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Opioidkrise

Nutzung von Opioid-Schmerzmitteln in den USA und Canada
Todesfälle durch Überdosis durch Opioide, USA, 2000–2017. Tote pro 100,000 Personen.[1]
Übersicht der kumulativen Sterblichkeitsrate durch Opioide in den betroffenen Kommunen von 2006 bis einschließlich 2012.
Zahl der durch Opioide Verstorbenen in den USA, im Zeitraum von 1999 bis 2017

Unter der Opioidkrise oder Opioid-Epidemie[2] (englisch opioid crisis oder opioid epidemic) versteht man den starken Anstieg des Missbrauchs von Opioid-Schmerzmitteln in den Vereinigten Staaten. Am Anfang des Phänomens stand das verschreibungspflichtige Schmerzmittel Oxycontin, das die Familie Sackler mit ihrem Unternehmen Purdue Pharma 1996 auf den Markt gebracht und aggressiv beworben hat, als schmerzstillend und vermeintlich harmlos.[3] Dass bereits in den 1920er Jahren die Suchtproblematik (Eukodalismus) bekannt war, wurde erfolgreich verdrängt. Purdue und andere Pharmaunternehmen erreichten zudem durch Lobbyarbeit und aggressives Marketing, dass Opioide, die zuvor vorwiegend bei Schwerkranken und Sterbenden angewendet worden waren, in den USA nun auch bei alltäglichen Schmerzen verschrieben wurden. Der starke Anstieg der Zahl der Drogentoten war in den USA einer der Gründe dafür, dass die durchschnittliche Lebenserwartung 2017 das dritte Jahr in Folge erstmals seit dem Ersten Weltkrieg sank.[4]

Opioide greifen massiv in die Hirnchemie ein und können rasch zu einer Abhängigkeit führen. Durch Überdosierungen kommt es zu zahlreichen Todesfällen, da die Opioide das Atemzentrum beeinflussen und lähmen können. Die fraglichen Medikamente sind etwa Oxycodon (Handelsname Oxycontin oder Percocet), Hydrocodon (Handelsname Vicodin) und das sehr wirksame Fentanyl.[5] Vielfach steigen Menschen, die von diesen Mitteln abhängig geworden sind, zudem auf das billigere Opioid Heroin (Diacetylmorphin) um, dessen Missbrauch daher in den letzten Jahren wieder stark zugenommen hat.

Von 2006 bis 2012 wurden etwas mehr als 76 Milliarden opioidhaltige Schmerztabletten in den USA von den Pharmafirmen an den Markt ausgeliefert.[6] Gehandelt wurden diese im selben Zeitraum in 360 Millionen Transaktionen. Die aktivsten Produzenten waren die Firma SpecGx (38 Prozent Marktanteil), gefolgt von Actavis Pharma, Par Pharmaceutical und Purdue (3,2 % Marktanteil). Sechs Firmen teilten sich im selben Zeitraum drei Viertel des US-Vertriebsgeschäfts: McKesson, Walgreens, Cardinal Health, AmerisourceBergen, CVS Health und Walmart.[6]

Im Jahr 2007 wurden Purdue Pharma und drei Manager für die aggressive Vermarktung von Oxycontin in einem Vergleich zu einer Strafzahlung von 634,5 Millionen US-Dollar verurteilt.[7] 2019 verklagte als erster US-Bundesstaat Massachusetts acht Mitglieder der Pharmaunternehmer-Familie Sackler.[8][9]

Nach Aussagen der Drug Enforcement Administration (DEA) erreichten die Todeszahlen durch Überdosen 2015 die Ausmaße einer Epidemie.[10] Bereits zwischen 1999 und 2008 stiegen die Zahl der Todesfälle durch Überdosen, der Verkauf und der Missbrauch von Schmerzmitteln stark an. Seit 2015 kommt es in den USA jährlich zu mehr Todesfällen durch Heroin als durch Autounfälle und Waffen. Eine Drogen-Überdosis ist bei Amerikanern unter 50 Jahren die häufigste Todesursache, wobei hiervon zwei Drittel der Todesfälle inzwischen durch Opioide verursacht werden.[11] Dies hat dazu beigetragen, dass die mittlere Lebenserwartung in den USA in den letzten Jahren gesunken ist. Anders als früher ist die Drogensucht nicht mehr vorwiegend auf soziale Brennpunkte in Großstädten beschränkt, sondern betrifft vor allem die Mittelschicht in der amerikanischen Provinz. Als Hauptgrund wird die allzu leichtfertige Verschreibung von Opioiden zur Schmerzbekämpfung angenommen.

Die Opferzahlen stiegen. Im Jahr 2016 starben 64.000 US-Amerikaner an einer Überdosis, 21 Prozent mehr als im Jahr 2015. Der größte Teil von ihnen war von legalen Opioiden abhängig geworden, die ihnen zuvor verschrieben worden waren. Im Jahr 2010 gab es 16.000 Todesfälle, im Jahr 1999 nur 4.000. Viele der Todesfälle gehen auf das sehr stark wirksame Fentanyl zurück, das ebenso wie Heroin meist über Mexiko in die USA geschmuggelt wird. Im Unterschied zu Heroin wird es zunehmend auch vor Ort synthetisiert. Fentanyl wird immer öfter verwendet, um das weniger starke Heroin zu strecken. Durch die weitaus höhere Wirksamkeit der Mischung kommt es häufig zu unbeabsichtigten Überdosen. Im März 2017 erklärte der Gouverneur von Maryland in seinem Bundesstaat den Notstand, um die Krise zu bekämpfen, im Juli 2017 wurde die Krise als größte Herausforderung für die Food and Drug Administration (FDA) bezeichnet.

Die Opiod-Epidemie in den USA nahm ein solches Ausmaß an, dass Präsident Donald Trump am 26. Oktober 2017 den medizinischen Notstand ausrief, er stellte allerdings kaum zusätzliche finanzielle Mittel für die Bekämpfung des Problems zur Verfügung.[12] Nach Angaben der CDC stieg die Zahl der Opfer 2017 vielmehr nochmals um 10 %, die Zahl der Drogentoten in diesem Jahr wird mit 72.287 angegeben.[13]

In einer Sammelklage von US-Kommunen vor dem Bezirksgericht in Cleveland werden Walmart, Purdue, Mallinckrodt, CVS, Cardinal und anderen vorgeworfen, die Kommunen aus Profitgier vorsätzlich mit opioidhaltigen Schmerztabletten "überschwemmt" zu haben. Die Kläger berufen sich unter anderem auf den Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act (RICO).[6]

Inhaltsverzeichnis

DokumentationenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Data Overview. Drug Overdose. CDC Injury Center, Centers for Disease Control and Prevention 2016.
  2. Marc Pitzke: Pharma-Dynastie Sackler Der Drogen-Clan, Spiegel online, 18. Februar 2019
  3. Das Mittel hinter Amerikas Schmerz, NZZ 10. März 2018
  4. Lebenserwartung sinkt weiter, Pharmazeutische Zeitung, vom 30. November 2018
  5. WHO Informationsblatt
  6. a b c SPIEGEL ONLINE: US-Opioidkrise: Pharmakonzerne liefern mehr als 76 Milliarden süchtig machende Pillen aus. Abgerufen am 31. Juli 2019.
  7. Reuters: Purdue Frederick pleads guilty in OxyContin case, abgerufen am 2. August 2018
  8. Barry Meier: Sackler Scion’s Email Reveals Push for High-Dose OxyContin, New Lawsuit Disclosures Claim In: The New York Times vom 31. Januar 2019
  9. Purdue Pharma Family Had Heavy Hand in Opioid Marketing, Complaint Says In: Wallstreet Journal vom 15. Januar 2019
  10. DEA Report (Memento des Originals vom 20. Februar 2017 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.dea.gov (PDF)
  11. Josh Katz: Drug Deaths in America Are Rising Faster Than Ever. In: The New York Times. 5. Juni 2017, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 26. Juli 2019]).
  12. Jakob Simmank: Opioid-Krise: Der Notstand wird die Schmerzmittelsucht nicht beenden. In: Zeit online. 11. August 2017, abgerufen am 28. Juli 2018.
  13. Erin Durkin: US drug overdose deaths rose to record 72,000 last year, The Guardian, 16. August 2018, abgerufen am 15. Dezember 2018