Erzähltheorie

interdisziplinäre Methode zur systematischen Analyse der Darstellungsform von Erzähltexten

Die Erzähltheorie oder Erzählforschung ist eine interdisziplinäre Methode der Geisteswissenschaften, Kulturwissenschaften und Sozialwissenschaften, die eine systematische Beschreibung der Darstellungsform eines Erzähltextes anstrebt.

Die englische Bezeichnung lautet „narratology“, die französische „narratologie“. Deshalb taucht auch im Deutschen der Begriff Narratologie auf. Die Bezeichnung „Narrativik“ hat sich dagegen nicht allgemein durchgesetzt. Allerdings wird die Erzähltheorie oft nur als Teilgebiet einer weiter gefassten Narratologie angesehen, die darüber hinaus die Geschichte des Erzählens, insbesondere die Gattungsgeschichte der erzählenden Prosa, sowie die angewandte Narratologie in Form der konkreten Erzähltextanalyse umfasst.

Gegenstand der Erzähltheorie ist jede Art erzählender Texte – von der erzählenden Literatur (Epik) über Geschichtsschreibung bis hin zu Interviews, Zeitungsartikeln, Spielfilmen, Fotos oder Witzen. Fächer, in denen die Erzähltheorie eine wichtige Rolle spielt, sind Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Soziologie.

Die neuere Erzähltheorie wurde ab 1915 in Ansätzen vom Russischen Formalismus entwickelt und vom Strukturalismus seit den 1950er Jahren weiter ausgearbeitet, wobei Tzvetan Todorov zu den wichtigsten Vermittlern der formalistischen Ansätze in Frankreich gehörte. Der hier entwickelte strukturalistische Ansatz – mit späteren Ergänzungen – ist bis heute maßgeblich, es gab jedoch nie eine einheitliche strukturalistische Erzähltheorie. Wichtige Theoretiker der Narratologie sind Gérard Genette, Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Roman Jakobson und Paul Ricœur. Die strukturelle (formalistische) Erzähltheorie wird oft durch interdisziplinäre Ansätze ergänzt, so durch die Semiotik ergänzt, wozu insbesondere Juri Lotman beigetragen hat. Im deutschen Sprachraum war Franz Karl Stanzel der erste Vertreter der Erzähltheorie.

Der Poststrukturalismus kritisiert die Erzähltheorie, er hat sie aber auch entscheidend erweitert. Andere Kritiker vermissen die Einbettung der strukturalistischen Erzähltheorie in übergreifende historische Dimensionen.

DefinitionenBearbeiten

Köppe und Kindt (2014)[1] defininieren in einer minimalistischen, d. h. einer weiter gefassten Weise, eine Erzählung, wie folgt:

„Ein Text ist genau dann eine Erzählung, wenn er von mindestens zwei Ereignissen handelt, die temporal geordnet sowie in mindestens einer weiteren sinnhaften Weise miteinander verknüpft sind.“

Tilmann Köppe, Tom Kindt: Erzähltheorie. Eine Einführung. (2014)

Texte zeichnen sich durch Kohärenz und Geschlossenheit aus, diese werden durch grammatische, inhaltlich-thematische und pragmatische Mittel erzeugt. Treten in einem Text mindestens zwei temporal geordnete Ereignisse auf, entsteht eine Erzählung dadurch, dass Sprecher/Schreiber und Hörer/Leser im gegebenen kommunikativen Kontext die Ereignisse als miteinander verknüpft zu deuten vermögen.[2] Erzählungen sind kommunikative Akte. Zur Identifikation eines Ereignisses sind hierbei drei Aspekte relevant: ein Zeitpunkt, ein Gegenstand oder Sachverhalt und etwas, das von dem Gegenstand oder dem Sachverhalt ausgesagt wird. Als temporale Relation kommen Gleichzeitigkeit und Nachzeitigkeit zum Tragen.[3]

Lahn und Meister (2008/2016)[4] verstehen unter Erzählen das (sprachliche) Ausdrücken, Verknüpfen und gleichzeitige thematische Ordnen von (wahren oder vorgestellten) Fakten zu Geschichten. Ferner sehen sie das Erzählen, wie auch das Sprechen selbst als eine anthropologische Universalie an. Die Autoren differenzieren die Begriffe Geschehen, Ereignis, Geschehnis und Geschichte, die sie im Sinne von Schmid als Teil der Handlung verstehen und im Gegensatz zum Diskurs (Erzählung, Erzähltext) stellen, wie folgt[5][6]

  • das Geschehen ist die Gesamtheit aller unauffälligen oder unmarkierten Geschehnisse und auffälligen, markierten Ereignisse. Damit wird das Geschehen zur chronologischen Gesamtsequenz.
  • Markierte Zustandsänderungen mit einem impliziten Erwartungsbruch werden Ereignisse genannt. Ein Ereignis ist eine Zuständsänderung die nicht erwartet werden konnte oder ein Ausbleiben mit dem nicht zu rechnen war; Schmid spricht von Imprädiktibilität (Unvorhersagbarkeit).[7] Es sind auffällige, markierte Zustandsänderungen.
  • Regelmäßige und erwartbare Zustandsänderungen werden als Geschehnis bezeichnet; es sind die unauffälligen oder unmarkierten Zustandsveränderungen.
  • die Geschichte umfasst in der Regel alle Ereignisse, aber nicht alle Geschehnisse. In einer Geschichte bezieht sich der Betrachter auf einen Komplex besonders hervorgehobener Ereignisse.

Damit bauen sich (erzählerische) Handlungen in dem vorgestellten Begriffsinventar aus Geschehnissen und Ereignissen auf. Während der Begriff „Handlung“ im deutschsprachigen Raum verwendet wird, wird sie etwa bei Genette als histoire und in der anglo-amerikanischen Erzähltheorie als story (plot) bezeichnet, der „Diskurs“ bei Genette als récit (narration) und im Angelsäschischen als plot (story). Während sich der „Diskurs“ als die kompositorische und sprachliche Realisierung einer Erzählung versteht; er verweist auf das „wie“ der Erzählung, wird in der „Geschichte“ der Gegenstand der Erzählung ausgemacht; sie verweist auf das „was“ der Handlung.

Die verschiedenen Vertreter der „Erzähltheorie“ verwenden unterschiedliche Begriffe, die auch hinsichtlich ihres Bedeutungsumfanges different sind.[8][9]

Zipfel (2001)[10] sieht Texte, in denen „Fiktives“ dargestellt wird, als „fiktional“ an. Wobei er die Adjektive „fiktiv“ und „fiktional“ gemäß der entsprechenden Duden-Definitionen verwendet; „fiktiv“ als die Nicht-Wirklichkeit des Dargestellten, „fiktional“ auf einer Fiktion beruhend. Fiktivität der Geschichte beinhaltet oder impliziert die Fiktionalität des Erzählens.

Geschichte real Geschichte fiktiv
 Erzählen faktual  1. faktualer Erzähltext  2. fiktionaler Erzähltext
  Erzählen fiktional  3. Grenzfälle  4. fiktionaler Erzähltext

[11]

Nach Zipfel (2001) sind die Felder „1.“ „2.“ und „4.“ interpretatorisch unproblematisch. In „3.“ sind Grenzfälle eingeordnet, in denen mit den Mitteln des fiktionalen Erzählens tatsächliche Geschehnisse erzählt werden, etwa der historische Roman, fiktionale (Auto-)Biografien realer Personen, oder das Sujet der non-fiction novels.

Mair (2016)[12] ordnet in seiner Erzähltextanalyse die zu untersuchenden Aspekte u. a. fünf Ebenen zu: Inhalt, Erzähler, Darbietungsformen, Stil, Aufbau. In einer semiotischen Definition[13] ist der Erzähltext ein fiktionaler Text: „So sind Erzähltexte hinsichtlich der Ebene der Darstellung fiktionale Texte und im Hinblick auf die Ebene des Dargestellten fiktive Texte. Der Akt der Darstellung im Erzähltext ist fiktional, während der Inhalt der Darstellung fiktiv ist. Der Erzähltext ist die symbolische Repräsentation durch symbolische Sprachzeichen von imaginär innerhalb des symbolischen Sprachsystems existenten Geschehnissen, Figuren, Objekten und Räumen.“[14] Beim Erzähltext handle es sich so um ein Zeichen mit Zeicheninhalt ohne Referent. Erzähltexte seien semiotisch selbstrefernziell.

Figuren können einerseits als menschenähnliche oder anthropomorphe Vorstellungen gesehen werden, andererseits als durch die Sprache erzeugte Textkonstrukte (siehe „Theorie der möglichen Welten“). Die literarischen Figuren definieren sich in einer erzählten, fiktiven Welt. Fiktionen sind zwar nicht strenggenommen referentiell, da sie nicht auf gegebene außersprachliche Objekte oder Sachverhalte verweisen, sondern sie erschaffen erst durch performative Sprechakte eine nicht-wirkliche Welt. Fiktionale Figuren jedoch können teilweise als Existenzen jenseits von Sprache gesehen werden, da sie (etwa in den weiteren Gedanken der Leser) auch außerhalb des sie erschaffenden Textes eine Rolle spielen können. Figuren treten dennoch nur durch die Sprache in Erscheinung.[15]

Jüngere Richtungen der NarratologieBearbeiten

2005 vertraten James Phelan und Peter J. Rabinowitz die Ansicht, dass es zwei Arten gibt Erzähltheorie zu betreiben: Einerseits versucht man grundlegende Prinzipien des Erzählens zu bestimmen, dann arbeitet man in der strukturalistischen oder klassischen Erzähltheorie. Das wird vor allem seitens der Vertreter von poststrukturalistischen Ansätzen für altmodisch gehalten, weil es die Werke auf zu leblose Weise betrachte. Diese Richtung ist aber noch lebendig und es werden auch weiterhin interessante Arbeiten produziert.

Die andere Art sorgt für Bewegung auf dem Gebiet der Erzähltheorie. Phelan und Rabinowitz haben zum Beispiel mit dem Begriff theorypractice ein Vorgehen bezeichnet, bei dem bestimmte theoretische Hypothesen daran gemessen werden, was herauskommt, wenn man deren interpretatorische Konsequenzen dafür einsetzt, die Hypothesen zu prüfen. Zudem wurde das Theoretisieren des Erzählens über die Jahre auf immer weitere Felder ausgedehnt und bezieht nunmehr historische, politische und ethische Fragen ein.[16]

2009 verfasste Ansgar Nünning eine Liste mit 16 kontextualistischen und kulturalistischen Richtungen der Narratologie, sofern sie in den Literary and Cultural Studies Anwendung fänden, und ordnete die Namen einzelner Vertreter zu, manche von ihnen mehreren dieser Richtungen, etwa Monika Fludernik und sich selbst.[17]

2011 geben die vier Herausgeber des Bandes Strange voices in narrative fiction in ihrer Einleitung zu bedenken, dass einerseits die Erweiterung des Feldes narratologischer Studien wertvoll ist, andererseits aber die Gefahr besteht, dass spezifisch literarischen Qualitäten zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Sie benennen als Tatsache, dass literarische Erzählweisen (Narrative) excel in the construction of and playing with the strangeness of the written, narrating voice (dt. etwa: „sich auszeichnen in der Konstruktion von und dem Spiel mit der Fremdartigkeit der geschriebenen, erzählenden Stimme“).[18]

In Anwendung der verschiedenen Theorien und deren Terminologie empfiehlt es sich, das explizit angewandte Modell explizit auszuweisen und in der Analyse, Betrachtung und Argumentation eine einheitliche Begrifflichkeit herzustellen. Falls verschiedene Modell komplementär verwendet werden, sollte auch hierin hingewiesen werden.[19]

Analysekategorien nach GenetteBearbeiten

Die strukturalistische Erzähltheorie nach Gérard Genette wurde an literarischen Texten entwickelt. Ihre Analysekategorien sind daher auch hauptsächlich auf die Epik bezogen. Ein erzählender Text kann nach folgenden Kategorien analysiert werden: Zeit, Modus der Erzählung, Stimme des Erzählers.[20]

ZeitBearbeiten

Genette differenziert die „Zeit“ nach Ordnung[21], Dauer[22] und Frequenz[23]. Damit wird die Zeitebene einer Erzählung nach Genette zufolge in eben diesen drei Kategorien analysiert:

  • Ordnung; In welcher Reihenfolge wird das Geschehen in der Erzählung vermittelt?
  • Dauer; Welche Dauer beansprucht die literarische Darstellung?
  • Frequenz; In welchen Wiederholungsbeziehungen stehen das Erzählte und das Erzählen?

Für Genette weist die Erzählung eine doppelte temporale Sequenz auf, so die „Zeit des Erzählten“ selbst (erzählter Zeit oder Zeit der Geschichte) und die „Zeit der, oder für, die Erzählung“ (Erzählzeit oder Zeit der Erzählung), also die Zeit des Signifikats und die Zeit des Signifikanten.[24]

OrdnungBearbeiten

In vielen erzählenden Texten ist die chronologische Reihenfolge der erzählten Ereignisse (Zeit der Geschichte) nicht identisch mit dem sprachlichen Ablauf der Erzählung selbst (Zeit der Erzählung). Es gibt etwa Fälle, in denen der eigentliche Schluss der Handlung ganz am Anfang des Textes steht (das wäre eine Prolepse) oder wo zum Schluss noch einmal zu einer dramatischen Situation rückgeblendet wird (Analepse). Generell spricht man in allen Fällen von einer Anachronie. Es gibt verschiedene Formen von Anachronien:

  • Analepse ist eine Rückblende, ein Zeitsprung in die Vergangenheit, für Genette sogar jede nachträgliche Erwähnung eines vergangenen Ereignisses (auch Retrospektion)
    • wird absichtlich ausgeblendet oder etwas beiseitegelassen, spricht man von einer Paralipse (Lateralauslassung)
  • Prolepse: Vorausschau, Zeitsprung in die Zukunft (auch Antizipation)
    • überschneidet sie sich nicht mit der erzählten Zeit, ist es eine externe Prolepse
    • verbleibt sie innerhalb der erzählten Zeit, spricht man von einer internen Prolepse
    • füllt sie im Voraus eine Lücke aus, ist es eine kompletive Prolepse
    • wird das gleiche Ereignis später noch einmal erzählt, ist es eine repetitive Prolepse („Vorgriff“)
  • Achronie ist ein Extremfall der Anachronie; die chronologische Reihenfolge ist nicht rekonstruierbar (auch Syllepse).
  • Ellipse nennt man eine Auslassung von Ereignissen in der Erzählung. Es handelt sich aber nicht um eine Anachronie, sondern um eine Beschleunigung des Erzähltempos.

DauerBearbeiten

Die Dauer bezieht sich auf das Verhältnis zwischen der Zeitspanne, die das Erzählen im Verhältnis zum Erzählten einnimmt, also das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit. Die Beschreibung eines Blitzes, der nur Sekundenbruchteile andauert, kann in einer Erzählung mehrere Seiten einnehmen. Man spricht dann von einer zeitdehnenden Erzählweise, da hier der Vorgang viel länger dauert als das erzählte Ereignis. Umgekehrt können in einer Erzählung Jahrhunderte in knappen Worten erledigt werden. Dies wäre ein Fall von starker Zeitraffung.

Wenn das Geschehen und die Erzählung in etwa den gleichen Zeitraum einnehmen, spricht man von zeitdeckendem Erzählen (Isochronie). Dies kommt beispielsweise oft bei Dialogen vor; man spricht auch von einer Szene.

Extreme Formen sind die Ellipse und die Pause. Bei der Ellipse wird – meist Unwichtiges – im Erzählen weggelassen: die Erzählung steht still, während das Geschehen weiter geht, sodass der Eindruck eines „Zeitsprungs“ entsteht. Die Pause hingegen bezeichnet den Stillstand der Handlung, während die Erzählung fortläuft, indem beispielsweise Abschweifungen oder nicht für die Handlung relevante Betrachtungen vorgenommen werden.

FrequenzBearbeiten

  • Singulativ: Was einmal geschieht, wird genau einmal erzählt.
  • Repetitiv: Was einmal geschieht, wird mehrmals erzählt. Z. B. wenn ein Geschehen aus der Sicht verschiedener Figuren dargestellt wird oder bei Wiederholungen.
  • Iterativ: Was mehrmals geschieht, wird einmal erzählt. Z. B. „Wie jeden Morgen um sechs stellte er sich nach dem Aufstehen unter die Dusche …“

ModusBearbeiten

Genette fasst den Grad an Mittelbarkeit versus Distanz und die Fokalisierung oder Perspektivierung des Erzählens zu einem Überbegriff des Modus zusammen. Der Modus des Erzählens ist ein Aspekt des discours.

Distanz / MittelbarkeitBearbeiten

Distanz versus Mittelbarkeit erklären sich über den Lesenden des Erzählprozesses. Entstehen im Lesenden die erzählten Ereignisse in seiner Vorstellung direkt vor ihm und kann er die wiedergegebene Rede deutlich vernehmen („dramatischer Modus“) oder nimmt er die Wiedergabe von Ereignissen, die gewissermaßen durch den Filter einer narrativen Instanz, einem Erzähler gebunden sind, wahr („narrativer Modus“).

  • Narrativ: Mit Distanz (mittelbar, haple diegesis, telling)[25] stellt sich die Frage: Wie mittelbar wird das Erzählte präsentiert?[26]
    • Erzählte Rede (Bewusstseinsbericht, erzählte Rede)
  • Transponierte Rede: steht, was den Grad an Distanz bzw. Mittelbarkeit betrifft, zwischen der dramatischen und der narrativen Rede. Die transponierte Rede umfasst die indirekte Rede und die erlebte Rede.
  • Dramatisch: Ohne Distanz (unmittelbar, mimesis, showing)
    • direkte autonome Figurenrede (ohne verbum dicendi)
    • direkte Figurenrede (mit verbum dicendi, z. B. „sagte er…“)
    • Bewusstseinsstrom
    • Gedankenzitat (mit verbum credendi, z. B. „dachte ich…“)
    • Innerer Monolog

FokalisierungBearbeiten

Jeder Erzähltext lässt Rückschlüsse darüber zu, wer die Geschichte erzählt (Erzählstimme) und wer sie wahrnimmt (Fokalisierung). Frage: Wer sieht eigentlich? Genette beschreibt mit dem Begriff der Fokalisierung[27] das Verhältnis zwischen dem „Wissen“ der Figuren einer Erzählung und ihrem Erzähler. Dabei ist es notwendig die Erzählinstanz, obgleich mit dem metaphorischen Begriff des „Sehens“ belegt, nicht zu anthropomorphisieren, so ist der Erzähler bzw. Erzählinstanz ein reines Konstrukt, das vom Autor entworfen und eingesetzt wurde, um einen spezifischen Wissens- oder Informationshorizont abzustecken und den narrativen Informationsprozess im Feld der Erzählung zu steuern.[28]

  • Nullfokalisierung: Der Erzähler weiß mehr als die Figur. Ein quasi omniszienter Erzähler überblickt alle Ereignisse in sämtlichen Tempora und Aspekten. (Erzähler > Figur). In Stanzelscher Terminologie entspricht dies weitestgehend auch dem auktorialen Erzähler.
  • Interne Fokalisierung: Der Erzähler weiß genauso viel wie die Figur. Das Erzählen orientiert sich an der Perspektive einer Person. (Erzähler = Figur). Dabei ist ein Erzähler der 1. oder in der 3. Person spricht denkbar. Nach Stanzel deckt sich dies weitestgehend mit dem personalem Erzähler.
  • Externe Fokalisierung: Der Erzähler weiß weniger als die Figur. Das Erzählen wird aus der Perspektive eines Erzählers geschildert, der keine Introspektion besitzt oder diese nicht versprachlicht. (Erzähler < Figur)

Stimme / ErzählerBearbeiten

Für Genette produziert der Autor in dem Prozess, der sich entwickelnden Geschichte, den Erzähler und stellt diesen zwischen den Leser/Rezipienten und der Erzählung. Frage: Wer spricht eigentlich? Oder Wer erzählt oder versprachlicht Ereignisse? Die erste Frage nimmt metaphorisch Bezug auf die menschliche Stimme und möchte die Unterscheidung zwischen der, in der Erzählung auftretenden grammatikalischen Personen, 1. und der 3. Person treffen sowie die Frage klären, wie und ob der Erzähler in der erzählten Welt (Diegese) vorkommt.

Zeit der NarrationBearbeiten

Unter dem „Blickwinkel der relationalen Zeitposition“ (der Erzählung) wird folgendermaßen unterschieden:

  • spätere Narration: die klassische Position der Erzählung in Vergangenheitsform
  • frühere Narration: prädiktive Erzählung, im Allgemeinen im Futur, kann aber auch im Präsens vorgetragen werden
  • gleichzeitige Narration: Erzählung im Präsens, begleitet die Handlung simultan
  • eingeschobene Narration: zwischen die Momente der Handlung eingeschoben

Person (Homodiegetisch / Heterodiegetisch)Bearbeiten

Die Kategorie 'Person' beschreibt die Positionierung des Erzählers oder Beteiligungsgrad relativ zur erzählten Welt, (Autor ≠ Erzähler!). In homodiegetischen Erzählungen kommt der Erzähler in der Geschichte als Figur vor, während der heterodiegetische Erzähler, ein Erzähler ist, der sich nicht selbst als Ereignisträger an der Geschichte beteiligt.[29] Für Genette ist jeder Erzähler ein „Ich“, das aber in ein „erzählendes“ und ein „erzähltes Ich“ graduell abgestuft und damit im Erzähtext nicht zweifelsfrei zugeordnet werden kann, so dass die Grenze zwischen Homo- und Heterodiegese reichlich unklar bliebe.[30][31][32]

  • Homodiegetisch: Der Erzähler ist Teil der Diegese (der erzählten Welt). (Neuere Erzähltheorien gehen davon aus, dass der Erzähler die erzählte Welt nur mit Hilfe der Wahrnehmung einer Figur in der erzählten Welt vermittelt; er verschmilzt nicht mit dieser Person.)
  • Heterodiegetisch: Der Erzähler ist kein Teil der Diegese. (Neuere Erzähltheorien gehen davon aus, dass der Erzähler grundsätzlich als vermittelnde Instanz zwischen Erzähltext (inklusive erzählter Welt) und Rezipient des Textes ist. Er wird nur explizit oder implizit dargestellt.)
  • Autodiegetisch: Der (homodiegetische) Erzähler ist zugleich die Hauptfigur, der Erzähler erzählt gewissermaßen seine eigene Geschichte. (Analog zur Theorie des homodiegetischen Erzählers geht man in der neueren Erzähltheorie davon aus, dass Erzähler und Figur nicht verschmelzen können, weil sie zwei unterschiedliche Bewusstseinsstufen bezüglich der Existenz des Erzähltextes haben – die Figuren wissen nicht, dass sie Teil einer Erzählung des Erzählers sind. Der Erzähler kann also nie der Protagonist seiner eigenen Geschichte sein. Wenn eine Figur seine/ihre eigene Geschichte aus der Rückschau erzählt, hat er/sie als Erzähler mindestens eine andere Haltung zu den erzählten Handlungen, als er/sie im Moment der Handlungen hatte).

Ebene (Diegetisch / Extradiegetisch)Bearbeiten

Der extradiegetische Erzähler ist der Erzähler, der die äußerste Handlung (Rahmenerzählung, wenn es eine Binnenerzählung gibt; diegetische bzw. intradiegetische Erzählung bei Genette) erzählt.

Kommt in dieser Erzählung wieder ein Erzähler vor, so handelt es sich um einen intradiegetischen Erzähler, das, was er erzählt, ist eine metadiegetische Erzählung (Binnenerzählung). Ein metadiegetischer Erzähler erzählt eine metametadiegetische Erzählung usw.

  • Beispiel: Ein (intradiegetischer) Erzähler beschreibt, wie es sich eine Familie am Kamin gemütlich macht, um Omas Geschichten zu lauschen. Die alte Dame beginnt, von der Liebe ihrer Jugend zu erzählen (Binnenerzählung). Oma erinnert sich dabei an ein Gespräch mit ihrem ersten Liebhaber. Dieser erzählt, dass er auch schon länger ein Auge auf sie geworfen hat und beschreibt (metadiegetisch) seine erste Begegnung mit ihr.
  • Weitere Beispiele:
    • extradiegetisch-heterodiegetisch: Alexei Wassiljewitsch Naryschkin erzählt, wie Denis Diderot zum ersten Mal zur Zarin Katharina die Große nach Russland reist.
    • extradiegetisch-homodiegetisch: Denis Diderot erzählt, wie er in Sankt Petersburg mit der Zarin zusammentrifft.
    • intradiegetisch-heterodiegetisch: Alexei Wassiljewitsch Naryschkin erzählt, wie Denis Diderot am Abend erzählt hat, wie er mit der Zarin zusammentraf.
    • intradiegetisch-homodiegetisch: Denis Diderot erzählt, wie er Alexei Wassiljewitsch Naryschkin erzählt hat, wie er mit der Zarin zusammentraf.

Weitere AnsätzeBearbeiten

Es gibt einige weitere Ansätze der Erzähltheorie, die mehr oder weniger in sich geschlossene Modelle bilden, so etwa von Franz Karl Stanzel. Weitere Ansätze ergeben sich durch eine Kombination der klassischen Narratologie mit anderen Disziplinen, Medien und Genres, sowie der Beeinflussung durch post-strukturalistisches Gedankengut. Beispiele hierfür sind die feministische Narratologie, die kognitive Narratologie oder die linguistische Narratologie. Die neuen Ansätze sind nur zum Teil gut ausgearbeitet, bieten aber ein weites Feld für weitere Theorien.

Ansatz von Franz Karl StanzelBearbeiten
  • Das Typologische Modell der Erzählsituationen („Es“) nach Franz K. Stanzel unterscheidet
    • Auktoriale Erzählsituation[33]: Es gibt einen allwissenden Erzähler (quasi „gottähnlich“, dem alles möglich ist[34]), welcher sich jedoch nicht neutral zur Handlung verhält und sich immer wieder kommentierend und bewertend in die Handlung einmischt.
    • Personale Erzählsituation[35]: Erzählung aus Sicht einer bestimmten Figur, d. h. zumeist legt er sich auf den Blickwinkel und dem Wahrnehmungs- bzw. Erfahrungshorizont einer Figur („singulär“[36]) fest. Eine Variante des personalen Erzählers ist der
      • neutrale Erzähler[37], er nimmt die Position eines unsichtbaren Beobachters ein, dabei wertet oder urteilt er nicht. Auf Retrospektiven oder Zeitsprünge in die Zukunft wird verzichtet. Der Erzähler kommentiert das Geschehen nicht, der Leser wird nicht direkt durch den Erzähler angesprochen. Er verzichtet auf die Innensicht der Figuren.
    • Ich-Erzählsituation[38]: Es wird in der ersten Person erzählt.
  • Mise en abyme, zurückgehend auf André Gide
  • Unzuverlässiges bzw. unglaubwürdiges Erzählen (siehe Unzuverlässiges Erzählen)
 
Darstellung von Franz K. Stanzels kleinem Typenkreis, modifiziert aus Theorie des Erzählens. (1995)[39] Die Konstituenten sind die kräftigeren Linien, welche die Kreissehnen bilden. „Es“ entspricht abgekürzt der „Erzählsituation“

ErzählschemaBearbeiten

Unter dem Erzählschema versteht man allgemein die Struktur der linearen Abfolge (oder sequenzielle Struktur) der Elemente einer Erzählung auf der Ebene der Ereignisse und Handlungen (histoire). Neben der histoire-Ebene gibt es die Ebene des discours, das ist die konkrete sprachliche Ausgestaltung des Textes (z. B. durch rhetorische Stilmittel). Bei der Analyse des Erzählschemas wird sie nicht berücksichtigt.

Wenn man ein Erzählschema analysiert, geht man folgendermaßen vor. Zunächst untersucht man, in welcher Abfolge die Ereignisse in der Erzählung (histoire) erzählt werden und ordnet sie linear abstrahiert von da zu einem Schema:

Ein Mord geschieht – die Polizei untersucht den Fall und steht vor einem Rätsel – der Detektiv wird beauftragt – die Hauptverdächtige flirtet mit dem Detektiv – ein weiterer Verdächtiger wird befragt – usw.

Diese Abfolge kann man weiter abstrahieren:

Verbrechen – Suche nach dem Täter – (mehrfache Fehlschläge) – Verhaftung.

Damit erhält man ein sehr simples Schema des Kriminalromans.

Vergleicht man beispielsweise mehrere Erzählungen eines Autors (oder auch mehrerer Autoren), kann man feststellen, ob der Aufbau der Erzählung auf der Ebene der Histoire immer gleich verläuft, ob die Abfolge variiert etc. In der Literatur sind bestimmte Erzählschemata so erfolgreich, dass sie von vielen Autoren übernommen werden, z. B. der Bildungsroman, die Kurzgeschichte, die Novelle. Natürlich gibt es hier im Einzelfall wiederum Abweichungen vom Schema, oder es werden neue Schemata entwickelt.

Das konventionellste Schema eines erzählenden Textes wird im Schulunterricht gelehrt: Es besteht aus einer Exposition, in der die handelnden Figuren vorgestellt werden, einem Hauptteil, in dem die Handlung entwickelt wird und der mit einem dramatischen Höhepunkt (Klimax, bei komischen Erzählungen Pointe) endet, gefolgt von einem Schluss. Das Schema stammt eigentlich aus der Dramenanalyse, geht in Ansätzen auf Aristoteles zurück und findet sich ausformuliert erst bei Gustav Freytag (1863).

Schmids Kritik zu den Annahmen von GenetteBearbeiten

Schmid (2005)[40] weist auf die Vermischung der Genette´schen Begriffe extra- und intradiegetisch hin, verwische er doch hiermit die absoluten Ebenen im Inklusionsschema, also der hierarchischen Staffelung der verschiedenen Erzählebenen, mit seiner relationalen Unterscheidung von Erzählen und Erzähltem.[41] Die Begriffe extra-, intra- und metadiegetisch werden von Schmid, in Anlehnung an Romberg, als primäre, sekundäre, tertiäre etc. Erzähler bezeichnet.[42] Darüber hinaus weist Schmids Differenzierung von „Exegesis“,[43] und „Diegesis“[44] für die Unterscheidung der Ebene des Erzählens[45] einerseits und der Ebene des Erzählten[46] eine bessere Diskrimationsfähigkeit auf. Wird die duale Begrifflichkeit gepaart mit der numerischen Bezeichnung der Erzähler in primäre, sekundäre, tertiäre etc. wird eine präzise Terminologie geschaffen.

Nach Genette sind auf der narrativen Ebene oder den Erzählebenen („Ort des Erzählens“) zu unterscheiden,[47] dabei ist der Erzähler oder Erzählinstanz grundlegend vom Autor zu unterscheiden:[48]

  • extradiegetisch („erste Stufe“) eine Geschichte wird erzählt
  • intradiegetisch („zweite Stufe“) in einer Erzählung wird erzählt.

auf den verschiedenen Ebenen im Inklusionsschema des Erzähltextes („Stellung des Erzählers zum Geschehen“) werden unterschieden:

  • homodiegetisch der Erzähler und die Geschichte gehören zur selben Welt; Erzähler tritt erlebend als eine Figur in der Erzählung auf[49], der er etwa im Rückblick erzählend als Vermittler berichtet. Nach Schmid ist der „homodiegetische Erzähler“ der „diegetische Erzähler“, das auf der Ebene der „Exegesis“ ein „erzählendes Ich“ und auf der Ebene der „Diegesis“ ein „erzähltes Ich“ aufweisen kann.
  • heterodiegetisch der Erzähler und die Geschichte gehören nicht zur selben Welt; der Erzähler erscheint in der Geschichte nicht als Figur.[50] Nach Schmid ist der „heterodiegetische Erzähler“ der „nicht-diegetische Erzähler“. Das nur auf der Ebene der „Exegesis“ ein „erzählendes Ich“ aufweist, eine Kategorie die auf der Ebene der Diegesis leer bleiben muss.[51]
  • metadiegetisch sind alle weiteren untergeordneten Erzähler.
Terminologie Genettes (Ebene/Beteiligungsgrad) Erläuterung von Schmid vorgeschlagene Terminologie Bedeutung
extradiegetisch-heterodiegetischer Erzähler Erzähler erster Stufe (Erzählen), der eine Geschichte erzählt, in der er nicht vorkommt primärer nichtdiegetischer Erzähler Der Erzähler bzw. die Erzählinstanz tritt nicht als Figur auf, er ist nicht Teil der Handlung, meistens deutet er dem Leser gegenüber seine Präsenz nicht einmal an.
extradiegetisch-homodiegetischer Erzähler Erzähler erster Stufe (Erzählen), der seine eigene Geschichte erzählt primärer diegetischer Erzähler Der Erzähler ist eine Figur innerhalb der Erzählung und gibt die äußerste Ebene der Handlung wieder.
intradiegetisch-heterodiegetischer Erzähler Erzähler zweiter Sufe, die Geschichten erzählt (erzähltes Erzählen), in denen er im Allgemeinen nicht vorkommt sekundärer nichtdiegetischer Erzähler Eine Figur innerhalb der (extradiegetisch-hetero- oder homodiegetischen) Erzählung erzählt von Ereignissen, an denen sie selbst aber nicht beteiligt war.
intradiegetisch-homodiegetischer Erzähler Erzähler zweiter Stufe (erzähltes Erzählen), der seine eigene Geschichte erzählt sekundärer diegetischer Erzähler Eine Figur innerhalb der (extradiegetisch-hetero- oder homodiegetischen) Erzählung erzählt von Ereignissen, an denen sie beteiligt war.
metadiegetisch-heterodiegetischer Erzähler erzähltes erzähltes Erzählen, ohne Vorkommen des Erzählers tertiärer nichtdiegetischer Erzähler -
metadiegetisch-homodiegetischer Erzähler erzähltes erzähltes Erzählen, mit Vorkommen des Erzählers tertiärer diegetischer Erzähler -

[52]

Schmid ersetzt mit seiner Terminologie „diegetisch“ und „nichtdigetisch“, die häufig verwendete, aber problematische Dichotomie des „Ich-Erzählers“ vs „Er-Erzählers“.[53] Wenn sich das „Ich“ nur auf den Erzählakt bezieht, ist der Erzähler nichtdiegetisch. Wenn sich das „Ich“ mal auf den Erzählakt und ein anderesmal auf die erzählte Welt bezieht, ist er diegetisch.[54]

Die Innenperspektive, so Meir, ist die Position des homodiegetischen oder diegetischen Erzählers, er erzählt und berichtet aus der Perspektive der Figur heraus, indem er Selbsterlebtes und Eigenes als nicht „Fremdes“ versprachtlicht. Der heterodiegetische oder nichtdiegetische Erzähler (primär, sekundär etc.) erzählt in einer Außenperspektive „Fremdes“, also aus einer Position des nicht Selbsterlerbten, des nicht Eigenem.[55]

Raummodell nach Juri M. LotmanBearbeiten

Fiktionalität/FaktualitätBearbeiten

Es ist schwierig eine klare Unterscheidung zwischen fiktionalen und faktualen Texten zu finden.[56][57] Faktualität oder faktuales Erzählen von Texten, dienen zunächst der Mitteilung „wahrer Sachverhalte“ und werden von den Rezipienten deshalb entsprechend verstanden, was aber unabhängig davon ist, ob die dargestellten Inhalte auch tatsächlich wahr gewesen sind.[58] Einerseits wird in vielen faktualen Textsorten mit Techniken gearbeitet, die als charakteristisch für fiktionale Literatur gelten (z. B. in Reportagen, Geschichtsschreibung). Gérard Genette differenziert faktuale von fiktionalen Erzählungen. Dabei nehmen die faktualen Erzählungen, so etwa Autobiographien, Biographien, Berichte, Protokollaufzeichnungen oder Chroniken, für sich einen Wirklichkeitsanspruch ein und damit auch eine „Referenzialisierbarkeit“ der Geschehnisse an, so dass sie vom Leser für grundsätzlich wahr gehalten werden können. Obzwar faktuale Texte nicht von erfundenen Figuren, Gegenständen und Ereignissen handeln, können sie jedoch dabei durchaus literarisch sein und somit über eine eigene „Poetizität“ verfügen.[59] Andererseits beziehen sich die meisten fiktionalen Texte auf Orte, Zeiten und Sachverhalte der Wirklichkeit, d. h. die Fiktion besteht fast ausschließlich aus fiktionalisiertem Realem.[60][61]

Hempfer (1990)[62] gliedert in:

  • Fiktionssignale, das sind alle Merkmale, die die Fiktionalität eines Werkes anzeigen, sprich alle Merkmale, durch die sich fiktionale Texte als solche zu erkennen geben. Der Gebrauch von Fiktionssignalen unterliegt historischem Wandel und ist durch Konventionen bedingt (Kontrakt des inszenierten Diskurses).
  • Formale Fiktionssignale beschreiben das Wissen des Lesers um die Hintergründe der Entstehungssituation der Erzählung, der Rezeption und der Kommunikationssituation, sie sind daher kontextuell. Durch die Gattungsangabe (z. B. Roman) kann ein Fiktionsvertrag mit dem Leser entstehen.
  • Textinterne Fiktionssignale betreffen die innere Ordnung und Organisation des Textes, beispielsweise Zeit, Erzählsituation, das Verhältnis A-N-P (Autor – Narrateur/Erzähler – Protagonist).

In der Autobiographie gibt es eine spezifische Übereinkunft zwischen Verfasser und Leser, den autobiographischen Pakt, nach Philippe Lejeune.[63] Die Identität von Autor, Erzähler (Narrator) und Protagonist (A=N=P) garantiert dem Leser den faktualen Status des Textes. Der Autor bürgt mit seinem Eigennamen, nicht für Exaktheit, sondern für aufrichtiges Bemühen („Bitte glaube mir!“).

Soziokulturelle Funktion des ErzählensBearbeiten

In der Biosoziologie, einem Teilbereich der Soziologie, wird von manchen Forschern die These vertreten, dass die Geschichte des Menschen mit der Erfindung des Erzählens beginnt. Es gibt keine Möglichkeit, diese Hypothese empirisch zu belegen; vielmehr ist damit gemeint, dass das Menschsein sich zentral über die Fähigkeit des Erzählens definiert (siehe Anthropologie).

So geht man in der Soziologie davon aus, dass in vielen „Völkern der Urzeit“ – ebenso wie bei manchen noch heute existierenden indigenen Ethnien, die keine Schrift kennen – der Erzähler eine wichtige soziale Funktion hat. Ein Erzähler trägt die Mythen, Genealogien, Märchen und Sagen eines Volkes mündlich weiter. Dadurch bildet er das soziale Gedächtnis seines Stammes.

Kritik an der NarratologieBearbeiten

1990 gelangte Christine Brooke-Rose zu der Einschätzung, dass Narratologie selbst kaum mehr als Geschichtenerzählen sei – wie alles Benennenwollen –, auch wenn es als eine gute Geschichte anzusehen sei. Narratologie werde aber dann trivial, wenn sie sich darauf verlegt, Gesetzmäßigkeiten von universaler Gültigkeit zusammentragen zu wollen. Interessant sei es immerhin, wenn sich analytisches Interesse wegwende von Text als Objekt (mit inhärenten Strukturen) und hin zum Leser, von dem angenommen wird, dass er diese Strukturen internalisiert habe und gelernt habe, sie zu erkennen. Narratologische Forscher würden allerdings den Eindruck machen, sie selbst hätten die Erfahrung dringend nötig, was passiert, wenn sie einen Text nicht ohne Hindernisse verstehen. Sehr nützlich sei Narratologie gewesen, um einzelne Mechanismen von Sprache und Text genauer zu bestimmen, aber Diskussionen über narratologische Phänomene seien in der Selbstbezüglichkeit stecken geblieben, ähnlich wie der „postmoderne“ Roman. Jede Phase habe eben die Rhetorik, die sie verdiene, resümiert Brooke-Rose.[64]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

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NachschlagewerkeBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Einzelnachweise und AnmerkungenBearbeiten

  1. Tilmann Köppe, Tom Kindt: Erzähltheorie. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-15-017683-2, S. 43 f.
  2. Tim Henning: Person sein und Geschichten erzählen: Eine Studie über personale Autonomie und narrative Gründe. (= Band 90, Quellen und Studien zur Philosophie). de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-020569-5, S. 174–178.
  3. Tilmann Köppe, Tom Kindt: Erzähltheorie. Eine Einführung. Reclam, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-15-017683-2, S. 60; 49–50.
  4. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008, (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 5, 6.
  5. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 215–219, 115 (books.google.de, books.google.de)
  6. Grafische Darstellung nach Wolf Schmid von Bert Egle auf teachSam- Arbeitsbereiche: E. Glossar. Fachbegriffe für den Deutschunterricht. (teachsam.de, teachsam.de)
  7. Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Walter de Gruyter, Berlin 2008. (3., erw. u. überarb. Auflage. 2014, ISBN 978-3-11-020264-9, S. 6)
  8. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 219.
  9. Matías Martínez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. C. H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-44052-5. (11., erweiterte und aktualisierte Auflage 2019, S. 28)
  10. Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität: Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Erich Schmidt, Berlin 2001, ISBN 3-503-06111-8, S. 19; 165.
  11. modifiziert aus Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität: Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Erich Schmidt, Berlin 2001, ISBN 3-503-06111-8, S. 168.
  12. Meinhard Mair: Erzähltextanalyse. Modelle, Kategorien, Parameter. ibidem Verlag, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-8382-0719-3, S. 10–12.
  13. Andere Zugänge sind nach M. Mair produktionsästhetische, sprachlogische, erkenntnistheoretische gattungstheoretische oder pragmatische Definitionen.
  14. M. Mair (2016), S. 11.
  15. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 5, 6, 235–238.
  16. James Phelan, Peter J. Rabinowitz: Introduction: Tradition and Innovation in Contemporary Narrative Theory. In: James Phelan, Peter J. Rabinowitz (Hrsg.): A Companion to Narrative Theory. Blackwell Publishing, Malden/Mass./Oxford 2005, S. 1–16.
  17. Ansgar Nünning: Surveying Contextualist and Cultural Narratologies: Towards an Outline of Approaches, Concepts and Potentials. In: Sandra Heinen, Roy Sommer (Hrsg.): Narratology in the Age of Cross-disciplinary Narrative Research. de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-022243-2, S. 48–70, S. 54–55.
  18. Per Krogh Hansen, Stefan Iversen, Henrik Skov Nielsen, Rolf Reitan (Hrsg.): Strange voices in narrative fiction. de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-026857-7, S. 1–11, S. 4.
  19. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 90, Z„ur Vertiefung Zum Streit der Theorien.“
  20. Bert Egle: Erzählgeschwindigkeit. Überblick. teachSam-Arbeitsbereiche, Fachbereich Deutsch, 9. September 2020 (teachsam.de auf teachsam.de)
  21. Katha Joos alias Feael Silmarien: Ordnung: Anachronistisches Erzählen (Genettes Erzähltheorie - Teil 5). 3. Mai 2019 [1]
  22. Katha Joos alias Feael Silmarien: Dauer: Geschwindigkeit der Erzählung (Genettes Erzähltheorie - Teil 6) 19. Juli 2019 [2]
  23. Katha Joos alias Feael Silmarien: Frequenz: Wiederholungen in der Erzählung (Genettes Erzähltheorie - Teil 7) 13. September 2019
  24. Gérard Genette: Die Erzählung. (= UTB-Band Nr. 8083), 3. Aufl. W. Fink, Paderborn 2010, ISBN 978-3-8252-8083-3, S. 17
  25. Gert Egle: Darstellung gesprochener Worte durch den Erzähler. Überblick. 10. August 2019, teachSam- Arbeitsbereiche (teachsam.de, Grafische Darstellung teachsam.de auf teachsam.de)
  26. auch Stanzel geht in seiner Theorie des Erzählens 6. unveränderte Auflage (= 904 UTB), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-8252-0904-0, S. 15 f. hierauf ein.
  27. Katha Joos alias Feael Silmarien: Fokalisierung: Erklärung mit Beispielen (Genettes Erzähltheorie - Teil 1). 30. November 2018 [3]
  28. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 116.
  29. Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität: Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Erich Schmidt, Berlin 2001, ISBN 3-503-06111-8, S. 131.
  30. Gérard Genette: Die Erzählung. Fink Verlag, München 1998, S. 233
  31. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 87; 81
  32. Grafik: Beteiligung des Erzählers am erzählten Geschehen. Auf „LiGo“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von GermanistInnen verschiedener Universitäten. [4] modifiziert nach Susan Sniader Lanser; Einteilung von sechs Typen von Erzählern, The narrative act. Point of view in prose fiction. Princeton University Press, Princeton 1981, ISBN 978-0-691-06486-4, S. 160, es werden fünf Stufen der Partizipation an der Diegesis und der Entfernung vom heterodiegetischen bzw. nicht-diegetischen Erzähler bestimmt.
  33. entspricht in Genettescher Terminologie: nicht-fokalisierte heterodiegetische Narration
  34. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008, (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 88
  35. entspricht in Genettescher Terminologie: heterodiegetische Narration mit interner Fokalisierung
  36. es sind aber auch dianguläre oder trianguläre Perspektiven möglich
  37. Stanzel gibt den Begriff (1955) späterhin wieder auf.
  38. entspricht in Genettescher Terminologie: homodiegetische Narration
  39. Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens. (=UTB 904), 6. unveränderte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1995, ISBN 3-8252-0904-0, S. 81
  40. Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018593-8, S. 82–99.
  41. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 91, 93–94.
  42. Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018593-8, S. 83–85.
  43. „Erzählinstanz“, die Welt, in der erzählt wird. Die Ebene des Erzählens.
  44. „Handelnde Instanz“, erzählte Welt, in der sich die Geschichte ereignet.
  45. Exegesis: Es ist die Welt der Erzählinstanz oder die ermittelnde Instanz zwischen dem Autor und der erzählten Geschichte sowie zwischen Geschichte und Leser. Die Welt, in der erzählt wird. Nach Schmid Ebene des Erzählens und der das Erzählen begleitenden Kommentare.
  46. Diegesis: Die erzählte Welt, also die (fiktive) Welt in der sich die Geschichte ereignet, nach Schmid zur erzählten Welt gehörend.
  47. Schema nach Gérard Genette von Johannes Birgfeld, Universität des Saarlandes (johannesbirgfeld.de)
  48. Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008. (3., aktual. Auflage. 2016), ISBN 978-3-476-02598-2, S. 16–17, 51–53.
  49. Es ist die Rede des „erzählten Ichs“ die als Figurenrede manifest wird. Der Begriff „Figurenrede“ beschreibt all das, was eine fiktive Figur äußert. Dabei gibt es eine graduelle Abstufung, so kann ein homodiegetischer Erzähler in einem höheren oder niedrigeren Ausmaß „homodiegetisch“ sein. Erzähler und das „erzählende Ich“ sind sozusagen eins, bzw. im Text nicht voneinander zu unterscheiden. Eben weil beim homodiegetischen Erzähler sich gewissermaßen zwei „Ichs“ ergeben können, nämlich das „erzählende Ich“ (Ebene der Erzählung, Erzählinstanz, der Exegesis), d. h. das „Erzähler-Ich“, und das „erzählte oder erlebende Ich“ (der Ebene der Geschichte, der handelnden Instanz, der Diegesis), d. h. das „Figuren-Ich“. Das autodiegetisches Erzählen ist ein Spezialfall homodiegetischen Erzählens, es liegt dann vor, wenn der Erzähler Teil der erzählten Welt und zugleich deren Hauptfigur ist.
  50. Es ist die Rede des reinen „erzählenden Ichs“, der „Erzählerrede“, hierunter subsumieren sich alle Äußerungen, Vorstellungen, Gedanken, Gefühle, Eindrücke, die nicht durch die Figuren selbst versprachlicht werden.
  51. Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018593-8, S. 86.
  52. nach der Tabelle aus Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018593-8, S. 87.
  53. vergleiche die Auktoriale Erzählsituation in der Terminologie von Franz Karl Stanzel („Er/Es-Perspektive“: Jemand erzählt allwissend die Geschichte einer oder mehrerer Figuren); dessen „Erzählsituation“ aber bei Schmid kritisch gesehen wird. Von der Mehrheit der Narratologen werden Stanzels Kategorien als überholt angesehen.
  54. Wolf Schmid: Erzählperspektive. 3. März 2004, S. 1–44 (icn.uni-hamburg.de auf icn.uni-hamburg.de) hier S. 2.
  55. Meinhard Mair: Erzähltextanalyse. Modelle, Kategorien, Parameter. ibidem, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-8382-0719-3, S. 172
  56. Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Erich Schmidt, Berlin 2001, ISBN 3-503-06111-8, S. 115.
  57. Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. 1. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018593-8, S. 32.
  58. Achim Saupe, Felix Wiedemann: Narration und Narratologie. Erzähltheorien in der Geschichtswissenschaft. Docupedia-Zeitgeschichte, 28. Januar 2015 (zeitgeschichte-digital.de auf zeitgeschichte-digital.de) hier S. 6.
  59. Gérard Genette: Fiktion und Diktion. Wilhelm Fink, München 1992, ISBN 3-7705-2771-2, S. 66.
  60. Marcus Willand (Hrsg.): Faktualität und Fiktionalität. Non Fiktion Heft 1/2017, Wehrhahn, Hannover 2017.
  61. Christian Klein, Matías Martínez: Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. In: Christian Klein, Matías Martínez (Hrsg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. J. B. Metzler, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-476-05228-5, S. 1–13.
  62. Klaus W. Hempfer: Gattungstheorie. Information und Synthese. Wilhelm Fink, München 1990, ISBN 3-7705-0644-8.
  63. Philippe Lejeune: Der autobiographische Pakt. (= edition suhrkamp/SV 1994). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-518-11896-2.
  64. Christine Brooke-Rose: Whatever happened to narratology? In: Poetics Today. Band 11, 1990, S. 283–293, später in: Stories, theories and things. Cambridge University Press, Cambridge 1991, ISBN 0-521-39181-4, S. 16–27.