Herrenhaus (Gebäude)

ländlich stilisiertes, freistehendes Wohnhaus auf dem Land
(Weitergeleitet von Manor house)

Als Herrenhaus oder Gutshaus wird ein vom Gutsherrn bewohntes Gebäude mit Gutshof bezeichnet. Je nach Region oder Größe wird es oft auch als Schloss bezeichnet. Es gibt auch weitere, regionaltypische Bezeichnungen.

Das Herrenhaus auf Gut Panker

AllgemeinesBearbeiten

Das Herrenhaus und das Schloss unterscheiden sich historisch weniger durch ihre Bewohner als durch ihre Funktion. Die Begriffe Burg und Schloss wurzeln etymologisch in der Verteidigung; beim Schloss nahm der Begriff seit der Renaissancezeit eine erweiterte Bedeutung an. Das Herrenhaus hingegen ist immer der Mittelpunkt eines Gutes, etwa eines Rittergutes oder – in Schleswig-Holstein – Adligen Gutes (beides sind Rechtsbegriffe, denn sie setzen historisch einen Rechtsstatus voraus, nämlich die Mitgliedschaft des Gutbesitzers in der lokal organisierten und im Landtag vertretenen Ritterschaft). Ein Herrenhaus war in jedem Fall das Zentrum eines landwirtschaftlichen Betriebes, einer Gutsherrschaft oder zumindest eines Gutshofs mit Ackerbau oder eines Weinguts, Waldguts oder Teichguts.

Der Gutsherr – der dem Adel entstammen konnte, aber nicht musste – war in der Regel nicht nur Landbesitzer und Arbeitgeber, sondern Herr einer Grundherrschaft, das heißt ihm oblag die rechtliche Verwaltung und Nutzungsvergabe von land- oder forstwirtschaftlich genutzten Flächen an die Grundholde (Untertanen) sowie die Ausübung öffentlich-rechtlicher Befugnisse wie der Polizeigewalt und der Gerichtsbarkeit. Diente ein Schloss lediglich repräsentativen Zwecken (oder wie ein Lustschloss Erholungszwecken) und gehörte kein Gutsbetrieb dazu, ist es kein Herrenhaus. Ist das Herrenhaus besonders groß oder aufwändig gestaltet, wird es umgangssprachlich meist als Schloss bezeichnet. In Schleswig-Holstein und Mecklenburg war die Bezeichnung „Schloss“ den Häusern des Landesherrn vorbehalten, in Pommern und Brandenburg waren es daneben ursprünglich auch die Häuser der Schlossgesessenen (denen der Landesherr einen besonderen Status verliehen hatte).

Der Begriff „Herrenhaus“ wird eher in Norddeutschland verwendet. Im Mittelalter wurden auch Burgen meist als hûs („Haus“ im Sinne eines Festen Hauses – vgl. Burg Niehuus) bezeichnet, was vor allem in Norddeutschland, insbesondere im Rheinland, in Westfalen und in Niedersachsen bis heute gebräuchlich blieb, wo Burgen, Schlösser oder Herrenhäuser des niederen Adels zumeist als Haus XY bezeichnet werden (z. B. Haus Lüttinghof), ähnlich wie beim englischen „XY House“ (etwa Stowe House). Weiter im Süden, beginnend in Sachsen und Sachsen-Anhalt, in Bayern, Baden-Württemberg oder Österreich, werden auch kleine Herrenhäuser meist „Schloss“, „Gutshof“ oder „Hof“ genannt. Der frühere Herrensitz des Grundherrn in einer bayrischen oder österreichischen Hofmark wird im bairischen Sprachraum als Hofmarkschloss bezeichnet. Weitere lokal gebräuchliche Begriffe sind etwa „Ansitz“ (Tirol) oder „Campagne“ (Bern).

Die bauliche Entwicklung der Herrenhäuser setzte mit der Entstehung der landwirtschaftlichen Güter (vergleiche Meierhof) um 1500 ein. Ursprünglich handelte es sich um schlichte aber massive Wohnhäuser, die den Mittelpunkt der Gutsanlagen bildeten. In den Dokumenten historischer Archivbestände werden diese Häuser daher oft als Festes Haus bezeichnet. Oft hatten sie jedoch auch nur einen Feldsteinsockel und darüber einen Fachwerkaufbau, zudem teilweise einen Gewölbekeller und als Anbau einen Treppenturm. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts setzte sich der Ziegelstein für die Außenmauern durch. Über zweiflügelige Anlagen entwickelte sich das Herrenhaus zum die umliegende Landschaft auch optisch beherrschenden Dreiflügelhaus weiter. Im Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde das Herrenhaus zum Zentralbau größerer Hofanlagen. Ihm vorangestellt war häufig ein Torhaus, das den Eingang zur Anlage bildete.

Herrenhäuser in DeutschlandBearbeiten

BrandenburgBearbeiten

 
Herrenhaus „Schloss“ Blankensee
 
Gutshaus Mon Plaisir in Altkünkendorf, Uckermark, Brandenburg
 
Gutshaus Katelbogen in Mecklenburg

Auch in Brandenburg fehlt eine klare Abgrenzung vom Schloss zum Herrenhaus; wie zum Beispiel beim Schloss Blankensee. Bereits Fontane stellte den Widerspruch in der in Brandenburg seit langem gebräuchlichen, jedoch unkorrekten Verwendung des Wortes „Schloss“ heraus. Gleichwohl spricht er von dem Mut der Brandenburger zur Verwendung einer „ausgleichenden höheren Titulatur“ und schließt sich der traditionellen Bezeichnung insbesondere hinsichtlich repräsentativer Herrenhausbauten als „Schlösser“ an.

In der wissenschaftlichen Literatur setzt sich, zumindest für die ehemaligen preußischen Provinzen folgende „Ausgangsdefinition“ durch: Als Herrenhaus wird das Wohnhaus einer privilegierten adligen Gutsherrschaft (Rittergut) bezeichnet, diese steht in engem Zusammenhang mit der Wahrnehmung und Ausübung ihrer gutsherrschaftlichen Rechte und Pflichten. Diese Rechte und Pflichten beziehen sich auf die Grund-, Leib- und Gerichtsherrschaft sowie das Kirchen- und Schulpatronat im Bereich des jeweiligen Rittergutsbezirkes. Ebenfalls eng verbunden mit diesen Privilegien war die sog. „Land-“ bzw. „Kreistagsfähigkeit“ des Rittergutes. Insgesamt betrachtet gilt jedoch aufgrund der komplexen sozioökonomischen Entwicklung der sich insbesondere im 19. Jahrhundert äußerst heterogen entwickelnden Gruppen von Großgrundbesitzern für die Handhabung des Wortes Herrenhaus eine fallweise Abwägung der jeweiligen wesentlichen Einflussfaktoren vor dem Hintergrund der jeweiligen Epoche.

Mecklenburg-VorpommernBearbeiten

Siehe: Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern

Ähnlich wie in Schleswig-Holstein konnten die Herrenhäuser im heutigen Mecklenburg-Vorpommern große Ausmaße annehmen, wurden aber nie als Schloss bezeichnet, außer sie gehörten dem Landesherrn. Adelsfamilien wie die von Maltzahn besaßen eine Vielzahl von Gütern in verschiedenen Regionen des Landes. In der 40-jährigen Bestehensphase der DDR gehörte der Schutz herrschaftlicher Häuser nicht zum Programm. So wurden die Häuser bis zur Unkenntlichkeit umgebaut oder als Steinbruch genutzt und großteils abgetragen. Inzwischen ist man sich aber der geschichtlichen Bedeutung der Gutsanlagen bewusst geworden, so dass viele wieder restauriert und neuen Nutzungen zugeführt wurden.

Nordrhein-WestfalenBearbeiten

 
Haus Dellwig, Dortmund

In Nordrhein-Westfalen, besonders im Münsterland, entwickelten sich die meisten Herrenhäuser aus ehemals befestigten Burg- und Wohnanlagen. Die einfache Bezeichnung als Haus ist hier sehr viel gängiger als der Terminus Herrenhaus; wird aber ähnlich fließend benutzt und die Übergänge vom Haus zum Herrenhaus bis zum Schloss sind durchaus gleitend und werden unterschiedlich angewandt und interpretiert. Im Raum Wuppertal ist auch die Bezeichnung Hofeshaus gebräuchlich.

Sehr häufig sind die Anlagen in Verbindung mit Wassergräben – die sich hier Gräften nennen – zu finden, die den ehemals wehrhaften Charakter des Hauses unterstreichen, z. B. in Haus Stapel. Kunstgeschichtlich sind Anlagen von der Gotik bis zur Neuzeit zu finden, viele sind zudem noch immer bewohnt und stellen weiterhin den Mittelpunkt von großen Gütern dar. Andere Herrenhäuser werden heute zu kulturellen Zwecken genutzt und sind auch für Besucher geöffnet. Bekannte Beispiele für westfälische Herrenhäuser sind Haus Rüschhaus, Haus Bodelschwingh oder Haus Kemnade.

Schleswig-HolsteinBearbeiten

 
Herrenhaus des Gutes Emkendorf, Schleswig-Holstein
 
Herrenhaus des Gutes Knoop, Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein sind die Herrenhäuser prägende Bestandteile der Kulturlandschaft. Sie waren die Zentren der sogenannten Adligen Güter, die in der Ritterschaft immatrikuliert waren, aber entgegen ihrem Namen zumindest in der Neuzeit durchaus auch Bürgerlichen gehören konnten. Bedingt durch Zugehörigkeit des Herzogtum Holstein zum Deutschen Reich (das Herzogtum Schleswig blieb hingegen bis 1864 dänisches Lehen) und die jahrhundertelange Verwaltung beider Herzogtümer durch Dänemark entstand hier ein einflussreicher und reicher Landadel, der seine Güter oft bis zur Schlossgröße, wie zum Beispiel in Borstel ausbauen konnte.

In Schleswig-Holstein sind die Herrenhäuser aus großen Gutshöfen hervorgegangen, davon zeugen in der Regel die großen Wirtschaftsgebäude und Torhäuser, die für Schleswig-Holsteiner Anlagen typisch sind und die das eigentliche Herrenhaus in ihren Dimensionen oft übertreffen (z. B. in Hasselburg). Ab dem Mittelalter bis zur Renaissance hat sich in Schleswig-Holstein für viele Herrenhäuser das sog. Mehrfachhaus bewährt, hierbei wurden mehrere Langhäuser mit jeweils eigenem Satteldach längs zueinander errichtet und mit Türmen, Giebeln und Erkern variiert. Typische Anlagen dieser Zeit sind zum Beispiel Ahrensburg, Nütschau und Wahlstorf. Auch das Schloss Glücksburg ist in dieser Form gestaltet. Im Barock setzen sich für die Herrenhäuser schlossartige Bauformen durch; zu den bekanntesten Anlagen dieser Zeit gehören die Herrenhäuser auf Emkendorf, Pronstorf oder auch auf dem lauenburgischen Wotersen. Viele Häuser erhielten jetzt zudem parkähnliche Gärten, von denen der – nur noch in Rudimenten vorhandene – Jersbeker Park sogar überregionale Bekanntheit erhält. Analog zur Entwicklung im Schlossbau wurden ab dem Klassizismus bis zum Historismus die Herrenhäuser dem neuen Zeitgeschmack angepasst oder neu errichtet, Gut Knoop ist ein bekanntes Beispiel für ein klassizistisches Herrenhaus im Land, Breitenburg für ein neugotisches.

Die Geschichte des Herrenhauses in Schleswig-Holstein ist noch nicht vorbei, viele Anlagen sind bis heute bewohnt und zum Teil sogar seit Jahrhunderten im Familienbesitz, sie sind Mittelpunkt ländlicher Güter und/oder kulturelle Treffpunkte, wie etwa Salzau. Gleichzeitig stellen die historischen Anlagen große Ansprüche an die Denkmalpflege und die finanziellen Möglichkeiten ihrer Besitzer.

Rest von PreußenBearbeiten

Siehe: Gutsbezirk

Nicht deutschsprachige GebieteBearbeiten

 
Kinross House, Schottland

West- und NordeuropaBearbeiten

In England und Irland sowie den Südstaaten der USA sind die Bezeichnungen manor, house oder hall für ein, meist adliges, Gut verbreitet. Berühmte Herrenhäuser im Vereinigten Königreich sind Wilton House, Petworth House, Stourhead, Mount Edgcumbe House und Lancaster House. In Schweden, Norwegen und Dänemark wird herrgård bzw. herregård verwendet. In Frankreich ist der Begriff manoir gebräuchlich. In der niederländischen Provinz Groningen werden die zu Herrenhäusern erweiterten, bäuerlichen Steinhäuser Borgen genannt.

OsteuropaBearbeiten

In früheren osteuropäischen Staaten, wie Polen-Litauen oder Ungarn, in denen der Adel einen relativ hohen Anteil an der Gesamtbevölkerung hatte, waren Herrenhäuser oft von sehr bescheidener Größe und aus Holz gebaut, trotzdem durch eine spezielle Form gekennzeichnet und mit Parkanlage gestaltet. Diese Art von Herrenhäuser wird auf Polnisch dwór genannt („Hof“), im Gegensatz zu pałac („Schloss“), der dem Hochadel gehörte.

KretaBearbeiten

Herrenhäuser treten auch in anderen Kulturkreisen und historischen Zusammenhängen auf; beispielsweise bezeichnet man eine große, reiche Villa auf dem Land in der kretisch-minoischen Kultur als „Herrenhaus“; sie waren vor allem in der minoischen Kultur (Neupalastzeit, um 1700 bis 1450 v. Chr.) auf Kreta verbreitet.

Moderne NutzungBearbeiten

Da die historische Funktion der Herrenhäuser als Zentrum einer Gutsherrschaft nicht mehr gegeben ist, sind vor allem seit dem Ende des Landadels 1918 bzw. erneut nach 1945 (u. a. Bodenreformen) und 1990 neue Konzepte für die Nutzung nötig geworden. Es gibt heute verschiedenste moderne Nutzungsvarianten für historische Herrenhäuser und Gutsanlagen.[1] Beispiele sind:

Siehe auchBearbeiten

Portal: Burgen und Schlösser – Übersicht zum Thema Burgen, Schlösser und Herrenhäuser

LiteraturBearbeiten

  • Sabine Bock: Gutsanlagen und Herrenhäuser. Betrachtungen zu den historischen Kulturlandschaften Mecklenburg und Vorpommern. Hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern. Thomas Helms Verlag Schwerin 1996, 2. erweiterte und überarbeitete Auflage 2001, 3. überarbeitete Auflage 2007.
  • Renate de Veer: Steinernes Gedächtnis. Gutsanlagen und Gutshäuser in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Handbuch. 4 Bände. Stock & Stein u. a., Schwerin u. a. 2005–2008, ISBN 978-3-89995-499-9 (Bd. 1–3), ISBN 978-3-939401-28-5 (Bd. 4), (Zugleich: Halle, Universität, Dissertation, 2005: Historische Gedächtnisse sind Palimpseste.).
  • Nils Meyer: Leerräume. Der Umgang mit Denkmalen als Sinnstiftungsprozess am Beispiel der Schlösser und Herrensitze in Brandenburg (= Stadtentwicklung und Denkmalpflege. Bd. 14). Jovis-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86859-081-4.

WeblinksBearbeiten

Commons: Manor house – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Herrenhaus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Gutshaus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Alte Schlösser: Nutzungskonzepte gefragt, FAZ Online, 16. Dezember 2008