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Weißenhofsiedlung

Werkbundsiedlung aus 1927 in Stuttgart
(Weitergeleitet von Weissenhofsiedlung)
Luftbild 2004

Die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, auch Werkbundsiedlung, wurde 1927 vom Deutschen Werkbund unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe von führenden Vertretern des Neuen Bauens errichtet, teilweise unter Verwendung experimenteller Materialien.

Die Weißenhofsiedlung, das Bauhaus, das Neue Frankfurt, die weißen Stadthäuser in Paris von Le Corbusier und die De-Stijl-Bewegung in den Niederlanden gehörten zu den einflussreichsten Vorbildern der aufkommenden modernen Architektur. Im Jahr 1928 wurde die Vereinigung CIAM (Congrès International d'Architecture Moderne) gegründet, die diese Bauweise förderte, unterstützte und die theoretischen Grundlagen entwickelte für eine zeitgemäße Architektur und Städtebau unserer Zeit.

Der Name Weißenhof geht auf den Bäcker Georg Philipp Weiß zurück, der 1779 auf dem brachliegenden Gelände einen landwirtschaftlichen Betrieb (Meierei) errichtet hatte. Nach ihm sind die Siedlung und der Stuttgarter Stadtteil Weißenhof benannt.

GeschichteBearbeiten

 
Ludwig Mies van der Rohe, Geschossbau
 
Mart Stam, Reihenhaus

Planung und RealisierungBearbeiten

Die Siedlung war Teil der 1927 vom Deutschen Werkbund initiierten Ausstellung „Die Wohnung“, die an verschiedenen Stellen Stuttgarts stattfand (Siedlungsbauten auf dem Weißenhofgelände, Hallenausstellung mit Firmenständen in der Gewerbehalle und deren Anbauten nahe dem Stadtgarten, Internationale Plan- und Modell-Ausstellung Neuer Baukunst in den Städtischen Ausstellungshallen auf dem Interimtheaterplatz beim Neuen Schloss). Sie gilt als eine der bedeutendsten Architektursiedlungen der Neuzeit.[1] In der kurzen Bauzeit von nur 21 Wochen entstanden 21 Häuser mit insgesamt 63 Wohnungen. Damit handelt es sich hier nicht um eine gewachsene Siedlung, sondern um das Resultat der Ausstellung „Die Wohnung“. Für die Innenarchitektur der Musterwohnungen zeichnete Ferdinand Kramer verantwortlich, der auch selbst entworfene Möbel einsetzte.

Der Stuttgarter Maler und Grafiker Willi Baumeister war an der Ausstellung als Typograf und Werbegrafiker beteiligt. Zu seinen umfangreichen Auftragsarbeiten gehörten unter anderem die Gestaltung der Werkbund-Denkschrift, des Amtlichen Katalogs, des Hauptplakats „Wie wohnen?“ sowie der Hallenbeschriftungen.[2]

1933 bis 1945Bearbeiten

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Siedlung wegen der weißen Dachterrassen als „Araberdorf“ bezeichnet und sollte abgerissen werden. Zu diesem Zweck wurde die Siedlung bereits an das Deutsche Reich verkauft. Zum Abriss kam es wohl auf Grund des Kriegsausbruchs nicht mehr, weshalb die Siedlung heute noch dem Bund gehört (die Stadt Stuttgart beabsichtigt den Kauf mit Wirkung zum Jahresanfang 2019[3]). Als Gegenentwurf wurde in Sichtweite des Weißenhofes von Vertretern der Stuttgarter Schule die Kochenhofsiedlung errichtet. Mit der Siedlung Ziegelklinge (1927–1928), der Inselsiedlung (1929–1930) und der Wallmersiedlung (1929–1931) entstanden zuvor allerdings noch drei weitere Bauhaussiedlungen in Stuttgart.

Im Zweiten Weltkrieg war unterhalb der Weißenhofsiedlung eine Flakstellung errichtet worden; sie wurde daher Ziel der Luftangriffe auf Stuttgart. Teile der Siedlung wurden dabei zerstört.[4]

Nach 1945Bearbeiten

Nach dem Krieg wurden einige unzerstörte beziehungsweise nur leicht beschädigte Gebäude abgerissen, andere durch Satteldachaufbauten stark verfremdet. 1958 wurde die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt. In den 1980er Jahren wurden die noch verbliebenen Gebäude saniert. Den Vorschlag der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, das benachbarte, Anfang der 1980er-Jahre zum Verkauf stehende Bauensemble, zumindest Teile daraus künftig als Unterrichts-, Atelier-, Bibliotheks- und Verwaltungsräume zu nutzen und aus dem entstehenden Campus eine Stätte internationaler Begegnung zu machen, lehnte jedoch das Land Baden-Württemberg – bei Befürwortung der Stadt Stuttgart – ab. Die Vorgänge um die Privatvermietung insbesondere der Corbusier-Häuser führte 1983 zum Protest der Kunstakademie, die Presse sprach gar von einem „Weißenhof-Skandal“.[5] Bereits im Dezember 1980[6] hatte Oberbürgermeister Manfred Rommel gegenüber dem Minister für Wissenschaft und Kunst, Helmut Engler, erklärt: „Die Akademie in der Weißenhofsiedlung unterzubringen, würde sicherlich zu einer städtebaulichen und kulturellen Bereicherung unserer Stadt beitragen“.[7] Der Projektvorschlag „Ergänzungen der 'Weissenhof-Siedlung' in Stuttgart“ des Schweizer Architekten und ehemaligen Le Corbusier-Mitarbeiters Alfred Roth aus dem Jahre 1981 ging mit der Akademie-Initiative völlig konform.

2002 erwarb die Stadt vom Bund das zur Siedlung gehörende Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret. Am 25. Oktober 2006 wurde in dem Gebäude nach drei Jahren originalgetreuer Sanierung das Weissenhofmuseum mit historischen Dokumenten und Architektur-Modellen eröffnet. Im Juli 2016 wurde es zusammen mit dem Haus Citröhan als eine von insgesamt 17 Teilstätten unter der Bezeichnung Das architektonische Werk von Le Corbusier – ein herausragender Beitrag zur „Modernen Bewegung“ in die Liste des UNESCO-Welterbe aufgenommen.[8]

Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH (SWSG) hat im Januar 2019 die Weißenhofsiedlung und die Beamtensiedlung von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) übernommen. Schon im Jahr 2004 hatten die Stadt Stuttgart und der Bund vereinbart, in Verhandlungen einzutreten, um eine der historischen und aktuellen Bedeutung der Weißenhofsiedlung angemessene Lösung zu finden. Nun sind 37 Gebäude mit 87 Wohnungen in städtischer Hand. Über den Kaufpreis haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart.

Beteiligte ArchitektenBearbeiten

Liste der GebäudeBearbeiten

 
Plan der Weißenhofsiedlung. Dunkelblaue Gebäude bestehen noch, schraffierte sind zerstört.
Nr. Architekt Gebäudetyp Adresse Zustand Bild
31–32 Peter Behrens Terrassenhaus Am Weißenhof 30–32, Hölzelweg 5  
10 Victor Bourgeois Einfamilienhaus Friedrich-Ebert-Straße 118  
13 Le Corbusier mit Pierre Jeanneret Haus Citrohan Bruckmannweg 2  
UNESCO-Welterbe
 
14–15 Le Corbusier mit Pierre Jeanneret Doppelhaus
(Weissenhofmuseum)
Rathenaustraße 1–3  
UNESCO-Welterbe
 
21 Richard Döcker Einfamilienhaus Bruckmannweg 10 zerstört Link zum Bild (unteres Bild)
22 Richard Döcker Einfamilienhaus Rathenaustraße 9 zerstört Link zum Bild (Memento vom 12. März 2016 im Internet Archive)
26–27 Josef Frank Doppelwohnhaus Rathenaustraße 13–15  
17 Walter Gropius Einfamilienhaus Bruckmannweg 6 zerstört Link zum Bild (Memento vom 11. März 2016 im Internet Archive)
16 Walter Gropius Einfamilienhaus Bruckmannweg 4 zerstört Link zum Bild (Memento vom 11. März 2016 im Internet Archive)
18 Ludwig Hilberseimer Einfamilienhaus Rathenaustraße 5 zerstört Link zum Bild (Memento vom 11. März 2016 im Internet Archive)
1–4 Ludwig Mies van der Rohe Wohnblock Am Weißenhof 14–20  
5–9 J.J.P. Oud Reihenhäuser Pankokweg 5–9  
20 Hans Poelzig Einfamilienhaus Rathenaustraße 7 zerstört Link zum Bild
25 Adolf Rading Einfamilienhaus Am Weißenhof 22 zerstört Link zum Bild
33 Hans Scharoun Einfamilienhaus Hölzelweg 1  
11 Adolf Gustav Schneck Einfamilienhaus Friedrich-Ebert-Straße 114
12 Adolf Gustav Schneck Einfamilienhaus Bruckmannweg 1  
28–30 Mart Stam Reihenhäuser Am Weißenhof 24–28  
19 Bruno Taut Einfamilienhaus Bruckmannweg 8 zerstört Link zum Bild (obere Abb.)
23 Max Taut Einfamilienhaus Bruckmannweg 12 zerstört
24 Max Taut Einfamilienhaus Rathenaustraße 11 zerstört Link zum Bild (untere Abb.)

LiteraturBearbeiten

  • August Gebeßler: Denkmalpflege und Moderne in der Weißenhofsiedlung. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 37. Jg. 2008, Heft 1, S. 3 f. (PDF).
  • Valerie Hammerbacher, Anja Krämer: Die Weissenhofsiedlung – Ein gebautes Manifest der Moderne. Verlag Kunst und Reise, Bad Homburg 2008, ISBN 978-3-940825-05-6, Audio/Hörbuch, Audio-CD.
  • Valerie Hammerbacher, Dorothee Keuerleber: Weißenhofsiedlung Stuttgart. Books on Demand, Norderstedt 2002, ISBN 3-8311-4205-X. (Inhaltsangabe, PDF-Datei, 1 S.)
  • Jürgen Joedicke: Weißenhofsiedlung Stuttgart. Deutsch, Englisch. Krämer, Stuttgart 2000, ISBN 3-7828-0468-6.
  • Wolfgang Kermer: Willi Baumeister und die Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ Stuttgart 1927. Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Stuttgart 2003, ISBN 3-931485-55-2. (Wolfgang Kermer (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart; 11)
  • Karin Kirsch: Die Weißenhofsiedlung. Bildband. DVA, München 1987, ISBN 3-421-02881-8.
  • Karin Kirsch: Weißenhofsiedlung. Kleiner Führer. Ein Denkmal der modernen Architektur. DVA, München 2006, ISBN 3-421-03543-1.
  • Stefanie Plarre: Die Kochenhofsiedlung. Das Gegenmodell zur Weißenhofsiedlung. Paul Schmitthenners Siedlungsprojekt in Stuttgart 1927 bis 1933. Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Hohenheim 2001, ISBN 3-89850-972-9.
  • Richard Pommer, Christian F. Otto: Weißenhof 1927 and the Modern Movement in Architecture. The University of Chicago Press, Chicago, Illinois 1991, ISBN 0-226-67515-7.
  • Manfred Ulmer, Jörg Kurz: Die Weißenhofsiedlung. Geschichte und Gegenwart. Hampp, Stuttgart 2006, ISBN 3-936682-05-4.
  • Die Weißenhofsiedlung. Briefe und Protokolle. DVA, München 1997, ISBN 3-421-03128-2.
  • E. (Erich) Blunck: Die Wohnung. Werkbund-Ausstellung in Stuttgart 1927. Betrachtung über ihre künstlerischen Ergebnisse. In: Deutsche Bauzeitung Nr. 59, 61. Jahrgang, Seiten 489 ff., Berlin 1927 (23. Juli). Digitalisat: Schlesische Technische Universität (Gleiwitz).[1], abgerufen am 3. Oktober 2019
  • Heinz Wetzel: Die Werkbund-Siedlung auf dem Weißenhof bei Stuttgart. In: Deutsche Bauzeitung Nr. 76, 61. Jahrgang, Seiten 625 ff., Berlin 1927 (21. September). Digitalisat: Schlesische Technische Universität (Gleiwitz). [2], abgerufen am 3. Oktober 2019.
  • Gustav Langen: „Neues Bauen“. Gedanken auf der Werkbundausstellung „Die Wohnung“, Stuttgart, zur Zeit der Tagung für wirtschaftliches Bauen. In: Deutsche Bauzeitung, Nrn. 88 und 89, 61. Jahrgang, Seiten 721 ff. und 734 ff., Berlin 1927 (2. und 5. November), Digitalisate: Schlesische Technische Universität (Gleiwitz). [3] und [4], abgerufen am 3. Oktober 2019

AusstellungenBearbeiten

  • Die Weissenhofsiedlung in Stuttgart – ein gebautes Manifest der Moderne – 1992 geschaffene Dauerausstellung in der Villa Tugendhat (deutsch, tschechisch, englisch), 2012 für die Präsentation in Breslau durch das Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung Stuttgart ergänzt

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Die menschliche Wohnstätte (= Schloemann-Kalender, Jg. 16). Schloemann, Düsseldorf 1953, S. 168.
  2. Wolfgang Kermer: Willi Baumeister und die Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ Stuttgart 1927. Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 2003 (= Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, hg. von Wolfgang Kermer; 11), ISBN 3-931485-55-2.
  3. https://www.stuttgart.de/item/show/273273/1/9/660343?
  4. Weißenhofsiedlung in Stuttgart Häuser zum An- und Aufregen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 11. März 2016]).
  5. Karl Diemer: Kennt die Vetternwirtschaft keine Grenzen? Stuttgarter Weißenhof-Skandal: Akademierektor Wolfgang Kermer droht mit Rücktritt. In: Stuttgarter Nachrichten, Nr. 109, 13. Mai 1983, S. 16. – Christian Marquart: Pistole auf die Brust: Stuttgarter Akademie: Rektor Kermers Rücktrittsgedanken. In: Stuttgarter Zeitung, Nr. 109, 13. Mai 1983, S. 14
  6. So exakt in: Wolfgang Kermer: Statement zur Eröffnung der Ausstellung „Weißenhof 1927–87“ am 6. Mai 1983. In: Ders., „1968“ und Akademiereform. Von den Studentenunruhen zur Neuorganisation der Stuttgarter Akademie in den siebziger Jahren. Ostfildern-Ruit: Cantz Verlag, 1998 (= Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, hg. von Wolfgang Kermer; 9) ISBN 3-89322-446-7, S. 102
  7. Wolfgang Kermer: Statement zur Eröffnung der Ausstellung „Weißenhof 1927–87“ am 6. Mai 1983. In: Ders., „1968“ und Akademiereform. Von den Studentenunruhen zur Neuorganisation der Stuttgarter Akademie in den siebziger Jahren. Ostfildern-Ruit: Cantz Verlag, 1998 (= Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, hg. von Wolfgang Kermer; 9) ISBN 3-89322-446-7, S. 102 f.
  8. UNESCO Centre du patrimoine mondial: UNESCO Centre du patrimoine mondial - Liste du patrimoine mondial. Abgerufen am 20. Oktober 2017 (französisch).

Koordinaten: 48° 48′ 2″ N, 9° 10′ 39″ O