Johannes Hyrkanos I.

Hoherpriester und Herrscher in Israel

Johannes Hyrkanos I. (hebräisch יוחנן הורקנוס Jôḥānān Hurqanôs, altgriechisch Ἰωάννης Ὑρκανός Iōánnēs Hyrkanós) war ein Ethnarch und jüdischer Hohepriester aus der Dynastie der Hasmonäer, der von 135 bis 104 v. Chr. in Judäa regierte.

Bronzemünze (Pruta) des Johannes Hyrkanos I.[1]

NameBearbeiten

Der hellenistische Name Hyrkanos wurde ursprünglich als Beiname von Judäern getragen, deren Vorfahren aus der jüdischen Diaspora am Kaspischen Meer (Hyrkanien) stammten. Er kommt bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. innerhalb der Tobiadenfamilie vor.[2]

Familiärer HintergrundBearbeiten

Johannes Hyrkanos war der dritte Sohn des Simon Makkabäus. Unter Simons Herrschaft wurde Judäa de facto zu einem unabhängigen Staat. Der Seleukidenherrscher Demetrios II. erkannte Simon als Hohepriester an, gewährte ihm Steuerfreiheit und das Recht, Festungen zu besitzen. Obwohl er diesen Titel nicht führte, regierte Simon ab 141 v. Chr. wie ein König.[3] Zu Lebzeiten seines Vaters war Johannes Hyrkanos der Oberbefehlshaber der Armee. Er residierte in Geser[4] und besiegte eine syrische Armee unter dem Epistrategen Kendebaios in einer Schlacht nahe Azotos.[5]

Hyrkanos war von seinem Vater nicht als Nachfolger vorgesehen worden; er kam in diese Position, weil er überlebte, als fast die ganze Familie im Januar/Februar 135 einem Anschlag zum Opfer fiel:[6] Ptolemaios, der Sohn des Abubos, war Simons Schwiegersohn und Strategos in der Gegend von Jericho. Er hatte Simon und dessen Söhne Mattathias und Judas zu einem Bankett in die Festung Dok eingeladen. Anschließend ließ er sie ermorden. Ptolemaios schickte seine Leute nach Geser, um auch den dritten Sohn Johannes Hyrkanos zu beseitigen, aber dieser wurde rechtzeitig gewarnt.[7]

RegierungszeitBearbeiten

HerrschaftssicherungBearbeiten

Johannes Hyrkanos folgte seinem Vater als Ethnarch von Judäa und im Amt des Hohepriesters. Gleich nachdem er seine Ämter in Jerusalem angetreten hatte, belagerte er Ptolemaios in der Festung Dok, um die Ermordung seines Vaters zu rächen. Ptolemaios hielt aber die Mutter und die Brüder des Hyrkanos gefangen (die also noch lebten: hier weicht Josephus von 1. Makkabäer ab), ließ sie misshandeln und besaß dadurch ein Druckmittel; so zog sich die Belagerung in die Länge. Weil ein Sabbatjahr begonnen hatte (Oktober 135 bis Oktober 134 v. Chr.), brach Johannes die Belagerung von Dok ab. So stellt es Josephus dar; historisch wahrscheinlicher ist, dass Hyrkanos abzog, weil er die Nachricht erhalten hatte, eine seleukidische Armee sei in Judäa eingetroffen.[8] Ptolemaios ließ seine Geiseln töten und floh zu Zeno Kotylas, dem Herrscher von Philadelphia. Für die Morde an Simon und seiner Familie wurde Ptolemaios, soweit bekannt, nie zur Rechenschaft gezogen.

Der Seleukidenkönig Antiochos VII. war mit seiner Armee in Judäa eingefallen und belagerte Johannes Hyrkanos etwa ein Jahr lang in Jerusalem. Diese Ereignisse sind nach Kay Ehling ebenfalls in das Sabbatjahr Oktober 135 bis Oktober 134 v. Chr. zu datieren. Er versteht nämlich das Sabbatjahr als einen Zeitraum, in dem Juden besondere religiöse Vorschriften befolgen, was von einem strenggläubigen Bevölkerungsteil auch eingefordert worden sei und möglicherweise die Kampfkraft geschwächt habe.[9] Die wesentliche Vorschrift des Sabbatjahrs ist, dass die Landwirtschaft ruht; die Auswirkungen davon machen sich aber erst im Folgejahr als immer stärkere Lebensmittelknappheit bis zur neuen Ernte bemerkbar. Johannes Christian Bernhardt argumentiert deshalb dafür, dass die Belagerung im Sommer oder Herbst 134 begann. Der Seleukidenkönig habe einen taktischen Vorteil gehabt, da infolge des Ernteausfalls Lebensmittelknappheit geherrscht haben dürfte.[10]

Hyrkanos vertrieb die nicht wehrfähige Bevölkerung aus Jerusalem, um die in der Stadt vorhandenen Lebensmittel für das Militär verwenden zu können. Die syrischen Belagerer ließen diese Menschen aber nicht ziehen, und so irrten sie zwischen den Fronten umher. Als das herbstliche Pilgerfest Sukkot bevorstand, ließ Johannes Hyrkanos die hungernde Bevölkerung doch wieder in die Stadt und vereinbarte mit Antiochos einen Waffenstillstand.[11] Der Seleukidenkönig gewährte diese Bitte nicht nur, er zeigte auch seine herrscherliche Fürsorge, indem er eigene Opfergaben (Stiere, Räucherwerk und kostbare Gefäße) zum Jerusalemer Tempel schickte. Durch dieses Signal ermutigt, nahm Hyrkanos mit Antiochos Friedensverhandlungen auf. Der Seleukidenherrscher forderte die Abgabe der Waffen, die Aufnahme einer Garnison in Jerusalem und die Steuerzahlung für Joppe und der anderen Städte außerhalb Judäas, die sich in hasmonäischer Kontrolle befanden. Hyrkanos erreichte in den Verhandlungen, dass Jerusalem keine syrische Besatzung aufnehmen musste, sondern stattdessen Geiseln stellte und 500 Talente Silber zahlte. Josephus zufolge entnahm Hyrkanos mehr als 3000 Talente Silber aus dem Grab König Davids, um diese Summe aufzubringen und außerdem Söldner anwerben zu können. Symbolisch wurde die Mauerkrone Jerusalems geschleift, und dann zog das syrische Heer ab.[12]

Historisch ist unwahrscheinlich, dass König David mit großen Reichtümern beigesetzt wurde, und vor allem, dass etwaige kostbare Grabbeigaben der Könige von Juda nach der Eroberung Jerusalems durch die Neubabylonier nicht geplündert worden sein sollen. Thomas Fischer meint deshalb, Hyrkanos habe das Silber aus dem Tempelschatz von Jerusalem entnommen und dies durch den Verweis auf das Davidsgrab verschleiert.[13]

AußenpolitikBearbeiten

Hyrkanos hatte anscheinend den Anspruch, als Hohepriester und Ethnarch über alle Judäer, unabhängig von ihrem Wohnort, zu regieren. In diesem Sinn wurde die jüdische Diaspora in Ägypten mit einem im 2. Buch der Makkabäer enthaltenen Brief aufgefordert, das Chanukkafest zu begehen und damit des erfolgreichen Freiheitskampfes der Hasmonäer zu gedenken.[14]

Als seleukidischer Vasall nahm Hyrkanos mit einem judäischen Kontingent am Partherfeldzug Antiochos’ VII. teil. Josephus zufolge blieb Hyrkanos mit seinen Söldnern nach der Schlacht am Lykos zurück, weil während des Festes Schawuot das Reisen nicht erlaubt sei, was Antiochos akzeptiert haben soll. Von weiteren Aktionen des Hyrkanos und seiner Armee in Parthien berichtet Josephus in den Jüdischen Altertümern nichts. Er springt in seiner Darstellung zu dem Moment, in dem Hyrkanos die Nachricht erhielt, dass Antiochos im Kampf gegen die Parther gefallen war, und dieses Machtvakuum umgehend für Eroberungszüge ins Ostjordanland, nach Samarien und Idumäa nutzte.[15] Damit vergrößerte er das Territorium seines Staates erheblich.

Der langsame Niedergang des Seleukidenreichs ermöglichte einerseits die zeitweilige Unabhängigkeit Judäas; Judäa war aber trotzdem von den dynastischen Kämpfen im Seleukidenreich betroffen. Antiochos IX. erzielte einige Erfolge gegen Antiochos VIII. und stieß 113 v. Chr. nach Koilesyrien und Phoinikien vor, so dass Hyrkanos die Kontrolle über die Küstenregion verlor und sich hilfesuchend an den Senat von Rom wandte. Der von Josephus mitgeteilte Senatsbeschluss ordnete an, dass Antiochos IX. die in Judäa eingenommenen Festungen und Häfen räumen und seine Garnison aus Joppe abziehen solle.[16]

EroberungspolitikBearbeiten

 
Das Hasmonäerreich; orange: von Johannes Hyrkanos annektierte Territorien

Josephus’ Darstellung der Jahre von 129 bis 104 ist chronologisch nicht korrekt, wie eine kritische Lektüre seines Werks unter Hinzunahme anderer antiker Historiker und des numismatischen Befunds erkennen lässt, so Kenneth Atkinson.[17] Die Untersuchung der archäologischen Stätten Marissa und Tell Be’er Scheva sowie Garizim, Sichem und Samaria erbrachte Hinweise darauf, dass Idumäa und Samarien erst in den letzten Jahren von Hyrkanos’ Regierungszeit (zwischen 112/111 und 108/107 v. Chr.) von ihm annektiert wurden. Für die Militäraktionen im Ostjordanland gegen die Orte Madaba und Samaga um 110 v. Chr.[18] fehlen archäologische Daten, mit denen man Josephus’ Darstellung vergleichen könnte.[19]

IdumäaBearbeiten

Josephus zufolge eroberte Hyrkanos das südlich an Judäa angrenzende Idumäa und zwang die Einwohner, zum Judentum zu konvertieren, wenn sie im Lande bleiben wollten. „Wirklich nahmen sie auch aus Liebe zu ihrer Heimat die Beschneidung wie die übrigen Gewohnheiten der Juden an und waren also von dieser Zeit an ebenfalls Juden.“ Es ist bekannt, dass Idumäer in Ägypten wohnten; in Memphis bildeten sie ein Gemeinwesen (Politeuma); dabei kann es sich um Bevölkerungsteile handeln, die nicht zur Konversion bereit waren und auswanderten. In Marissa scheinen Häuser in der Unterstadt infolge von Hyrkanos’ Eroberung aufgegeben worden zu sein. Das hellenistische Be’er Scheva war nach der Eroberung unbewohnt. Aus mehreren kleineren ländlichen Orten gibt es Befunde, die das Bild von Zerstörung und Aufgabe der Siedlung bestätigen.[20]

SamarienBearbeiten

Josephus schreibt, dass Hyrkanos Sichem und Garizim angegriffen habe; er „unterjochte das Volk der Chuthäer [eine abfällige Bezeichnung für Samaritaner], welches das dem Tempel zu Jerusalem ähnliche Heiligtum verehrte. Diesen hatte … Alexander dem Feldherrn Sanaballetes … zu bauen erlaubt. Jetzt nach zweihundert Jahren wurde der Tempel zerstört.“[21]

Die Untersuchung des antiken Sichem zeigte, dass der Ort im späten 2. Jahrhundert nicht mehr besiedelt war. Je nach Stratigraphie wird die Zerstörung von Sichem auf 107 v. Chr. (G. Ernest Wright, Edward E. Campbell) oder 112/111 v. Chr. (Dan Balag) datiert. Der Ausgräber des samaritanischen Heiligtums auf dem Berg Garizim, Yitzhak Magen, meint, dass Hyrkanos 111/110 v. Chr. nicht nur den Tempel zerstörte, sondern auch die benachbarte Hauptstadt der Samaritaner namens Lusa in Brand setzte. Eine judäische Garnison bezog nach Josephus Stellung auf dem Garizim, um eine Rückkehr der Samaritaner zu verhindern. Die Reste eines großen öffentlichen Gebäudes aus vor-römischer Zeit können als hasmonäische Festung interpretiert werden. Magen sieht einen Hortfund hasmonäischer Münzen auf dem Garizim als weitere Bestätigung für die judäische Besetzung des Garizim. Nach Gary N. Knoppers setzte Hyrkanos als Hohepriester die von der Tora geforderte Kultzentralisierung durch, indem er das mit dem Jerusalemer Tempel rivalisierende JHWH-Heiligtum zerstörte. Die Pluralität der JHWH-Verehrung, die die vorhergehende frühhellenistische Zeit kennzeichnete, war ja angesichts des Toragebots ein paradoxer Zustand, und so dürften der pro-hasmonäische Teil der Bevölkerung die Zerstörung des Garizim befürwortet haben. Die antike jüdische Fastenrolle (Megillat Taanit), die freudige Ereignisse auflistet, an deren Datum nicht gefastet werden soll, bezeichnet den 21. Kislev als „Berg-Garizim-Tag“; dies wird allgemein auf Hyrkanos’ Zerstörung des samaritanischen Heiligtums bezogen.[22] Hyrkanos könnte außerdem vermutet haben, dass der Verlust ihres Tempels die Samaritaner mittelfristig dazu brächte, sich dem Jerusalem-zentrierten Judentum anzuschließen und damit den gleichen Weg zu gehen wie die Idumäer. Der hellenistische Tempel auf dem Garizim war dem mit Zeus Xenios identifizierten Gott Israels, JHWH, geweiht; das konnte aber als Projekt einer kleinen hellenisierten samaritanischen Oberschicht ohne Rückhalt in der einfachen Bevölkerung gelten. Nach Seth Schwartz lebte im ländlichen Hinterland des Garizim eine Bevölkerung, die sich in ihrer religiösen Praxis kaum von den Judäern unterschied und auch ohne Konversion als jüdisch anerkannt wurde. Diese Vermutung wird durch archäologische Surveys gestützt, nach denen das Umland des Garizim keinen signifikanten Bevölkerungsrückgang erlebte, von Hyrkanos also offenbar geschont wurde.[23]

Die Stadt Samaria war eine stark befestigte Militärkolonie, deren Bevölkerung wohl zu einem großen Teil aus den Nachkommen makedonischer Kolonisten bestand. Die Eroberung dieser hellenistischen Stadt war für die judäische Armee eine größere Herausforderung als die Aktion auf dem Garizim. Josephus zufolge ließ Hyrkanos Samaria schleifen und die Einwohner in die Sklaverei verkaufen. Ein Fluss wurde umgeleitet, so dass er das Stadtgebiet überflutete. Josephus begründete die außerordentliche Härte diese Vorgehens durch einen besonderen Hass, den Hyrkanos gegen die Einwohner von Samaria empfunden habe.[24] Die archäologische Untersuchung Samarias bestätigt die gewaltsame Eroberung; auch das ländliche Umland erlitt offenbar einen massiven Bevölkerungsrückgang, der durch Hyrkanos’ Feldzug erklärbar ist.[25]

Während des Samaria-Feldzugs ließ Hyrkanos Josephus zufolge auch die hellenistische Stadt Skythopolis (Tell Istabah) und ihr Umland zerstören. Der archäologische Zerstörungshorizont wird hier auf etwa 108 v. Chr. datiert. Die Fastenrolle (Megillat Taanit) ergänzt die Informationen des Josephus durch das Schicksal der Einwohnerschaft: am 15. und 16. des Monats Sivan „ging die Bevölkerung von Bet Schean [= Skythopolis] und dem Tal ins Exil“. Es besteht Konsens, dass mit dieser Formulierung Hyrkanos’ Einnahme von Skythopolis als freudiges Ereignis kommemoriert wird. Auch hier zeigte ein archäologischer Survey einen massiver Bevölkerungsrückgang, von 26 hellenistischen Siedlungen bestanden in römischer Zeit nur noch sieben fort.[26]

MünzprägungBearbeiten

 
In Jerusalem geprägte Münze mit Lilie (links: Rückseite) und Anker (rechts: Vorderseite)

Johannes Hyrkanos war der erste Hasmonäer, der eigene Münzen prägen ließ.[27] Seine ersten Münzen, datiert 132/31 und 131/30, zeigen ihn als Vasallen des Antiochos VII. (Foto): auf der Vorderseite erscheint das seleukidische Motiv des Ankers, auf der Rückseite eine Lilie, wie sie auch im Jerusalemer Tempel als Schmuckmotiv vorkam.[28] Die Ikonographie der von Hyrkanos im eigenen Namen gepragten Münzen folgte teilweise hellenistischen Vorbildern, so zum Beispiel mit dem Motiv des doppelten Füllhorns, in dessen Mitte ein Granatapfel zu sehen ist. Andere Münzen des Hyrkanos zeigen eine Lilie zwischen Getreideähren, und ein dritter Münztyp zeigt neben dem Füllhorn-Motiv einen makedonischen Helm.[29] Das Motiv des Helms begegnet auch auf Münzen Antiochos’ VII., von wo Hyrkanos es anscheinend übernommen hat.[30]

Auf den Münzen führte Hyrkanos nicht nur den Titel Hohepriester, sondern auch „Oberhaupt“ (rôš).[31]

Amtsführung als HohepriesterBearbeiten

Hyrkanos war ein aktiver Hohepriester, der kultische Fragen in einer Weise regelte, die Jahrhunderte später von der rabbinischen Literatur als relevant referiert wurde. Die Hasmonäer stammten allerdings aus dem niederen Priestertum, der Klasse Jojarib. Nach den Anschauungen, die in früher nachexilischer Zeit herrschten und die zum Beispiel Jesus Sirach vertrat, waren sie zum Hohepriesteramt deshalb nicht qualifiziert. Hyrkanos’ Onkel Jonathan war der erste nicht-zadokidische Hohepriester, ein Bruch der Jerusalemer Tradition, der mit reiner Machtpolitik durchgesetzt wurde und gegen den es auch in der Amtszeit des Hyrkanos noch Opposition in der Bevölkerung und zunehmend auch bei den Pharisäern gab, die ihn anfangs unterstützt hatten, dann aber forderten, dass das Hohepriesteramt der Hasmonäer ganz abgeschafft werden sollte.[32] Darauf verbündete er sich mit den Sadduzäern.[33]

Hyrkanos’ Militäraktion auf dem Garizim und besonders die Zerstörung der hauptsächlich von Priestern bewohnten benachbarten Siedlung kann auch gegen das konkurrierende samaritanische Hohepriesteramt gerichtet gewesen sein. Die samaritanische hohenpriesterliche Familie sah sich nämlich als Nachkommenschaft Aarons, und es ist möglich, dass dieser Anspruch auch von Judäern anerkannt wurde.[34]

Josephus rühmte Johannes Hyrkanos dafür, dass er von Gott nicht nur das Herrscher- und Hohepriesteramt erhalten habe, sondern außerdem auch die Fähigkeit, Zukünftiges vorherzuwissen. So habe er seinen beiden Söhnen vorhergesagt, dass sie nicht lange regieren würden.[35] Diese Tradition über Hyrkanos’ prophetische Begabung war nicht nur Josephus bekannt, sondern auch der rabbinischen Literatur:[36]

„An dem Tage nämlich, da seine Söhne mit dem Kyzikener kämpften, soll (φασὶ γάρ) der Hohepriester, als er allein im Tempel ein Rauchopfer darbrachte, eine Stimme vernommen haben, die ihm verkündigte, Antiochus sei soeben von seinen Söhnen besiegt worden. Er begab sich alsbald aus dem Tempel und teilte dem Volke sein Erlebnis mit, und wirklich war es so eingetroffen.“

Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13,282

Vered Noam zufolge fügte Josephus an dieser Stelle eine legendarische hebräische Quelle ein. In seinem Werk über den Jüdischen Krieg, das mit einem Bericht über die Hasmonäerkönige beginnt, ließ er diese Episode aus.[37]

Eine weitere volkstümliche Überlieferung brachte Josephus in den Jüdischen Altertümern, um zu begründen, warum der politisch so erfolgreiche König von Teilen der Bevölkerung abgelehnt worden sei. Diese Spaltung, angeblich durch Neid auf Hyrkanos’ Leistungen motiviert, erwähnte bereits Nikolaos von Damaskus, Josephus’ Quelle im Jüdischen Krieg. In den später entstandenen Altertümern fügte Josephus in den von Nikolaos übernommenen Kontext eine Legende ein. Sie hat ebenfalls eine Parallele in der rabbinischen Literatur, wird dort allerdings nicht mit Hyrkanos, sondern mit dessen Sohn Alexander Jannäus verbunden.[38] Josephus zufolge war Hyrkanus in seinen frühen Regierungsjahren ein Förderer der Pharisäer und lud sie zu einem Bankett. Einer der Gäste forderte den Herrscher auf, auf das Hohepriesteramt zu verzichten, da seine Mutter eine Kriegsgefangene gewesen sei. Da die Pharisäer sich für eine milde Strafe des Beleidigers aussprachen, argwöhnte der erzürnte Hyrkanos, dass sie dessen Meinung insgeheim teilten, so Josephus. Er habe deshalb seine Präferenzen gewechselt und die Religionspartei der Sadduzäer unterstützt.[39]

Das hebräische Original des nur griechisch überlieferten 1. Buchs der Makkabäer wird meist einem Verfasser am Hof des Johannes Hyrkanos zugeschrieben.[40] Die Meinungen gehen aber auseinander, ob es am Anfang[41] oder am Ende seiner Regierungszeit[42] niedergeschrieben wurde.

BaumaßnahmenBearbeiten

Das 1. Buch der Makkabäer rühmt den Bau der Stadtmauer Jerusalems als besondere Leistung des Hyrkanos:

„Und die übrigen Erzählungen über Johannes und seine Kämpfe und seine Heldentaten, die er vollbrachte, und über den Bau der Mauern, die er errichtete, und über seine Taten, diese sind im Tagebuch seines Hohepriesteramtes aufgeschrieben [...]“

1. Buch der Makkabäer: 16,23f.[43]

Spuren der hasmonäischen Stadtmauer sind zwar an mehreren Stellen des Jerusalemer Stadtgebiets archäologisch nachgewiesen, doch lassen sich diese Reste im Bereich des Südwesthügels und Südosthügels nicht den Baunotizen der antiken Quellen bzw. einem der hasmonäischen Herrscher zuordnen.[44] Josephus schreibt, dass Hyrkanos am Nordrand der Stadt eine Baris genannte Burg errichten ließ, die einerseits die durch feindliche Angriffe seit jeher gefährdete Nordseite Jerusalems schützte, andererseits seine Kontrolle über das Tempelgelände verstärkte.[45] Dieser Name, altgriechisch βάρις báris, übersetzt in der Septuaginta hebräisch בירה bîrāh, „Akropolis, Burg, Festung“ sowie „Tempelburg“.[46] Das Struthion-Becken, das heute im Jerusalemer Kloster der Sionsschwestern besichtigt werden kann, diente der Wasserversorgung der Baris.[47]

FamilieBearbeiten

Johannes Hyrkanos starb nach 31 Regierungsjahren 104 v. Chr. eines natürlichen Todes. Er hinterließ fünf Söhne, von denen drei namentlich bekannt sind. Sie trugen hebräisch-griechische Namen: Judas Aristobulos (regierte 104/03), Jonathan („Jannai“, gräzisiert Jannaios) Alexander (regierte 103–76) und Mattathias (?) Antigonos, der 104 v. Chr. von seinem Bruder Aristobulos ermordet wurde. Indem er seine Söhne nach den frühen Makkabäern benannte, versuchte Hyrkanos die Legitimität seiner Familie durch Rückbezug auf den ruhmreichen Unabhängigkeitskampf zu stärken. Mit dem zweiten, griechischen Namen bezog er sich auf Männer aus dem Umkreis Alexanders des Großen, offenbar um die Anerkennung seiner hellenistischen Standesgenossen im östlichen Mittelmeerraum zu finden.[48]

LiteraturBearbeiten

  • Kenneth Atkinson: A History of the Hasmonean State: Josephus and Beyond. Bloomsbury, London u. a. 2016. ISBN 978-0-56766-902-5.
  • Eyal Regev: The Hasmoneans: Ideology, Archaeology, Identity. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013. ISBN 978-3-525-55043-4.
  • Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration. In: Journal of Biblical Literature 135/3 (2016), S. 505–523.
  • Israel Finkelstein: The expansion of Judah in II Chronicles: Territorial legitimation for the Hasmoneans? In: Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft 127/4 (2015), S. 669–695.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett: Johannes Hyrkanos (135–104 v. Chr.)
  2. Klaus Bringmann: Hyrkanos. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 5, Metzler, Stuttgart 1998, ISBN 3-476-01475-4, Sp. 826 f., hier Sp. 826 (Online-Vorschau).
  3. Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. Vandenhoeck & Ruprecht, 6., überarbeitete und erweiterte Auflage, Göttingen 2019, S. 59–192, hier S. 186f.
  4. 1 Makk 13,53 EU
  5. Eyal Regev: The Hasmoneans: Ideology, Archaeology, Identity. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, S. 117. Vgl. 1 Makk 16,53 EU.
  6. Kenneth Atkinson: A History of the Hasmonean State: Josephus and Beyond, London u. a. 2016, S. 49.
  7. 1 Makk 16,11–22 EU
  8. Kenneth Atkinson: A History of the Hasmonean State: Josephus and Beyond, London u. a. 2016, S. 55.
  9. Kay Ehling: Untersuchungen zur Geschichte der späten Seleukiden (164–63 v. Chr.). Vom Tode des Antiochos IV. bis zur Einrichtung der Provinz Syria unter Pompeius. Franz Steiner, Stuttgart 2008, S. 195–197.
  10. Johannes Christian Bernhardt: Die Jüdische Revolution: Untersuchungen zu Ursachen, Verlauf und Folgen der hasmonäischen Erhebung. De Gruyter, Berlin 2017, S. 475 Anm. 25.
  11. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13,240–243.
  12. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13,243–247.
  13. Thomas Fischer: Johannes Hyrkan I. auf Tetradrachmen Antiochos' VII.? Ein Beitrag zur Deutung der Beizeichen auf hellenistischen Münzen. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 91/2 (1975), S. 191–196, hier S. 196.
  14. Johannes Christian Bernhardt: Die Jüdische Revolution: Untersuchungen zu Ursachen, Verlauf und Folgen der hasmonäischen Erhebung. De Gruyter, Berlin 2017, S. 478f.
  15. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13,254. Nach der Parallelversion Jüdischer Krieg 1,62 beginnt Hyrkanos schon während des Partherfeldzugs mit eigenen Eroberungen.
  16. Johannes Christian Bernhardt: Die Jüdische Revolution: Untersuchungen zu Ursachen, Verlauf und Folgen der hasmonäischen Erhebung. De Gruyter, Berlin 2017, S. 479. Vgl. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 14,249. Der Senatsbeschluss ist bei Josephus irrtümlich Hyrkanos II. zugeordnet.
  17. Kenneth Atkinson: A History of the Hasmonean State: Josephus and Beyond, London u. a. 2016, S. 67. Vgl. aber Kay Ehling: Seleukidische Geschichte zwischen 130 und 121 v.Chr. In: Historia: Zeitschrift für Alte Geschichte 47/2 (1998), S. 141–151, hier S. 144: Hyrkanos, „der Antiochos VII. Heerfolge geleistet hatte …, kehrte nach dem Scheitern des Partherfeldzuges nach Judäa bzw. Jerusalem zurück und leitete eine expansive Eroberungspolitik ein.“
  18. William Smith, John Mee Fuller:: Encyclopaedic Dictionary of the Bible, 2004, Stichwort Medeba, S. 287.
  19. Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration, 2016, S. 506f.
  20. Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration, 2016, S. 508–510. Johannes Christian Bernhardt: Die Jüdische Revolution: Untersuchungen zu Ursachen, Verlauf und Folgen der hasmonäischen Erhebung. De Gruyter, Berlin 2017, S. 477f.
  21. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13,255.
  22. Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration, 2016, S. 510–512. Gary N. Knoppers: Jews and Samaritans: The Origins and History of Their Early Relations. Oxford University Press, Oxford 2013, S. 212f.
  23. Seth Schwartz: John Hyrcanus I's Destruction of the Gerizim Temple and Judaean-Samaritan Relations. In: Jewish History 7/1 (1993), S. 9–25, hier S. 18. Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration, 2016, S. 515f. Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin 2021, S. 405f. (besonders zur samaritanischen Hauptstadt Lusa)
  24. Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration, 2016, S. 512. Gary N. Knoppers: Jews and Samaritans: The Origins and History of Their Early Relations. Oxford University Press, Oxford 2013, S. 173. Vgl. Flavius Josephus: Jüdischer Krieg 1,64f, Jüdische Altertümer 13.275–281.
  25. Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration, 2016, S. 512f.
  26. Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration, 2016, S. 513.
  27. Eyal Regev: The Hasmoneans: Ideology, Archaeology, Identity. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, S. 175. Trotz der Aussage in 1 Makk 15,6 EU, dass Antiochos VII. bereits dem Simon Makkabäus das Recht zur Münzprägung verliehen habe, sind von Simon keine Münzen bekannt.
  28. David M. Jacobson: The Lily and the Rose: A Review of some Hasmonean Coin Types. In: Near Eastern Archaeology 76/1 (2013), S. 16–27, hier S. 16f.
  29. Kunsthistorisches Museum Wien, Münzkabinett: Johannes Hyrkanos (135–104 v. Chr.)
  30. Eyal Regev: The Hasmoneans: Ideology, Archaeology, Identity. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, S. 207.
  31. Angelika Berlejung: Geschichte und Religionsgeschichte des antiken Israel. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. Vandenhoeck & Ruprecht, 6., überarbeitete und erweiterte Auflage, Göttingen 2019, S. 59–192, hier S. 187. Vgl. Siegfried Ostermann: Die Münzen der Hasmonäer. Ein kritischer Bericht zur Systematik und Chronologie (= Novum Testamentum et Orbis antiquus. Band 55). Academic Press, Fribourg und Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005.
  32. Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 13,288–296
  33. George W. E. Nickelsburg: Jewish Literature Between the Bible and the Mishnah. Fortress Press, Minneapolis, 2. Aufl. 2005, S. 93.
  34. Jonathan Bourgel: The Destruction of the Samaritan Temple by John Hyrcanus: A Reconsideration, 2016, S. 519f.
  35. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13,299f.
  36. Eyal Regev: The Hasmoneans: Ideology, Archaeology, Identity. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, S. 118. Vgl. Babylonischer Talmud, Sota 33a; Jerusalemer Talmud, Sota 9,14, 24b; Midrasch Schir haSchirim Rabba 8,9.
  37. Vered Noam: Shifting images of the Hasmoneans. Second Temple legends and their reception in Josephus and Rabbinic literature. Oxford University Press, Oxford 2018, S. 68f.
  38. Babylonischer Talmud, Qidduschin 66a.
  39. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13, 288–298. Vgl. Vered Noam: Shifting images of the Hasmoneans. Second Temple legends and their reception in Josephus and Rabbinic literature. Oxford University Press, Oxford 2018, S. 114f.
  40. Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin 2021, S. 406. Eyal Regev: The Hasmoneans: Ideology, Archaeology, Identity. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, S. 25.
  41. Johannes Christian Bernhardt: Die Jüdische Revolution: Untersuchungen zu Ursachen, Verlauf und Folgen der Hasmonäischen Erhebung. De Gruyter, Berlin 2017, S. 41f.
  42. Helmut Engel: Die Bücher der Makkabäer. In: Christian Frevel (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. 9., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 389–406, hier S. 397.
  43. Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 694.
  44. Klaus Bieberstein: Jerusalem. In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff.
  45. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 15,403; 18,91f.
  46. Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 143.
  47. Max Küchler: Jerusalem. Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 351, 383 und 391.
  48. Seth Schwartz: Das Judentum in der Antike. Von Alexander dem Großen bis Mohammed. Reclam, Stuttgart 2016, S. 72f.
VorgängerAmtNachfolger
Simon ThassiEthnarch von Judäa
135–104 v. Chr.
Aristobulos I.