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Dieser Artikel behandelt eine medizinische Fachdisziplin. Zur Sinnesphysiologie siehe Anästhesie (Sensibilitätsstörung).

Anästhesie (altgriechisch ἀναισθησία ‚Empfindungslosigkeit‘) ist in der Medizin ein Zustand der Empfindungslosigkeit zum Zweck einer operativen oder diagnostischen Maßnahme und zugleich das medizinische Verfahren, um diesen herbeizuführen.

Die Anästhesie als medizinische Fachdisziplin ist ein Teilgebiet der Anästhesiologie, zu dem auch die Gebiete Intensivmedizin, Schmerztherapie und Notfallmedizin gerechnet werden.

In Krankenhäusern ist die Durchführung der Anästhesie meist einem Arzt der Fachdisziplin Anästhesiologie vorbehalten. In Deutschland gilt der sog. Facharztstandard, d. h. die Durchführung obliegt einem Facharzt für Anästhesiologie. Wird die Anästhesie durch einen nicht fachärztlichen Kollegen (Anästhesist) durchgeführt, so steht dieser unter Aufsicht eines ihn anleitenden Facharztes. In der Regel steht dem Anästhesisten eine Fachpflegekraft für Anästhesie und Intensivmedizin zur Seite.

Inhaltsverzeichnis

Systematik der AnästhesieformenBearbeiten

 
Systematik der Anästhesieverfahren

Die Einteilung der Anästhesieformen erfolgt in der Regel anhand der Wirkorte der zur Anwendung kommenden Arzneimittel. In der weiteren Einteilung spielen häufig auch die Applikationsformen (inhalativ, intravenös, infiltrativ, …) eine Rolle. Es sind auch Kombinationen verschiedener Verfahren beschrieben. Die Begrifflichkeiten sind dabei nicht selten historischen Ursprungs.[1]

AllgemeinanästhesieBearbeiten

Als Allgemeinanästhesie oder Narkose (umgangssprachlich häufig als „Vollnarkose“ bezeichnet) bezeichnet man die Herstellung einer Toleranz von diagnostischen oder operativen Eingriffen durch Angriff am Zentralen Nervensystem. Traditionell werden darunter die Kombination von zentralnervöser Schmerzausschaltung (Analgesie), Aufhebung des Bewusstseins (Hypnose) und Dämpfung vegetativer Funktionen, gegebenenfalls erweitert durch eine Muskelentspannung (Muskelrelaxierung) verstanden. Üblicherweise geht damit eine Gedächtnislücke (Amnesie) einher. Eine strenge Trennung dieser Bestandteile ist nicht möglich, ebenso sind die genauen anatomischen Wirkorte und molekularen Mechanismen noch nicht komplett verstanden.

Diese unterscheidbaren Qualitäten werden durch unterschiedliche Medikamente (Anästhetika) hervorgerufen: Bewusstseinsverlust durch Hypnotika, Sedativa oder Inhalationsanästhetika, Analgesie durch hochwirksame Schmerzmittel (Opioide oder Ketamin), Relaxation durch Muskelrelaxanzien. Zugeführt werden diese Medikamente intravenös oder mittels inhalativer Applikation, oder einer Kombination aus beiden Verfahren, der balancierten Anästhesie.[1]

Örtlich wirksame AnästhesieverfahrenBearbeiten

Als Lokal- und Regionalanästhesie ("örtliche Betäubung", umgangssprachlich auch als Teilnarkose bezeichnet) wird die örtliche Schmerzausschaltung im Bereich der Nervenbahnen- und/oder -endigungen ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins verstanden. Dies geschieht vor allem durch Medikamente, die – direkt an den jeweiligen Wirkort injiziert – die elektrische Leitfähigkeit der Nerven für Nervenimpulse reversibel unterdrücken, die Lokalanästhetika.[1]

Die Bezeichnung Lokalanästhesie wird häufig uneinheitlich verwendet. Aus historischer und pharmakologischer Sicht häufig als Überbegriff verwendet, wovon sich Lokalanästhetika als solche Medikamente, die für die Lokal- oder Regionalanästhesie eingesetzt werden können, ableiten, steht Lokalanästhesie im engeren Sinne nur für die Blockade eines eng begrenzten Gebietes ("örtliche Betäubung").[1]

 
Durchführung einer Spinalanästhesie

Man unterscheidet bei der Lokalanästhesie die Oberflächenanästhesie, bei der das Lokalanästhetikum auf die Körperoberfläche aufgebracht wird, und die Infiltrationsanästhesie, bei der direkt im Operationsgebiet in das Gewebe injiziert wird, von den Regionalanästhesieverfahren bzw. Leitungsanästhesien.

Wesentliches Merkmal der Leitungsanästhesien ist das direkte Aufsuchen einer das operative Zielgebiet sensibel versorgenden Leitungsbahn (im Rückenmark bzw. im peripheren Nervenstrang) mit einer Hohlnadel, gefolgt von der Injektion des Lokalanästhetikums. Die Folge ist ein reversibler "Leitungsblock", d. h. die Unterbrechung der aus dem operativen Zielgebiet fortgeleiteten Schmerzreize, die das Gehirn nicht mehr erreichen. Die Regionalanästhesieverfahren werden demzufolge in rückenmarksnahe oder neuroaxiale (Spinalanästhesie, Epiduralanästhesie) und eine Vielzahl an peripheren Verfahren unterteilt, beispielsweise die verschiedenen Formen der Lokalanästhesie in der Zahnmedizin. Eine Sonderform ist die intravenöse Regionalanästhesie, bei der Lokalanästhetikum in die entleerte venöse Blutbahn einer zuvor durch eine Manschette abgebundenen Extremität eingespritzt wird.[1]

Geschichte der AnästhesieBearbeiten

 
Johann Friedrich Dieffenbach führte 1847 mit seiner Schrift Der Äther gegen den Schmerz die Ätheranästhesie in Deutschland ein.

Zeit vor 1846Bearbeiten

Der Wunsch, Schmerzen zu lindern, ob bei Verletzungen, Krankheiten oder im Rahmen von operativen Eingriffen, ist oftmals erste Triebfeder heilerischen Handelns gewesen. Bereits in der Antike kannten zahlreiche Völker (so beispielsweise die Assyrer, Ägypter, Griechen oder Römer) die schmerzlindernde bzw. betäubende Wirkung von morphinhaltigem Mohn, aus dem auch schon im Altertum Opium (siehe auch Opiumtinktur) gewonnen wurde, den Nachtschattengewächsen Alraune (Alraunen-Wein bei Plinius und Dioskurides) und Bilsenkraut sowie Wasserschierling und etlichen anderen Pflanzen.

Eine frühe Anwendung von Mohnsaft und anderer Alkaloide zur lokalen Anästhesie am Auge findet sich um 990 bei dem Bagdader Arzt Jesus Haly. Als örtlich betäubend, z. B. als Pflaster aufgebracht, sind seit dem 12. Jahrhundert auch Pfeffer, Bilsenkräuter und die Gemeine Alraune belegt.

Vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit wurden anästhetisch wirkende Pflanzenextrakte nicht nur oral verabreicht oder lokal aufgetragen, sondern besonders zur Linderung des Operationsschmerzes inhaliert und über die Schleimhäute von Nase, Mund und Rachenraum aufgenommen. Hierzu wurde ein Schwamm mit den Pflanzenextrakten (meist als Mischung mehrerer Pflanzenarten) benetzt, getrocknet und bei Bedarf mit heißem Wasser befeuchtet und dem Patienten auf Mund und Nase gelegt (spongia somnifera).[2][3] Diese Anwendung von mit Narkotika (Verwendung fanden bei Heinrich von Pfalzpaint beispielsweise Opium, Bilsenkraut, Alraune, unreife Maulbeeren, evtl. Tollkirsche, Schierling, Efeu, Gartenlattichsamen und Kellerhalskörner)[4] getränkten Schlafschwämmen[5] war, neben der von Alkohol-Zufuhr als Getränk und dem schnellen Operieren, vom 11. Jahrhundert bis ins Spätmittelalter, vereinzelt bis in die frühe Neuzeit, eine der wenigen gebräuchlichen und zugleich wirksamen Methoden, den Operationsschmerz zu begrenzen, wurde jedoch – wohl wegen schwerer Zwischenfälle – bis Mitte des 19. Jahrhunderts wieder verlassen.[6][7][8] Doch auch narkotisch wirkende Tränke wurden verabreicht – zum Beispiel nach einem im 14. Jahrhundert von dem Straßburger Wundarzt Johann von Molsheim verfassten, unter Verwendung von Schlafmohn und knolligen Pilzmyzelen zuzubereitenden Rezept, das auch im 15. Jahrhundert noch von dem Chirurgen Johann Schenck von Würzburg überliefert wurde.[9] Frühe Methoden der örtlich begrenzten Schmerzausschaltung bzw. -linderung waren auch die Anwendung einer kurzfristigen Nervenkompression (1640 bei Ambroise Paré) oder Kälte (1646 bei Marco Aurelio Severino).

Das griechische Wort für Anästhesie wurde bereits von Platon, jedoch im philosophischen Sinne, benutzt. Dioskurides bezeichnete damit die Wirkung der Pflanze Mandragora (Alraune). In der Neuzeit erstmals für die Äthernarkose gebraucht wird das Wort im Englischen von Oliver Wendell Holmes in einem Brief an W. T. G. Morton (s. u.).

1804 hatte der japanische Chirurg Hanaoka Seishū eine Operation durchgeführt, bei der er ein als Mafutsusan bezeichnetes und auf den Wirkstoffen Scopolamin, Hyoscyamin/Atropin, Aconitin und Angelicotoxin beruhendes Anästhetikum benutzte.[10] Die japanische Politik des sakoku verhinderte aber ihr Bekanntwerden im Westen.

Die Geschichte der modernen Anästhesie begann verschlungen und ist auch eine Geschichte des Widerstands der akademischen Ärzteschaft gegen deren Anwendung. So hielten es einige Ärzte für unethisch, an „Kadavern“ zu operieren, einige hielten den Schmerz für unabdingbar für die Heilung.

Nach der Entdeckung des Sauerstoffs im Jahre 1774 begannen die so genannten „Pneumatiker“ – Mediziner, aber auch Künstler und Schriftsteller wie Samuel Taylor Coleridge und William Wordsworth – die medizinischen und bewusstseinsverändernden Wirkungen verschiedener Gase zu testen. 1800 stellte Humphry Davy in einem Selbstversuch fest, dass das Einatmen von Lachgas (N2O) das Schmerzempfinden aufhebt. Er schlug in einer viel beachteten Publikation[11] vor, dieses bei chirurgischen Operationen einzusetzen.

In der Folge gelangten mehrere Male Vorschläge an die medizinischen Gesellschaften in London und Paris, die Anästhesie mittels Inhalation verschiedener Gase zu prüfen. Die Gesellschaften lehnten ab – so auch 1824 die britische Royal Society, deren Präsident unterdessen Humphry Davy war. Die Ablehnung hatte vielfältige Gründe. Einerseits war umstritten, welche Funktion der Schmerz hat und ob eine Ausschaltung des Schmerzes überhaupt wünschenswert sei.[12] Die Schmerzensäußerungen dienten den Chirurgen insbesondere als Wegweiser während der Operation. Weiter lehnten es viele Chirurgen ab, den durch die Operation enorm belasteten Organismus noch weiter zu belasten. Die Gasinhalation hatte zudem den Ruch des Unseriösen. Lachgas war seinerzeit in den städtischen Oberschichten als Partydroge durchaus bekannt: Sie hatte im Operationssaal nichts verloren. Selbst nach 1846, als die Inhalationsanästhesie sich akademische Anerkennung zu schaffen begann, äußerten mehrere Mediziner ihr Befremden darüber, dass Patientinnen (von Patienten ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede) im Narkoserausch unsittliche Träume hätten. Die Meinung des französischen Chirurgen Alfred Armand Velpeau, den Schmerz durch künstliche Methoden zu verhindern sei eine Schimäre, wurde in (europäischen) akademischen Kreisen kaum mehr hinterfragt, und wer Vorstöße in diese Richtung unternahm, setzte sich dem Risiko aus, seinem wissenschaftlichen Ruf zu schaden.

Eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der Anästhesie spielten ab 1829 die Mesmeristen. Die Lehre des animalischen Magnetismus wurde im späten 18. Jahrhundert von Franz Anton Mesmer entwickelt. Durch Überstreichungen wurden Patienten und Patientinnen in Trance (Magnetschlaf) versetzt. 1829 wurde diese Methode erstmals erfolgreich zur Anästhesie bei einer chirurgischen Operation eingesetzt. Die Erfolgsmeldungen nahmen in der Folge zu, insbesondere englische Chirurgen in Indien operierten um Mitte der 1840er Jahre häufig erfolgreich schmerzfrei.

In der Auseinandersetzung, was als wissenschaftlich anzuerkennen sei, schwankte der Mesmerismus mehrfach zwischen Anerkennung und Ablehnung. 1838 verloren die Mesmeristen in London die Gunst des einflussreichen Fachjournals The Lancet, nachdem in einer öffentlichen mesmeristischen Séance die Patientin der Kontrolle durch ihren Arzt entglitt und begann, die zuhörenden Honoratioren unziemlich anzusprechen. Der Lancet startete daraufhin eine heftige Anti-Mesmerismus-Kampagne.

Mit ihren schmerzfreien Operationen hatten die Mesmeristen nun aber einen Trumpf in der Hand, der dank der Medienaufmerksamkeit schnell seine Verbreitung fand. Während sich in Europa kein nicht-mesmeristischer Arzt mehr wagte, Versuche zur Anästhesie zu unternehmen, gab es in den USA mehrere niedere Ärzte und Zahnärzte, die keinen wissenschaftlichen Ruf zu verlieren hatten. Morton, der schließlich als der Entdecker der Inhalationsanästhesie gelten wird, hatte nicht wissenschaftliche, sondern kommerzielle Motive: Er versuchte zunächst zu verheimlichen, dass das Gas, mit dem er anästhesierte, „Schwefeläther“ (historische Bezeichnung für Diethylether) sei. Als die Meldung seiner am 16. Oktober 1846 demonstrierten Äthernarkose im Dezember Europa erreichte, sahen viele Mesmerismus-Gegner darin die lang ersehnte Möglichkeit, dem Mesmerismus seinen größten Trumpf zu stehlen. Robert Liston amputierte am 21. Dezember in London einen Oberschenkel mit der neuen Methode schmerzfrei und rief aus: „Diese Glanzidee der Yankees, meine Herren, ist der Hypnose (gemeint ist: dem Mesmerismus) haushoch überlegen. Welch ein Glück! Wir haben den Schmerz besiegt!“ Mehr noch als den Sieg über den Schmerz bejubelte er den Sieg über die Konkurrenz. Der Mesmerismus verschwand tatsächlich bald von der Bildfläche.

Entstehung der modernen AnästhesieBearbeiten

Am 30. März 1842 wird die erste Äthernarkose, die auch bekannt wird, durch Crawford Williamson Long angewendet. Der 30. März wird als Doctor’s Day jährlich zelebriert. Wenige Jahre später, am 16. Oktober 1846, wird die erste öffentliche Äthernarkose von William Thomas Green Morton im Massachusetts General Hospital in Boston ausgeführt. Mit dem 16. Oktober 1846 (Ether Day) verfügt die moderne Anästhesie über ein offizielles Geburtsdatum. Erstmals gelang damals – nach einem erfolglosen Versuch mit dem ab den 1880er Jahren für die chirurgische Anästhesie sehr wichtigen Lachgas (N2O) zu Beginn desselben Jahres – dem Zahnarzt William Thomas Green Morton eine einigermaßen erfolgreiche Äther-Inhalationsanästhesie an einem Patienten mit einer Geschwulst am Hals. Diese wurde dem Patienten, vor den anwesenden ärztlichen Honoratioren der Stadt, exstirpiert durch einen der berühmtesten Chirurgen seiner Zeit, Professor John Collins Warren. Zwar stöhnte der Patient und gab nach der Operation an, Schmerzen gespürt zu haben (siehe dazu: Alison Winter, Mezmerized!, Chicago 1998), doch die Anästhesie wurde vom Publikum als erfolgreich anerkannt. Überliefert ist Warrens Kommentar nach Beendigung der Operation: „Gentlemen, this is no humbug!“ (Meine Herren, dies ist kein Humbug). Der Ort des Geschehens, ein Operations-Hörsaal am zur Harvard Medical School gehörenden Universitätshospital in Boston, Massachusetts, trägt heute den Namen Ether-Dome und ist in unverändertem Zustand zu besichtigen. Nach einigem Hin und Her sollte sich später der von Oliver Wendell Holmes in seinem Brief an Morton vom 21. November 1846 vorgeschlagene Name Anästhesie für dieses Vorgehen durchsetzen.

Trotz der enormen Aufmerksamkeit, die die Inhalationsanästhesie in der Öffentlichkeit erfuhr, setzte sie sich nicht schnell vollständig durch: Auch Anhänger der neuen Methode äußerten die Meinung, es lohne sich nicht, bei kleinen Operationen (etwa der Amputation eines Fingers) zu narkotisieren. Am 19. Januar 1847 verwendete James Young Simpson Äther erstmals zur geburtshilflichen Anästhesie. Martin Pernick hat gezeigt,[13] dass in den US-Krankenhäusern Weiße häufiger als Schwarze oder Indianer, Oberschichtsangehörige häufiger als Arbeiter anästhesiert wurden. Im Pennsylvania Hospital fanden in der Dekade 1853/1862 ein Drittel aller Amputationen von Gliedmaßen immer noch am bewussten Patienten statt.

Das erste Anästhesie-Lehrbuch, verfasst von John Foster Brewster Flagg, erschien 1851 in den USA.

Bis etwa 1890 wurde neben Äther auch weiterhin das 1847 allgemein eingeführte Chloroform zur Durchführung von Inhalationsanästhesien benutzt. Wegen der häufigeren unerwünschten Nebenwirkungen von Chloroform wurde dann vor allem Äther benutzt. Es wurden jedoch neben Diethylether auch Mischpräparate (bestehend aus Alkohol, Chloroform und Diethylether) sowie weitere Substanzen wie Ethen, Cyclopropan und „Cypromäther“ ausprobiert. Ab 1956 wurde Halothan für viele Jahrzehnte das meistverwendete Inhalationsnarkotikum, gefolgt von weiteren halogenierten Kohlenwasserstoffverbindungen.

Die Erzielung einer Allgemeinanästhesie durch die Einspritzung von Schlafmitteln in Venen wurde erstmals 1875 durch Pierre Cyprien Oré (1828–1889) bekanntgemacht. Er injizierte dazu Chloralhydrat. Durchgesetzt hatte sich die Intravenöse Anästhesie dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem ab 1902 Barbiturate wie Veronal eingesetzt wurden. Erfolgreich angewendet wurde ab 1932 das kurzwirkende Evipan.

Ein Wegbereiter der balancierten Anästhesie, der Kombination von einem Inhalationsanästhetikum mit der intravenösen Gabe von Narkosemitteln, war der Münchner Chirurg Johann Nepomuk von Nußbaum (1829–1890), der erstmals ergänzende Morphininjektionen zur Verlängerung und Verstärkung von Chloroformnarkosen einsetzte.[14]

Alternativen zur Allgemeinanästhesie in Form von Rückenmarksnahen Regionalanästhesieverfahren stehen seit 1899 mit der Spinalanästhesie (gleichzeitig von August Bier, Théodore Tuffier (1857–1929) und Dudley Tait mit Guido Caglieri erstmals durchgeführt), seit 1920 auch mit der von Fidel Pagés erstmals angewendeten Epiduralanästhesie zu Verfügung.

Entwicklungen im deutschsprachigen RaumBearbeiten

 
Chirurgie und Anästhesie 1956

Nachdem der Bericht über Mortons Erfolg mit einem Dampfer am 16. Dezember 1846 nach Liverpool gelangt war, den Londoner Zahnarzt Francis Boott (1792–1863) am 19. Dezember zur Durchführung der ersten Äthernarkose Europas[15] veranlasste, sowie am 1. Januar 1847 von der Leipziger Deutschen Allgemeinen Zeitung und später auch anderen Zeitungen in Europa publiziert worden war, nahm die erste Äthernarkose im deutschsprachigen Raum Hermann A. Demme am 23. Januar 1847 in Bern vor. Innerhalb Deutschlands kam die erste Äthernarkose am 24. Januar 1847 durch Heinrich E. Weikert und Carl F. E. Obenaus in Leipzig zur Anwendung. Am gleichen Tag bediente sich auch Johann Ferdinand Heyfelder in Erlangen dieser neuartigen medizinischen Technik. Am 3. Februar 1847 führte der Würzburger Chirurg Cajetan von Textor (1782–1860)[16] mit Hilfe des durch seinen Assistenten, den späteren Professor für Augenheilkunde Robert Ritter von Welz (1814–1878)[17] entwickelten Ätherinhalationsgerätes die erste belegbare Operation in Äthernarkose am Juliusspital durch.[18][19]

Friedrich Trendelenburg erfand den endotrachealen, d. h. einen in die Luftröhre einzuführenden Tubus, welchen er tracheale Tamponkanüle nannte (1869) und über eine Tracheotomie einbrachte. Somit wandte er die erste „Intubationsnarkose“ an, bei der Chloroform über einen separaten Zufluss der geblockten Trachealkanüle zugeführt wurde. Die ersten Intubationen über die Mundöffnung wurden 1878 von William Macewen beschrieben und von Franz Kuhn methodisch weiter ausgebaut. Zur endotrachealen Anästhesie mit Einbringen des Tubus mittels eines Laryngoskops führte dann eine 1895 von Alfred Kirstein (1863–1922) beschriebene Methode der trachealen Intubation, die dann 1921 von britischen Anästhesisten weiterentwickelt wurde.

1884 führte der österreichische Augenarzt Carl Koller eine Augenoperation nach Oberflächenanästhesie mit Kokain durch und 1888 machte der deutsche Chirurg Maximilian Oberst die nach ihm benannten Leitungsanästhesie der Fingernerven benannt. Carl Ludwig Schleich, ein deutscher Chirurg und Schriftsteller, erweiterte 1892 die Infiltrationsanästhesie mit der Technik der intrakutanen Injektion. Eine weitere deutsche Persönlichkeit war Heinrich Braun (1862–1934). Als Leitender Chirurg war er 1899–1905 am Diakonissen-Hospital in Leipzig tätig und begann in dieser Zeit mit experimentellen Untersuchungen zur Lokalanästhesie mit Kokain. Durch den Adrenalinzusatz zum Kokain machte er 1903 den Einsatz der Infiltrationsanästhesie durch die verlängerte Wirkdauer praktikabler. Braun wandte das 1905 entdeckte, weniger giftig wirkende Novocain in der rückenmarksnahen Anästhesie an, die er zusammen mit dem Leipziger Pharmakologen Oskar Groß (1877–1947) entwickelt hatte. August Bier war Erfinder der 1908 von ihm publizierten und heute noch angewendeten Intravenösen Regionalanästhesie. Bier entwickelte 1898 – zeitgleich mit, aber wohl unabhängig von Théodore Tuffier sowie Dudley Tait und Guido Caglieri – die Spinalanästhesie. Der Zwickauer Chirurg Dietrich Kulenkampff (1880–1967) eröffnete mit seiner 1911 beschriebenen Blockade des Plexus brachialis weitere Möglichkeiten der Regionalanästhesie.

Das oben bereits erwähnte Narkosemittel Barbital (Veronal) wurde 1902 von Emil Fischer synthetisiert und Hellmut Weese führte 1932 Hexobarbital (Evipan) ein. 1805 konnte Friedrich Sertürner das im Opium enthaltene Morphin erstmals rein darstellen, woraufhin die Entwicklung weiterer Morphinabkömmlinge erfolgen konnte. Das synthetisch hergestellte Opioid Fentanyl entwickelte 1958 der Belgier Paul Janssen.

Die erste bedeutende deutsche anästhesiologische Fachpublikation war die in Würzburg im Januar 1928 erstmals herausgegebene Zeitschrift Der Schmerz, welche 1929 mit der ebenfalls 1928 entstandenen Zeitschrift Narkose und Anästhesie zu Schmerz, Narkose und Anaesthesie zusammengelegt wurde.[20] Nachdem die Bedeutung der Anästhesie nach dem Krieg stark gestiegen war, wurde am 10. April 1953 die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) gegründet. Nur wenige Wochen später (27. Mai 1953) beendete der erste Facharzt für Anästhesie seine Weiterbildung.

In Österreich wurde am 19. Oktober 1951[21] die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) gegründet. Der gemeinnützige Verein ist eine medizinische Fachgesellschaft zur Förderung der Anästhesiologie und zählt über 1500 Mitglieder.

In Mainz wurde 1960 der erste deutsche außerordentliche Lehrstuhl für Anästhesiologie bei Rudolf Frey eingerichtet. Sechs Jahre später bekam Hamburg den ersten ordentlichen Lehrstuhl für Anästhesie. Die erste Schmerzklinik wurde 1971 von Frey in Mainz eingerichtet.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Marguerite Louise Baur: Recherches sur l'histoire de l'anesthésie avant 1846. Leiden 1927.
  • Ludwig Brandt (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der Anästhesie. Stuttgart 1997.
  • Marcel Hänggi: Fortschrittsgeschichten. Für einen guten Umgang mit Technik. Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-596-03220-4, S. 96–114, Kapitel "Schwefeläther"
  • Thomas E. Keys: A chronology of events relating to anesthesiology and allied subjects. In: John S. Lundy: A manual of clinical anesthesiology. Philadelphia/ London 1942, S. 705–717; auch in: Thomas E. Keys: The history of surgical anesthesia. New York 1963, S. 103–125.
  • Thomas E. Keys: Die Geschichte der chirurgischen Anästhesie. (= Anaesthesiologie und Wiederbelebung. 23). Berlin/ Heidelberg/ New York 1968
  • Hans Killian: Die Entwicklung der Narkose und Anaesthesie im Laufe der Zeiten. In: H. Killian, Hellmut Weese (Hrsg.): Die Narkose. Ein Lehr- und Handbuch. Stuttgart 1954, S. 1–30.
  • Richard J. Kitz, Leroy D. Vandam: A history of the scope of anesthetic practice. In: Ronald D. Miller (Hrsg.): Anesthesia. Band I, New York/ Edinburgh/ London/ Melbourne 1986, S. 3–25.
  • Huldrych M. Koelbing: Operationsschmerz – Anästhesie – Anästhesiologie. Historische Streiflichter. In: 30 Jahre Schweizerische Gesellschaft für Anästhesiologie und Reanimation 1952–1982. Bern 1982, S. 7–28.
  • Franz-Josef Kuhlen: Zur Geschichte der Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel in Mittelalter und Früher Neuzeit. (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie. 19). Stuttgart 1983.
  • Reinhard Larsen: Anästhesie. München/ Wien/ Baltimore 1988.
  • Jörg Mildenberger, Norbert Roewer: Würzburg in der Geschichte der Anästhesie. In: AINS. 1999, Supplement 4.
  • H. Orth, I. Kis: Die Voraussetzung zur Entwicklung der modernen Chirurgie: Schmerzbekämpfung und Narkose. In: F. X. Sailer, F. W. Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen: Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 1–32.
  • U. Schirmer (Hrsg.): A. Heller, T. Koch, R. Litz, C. Lorenz, C. Spies, W. Schlack: Anästhesie in der Allgemeinchirurgie, Urologie, Gynäkologie und Geburtshilfe 2007. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-7691-1206-1.
  • Jürgen Schüttler (Hrsg.): 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Tradition und Innovation. Springer, Berlin 2003, ISBN 3-540-00057-7.
  • Christoph Weißer: Anästhesie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 54 f.
  • Alison Winter: Mesmerized. Powers of Mind in Victorian Britain. 1998.
  • G. Benad, M. Schädlich: Grundriß der Anästhesiologie. Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1989, ISBN 3-333-00063-6.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e H. A. Adams, E. Kochs, C. Krier: Heutige Anästhesieverfahren – Versuch einer Systematik. In: Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther. 36, 2001, S. 262–267. doi:10.1055/s-2001-14470. PMID 11413694.
  2. Willem Frans Daems: Spongia somnifera. Philologische und pharmakologische Probleme. In: Beiträge zur Geschichte der Pharmazie. (Beilage zur Deutschen Apotheker-Zeitung) Band 22, Heft 4, Stuttgart 1970.
  3. Gundolf Keil: Spongia somnifera. Mittelalterliche Meilensteine auf dem Weg zur Voll- und Lokalnarkose. In: Anaesthesist. 38, 1989, S. 643–648.
  4. Bernhard Dietrich Haage: Medizinische Literatur des Deutschen Ordens im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 217–231, hier: S. 224 f.
  5. Christoph Weißer: Schlafschwamm. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1299 f.
  6. Theodor Husemann: Die Schlafschwämme und andere Methoden der allgemeinen und örtlichen Anästhesie im Mittelalter. Ein Beitrag zur Geschichte der Chirurgie. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 42, 1896, S. 517–596.
  7. Theodor Husemann: Weitere Beiträge zur chirurgischen Anästhesie im Mittelalter. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 54, 1900, S. 503 ff.
  8. Franz-Josef Kuhlen: Zur Geschichte der Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel in Mittelalter und früher Neuzeit. (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie. 19). Stuttgart 1983.
  9. Wolfgang Wegner: Johann von Molsheim. In: Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 699.
  10. Noel Perrin: Keine Feuerwaffen mehr. Japans Rückkehr zum Schwert. Syndikat, Frankfurt 1982, ISBN 3-8108-0206-9, S. 134.
  11. Humphry Davy: Researches, Chemical and Philosophical, Chiefly Concerning Nitrous Oxide or Dephlogisticated Nitrous Air [Lachgas] and its Respiration. London 1800.
  12. siehe dazu: Roselyne Rey: Histoire de la douleur. Paris 1993.
  13. Martin S. Pernick: A Calculus of Suffering. Pain, Professionalism, and Anaesthesia in Nineteenth-Century America. New York 1985.
  14. Barbara I. Tshisuaka: Nußbaum. Johann Nepomuk von. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1061.
  15. Christoph Weißer: Erste Würzburger Äther-Narkosen im Jahre 1847 durch Robert Ritter von Welz (1814–1878). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 17, 1998, S. 7–20, hier: S. 10.
  16. Cajetan von Textor: Äthernarkose im Juliusspitale zu Würzburg. In: Neue Würzburger Zeitung. Nr. 235, 25. August 1847, S. 3 f.
  17. Christoph Weißer: Erste Würzburger Äther-Narkosen im Jahre 1847 durch Robert Ritter von Welz (1814–1878). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 17, 1998, S. 7–20.
  18. Christoph Weißer: Die ersten Äther-Narkosen in Würzburg im Jahre 1847. In: Andreas Mettenleiter (Hrsg.): Tempora mutantur et nos? Festschrift für Walter M. Brod zum 95. Geburtstag. Mit Beiträgen von Freunden, Weggefährten und Zeitgenossen. Akamedon, Pfaffenhofen 2007, S. 393–398.
  19. Robert Ritter von Welz: Die Einathmung der Aether-Dämpfe in ihrer verschiedenen Wirkungsweise mit praktischer Anleitung für Jene, welche dieses Mittel in Gebrauch ziehen. Nach eigenen Erfahrungen bearbeitet. Voigt & Mocker, Würzburg 1847.
  20. Herbert Baar: Zur Entwicklung der Anaesthesiologie an der Universität Würzburg. In: Peter Baumgart (Hrsg.): Vierhundert Jahre Universität Würzburg. Eine Festschrift. (= Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Würzburg. 6). Neustadt a.d. Aisch 1982, S. 951–956.
  21. Otto Mayrhofer: Anaesthesie in Österreich (1847–1989). In: Herbert Benzer, Günther Putz (Hrsg.): 30 Jahre Universitätsklinik für Anaesthesie und Allgemeine Intensivmedizin der Medizinischen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck 1959–1989. Innsbruck 1989, S. 74–83, hier: S. 75.

WeblinksBearbeiten