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Städtebahn Sachsen

Betreiber von Eisenbahnlinien im Raum Dresden
Logo der Städtebahn Sachsen

Die Städtebahn Sachsen GmbH war ein Eisenbahnverkehrsunternehmen mit Sitz in Dresden und (ab Mai 2019) in Niedernberg. Die Gesellschaft war ein Tochterunternehmen der Städtebahn Management GmbH und betrieb seit 2010 im Auftrag des Verkehrsverbundes Oberelbe ein regionales Netz von SPNV-Linien um die sächsische Landeshauptstadt Dresden.

Am 25. Juli 2019 stellte das Unternehmen den operativen Eisenbahnbetrieb ein. Am 2. Oktober 2019 wurde die Gesellschaft infolge Insolvenz aufgelöst.

GeschichteBearbeiten

Die „EGP – die Städtebahn GmbH“ wurde von der Eisenbahngesellschaft Potsdam mbH (EGP) gegründet, um in den sächsischen Schienenpersonennahverkehr einzusteigen. Am 8. Oktober 2010 wurde diese Gesellschaft in „Städtebahn Sachsen GmbH“ umbenannt, als mit der NBE Regio GmbH, einer Tochtergesellschaft der Nordbayerischen Eisenbahngesellschaft, ein zweiter Gesellschafter zur EGP hinzukam.[1] Die EVU-Zulassung zur Erbringung von Eisenbahnverkehrsleistungen im Schienenpersonenverkehr wurde am 10. Dezember 2010 erteilt und war bis zum 31. Dezember 2023 gültig.[2] Diese Genehmigung wurde am 27. Oktober 2014 um die Erbringung von Verkehrsleistungen im Güterverkehr erweitert.[3]

Am 27. Juni 2012 wurde die Werkstatt auf dem Gelände des Kieswerks in Ottendorf-Okrilla Nord an der Strecke nach Königsbrück eingeweiht. In der 760 m² großen Halle konnten regelmäßige Wartungen sowie kleinere und größere Reparaturen an zwei Fahrzeugen durchgeführt werden. Betreiber der Werkstatt war die Städtebahn Service GmbH.[4] Zum 1. Juni 2013 hat die Eisenbahngesellschaft Potsdam ihren Anteil von 50 % an den anderen Gesellschafter NBE Regio verkauft. Die NBE war nunmehr alleiniger Eigentümer der Städtebahn Sachsen.[5] Am 1. Oktober 2014 gab das Landgericht Frankfurt am Main einer Klage der Städtebahn Sachsen gegen die im Jahr 2011 geforderten Regionalzuschläge des damaligen Trassenpreissystems statt und verurteilte die Deutsche Bahn zur Rückzahlung von knapp vier Millionen Euro.[6]

 
Züge der Städtebahn Sachsen im Bahnhof Kurort Altenberg (Erzgeb). Die Müglitztalbahn gehört mit ihren engen Radien, den starken Steigungen und den hohen Schneelagen im Winter zu den fahrtechnisch schwierigsten Strecken in Sachsen. Der Eisenbahnbetrieb mit den leichten Triebwagen führte hier immer wieder zu besonderen Problemen. (2014)

Nach einem erneuten Gewinn der Ausschreibung im „VVO-Dieselnetz“ erbrachte die Städtebahn Sachsen von Dezember 2014 bis Dezember 2024 den Personenverkehr auf dem bereits zuvor befahrenen Netz mit den bekannten Fahrzeugen. Nach eigenen Angaben von Anfang 2016 hatte das Unternehmen bis dahin fast zehn Millionen Zugkilometer erbracht, mit einer Pünktlichkeitsquote von 99 Prozent. Die Fahrgastzahlen waren seit 2011 um 13 Prozent gestiegen.[7] In den Jahren 2016 und 2017 kam es zu insgesamt zehn Kollisionen zwischen Triebwagen der Städtebahn und umgestürzten Bäumen, weshalb das Unternehmen der DB Netz vorwarf, die Vegetationspflege an den Nebenstrecken zu vernachlässigen. Teilweise ragen Zweige bis in das Lichtraumprofil und hinterlassen Kratzer im Lack.[8][9] Den entstandenen Schaden beziffert die Städtebahn auf eine Million Euro.[10]

 
Ein Zug der Linie RB71 verlässt den Bahnhof Sebnitz (Sachs) in Richtung Neustadt (Sachs). In den Jahren 2018 und 2019 gab es auf diesem Abschnitt über Monate Schienenersatzverkehr, weil weder genügend Personal noch Fahrzeuge zur Verfügung standen. (2013)

Zu Pfingsten 2018 stellte die Städtebahn Sachsen den Verkehr zwischen Neustadt (Sachs) und Sebnitz wegen Personalmangel ein, stattdessen fuhren auf dem Abschnitt Busse. Laut Angaben des Verkehrsverbundes Oberelbe gab es dort und zwischen Dresden und Königsbrück schon seit einigen Monaten immer wieder kurzfristig angekündigte Zugausfälle, wobei nicht in jedem Fall ein Schienenersatzverkehr mit Bussen gewährleistet war. Bei der Städtebahn Sachsen waren zu diesem Zeitpunkt 34 Triebfahrzeugführer beschäftigt, sechs weniger als geplant. Laut Angaben des Unternehmens wurden Triebfahrzeugführer im Raum Dresden insbesondere von Güterverkehrsunternehmen abgeworben. Dort gebe es trotz ungünstigerer Arbeitszeiten besser bezahlte und damit attraktivere Arbeitsplätze.[11] Ab 1. Juli 2018 wollte man den Minderbestand an Personal mit Leiharbeitnehmern ausgleichen, so dass der Schienenersatzverkehr der Vergangenheit angehören soll.[12] Laut eigenen Angaben hat die Städtebahn zudem eine tarifliche Vereinbarung mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) geschlossen, so dass die Unterbezahlung der Mitarbeiter ab Januar 2019 der Vergangenheit angehören sollte. Als „erstes SPNV-Unternehmen Deutschlands“ stelle man nun jedem Triebfahrzeugführer einen eigenen Dienstwagen zur Verfügung, der auch privat genutzt werden kann. Damit sei man nun ein „attraktives Unternehmen“.[13]

Zwischen Mai und Oktober 2018 konnte die Städtebahn Sachsen wegen des anhaltenden Personalmangels insgesamt 30.000 Zugkilometer nicht erbringen. Seit 15. Oktober 2018 zahlte die Städtebahn Sachsen eine „freiwillige“ Entschädigung in Höhe von 50 Euro an Stammkunden mit Abo-Monatskarten und Jobtickets. Damit „bittet die Städtebahn Sachsen um Entschuldigung für Zugausfälle, Ersatzverkehre und Verspätungen in den letzten Monaten“. Finanziert wurde diese Entschädigung von dem Geld, dass der VVO als Auftraggeber als Pönale von ihrem Auftragnehmer zurückfordert hatte.[14] Am 12. November 2018 gab der Verkehrsverbund Oberelbe bekannt, dass die Städtebahn Sachsen noch bis 1. März 2019 weiter alle Reisezüge zwischen Sebnitz (Sachs) und Neustadt (Sachs) im Schienenersatzverkehr fährt und somit die vertraglich mit dem VVO vereinbarte Verkehrsleistung nicht erbringt.[15]

 
Nach der Verkehrseinstellung wurden insgesamt zwölf Triebzüge im Bahnhof Dresden-Friedrichstadt gesichert abgestellt. Einige Fahrzeuge haben zu diesem Zeitpunkt bereits Vandalismusschäden in Form von großflächigen Graffiti. (2. August 2019)

Am 25. Juli 2019 wurde der gesamte Bahnbetrieb ohne öffentliche Vorankündigung und ohne Organisation eines Ersatzverkehrs vollständig eingestellt.[16] Der Vermieter der 15 Triebzüge hatte den Mietvertrag am 17. Juli 2019 wegen Zahlungsrückständen fristlos gekündigt sowie die Abstellung und Rückgabe der Fahrzeuge eingefordert.[17] Die Geschäftsführung der Städtebahn Sachsen leitete die Telefonnummern auf den VVO um und tauschte die Schlösser der Büroräume. Die Mitarbeiter des Unternehmens erreichten so nicht mehr ihren Arbeitsplatz und konnten auch nicht als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.[18]

Am Sonntag, den 28. Juli 2019 nahm der VVO sein außerordentliches Sonderkündigungsrecht wahr und kündigte mit sofortiger Wirkung den laufenden Verkehrsvertrag. Die gekündigten Leistungen im VVO-Dieselnetz sollen im Rahmen einer Notvergabe „schnellstmöglich“ direkt an andere Eisenbahnverkehrsunternehmen vergeben werden.[19] Dazu fanden am 29. Juli 2019 Gespräche zwischen dem Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr (SMWA), der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), dem Betriebsrat der Städtebahn Sachsen und dem VVO statt. Der VVO gab bekannt, bereits Kontakt mit „geeigneten“ Eisenbahnunternehmen aufgenommen zu haben. Von Seiten der GDL wurde gefordert, dass neben dem Fahrpersonal – für das eine gesetzliche Regelung für den direkten Betriebsübergang gilt – auch „die Mitarbeiter in Verwaltung und Werkstatt eine Perspektive erhalten“.[20] Zur Finanzierung einer umgehenden Neuvergabe der Verkehrsleistungen hat der Freistaat Sachsen eine vorgezogene Zahlung der Regionalisierungsmittel zugesagt.[21]

Bereits am 26. Juli 2019 stellte die Städtebahn Sachsen, vertreten durch den Geschäftsführer Torsten Sewerin, den Insolvenzantrag beim Insolvenzgericht Aschaffenburg. Am 29. Juli 2019 wurde die vorläufige Insolvenzverwaltung angeordnet.[22]

Unter der Leitung des Insolvenzverwalters Stephan Laubereau nahm die Städtebahn Sachsen am 19. August 2019 ihren Geschäftsbetrieb wieder auf. Zunächst wurden jedoch nur die Linien RB 34 (Dresden–Kamenz) und RB72 (Heidenau–Kurort Altenberg) wieder bedient. Ab 2. September 2019 verkehrten auch zwischen Dresden-Neustadt und Ottendorf-Okrilla Süd wieder Züge.[23][24][25]

Am 16. September 2019 beschloss die Verbandsversammlung des VVO die Notvergabe der Verkehrsleistungen an Transdev Regio Ost.[26] Die Übergabe der des operativen Eisenbahnbetriebes und die Übernahme des Personals wurde am 1. Oktober 2019 vollzogen.[27]

Am 2. Oktober 2019 wurde die Gesellschaft infolge der Eröffnung des Insolvenzverfahrens aufgelöst.[28]

VerkehrsleistungenBearbeiten

 
Netz der Städtebahn Sachsen von Dezember 2016 bis Juli 2019

Der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) erteilte der „EGP – die Städtebahn GmbH“ am 19. März 2010 den Zuschlag für den Betrieb seines Dieselnetzes für zunächst vier Jahre von Dezember 2010 bis Dezember 2014. Die Auftragsvergabe umfasste jährlich 1,7 Millionen Zugkilometer mit mehreren Regionalbahnlinien im Raum Dresden sowie in der Sächsischen Schweiz. Bis zum Fahrplanwechsel im Dezember 2016 wurden die Linien der Städtebahn als SB33, SB34, SB71, SB72 und SE19 bezeichnet.

Linie Linienweg Anmerkung
RB33 Dresden-NeustadtKönigsbrück
RB34 Dresden HbfKamenz (Sachs)
RB71 PirnaNeustadt (Sachs)Bad Schandau ab 5. Juli 2014 wegen Betriebsaufnahme der Linie U28 (Děčín–Rumburk) auf die Relation Pirna–Sebnitz (Sachs) eingekürzt
RB72 HeidenauKurort Altenberg (Erzgeb)
RE19 Dresden Hbf – Heidenau – Kurort Altenberg (Erzgeb) zwei Zugpaare als saisonaler Wintersportverkehr an Wochenenden und Feiertagen im Winterhalbjahr bei günstigen Wintersportbedingungen, seit Dezember 2018 ein Zugpaar ganzjährig als Wander- und Wintersportexpress

FahrzeugeBearbeiten

 
Desiro der Städtebahn Sachsen im Bahnhof Bad Schandau (2013)

Die Städtebahn Sachsen besaß nie eigene Fahrzeuge. Zur Erbringung der Verkehrsleistungen hatte sie deshalb 15 Dieseltriebwagen des Typs Siemens Desiro Classic von Alpha Trains angemietet. Sechs dieser Triebwagen wurden im Rahmen verschiedener Anlässe auf die Namen „Bierstadt Radeberg“, „Rose von Sebnitz 2.0“, „Lessingstadt Kamenz“, „Uhrenstadt Glashütte“, „Landeshauptstadt Dresden“ sowie „Stadt Königsbrück“[29] „getauft“. Ein weiterer Triebwagen trug Werbung für die Müglitztalbahn.[30]

Kurz nach Betriebsaufnahme Ende 2010 wurden, da die planmäßig einzusetzenden Fahrzeuge noch nicht verfügbar waren, verschiedene andere angemietete Züge, teils auch lokomotivbespannt, genutzt. Von Dezember 2011 bis November 2012 setzte die Städtebahn Sachsen auch einen angemieteten Triebwagen vom Typ LVT/S als Ersatzfahrzeug ein. Zwischen November 2012 und Dezember 2012 war zudem ein angemieteter Triebwagen vom Typ Talent im Einsatz.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Städtebahn Sachsen – Sammlung von Bildern

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. NBE Regio wird im SPNV aktiv. (PDF; 99 KB) NBE RAIL GmbH, 9. Oktober 2010, archiviert vom Original am 3. September 2014; abgerufen am 30. August 2014.
  2. http://www.sonata-management.com/wp-content/uploads/2014/08/genehmigung_aeg.pdf
  3. http://www.sonata-management.com/wp-content/uploads/2014/11/genehmigung_aeg.pdf
  4. Eröffnung des Wartungsstützpunktes der Städtebahn Sachsen. Städtebahn Sachsen GmbH, archiviert vom Original am 18. Juli 2012; abgerufen am 30. August 2014.
  5. EGP verkauft Anteile an der Städtebahn Sachsen GmbH. Archiviert vom Original am 3. September 2014; abgerufen am 4. Juni 2013.
  6. DB zur Rückzahlung von vier Millionen Euro verurteilt. In: Leipziger Volkszeitung. 2. Oktober 2014, ISSN 0232-3222, S. 8.
  7. Peter Weckbrodt: Städtebahn ist zu 99 Prozent pünktlich. In: Dresdner Neueste Nachrichten. 26. Januar 2016, S. 15 (online).
  8. Umgestürzte Bäume – Städtebahn prüft juristische Schritte. In: MDR.de. 19. Dezember 2017, abgerufen am 13. April 2018.
  9. DB Netz AG empfiehlt Städtebahn „Fahren auf Sicht“. In: LOK Report. 15. Januar 2018, abgerufen am 13. April 2018.
  10. Reiner Hanke: Wenn Stämme auf Gleise kippen. In: Sächsische Zeitung. 20. Dezember 2017, abgerufen am 13. April 2018.
  11. Sächsische Zeitung, Ausgabe Pirna vom 23. Mai 2018
  12. „Bahnbetrieb planmäßig“ auf der Homepage der SBS.
  13. „Werden Sie bei uns Lokführer und bekommen Sie Ihren persönlichen Dienstwagen!“ News auf städtebahn.de vom 21. September 2018
  14. Information zur Kundenentschädigung auf vvo-online.de
  15. Pressemitteilung des VVO vom 12. November 2018
  16. Sächsische Städtebahn hat Bahnbetrieb komplett eingestellt. Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), 25. Juli 2019, abgerufen am 25. Juli 2019.
  17. Fronten sind verhärtet - Fahrzeugvermieter kündigt Fahrzeuge. Städtebahn Sachsen stellt kompletten Fahrbetrieb ein. meidresden.de, 25. Juli 2019, abgerufen am 26. Juli 2019.
  18. VVO bedauert Diskussion über Schuldzuweisungen. Verkehrsverbund Oberelbe (VVO), 26. Juli 2019, abgerufen am 28. Juli 2019.
  19. Presseinformation Dieselnetz: VVO kündigt Verkehrsvertrag
  20. Dieselnetz: Gemeinsam für die Zukunft – Gespräche zwischen SMWA, GDL, Städtebahn-Betriebsrat und dem VVO
  21. Sächsische Zeitung, Ausgabe Dresden vom 2. August 2019
  22. Ärger hört nicht auf: Städtebahn hat Insolvenz angemeldet
  23. Pressemitteilung der PLUTA Rechtsanwaltskanzlei vom 9. August 2019
  24. Pressemitteilung des VVO vom 22. August 2019
  25. Pressemitteilung des VVO vom 30. August 2019
  26. Pressemitteilung des VVO vom 16. September 2019
  27. Pressemitteilung des VVO und transdev Regio Ost vom 30. September 2019
  28. Bekanntmachung auf unternehmensregister.de
  29. Frank Oehl: Mehr Komfort im „Stadt Königsbrück“. In: Sächsische Zeitung. 25. April 2018, abgerufen am 30. April 2018.
  30. Sachsen: Triebwagen zeigt die besten Seiten des Müglitztals. In: lok-report.de. 1. Dezember 2017, abgerufen am 13. November 2018.