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Juliane Lorenz

deutsche Filmeditorin, Filmregisseurin, Filmproduzentin und Autorin

LebenBearbeiten

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Juliane Lorenz wurde unter dem Namen Juliane Maria Ketterer als Tochter des Laboranten Wilhelm Waizmann und der Schneiderin (und späteren Synchroncutterin) Frieda Ketterer geboren und wuchs zunächst in Hinterzarten im Schwarzwald auf, danach in Stuttgart, Wiesbaden und München. Durch die Heirat der Mutter mit dem Kulturfilmregisseur Dieter Lorenz bekam sie 1961 den Namen Lorenz übertragen. Nach der Scheidung der Mutter 1970 lebte sie in Bad Wörishofen und ging im nahegelegenen Kaufbeuren auf das Marien-Gymnasium. Nach einer kurzen Unterbrechung des Schulbesuchs nach der Mittleren Reife absolvierte sie ein Praktikum in einem Filmkopierwerk in München und entschloss sich danach, weiter die Schule zu besuchen. 1974 begann sie ein Studium an der Hochschule für Politik München und erlernte parallel dazu bei Margot von Schlieffen die technischen Grundlagen des Filmschnitts.

1975 schnitt sie für Ernst Batta die ersten Filme, 1976 war sie als Assistentin von Ila von Hasperg am Schnitt und der Vertonung von Rainer Werner Fassbinders Film Chinesisches Roulette beteiligt. Aus der Begegnung mit Fassbinder entwickelte sich eine Arbeitsgemeinschaft, die bis zu dessen Tod 1982 fortdauerte und insgesamt 14 Filme umfasste. In den letzten Lebensjahren Fassbinders bestand auch eine Lebensgemeinschaft von ihm mit Juliane Lorenz. Gelegentlich trat sie in seinen Filmen als Schauspielerin in kleinen Rollen auf. Nach Lorenz' Angaben vollzogen beide 1978 in Fort Lauderdale (Florida) eine nichtbeglaubigte Ehe-Zeremonie.[1][2][3]

Fassbinders Erbe fiel dann nach seinem Tod 1982 an seine Eltern. Fassbinders Mutter Liselotte Eder übertrug ihren Erbteil 1986 an die von ihr gegründete Rainer Werner Fassbinder Foundation, gemeinnützige Nachlaßgesellschaft mbH (RWFF); Fassbinders Vater, Helmuth Fassbinder, ließ sich 1988 auszahlen, wodurch auch sein Erbteil auf die RWFF überging. 1991 übertrug Liselotte Eder die gesamten Anteile an der RWFF an Juliane Lorenz, welche diese seit 1992 als alleinige Gesellschafterin und Geschäftsführerin leitet. Als 1993 Liselotte Eder verstarb, wurde Juliane Lorenz deren Alleinerbin und damit Rechtsnachfolgerin von ihr und Rainer Werner Fassbinder.

1992 initiierte sie die erste deutsche Fassbinder-Gesamtretrospektive in Deutschland, der 1997 die erste Gesamtretrospektive in den USA im Museum of Modern Art, New York, folgte und 2005, zu seinem 60. Geburtstag, eine erste Gesamtretrospektive und Ausstellung im Centre Georges Pompidou in Paris. Unter ihrer Gesamtleitung wurden von den 43 Fassbinder-Filmen bis heute über 30 Filme restauriert und für den weltweiten Neu-Vertrieb auf moderne Datenträger übertragen.

Lorenz arbeitete auch nach Fassbinders Tod weiterhin als Schnittmeisterin (u. a. mit Werner Schroeter, Teresa Villaverde, Romuald Karmakar, Oskar Roehler) und seit 1983 auch als Autorin und Regisseurin von Dokumentarfilmen. Darüber hinaus ist sie Publizistin, u. a. Das ganz normale Chaos (1995), Im Land des Apfelbaums (2002), und verfasst filmspezifische Essays und Artikel. Sie erhielt Preise für ihre Arbeit als Schnittmeisterin; zuletzt wurde ihr während des Filmfestivals Filmplus 2013 in Köln der Geissendörfer Ehrenpreis für ihr Lebenswerk überreicht.[4] Lorenz ist als Spezialistin des Fassbinderwerkes weltweit gefragt und wird bei RWF-Retrospektiven und Seminaren von renommierten Institutionen und Universitäten geladen. Sie ist Mitglied der Deutschen Filmakademie und der European Film Academy und Vorstandsmitglied der Freunde des Deutschen Filminstituts (DIF) in Frankfurt.

Lorenz, die von 1995 bis 2005 aus privaten und beruflichen Gründen überwiegend in den USA lebte, hat ihren Lebensmittelpunkt heute in Berlin, wo auch die Rainer Werner Fassbinder Foundation ihren Sitz hat.

2012 wurde bekannt, dass Lorenz auch von der international bekannten Film- und Theaterschauspielerin Rosel Zech, die unter anderem die Hauptrolle in Fassbinders Erfolgsfilm Die Sehnsucht der Veronika Voss verkörpert hatte, testamentarisch zur Erbin bestimmt worden ist[5].

KontroverseBearbeiten

2007, in Fassbinders 25. Todesjahr, gab es bei der Berlinale eine Aufführung der restaurierten Fernsehserie Berlin Alexanderplatz. Eine Gruppe ehemaliger Fassbinder-Mitarbeiter warf Lorenz und der RWFF vor, den Film bei der digitalen Abtastung aus kommerziellen Gründen aufgehellt zu haben.[6] Der Künstlerische Leiter der Restaurierung, Originalkameramann Xaver Schwarzenberger wies die Vorwürfe zurück. Der Autor Tilman Jens gab in der Fernsehsendung Kulturzeit an, dass die belastenden Behauptungen gegen Lorenz falsch seien.[7]

Filmografie (Auswahl)Bearbeiten

Als FilmeditorinBearbeiten

Als Regisseurin / Autorin / MontageBearbeiten

  • 1983: Berlinale 1983 (Dokumentarfilm: auch Montage)
  • 1987: Auf der Suche nach der Sonne (TV-Dokumentarfilm) Ko-Regie mit Werner Schroeter
  • 1998: Life, Love & Celluloid (Dokumentarfilm: Produzentin, Buch & Montage)
  • 2007: Berlin Alexanderplatz: Ein Mega Movie und seine Geschichte (Dokumentarfilm: Produzentin, Buch & Montage)
  • 2007: Berlin Alexanderplatz: Beobachtungen bei der Restaurierung (Dokumentarfilm: Produzentin, Buch & Montage)
  • 2010: Welt am Draht: Blick Voraus ins Heute (Dokumentarfilm: Produzentin, Buch & Montage)
  • 2015: Fassbinder Regie: Annekatrin Hendel (Dokumentarfilm) Ko-Autorin
  • 2017: Acht Stunden sind kein Tag : Eine Familienserie wird zum Ereignis (Dokumentarfilm: Produzentin, Buch & Montage)

AuszeichnungenBearbeiten

  • 1991: Deutscher Filmpreis in der Kategorie Schnitt für Malina
  • 2013: Geissendörfer Ehrenpreis und Hommage beim Festival Filmplus 2013

LiteraturBearbeiten

  • Kurt Raab und Karsten Peters: Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder. C. Bertelsmann Verlag und Script Buchagentur, München 1982, ISBN 3-570-03117-9
  • Peter W. Jansen und Wolfram Schütte (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder. Fischer Taschenbuch Verlag Lizenzausgabe, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-596-11318-0, mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags, München, 5. ergänzte und erweiterte Ausgabe 1985.
  • Herbert Gehr, Marion Schmid, Rainer Werner Fassbinder Foundation (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder: Dichter Schauspieler Filmemacher. Katalog zur Werkschau in Berlin 1992. Sonderausgabe für den Buchhandel, Argon Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-87024-212-4.
  • Juliane Lorenz (Hrsg.): Das ganz normale Chaos: Gespräche über Rainer Werner Fassbinder. Henschel Vlg., Berlin 1995, 2. Auflage 2012, ISBN 3-89487-227-6.
  • Thomas Elsaesser: Rainer Werner Fassbinder. Bertz + Fischer, Berlin 2001, ISBN 3-929470-79-9.
  • Roger Crittenden: Fine Cuts. The Art of European Film Editing. Focal Pr, Oxford 2005, ISBN 0-240-51684-2.
  • Juliane Lorenz und Daniel Kletke (Hrsg.): Rainer Werner Fassbinder: Im Land des Apfelbaums: Gedichte und Prosa aus den Kölner Jahren 1962/63. Schirmergraf, München 2005, ISBN 3-86555-019-3.
  • Juliane Lorenz/Lothar Schirmer: R.W. Fassbinder – Die Filme 1966–1982, Schirmer/Mosel, München 2016, ISBN 978-3-8296-0698-1

QuellenBearbeiten

  • Les Monteurs Associés: Le Secret de Juliane Lorenz. Mai 2010
  • Ian Buruma: The Genius of Berlin. In: The New York Review of Books. 17. Januar 2008
  • Thomas Sotinel: Berlin Alexanderplatz – Le grand film de Fassbinder en copie réstaurée et en DVD. In: Le Monde. 6. Oktober 2007
  • Susan Vahabzadeh: Der einzige Zeuge – Schwarzenberger im Interview. In: Süddeutsche Zeitung. 14. Juni 2007
  • Hanns-Georg Rodek: Ich sorge dafür, dass Fassbinder ewig erhalten bleibt. In: Die Welt. 8. Juni 2007
  • Joachim Güntner: Alte offene Rechnungen. In: Neue Zürcher Zeitung. 6. Juni 2007
  • Andreas Kilb: Das alles ist seit fünfundzwanzig Jahren bekannt – im Gespräch mit Michael Ballhaus. In: FAZ. 4. Juni 2007
  • Presseerklärung der Rainer Werner Fassbinder Foundation zu dpa-Meldung Fassbinder Mitarbeiter: Lorenz soll Foundation abgeben. vom 30. Mai 2007, vom 6. Juni 2007
  • Presseerklärung der Rainer Werner Fassbinder Foundation zu dem Artikel Man kann uns nicht einfach ausradieren. In: Die Zeit. 24. Mai 2007, vom 6. Juni 2007
  • Verena Luecken und Michael Althen: Weißt du, die Filme sind halt unsere Kinder. In: FAZ. 9. Februar 2007
  • Urs Hangartner: Er war, Entschuldigung, ein Genie. In: Neue Luzerner Zeitung. 25. Februar 2006
  • Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF). In: Handbuch der Kulturstiftungen. 2. Auflage, Berlin 2004
  • Odile Benyahia-Kouder: Pendant dix ans, je n’ai pu que porter le deuil. In: Libération. 6. Oktober 2004
  • Jan-Marc Lalanne: L’age libre. In: Cahiers du Cinema. 2/2002
  • Stefan Elfenbein: Einspruch einer Ungeliebten. In: Die Zeit. 21. Februar 2002
  • Regina Urban: Faszination Fassbinder. In: Nürnberger Nachrichten. 13. Dezember 2001
  • Laurence Kardish: Recent Films from Germany. In: The Museum of Modern Art. 1. November 1998
  • David Stratton: Life, Love&Celluloid – A Journey and a Filmretrospective. In: Variety. 13. April 1998
  • Mel Gussow: 3 who worked with Fassbinder recall a demon and magician. In: The New York Times. 27. Januar 1997
  • Peter W. Jansen: Die Parasiten des Ruhms. In: Der Tagesspiegel. 23. Januar 1997
  • Eugène Andréanszky: J’ai ferai tous mes films avec toi – entretien avec Juliane Lorenz. In: Cahiers du Cinema. 6/1993
  • Erika Richter: Schneiden für Rainer Werner Fassbinder: Die Cutterin Juliane Lorenz. In: Film und Fernsehen. 2/1992
  • Volker J. Müller: Filmschnitt – Das kreative Element. In: Professional Production. 5/1989, Nr. 22

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Peter Zander: Familienkrach um Rainer Werner Fassbinder. In: Welt. 24. Mai 2007
  2. Christiane Peitz: Die Ehe des Rainer Werner F. In: Der Tagesspiegel. 5. Juni 2007
  3. Kurt Raab und Karsten Peters: Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder, C. Bertelsmann Verlag, München 1982, S. 347f.
  4. Filmplus ehrt Juliane Lorenz, Bundesverband Filmschnitt, Pressemitteilung von Filmplus vom 30. Oktober 2013
  5. Warum hat Rosel Zech ihre Mutter (93) enterbt? Abgerufen am 29. Oktober 2019.
  6. Streit um Fassbinder-Stiftung. Es werde Licht. Süddeutsche Zeitung, 19. Mai 2010
  7. Tilman Jens: Der Witwenkrieg - Zwei Frauen streiten um einen Fassbinder. Kulturzeit, 3sat, 11. Juni 2007