Miktion

Entleerung der Harnblase

Als Miktion (lateinisch Mictio [Plural Mictiones] von mingere „harnen, urinieren“; gleichfalls medizinischer Fachbegriff für die „natürliche Harnentleerung aus der Blase[1]), auch Urese[2][3][4] oder Uresis[5][6] (altgriechisch οὔρησις oúrēsis „Harnlassen“, zu οὖρον oúron „Harn“), oder Urinieren, auch Harnlassen, Wasserlassen und Blasenentleerung genannt, wird die Entleerung der Harnblase bezeichnet. Es handelt sich um eine Ausscheidung in flüssiger Form, dem Urin oder Harn. Dieser Vorgang wird durch komplexe Regelkreise des autonomen und willkürlichen Nervensystems gesteuert.

Manneken Pis, die wohl berühmteste künstlerische Darstellung der Miktion Jeanneke Pis, das weibliche Pendant
Manneken Pis, die wohl berühmteste künstlerische Darstellung der Miktion
Jeanneke Pis, das weibliche Pendant

AnatomieBearbeiten

Die Miktion setzt folgende nervale Mechanismen voraus:

SynonymeBearbeiten

Neben dem Fachbegriff Miktion gibt es eine Vielzahl von, teils regional gehäuft verwendeten, teilweise vulgären und je nach Situation mehr oder weniger angepassten Synonymen: Blasenentleerung, Wasserlassen, Harnen, Urinieren, Austreten, Pinkeln, Pieseln, Pissen, Lullern, Rappeln, Seichen, Sicken, Schiffen, Brunzen (vgl. Brunnen als Euphemismus im 16. Jahrhundert für Harn[8]), Brünzeln, Ludeln, Strullern, Pullern, Pritscheln oder aber auch „Pipi machen“ (für kleine Jungen/Mädchen), „mal müssen“, „an Wiss machen“ (mundartlich in Franken).

Die Wörter Wasser, Harn und Urin haben indogermanische Wurzeln.[9]

Physiologie der MiktionBearbeiten

Die Harnblase dient als Zwischenspeicher für den von den Nieren kontinuierlich gebildeten Urin, der als Sekundärharn über die Harnleiter zu ihr geleitet wird. Sie wird bei normaler Flüssigkeitsaufnahme in der Regel zwei bis sechs Mal pro Tag über die Harnröhre (Urethra) entleert. Die dabei ausgeschiedene Urinmenge beträgt normalerweise jeweils etwa 300 bis 400 Milliliter; es gibt jedoch keine allgemein akzeptierten Werte – einige Menschen scheiden bei einem Toilettengang über einen Liter Urin aus. Zur Diagnostik dienen die Uroflowmetrie oder die Miktionszystourethrographie.[10]

Endstrecke der Exkretion des Urins ist die Harnröhre. Sie gehört zu den ableitenden Harnwegen und beginnt am unteren Ende der im Becken lokalisierten Harnblase. Die Harnröhre mündet bei männlichen Vertretern an der Penisspitze auf der Eichel und bei weiblichen im Scheidenvorhof.

Die maximale Blasenkapazität ist dabei jenes Füllvolumen, bei dessen Erreichen es zuerst zu einem Dehnungsschmerz und dann zu einer sogenannten imperativen Miktion[11] (Mikturition,[12] Harndrang, Harnzwang[13]) beziehungsweise zu einer unwillkürlichen Blasenentleerung kommt. Für Männer wird der Normwert mit 400 bis 600 Millilitern, für Frauen wird ein geringerer Wert (weil die inneren Geschlechtsorgane der Frau den Platz beanspruchen) von 300 bis 400 Millilitern angegeben. Diese Werte schwanken jedoch von Mensch zu Mensch stark, und es gibt keine bestätigten Maximalwerte. Berechnet wird sie als die Summe der funktionellen Blasenkapazität und des nach der Miktion in der Blase verbleibenden Restharns. Als funktionelle Blasenkapazität wird das mittlere Entleerungsvolumen bezeichnet.

Die Speicherfunktion der Blase wird einerseits durch zwei Schließmuskeln gewährleistet: einen äußeren, quergestreiften, und einen inneren, bestehend aus glatten Muskelzellen. Daneben muss sich bei zunehmender Blasenfüllung der „Blasenentleerer“ (M. detrusor vesicae, kurz als Detrusor bezeichnet) den veränderten Druckverhältnissen anpassen und sich dazu entspannen. Dies wird als Akkommodation beziehungsweise Compliance der Blase bezeichnet. Störungen des Zusammenspiels führen zu einer sogenannten Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie.

Wird die Fähigkeit zur weiteren Akkommodation des Detrusors überschritten, kommt es zu einem steilen Druckanstieg im Blaseninneren und über Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand zur Auslösung des Miktionsreflexes, damit zur Kontraktion des Detrusors, zu einer passiven Dehnung des inneren Schließmuskels und zu einer willkürlich gesteuerten Erschlaffung des äußeren Schließmuskels. Der normale maximale Miktionsdruck beträgt 60–70 mmHg.[14] Beim Erwachsenen verursacht ein Blasendruck von 3400 Pascal oder 35 Zentimeter Wassersäule einen starken Harndrang.[15]

Die zentrale Steuerung erfolgt in der pontinen Formatio reticularis. Für das Einleiten des Entleerungsvorgangs ist der Parasympathikus zuständig. Er reizt die Blasenmuskulatur zur Anspannung und hilft beim Entleeren der Blase. Der Sympathikus hingegen sorgt dafür, dass die Blase erschlafft, um sich füllen zu können, und zur Anspannung der Schließmuskeln. Er verhindert somit eine ständige Entleerung.

Abhängig von der Flüssigkeitszufuhr produziert ein gesunder Mensch in 24 Stunden etwa 1000 bis 1500 ml (Sekundär-)Harn, den er zwei bis sechs Mal am Tag ausscheidet. Dabei ist die Urinproduktion allerdings nicht zu jeder Tageszeit gleich groß. Am meisten Urin produziert der Mensch um sechs Uhr morgens (siehe Chronobiologie). „Frühgeborene produzieren weniger Harn als gleichaltrige termingerecht Neugeborene. Neugeborene verdoppeln ihr tägliches Harnvolumen von ersten zum zweiten Lebenstag von 17 auf 34 Milliliter.“[16]

Entwicklung der BlasenkontrolleBearbeiten

Eine Kontrolle der Blasenentleerung wird im Verlauf der kindlichen Reifungsprozesse (bzw. der „Reinlichkeitserziehung“) erst nach der Kontrolle über den Stuhlgang erlangt. Im 5. Lebensjahr sind ca. 80 Prozent der Kinder tagsüber und nachts trocken.

Fetale MiktionBearbeiten

Miktion eines männlichen Fetus mit 19 Schwangerschaftswochen

Der Fetus uriniert im etwa stündlichen Abstand und erzeugt somit das Fruchtwasser, welches wiederum durch das fetale Schlucken recycelt wird.

MiktionsstörungenBearbeiten

Siehe Hauptartikel: Blasendysfunktion als Sammelbegriff für Blasenentleerungs- und Blasenspeicherstörungen

Eine Miktionsstörung tritt vor allem als Enuresis (Einnässen, Bettnässen, Mictio involuntaria,[17][18][19] unfreiwilliges Harnen[20]) oder als Harninkontinenz (Blasenschwäche, Blaseninkomtinenz, Incontinentia urinae,[21] Urgeinkontinenz[22]) in Erscheinung und kann Ursache für wiederkehrende Harnwegsinfektionen sein.[23]

In jedem Alter kann eine Vielzahl von Ursachen zu einer Blasendysfunktion (als eine Sammelbezeichnung für Blasenspeicher- und Blasenentleerungsstörungen) führen, wobei im Kindesalter ein nächtliches Einnässen, im höheren Alter eine unvollständige Blasenentleerung mit Restharnbildung, vor allem aber ein unwillkürlicher Harnabgang besonders hervorzuheben sind.

Paruresis bezeichnet das Unvermögen des Urinierens aus psychischen Gründen, insbesondere die Hemmung, in Gegenwart anderer Personen zu urinieren. „Bei gehäufter Miktion spricht man von Pollakisurie, bei schmerzhaftem Wasserlassen von Algurie[24] oder Strangurie. „Ist die Miktion durch ein Hindernis am Blasenausgang oder in der Harnröhre erschwert, besteht eine Dysurie.“[25] Das nächtliche Harnlassen heißt Nykturie (Mictio nocturna, „Das nächtliche Bettpissen“[26]) Die zweizeitige Miktion bei einem Blasendivertkel nennt man Doppelmiktion.[27]

Ein zu geringes Miktionsvolumen wird als Oligurie und im extremen Fall als Anurie bezeichnet. Zwischenformen heißen Oligoanurie. Hans Freiherr von Kress unterschied die Oligurie von der „Oligakisurie“ als Bezeichnung für eine abnorm seltene Miktion.[28]

Die Überlaufinkontinenz (auch: Inkontinenz bei chronischer Retention, Ischuria paradoxa oder Incontinentia paradoxa) entsteht durch eine ständig übervolle Harnblase infolge von Abflussstörungen. Da der Binnendruck den obstruktiven Verschlussdruck schließlich übertrifft, kommt es zum ständigen Harnträufeln[29] (Überlaufblase).

Manchmal erschwert ein Krampf des Blasenschließmuskels die Miktion. Zuweilen verhindern Verengungen der Harnröhre (Strikturen oder Stenosen) die Harnentleerung.[30]

MedikamenteBearbeiten

Es gibt unter den Urologika zahlreiche Medikamente zur therapeutischen Beeinflussung der Miktion. Behandelt werden damit zum Beispiel Beschwerden beim Wasserlassen bzw. Miktionsbeschwerden, Blasenschwächen, Symptome des unteren Harntrakts (Lower Urinary Tract Symptoms, LUTS), Blasenentleerungsstörungen, Anzeichen und Symptome einer benignen Prostatahyperplasie, das Risiko einer akuten Harnretention, die Inzidenz eines akuten Harnverhalts, ein Brennen beim Wasserlassen, ein verstärkter Harndrang, Katarrhe im Bereich von Niere und Blase, Nephropathien, eine Detrusorüberaktivität, eine erhöhte Miktionsfrequenz, ein imperativer Harndrang, eine Dranginkontinenz, eine überaktive Blase, eine Pollakisurie, eine Harninkontinenz, eine Detrusorhyperreflexie, eine Belastungsharninkontinenz (Stress Urinary Incontinence, SUI), eine Strahlenzystitis sowie Reizzustände der ableitenden Harnwege und andere Erkrankungen der Harnwege.[31]

Außerdem rufen zahlreiche Pharmaka mitunter unerwünschte Arzneimittel-Nebenwirkungen hervor. Beschrieben werden Erhöhungen des Blasenruhedrucks, Erhöhungen des Miktionsdrucks, Erhöhungen der Miktionsfrequenz, Kapazitätsverminderungen (Urge-Inkontinenz), Erniedrigungen des Blasenruhedrucks, Erniedrigungen des Miktionsdrucks, Kapazitätserhöhungen, eine Restharnbildung (Harnverhaltung), eine Überlaufinkontinenz, eine Erhöhung des Urethraverschlussdrucks, eine Erniedrigung des Urethraverschlussdrucks, eine Erhöhung des Uroflows, eine Stressinkontinenz und Symptome einer hypotonen Blase.[32] Einige dieser Nebenwirkungen können im Einzelfall auch erwünscht sein.

Soziokulturelle FaktorenBearbeiten

Die gesellschaftliche Haltung gegenüber dem Miktionsvorgang variiert stark zwischen verschiedenen Epochen und Kulturkreisen. Dies bezieht sich einerseits auf das Ausmaß, in dem die Miktion in der Öffentlichkeit akzeptiert wird. Andererseits existieren verschiedene Normen für Männer und Frauen bezüglich der Körperhaltung.[33]

Körperhaltung beim UrinierenBearbeiten

   
Weibliche Miktion in häufig eingenommener, hockender (links) und männliche in stehender Körperhaltung (rechts)

Männer und Frauen nehmen im westlichen Kulturkreis in der Regel folgende Haltungen zum Urinieren ein: Männer urinieren im Stehen, Frauen im Sitzen oder in der Hocke. Die Differenzierung ist dabei zum Teil durch anatomische Unterschiede bedingt: Männern fällt es leichter, ihren Harnstrahl zu kontrollieren. Jedoch zeigt sich diesbezüglich auch eine interkulturelle Varianz. Herodot berichtet aus dem antiken Ägypten, dass „[…] die Weiber ihren Harn im Stehen lassen und die Männer im Sitzen.“ Auch in verschiedenen anderen Kulturkreisen, beispielsweise bei einigen afrikanischen Ethnien, ist es für Frauen üblich, im Stehen zu urinieren.[34][33] Diese kulturellen Unterschiede sowie die Tatsache, dass spezielle Techniken zum „Stehpinkeln“ für Frauen erlernbar sind,[35] zeigt eine starke kulturelle Prägung der Körperhaltung und dass es sich dabei um erlernte Verhaltensweisen handelt. Um stehend zu urinieren, müssen Frauen die Schamlippen mit zwei Fingern spreizen und frontal nach oben ziehen; somit lässt sich der Urinstrahl kontrollieren.

Im westlichen wie auch in den meisten anderen heutigen Kulturkreisen haben sich eine stehende Körperhaltung für Männer und eine sitzende beziehungsweise hockende für Frauen als soziale Norm etabliert.

In den letzten Jahren kamen einerseits Papptrichtersysteme (Urinella) auf den Markt, die es Frauen ermöglichen, im Stehen zu urinieren (um sich auf einer öffentlichen Toilette nicht hinsetzen zu müssen beziehungsweise um im Freien bequemer urinieren zu können). Weiterhin wurden Frauenurinale für öffentliche Toiletten entwickelt, welche auch eine (halb-)stehende Körperhaltung möglich machen.[36]

Andererseits besteht oft der Wunsch, Männer möchten sich auf Toiletten (im Gegensatz zu Urinalen) hinsetzen. Dies ist bedingt durch die Annahme, die kleinere Entfernung zum Toilettenbecken würde zu einer verbesserten Zielgenauigkeit und damit zu weniger Verunreinigungen führen.[33][37]

Öffentliches und privates UrinierenBearbeiten

 
Versenkbares öffentliches Urinal in Den Haag

Bis ins 19. Jahrhundert war es auch in westlichen Gesellschaften üblich, im Freien zu urinieren. Mit der zunehmenden Verlagerung des Lebens in die Städte und dem Ausbau der Kanalisation (Abwasser) entstanden die Sanitäranlagen Urinal und Toilette in ihrer heutigen Form. Das Zusammenleben vieler Menschen auf engem städtischen Raum und der damit einhergehende erhöhte Hygienebedarf sowie der Wunsch nach Vermeidung von Geruchsbelästigung führten zu einer gesellschaftlichen Sanktionierung des öffentlichen Urinierens.

Dies gilt bis heute und wird in einigen Ländern auch rechtlich sanktioniert, so zum Beispiel in Deutschland als Ordnungswidrigkeit und in Österreich als Anstandsverletzung geahndet. Insbesondere jedoch bei Großveranstaltungen und bei nicht oder nur ungenügend vorhandenen Bedürfnisanstalten findet ein Urinieren in der Öffentlichkeit statt, oftmals auch verstärkt durch eine vermehrte (alkoholische) Flüssigkeitszufuhr (beispielsweise beim Karneval, bei Musikfestivals und auf Partys). Um dem entgegenzukommen, wurden in einigen Städten mit ausgeprägtem Nachtleben wie beispielsweise Amsterdam öffentliche Urinale installiert, die abends aus dem Boden gefahren werden und tagsüber im Bürgersteig verschwinden.

Mit der zunehmenden Verbannung des Urinierens aus dem öffentlichen Raum und mit der Abwicklung des „kleinen Geschäfts“ auf einer Toilette wurde die Miktion im westlich-europäischen Kulturkreis zunehmend privat und auch von einem Bedürfnis nach Privatheit begleitet. Vielen Menschen ist es unangenehm oder gar unmöglich, in Gegenwart anderer Personen zu urinieren. Die Benutzung eines Urinals stellt einen halb-öffentlichen Rahmen dar, insofern als andere Menschen zwar gegenwärtig sind, das Urinal selbst jedoch oftmals mit einem Sichtschutz versehen ist und nur gleichgeschlechtliche Personen anwesend sind.[33]

ExkrementophilieBearbeiten

Bei dieser Form der Salirophilie handelt es sich um eine Vorliebe für Exkremente. Urin wird hier im Szenejargon als Natursekt bezeichnet. Urophile werden sexuell erregt, wenn sie auf andere urinieren, auf sich urinieren lassen oder anderen beim Urinieren zusehen (Voyeurismus). Im Rahmen der Urethralerotik kommt es zur Harnröhrenstimulation.

Urinieren und SportBearbeiten

Segelflieger und Paragleiter können unerwartet lange Flugzeiten erzielen und dabei stark auskühlen. Paragleiter können nur in Bauchlage die Schwerkraft nützen, um sich im Fahrtwind zu erleichtern. Moderne Segelflugzeuge haben eine im Cockpitboden erreichbare Auslass-Öffnung für einen Urinschlauch.[38]

Nass-Tauchanzüge können im Bereich der Leiste eine Pinkelöffnung mit Reißverschluss aufweisen. In einen Trockentauchanzug kann ein Urinalventil (englisch pee valve) innen vorne auf halber Oberschenkelhöhe eingebaut werden, das als Rückschlagventil wirkt und an seiner Innenseite einen Zuleitungsschlauch aufweist. An diesen kann ein Urinalkondom für den Mann angeschlossen und am Penis hochgerollt und angeklebt werden oder aber ein funktionell analoger länglich-flacher Stutzen (Trichter) zum Ankleben (Sprühkleber oder Aufpinseln) an der um die Vulva liegenden Haut mit Schlauchausgang in Richtung einer Schmalseite.[39][40] Die Alternative sind saugfähige Windeln oder Windelhosen. Zum Wasserhaushalt ist zu beachten, dass die menschliche Haut im Süßwasser durch Permeation Wasser aufnimmt. Insbesondere in trockener Luft wie beispielsweise aus einer Druckluftflasche geht dem Körper durch die Atmung Wasser verloren.

Zum Pinkeln an Land im Stehen nach vorne gibt es für Frauen schmal-trichterförmige Formteile aus steiferem Kunststoff oder – zur Einmalverwendung – aus plastifiziertem Faltkarton (siehe Urinella). Diese Stücke werden so mit der länglichen Öffnung an die Vulva angepresst, dass sie abdichten und der Auslauf nach vorne und schräg nach unten weist. Eine per geöffnetem Hosenschlitz gelockerte Hose kann sonst in angezogener Position verbleiben und schützt dadurch weiterhin vor Kälte, Regen, Wind und neugierigen Blicken. Harntropfen können aus dem wieder abgenommenen Trichter ausgeschüttelt werden.

Rollstuhlfahrer verwenden typischerweise einen transurethralen oder suprapubischen Harnblasenkatheter oder ein Urinalkondom, Frauen den in diesem Fall kürzeren Harnblasenkatheter, jeweils in Verbindung mit einem an einem Bein getragenen Urinbeutel.

Marathonläufer und Radrennfahrer urinieren zur Zeitersparnis gegebenenfalls in die Hose; das nennen sie Laufenlassen. Alternativ wird im Wettkampf mitunter eine physiologische Anurie angestrebt, indem das Trinkvolumen absichtlich auch zur Gewichtsreduktion extrem minimiert wird.

Künstlerische Darstellungen der MiktionBearbeiten

Die Darstellung urinierender Personen ist ein wiederkehrendes Motiv in der Kunst, zumal es sich hierbei um eine alltägliche Verrichtung handelt.

Insbesondere im zwanzigsten Jahrhundert wurde die Blasenentleerung als künstlerisches Mittel eingesetzt. Jackson Pollock urinierte im Rahmen einer Performance in ein Kaminfeuer, Andy Warhol produzierte seine berühmten oxidation paintings, indem er zusammen mit Mitgliedern der Factory auf Leinwände urinierte. In Helen Chadwicks Skulpturenserie Piss Flowers wurden Bronzeskulpturen aus den Abdrücken geformt, die entstanden, als sie zusammen mit Freunden in den Schnee urinierte. Sophie Ricketts Fotoserie Pissing Women stellt Frauen dar, die in verschiedenen urbanen Situationen im Stehen urinieren.[41]

Verschiedene in diesem Zusammenhang stehende Kunstwerke erlangten eine über die Kunstszene hinausgehende Aufmerksamkeit. Das Werk Piss Christ aus dem Jahr 1987 von Andres Serrano stellt ein Kruzifix in einem Glas dar, in welches der Künstler urinierte. Das Werk wurde von der Kirche und von zahlreichen religiösen Menschen als Provokation empfunden und verurteilt, unter anderem von dem republikanischen Senator Al D’Amato. Serrano erhielt Beleidigungen und Todesdrohungen. Das Werk wurde 1997 in der National Gallery of Victoria von einem Gegner beschädigt.[41][42] In Deutschland erregte 2011 die von Marcel Walldorf gefertigte Skulptur Pinkelnde Petra Aufsehen. Die in der Hochschule für Bildende Künste Dresden gezeigte Skulptur stellt eine urinierende Polizistin in Uniform dar. Von der preisgekrönten Arbeit fühlten sich die Gewerkschaft der Polizei sowie der sächsische Innenminister Markus Ulbig provoziert, die das Kunstwerk als Beamtenbeleidigung interpretierten.[43][44] In Karlsruhe wurde 1979 am Ettlinger-Tor-Platz der Brigantenbrunnen der Bildhauerin Gudrun Schreiner aufgestellt; er wird auch „Pinkelbrunnen“ genannt und zeigt eine Gruppe Jungen beim Wettpinkeln.[45]

Miktion bei TierenBearbeiten

Die Miktion kommt bei allen Säugetieren vor und erfüllt primär denselben Zweck wie beim Menschen: die Exkretion von harnpflichtigen Stoffwechselprodukten. Über die Funktion der Ausscheidung hinaus erfüllt der Urin, genauer bestimmte darin enthaltene Substanzen, die Pheromone, bei zahlreichen territorial lebenden Tieren jedoch auch den Zweck der Reviermarkierung. Bei kleinen Nagetieren kann der Urin bzw. Pheromone auch als Wegmarkierung verwendet werden. Bei Tieren, die ihren Urin zu Markierungszwecken nutzen, weist dieser oftmals einen intensiven, strengen Geruch (siehe auch Jacobson-Organ) auf.

Die Menge des ausgeschiedenen Urins ist abhängig von der Körpergröße, ausgewachsene Elefanten können ca. 30 Liter Urin auf einmal ablassen. Die Miktionsdauer hingegen ist bei allen größeren Säugetieren (ab ca. 3 kg) ähnlich und beträgt im Mittel ca. 21 Sekunden.[46] Während des Winterschlafs (ca. vier Monate) lassen Eisbären gar keinen Harn ab.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Wiktionary: Miktion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Pinkeln – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Urination – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr [1980], Teil III (L–R), S. 1603.
  2. Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage. De Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-11-033997-0, S. 2199.
  3. Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1903.
  4. Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1989, 9. Band, ISBN 3-7653-1109-X, S. 490.
  5. Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 1074. archive.org Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive.
  6. Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr [1980], Band IV (S–Z), S. 2546.
  7. Günter Thiele: Handlexikon der Medizin, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr [1980], Teil II (F–K), S. 1646.
  8. Karl Ludwig Sailer: Die Gesundheitsfürsorge im alten Bamberg. Dissertation, Erlangen 1970, S. 51.
  9. Dudenverlag: Etymologie – Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, "Der Duden in 10 Bänden", Band 7, Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich 1963, ISBN 3-411-00907-1.
  10. Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin. 16. Auflage. Ullstein Medical Verlag, Wiesbaden 1999, ISBN 3-86126-126-X, S. 1295.
  11. Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 254. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / New York 1982, ISBN 3-11-007187-8, S. 752.
  12. Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon, 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 626. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive.
  13. Günter Thiele: Handlexikon der Medizin, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr [1980], Teil III (L–R), S. 1604.
  14. Günter Thiele: Handlexikon der Medizin, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr [1980], Teil III (L–R), S. 1603.
  15. Wissenschaftliche Tabellen Geigy, herausgegeben von Ciba-Geigy, Basel, 8. Auflage, 4. Nachdruck 1985, Band Einheiten im Meßwesen, S. 51 ff.
  16. Wissenschaftliche Tabellen Geigy, herausgegeben von Ciba-Geigy, Basel, 8. Auflage, 4. Nachdruck 1985, Band Einheiten im Meßwesen, S. 51 ff.
  17. Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, 2. Auflage, Verlag von Veit & Comp., Leipzig 1901, S. 99.
  18. Günter Thiele: Handlexikon der Medizin, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr [1980], Teil III (L–R), S. 1604.
  19. Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe, 9. Auflage, Dudenverlag, Mannheim / Zürich 2012, ISBN 978-3-411-04619-5, S. 500.
  20. Herbert Volkmann (Hrsg.): Guttmanns Medizinische Terminologie, 30. Auflage, Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1941, S. 591.
  21. Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon, 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 530.
  22. Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1173.
  23. Stephan Heinrich Nolte: Psychosomatische Sichtweise fehlt. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 116, Heft 29 f., (22. Juli) 2019, S. 506.
  24. Jürgen Sökeland: Urologie. 10. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1987, ISBN 3-13-300610-X, S. 38.
  25. Jürgen Sökeland: Urologie. 1987, S. 38.
  26. Julius Mahler: Kurzes Repetitorium der medizinischen Terminologie. 4. Auflage. Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1922, S. 180.
  27. Günter Thiele: Handlexikon der Medizin. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore ohne Jahr [1980], Teil I (A–E), S. 545.
  28. Hans Freiherr von Kress: Taschenbuch der Medizinisch-Klinischen Diagnostik, 66. Auflage, Verlag von J. F. Bergmann, München 1949, S. 152 und 155.
  29. Walter Marle: Einführung in die klinische Medizin, Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1927, S. 198.
  30. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände – Conversations-Lexikon, 11. Auflage, 7. Band, F. A. Brockhaus-Verlag, Leipzig 1866, S. 677.
  31. Rote Liste 2021, 61. Ausgabe, Verlag Rote Liste, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3-946057-65-9, Kapitel 81 Urologika, S. 1283–1312.
  32. Gerhard Rodeck (Hrsg.): Urologische Erkrankungen, in: Praxis der Allgemeinmedizin, Band 18, Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore 1987, ISBN 3-541-13121-7, S. 89–91.
  33. a b c d Bettina Moellring: Toiletten und Urinale für Frauen und Männer (PDF; 3,5 MB) Dissertation Universität der Künste Berlin 2004 Toiletten und Urinale für Frauen und Männer urn:nbn:de:kobv:B170-opus-82 urn:nbn:de:kobv:b170-opus-82
  34. Intersex Surgery, Female Genital Cutting, and the Selective Condemnation of “Cultural Practices”. (PDF; 525 kB) “Interestingly, I can report, based on having lived in a small village in Togo, West Africa, that West African women used to urinate standing up, and many still do – although the practice appears to be decreasing, perhaps as a result of Western influence.”
  35. Woman’s Guide on How to Pee Standing (Memento vom 2. September 2004 im Internet Archive)
  36. Stehpinkeln für Frauen
  37. Klaus Schwerma: Stehpinkeln – die letzte Bastion der Männlichkeit, Kleine Verlag, 2000 (Memento vom 2. Mai 2002 im Webarchiv archive.today)
  38. Reviews and happy girls She-P.com, abgerufen 8. November 2016. – Beitrag der Segelfliegerin Vlada.
  39. She-p Pee-valve for women Hersteller She-P, ab etwa 2008/2009, abgerufen 8. November 2016.
  40. GMSD interviews woman who set record for longest scuba dive (Memento vom 8. November 2016 im Internet Archive) kusi.com, 12. und 19. Juli 2015, abgerufen 8. November 2016. – Frau absolviert 51-stündigen Aufenthalt unter Wasser mit Druckluftatmer und sammelt ihren Urin in einer Flasche.
  41. a b Alison Young: Judging the Image: Art, Value, Law. Routledge, 2005, ISBN 0-415-30184-X
  42. Piss Christ and the Serrano Controversy – A theological defence (Memento vom 2. März 2011 im Internet Archive)
  43. „Die Frauen sind auf meiner Seite“ – Der Spiegel
  44. Aufregung um die pinkelnde Petra – Die Zeit
  45. Brigantenbrunnen im Stadtwiki Karlsruhe
  46. Patricia J. Yang, Jonathan C. Pham, Jerome Choo, David L. Hu: Law of Urination: all mammals empty their bladders over the same duration. In: arXiv physics, q-bio. 26. März 2014, arxiv:1310.3737 (englisch, Erstausgabe: 2013).