Vara (Einheit)

Historisches kastilisches Längenmaß
Maßrille der aragonesischen Vara (77,2 cm) an der Kathedrale von Jaca

Die Vara (spanische Elle, wörtlich „Stab“ oder „Rute“)[1] war eine aus Kastilien stammende Längeneinheit, die hauptsächlich auf der Iberischen Halbinsel und in den von ihr abhängigen Gebieten benutzt wurde, besonders in Spanien, Portugal und Lateinamerika, sowie informell auch nach 1898 noch auf Kuba und den Philippinen. Ihre Entsprechung im angelsächsischen Maßsystem ist das Yard, im altfranzösischen die Verge. In Form der Quadrat-Vara war sie auch ein verbreitetes Flächenmaß. Die Vara wird in einigen Ländern Lateinamerikas bis heute als Raummaß genutzt.

Das klassische Maß der spanischen Elle, die so genannte Vara de Burgos, beträgt umgerechnet 0,835905 Meter.[2]

GeschichteBearbeiten

Die kastilische vara oder bara wurde oftmals archaisierend bis in die Jungsteinzeit zurückgeführt und mit prähistorischen Maßen wie dem „megalithischen Yard“ von rund 83 cm aus dem eisenzeitlichen Schottland in Verbindung gebracht oder mit anderen, teils auch nur angenommenen dreifüßigen Maßen aus vorrömischer Zeit identifiziert, deren Gebrauch auf der Iberischen Halbinsel allerdings nie nachgewiesen werden konnte.[3][4] Greifbar dokumentiert ist das Maß erst im Mittelalter (ab dem 12. Jahrhundert).[2]

Die alfonsinische Vara geht auf die erste Vereinheitlichung der kastilischen Maße und Gewichte durch König Alfons den Weisen in einem Privileg für Toledo aus dem Jahr 1261 zurück. Ihr Maß, die Stablänge, auch toledanische Vara genannt, entsprach der wenige Jahrzehnte zuvor von der Krone Aragons bei der Rückeroberung von Valencia eingeführten Länge, die alna („Elle“) genannt wurde und vier palms („Spannen“) oder quarts („Viertel“) besaß. Damit ist eine über Kastilien hinausgreifende Vereinheitlichung der auf der Iberischen Halbinsel verwendeten Längenmaße bereits im Mittelalter ersichtlich. Unter Alfons XI. wurde die Vara von Toledo 1345 für ganz Kastilien allgemeinverbindlich und 1348 mit den Ordonnanzen von Alcalá durch eine kürzere Elle ersetzt, die Vara de Burgos. Der als Etalon (Mustermaß) zugrundeliegende kastilische Fuß wurde nach dem Aufbewahrungsort Burgos Pie de Burgos genannt und war das Richtmaß: Eine Vara entsprach drei Fuß und war eingeteilt in vier Palmos („Spannen“) oder Cuartos („Viertel“).[5]

1435 kehrte Johann II. zur alten toledanischen Vara als Linearmaß Kastiliens zurück.[5] In der Zeit der katholischen Könige wurden keine weiteren Vereinheitlichungsbemühungen unternommen. Als kastilische Vara galt diejenige von Toledo, allerdings war vielerorts dennoch die Vara von Burgos oder auch die Vara von Medina in Gebrauch. Die Unterschiede waren beträchtlich, 12 toledanische Varas entsprachen 13 burgalesischen. Dies bot Anlass für Betrügereien und zahllose Irritationen. Besonders die Verwendung der gegenüber der offiziellen toledanischen Vara nur leicht verkürzten medinesischen Vara bei der bedeutenden Handelsmesse von Medina del Campo führte zu Unzufriedenheit. Das Pragmatische Gesetz von 1568 restaurierte schließlich die Vara von Burgos und machte sie erneut zur maßgeblichen kastilischen, später spanischen Elle. Alle Städte, Märkte und Gerichtsorte wurden verpflichtet, eine Kopie des Musters aus Burgos anzuschaffen; diese Vara sollte das einzige in Kastilien verwendete Maß für sämtliche Textilien sein. Die Regelung erstreckte sich auch auf Galicien, Andalusien und das Baskenland, während das 1512 von Kastilien annektierte Navarra sein eigenständiges Maßsystem behalten konnte, das demjenigen Aragoniens ähnelte. Warum sich Philipp II. für die Vara von Burgos statt für die alfonsinische Vara Toledos entschied, ist nicht völlig geklärt. Wahrscheinlich handelte er unter dem Einfluss seines Hofmathematikers und Beichtvaters Pedro de Esquivel († 1570), der das burgalesische Maß aus historischen Gründen bevorzugte und für authentisch altrömisch hielt.[6]

Das 17. Jahrhundert ist durch zunehmendes Interesse der Cortes an der Kontrolle und Regelung der Maße und Gewichte charakterisiert, was die Bemühungen um Vereinheitlichung zum Teil bremste.[7] Dennoch wurde der „kastillianische Fuß“ (Pie castellano) in Spanien und den abhängigen Gebieten des spanischen Kolonialreiches als Verkehrs- und Verrechnungsmaß gebräuchlich und verbreitete sich auch darüber hinaus, wobei er mit anderen Maßorientierungen wie der französischen Toise (auf spanisch toesa genannt) und dem Pariser „königlichen Fuß“ (Pied du Roi) konkurrierte. Im 18. Jahrhundert setzte sich die Vara als allgemeines Bezugsmaß für Längen in ganz Spanien und seinen Kolonien durch, mit Ausnahme zweier Überseeprovinzen,[2] wo – wie auch in Katalonien –[8] die sechsfüßige Canna dominierte. Unterschiede zwischen der kastilischen Vara und den gebräuchlichen Vara-Maßen anderer spanischer Provinzen blieben jedoch bestehen: Während in Aragonien und Navarra eine kürzere Vara mit Längen von umgerechnet 77,2 cm (Saragossa, Huesca, Jaca) bzw. 78,5 cm (Pamplona) vorherrschte, war die Vara in der Levante (mit Ausnahme des Königreichs Murcia) mit mehr als 90 cm in Valencia und Alicante deutlich länger als die Vara von Burgos und glich der altkastilisch-alfonsinischen Elle.[2][9] In Frankreich wurde die „spanischen Elle“ verge espagnole genannt. Die Vara von Burgos wurde von dem spanischen Marineingenieur und Universalgelehrten Jorge Juan (1713–1773) auf 30 Zoll (pouces) und 11 Linien (lignes) der toesa (toise) bestimmt, woraus sich ein Verhältnis zwischen der kastilischen Vara und dem Pariser Fuß von 371 : 144 ergab (1 Pied du Roi = 0,388 varas).[10] Später wurde die in Madrid verwendete Vara mit 375,9 Pariser Linien gleichgesetzt.[11]

 
Landkarte aus Großkolumbien mit vergleichenden Maßstabsleisten von jeweils zehntausend Varas und Metros

1801 schrieb König Karl IV. gegenüber Bestrebungen zur Einführung des metrischen Systems in Spanien das Festhalten an der Vara als dem grundlegenden spanischen Längenmaß vor.[10] Das kastilische Einheitsmaß setzte sich daraufhin in weiteren Provinzen durch.[2] Eine gesetzliche Festlegung der Vara im metrischen System erfolgte verschiedentlich in den jetzt unabhängig gewordenen Ländern Hispanoamerikas, so wurde etwa in Chile am 29. Januar 1848

  • 1 Vara = 0,836 m festgelegt.[12]

Am 19. Juli 1849 wurde auch in Spanien ein Gesetz erlassen, wonach das französische Maß- und Gewichtssystem ab 1. Januar 1859 gültig werden sollte.[11][13] Damit wurde die Vara durch das Meter (metro) ersetzt. 1868 wurde die Verwendung des metrischen Systems in ganz Spanien obligatorisch.[14]

EinzelbeispieleBearbeiten

½ kastilische Vara entsprach 1 Codo. Die Brazza, der Estado und Toesa hatten die Maße 2 Vara oder 6 Fuß. Der Estadal wurde mit 4 Varas angegeben. Die Schnur oder Cuerda hatte 4 ½ Varas. Der kanarische Brazádo betrug 2 1/6 Varas.

Das Meilenmaß mit 8000 Varas hatte eine metrische Länge von 6782 m. Diese Länge wurde auch als königliche Legua bezeichnet und hieß Legua real.

Verschiedene Längen wurden für das Ellenmaß dennoch aus der Praxis bekannt. So hatte eine Vara 33 ⅜ englische Zoll. Im Gegenwert waren 100 Yard = 108 Varas; 100 m = 119 Varas.

Bei Seidenwaren setzte man 138 Varas und bei Woll- und anderen Geweben 140 Varas für 100 alte Pariser Auns. Das Referenzmaß für Brabanter Elle waren 81 Varas.

  • Valencia hatte die alte Vara 0,906 m und das entsprach 1,083855 der kastilische Vara
  • Montevideo: 1 Vara mit 0,86 m = 1,028825 kastilische Vara
  • San Sebastian: 1 alte Vara = 0,837 m = 1,0013 kastilische Vara
  • Saragossa: 1 alte Vara = 0,772 m= 0,92 355 kastilische Vara

Auf Kuba wurde das Maß Vara cubana genannt und entsprach den oben genannten Maßen. Der Cordel wurde 24 Varas gleichgesetzt, was 72 Fuß entsprach. Auch war hier die Verwendung als Flächenmaß üblich: 186.624 Quadrat-Varas waren etwa 13 Hektar. In Lima hatte 1 Vara 101,4 kastilische Vara, das entsprach 375,7 Pariser Linien.

PhilippinenBearbeiten

In den Provinzen und auch auf den Inseln der Philippinen waren die Werte recht unterschiedlich:

HolzmaßBearbeiten

Im Süden Chiles wird die kubische Vara noch heute als Holzmaß (Raummaß für Brennholz) genutzt; die gebräuchlichen Werte schwanken zwischen der Vara legal („gesetzliche Elle Holz“) mit einer Würfelkantenlänge von 33 Zoll (Rauminhalt von 35.937 angloamerikanischen Kubikzoll) und informellen Handelsgrößen von 30 oder 29 Zoll im Würfel.[16] Die chilenische Vara entspricht damit etwa ½ Raummeter.

Historisch leitet sich diese Maßeinheit aus der spanischen Quadrat-Vara zu 3 × 3 Fuß her, was unter Zugrundelegung des in Chile gebräuchlichen kastillianischen Fußes von 27,79 cm eine Kantenlänge von 83,36 cm ergab. Diese ursprünglich zu 33 ⅜ englischen Zoll umgerechnete Vara wurde mit dem Vordringen des internationalen Holzhandels mit 33 Zoll (83,82 cm) gleichgesetzt.[12][16]

LiteraturBearbeiten

  • Federico Salvador (Universität Valencia): Les monarchies espagnoles et les essais d’unifications des poids et mesures. In: Suzanne Débarbat, Antonio E. Ten (Hrsg.): Mètre et système métrique. Artes Gráficas Soler, Valencia 1993, S. 111–121.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Wortbedeutung in Pons’ Online-Wörterbuch, gesehen im August 2018.
  2. a b c d e J. Mateu y Fuensanta López: Art. Vara (Stand: 2. April 2014). In: Vocabulario del Comercio Medieval. Onlineprojekt der Universität Murcia und der Fundación Juan March zur Verfügbarmachung des Nachlasses Miguel Gual Camarena (1916–1974), basierend auf dessen Zettelkasten.
  3. Las medidas en España de la Prehistoria a la Antigüedad. (PDF; 260 KB). In: Museo Virtual de las Ciencias (Sala de la Medida, Kap. 1), CSIC, Madrid 2000 (Ausstellungsdokumentation, unpaginiertes PDF-Dokument, 11 Druckseiten, speziell die Seiten 1 und 6/7).
  4. Martín Almagro Gorbea: Conjunto de varas castellanas. In: Jorge Maier (Hrsg.): Antigüedades siglos XVI–XX. Catálogo del Gabinete de Antigüedades. Real Academia de la Historia, Madrid 2005 (Ausstellungskatalog), ISBN 84-95983-64-8, S. 49–54 in der Google-Buchsuche.
  5. a b Federico Salvador: Les monarchies espagnoles et les essais d’unifications des poids et mesures. Valencia 1993, S. 111–113.
  6. Mariano Esteban Piñeiro (Universität Valencia): Las medidas en la época de Felipe II. La uniformación de las medidas (PDF; 127 KB). In: Museo Virtual de las Ciencias (Sala de la Medida, Kap. 3), CSIC, Madrid 2000 (Ausstellungsdokumentation, unpaginiertes PDF-Dokument, Druckseiten 2 bis 6 von 8).
  7. Federico Salvador: Les monarchies espagnoles et les essais d’unifications des poids et mesures. Valencia 1993, S. 118.
  8. Manuel Gil i Gil: Problemas de metrología aplicadas a la medición del suelo. / Pesos, mides i mesures a la Catalunya medieval. Aportació al seu estudi. In: Imma Ollich, Montserrat Rocafiguera, María Ocaña (Koord.): Experimentació arqueològica sobre conreus medievals a L’Esquerda, 1991–1994 (Osona). Universität Barcelona, Barcelona 1998, S. 70–81 (hier: 73, 80).
  9. Fr. Silber: Die Münzen, Maße und Gewichte aller Länder der Erde einzeln berechnet nach ihren Werthen und Verhältnissen zu allen deutschen Münzen, Maßen und Gewichten. Nebst Angabe der Handelsplätze und deren Rechnungsverhältnisse. Moritz Ruhl, Leipzig 1861, S. 455 in der Google-Buchsuche.
  10. a b Federico Salvador: Les monarchies espagnoles et les essais d’unifications des poids et mesures. Valencia 1993, S. 119.
  11. a b Leopold Carl Bleibtreu: Handbuch der Münz-, Maaß- und Gewichtskunde. Verlag J. Engelhorn, Stuttgart 1863, S. 263 in der Google-Buchsuche.
  12. a b Leopold Carl Bleibtreu: Handbuch der Münz-, Maaß- und Gewichtskunde. Verlag J. Engelhorn, Stuttgart 1863, S. 103 in der Google-Buchsuche
  13. Gustav Wagner, Friedrich Anton Strackerjan: Compendium der Münz-, Maass-, Gewichts- und Wechselcours-Verhältnisse sämmtlicher Staaten und Handelsstädte der Erde. Verlag Teubner, Leipzig 1855, S. 212 in der Google-Buchsuche.
  14. Manuel Gil i Gil: Pesos, mides i mesures a la Catalunya medieval. Aportació al seu estudi. In: Imma Ollich, Montserrat Rocafiguera, María Ocaña (Koord.): Experimentació arqueològica sobre conreus medievals a L’Esquerda, 1991–1994. Barcelona 1998, S. 77–81 (hier: 78).
  15. a b c d e f J. P. Sanger: Census of the Philippine Islands. Band 4, U.S. Bureau of the census, Washington 1905, S. 453.
  16. a b Medidas de Vara. Onlineerläuterung von La Leñería de Don Benito, Juli 2017, abgerufen im August 2018.