William Wyler

Schweizerisch-US-amerikanischer Filmregisseur und Produzent

William Wyler (* 1. Juli 1902 als Willi Wyler in Mülhausen,[1] Elsass, damals Deutsches Kaiserreich; † 27. Juli 1981 in Los Angeles) war ein deutsch-schweizerischer Filmregisseur und Produzent mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft. Er galt über drei Jahrzehnte lang als einer der führenden Regisseure Hollywoods. Dabei war er in vielen Genres erfolgreich und insbesondere für seinen Perfektionismus bekannt. Wyler, der insgesamt zwölfmal für den Oscar in der Kategorie Bester Regisseur nominiert war, gewann dabei den Preis dreimal: 1943 für Mrs. Miniver, 1947 für Die besten Jahre unseres Lebens und 1960 für den Monumentalfilm Ben Hur, seine heute wohl bekannteste Arbeit.

LebenBearbeiten

Frühe JahreBearbeiten

Willi Wyler wurde am 1. Juli 1902 in Mülhausen, damals dem Deutschen Kaiserreich angehörend, als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Herrenausstatters geboren. Während sein Vater Leopold gebürtiger Schweizer war, stammte die Mutter Melanie aus Deutschland und war eine Cousine von Carl Laemmle, dem Gründer und Chef von Universal Studios. Wegen der Herkunft seines Vaters hatte Willi einen Schweizer Pass. Er besuchte als Junge mehrere Schulen und galt als aufmüpfig, mehr als einmal wurde er der Schule verwiesen.[2] Sein älterer Bruder war der spätere Filmproduzent Robert Wyler. Insbesondere die Mutter sorgte dafür, dass die Kinder schon früh Konzerte, Opern und Theateraufführungen besuchten. Nach einer kaufmännischen Ausbildung unter anderem in Lausanne studierte er Musik am Nationalen Konservatorium in Paris, wo er nebenbei auch Kleider verkaufte. Eigentlich sollte er das Kleidergeschäft seines Vaters übernehmen, doch zeigte er daran keinerlei Interesse.

FilmkarriereBearbeiten

Auf der Suche nach einem geeigneten Beruf für den jungen Willi Wyler kontaktierte die Mutter Carl Laemmle, der regelmäßig Europa besuchte und dabei gleichzeitig nach neuen Talenten für Hollywood Ausschau hielt. 1921 traf Laemmle Wyler zum ersten Mal und er verschaffte ihm einen Job als Autor in der New Yorker Niederlassung der Universal Studios. Sein erstes Gehalt betrug rund 25 US-Dollar. Um 1923 ging er unter seinem inzwischen amerikanisierten Namen William Wyler nach Hollywood, wo er bei Universal die unterschiedlichsten Aufgaben bei der Filmproduktion übernahm. So war er für einige Zeit nur Bühnenbildner und Putzmann, konnte aber bereits 1923 auch als Regieassistent der Produktion von The Hunchback of Notre Dame mitwirken, einem teuer inszenierten Film mit Lon Chaney. In den folgenden Jahren musste er allerdings einige Rückschläge einstecken, so war er etwa zwischendurch gefeuert worden. Mitte der 1920er Jahre übernahm Wyler von Fred Niblo den Posten des Regieassistenten bei den nicht enden wollenden Dreharbeiten zum Monumentalfilm Ben Hur.

Etwa zur selben Zeit konnte Wyler auch seine ersten Projekte als „erster“ Regisseur bei Universal verwirklichen, zunächst allerdings vor allem Low-Budget-Western. Der heute verschollene Film Anybody Here Seen Kelly? von 1928 mit Bessie Love in der Hauptrolle war Wylers erster Nicht-Western. Ebenfalls 1928 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft.[3] Kurze Zeit später drehte der junge Regisseur seine ersten Tonfilme, die Ende der 1920er Jahre allmählich den Stummfilm ablösten. Wyler erwarb sich allmählich einen Ruf und ab 1930 übernahm er einige Prestigeproduktionen von Universal, so die elegant in Szene gesetzten Adaptionen von A House Divided und Counsellor-at-Law von 1933 mit John Barrymore in der Hauptrolle. 1936 wechselte er zu Samuel Goldwyn, wo er bereits mit dem ersten Film für Aufmerksamkeit sorgte. Die Verfilmung von Infame Lügen, der Verfilmung des Bühnenstücks The Children’s Hour von Lillian Hellman, umging gekonnt die Auflagen der Zensur und verlagerte den Mittelpunkt weg von lesbischen Gerüchten auf die unglückliche Liebesgeschichte der Beteiligten. Der Film machte aus Merle Oberon einen Star, wenn auch zu einem hohen Preis; denn Wyler trieb die Schauspielerin durch endlose Wiederholungen einzelner Einstellungen fast in einen Nervenzusammenbruch. Das unbedingte Streben nach Perfektion war mittlerweile ein Markenzeichen von Wyler, der von Oberon später nur 90-Take Wyler genannt wurde. Infame Lügen markierte auch die erste Zusammenarbeit mit dem Kameramann Gregg Toland, der in vielen späteren Filmen für den typischen Wyler-Look sorgte, d. h. viele lange Einstellungen mit oft dramatischen Hell-dunkel-Kontrasten sowie Aufnahmen aus der Totalen, so dass lange Szenen ohne Schnitt gedreht werden konnten. Diese Technik erfordert jedoch hohe Disziplin von allen Beteiligten, insbesondere den Schauspielern. Der autokratische Wyler verlangte absolute Zuverlässigkeit von allen Darstellern und stritt sich oft mit Stars, die eine etwas laxere Einstellung an den Tag legten.

Auch der zweite Film für Goldwyn war eine Bühnenvorlage. Zeit der Liebe, Zeit des Abschieds handelte – für das damalige Hollywood ungewöhnlich – über ein Paar mittleren Alters (gespielt von Walter Huston und Ruth Chatterton), das eine Reise durch Europa unternimmt und sich menschlich voneinander entfernt. Wyler erhielt für das Werk die erste von insgesamt zwölf Oscar-Nominierungen für die beste Regie, einen bis heute nicht wieder erreichten Rekord. Kurz danach begann er die Zusammenarbeit mit Bette Davis, die sich während der Dreharbeiten zu Jezebel – Die boshafte Lady zwar ununterbrochen mit Wyler gestritten hat, gleichzeitig aber durch die straffe Führung endlich in der Lage war, ihr Talent auch tatsächlich umzusetzen. Die Schauspielerin gewann einen Oscar und die beiden drehten noch zwei weitere Filme.

1939 begann mit der relativ freien Verfilmung von Wuthering Heights die erfolgreichste Karrierephase für Wyler. Obwohl der Film nur einen Teil des Romans abdeckt, wurde er von der Kritik gefeiert, und Merle Oberon, welche die Rolle der Cathy übernommen hatte, bekam die besten Rezensionen ihrer gesamten Laufbahn. Laurence Olivier, der die Hauptrolle spielte, war während der Dreharbeiten zwar von Wylers Perfektionismus mit zahlreichen Retakes genervt, äußerte sich aber später, dass Wyler ihm beigebracht habe, wie man – im Vergleich zum Theater – in Filmen spielt. Filme wie Das Geheimnis von Malampur und Die kleinen Füchse, beide mit Bette Davis, brachten Wylers Karriere Anfang der 1940er Jahre erfolgreich voran. 1942 realisierte er das Kriegsdrama Mrs. Miniver mit Greer Garson in der Hauptrolle, das ein englisches Dorf in den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges zeigt und bis heute als einer der besten Propagandafilme des Zweiten Weltkriegs gilt. Es war der größte Kassenerfolg im Jahr 1942 und wurde unter anderem für den besten Film und die beste Regie mit einem Oscar ausgezeichnet. Anschließend ging Wyler zur Armee und drehte mehrere Filme über die Flächenbombardements in Deutschland.

Nach dem Krieg konnte er mit dem Kriegsheimkehrerepos Die besten Jahre unseres Lebens nahtlos an seine Erfolge anknüpfen. Der als realistisch betrachtete Film wurde mit Preisen geradezu überschüttet und gewann unter anderem den Oscar für den besten Film des Jahres. In den folgenden Jahren drehte Wyler, nun bei Paramount unter Vertrag, einige seiner bekanntesten Filme, so das Drama Die Erbin nach einer Novelle von Henry James, der Olivia de Havilland ihren zweiten Oscar als beste Hauptdarstellerin einbrachte, und Ein Herz und eine Krone mit dem Audrey Hepburn ebenfalls einen Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann. Seit seinem Wechsel zu Paramount war Wyler für seine Filme auch häufig als Produzent verantwortlich, was ihm mehr künstlerische Freiheit einräumte. Sein Film Lockende Versuchung mit Gary Cooper handelt über eine pazifistische Quäkerfamilie im amerikanischen Bürgerkrieg und gewann 1957 die Goldene Palme. In seinem erfolgreichen Western Weites Land (1958) mit Gregory Peck ist der Konflikt zwischen Pazifismus und aktivem Handeln bei einer Bedrohung erneut ein Thema. Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte Wyler mit dem Remake von Ben Hur, der damals zahlreiche Rekorde brach und elf Oscars gewann, mehr als irgendein anderer Film zuvor. Zu seinen weniger spektakulären, aber meist immer noch gut rezensierten Spätwerken gehören das Drama Infam – ein Remake seines eigenen Filmes Infame Lügen von 1936 – und das Musical Funny Girl (1968), das Barbra Streisand den Oscar und den Durchbruch zum Filmstar brachte. Sein letzten Film Die Glut der Gewalt von 1970 thematisiert die Probleme zwischen Afroamerikanern und Weißen in den Südstaaten.

PrivatlebenBearbeiten

William Wyler war von 1934 bis 1936 mit der Schauspielerin Margaret Sullavan verheiratet, die Ehe wurde geschieden. Seine zweite, 1938 geschlossene Ehe mit der Schauspielerin Margaret Tallichet (1914–1991) hielt bis zu seinem Tod. Ihr entstammten fünf Kinder. Er verstarb 1981 im Alter von 79 Jahren an einem Herzinfarkt.

Stil und RezeptionBearbeiten

William Wyler war in den verschiedensten Filmgenres erfolgreich und verfilmte oftmals bekannte literarische Werke. Wie viele Hollywood-Filmemacher seiner Zeit war ein sorgfältig ausgearbeitetes Drehbuch die Priorität. Er besaß ein außergewöhnliches Gespür für die Dramaturgie eines Filmes und die passende schauspielerische Besetzung.[4] Wyler brachte viele Schauspieler zu Höchstleistungen und zu Filmpreisen, allerdings auch manchmal durch seine zahlreichen Takes zu Verzweiflung – über 50 Aufnahmen für eine einzelne Einstellung waren keine Seltenheit für den Perfektionisten Wyler.[5] Viele Schauspieler und Crewmitglieder konnten sich mit ihren eigenen Ideen aber auch am Film beteiligen, wofür Wyler diese auch öffentlich lobte.[6][7]

Die Filmkritikerin Hermine Rich Isaacs feiert William Wyler als „Stilisten und Techniker “ in der Neuen illustrierten Kunstzeitschrift Dionysos vom 18. Juni 1948:

„An seiner 1935 gedrehten liebenswürdigen Komödie The Good Fairy (Die gute Fee) wurden die übermäßig zahlreichen Großaufnahmen bemängelt. Vier Jahre später, in Wuthering Heights (Sturmhöhe), wurde die verschwenderische Benutzung desselben Kunstgriffes anstandslos akzeptiert. Denn in der stilisierten Form, mit der er einzelne Figuren in Großaufnahmen herausstellte und die Silhouetten anderer gleichsam in den äußersten Rand des Rahmen schnitzte, verhalf er Emily Brontës Romanze [...] zu der ihr gemäßen Perspektive. Heute ist er sparsamer mit Großaufnahmen und benutzt sie nur, ‚wenn mir einmal daran liegt, alles anders ein Zeitlang aus dem Blickfeld des Zuschauers herauszuhalten‘.“

Wylers Kameraeinstellungen versuchten, die jeweiligen Stimmung der Szenen herüberzubringen und zugleich die Figuren mit ihren Eigenschaften und Gefühlen psychologisch und vielschichtig herauszuarbeiten.[8] Er war der Überzeugung, dass ein Film zu 80 % aus einem Drehbuch und zu 20 % aus den Schauspielern bestehe, und dass der Regisseur als „unsichtbare Hand“ dem Zuschauer weitestgehend verborgen bleiben sollte.[9] Wyler äußerte, dass ein Regisseur einen Film nicht nach seinen eigenen Bedürfnissen gestalten solle, sondern sich danach richten solle, welche Qualitäten der zu machende Film benötige.[10]

Durch diese Ansichten wurde er trotz seiner vielen Auszeichnungen von einigen Anhängern der Auteur-Theorie ab den 1960er-Jahren kritisch gesehen, die ihm vorwarfen, kein Autorenfilmer zu sein, der persönliche Filme drehe. So sind seine frühen Filmdramen bei französischen Kritikern vielfach gelobt worden, aber der Monumentalfilm Ben Hur stieß auf Ablehnung.[11][12] Wyler selbst antwortete auf diese Kritik: "I would hardly call myself an auteur — although I’m one of the few American directors who can pronounce the word correctly.”.[13] Der britische Filmkritiker David Cairns bemerkte, dass er keine einzige „substanzielle“ oder „begründete Kritik“ an Wylers Werk gefunden habe, vielmehr Kritiker wegen dessen vieler Auszeichnungen und seinen „auf offensichtliche Weise großen“ Filmen – mit bekannten Stars, großen Themen, handwerklicher Perfektion – unverdient skeptisch gegen Wyler geworden seien. Wyler sei effektiv wie kaum ein anderer Regisseur in der Filmgeschichte gewesen, wenn es darum gegangen sei, hochklassiges Material dem Zuschauer emotional nahe zu bringen.[14]

Filmografie (Auswahl)Bearbeiten

Auszeichnungen (Auswahl)Bearbeiten

Im Laufe seiner langen Karriere erhielt Wyler als Regisseur und als Produzent zahlreiche Auszeichnungen. Er war so oft wie kein anderer Regisseur in der Kategorie Beste Regie nominiert, nämlich insgesamt zwölfmal. Mit drei Oscars als Regisseur liegt er gleichauf mit Frank Capra und einzig hinter John Ford (vier). Er hält zudem den Rekord, die meisten Schauspieler durch eigene Filme zu Oscar-Nominierungen bzw. Auszeichnungen gebracht zu haben: 36 Nominierungen und 14 Preise erhielten die Darsteller von Wylers Filmen im Laufe seiner Karriere.[15] In späteren Jahren erhielt Wyler noch zahlreiche Ehrungen für sein Lebenswerk.

OscarsBearbeiten

Weitere AuszeichnungenBearbeiten

American Film Institute
British Film Academy
  • 1960: British Film Academy Award für den besten Film für Ben Hur
Directors Guild of America
  • 1952: DGA-Nominierung als bester Regisseur für Polizeirevier 21
  • 1954: DGA-Nominierung als bester Regisseur für Ein Herz und eine Krone
  • 1957: DGA-Nominierung als bester Regisseur für Lockende Versuchung
  • 1959: DGA-Nominierung als bester Regisseur für Weites Land
  • 1960: DGA-Award als bester Regisseur für Ben Hur
  • 1962: DGA-Nominierung als bester Regisseur für Infam
  • 1966: DGA Lifetime Achievement Award für sein Lebenswerk
  • 1969: DGA-Nominierung als bester Regisseur für Funny Girl
Golden Globes
  • 1960: Bester Film für Ben Hur
National Board of Review
  • 1946: NBR Award als bester Regisseur für Die besten Jahre unseres Lebens
  • 1955: NBR Award als bester Regisseur für An einem Tag wie jeder andere
New York Film Critics Circle Awards
  • 1946: NYFCC Award als bester Regisseur für Die besten Jahre unseres Lebens
Internationale Filmfestspiele von Cannes
Internationale Filmfestspiele von Venedig
  • 1938: Special Recommendation für Jezebel

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Geburtsurkunde Nr. 1298/1902 im Mülhausener Archiv, gemäß Heman, Jan: A Talent for Trouble: The Life of Hollywood's Most Acclaimed Director, William Wyler. New York: G.P. Putnam's Sons, 1995. ISBN 978-0-399-14012-9.
  2. Wakeman, John: World Film Directors: Vol. I, 1890–1945. New York: H.W. Wilson Co., 1987. ISBN 978-0-8242-0757-1.
  3. William Wyler. Abgerufen am 2. August 2020.
  4. David Cairns: Wyler, William. In: Senses of Cinema. 15. April 2005, abgerufen am 23. Mai 2020 (amerikanisches Englisch).
  5. Dennis Drabelle: ANOTHER TAKE ON WILLIAM WYLER. In: Washington Post. 2. Januar 1996, ISSN 0190-8286 (washingtonpost.com [abgerufen am 23. Mai 2020]).
  6. Diane Jacobs: The Best Years of His Life. In: The New York Times. 17. März 1996, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 23. Mai 2020]).
  7. William Wyler: Interviews - Gabriel Miller. Abgerufen am 23. Mai 2020 (englisch).
  8. David Cairns: Wyler, William. In: Senses of Cinema. 15. April 2005, abgerufen am 23. Mai 2020 (amerikanisches Englisch).
  9. William Wyler: The Invisible Hand. 17. Juli 2002, abgerufen am 23. Mai 2020 (amerikanisches Englisch).
  10. William Wyler: Interviews - Gabriel Miller. Abgerufen am 23. Mai 2020 (englisch).
  11. William Wyler: Interviews - Gabriel Miller. Abgerufen am 23. Mai 2020 (englisch).
  12. David Cairns: Wyler, William. In: Senses of Cinema. 15. April 2005, abgerufen am 23. Mai 2020 (amerikanisches Englisch).
  13. William Wyler: Interviews - Gabriel Miller. Abgerufen am 23. Mai 2020 (englisch).
  14. David Cairns: Wyler, William. In: Senses of Cinema. 15. April 2005, abgerufen am 23. Mai 2020 (amerikanisches Englisch).
  15. http://www.altfg.com/blog/actors/william-wyler-top-oscar-directors-for-actors-i/