Wieskirche

Kirchengebäude in Wies bei Steingaden, Bayern

Die Wieskirche, vollständige Bezeichnung: Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies, ist eine römisch-katholische Wallfahrtskirche im namensgebenden Ortsteil Wies der Gemeinde Steingaden. Das herausragende, 1754 fertiggestellte Rokoko-Bauwerk ist das Hauptwerk der Brüder Johann Baptist und Dominikus Zimmermann und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie ist im Bistum Augsburg gelegen. Patron der Kirche ist der heilige Josef.

Wallfahrtskirche "Die Wies"[1]
UNESCO-Welterbe UNESCO-Welterbe-Emblem

Wieskirche, August 2017.jpg
Die Wieskirche bei Steingaden
Vertragsstaat(en): Deutschland Deutschland
Typ: Kultur
Kriterien: (i)(iii)
Fläche: 0.1 ha
Pufferzone: 8.4 ha
Referenz-Nr.: 271
UNESCO-Region: Europa und Nordamerika
Geschichte der Einschreibung
Einschreibung: 1983  (Sitzung 7)

GeschichteBearbeiten

 
Wieskirche – Lage auf interaktiver Karte
 
Gnadenbild des gegeißelten Heilands
 
Kuppelfresken von Johann Baptist Zimmermann

Die Gründung der Kirche geht auf eine Wallfahrt zurück, die seit 1739 bestand. Sie entstand aus der Verehrung einer Statue des gegeißelten Heilands, die 1730 von Pater Magnus Straub und Bruder Lukas Schweiger im oberbayerischen Kloster Steingaden angefertigt wurde. Die Statue wurde 1732–34 bei der Karfreitags-Prozession des Klosters mitgetragen, kam aber 1738 in Privatbesitz eines Bauern auf der Wies, dem Ort des Sommer- und Erholungsheims des Klosters einige Kilometer südöstlich des Ortes. Am 14. Juni 1738 bemerkte die Bäuerin Maria Lory in den Augen der Figur einige Tropfen, die sie für Tränen hielt. Im folgenden Jahr 1739 führten Gebetserhörungen und kleinere Wallfahrten zum Bildnis des Heilands zum Bau einer kleinen Feldkapelle. 1744 wurde die Erlaubnis eingeholt, in der Kapelle die Messe zu lesen, womit die Wallfahrten den offiziellen Segen der Kirche erhielten.[2]

Die heutige Wieskirche wurde von 1745 bis 1754 von den Brüdern Johann Baptist und Dominikus Zimmermann unter der Leitung von Abt Marinus II. Mayer im Stile des Rokoko erbaut. Dominikus Zimmermann hat fortan bis zu seinem Tod im Jahr 1766 in Wies gelebt.[3]

Der Bau brachte das Kloster Steingaden in große finanzielle Schwierigkeiten. So stiegen die Baukosten von den ursprünglich veranschlagten 39.000 fl auf schließlich 180.000 fl. Zusammen mit anderen Verpflichtungen führte das zu einer finanziellen Gesamtbelastung, von der sich das Kloster bis zu seiner Auflösung während der Säkularisation im Jahre 1803 nie mehr ganz erholte.[4]

Häufig wurde berichtet, der bayerische Staat habe im Zuge der Säkularisation geplant, die Wieskirche zu versteigern oder abzureißen, und nur ortsansässige Bauern hätten die Erhaltung des Bauwerks erreicht. Belegen lässt sich allerdings im Gegenteil, dass sich die Aufhebung-Kommission von 1803 – gegen wirtschaftliche Bedenken des Steingadener Abts – ausdrücklich für die Weiterführung der Wallfahrt in der Wies aussprach.[5]

WelterbeBearbeiten

1983 wurde die Wieskirche zum Weltkulturerbe erklärt, weil sie „ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“ und ein „Zeugnis von einer kulturellen Tradition oder einer bestehenden oder untergegangenen Kultur“ darstellt.[3]

„Die Harmonie zwischen Kunst und Landschaft ist einzigartig. Alle verwendeten Kunstformen und Techniken – Architektur, Bildhauerei, Malerei, Stuckarbeiten, Schnitzereien, Schmiedearbeiten – wurden vom Architekten zu einer leicht anmutenden Struktur aus Form und Licht zusammengeführt. Die üppige Innendekoration ist in ihrer Fülle und Feinheit unerreicht. Die opulenten Stuckelemente wurden von Dominikus Zimmermann, die Deckenfresken von seinem Bruder Johann Baptist Zimmermann, dem Hofmaler der bayerischen Kurfürsten, ausgeführt. Die vergoldeten Stuckgirlanden und das komplizierte Trompe-l’oeil-Fresko an der Kuppeldecke sind Meisterwerke menschlicher Kreativität und ein bewegendes Zeugnis tiefen Glaubens.“

Unesco[3]

Von 1985 bis 1991 wurde die Kirche für 10,6 Millionen DM restauriert. Heute besuchen jährlich mehr als eine Million Menschen die Kirche. Sie ist regelmäßig Veranstaltungsort von kirchenmusikalischen Konzerten.

Die großen Hauptfeste der Wies sind: am 1. Mai die Eröffnung des Wallfahrtsjahres, am 14. Juni oder am folgenden Sonntag das Fest der Tränen Christi (Gedächtnis der Tränenwunders und Entstehung der Wallfahrt), das Schutzengelfest am ersten Sonntag im September zum Gedächtnis der Kirchweihe und das Fest der Bruderschaft zum gegeißelten Heiland auf der Wies am zweiten Sonntag im Oktober. Festlich begangen wird in der Wies auch die Kar- und Ostern-Liturgie. An der Kirche besteht die „Confraternitas Domini Nostri Flagellati“ (Bruderschaft zum gegeißelten Heiland auf der Wies)[6], deren Mitglieder sich der besonderen Verehrung des gegeißelten Heilands widmen. Sie umfasst heute über 350 Mitglieder, bestehend aus Priestern und Laien.

Baubeschreibung und AusstattungBearbeiten

 
Kanzel
 
Altarraum

Die Raumschale der Wieskirche ist geprägt durch eine elliptische Grundfläche. Vor den Außenmauern stehen im Innenbereich acht weiße Doppelpfeiler mit vergoldeten Kapitellen und mehrfach verkröpftem Attikagesims. Darüber befindet sich je eine bemalte Rocaille-Kartusche mit goldgelber Farbgebung. Zwischen den östlichen Doppelpfeilern sind links die Kanzel und rechts die Abt-Loge angebracht. Zwischen den weiteren Doppelpfeilern sind vier überlebensgroßen Figuren der Kirchenväter (Hieronymus, Ambrosius, Augustinus und Gregor der Große) zu sehen. Sie sind ein Spätwerk des Tiroler Bildhauers Anton Sturm. Zwischen den Pfeilern sind zahlreiche Fenster eingebaut. Sie lassen den Raum lichtdurchflutet wirken. Vier Emporen im Gewölbe sind das Bindeglied zwischen Kirchenschiff und Dachboden. Das abgeflachte Gewölbe ist eine am Dachstuhl befestigte Holzkonstruktion. In dem großformatigen Deckengemälde, einem Trompe-l’œil-Fresko, thront Jesus in der Mitte auf einem Regenbogen, und weist zugleich auf das Kreuz und seine Seitenwunde. Die Ostseite zeigt den Richterthron, gegenüber ist die verschlossene Himmelspforte dargestellt.[7]

Der Wandaufbau des Chores ist dreiteilig: Die unterste Ebene besteht aus einfarbigen Flächen, die mit dem dunklen, filigranen Schmiedewerk in der unteren Hälfte den Wandöffnungen kontrastieren. Nach oben folgt die lichtdurchflutete Emporenzone mit den weiß-blau schimmernden Stuckmarmorsäulen, die durch niedrige Balustraden mit weißen Gitteraufsätzen verbunden sind. Über den Marmorsäulen leitet eine durchbrochene Hohlkehle optisch zum Deckenbild über. Die sechs Deckenfresken des überwölbten Chorumgangs schmücken Bilder, die die Wunder Jesus zeigen.[7]

Der Hochaltar ist links und rechts von je drei rot-weißen Stuckmarmorsäulen umgeben. Das Altarbild zeigt Jesus mit seiner Familie. Es stammt von dem Münchener Hofmaler Balthasar Augustin Albrecht. Im Altaraufsatz ist der, an Ketten gefesselte, gegeißelte Heiland zu sehen. Darüber ein Pelikan, ein Symbol für den sich opfernden Christus.[7]

Im Außenbereich, östlich des Turms befindet sich ein barocker Anbau, der den Äbten von Steingaden als Sommerresidenz diente. Auch die 4–6 Patres, die den Wallfahrern Seelsorge leisteten, wohnten in diesem Anbau.[8] Heute ist in zwei Räumen im zweiten Obergeschoss ein Wallfahrtsmuseum untergebracht.[7]

OrgelBearbeiten

Die Orgel geht zurück auf eine zweimanualige Schleifladenorgel mit 23 Registern, die 1757 von Johann Georg Hörterich mit mechanischer Spieltraktur und wahrscheinlich mit einer kurzen Oktave in süddeutsch-österreichischer Tradition erbaut worden war.

Dieses Werk wurde 1928 von der Orgelbaufirma Willibald Siemann durch das neu erbaute Opus 441 ersetzt. Dieses Instrument mit zwei Manualen und 27 Register hatte entsprechend dem damaligen Zeitgeschmack eine pneumatische Traktur.[9] Um den erweiterten Pfeifenbestand unterzubringen, wurden die Gehäuse der Rückpositive nach hinten verlängert. Das Konzept galt als modern und richtungsweisend im Sinne der Orgelbewegung und die Orgel war jetzt zudem „Bach-tauglich“.

1959 erbaute Gerhard Schmid aus Kaufbeuren in dem historischen Rokoko-Gehäuse von Dominikus Zimmermann ein neues, dreimanualiges Instrument mit 43 Registern auf Schleifladen, mit mechanischer Spieltraktur und pneumatischer Registertraktur. Hinzugefügt wurde im Unterbau des Hauptgehäuses ein Schwellwerk. Ebenfalls neu erbaut wurde ein moderner Spieltisch. Aus der historischen Orgel von 1757 wurden etwa 600 Pfeifen übernommen sowie einige Register, die die Fa. Siemann 1928 hinzugefügt hatte. Mit diesem Neubau näherte man sich tendenziell stilistisch wieder der Barockzeit.

Im Jahre 2010 wurde bei Orgelbaumeister Claudius Winterhalter aus Oberharmersbach erneut ein Neubau in Auftrag gegeben, da weder ein Umbau der Schmid-Orgel, noch eine Rekonstruktion des ursprünglichen Instruments in Frage kam. Bei der Planungsphase ergab sich, dass einige historische Orgelteile wie das veränderte, reich intarsierte Spieltischgehäuse und ein Karton mit Pfeifen der Hörterich-Orgel, die quasi einen „Dachbodenfund“ darstellten, aus dem Besitz von Gunnar Schmid einbezogen werden konnten. In Summe wurden daher sowohl 475 Pfeifen aus der ehemaligen Hörterich-Orgel wie auch 41 Pfeifen von Siemann in das Konzept der neuen Wies-Orgel eingebunden.[10] Das Zimmermann-Gehäuse wurde beibehalten und restaurativ ergänzt. Das historische Spieltischgehäuse von 1757 wurde restauriert und ergänzt, um einen modernen, mit zeitgemäßen Abmessungen versehenen, als auch einen zierlichen und ansprechenden Spieltisch zu erhalten. Durch die neue Disposition erhielt die Orgel wieder eine süddeutsche Klangcharakteristik, die moderat mit anderen stilistischen Elementen erweitert ist, um den liturgischen Ansprüchen und dem modernen Konzertbetrieb zu genügen.[11]

Das Instrument hat 42 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen mechanisch und elektrisch.

I Hauptwerk C–g3
1. Bourdon 16′
2. Principal 8′
3. Holzflöte 8′
4. Gedackt 8′
5. Gamba 8′
6. Octav 4′
7. Flöte 4′
8. Fugara 4′
9. Quinte 223
10. Superoctave 2′
11. Mixtur V–VI 2′
12. Hörnle III 223
13. Trompete 8′
II Positiv C–g3
14. Coppel major 8′
15. Quintatön 8′
16. Principal 4′
17. Coppel minor 4′
18. Octave 2' 4′
19. Quinte 113
20. Cimbel IV 1′
21. Vox humana 8′
Tremulant
III Echo (schwellbar) C–g3
22. Principal 8′
23. Rohrflöte 8′
24. Salicional 8′
25. Bifara 8′
26. Octave 4′
27. Spitzflöte 4′
28. Nasard 223
29. Flageolet 2′
30. Terz 135
31. Mixtur IV–V 113
32. Trompette 8′
33. Oboe 8′
34. Clairon 4′
Tremulant
Pedal C–f1
35. Principal 16′
36. Subbass 16′
37. Octavbass 8′
38. Violonbass 8′
39. Quintbass 513
40. Mixturbass V 4′
41. Posaune 16′
42. Trompete 8′

GlockenBearbeiten

 
Sterbeglocke von 1750

Im Turm hängen sieben Kirchenglocken (Schlagtonfolge: f1–as1–b1–c2–es2–f2–ges2)

Vier der Glocken bilden ein zusammenhängendes Barockgeläute (as1–c2–es2–ges2). Es wurde von Abraham Brandtmair und Franziskus Kern aus Augsburg in den Jahren 1750/51/53 gegossen.

1964 ergänzte die Glockengießerei Hofweber aus Regensburg den Bestand um drei Glocken.

Als Angelusglocke um 6:00, 12:00 und 18:00 Uhr fungiert die Anna-Glocke (Glocke 2); am Abend schließt sich die kleine Sterbeglocke an. Außerhalb der Karwoche erinnert jeden Freitag um 15:00 Uhr die große Dreifaltigkeitsglocke an die Sterbestunde Christi. Zum Einläuten der Sonntage, samstags um 15:00 Uhr, erklingt das vierstimmige Barockgeläut, wie auch jeweils 15 und 5 Minuten vor den Sonntagsmessen. An Werktagen läutet ein Motiv aus drei Glocken (b1–c2–es2). Das Vollgeläut ist den Hochfesten vorbehalten.

LiteraturBearbeiten

  • Gottfried Fellner (Herausgeber): Die Wieskirche – Wallfahrt zum gegeißelten Heiland, Texte Hans, Johann und Mechthild Pörnbacher, Bilder Wilfried Bahnmüller. 2016. ISBN 978-3-7954-3059-7
  • Ursula Pechloff: Die Wies. Weltkulturgut der UNESCO (Peda-Kunstführer Nr. 101). Passau 1993
  • Hans Pörnbacher: Wallfahrtskirche "Die Wies" (Schnell, Kunstführer Nr. 1). 23. Auflage, Regensburg 2002
  • Hugo Schnell: Die Wies. Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland. Ihr Baumeister Dominikus Zimmermann, Leben und Werk (Große Kunstführer, Band 1). München/Zürich 1979

WeblinksBearbeiten

Commons: Wieskirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Offizielle Bezeichnungen der Welterbestätte durch die UNESCO sind englisch Pilgrimage Church of Wies und französisch Église de pèlerinage de Wies. Für die deutsche Übersetzung siehe Welterbeliste. In: Unesco.de. Deutsche UNESCO-Kommission, abgerufen am 27. September 2020.
  2. Eintrag Wies, Pfarrei Steingaden: Zum gegeißelten Heiland in: Christian Schreiber: Wallfahrten durchs deutsche Land – Eine Pilgerfahrt zu Deutschlands heiligen Stätten. Sankt Augustinus Verlag, Berlin 1928, Seite 36f.
  3. a b c UNESCO-Welterbe Wallfahrtskirche „Die Wies“ | Deutsche UNESCO-Kommission. Abgerufen am 29. September 2021.
  4. Hans-Josef Bösl: Gilbert Michl (1750–1828), der letzte Abt von Steingaden – Ein Leben zwischen Aufklärung und Säkularisation. In: Sankt Barbara Abensberg – Wie es war und ist. Abensberg 2005, S. 39–68
  5. „Solange die Wahlfahrt existiert, und sie existiert im Geiste des Volkes auf das lebhafteste, läßt sich deren Aufhebung als nicht rätlich befinden. Solange aber lassen sich die Gebäude oder auch nur ein Teil davon als nicht veräußerlich denken. Diese Wahlfart ist für diese ungewerbsame Gegend aber auch eine wahre Wohlthat. Und es wäre noch weniger rätlich, sie hinwegzunehmen, ohne den hiesigen Bewohnern neue Nahrungsquellen zu bieten.“ (der für Steingaden zuständige Aufhebungskommissar Oberndorfer, zitiert nach: Stutzer/Fink: Die irdische und die himmlische Wies, Rosenheim, 1982, ISBN 3-475-52355-8)
  6. Die Bruderschaft zum Gegeißelten Heiland auf der Wies
  7. a b c d Die Wieskirche auf welterbetour.de, abgerufen am 29. Juni 2022.
  8. Pater Georg Kirchmeir: Die Wies: Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland. Kirchenführer, Seite 40
  9. Christian Vorbeck: Die Orgelbauer Martin Binder und Willibald Siemann. Siebenquart Verlag Dr. Roland Eberlein, Köln 2013, ISBN 978-3-941224-02-5.
  10. Beschreibung des Konzeptes und der Orgel
  11. Markus Zimmermann: Die Winterhalter-Orgel der Wieskirche. In: Ars Organi. Band 58, 2010, ISSN 0004-2919, S. 232–237.

Koordinaten: 47° 40′ 50,1″ N, 10° 54′ 1,3″ O