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Psychische Störung

erhebliche krankhafte Abweichung von der Norm im Erleben oder Verhalten
Beispiel einer psychischen Störung: Verlaufsbild einer Bipolar-I-Störung

Eine psychische oder seelische Störung ist ein Zustandsbild, das durch krankheitswertige Veränderungen des Erlebens und Verhaltens gekennzeichnet ist. Es kann mit Abweichungen der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens oder auch des Selbstbildes (Selbstwahrnehmung) einhergehen. Typischerweise sind psychische Störungen mit deutlichem persönlichem Leidensdruck bzw. Belastungen und Problemen in mehreren Lebensbereichen verbunden.[1]

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Störungen ist zudem oft eine verminderte Selbstregulationskompetenz. In diesem Fall können die Betroffenen ihre Erkrankung auch durch verstärkte Bemühungen, Selbstdisziplin oder Willenskraft nur schwer oder gar nicht beeinflussen. Folgen der psychischen Symptomatik sind meist Probleme, den Alltag zu meistern, oder beeinträchtigte soziale Beziehungen (z. B. durch Schwierigkeiten, soziale Rollen wie vorher auszufüllen).[2]

Psychische Störungen treten in vielfältigen Erscheinungsformen auf und gehören zu den weitverbreitetsten Erkrankungen: So schätzt die Weltgesundheitsorganisation, dass weltweit etwa 300 Millionen Menschen von Depressionen, 47,5 Millionen von Demenz und 21 Millionen von Schizophrenie betroffen sind.[3][4]

Psychische Störungen werden von Ärzten, Psychotherapeuten und Heilpraktikern behandelt. Der Einsatz von Psychopharmaka und Psychotherapie gilt als Standard, wobei deren jeweilige Bedeutung für die Behandlung vom konkreten Einzelfall abhängt. Ergänzend können Psychoedukation, Ergotherapie und andere Verfahren zum Einsatz kommen. Für den Behandlungserfolg bedeutsam ist auch, dem Patienten das Gefühl der Stigmatisierung zu nehmen. Auch das Wechselspiel zwischen dem Betroffenen und seiner Umwelt kann von Bedeutung sein, sodass diese bei einer Behandlung mit einbezogen werden kann.[5]

Inhaltsverzeichnis

BegriffsabgrenzungBearbeiten

Menschliches Erleben umfasst Gefühle, Denken, Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Psychische Störungen können jeden dieser Bereiche betreffen. Allerdings ist nicht jede Abweichung von einem als normal angesehenen Erleben bereits eine Störung mit Krankheitswert. Viele Menschen erleben z. B. über eine kurze Zeit leichte Stimmungsschwankungen, die sich von selbst zurückbilden und nicht als Krankheit erlebt werden. Auch gibt es Menschen, die unter einer schweren Belastung depressive oder psychotische Episoden erleben und anschließend psychisch stabil weiterleben. Neben einer objektiv feststellbaren Abweichung von einer zuvor definierten Norm spielt auch das subjektive Leiden des Betroffenen eine Rolle.[2]

Verhalten kann zwar beobachtet werden, über inneres (also subjektives) Erleben kann man jedoch nur durch die Auskunft des Betroffenen Kenntnisse erlangen. Es gibt jedoch charakteristische Symptome, die von Untersuchern in hoher Übereinstimmung festgestellt werden können – insbesondere aus dem Bereich der inhaltlichen Denkstörungen, der Störungen des Ich-Erlebens und der Wahrnehmungsstörungen.

Was ist eine psychische Störung?Bearbeiten

Es existiert keine universelle, allseits akzeptierte Definition davon, was eine psychische Störung im Kern ausmacht. Dennoch kann man einige allgemeine Merkmale benennen, die charakteristisch für abweichendes Verhalten und Erleben sind. Dazu gehören:[6]

  • Statistische Seltenheit – Die extremen Symptome und Verhaltensweisen, die für viele psychische Störungen typisch sind, liegen entweder bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht vor oder sind deutlich schwächer ausgeprägt. Das bedeutet, sie kommen also (relativ gesehen) selten vor.
  • Verletzung von sozialen Normen – Hier geht es um die Frage, ob soziale Normen verletzt werden und andere Menschen durch das Verhalten bedroht, in Angst versetzt oder belästigt werden. Das kann zweifellos auf manche psychische Störungen zutreffen. Jedoch sind beispielsweise Prostitution und Kriminalität keine psychischen Störungen, obwohl beide definitiv soziale Normverletzungen darstellen. Andererseits kann man (z. B. als sehr ängstlicher Mensch) auch psychisch erkrankt sein, ohne sich auffällig zu verhalten. Problematisch ist zudem, dass eine Verletzung sozialer Normen naturgemäß stark kulturabhängig ist.
  • Persönliches Leid – Ein entscheidendes Merkmal vieler psychischer Störungen ist der individuelle Leidensdruck. Alleine reicht dieser Aspekt jedoch zur Definition nicht aus: So gibt es Störungen ohne Leidensdruck (wie etwa Psychopathie) und umgekehrt ist nicht jede Art von psychischem Leiden krankheitsbedingt (etwa Schmerzen bei der Geburt oder Hungern bei Nahrungsknappheit).
  • Beeinträchtigung der Lebensführung – Funktionseinschränkungen in wichtigen Lebensbereichen (z. B. Konflikte auf der Arbeit oder in der Ehe) sind eine weitere zentrale Folge der meisten psychischen Störungen. Allerdings gibt es auch Phänomene wie Transvestitismus, die zwar bei vorhandenem Leidensdruck als Störung gewertet werden, wo die Lebensführung aber kaum beeinträchtigt ist.
  • Unangemessenes Verhalten – Darunter wird ein Verhalten verstanden, das unerwartet als Reaktion auf eine Belastung auftritt und nicht nachvollziehbar oder nicht situationsentsprechend ist. Ein Beispiel dafür wären die plötzlichen, grundlosen und unverhältnismäßig starken Panikzustände, die bei einigen Angststörungen vorkommen.

Es ist wichtig zu beachten, dass jeder einzelne Aspekt alleine nicht zur Definition ausreicht. Erst alle zusammen ergeben eine nützliche Annäherung an das Wesen psychischer Störungen. Bei den meisten psychischen Störungen sind mehrere dieser Kriterien gleichzeitig erfüllt.[6]

„Harmful Dysfunction“-Ansatz

Das Konzept der „schädlichen Dysfunktion“ stellt einen weiteren Zugang dar, um festzustellen, wann ein Verhalten oder mentaler Zustand die Ebene einer validen psychischen Störung erreicht. Dieser Ansatz wurde von Jerome Wakefield entwickelt und hat die DSM-Definition von psychischer Störung stark beeinflusst.[7] Darin kombiniert er evolutionsbiologische Erkenntnisse mit sozialen Wertvorstellungen. Denn laut Wakefield besteht die Essenz jeder Störung darin, dass immer gleichzeitig eine biologische und eine soziale Ordnung beeinträchtigt sind. Alle psychischen Störungen müssen demnach zwei Bedingungen erfüllen:[8]

Erstens müssen Beweise dafür existieren, dass das zu prüfende Erleben oder Verhalten auf einer natürlichen Dysfunktion (d. h. einer Funktionsstörung) basiert. Das ist dann der Fall, wenn ein interner psychischer Mechanismus in einer Person seine von der Evolution vorgegebenen Funktionen nicht (mehr) effektiv genug erfüllen kann. Es muss ein Mangel in einem allgemeinen psychologischen Mechanismus vorliegen (z. B. Wahrnehmung, Sprache, Gedächtnis oder Gefühlssteuerung), der kulturunabhängig allen Menschen gemeinsam ist. Demnach kann von dieser naturgegebenen psychischen Fähigkeit also angenommen werden, dass normalerweise jeder ausreichend über sie verfügt.[7]

Zweitens sind wissenschaftliche Nachweise nötig, dass dieser Mangel bei Betroffenen zu bedeutsamen Nachteilen oder Schaden führt. Was als schädlich gilt, wird durch die aktuelle Umgebung und deren kulturelle Werte bestimmt. Schaden kann z. B. festgestellt werden durch Belege für erhöhte Sterblichkeit oder Krankheitsbelastung (etwa selbstverletzendes Verhalten, zweckloses Leiden oder gesteigerte Unfallgefahr). Dazu zählen auch Einschränkungen beim Ausüben grundlegender Alltagstätigkeiten in Bereichen wie Familie, Selbstversorgung oder Beruf, die alle Menschen gewöhnlich altersentsprechend bewältigen können.[9]

Nach dieser Logik stellt beispielsweise Homosexualität (biologisch gesehen) eine Dysfunktion dar, da sie der evolutionären Funktion Nachwuchs zu zeugen entgegensteht. Sie stellt jedoch keine psychische Störung dar, weil diese Dysfunktion selbst keine direkten negativen Folgen für die betroffenen Menschen hat (höchstens indirekt durch diskriminierende Reaktionen der Umwelt). Kritiker dieses Ansatzes bezweifeln jedoch, dass sich alle psychischen Störungen als evolutionäre Dysfunktion interpretieren lassen. So seien etwa Schlangenphobien ganz im Gegenteil als adaptive Anpassung zu sehen, je nach der Umwelt, in der sich eine Person bewegt. Weiterhin wird oft bemängelt, dass die Theorie unscharf bleibt, weil beim heutigen Stand der evolutionären Psychologie viel zu wenig über die Naturgeschichte von psychischer Funktionen bekannt sei.[10][11]

GrundsätzlichesBearbeiten

Die Wurzeln der traditionellen Psychiatrie sind seit Wilhelm Griesinger (1817–1868) vorwiegend biologischer Natur. Dort steht bei den Klassifikationsversuchen der Versuch im Vordergrund, psychische Symptome zu objektivieren, indem man sie mit bereits bekannten Hirnerkrankungen vergleicht und untersucht, inwiefern sie eine Normabweichung darstellen. Hier werden die psychischen Störungen im Sinne von multifaktoriellen Ursachen verstanden: Einerseits kann eine psychische Störung Ausdruck einer von außen herbeigeführten, nachweisbaren körperlichen Störung sein (z. B. toxisch bedingte Halluzinationen), andererseits wird dabei auch möglichen inneren Ursachen (Endogenität) Rechnung getragen.[12]

Schon hinsichtlich der Symptomatologie bestehen Überschneidungen, die eine exakte Diagnose erschweren. Viktor von Weizsäcker sprach in diesem Zusammenhang von einer Ausdrucksgemeinschaft psychischer Symptomatik.[13] Eine Störung kann von daher sehr an eine körperliche Störung erinnern, ohne dass dies bisher sicher anhand endogener Faktoren nachzuweisen wäre, z. B. im Fall der schizophrenen Psychosen.

Die heutige Medizin schreibt psychischen Störungen, die nicht auf eine klar benennbare biologische Ursache zurückzuführen sind, keine spezifische Ursache mehr zu. Die konkrete Kausalkette von Körpervorgängen (Pathomechanismus), die zu einer bestimmten psychische Störung führt, bleibt aber meist weiterhin unbekannt. Aufgrund dieses mangelnden Ursachenwissens beschränkt man sich momentan stattdessen darauf, möglichst genau Symptome und Symptomkombinationen (Syndrome) zu beschreiben. Dabei wird meist ein multifaktorielles Ursachengefüge angenommen, das in allgemeinen, noch wenig detaillierten Modellen dargestellt wird. Diese Sichtweise entspricht dem heutigen Stand der Wissenschaft, entwickelt sich jedoch stetig weiter. Es ist davon auszugehen, dass sich dieses Verständnis infolge zukünftiger Forschungserkenntnisse zur Verursachung psychischer Störungen noch fortentwickeln wird.[5]

KlassifikationBearbeiten

Das Verständnis psychischer Störungen wird von vielen Erklärungsversuchen geprägt. Daher sind die Bestrebungen, diese Störungen systematisch zu ordnen, immer vom damaligen Zeitgeist und den entsprechenden geschichtlichen Bedingungen abhängig gewesen. Die Einteilung (Klassifikation) psychischer Störungen war lange Zeit je nach Land und Region sehr unterschiedlich und hing von psychologischen oder medizinischen Lehrmeinungen ab. Die Erfolge in der Erkennung und Behandlung dieser Erkrankungen blieben jedoch begrenzt.

Im 19. Jahrhundert verbesserte sich die medizinische Diagnostik und in der Biologie und Chemie zeigte sich die Wichtigkeit wissenschaftlicher Klassifikationssysteme (siehe Periodensystem oder biologische Taxonomie), um Fortschritte zu erzielen. Davon beeindruckt und angespornt, versuchte man, ähnliches auch auf dem Gebiet der psychischen Störungen zu erreichen.[6]

Bis heute werden einzelne Aspekte der Klassifikation kontrovers diskutiert. Die vorhandenen Systeme werden immer als vorläufig verstanden und stellen noch keine endgültigen Abgrenzungen im Sinne echter medizinischer Krankheiten dar. Während lange Zeit eine Einteilung der psychischen Störungen in neurotische und psychotische Störungen üblich war, wird in den aktuellen Klassifikationssystemen auf diese Begriffe weitgehend verzichtet. Auch Bezeichnungen wie Krankheit oder „psychogen“ werden dort bewusst vermieden und es wird stattdessen neutraler von Störungen gesprochen.[13]

In der klinischen und wissenschaftlichen Anwendung haben heute zwei Diagnose- und Klassifikationssysteme eine weltweite Bedeutung:

ICDBearbeiten

Klassifikation nach ICD-10
F00-F09 Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen
F10-F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
F20-F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen
F30-F39 Affektive Störungen
F40-F48 Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren
F60-F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F70-F79 Intelligenzminderung
F80-F89 Entwicklungsstörungen
F90-F98 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störungen
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Das fünfte Kapitel des ICD-10 enthält die Internationale Klassifikation psychischer Störungen. Das Kapitel umfasst alle psychischen Störungen und ist in hundert Klassen unterteilt (F00–F99). Jeder Klasse wird ein bis zu fünfstelliger Schlüssel zugeordnet. Die ersten drei Stellen ergeben eine grobe Bezeichnung der Diagnose („Dreisteller“).

DSMBearbeiten

Das DSM wird vor allem in der psychiatrischen und psychologischen Forschung verwendet. Der Begriff „psychische Störung“ wird darin folgendermaßen definiert:

„Eine psychische Störung ist definiert als Syndrom, welches durch klinisch signifikante Störungen in den Kognitionen, in der Emotionsregulation und im Verhalten einer Person charakterisiert ist.

Diese Störungen sind Ausdruck von dysfunktionalen psychologischen, biologischen oder entwicklungsbezogenen Prozessen, die psychischen und seelischen Funktionen zugrunde liegen.

Psychische Störungen sind typischerweise verbunden mit bedeutsamen Leiden oder Behinderung hinsichtlich sozialer oder berufs-/ausbildungsbezogener und anderer wichtiger Aktivitäten.“

Die aktuelle Version, DSM-5, enthält anders als die beiden Vorgänger kein multiaxiales System mehr und besteht aus 22 gleichrangigen Kategorien.

VerbreitungBearbeiten

Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Beratungsanlässen beim Hausarzt und in allgemeinmedizinischen Praxen.[15] An erster Stelle stehen in Europa Angststörungen, gefolgt von Schlafstörungen, Depressionen, Somatoformen Störungen, Substanzabhängigkeiten, ADHS bei jüngeren und Demenz bei älteren Menschen.[16]

2005 berechneten Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden und des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, dass etwa jeder vierte erwachsene EU-Bürger innerhalb eines Jahres an einer psychischen Erkrankung leidet.[17] In einer umfangreichen weltweiten Analyse von Daten ergab sich im Jahr 2014, dass global gesehen im Durchschnitt etwa jeder Fünfte innerhalb eines Jahres an einer psychischen Erkrankung leidet.[18]

Schwieriger ist die Angabe einer Lebenszeitprävalenz. Bei einmaligen Befragungen kann es zu einer starken Unterschätzung der Neuerkrankungsrate kommen, da im frühen Erwachsenenalter erlebte psychische Erkrankungen später oft nicht mehr erinnert werden.[19] Eine Längsschnitt-Studie ergab, dass über 80 % aller Untersuchten zwischen Geburt und mittlerem Lebensalter mindestens kurzzeitig unter einer psychischen Erkrankung litten.[20][21] Laut WHO leidet gut ein Viertel der Weltbevölkerung einmal in ihrem Leben an einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung.[22] Eine Metaanalyse der TU Dresden geht sogar von einem Lebenszeitrisiko von mehr als 50 Prozent aus.[23]

Psychische Erkrankungen zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie oft früh beginnen und überproportional Jugendliche und junge Menschen betreffen. So brechen ca. 50 % aller psychischen Störungen vor dem 15. Lebensjahr, und 75 % vor dem 25. Lebensjahr aus. Das steht in starkem Kontrast zu anderen chronischen Erkrankungen wie Krebs, Herzleiden oder Parkinson, die meist in deutlich späterem Lebensalter auftreten.[24][10]

Die Erkrankungsraten sind je nach soziodemographischer Gruppierung sehr unterschiedlich:

  • Altersverteilung – Psychische Störungen werden am häufigsten bei jüngeren Erwachsenen (18–34 Jahre) diagnostiziert und am seltensten bei Älteren (65–79 Jahre).[25]
  • Sozioökonomischer Status – Im Mittel werden psychische Störungen in unteren sozioökonomischen Schichten häufiger diagnostiziert als in Höheren.[25]
  • Urbanität – Hinsichtlich der „Verstädterung“ lässt sich ein Trend zu höheren Erkrankungsraten in Großstädten über 500.000 Einwohner erkennen.[25]

GeschlechterverteilungBearbeiten

In der DEGS-Studie des Robert-Koch Instituts wurden bei insgesamt 33,3 % der Frauen und 22,0 % der Männer in Deutschland psychische Erkrankungen diagnostiziert (12-Monatsprävalenz).[25]

Die auf diesen Daten basierenden Verhältnisse sind in der folgenden Tabelle als „Männer: Frauen“ angegeben. Zum Beispiel bedeutet „4,7:1“, dass auf 4,7 Männer mit Alkoholstörungen 1 Frau mit Alkoholstörungen kommt. Zu beachten sind die Fußnoten, da sich manche Zahlen nur auf bestimmte Altersgruppen (18- bis 79-Jährige) beziehen, aus unterschiedlichen Ländern und z. B. von unterschiedlichen Untersuchungszeitpunkten stammen usw. Zudem können geschlechterspezifisch unterschiedliche diagnostische Zuordnungen die Statistiken verzerren (siehe Gender Bias).[26]

Männer häufiger betroffen[27] kein (großer) Geschlechterunterschied[27] Frauen häufiger betroffen[27]
Alkoholstörungen“ (4,7:1) Zwangsstörung (1:1,2) einschließlich Zwangshandlungen (Handwaschrituale häufiger bei Frauen, „Verzögerung der Handlungsabläufe ohne Wiederholung“ häufiger bei Männern) Angststörung (1:2,3) einschließlich der meisten phobischen Störungen (u. a. Agoraphobie). Siehe generalisierte Angststörung (GAS) (ca. 1:2) und Panikstörung (ca. 1:2).
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (4:1) Bipolare Störung (1:1,1) Unipolare Depression (1:2).[28]
Frühkindlicher Autismus (3-4:1) Schizophrenie, Psychotische Störung[29]
Soziale Phobie (1:1,4)[30] Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) (1:2-3)[31]
Störung des Sozialverhaltens (2:1)[32] (Kinder oder Jugendliche)
Asperger-Syndrom (2:1) Körperdysmorphe Störung[33] Anorexia nervosa (1:5,5) und Bulimia nervosa
Ticstörung (2:1)[34] Rett-Syndrom (bisher nur bei Mädchen beschrieben)

BehandlungBearbeiten

Viele psychische Erkrankungen sind heutzutage gut behandelbar. Sowohl Psychotherapie als auch Psychopharmaka sind wissenschaftlich fundierte Mittel zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Bei Störungen, die einen Wert von 40 auf der GAF-Skala nicht unterschreiten, kann Soziotherapie begleitend angewendet werden.

Zwangsbehandlung

Bei erkennbar gravierender Selbst- oder Fremdgefährdung und gleichzeitig fehlender Einsicht über die eigene Behandlungsnotwendigkeit können Menschen mit schweren psychischen Störungen als allerletztes Mittel auch gegen ihren Willen einer Behandlung zugeführt werden.[35][36][37] Die Behandlung erfolgt in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Die Regelungen zur Akuteinweisung sind landesrechtlich festgelegt. Ohne zusätzliche richterliche Anordnung darf eine solche Zwangsunterbringung längstens 24 Stunden betragen.

Zu längerdauernden Zwangsbehandlungen kann es in folgenden Zusammenhängen kommen:

„Aktionsbündnis Seelische Gesundheit“Bearbeiten

Vor einigen Jahren wurde in Deutschland mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit das „Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit“ (ABSG) ins Leben gerufen. Zu den 90 Mitgliedern des Bündnisses zählen die Selbsthilfe-Verbände sowie zahlreiche Vertreter aus den Bereichen Psychiatrie, Gesundheitsförderung und Politik, darunter die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Zweck davon ist, verstärkt über psychische Erkrankungen aufzuklären und die Initiativen zur Förderung der seelischen Gesundheit zu vernetzen.

Das ABSG nutzt dafür zum Beispiel den 10. Oktober, den „internationalen Tag der seelischen Gesundheit“ (1992 von der World Federation for Mental Health mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ins Leben gerufen). An diesem Datum soll durch Informationstage, Aktionswochen und Veranstaltungen über die Vorbeugung (Prävention) und Therapie psychischer Erkrankungen informiert und auf die Belange psychisch erkrankter Menschen aufmerksam gemacht werden.[39]

Volkswirtschaftliche KostenBearbeiten

Psychische Erkrankungen sind die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung. Seit 1976 steigen die Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen stetig an. Von 2005 bis 2012 stieg der Anteil um 97,1 Prozent. Frauen waren dabei deutlich häufiger betroffen als Männer.[40] Das spiegelt sich auch im stationären Bereich (Krankenhaus) wider: Seit 1986 stieg die Zahl der Krankenhausfälle von 3,8 Fällen je 1000 GKV-Versicherte um das 2,5-fache auf 9,3 Fälle im Jahr 2005.[41] Dieser Trend hat sich bis 2017 weiter fortgesetzt.[42]

Psychische Störungen sind eine wesentliche Ursache für Frühverrentung.[41] Die wirtschaftlichen Belastungen durch diese Erkrankung sind wegen der Kombination aus hohem Verbreitungsgrad, frühem Einsetzen und oft ungünstigem, langem Krankheitsverlauf bedeutend. Die jährlichen Gesamtkosten wurden in Europa für das Jahr 2004 auf 240 Milliarden € geschätzt. Der größte Teil entfällt dabei auf die indirekten Kosten, die mit 132 Milliarden € beziffert werden können.[43] In Deutschland betrugen die Kosten für psychische und Verhaltensstörungen im Jahre 2002 noch 280 Euro pro Einwohner, 2015 lag diese Summe bereits bei 540 Euro.[44]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Horst Dilling: Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. 10. Auflage. Hogrefe, 2015, ISBN 978-3-456-85560-8.
  • Peter Falkai, Hans-Ulrich Wittchen (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8017-2599-0.
  • Andreas Heinz (Hrsg.): Der Begriff der psychischen Krankheit. Suhrkamp/Insel Verlag, 2014. ISBN 978-3-518-29708-7.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Michael Gazzaniga u. a. (Hrsg.): Psychologie. 1. deutsche Auflage. Weinheim 2018, ISBN 978-3-621-28326-7, S. 803.
  2. a b Heiko Waller (2007): Sozialmedizin. Grundlagen und Praxis. 6. Aufl. Kohlhammer. S. 217f, Definition Expertenkommission 1988. ISBN 978-3-17-019170-9
  3. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2011): Seele aus der Balance - Erforschung psychischer Störungen, S. 16.
  4. Mental disorders fact sheet. Weltgesundheitsorganisation, April 2017, abgerufen am 17. Januar 2018 (englisch).
  5. a b Brigitte Vetter: Psychiatrie – ein systematisches Lehrbuch. 7. Auflage, Schattauer 2007. ISBN 978-3-7945-2566-9.
  6. a b c Gerald C. Davison, John M. Neale, Martin Hautzinger (2016): Klinische Psychologie. Beltz Verlag, ISBN 978-3-621-28441-7. Kapitel 1.1 und Kapitel 3 (Leseprobe)
  7. a b Derek Bolton (2008): What is mental disorder? An essay in philosophy, science, and values. Oxford University Press, ISBN 978-0-19-856592-5, Kap.3.3, S. 37 und 116–125 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Paul H. Blaney, Robert F. Krueger, Theodore Millon: Oxford Textbook of Psychopathology. Oxford University Press, 2014, ISBN 978-0-19-981184-7, Definition of Mental Disorder, S. 51 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Russell A. Barkley (2011): Barkley functional impairment scale (BFIS). Guilford Press, ISBN 978-1-60918-219-9, Kapitel 1: Psychosocial Impairment – Definition and Assessment, S. 3–7 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. a b Richard J. McNally: Was sind psychische Erkrankungen? In: Die Vielgestaltigkeit der Psychosomatik. Springer, 2017, ISBN 978-3-662-54145-6, 2.5 Die „Harmful Dysfunction Analysis“ nach Wakefield, S. 11–17, doi:10.1007/978-3-662-54146-3_2 (springer.com [PDF]).
  11. Jerome C. Wakefield: Der Begriff der psychischen Störung: An der Grenze zwischen biologischen Tatsachen und gesellschaftlichen Werten. In: Thomas Schramme (Hrsg.): Krankheitstheorien. Suhrkamp, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-29611-0, S. 239–263.
  12. Eugen Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie (1916). 13. Auflage: Springer, Berlin 1975, ISBN 978-3-540-07217-1. (Google Books)
  13. a b Gerd Huber (2005): Psychiatrie. Lehrbuch für das Studium und Weiterbildung. Schattauer Verlag. ISBN 978-3-7945-2214-9. S. 676 zu Stichwort „Ausdrucksgemeinschaft psychogener und enzephalogener Störungen“. S. 452 zu Stichwort Nomenklatur des ICD-10.
  14. Eva Asselmann, Psychotherapeutenkammer Hamburg (2014): DSM-5 – Wesentliche Neuerungen und Implikationen für ICD-11 (Folie 5).
  15. W. Fink, G. Haidinger: Die Häufigkeit von Gesundheitsstörungen in 10 Jahren Allgemeinpraxis. Z. Allg. Med. 83 (2007) S. 102–108, doi:10.1055/s-2007-968157
  16. Wittchen, H.U, F. Jacobi u. a.: The size and burden of mental disorders and other disorders of the brain in Europe 2010. European Neuropsychopharmacology 21, 2011, S. 655–679, doi:10.1016/j.euroneuro.2011.07.018
  17. H. U. Wittchen, F. Jacobi: Size and burden of mental disorders in Europe–a critical review and appraisal of 27 studies. In: European neuropsychopharmacology: the journal of the European College of Neuropsychopharmacology. Band 15, Nummer 4, August 2005, S. 357–376, doi:10.1016/j.euroneuro.2005.04.012, PMID 15961293 (Review), PDF.
  18. Z. Steel, C. Marnane, C. Iranpour, T. Chey, J. W. Jackson, V. Patel, D. Silove: The global prevalence of common mental disorders: a systematic review and meta-analysis 1980–2013. In: International journal of epidemiology. Band 43, Nummer 2, April 2014, S. 476–493, doi:10.1093/ije/dyu038, PMID 24648481, PMC 3997379 (freier Volltext) (Review).
  19. Y. Takayanagi, A. P. Spira, K. B. Roth, J. J. Gallo, W. W. Eaton, R. Mojtabai: Accuracy of reports of lifetime mental and physical disorders: results from the Baltimore Epidemiological Catchment Area study. In: JAMA psychiatry. Band 71, Nummer 3, März 2014, S. 273–280, doi:10.1001/jamapsychiatry.2013.3579, PMID 24402003, PMC 4135054 (freier Volltext).
  20. J. D. Schaefer, A. Caspi, D. W. Belsky, H. Harrington, R. Houts, L. J. Horwood, A. Hussong, S. Ramrakha, R. Poulton, T. E. Moffitt: Enduring mental health: Prevalence and prediction. In: Journal of abnormal psychology. Band 126, Nummer 2, Februar 2017, S. 212–224, doi:10.1037/abn0000232, PMID 27929304, PMC 5304549 (freier Volltext).
  21. Aaron Reuben und Jonathan Schaefer: Nur eine Minderheit bleibt ein Leben lang psychisch gesund, spektrum.de/News, 27. Oktober 2017 (abgerufen 17. Januar 2018).
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  30. L. S. Weinstock: Gender differences in the presentation and management of social anxiety disorder. In: The Journal of clinical psychiatry. Band 60 Suppl 9, 1999, S. 9–13, PMID 10335674 (Review).
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