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Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund

Explosionen am Mannschaftsbus von Borussia Dortmund am 11. April 2017
Mannschaftsbus von Borussia Dortmund (2015)
Durch die Sprengsätze beschädigte Hecke

Bei dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund im Dortmunder Stadtteil Höchsten wurden am Abend des 11. April 2017 drei Sprengsätze gezündet, als sich die Fußballmannschaft des BVB mit dem Bus auf dem Weg zum Signal Iduna Park befand. Dort sollte um 20:45 Uhr das Viertelfinal-Hinspiel der UEFA Champions League gegen die AS Monaco angepfiffen werden. Durch die Explosion wurden ein Polizist und der Spieler Marc Bartra verletzt. In der Nähe des Tatortes wurden drei textgleiche Bekennerschreiben gefunden. Am 21. April 2017 wurde ein dringend Tatverdächtiger festgenommen, dem als Motiv Habgier vorgeworfen wird. Dieser bestreitet die Tat.

Inhaltsverzeichnis

HergangBearbeiten

Am Abend des 11. April 2017 fuhr die Fußballmannschaft von Borussia Dortmund vom Mannschaftshotel L’Arrivée[1] im Dortmunder Stadtteil Höchsten zum Stadion Signal Iduna Park, in dem um 20:45 Uhr das Hinspiel des UEFA-Champions-League-Viertelfinals gegen die AS Monaco stattfinden sollte. Während der Fahrt explodierten an der Wittbräucker Straße 563 gegen 19:15 Uhr drei mit Metallstiften bestückte Sprengsätze, die in einer Hecke versteckt worden waren.[2] Einer dieser Metallstifte bohrte sich in die Kopfstütze eines Bussitzes, weitere in eine Hauswand auf der anderen Straßenseite. Die Sprengsätze erzielten eine Sprengwirkung von über 100 Metern. Dabei erlitt der spanische Spieler Marc Bartra einen Speichenbruch sowie Fremdkörper-Einsprengungen im Arm, als er von umherfliegenden Scheibensplittern getroffen wurde.[3] Er wurde in derselben Nacht im Krankenhaus operiert und fiel für rund vier Wochen aus.[4][5] Außerdem löste die Explosion bei einem begleitenden Motorradpolizisten ein Knalltrauma und einen Schock aus. Dadurch, dass der mittlere und damit wichtigste der drei Sprengsätze etwas zu hoch angebracht war und deshalb über den Bus hinweg detonierte, seien schlimmere Folgen ausgeblieben.[6]

Infolge dieser Ereignisse wurde das Fußballspiel abgesagt und auf den 12. April um 18:45 Uhr verlegt. Borussia Dortmund verlor mit 2:3. Der Trainer des Vereins, Thomas Tuchel, kritisierte die kurzfristige Terminierung.[7] Der Termin wurde am Tatabend vor Ort von der UEFA, dem Verein und der Dortmunder Polizei einvernehmlich angesetzt. Wäre der BVB nicht angetreten, hätte die UEFA die Partie 3:0 für Monaco gewertet.[8]

Erste ErmittlungenBearbeiten

Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen übernahm am Tatabend erste Ermittlungen. In der Tatnacht zog der Generalbundesanwalt den Fall an sich und beauftragte das Bundeskriminalamt mit den Ermittlungen.[9][10]

In der Nähe des Anschlagsortes fand die Spurensicherung drei textgleiche, scheinbar islamistische Bekennerschreiben, in denen unter anderem der Abzug von Tornados aus Syrien und die Schließung der Ramstein Air Base gefordert werden.[11][12] Ein von den Ermittlern in Auftrag gegebenes islamwissenschaftliches Gutachten bezweifelt die Authentizität der Schreiben. Die Autoren hätten vermutlich versucht, den Eindruck zu erwecken, die Tat habe einen islamistischen Hintergrund.[13] Ein angebliches Bekennerschreiben einer Antifa-Gruppierung wurde von Unbekannten auf dem von Linksextremisten genutzten Internetportal Indymedia veröffentlicht.[14] Die Bundesanwaltschaft bezweifelt die Echtheit auch dieses Schreibens.[15]

Der Generalbundesanwalt erwirkte einen Haftbefehl gegen einen im Zusammenhang mit der Tat vorläufig festgenommenen Iraker wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft in der Terrororganisation Islamischer Staat.[16] Für eine Tatbeteiligung des Festgenommenen fanden sich jedoch laut Ermittlungsbehörden keine Belege.[17]

Festnahme eines TatverdächtigenBearbeiten

Am 21. April 2017 nahm die GSG 9 einen Tatverdächtigen unter dem Verdacht fest, des 20-fachen versuchten Mordes, des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und der gefährlichen Körperverletzung schuldig zu sein. Es handelt sich um den 28-jährigen Sergej W. aus Freudenstadt, der die deutsche und russische Staatsangehörigkeit besitzt und laut Ermittlern eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik gemacht hatte. Er lebte zuletzt in Rottenburg am Neckar und arbeitete als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk. Als Motiv vermuten die Ermittler Habgier.[6] Gegen W. wurde noch am selben Tag Haftbefehl erlassen und er kam in Untersuchungshaft.[18]

Nach Medienberichten hatten die Ermittler den Tatverdächtigen bereits seit dem 13. April observiert, nachdem ein Hinweisgeber aus dem Finanzsektor sowie die Geldwäscheverdachtsanzeige der comdirect Bank die Behörden informiert hatten. Auch Borussia Dortmund erhielt kurz nach der Tat von einem Finanzdienstleister den Hinweis auf ein auffälliges Optionsgeschäft auf die BVB-Aktie.[19] Nach Angaben der Ermittler hat der Tatverdächtige am Vormittag des Anschlagstags Put-Optionsscheine auf die Aktie von Borussia Dortmund gekauft. Er habe durch den Anschlag einen Kurssturz der BVB-Aktie erzwingen und mit den Verkaufsoptionen, deren Wert bei sinkenden Aktienkursen überproportional ansteigt, einen Gewinn erzielen wollen.[1] Den Kauf der Derivate soll W. vom Mannschaftshotel aus abgewickelt haben. Zudem gilt als gesichert, dass W. in der Nacht vor dem Anschlag im Mannschaftshotel von Borussia Dortmund geschlafen hatte.[20] Im Umgang mit Zündtechnik soll er sehr versiert sein.[21] Der Verdächtige bestreitet eine Tatbeteiligung.[22]

RezeptionBearbeiten

Kurz nachdem Sprengsätze an dem vorbeifahrenden Mannschaftsbus des BVB explodiert waren, berichteten viele Medien schnell von einem möglicherweise terroristischen Anschlag. Die polizeilichen Ermittlungsbehörden betonten, dass sie zu den Hintergründen noch nichts sagen könnten und in alle Richtungen ermittelten. Nachdem jedoch drei wortgleiche Bekennerschreiben gefunden wurden, die eine islamistische Motivation für die Tat vorgaben, sei die Bundesanwaltschaft verleitet gewesen, früh "in die islamistische Szene zu verweisen", so der Journalist Matthias Schiermeyer (Stuttgarter Nachrichten).[23]

Es handele sich um einen schweren Kriminalfall, nicht um einen Terroranschlag. "Dies zu betonen ist wichtig in solch aufgeregten Zeiten, in denen hinter jeder Tat sogleich Dschihadisten vermutet werden. Das Ziel der Terroristen, praktisch wahllos Angst und Schrecken zu verbreiten, wäre somit längst erreicht." schreibt Schiermeyer weiter.[23]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Jörg Diehl: Anschlag auf Borussia Dortmund: Ermittler fassen mutmaßlichen BVB-Bomber. In: Spiegel Online. 21. April 2017, abgerufen am 21. April 2017.
  2. Ingo Salmen: Explosionen vor Champions-League-Spiel: Anschlag auf Borussia Dortmund gibt Ermittlern Rätsel auf. In: tagesspiegel.de. 12. April 2017, abgerufen am 21. April 2017.
  3. Barca-Stars besuchen Bartra. In: sport1.de. 17. April 2017, abgerufen am 17. April 2017.
  4. BVB-Profi Bartra fehlt vier Wochen. In: waz.de. 13. April 2017, abgerufen am 14. April 2017.
  5. Emotionale Rückkehr von Bartra. In: RP Online. 20. Mai 2017, abgerufen am 23. Mai 2017.
  6. a b Jörg Diehl, Matthias Gebauer, Stefan Kaiser, Christian Neeb, Fidelius Schmid, Jens Witte: Mutmaßlicher Attentäter festgenommen: Die Hintergründe des Anschlags auf den BVB. In: Spiegel Online, 21. April 2017.
  7. Patrick Krull: Tuchel kritisiert Uefa – „Haben uns ohnmächtig gefühlt“. In: Welt.de. 13. April 2017, abgerufen am 13. April 2017.
  8. Thomas Hennecke: Tuchel stellt sich gegen die Bosse. In: Kicker.de. 13. April 2017, abgerufen am 15. April 2017.
  9. Erklärung zur Übernahme der Ermittlungen wegen des Anschlags vom 11. April 2017 auf den Mannschaftsbus des Fußballvereins Borussia Dortmund. Der Generalbundesanwalt – Pressemitteilung 32/2017 (12. April 2017).
  10. Simone Gaul: Anschlag auf BVB-Bus: Ermittler untersuchen islamistischen Hintergrund. In: Zeit Online. 12. April 2017, abgerufen am 12. April 2017.
  11. Am Tatort wurden drei textgleiche Bekennerschreiben gefunden. In: Spiegel Online, 12. April 2017.
  12. Das Schreiben vom Tatort im Wortlaut. In: Sueddeutsche.de, 12. April 2017.
  13. Reuters/relo: Große Zweifel an islamistischem Bekennerschreiben. In: FAZ.net. 14. April 2017, abgerufen am 14. April 2017.
  14. Polizei prüft zweites Bekennerschreiben auf Antifa-Blog. In: welt.de. 12. April 2017, abgerufen am 12. April 2017.
  15. Antonie Rietzschel: Zweifel an zweitem Dortmund-Schreiben. In: Sueddeutsche.de. 12. April 2017, abgerufen am 13. April 2017.
  16. Haftbefehl gegen Verdächtigen beantragt. In: Spiegel Online, abgerufen am 13. April 2017.
  17. AFP/dpa: Kein Hinweis auf Beteiligung des Festgenommenen an BVB-Anschlag. In: FAZ.net. 13. April 2017, abgerufen am 13. April 2017.
  18. Rüdiger Soldt: Hintergründe des Anschlags auf BVB-Bus in Dortmund. In: faz.net. 21. April 2017, abgerufen am 22. April 2017.
  19. Florian Flade: Fahndungserfolg: Nach BVB-Anschlag – BKA fasst dringend Tatverdächtigen. In: Welt.de. 21. April 2017, abgerufen am 21. April 2017.
  20. Georg Mascolo: Anschlag auf BVB – Ermittler nehmen Tatverdächtigen fest. In: Sueddeutsche.de. 21. April 2017, abgerufen am 21. April 2017.
  21. Holger Stark: Anschlag auf BVB-Mannschaft: Ermittler nehmen Verdächtigen fest. In: Zeit.de. 21. April 2017, abgerufen am 21. April 2017.
  22. Mutmaßlicher Attentäter bestreitet Anschlag auf BVB-Bus, Süddeutsche Zeitung, 28. April 2017
  23. a b Matthias Schiermeyer: Kommentar zur Festnahme in Tübingen: Hinter BVB-Anschlag steckt wohl perfide Kriminalität. In: Stuttgarter Nachrichten. 21. April 2017, abgerufen am 27. April 2017.

Koordinaten: 51° 27′ 11″ N, 7° 30′ 43″ O