Person (Grammatik)

grammatische Kategorie

Die grammatische Kategorie der Person gibt vor allem bei Pronomen und Substantiven an, welche Rolle die bezeichneten Individuen oder Dinge in der Sprechsituation spielen. Obwohl „Personen“ auch weitere Merkmale haben können (wie Geschlecht oder sozialer Status, die ebenfalls als grammatische Merkmale auftreten können), ist die Teilnehmerrole in der Sprechsituation das einzige Merkmal, das mit dem Begriff der grammatischen Person gemeint ist. Es tritt allerdings in sehr vielen Fällen mit einem Numerus-Merkmal kombiniert auf (also Einzahl / Mehrzahl, oder eventuell feinere Unterscheidungen im Bereich der Mehrzahl).

Das Merkmal grammatische Person kann in den meisten Systemen drei Werte annehmen, nämlich:

  1. Sprecher der Äußerung: die Pronomen „ich“, „wir“,
  2. Adressat der Äußerung: Pronomen „du“, „ihr“, „Sie“; oder
  3. jemand oder etwas, der / das nicht unmittelbar an der Äußerung beteiligt ist: Substantive, Namen, Pronomen „er“, „es“, „sie“.

Typen von Pronomen, die im Personalmerkmal Unterscheidungen erlauben, sind vor allem Personalpronomen sowie auch Possessivpronomen. Andere Typen von Pronomen wie etwa Indefinitpronomen sowie Substantive sind auf die 3. Person festgelegt.

Das Merkmal Person kann ferner an anderen Wortarten auftreten, am häufigsten noch als Affix in finiten Verbformen im Rahmen einer Übereinstimmungsregel (Kongruenz) oder in manchen Sprachen als direkte Bezeichnung einer Ergänzung des Verbs („Cross-Reference“). Die Kategorie der Finitheit muss aber nicht notwendigerweise einen Bezug auf Personalmerkmale enthalten (z.B. im Dänischen ist die finite Verbform personenneutral).

Die Fachbegriffe für die grammatischen Personen bestehen lediglich in einer Nummerierung der genannten Rollen als 1. Person, 2. Person und 3. Person. Diese Kategorie ist in allen Sprachen der Welt vertreten, allerdings werden nicht immer alle drei Personen durch Formen vollständig unterschieden. Es gibt außerdem im Bereich der 3. Person Untertypen und Fälle, die sich nicht ohne Weiteres so einordnen lassen, und manchmal werden dazu weitere (z. B. „vierte“ und „fünfte“. …) Personen definiert; dafür gibt es aber keine allgemein übliche Konvention.

Wie bei grammatischen Merkmalen generell der Fall, haben die grammatischen Regeln im Konfliktfall oft Vorrang vor der inhaltlichen Interpretation. Es ist im Prinzip möglich, dass ein Sprecher sich selbst mit einem Ausdruck bezeichnet, der grammatisch der dritten Person angehört, zum Beispiel kann ein Vater, an das eigene Kind gerichtet, sich selbst als „der Papa“ bezeichnen, oder es können in einem Vertrag oder Brief Formen auftreten wie „der Unterzeichnete“ oder „der Schreiber dieser Zeilen“. Ebenso können manchmal Angesprochene mit einem Ausdruck der dritten Person bezeichnet werden, z.B. ist das deutsche Höflichkeitspronomen „Sie“ historisch eine Form der dritten Person. In diesen Fällen bewirkt die Redeweise mit einer dritten Person allerdings auch einen inhaltlichen Distanzierungseffekt.

Geschichte der Bezeichnung und außereuropäische TraditionenBearbeiten

Das Wort „Person“ kommt vom lateinischen persona (ursprünglich: „Maske“, vor allem im Zusammenhang mit dem Theater). Die geläufige Nummerierung stammt von dem antiken Grammatiker Dionysios Thrax (170/160 bis ca. 90 vor Chr.), der im europäischen Raum die älteste bis heute überlieferte Grammatik schrieb. Er formulierte „Die erste Person ist die, von der die Rede ausgeht, die zweite an die die Rede gerichtet ist, und die dritte, über die die Rede geht“.

In der arabischen Grammatiktradition heißt die erste Person al-mutakallimu, das heißt, „derjenige, der spricht,“ die zweite al-muhâtabu, das heißt, „derjenige, an den man sich wendet,“ und die dritte al-yâ`ibu, „das heißt, derjenige, der abwesend ist.“

Aber es gibt auch den Fall der umgekehrten Ordnung. In der indischen Grammatik wird folgende Nummerierung verwendet:

  • prathamapurusa heißt „erste Person“, d. h. die, über die die Rede geht (sie entspricht unserer dritten Person)
  • madhyamapurusa heißt „mittlere Person“, d. h. die, an die die Rede gerichtet ist (sie entspricht unserer zweiten Person)
  • uttamapurusa heißt „letzte Person“, d. h. die, von der die Rede ausgeht (sie entspricht unserer ersten Person)

Überblick: Anwendungsbereich des Merkmals PersonBearbeiten

Grammatische Person ist ein Merkmal, das in zwei Weisen auftreten kann:

  • Es kommt einem Ausdruck zu, der selbst Individuen bezeichnet (auf Individuen referiert): Dann zeigt der Ausdruck die Sprechsituations-Rolle dieses Individuums als Sprecher, Adressaten oder Dritten.
  • Es kommt einem Ausdruck zu, der individuen-bezeichnende Ausdrücke als seine grammatischen Ergänzungen (Argumente) verlangt. Dies ist der Fall von Personalmerkmalen an Verben, Substantiven oder Präpositionen (die nicht selbst Individuen bezeichnen).

Im ersteren Fall ist das Personalmerkmal mit dem Wort fest verbunden (z.B. Personalpronomen), im zweiten Fall tritt Person als ein Merkmal in der Flexion (der grammatischen Formenbildung) des Wortes auf.

Die grammatische Kategorie Person in diesem Sinn erstreckt also nur auf Fälle, wo ein Individuum im Satzinhalt benannt wird – nicht auf Fälle, wo nur die Form eines Satzes Eigenschaften der Äußerungssituation widerspiegelt, wie zum Beispiel Markierungen des Respekts für den Adressaten oder des sozialen Status oder Geschlechts des Sprechers.

Person als FlexionsmerkmalBearbeiten

Das bekannteste Beispiel für Person als Flexionsmerkmal ist die Subjektkongruenz in vielen Sprachen. Die folgende Tabelle zeigt Personalpronomen als Subjekt und dazu die Konjugation des jeweiligen Verbs für ‚tun, machen‘ in den Sprachen Dänisch, Deutsch, Russisch, Türkisch und Swahili. Das Dänische erscheint hier nur zum Kontrast, als das Beispiel einer Sprache, deren finite Verbformen keine Personalmerkmale ausdrücken (sich aber dennoch vom Infinitiv unterscheiden). (Die Bindestriche in den Verbformen zeigen die Zerlegung, sie werden nicht geschrieben):

Dänisch Deutsch Russisch Türkisch Swahili
1 Singular jeg gør ich mach-e (ja) dela-ju yapar-ım ni-na-fanya
2 Singular du gør du mach-st (ty) dela-eš’ yapar-sın u-na-fanya
3 Singular han/hun/den/det
gør
er/sie/es
mach-t
(on/ona/ono)
dela-et
yapar a-/i-/li-/…
-na-fanya
1 Plural vi gør wir mach-en (my) dela-em yapar-ız tu-na-fanya
2 Plural I gør ihr mach-t (vy) dela-ete yapar-sınız m-na-fanya
3 Plural de gør sie mach-en (oni) dela-jut yapar-lar wa-/zi-/ya-/…
-na-fanya

Während die Personenmarkierung des Verbs in den meisten indoeuropäischen Sprachen nach dem Verbstamm erfolgt (also mittels Suffixen), kann sie in anderen Sprachen auch davor (also mittels Präfixen) erfolgen, wie hier in Swahili. Dort kann auch ein weiteres Präfix das Objekt bezeichnen, so dass eine Verbform die Personenmerkmale von zwei Ergänzungen angeben kann, z. B. u-na-i-fanya (du machst es) mit 2. und 3. Person.

In manchen Sprachen findet sich nicht die oben gezeigte Aufteilung von Subjektpronomen im Satz und davon ausgelöster Verbflexion, sondern nur die Verbflexion zeigt die Person des Subjekts oder Objekts, und identifiziert so Subjekt bzw. Objekt ganz alleine. Wenn dieser Mechanismus in Reinform auftritt, spricht man in der Sprachwissenschaft von „Cross-Reference“ (Kreuzreferenz).

Ein weniger bekannter Fall von Personen-Flexion ist eine Markierung an Substantiven, die die Person des Besitzers anzeigt. Dies ist zum Beispiel im Türkischen zu finden (die Tabelle ist aus dem Artikel Possessiv übernommen):

Singular Plural
1. ev-im mein Haus ev-imiz unser Haus
2. ev-in dein Haus ev-iniz euer Haus
3. ev-i sein/ihr Haus * ev-leri ihr Haus

Seltener ist eine Personalflexion an Präpositionen, die das Personalmerkmal von deren Ergänzung ausdrückt, für ein Beispiel siehe unter Walisische Sprache#Präpositionen.

Das Merkmal Person in PersonalpronomenBearbeiten

Personalpronomen drücken vor allem das Merkmal Person aus, kombinieren dies aber in der Regel mit Einzahl/Mehrzahl (Numerus), und häufig mit weiteren Merkmalen wie Genus, Belebtheit, Respekt etc. Siehe hierzu den Artikel Personalpronomen.

Die Art, wie das Merkmal Person selbst ausgedrückt ist, kann variieren. Eine Möglichkeit ist die Benutzung grundverschiedener Formen für jede Person (oder Person-Numerus-Kombination), wie im deutschen ich – du – er/sie .... Es gibt jedoch auch systematisch zerlegbare Pronominalformen. In der Sprache Lakhota hat das Peronalpronomen einen neutralen Stamm, der nur die Eigenschaft „Pronomen“ bezeichnet (ye), und die verschiedenen Pronomen kommen zustande, indem dieser Stamm mit Affixen verbunden wird, die sonst auch als die regulären Possessivaffixe dienen.[1] Hier wird also für die Bildung der Personalpronomen selbst dasselbe Verfahren verwendet wie bei Person als Flexionsmerkmal im vorigen Abschnitt:

1.Pers.Singular:  mi-ye
1.Pers.Plural:    uki-ye
2.Pers.           ni-ye

Besondere Arten und Unterarten von PersonalmerkmalenBearbeiten

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Inklusives und exklusives WirBearbeiten

Die erste Person Plural ist nicht buchstäblich ein Plural von „ich“ (also mehrere Sprecher), sondern eine Kombination der ersten Person Singular mit einer oder mehreren Personen der anderen, zweiten und/oder dritten Personen. Aus diesem Grunde gibt es in vielen Sprachen auch verschiedene Wir-Formen, die unterscheiden, ob die Angesprochenen mit einbezogen werden („inklusives Wir“) oder nicht („exklusives Wir“), zum Beispiel im Indonesischen:

  • kita „wir zusammen mit dir/euch“ (1. Person Plural inklusiv)
  • kami „wir ohne dich/euch“ (1. Person Plural exklusiv)

Manche Sprachen unterscheiden in ihren Verb-Affixen sogar drei verschiedene Formen der ersten Person Plural. So hat das Sierra Popoluca das exklusive Wir, das „beschränkte“ inklusive Wir (ich und der oder die Adressat/en exclusive weiterer dritter Person/en) und das „generalisierte“ inklusive Wir (ich, der/die Adressat/entspricht sowie ein oder mehrere dritte Personen).[2]

Eine Unterscheidung zwischen inklusiv und exklusiv ist auch für die zweite Person Plural denkbar: ein exklusives Ihr (mehrere Adressaten, ohne Dritte) und ein inklusive Ihr (ihr und Dritte). Eine solche Unterscheidung ist für das Abchasische beschrieben worden, scheint allerdings nicht sehr robust.[3]

In der Literatur ist die Auffassung vertreten worden, dass die inklusiven und exklusiven Spezialformen nicht unbedingt der ersten Person zugeordnet werden müssten, sondern als eigenständige Kategorie neben den einfachen Personalmerkmalen stehen könnten. Man erhielte dann eine etwas größere Familie von Merkmalen „an der Sprechsituation direkt Beteiligte“ (1. Person, 2. Person, Inclusiv), im Kontrast zu „nicht Beteiligte“. [4]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Thomas Gehling: 'Ich', 'du' und Andere. Eine sprachtypologische Studie zu den Kategorien »Person« und »Numerus«. LIT Verlag, Münster 2004.
  • Thorben Andersen: Studies in Language, Anti-Logophoricity and Indirect Mode in Mabaan. Ingenta Connect, Volume 23, Number 3, 1999, S. 499-530 (32), Publisher: John Benjamin s Publishing Company
  • David W. Fleck: Coreferential Fourth-Person Pronouns in Matse. International Journal of America Linguistics, Vol. 74, No. 3, July 2008, S. 279-311, The University of Chicago Press
  • Leonie Cornips, Karen P. Corrogan: Syntax and Variation. Reconciling the Biological and the Social, Chapter 11, Paola Benincà and Cecilia Poletto, University di Padova/Istituto di Tecnologie della Cognizione CNR, S. 265 ff., in: Current Issues in Linguistic Theory 265, John Benjamins Publishing Company
  • Donald G. Frantz: Person Indexing in Blackfoot. International Journal of American Linguistic, Vol. 32, No. 1, Jan. 1966, S. 50
  • Joseph H. Greenberg: The Second Person is rightly so called. Principles and Prediction: The Analysis of natural languages, edited by Mushira Eid and Gregory K. Iverson, John Benjamin's Publishing Company (S. 16)
  • Barbara E. Erickson: Patterns of Person Number Reference in Potawatomi. International Journal of American Linguistic, Vol 31, No. 3, Jul 1965, S. 226-236
  • Foster, Mary L. und George M. Foster: Sierra Popoluca Speech. Institute of Social Anthropology Smithsonia Institute, Publication 8, U.S. Government Printing Office, Washington D.C. 1948

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Johanna Nichols: Person as an inflectional category. In: Linguistic Typology, 21-3 (2017), 387–456. Das Lakhota-Beispiel von S. 391
  2. Foster und Foster 1948, S. 19, aus Arnold M. Zwicky: Hierarchie of Persons, S. 729.
  3. Michael Cysouw: The Paradigmatic Structure of Person Marking. Oxford University Press, 2003. S. 75.
  4. Johanna Nichols: Person as an inflectional category. In: Linguistic Typology, 21-3 (2017). – S. 388.