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DefinitionBearbeiten

Als Anurie bezeichnet man beim erwachsenen Menschen eine Harnproduktion (griech. οὖρα oúra „Harn“) von weniger als 100 ml in 24 Stunden;[1] in der Kinderheilkunde sowie auch in der Tiermedizin gelten (je nach Alter, Größe und Spezies) andere Mengen. Falsche deutsche Bezeichnungen: die Harnverhaltung[2][3] oder fachsprachlich der Harnverhalt.[4] Diese beiden Begriffe sind wegen der von der Anurie abzugrenzenden tatsächlichen Harnverhaltung abzulehnen; vielleicht deswegen fehlt zum Beispiel im Pschyrembel (übrigens konsequent seit der ersten Auflage 1894 von Otto Dornblüth) eine wörtliche deutsche Übersetzung. Es wird die echte, durch eine Nierenschädigung bedingte, renale Anurie von einer prärenal bedingten sowie von einer – bei Verschluss der ableitenden Harnwege vorliegenden – falschen, postrenal bedingten, Anurie unterschieden. Diese falsche Anurie heißt auch Harnsperre.[5]

Alte Bezeichnung: Nierenharnverhaltung; andere Bezeichnungen: altgriechisch Nephranuria und lateinisch Anuria renalis.[6] Außerdem ist die Harnverhaltung (Nephrurischesis)[7] abzugrenzen.

PathophysiologieBearbeiten

Voraussetzung für eine renal bedingte Anurie ist nicht etwa ein Rückgang der glomerulären Filtration auf null. Vielmehr wird die Anurie durch einen Anstieg der tubulären Rückresorption von durchschnittlich etwa 99 % um nur einen Prozentpunkt auf 100 % erreicht. Die harnpflichtigen Stoffe (wie zum Beispiel Kreatinin) werden weiter produziert und können nicht mehr über die Nieren ausgeschieden werden; sie werden also zusammen mit dem Plasmawasser vollständig rückresorbiert.[8] Kreatininbasierte Schätzformeln für die GFR können also keine zuverlässigen Werte liefern. Irrtümlich würden mit solchen Formeln zu kleine glomeruläre Filtrationsraten berechnet werden; denn alle diese Formeln setzen voraus, dass Kreatinin nicht (oder nur geringfügig) tubulär resorbiert wird. Ebenso können die Clearance-Formeln bei einer Anurie wegen des fehlenden Urins nicht verwendet werden.

Der Anstieg der tubulären Rückresorptionsquote kann pathophysiologisch als beabsichtigte und notwendige Verhinderung eines weiteren Flüssigkeitsverlustes im Schock oder bei körperlicher Extrembelastung verstanden werden. Bis zum Beweis des Gegenteils ist jede Anurie also eine erforderliche Kompensation des Herz-Kreislauf-Systems. Im Schock kann die tatsächliche GFR sogar parallel zum HZV ansteigen. Im Kreislaufschock muss nach den kardiologischen Leitlinien das Herzzeitvolumen (HZV, englisch CO für den cardiac output) bestimmt werden; bei Nierengesunden beträgt die tatsächliche GFR etwa zwei Prozent des HZV. Ansonsten kommen beim Verdacht auf eine schwere beiderseitige Nierenkrankheit bei einer Anurie in der Intensivmedizin nur nuklearmedizinische Bestimmungen der GFR in Frage; hier besteht allerdings die Gefahr eines zusätzlichen iatrogenen kontrastmittelinduzierten Nierenversagens. Aber bei einer Anurie bekommt man hierbei als Ergebnis auch nur das Filtrationsverhältnis der beiden einzelnen Nieren mit der Summe 100 % ohne Angabe der tatsächlichen GFR.

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gerd Harald Herold: "Innere Medizin 2019", Köln 2018, ISBN 978-3-9814660-8-9, S. 599.
  2. Duden: "Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke", 4. Auflage, Bibliographisches Institut, Mannheim 1985, ISBN 3-411-02426-7, ISBN 3-13-437804-3, Seiten 108f.
  3. Lutz Mackensen: "Das moderne Fremdwörter-Lexikon", 3. Auflage, VMA-Verlag, Wiesbaden 1988, Seite 45.
  4. Jürgen Sökeland: "Urologie", 10. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York 1987, ISBN 3-13-300610-X, Seite 409.
  5. "Roche Lexikon Medizin", 5. Auflage, Urban & Fischer, München, Jena 2003, ISBN 3-437-15156-8, Seite 101.
  6. Ludwig August Kraus: "Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon", 3. Auflage, Göttingen 1844, Seite 656.
  7. Ludwig August Kraus: "Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon", 3. Auflage, Göttingen 1844, Seite 659.
  8. Ulrich Gessler, K. Schröder: Experimenteller Beitrag zur Pathogenese der akuten Anurie, in: Karl Julius Ullrich, Klaus Hierholzer (Hrsg.): "Normale und pathologische Funktion des Nierentubulus", Verlag Hans Huber, Bern, Stuttgart 1965, S. 349.