbeit lautete Death and the Media in Selected Works by Don DeLillo.[2]

Von 2004 bis 2007 folgte ein Promotionsstudium der Amerikanistik an der Universität Bonn, das er mit einer Dissertation unter dem Titel The Epitome of Evil: Hitler in American Fiction, 1939–2002 bei Sabine Sielke beendete.[2]

2012 wurde er an der Universität Freiburg mit der Schrift Plots, Designs, and Schemes: American Conspiracy Theories from the Puritans to the Present bei Wolfgang Hochbruck habilitiert.[2]

Butter war von 2013 bis 2014 Professor für Amerikanistik an der Universität Wuppertal.

Seit 2014 ist er Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und zugleich Leiter der Abteilung W 3 für US-amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte.

Als seine Forschungsschwerpunkte benennt Butter Verschwörungstheorien, Amerikanische Literatur und Kultur der Kolonialzeit und frühen Republik, Volkskultur, Film und Fernsehen (insbesondere zeitgenössische Fernsehserien), Helden und Heroisierungen, Narratologie, amerikanische Kultur nach 9/11 und Gegenwartsliteratur.[3]

MitgliedschaftenBearbeiten

  • Deutsche Gesellschaft für Amerikastudien
  • International Society for the Study of Narrative
  • Deutscher Hochschulverband
  • 2005–2008 Mitglied und Ko-Koordinator des DFG-Netzwerks „The Futures of European (American) Studies“
  • seit April 2008 Junior Fellow in der School of Language & Literature des FRIAS.
  • seit April 2018 Initiator, Mitglied und Stellvertretender Vorsitzender (Action Vice Chair) des Projekts zur vergleichenden Analyse von Verschwörungstheorien (COMPACT – Comparative Analysis of Conspiracy Theories) der europäischen Rahmenorganisation zur Koordination von Wissenschaft und Technik (COST).[4]

Publikationen und ihre RezeptionBearbeiten

The Epitome of Hitler, 2009Bearbeiten

Butter setzt in seiner leicht überarbeiteten Dissertation Alvin Rosenfelds Werk Imagining Hitler fort. Er erforscht, welche Funktion die Darstellung Adolf Hitlers für Kultur und Politik in der US-amerikanischen Literatur und anderen Medien von 1939 bis 2002 übernommen hat. Er versucht, die Faszination der Hitlermetaphorik, ihren Einfluss auf die Einbildungskraft und die Vielzahl literarischer und filmischer Werke zu ergründen. Er zeichnet die Entwicklung der medialen Verarbeitung des Hitlerbildes von der Vorkriegszeit bis zum Krieg gegen den Terror nach. Dabei konzentriert er sich besonders auf die Häufung der Darstellungen seit 1968. Die Hitlermetaphorik hat sich nach seiner Auffassung von einem Mittel kritischer Abgrenzung nach rechts durch die politische Linken zu einem die eigene Stärke und Überlegenheit bestätigenden rhetorischen Mittel der politischen Rechten verwandelt. In entscheidenden historischen Situationen habe dieses neue fiktionale Hitlerbild der politischen Krisenbewältigung gedient: Während des Vietnamkriegs und im Krieg gegen den Terror, also in Zeiten der Krise des imperialen und exzeptionalistischen Selbstbewusstseins, diente es als Mittel gegen die Zweifel an der demokratischen Mission der USA.[5]

Ina Bergmann stellt in ihrer Rezension als Hauptergebnis der Studie Butters dar, die Abgrenzung gegen Hitler diene vor allem der Herausarbeitung einer manichäischen Weltsicht, in der die USA das absolut Gute, Hitler und ihm verwandte Mächte das absolut Böse verkörpern. Das Hitlerbild diene so der kulturellen Selbstvergewisserung und Identitätsstärkung durch Abgrenzung gegen das "Andere". Die Geschichte und Ideologie des Nationalsozialismus werde damit aber moralisch verfestigt, „ontologisiert“, und verliere damit die Eigenschaft, historisch und rational erklärbar zu sein. Darin sieht Butter, auch unter Einbeziehung der deutschen Verarbeitung der Hitlerthematik, die Hauptgefahr des Umgangs mit der Vergangenheit. Aus einer solcherart verfremdeten abstrakten Symbolik des Bösen könne nichts mehr für die selbstkritische Gestaltung von Gegenwart und Zukunft gelernt werden. Butters Analyse könne somit als kritische Darstellung des Weges der US-amerikanischen Kultur und ihres Selbstverständnisses gelesen werden. Diesen Weg habe sie nach den Anschlägen vom 11. September eingeschlagen, um sich ihrer nationalen Identität zu vergewissern und diese zu rekonstruieren.[6]

Plots, Designs, and Schemes, 2014Bearbeiten

In seiner englischsprachigen Habilitationsschrift untersucht Butter entsprechend dem Untertitel American Conspiracy Theories from the Puritans to the Present die Theorien, die von den amerikanischen Regierungen von den Anfängen bis in die 1960er Jahre zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele aktiv verbreitet und durchgesetzt wurden. Er sieht die Wurzeln dieser offiziellen amerikanischer Verschwörungstheorien zunächst in einer besonderen Auffassung von Kausalität, nach der alle Ereignisse auf absichtsvolle Handlungen zurückgehen, außerdem in der „Ideologie des Republikanismus“ und darüber hinaus im Puritanismus.

Nach der Ausarbeitung einer historischen Typologie untersucht er in Kapitel 2 den von der Obrigkeit in Salem geschürten Hexenwahn. Er kennzeichnet diesen als „metaphysische puritanische Verschwörungstheorie“ und untersucht seine stabilisierenden und destabilisierenden Funktionen für die Gesellschaft. Im 3. Kapitel thematisiert Butter die Regierungs-Theorie einer Verschwörung der Katholiken aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in Kapitel 4 die Theorie der Abolitionisten, der „Schwarzen Republikaner“ und die Vorstellung einer Verschwörung der Sklavenhalter, die von der Regierung Abraham Lincolns verbreitet wurde. Kapitel 5 stellt den Antikommunismus der 1950er Jahre dar. Die Vorstellung einer Verschwörung der Kommunisten wurde von der US-amerikanischen Regierung über die Behörde zur Bekämpfung antiamerikanischer Umtriebe offiziell vertreten. Nach Butters Auffassung waren weder der Sieg der amerikanischen Kolonien im Unabhängigkeitskrieg noch der Sieg der Nordstaaten im Bürgerkrieg ohne Theorien gegnerischer Verschwörungen möglich und wurden daher von den Regierungen offiziell vertreten und in der Bevölkerung verbreitet. Die erste Disqualifizierung und Stigmatisierung von Verschwörungstheorien als unwissenschaftlicher Pseudotheorien entstand nach Butters Meinung erst in den 1960er Jahren: Aus Verschwörungstheorien, die von der Regierung verbreitet wurden, waren Theorien geworden, die der Regierung selbst verschwörerische Absichten gegen die Bevölkerung unterstellten. Diese Theorien wurden von der Regierung als unseriös und unwissenschaftlich stigmatisiert.[7][8]

In seiner Abhandlung über Verschwörung, Praxis, Theorie in der Zeitschrift für Anomalistik urteilt der österreichische Soziologe Alan Schink, Butters Studie sei lesenswert und detailreich, mache aber auch die Grenzen einer abstrakten kulturgeschichtlichen Auseinandersetzung deutlich. Butter hebe formale ideologische Aspekte des Verschwörungsdenkens hervor („belief in conspiracy“, „evil agents“). Diese abstrakt-allgemeinen Kriterien seien aber unzureichend, um tatsächliche Verschwörungen sicherheitspolitisch und praktisch zu bestimmen: Er könne damit nicht die prinzipielle Möglichkeit von Regierungsverschwörungen ausschließen. Bei Butter gingen die Dimensionen und Implikationen wirklicher Politik unter, weil er nicht verstehe, was „Verschwörungspraxis“ bedeute. Deren spezifische Merkmale sieht Schink in Praktiken des Verbergens, der Täuschung, der Lüge und einer dazu komplementären Haltung des Misstrauens.[9]

Der Washington-Code, 2016Bearbeiten

Butter untersucht in dieser Abhandlung zur Heroisierung die Darstellung amerikanischer Präsidenten von George Washington bis Abraham Lincoln und berücksichtigt dabei über 2000 Gedichte und Lieder. Sein Hauptbefund ist, dass mit dem Heldenbild George Washingtons ein Modell von republikanischem Heldentum geschaffen worden sei, das genau auf die speziellen politischen Herausforderungen der historischen Situation des Unabhängigkeitskrieges gepasst habe. Die sprachlichen Mittel, die dafür eingesetzt wurden, können seiner Auffassung nach als besonderer Code einer Sprache des Heroischen, als Washington-Code, beschrieben werden, der in der Folgezeit bis zum Bürgerkrieg immer wieder eingesetzt wurde um die folgenden Präsidenten als Helden oder neue Washingtons zu inszenieren. Erst mit Lincoln habe sich die Methodik und der Stil der Heroisierung geändert.[10]

Nichts ist, wie es scheint, 2018Bearbeiten

Butter analysiert in seinem Buch von 2018 „Nichts ist, wie es scheint“ die allgemeinen Merkmale und Mechanismen von Verschwörungstheorien.

Wissenschaft

In der Politischen Vierteljahresschrift lobt Eva Marlene Hausteiner Butters begriffliche Differenzierung und seine gehaltvollen Fallstudien zu Eva Herman, Donald Trump und Daniele Gansers „Wissenschaftssimulationen“. Kritisch sieht sie jedoch die enge Auslegung des Verschwörungsbegriffs (einzelne Ereignisse und Institutionen), die offen lasse, ob Verschwörungstheorien nicht auch gelegentlich reale „Verschwörungen“ einer Regierung entlarven und als machtkritische Waffe im Dienste demokratischer Transparenz dienen könnten. Überrascht ist sie von Butters Angleichung der Verschwörungstheorien an wissenschaftliche Theorien: „Zwar unterschieden sich Verschwörungstheorien von aktuellen wissenschaftlichen Theorien nicht zuletzt durch ihr unterkomplexes Weltbild und Kausalitätsverständnis, doch beide seien sinnstiftend, komplexitätsreduzierend und durchaus, entgegen mancher Deutungen, falsifizierbar“. Kontrovers sind Hausteiners Auffassung nach die Thesen Butters über Stigmatisierung und Bedeutungsverlust der Verschwörungstheorien und die behauptete nicht empirische, aber funktionale Allianz mit dem Populismus. Hausteiner relativiert die Bildungstherapie Butters (historical, media, and social literacy): „Die AnhängerInnen eines verschwörungstheoretisch angereicherten Populismus sind nicht sämtlich bildungsfern, und auch ein Bildungshintergrund schützt nicht automatisch vor der Versuchung schlichter Feindbilder. Verschwörungstheorien machen nicht allein als Wissensform Politik, sondern auch als emotionale Ressource, der mit Rationalität und Gegenwissen nicht allein beizukommen sein wird.“ Gelegentlich laufe der Autor auch Gefahr, so Hausteiner, die „Spezifik verschwörungstheoretischer Elemente“, zu überschätzen, die sprachlichen Ausdrucksformen des verschwörungstheoretischen Stils.[11]

Presse

Tobias Sedelmaier von der NZZ findet die Darstellung Butters erhellend. Er arbeite Grundkonstanten der Verschwörungstheorien heraus, zu denen neben Heimlichkeit und Absicht als dritte Komponente ein absolutes manichäisches Gut-böse-Schema gehöre. Am Anfang stehe stets die Frage „cui bono“ (wem nutzt es)? Verschwörungstheoretiker seien damit, so Sedelmaier, „gedankliche Geisterfahrer, die den Weg der Deduktion als Einbahnstrasse nutzen“. Das utopische Element dieser Theorien liege darin, durch Vereinfachung der Tatsachen (Komplexitätsreduktion) den falschen Glauben zu erzeugen, Menschen könnten aktiv etwas an den Verhältnissen ändern: „Die Reduktion einer sonst kaum aufzulösenden Komplexität suggeriert Handlungsfähigkeit. Wenn statt diffiziler geostrategischer, kultureller und sozialer Prozesse in erster Linie Angela Merkel an der Flüchtlingskrise in Deutschland schuld ist, so kann aktiv dagegen etwas unternommen werden, etwa die Verweigerung ihrer Wahl.“ Noch wesentlicher zur Bestimmung der Verschwörungstheorien ist nach Sedelmaiers Auffassung die Fehleinschätzung zeitlicher und personeller Dimensionen im Glauben, dass einzelne Akteure hinter den Verschwörungen stünden und ihre Machenschaften jahrzehntelang geheimgehalten werden könnten.[12]

Helmut Mayer (FAZ) geht von der Migrationsthematik aus, die er als Anlass zu Verschwörungstheorien sieht, und mahnt mit Butter zur Vorsicht, hohe Umfragewerte zugunsten dieser Theorien fehlzuinterpretieren. In Wirklichkeit drückten diese Werte oft nur Verunsicherung aus, aber noch keine Zustimmung zu expliziten Theorien einer "Gruppe untereinander verständigter, hinter den Kulissen agierender Strippenzieher". Populistische Anprangerung von Eliten sei per se noch keine Verschwörungstheorie. Mayer schätzt Butters Untersuchung, da sie für solche Differenzierungen den Sinn schärfe. Er stellt weiter dar, dass Butter den Eindruck weitflächiger Zustimmung vor allem auf Effekte der Propagierung im Internet zurückführt und damit relativiert. Die mediale Resonanz verschleiere, dass Verschwörungstheorien als ungerechtfertigte Wissensansprüche stigmatisiert seien, „während sie bis in die ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts - zumindest in Europa und den Vereinigten Staaten - als legitime Formen behaupteten Wissens auftreten konnten“.[13][14]

Dorothee Riese und Johannes M. Kies resümieren in ihrer socialnet-Rezension die fünf Kapitel seines Buches, die jeweils einen Aspekt des Themas darstellen: Verschwörungstheorien werden im ersten Kapitel klassifiziert als solche von oben oder unten, innen oder außen. Butter differenziere außerdem reale Theorien der Verschwörung (begrenzte räumliche und zeitliche Reichweite, überschaubarer Täterkreis, Beispiel Watergate) von irrealen Verschwörungstheorien (zeitlich und räumlich allumfassend, unüberschaubarer Kreis von Verantwortlichen). Im zweiten Kapitel untersuche Butter Methoden, die dazu dienen, einen Schein von Seriosität zu vermitteln, und deckt finanzielle Interessen als häufiges Motiv von Verbreitern der Theorien auf. Kapitel drei untersuche die Motive von Menschen, an Verschwörungstheorien glauben zu wollen: Unterlegenheitsgefühle, Gruppenkohäsion und Identitätsbildung. Basis sei oft ein sehr traditionelles Weltbild, das die Komplexität der modernen Welt nicht verstehe und weiterhin von der Bedeutung einzelner Akteure und ihrer Absichten ausgehe. In den letzten beiden Kapiteln werde die historische Entwicklung nachgezeichnet und die Bedeutung des Internets dargestellt. Als Maßnahmen zum Schutz vor Verschwörungstheorien empfiehlt Butter historical literacy, media literacy und social literacy.[15]

Der Zeit-Rezension von Tobias Haberkorn zufolge revidiert Butter ein Stück weit die „klassische Deutung des Konspirationsglaubens als eine(r) geistige(n) Pathologie“, wie sie Richard Hofstadter in seiner Schrift über den paranoiden Stil entwickelt habe. Verschwörungstheorien seien für Butter „stigmatisiertes Wissen“, das wissenschaftlich nachweisbar falsch sei, damit aber noch nichts über die psychologische Funktion für ihre Anhänger, über ihre kulturelle Bedeutung und ihre Geschichte aussage. Verschwörungstheoretiker verabsolutieren Butters Auffassung nach übliche wissenschaftliche Vorgehensweisen auf völlig unrealistische Weise, indem sie etwa die Einflussmöglichkeiten einzelner Personen oder Gruppen auf den Lauf der Geschichte überschätzten („Nichts geschieht durch Zufall“) oder tatsächliche Interdependenz zu totaler kausaler Determination übertrieben („Alles ist miteinander verbunden“). Der falsche Schein unfertiger Darstellungen von Sachverhalten sei für Verschwörungstheoretiker nicht Ausdruck von Unkenntnis, sondern Täuschungsabsicht („Nichts ist wie es scheint“).[16] Diese drei Eigenschaften wie auch die Typologie hatte schon Michael Barkun herausgearbeitet, auf den sich Butter häufig bezieht.[17]

Butter unterscheide gefährliche von ungefährlichen Theorien und warne vor „Verschwörungspanik“: Uneinigkeit über die Funktionsweise der Welt und der Gesellschaft gebe es auch zwischen Menschen, die nicht an Verschwörungstheorien glaubten, und dies sei „für die Demokratie am Ende bedrohlicher“.[18] Verschwörungstheorien seien ein „Indiz für die demokratiegefährdende Fragmentierung der Gesellschaft“.[19]

Nach Butter waren Verschwörungstheorien in der Vergangenheit viel verbreiteter als heute, sie seien üblicher Bestandteil offizieller Politik gewesen, wie etwa Abraham Lincolns Theorie einer Verschwörung der Sklavenhalter. Philipp Schnee vom Deutschlandfunk stimmt dieser Darstellung grundsätzlich zu, sie wirke jedoch stellenweise wie ein erster Entwurf. Etwas kurz komme etwa die Frage, „wie verschwörungstheoretisches Wissen funktioniert, oder warum so viele Menschen Komplexität und Unübersichtlichkeit nur schwer aushalten.“[20]

In seinem Interview mit der Wirtschaftswoche vom 20. April 2018 führte Butter aus, bis in die 1960er Jahre seien Verschwörungstheorien Teil des öffentlichen Diskurses gewesen und jahrhundertelang von Eliten und Regierungen bewusst verbreitet worden; danach seien sie in die Subkulturen abgewandert, um heute vor allem elite- und regierungskritisch über das Internet verbreitet zu werden. Dabei werde die Zahl der Anhänger heutiger Verschwörungstheorien überschätzt. 1918 oder 1818 sei die Anhängerschaft von offiziellen Verschwörungstheorien, die vorwiegend von Regierungsseite aus verbreitet wurden, im Vergleich zu den heutigen aus dem Internet viel größer gewesen.[21]

„Nahezu jeder US-Präsident, von Washington über Lincoln bis Eisenhower, war ein Verschwörungsanhänger. Das war früher völlig etabliert,“ zitiert die Welt am Sonntag aus Butters Werk.[22] Verschwörungstheorien lieferten „in einer unübersichtlichen, multikausalen und chaotischen Umfeld den Schlüssel zu einem rar gewordenen Gut – Gewissheit“. Wichtig sei Butter auch das Radikalisierungspotential in diesen Theorien und der kulturelle Bezug.[23]

Action COMPACTBearbeiten

In dem EU-Forschungsprojekt (action) COMPACT geht es um die systematische Forschung zu Herkunft, Wirkungsweise und möglicher, falls notwendiger Maßnahmen. Das Projekt soll ein interdisziplinäres und internationales Netzwerk entwickeln, um ein umfassendes Verständnis von Verschwörungstheorien in verschiedenen europäischen Ländern zu ermöglichen,[24] zumal Verschwörungstheorien Extremismus in verschiedenen Regionen und Spannungen zwischen Ländern verstärken können. Erwähnt wird auch die Erosion des Vertrauens in demokratische Institutionen und Einrichtungen. Das bessere Verständnis der Verschwörungstheorien solle „in enger Zusammenarbeit mit den Stakeholdern“ dazu beitragen, effektivere Maßnahmen zu entwickeln,[25][26] wozu unter anderem Workshops mit Journalisten, Politikern und Lehrern gehören.[27]

Butter ist Vice-Chair des Projekts, das von Professor Peter Knight geleitet wird. Es soll 2020 abgeschlossen sein. 34 Länder nehmen an dem Projekt teil, dazu Russland und Georgien als "near-neighbouring countries".[28]

Veröffentlichungen (Auswahl)Bearbeiten

  • Hrsg. mit Regina Grundmann, Christina Sanchez: Zeichen der Zeit. Interdisziplinäre Perspektiven zur Semiotik. Lang, Frankfurt, M.; Berlin; Bern; Bruxelles; New York, NY; Oxford; Wien 2008 ISBN 978-3-631-56897-2
  • The Epitome of Evil: Hitler in American Fiction, 1939-2002. New York: Palgrave Macmillan, 2009. ISBN 978-0-230-62080-3, überarbeitete Dissertation Butters
  • Hrsg. mit Birte Christ, Patrick Keller: 9/11, kein Tag, der die Welt veränderte. Schöningh, Paderborn; München; Wien; Zürich 2011, ISBN 978-3-506-77097-4
  • Plots, designs, and schemes. American conspiracy theories from the Puritans to the present. de Gruyter, Berlin; Boston, Mass 2014, ISBN 978-3-11-030759-7
  • Der „Washington-Code“. Zur Heroisierung amerikanischer Präsidenten, 1775–1865. Wallstein, Göttingen 2016. ISBN 978-3-8353-1839-7
  • „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien. Suhrkamp, Berlin 2018. ISBN 978-3-518-07360-5

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Südwest Presse Online-Dienste GmbH: Vortrag : Wer glaubt an Verschwörungstheorien und warum? 12. Mai 2019, abgerufen am 16. Mai 2019.
  2. a b c Prof. Dr. Michael Butter. Abgerufen am 22. Dezember 2018.
  3. Prof. Dr. Michael Butter. Abgerufen am 22. Dezember 2018.
  4. Profil auf der Website des COMPACT-Projektes
  5. Petra Rau: Our Nazis: Representations of Fascism in Contemporary Literature and Film: Representations of Fascism in Contemporary Literature and Film. Edinburgh University Press, 2013, ISBN 978-0-7486-6865-6, S. 2–12 (com.ph [abgerufen am 22. Dezember 2018]): „...vehicle for working through historical crises of imperialist self-confidence and doubts about its democratic mission as in the Vietnam War and the war on terror....“
  6. Ina Bergmann, Michael Butter. The Epitome of Evil: Hitler in American Fiction, 1939–2002. In: Amerikastudien/American Studies: A Quarterly 57.1 (2012), S. 139–42.
  7. FRIAS Book Series "linguae & litterae" — Freiburg Institute for Advanced Studies – FRIAS. Abgerufen am 21. Dezember 2018.
  8. Alan Schink: Rezension zu: Michael Butter: Plots, Designs, and Schemes: American Conspiracy Theories from the Puritans to the Present. In: Zeitschrift für Anomalistik 15 (2015), Nr. 1 und 2, S. 194–200.
  9. Alan Schink: Verschwörung, Praxis, Theorie. Bausteine einer Konspirologie. In: Zeitschrift für Anomalistik 16 (2016), Nr. 3, S. 370–418.
  10. Michael Butter: Der »Washington-Code« - Wallstein Verlag. Abgerufen am 22. Dezember 2018.
  11. Eva Marlene Hausteiner: Butter, Michael (2018): „Nichts ist, wie es scheint“ – Über Verschwörungstheorien. In: Politische Vierteljahresschrift. Band 59, Nr. 4, 1. Dezember 2018, ISSN 1862-2860, S. 779–781, doi:10.1007/s11615-018-0117-5 (springer.com [abgerufen am 23. Dezember 2018]).
  12. Tobias Sedlmaier: Ich denke, also spinn ich | NZZ. 26. April 2018, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 15. Januar 2019]).
  13. Helmut Mayer: Argumente helfen nicht. Michael Butter kennt sich mit Verschwörungstheorien aus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. März 2018.
  14. Michael Butter: „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien. Abgerufen am 15. Januar 2019.
  15. Dorothee Riese/Johannes M. Kiess: Michael Butter: »Nichts ist, wie es scheint« (Verschwörungstheorien). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, vom 14. Juni 2018, Datum des Zugriffs 19. Oktober 2018.
  16. Von Tobias Haberkorn: Verschwörungstheorien: Das müssen sie mir erst mal beweisen. Abgerufen am 25. Dezember 2018.
  17. Barkun, Michael (2003). A Culture of Conspiracy: Apocalyptic Visions in Contemporary America. Berkeley: University of California Press. pp. 3–4.
  18. Verschwörungstheorien: Das müssen sie mir erst mal beweisen. In: ZEIT ONLINE. (zeit.de [abgerufen am 19. Oktober 2018]).
  19. »Nichts ist, wie es scheint«: Über Verschwörungstheorien von Michael Butter - Suhrkamp Insel Bücher Buchdetail. Abgerufen am 19. Oktober 2018 (Klappentext).
  20. Michael Butter: "Nichts ist, wie es scheint" - Wider besseres Wissen. In: Deutschlandfunk Kultur. (deutschlandfunkkultur.de [abgerufen am 19. Oktober 2018]).
  21. Niklas Dummer: Michael Butter: „Verschwörungstheorien sind ein Riesengeschäft“. Abgerufen am 19. Oktober 2018.
  22. WELT: Im Auge der Verschwörung. 1. März 2015 (welt.de [abgerufen am 15. Januar 2019]).
  23. Im Auge der Verschwörung. In: Die Welt. 1. März 2015 (welt.de [abgerufen am 21. Dezember 2018]).
  24. Home. Abgerufen am 22. Dezember 2018 (amerikanisches Englisch).
  25. Action CA15101. Abgerufen am 22. Dezember 2018 (amerikanisches Englisch).
  26. https://conspiracytheories.eu/_wpx/wp-content/uploads/2016/07/2016_01-CA15101-MCM1_Minutes_final.pdf
  27. Publications. Abgerufen am 22. Dezember 2018 (amerikanisches Englisch).
  28. Home. Abgerufen am 22. Dezember 2018 (amerikanisches Englisch).