Georg von Podiebrad

König von Böhmen

Georg von Podiebrad (auch: Georg von Kunstadt und Podiebrad; tschechisch Jiří z Poděbrad auch Jiří z Kunštátu a Poděbrad; in Görlitzer Quellen auch: Girsik (tschechisch Jiřík);[1][2]6. April 1420 vermutlich auf Burg Poděbrady;[3]22. März 1471 in Prag) war ab 1448 Landesverwalter von Böhmen und von 1458 bis 1471 König von Böhmen. Nach einer Dekade innerlicher Auseinandersetzungen, verursacht durch den Tod des Kaisers Sigismunds, setzte er sich mit seiner utraquistischen Partei gegen die österreichische Partei erfolgreich durch. Damit wurde er zum Herrscher Böhmens.

Georgius koenig zu Beheim, Schedelsche Weltchronik

Er war der erste König im spätmittelalterlichen Mitteleuropa, der sich von der Römisch-katholischen Kirche abwandte und die Konfession der gemäßigten Hussiten annahm. Am 23. Dezember 1466 wurde er vom Papst Paul II. exkommuniziert.

Herkunft und FamilieBearbeiten

 
Bild Georgs von Podiebrad in der Chronik des Martin Cuthenus, 1539
 
Statue von Georg von Podiebrad in Kunštát

Georg entstammte dem mährischen Adelsgeschlecht von Kunstadt, das umfangreiche Besitzungen in Mähren und Böhmen hatte. Der Podiebrader Familienzweig der Herren von Kunstadt wurde von Georgs Urgroßvater Boček I. von Podiebrad († 1373) gegründet. Georgs Eltern waren Viktorin von Podiebrad († 1427) und Anna von Wartenberg (1403–1427). Seinen Vater Viktorin, einen engen Gefährten des hussitischen Heerführers Jan Žižka, verlor er mit sieben Jahren. Georgs Großvater Boček zählte zu den Initiatoren des berühmten Beschwerdebriefs vom 2. September 1415 gegen die Verbrennung von Jan Hus, den 452 böhmische und mährische Herren unterzeichnet und an das Konstanzer Konzil gerichtet hatten.[4] Nach dem frühen Tod seines Vaters kam Georg unter die Vormundschaft seiner Onkel Boček von Kunstadt und danach Haralt von Kunstadt. Mit letzterem erlebte er als 14-Jähriger die Schlacht bei Lipan auf der Seite der siegreichen gemäßigten Utraquisten gegen die radikalen Hussiten: „Žižkas Waisen“(Sirotci) und die Taboriten.[4]

1441 heiratete Georg Kunigunde von Sternberg. Nach deren Tod 1449 vermählte er sich 1450 mit Johanna von Rosental († 1475).

Kinder aus der ersten Ehe:

Kinder aus der zweiten Ehe:

WerdegangBearbeiten

Georg nahm als Vierzehnjähriger auf Seiten der Kalixtiner an der großen Schlacht von Lipan teil, die den Untergang der radikaleren Taboriten zur Folge hatte. Als einer der Führer der Utraquisten besiegte er 1438 bei Tabor in einem Scharmützel[4] die österreichischen Truppen des Römisch-deutschen Königs Albrecht II., des Schwiegersohns und Erben des Kaisers Sigismund. Diesen hatte die katholische Seite zusammen mit den Prager Kelchanhängern Ende 1437 als neuen böhmischen König durchgesetzt, nachdem der letzte Luxemburger, Kaiser Sigismund, verstorben war. Der ostböhmische Adel, traditionell streng kelchgläubig, versuchte gemeinsam mit den Taboriten den Bruder Kasimir des polnischen Königs Vladislav an Albrechts Stelle zu setzen, doch vergebens.[4]

Nach dem Tod Albrechts II. 1439 war Böhmen in zwei Parteien gespalten: die Römische oder Österreichische Partei unter Ulrich II. von Rosenberg und die Kalixtinische Nationalpartei, die seit dem Tod von Hynek Ptáček von Pirkstein von Georg von Podiebrad angeführt wurde. Zwischen den gegnerischen Lagern in Böhmen, einigte man sich auf eine Art Burgfrieden, da keine der Seiten der anderen ihren Willen aufzwingen konnte. Als Ptáček von Pirnstein 1344 starb, konnte sein Schützling Georg dessen Platz und damit auf Seiten der Kelchanhänger eine führende Rolle einnehmen.[4] Eine Zusammenkunft in Kuttenberg hatte am 27. August 1444 den 24-jährigen Podiebrad zum obersten Hauptmann des Bundes der östlichen Kreise und der bald nach ihm benannten Liga gewählt.[5] In der Folgezeit behauptete sich Georg militärisch und politisch erfolgreich gegen die unter den Rosenbergern vereinte katholische Adelspartei Süd- und Westböhmens, aber auch gegen die radikalen Taboriten.[4] Auf einer Zusammenkunft in Kuttenberg wurde eine militärische Liga zum Schutz der Kompaktaten gebildet (24. Juni 1448)[5][6]

1448 wurde Georg in das Amt des Landesverwalters gewählt; die offizielle Bestätigung erfolgte im Frühjahr 1452. Nach der Wahl besetzte die katholische Allianz Prag. Nach mehreren erfolglosen Vermittlungsversuchen entschloss sich Georg, zu den Waffen zu greifen. Nach und nach hob er eine Streitmacht in Nordostböhmen aus, wo seine Burg stand und wo die Kalixtiner zahlreiche Anhänger hatten. Mit dieser Armee von etwa 900 Mann marschierte er Anfang September 1448 von Kuttenberg nach Prag, das er am 3. September[7] fast ohne Gegenwehr besetzen konnte. Der Oberstburggraf Meinhard von Neuhaus wurde gefangen genommen.[5] Am 20. September 1448 bat Ulrich/Oldřich von Neuhaus († 1453) um die Freilassung seines Vaters. Sie wurde von Georg verweigert, da Meinhard vor ein ordentliches Gericht gestellt werde sollte. Man brachte ihn auf das feste Schloß zu Podiebrad; auf dem nächsten Landtage, so wurde ihm bedeutet, werde über seine Verwaltung Gericht gehalten werden. Vorerst war er Unterpfand des friedlichen Verhaltens seiner Partei.[8]

Daraufhin brach ein Bürgerkrieg zwischen den katholischen Adligen und Georgs Einheit aus. Der in Podiebrad inhaftierte Meinhard erkrankte schwer und wurde deshalb am 1. Februar 1449 entlassen. Auf dem Weg nach Neuhaus starb er[9] unterwegs in Říčany.[8] Mit der sogenannten Strakonitzer Liga mit Ulrich von Rosenberg an der Spitze entstand am 8 .Februar 1449 ein katholisches Gegengewicht.[5] Schließlich wurden auch die Adligen der römischen Partei besiegt.

 
Das Reiterstandbild des Georg von Podiebrad in Poděbrady

Georg von Podiebrad wurde von Wilhelm dem Tapferen, Herzog von Sachsen, im Rahmen des Sächsischen Bruderkriegs (1445–1451) gegen Kurfürst Friedrich II. den Sanftmütigen zu Hilfe geholt, wobei der Krieg mit erheblichen Schäden und Verlusten der Zivilbevölkerung in der Markgrafschaft Meißen verbunden war.[10]

Im Jahr 1451 ernannte der spätere Kaiser Friedrich III., der Vormund des jungen Königs Ladislaus, Georg von Podiebrad zum Landesmarschall von Böhmen; die Stände wählten ihn zum Landesverweser. Die Einsetzung Podiebrads als Verweser Böhmens 1452, nach der er für den minderjährigen König Ladislaus Posthumus die Regierungsgeschäfte führte, bildete einen vorläufigen Höhepunkt seines Aufstieges. Im Grunde war er damit bereits mit einer faktischen Machtfülle ausgestattet, die der eines Königs kaum nachstand.[11] Die böhmische Aristokratie drängte den Kaiser, Ladislaus, der 1453 zum König gewählt worden war, dieses Amt ausüben zu lassen. Da der Kaiser seine Zustimmung mit dem Hinweis verweigerte, dass Ladislaus nicht volljährig sei, wollte der katholische Adel den jungen König mit Gewalt nach Prag holen.

Obwohl der böhmische Kampf gegen den katholischen Glauben weiterging, wurde die Position Georgs von Podiebrad geschwächt, nachdem Ladislaus am 28. Oktober 1453 gekrönt worden war. Ladislaus zeigte Sympathien für die Römische Kirche, obwohl er die Prager Kompaktaten und die althergebrachten Ständeprivilegien bestätigte. 1457 starb er unerwartet, und Georg von Podiebrad wurde verdächtigt, er habe Ladislaus vergiften lassen. Dieser Vorwurf wurde jedoch nie bewiesen.

König von BöhmenBearbeiten

Wahl zum KönigBearbeiten

 
Wahl Georgs von Podiebrad zum König von Böhmen (von Václav Brožík, 1898)

Beim überraschenden Tod des jungen Habsburgers im November 1457 befand sich Georg von Podiebrad also in der idealen Ausgangslage für den Griff nach der Krone. Als Verweser des nun königslosen Landes hielt er die Fäden für das Spiel in der Hand, mit dem die verschiedenen Thronkandidaten um ihre Chancen gebracht werden sollten, vor allem die ihre Erbrechte reklamierenden Habsburger sowie Herzog Wilhelm III. von Sachsen und König Kasimir von Polen als Gatten der Töchter König Albrechts II. von Habsburg[11]

Albrecht von Bayern wurde vorgeschlagen, lehnte die Krone jedoch ab. Kandidiert hatten schließlich der polnische König Kasimir, der sächsische Herzog Wilhelm, Friedrich von Brandenburg und der und schließlich der junge Sohn des französischen Königs Karls VII., der französische Prinz Karl von Valois.[12][11] Am 27. Februar 1458 wurde Georg von einer utraquistischen Ständemehrheit zum König erhoben und gekrönt. Auch die Anhänger der österreichischen Partei stimmten für ihn, da sie sich der Stimmung, die nach einem national gesinnten Herrscher verlangte, nicht entgegenstellen wollten.

Am 27. Februar 1458 hatten die böhmischen Stände für die Königswahl den Landtag nach Prag in das Altstädter Rathaus einberufen. Auch die katholischen Stände nahmen teil, da auch sie eine rechtmäßige Königswahl als Vorbedingung für die Vergabe der Wenzelskrone betrachteten. Erst nach mehrtägigen Verhandlungen vor unter hinter den Kulissen kam es am 2. März zum Wahlakt, und Georg von Podiebrad wurde von allen Anwesenden einstimmig zum neuen böhmischen König gewählt.[4] [13] Den darin übereinstimmenden Berichten zufolge ging die Initiative zur Ausrufung des Königs von Zdenek von Sternberg aus, einem einflussreichen katholischen Hochadeligen, der zu dieser Zeit noch auf Seiten Podiebrads stand.[11]

Die Krönung zum böhmischen König fand am 7. Mai 1458 im Veitsdom auf der Prager Burg statt.[14] Die Krönung wurde von ungarischen Bischöfen aus Vác (Waitzen) und Porabja (Raab) vorgenommen, da der wegen seines Utraquismus zum Ketzer stigmatisierte Prager Bischof Johannes Rokyzana (um 1397-1471) von der römischen Kirche nicht anerkannt wurde.[15] Am Vorabend seines Krönungstages, dem 6. Mai 1458, leistete Georg von Böhmen den zwei ungarischen Bischöfen Ágoston Salánki und Vince Szilassi stellvertretend für Papst Calixt III. einen feierlichen, vorerst noch geheimen Eid, zum Katholizismus überzutreten und auch seine Untertanen zu diesem Schritt zu bewegen. Diese Abkehr von der hussitischen Lehre und den Prager Kompaktaten entfremdete den König langfristig nicht nur der ihn unterstützenden Front der Utraquisten, sondern barg, angesichts der in den böhmischen Kronländern in etwa gleich stark vertretenen beiden Konfessionsrichtungen, ein enormes Konfliktpotential für die Zukunft des Königreiches Böhmen.[16][17][18][19]

Nicht überall in Böhmen fand die Wahl Georgs Zustimmung. Darin spielten überraschenderweise jedoch weder die konfessionelle Zwielichtigkeit Podiebrads als »Ketzerkönig« noch die angeblich gewaltsamen Umstände seiner Wahl eine vordergründige Rolle. In Wilhelms von Sachsens Augen war es von erheblich größerem Gewicht, dass bei der Wahl die Gesetze Karls IV. missachtet und die Stände der katholischen Nebenländer Böhmens nicht beteiligt worden seien.[20] In Iglau kam es zum Widerstand. Georg zog mit seinem Heer, unterstützt durch seine Getreuen wie Johann II. von Rosenberg, dorthin und belagerte die Stadt vier Monate lang, bevor am 15. November 1458 ein Friedensvertrag abgeschlossen wurde, in dem sich die Iglauer verpflichteten, dem König zu huldigen.[12] Auch Breslau weigerte sich zunächst, die Herrschaft des Königs anzuerkennen. Nach langen, ergebnislosen Verhandlungen griff schließlich Papst Pius II. durch seinen Vermittler Jost II. von Rosenberg ein. Im Dezember 1459 erkannte auch die Stadt Breslau den neuen König an.[9]

 
Tafel am Prager Gemeindehaus an der Stelle des 1904 abgerissenen ehemaligen Königshofes (Králův dvůr) von dem Podiebrad Böhmen und seine Länder regierte

In intensiver Lobbypolitik an der Kurie hatte sie sich zur akut bedrohten Bastion der Rechtgläubigen stilisiert und erreichte, dass sie zwischen 1459 und 1480 beinahe durchgehend Residenz päpstlicher nuntii oder Legaten war. Unter diesen ragt Rudolf Hecker von Rüdesheim hervor, der zusätzlich zum Bischof von Breslau (1468–82) ernannt wurde.[21]

Zu seinen mährischen Gegnern, die sich weigerten Georg anzuerkennen, gehörte auch Hynek Bitovsky von Lichtenburg (Hynek Bitovský z Lichtenburka). Diese Auseinandersetzung beruhte auf einer persönlichen Feindschaft und gipfelte in der Belagerung der Burgen Hyneks. 1465 wurde die Burg Zornstein schließlich eingenommen.[9]

Politik gegenüber den NachbarländernBearbeiten

Im Vertrag von Eger 1459 legten Kurfürst Friedrich, Herzog Wilhelm von Sachsen und Georg von Podiebrad die Grenze zwischen Böhmen und Sachsen auf die Höhe des Erzgebirges und die Mitte der Elbe fest, was noch heute größtenteils gültig ist. Diese Grenze gehört somit zu den ältesten noch bestehenden Europas.

Im Juni 1459 erklärte sich Georg von Podiebrad bereit, den Kaiser gegen seinen gefährlichsten Rivalen in Ostmitteleuropa, den ungarischen König Matthias Corvinus, zu unterstützen. Erst für diese Abkehr von seinem bisherigen Verbündeten und Schwiegersohn Matthias erlangte der böhmische König nun endlich die vollständige Anerkennung durch den Kaiser. Am 31. Juli 1459 belehnte Friedrich III. Georg von Podiebrad mit den Regalien des Königreichs Böhmen.[22]

Mit der kaiserlichen Anerkennung Georgs von Podiebrad als Nachfolger Ladislaus im Jahre 1459, nachdem Georg und seine Söhne den Kaiser 1462 aus der von den aufständischen Wienern belagerten Burg befreit hatten,[23] näherten sich Friedrich III. und Georg von Podiebrad einander an. Dies fand u. a. seinen Ausdruck in der Ernennung Georgs zum künftigen Vormund von Friedrichs Kindern, in der Erhebung der Söhne Georgs zu Herzögen von Münsterberg und Grafen von Glatz sowie in weiteren Zugeständnissen.[24]

Im Bayerischen Krieg unterstützte Georg Ludwig den Reichen von Bayern-Landshut gegen Albrecht Achilles. Böhmische Truppen fielen in das angrenzende Sechsämterland von Brandenburg-Kulmbach ein und sorgten durch Zerstörungen und Plünderungen für erheblichen Schaden. Nach mehreren Gescheiterten Schiedstagen kam im Juli 1463 unter der Leitung von Georg Podiebrad in Prag ein Friedenskongress zusammen. Mit dieser Initiative hoffte der utraquistische Böhmenkönig den ihm vom Papst angedrohten Kirchenbann abwehren zu können. Nach komplizierten Verhandlungen kam am 22./23. August ein aus mehreren Einzelabkommen bestehender Friedensschluss, der Prager Frieden (1463), zustande.[25]

Auseinandersetzungen mit der römischen KurieBearbeiten

Ein Jahr nach dem Regierungsantritt Georgs von Podiebrad kam Papst Pius II. an die Macht, dessen konsequente Feindschaft das ernsteste Hindernis für Georgs Regierung bildete. Obwohl er das Ansinnen des Papstes zurückwies, die Kompaktaten abzuschaffen, versuchte er doch, die Beziehungen zum Heiligen Stuhl durch die Unterdrückung radikaler Gegner des Papsttums zu verbessern. In offiziellen Gesprächen mit der römischen Kirche suchte Georg von Podiebrad eine offizielle Bestätigung der Kompaktaten zu erreichen[5], die Georg für das Fundament seiner Herrschaft hielt. Hiernach sollte zum Beispiel jedem nach Wunsch auch das kirchliche Abendmahl in zweierlei Gestalt, also mit Brot und Wein gereicht werden. Die Dokumente zu dieser Sonderregelung in Böhmen und Mähren, die mit der katholischen Kirche schon 1436 beim Konzil in Basel vereinbart worden waren,[6] Ungeachtet der diplomatischen Bemühungen des neuen Königs verkündete Pius II. 1461 die Aufhebung der Kompaktaten.[26] In Prag aber bekannte der König nach Rückkehr der Gesandtschaft aus Rom und deren Bericht vor dem Landtag sich demonstrativ zu seinem ererbten Glauben, unter dem Beifall der Utraquisten, unter Abseitsstehen der Katholiken. Die Standpunkte gegenüber Rom und innerhalb des Königreiches waren damit präzisiert, der Kampf stand bevor, es ging um die Klärung der Fronten nach außen.[13] Am 14. August 1462 hatte Kg. Georg von Böhmen den zum böhmischen Landtag nach Prag entsandten päpstlichen Legaten Fantinus de Valle festsetzen lassen, nachdem dieser dort die Aufhebung der Iglauer Kompaktaten durch Papst Pius II. verkündet und Gehorsam gefordert hatte,[27][28]

Vor allem Georgs Verfolgung der gerade gegründeten Böhmischen Brüder gilt als Makel seiner Regentschaft. Seine Anstrengungen, mit dem Papsttum Frieden zu schließen, scheiterten jedoch. Nach dem Tod des Papstes Pius II. kam dessen geplanter Kreuzzug gegen Böhmen nicht mehr zustande. Auch sein Nachfolger Paul II. war ein entschlossener Gegner der Hussiten.

Vor den bedeutendsten böhmischen Adelsfamilien, die am häufigsten in den Rechtsdokumenten des damaligen Königshofs zu finden sind, war ein Großteil Katholiken, und gerade das war der Hauptgrund für die Probleme, die Georg von Podiebrad nach 1465 in seinen Beziehungen zur päpstlichen Kurie hatte. Papst Pius II. hatte sich bei Georgs Amtsantritt ausgemalt, in ihm einen hörigen Herrscher vorzufinden, der gegen die Utraquisten hart vorgehen würde. Dazu war es jedoch nicht gekommen.[6]

Katholischer WiderstandBearbeiten

1464 erklärte der neu gewählte Papst Paul II. Georg von Podiebrad zum Ketzer. Die Regierung Georgs war zwar die wirtschaftlich erfolgreichste seit Karl IV., allerdings hatte der calixtinische König viele Feinde in der Römischen Partei des mächtigen böhmischen Adels. Dies führte zu Auseinandersetzungen unter den böhmischen Adeligen. Bedeutende katholisch orientierte Adelige versammelten sich am 28. November 1465 auf der Burg Grünberg (Zelená Hora) und gründeten die Grünberger Allianz (Zelenohorská jednota), die vom Heiligen Stuhl unterstützt wurde. Die Allianz verfasste unter der Führung von Zdenko von Sternberg auf Konopischt ein Dekret, in dem sie den König der Verletzung von Landesrechten bezichtigte und auch andere Beschuldigungen vorbrachte. Neben Sternberg schlossen sich der Allianz folgende Persönlichkeiten an: der Breslauer Bischof Jost II. von Rosenberg, Johann Zajíc von Hasenburg, Ulrich von Hasenburg, Bohuslav von Schwanberg, Wilhelm von Ilburg, Heinrich der Ältere von Plauen, Diepolt von Riesenburg, Jaroslav von Sternberg, Johann von Sternberg, Heinrich IV. von Neuhaus, Burian von Guttenstein, Heinrich der Jüngere von Plauen, Linhart von Guttenstein, Dobrohost von Ronsperg und Johann II. von Rosenberg. An der Sitzung der Landesversammlung am 25. September 1465 wurde dem König das Dekret ausgehändigt, worauf er mit einer entsprechenden scharfen Antwort reagierte.[9]

Gegen Frühjahr 1466 bis 1468 wurde im Zuge der Görlitzer Pulververschwörung vergeblich ein Gewaltakt gegen den Görlitzer Stadtrat geplant, um den vom Stadtrat geplanten Umsturz von Georg von Podiebrad zu verhindern. Ein sich den Planungen verweigerndes Mitglied des Stadtrates verriet die Verschwörung, nachdem in der Stadt schon Gerüchte über mögliche Anschläge bzw. Angriffe entstanden, die auch Podiebrad selbst zugetraut wurden.[29][30][31] Währenddessen hatte Papst Paul II. Ende des Jahres 1466 den Kirchenbann gegen Georg von Podiebrad verhängt.[32]

Kirchenbann und AbsetzungBearbeiten

Alle Versuche Georgs, mit dem neuen Papst Paul zu verhandeln scheiterten, als seine Abgesandten vom Pontifex brüsk abgewiesen wurden. Am 23. Dezember 1466 wurde Georg von Podiebrad von Paul II. exkommuniziert. Da vom Papst auch Georgs Absetzung als König von Böhmen verlangt wurde, war es den Vertretern der Römischen Partei verboten, mit ihm zusammenzuarbeiten. In diesem Moment mussten sich die katholischen Stände in Böhmen entscheiden, auf wessen Seite sie stehen wollten. 1465 schloss der Großteil von ihnen eine Allianz gegen den König.[6] Mit der Gründung der Grünberger Liga katholischer Magnaten und dem Kirchenbann gegen Georg von Podiebrad geriet der ohnehin brüchige konfessionelle Frieden in Böhmen weiter unter Druck. Militärische Konflikte mit dem ungarischen, stark in die böhmischen Angelegenheiten involvierten König Matthias Corvinus waren die Folge.[26]

Nach der Bannung Georgs, unterstützte Friedrich III. zunächst den ungarischen König Matthias Corvinus als böhmischen Prätendenten und forderte die schlesischen Adligen und Städte zum Abfall von Georg auf.[24] Der Krieg in Böhmen begann im April 1467. Dem Bund der Herren gegenüber wurde die militärische Überlegenheit des Königs zunächst deutlich, während er deren Burgen in Böhmen angriff, fiel auch die Lausitz ab, rebellierte man in Schlesien und entbrannten Kämpfe in Mähren. Noch fehlte dem Herrenbund die Hilfe von außen. 1468 zog Georg von Podiebrad mit einem großen Heer gegen den Kaiser und Wien ins Feld.[5] Georgs Mannen streiften selbst ins Österreichische, vor allem nördlich der Donau. König Kasimir von Polen wie Friedrich von Brandenburg lehnten die angebotene Böhmenkrone ab.[13] Doch Kaiser Friedrich III. und Georgs früherer Verbündeter, der Ungarnkönig Matthias Corvinus schlossen sich dem Aufstand an. Matthias eroberte den größten Teil Mährens und wurde am 3. Mai 1469 in Olmütz zum König von Böhmen gekrönt. Im folgenden Jahr war Georg von Podiebrad zwar militärisch erfolgreicher, doch setzte sein plötzlicher Tod am 22. März 1471 dem Vormarsch der Utraquisten ein Ende.

Europäischer Föderations-PlanBearbeiten

Der Ausgangspunkt für den Friedensplan von Podiebrad ist in einem Vorschlag seines Beraters, des französischen Polihistors Antonius Marini, zu suchen.[33][34] 1462 hatte Georg von Podiebrad als böhmischer König den ersten europäischen Föderations-Plan mit 21 Artikeln und anderem von dem Staatswissenschaftler Martin Mair erstellen lassen,[35] einen Traktat über einen Bund der europäischen Fürsten zur dauerhaften Sicherung des Friedens,[33] wobei verschiedene gemeinsame europäische Einrichtungen vorgesehen waren, darunter Heer, Haushalt, Gericht, Volksvertretung, Asyle, Verwaltung und ein Wappen.[36]

Ein Bündnissystem der Staaten der Christenheit sollte entstehen, gegen die Türkenbedrohung gerichtet, aber ohne wesentliche Führerrolle des Papstes oder des Kaisers; die Entscheidungen sollten in einem gemeinsamen Organ des Bundes gefällt, Streitigkeiten in einem sogenannten Parlament geschlichtet werden. Frankreich wäre in diesem System wohl die Vormacht zugefallen.[13]

Georg von Podiebrad plante die Kompetenzen der zwei Universalmächte Papst- und Kaisertum durch ein Gremium gleichberechtigter weltlichen Herrscher zu neutralisieren. Es fanden in diesem Konzept eines völkerrechtlichen Vertrags viele heute bekannte völkerrechtliche Prinzipien ihren Ausdruck wie die souveräne Gleichheit der Staaten, die Streitbeilegung auf friedlichem Wege und damit die Zurückweisung des Krieges, die Stellung eines Aggressors außerhalb des Gesetzes und das Prinzip der kollektiven Sicherheit. Die geplante Organisation sollte eine eigene Rechtspersönlichkeit haben, eigene Organe, einen Beamtenapparat und eine eigenständige Finanzierung über eine gemeinsame Kasse. Der Wunsch nach einer gemeinsamen „Münze“ innerhalb dieses Bundes erinnert an die heutige Europäische Währungsunion.[37]

Um sich die Unterstützung der europäischen Fürsten zu vergewissern, schickte Georg eine Delegation unter Leitung seines Schwagers Löw von Rozmital 1465–1467 an Fürstenhöfe in Deutschland, Flandern, England, Frankreich, Spanien, Portugal und Italien.[38] Überall wurde die Delegation herzlich begrüßt und mit den damals gängigen Kampftechniken (vor allem Ringen und Turnier) getestet.[39] Die Regeln waren bereits europäisch vereinheitlicht, dass bei den Kämpfen nur noch die moralische Frage zu beantworten war, ob man mit nacktem Oberkörper oder ganz bekleidet antreten solle.[40]

Aber die von Georgs Seite vorgetragenen Verhandlungen stießen auf die diplomatischen Aktionen der Kurie, die in Venedig und Ungarn, Burgund und Frankreich gleicherweise um ein Bündnis gegen die Türken bemüht war.[13]

PersönlichkeitBearbeiten

Der mährische Standesherr und Georgs Anhänger Ctibor Tovačovský z Cimburka bezeichnete ihn als „einen natürlichen, weisen Menschen ohne schriftliche Sinnesschärfung“. Damit beschrieb er am trefflichsten seine Intelligenz sowie sein in der Praxis erlangtes Wissen. „Er hatte keine höhere Ausbildung, sei es an der Universität oder durch Privatunterricht von Gelehrten.“

„Latein beherrschte er nicht und Deutsch sprach er auch nur mit großer Mühe, somit war er auf Dolmetscher angewiesen. Umso mehr lag Georg daran, dass seine Kinder unter diesem Handicap nicht zu leiden hatten. Für sie plante er eine Zukunft als Könige, Reichskurfürsten und ranghohe europäische Adlige. Deswegen erhielten sie eine ausgezeichnete Bildung.“[6]

BedeutungBearbeiten

 
Budweis: Ermordung des katholischen Bürgermeisters Ondřej Puklice 1467, der sich geweigert hatte, die päpstliche Bulle zu verbreiten.

Georg war der erste König im spätmittelalterlichen Mitteleuropa, der sich von der Römischen Kirche abwandte, als er die Konfession der Hussiten annahm. Diese war in ganz Böhmen durch die Annahme des Laienkelchs gekennzeichnet.

Georg von Podiebrad war einer der ersten europäischen Herrscher, die kontinuierlich gegen den päpstlichen Universalismus ankämpften. Sein Leitgedanke, genauer gesagt: seine Vision war, das Königreich Böhmen als einen Staat auf weltlichen Fundamenten und konfessioneller Toleranz aufzubauen. Doch nicht lange konnte er sich auf all jene verlassen, die ihn zu seinem Amtsantritt noch unterstützt hatten.[6]

Bei seiner Wahl zum König wurde festgelegt, dass das Königsamt nicht vererbbar sei. Um seine Nachfolge kandidierten nach seinem Tod Vladislav II., der Sohn des polnischen Königs Kasimir und der ungarische König Matthias Corvinus. Beide ließen sich 1471 zu Königen von Böhmen krönen.

Letztlich war die Position Georgs von vornherein nicht haltbar. Dennoch wird er von den Tschechen als identitätsstiftende Figur verehrt; er war – neben dem „Winterkönig“ Friedrich – ihr einziger nicht-katholischer König.

UntersuchungenBearbeiten

Anhand anthropologischer Untersuchungen der sterblichen Überreste durch Emanuel Vlček wurde festgestellt, dass der 165 Zentimeter große König an Wassersucht und als Folge seiner Korpulenz an Stoffwechselkrankheiten litt. Er hatte große Gallensteine und Leberschäden. In seiner Jugend wurde er im Gesicht verletzt. Sein Gesicht war durch Verwachsen der gebrochenen Kieferknochen leicht verunstaltet.

WürdigungenBearbeiten

 
Platz Georg von Podiebrad im Stadtteil Vinohrady in Prag, Straßenschild

Nach König Georg ist in Prag der Platz Náměstí Jiřího z Poděbrad genannt.

LiteraturBearbeiten

MusikBearbeiten

  • Jiří z Kunštátu a Poděbrad (Georg von Kunstadt und Poděbrad); Oper in 3 Akten von Osvald Chlubna (1942; 1966 Aufführung im tschechischen Rundfunk).

WeblinksBearbeiten

Commons: Georg von Podiebrad – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Richard Jecht: Urkundliche Nachrichten über Georg Emerich. In: Neues Lausitzisches Magazin. Band 68. Die Gesellschaft, 1892, S. 98 (google.de [abgerufen am 20. Januar 2022]).
  2. Franz Krones (Ritter von Marchland): X. Buch: Die Geschichte der Jahre 1437–1493. In: Handbuch der Geschichte Österreichs von der ältesten bis neuesten Zeit, mit besonderer Rücksicht auf Länder-, Völkerkunde und Kulturgeschichte. Band 2. Theobald Grieben (Verlag), Berlin 1877, S. 364 (google.de [abgerufen am 20. Januar 2022]).
  3. Der Geburtsort ist nicht belegt. Neben Podiebrad wird auch die Burg Bouzov als sein möglicher Geburtsort angegeben. Handbuch der hist. Stätten Böhmen und Mähren, S. 87.
  4. a b c d e f g Josef Füllenbach: Kalenderblatt: 2. März Vor 560 Jahren: 1458 wird Georg von Podiebrad in Prag zum böhmischen König gewählt. Prager Zeitung online vom 2. März 2018
  5. a b c d e f Thomas Krzenck: Hus und die Hussiten - Chronologie bei: Herder-Institut Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte, Erstveröffentlichung: Dezember 2019
  6. a b c d e f Jitka Mládková: Georg von Podiebrad und seine Friedensmission Radio Prag, 31. Mai 2014
  7. Regesta Imperii Online, RI XIII H. 26 n. 483
  8. a b Adolf Bachmann: "Neuhaus, Meinhard von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 502-506
  9. a b c d František Palacký: Archiv český.
  10. Teilhinweis u. a. Carl W. Hingst: Chronik von Döbeln und Umgegend. Döbeln 1872, S. 324 (online).
  11. a b c d Uwe Tresp 2015, S. 135
  12. a b Rudolf Urbánek: České dějiny. Prag 1930.
  13. a b c d e Plaschka NDB
  14. Till Janzer: Weiser Visionär - der „Ketzerkönig“ Georg von Podiebrad Radio Prague International 17. Mai 2008
  15. Claus Bernet, Kirchenlexikon
  16. Irmgard Lackner: Herzog Ludwig IX. der Reiche von Bayern-Landshut (1450-1479) Reichsfürstliche Politik gegenüber Kaiser und Reichsständen Universität Regensburg Dissertation 2010 S. 161
  17. Vgl. Hoensch, Geschichte, S. 159
  18. Seibt, Zeitalter, S. 543 f.
  19. Siehe dazu auch Bachmann, Reichsgeschichte, I, S. 88.
  20. Uwe Tresp, 2015, S. 140
  21. Untergehrer S. 356
  22. Uwe Tresp, 2012, S. 143
  23. XIII H. 26 n. 603, in: Regesta Imperii
  24. a b Regesten Kaiser Friedrichs III., Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Heft 21, 2006, S. 20
  25. Reinhard Seyboth: Fürstenkrieg, 1458-1463, publiziert am 4. Februar 2014; in: Historisches Lexikon Bayerns
  26. a b Thomas Krzenck: Jan Žižka führt das hussitische Heer in ThemenmodulHus und die Hussiten bei: Herder-Institut Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte, Erstveröffentlichung: Dezember 2019
  27. siehe Bachmann, Reichsgeschichte 1 S. 235–246
  28. Urbánek, České dějiny 4 S. 561–575. zitiert in: RI XIII H. 26 n. 602 Regesta Imperii
  29. Richard Jecht: Geschichte der Stadt Görlitz. erste Lieferung, zweite Auflage. Selbstverlag, Görlitz 1922, S. 194–203.
  30. Joachim Bahlcke (Hrsg.): Geschichte der Oberlausitz. Herrschaft, Gesellschaft und Kultur vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. 2. Auflage. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2004, ISBN 3-935693-46-X.
  31. Karlheinz Blaschke: Beiträge zur Geschichte der Oberlausitz. Oettel, Görlitz 2000, ISBN 3-932693-59-0.
  32. Stadtverwaltung Löbau (Hrsg.): Chronik der Stadt Löbau. BoD – Books on Demand, 2001, ISBN 978-3-8311-2245-5 (google.de [abgerufen am 31. Oktober 2020]).
  33. a b Jirí Kejr: Tractatus pacis toti christianitati fiendae . (1964) - In: The universal peace organization of king George of Bohemia 1462/1464 Czechoslovak Academy of Sciences [Hrsg.]. - Prag (1964) S. 69-82 Regesta Imperii
  34. Maximilian Zech: Georg von Podiebrad: Der Ketzerkönig, der die EU erfand bei Spectrum.de
  35. Tractatus pacis toti christianitati fiendae von Martin Mair bei Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters
  36. siehe auch Abschnitt von Janez Kranjc: Vorboten der europäischen Integration in: Kaufen nach Römischem Recht: Antikes Erbe in den europäischen Kaufrechtsordnungen Eva Jakab, Wolfgang Ernst Springer-Verlag 2008, S. 149-182
  37. Magda Schusterova: Zum „Tractatus pacis toti cristianitati fiendae“ von Georg von Podiebrad
  38. Horky, Joseph Edmund (Hrsg.): Des böhmischen Freiherrn, Löw von Rožmital und Blatna, Denkwürdigkeiten und Reisen durch Deutschland, England, Frankreich, Spanien, Portugal und Italien: ein Beitrag zur Zeit- und Sittengeschichte des fünfzehnten Jahrhunderts. Brünn 1824.
  39. Arnd Krüger: Der Sport vor dem „englischen Sport“ in England und auf dem Kontinent. In: Christian Becker, Cornelia Regin, Anton Weise (Hrsg.): „Als der Sport nach Hannover kam“. Geschichte und Rezeption eines Kulturtransfers zwischen England und Norddeutschland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. LIT Verlag, Berlin/Münster 2015, ISBN 978-3-643-13152-2, S. 36–54.
  40. Joachim K. Rühl: Regulations for the Joust in Fifteenth-Century Europe. Francesco Sforza Visconti (1465) and John Tiptoft (1466). International Journal for the History of Sport 18 (2001), 193-208.
VorgängerAmtNachfolger
Vladislav I.König von Böhmen
1458–1471
Vladislav II. und Matthias I.