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Helmut Gröttrup

deutscher Ingenieur und Erfinder der Chipkarte
Helmut Gröttrup als GAO-Geschäftsführer, ca. 1977

Helmut Gröttrup (* 12. Februar 1916 in Köln; † 4. Juli 1981 in München) war ein deutscher Ingenieur. Er verantwortete die Bordsysteme und Steuerung im deutschen Aggregat 4 (V2)-Projekt und für die sowjetische Raketenentwicklung, war danach an der Entwicklung elektronischer Systeme für die Logistiksteuerung, Betriebsdatenerfassung und Identifikationssysteme beteiligt und trug entscheidend zur Erfindung der Grundlagen der Chipkarte bei.[1]

Inhaltsverzeichnis

Jugend und AusbildungBearbeiten

Helmut Gröttrups Vater Johann Gröttrup (1881–1940) war Ingenieur für Maschinenbau. Er arbeitete hauptberuflich beim Bund der technischen Angestellten und Beamten (Butab), einer sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaft in Berlin. Seine Mutter Thérèse Gröttrup (1894–1981), geb. Elsen, war in der Friedensbewegung aktiv. Johann Gröttrup wurde 1933 arbeitslos. Helmut Gröttrup machte 1935 das Abitur und begann 1936 ein Physik-Studium an der Technischen Hochschule Berlin. Im gleichen Jahr wurde er vom Wehrbezirkskommando als „tauglich“ eingestuft und bis 1939 zurückgestellt. 1939 schloss er sein Studium in der Fachrichtung Physik mit sehr gut ab. Seine Diplomarbeit schrieb er bei Prof. Hans Geiger über Zählrohrphysik, die er ebenfalls mit sehr gut abschloss. Nach seinem Studium arbeitete er im „Forschungslaboratorium für Elektronenphysik“ in Berlin-Lichterfelde bei Manfred von Ardenne, das er Ende September 1939 verlassen musste, um einem Gestellungsbefehl nach Peenemünde zu folgen.

A4 (V2)-ProjektBearbeiten

Ab Dezember 1939 war Helmut Gröttrup Entwicklungsingenieur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde für die Gebiete Messtechnik, Funkmesswertübertragung, Fernsteuerung und autonome Steuerungen. Als Assistent des Entwicklungschefs Wernher von Braun war Gröttrup am Bau der Großrakete Aggregat 4 (bekannt als V2) beteiligt. Gröttrup entwickelte unter Ernst Steinhoff in der Abteilung Bord-, Steuer- und Meßgeräte (BSM) die Lenk- und Steuersysteme des A4 und konnte mit seinem umfassenden physikalischen Wissen viel zur Fehleranalyse bei Abstürzen beitragen. Die zentralen Steuerungs- und Regelungsfunktionen wurden hierbei vom sogenannten „Mischgerät“ ausgeführt, einem elektronischen Analogrechner auf Röhrenbasis, den Helmut Hölzer entwickelt hatte.

Am 13. März 1944 wurde Gröttrup zusammen mit Wernher und Magnus von Braun sowie Klaus Riedel von der Gestapo verhaftet und in das Gefängnis nach Stettin gebracht, ein paar Tage später auch seine Frau Irmgard Gröttrup. Ihnen wurde Wehrzersetzung und Defätismus vorgeworfen, sich mehr für die bemannte Raumfahrt einzusetzen als für kriegsdienliche Raketen. Walter Dornberger, Generalmajor der Wehrmacht und Leiter des deutschen Raketenprogramms, konnte innerhalb weniger Tage ihre Freilassung durchsetzen, weil sie unverzichtbar für die Entwicklung des A4 waren.[2] Gröttrups Gerichtsverfahren wurde bis Kriegsende ausgesetzt, er blieb aber in Gewahrsam des Sicherheitsdiensts der SS. Er arbeitete weiterhin in Peenemünde an der Weiterentwicklung des A4, bis der Arbeitsstab Dornberger mit 450 Führungskräften ab 17. Februar 1945 auf der Flucht vor der sowjetischen Armee alle Aktivitäten nach Bad Sachsa verlegt wurde, in der Nähe des seit September 1943 bestehenden Mittelwerk GmbH in der Nähe von Nordhausen. Ab 11. April 1945 wurden die Wissenschaftler auf Anordnung der SS mit einem Zug nach Oberammergau gebracht. Auf diesem Transport setzte sich Gröttrup, der von einem erneuten Haftbefehl und Exekution durch die SS bedroht wurde, in Freising ab und floh zu seiner Familie nach Witzenhausen in Nordhessen.

Sowjetisches RaketenprogrammBearbeiten

Da Gröttrup sich nicht von seiner Familie trennen wollte, lehnte er es im Rahmen der Operation Paperclip ab, für die Amerikaner in den USA zu arbeiten wie viele namhafte Wissenschaftler der A4-Entwicklung aus Peenemünde, u. a. Wernher von Braun, Walter Dornberger und Ernst Steinhoff, die zunächst interniert wurden. Die Sowjetunion ermöglichte Gröttrup, seine Arbeit in Deutschland fortzusetzen und mit seiner Familie zusammenzubleiben. Er war der bedeutendste deutsche Raketenspezialist, den sich die Sowjetunion für ihr Raketenprogramm sichern konnte.[3]

Ab Mitte Juni 1945 übergab die amerikanische Besatzungsmacht Thüringen an die Rote Armee, wie in der Konferenz von Jalta vereinbart, nachdem sie alle im Mittelwerk gelagerten technischen Unterlagen und 110 für den Kriegseinsatz fertiggestellte A4 mit 341 Güterwagen in den Westen und später in die USA gebracht hatte. Vorgefertigte Komponenten und insbesondere Raketentriebwerke waren jedoch in den von den Amerikanern zurückgelassenen Fertigungsstätten des Mittelwerks reichlich vorhanden für umfangreiche Analysen und den vollständigen Aufbau von weiteren ca. 40 A4. Die Konstruktionsunterlagen der A4 mussten jedoch in der Sowjetischen Besatzungszone praktisch vom Nullpunkt rekonstruiert werden. Die Sowjets gründeten daher im Juli 1945 das Institut Rabe (Raketenbau und -entwicklung) und im September 1945 das Büro Gröttrup in Bleicherode, zunächst unter Leitung von Boris Tschertok.[4][5]:81–82

Im Februar 1946 wurden das Institut Rabe und das Büro Gröttrup zum Institut Nordhausen (auch unter dem Namen Zentralwerke bekannt) unter der Leitung von Generalmajor Lew Gajdukow und dem sowjetischen Raumfahrtpionier Sergei Koroljow als Chefkonstrukteur zusammengeführt. Die deutsche Leitung wurde Helmut Gröttrup als Generaldirektor übertragen. Mehr als 4.000 Mitarbeiter arbeiteten daran, die Konstruktionsunterlagen des A4 wiederherzustellen, die Entwicklung zu verbessern und die Produktion des A4 und ihrer Bestandteile wieder aufzunehmen.[5]:91–102 Im Juli 1946 versuchten der amerikanische und der britische Geheimdienst Gröttrup in den Westen abzuwerben[6]:32, ihre Absichten wurden jedoch durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD aufgedeckt. Gröttrup wurde durch Iwan Serow, dem Leiter der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und späteren Chef des KGB, verhört und unter Beobachtung gestellt.[5]:125f.,225

Da es sich bei der Rakete A4 um ein Rüstungsgut handelte, war deren Entwicklung und Produktion in Deutschland ein klarer Verstoß gegen das Potsdamer Abkommen. Am 13. Mai 1946 beschloss der sowjetische Ministerrat die Überführung der deutschen Spezialisten bis Ende 1946 in die UdSSR und veranlasste entsprechende Vorbereitungen.[5]:108, 126 Am 22. Oktober 1946 wurden im Rahmen der Aktion Ossawakim etwa 160 ausgewählte Wissenschaftler und Ingenieure, die am Institut Nordhausen für die Sowjetunion arbeiteten, unter Geheimhaltung und Zwang zusammen mit ihren Familien per Zug in die Sowjetunion deportiert, unter ihnen Helmut Gröttrup, der Spezialist für Aerodynamik Werner Albring, der Ingenieur für Steuerungs- und Messtechnik Heinrich Wilhelmi und der Experte für Kreiselsysteme Kurt Magnus. Sie wurden auf die Insel Gorodomlja (heute Siedlung Solnetschny) im Seligersee gebracht, die sie nur unter sowjetischer Begleitung verlassen durften.[7][8]

In der neu gegründeten Filiale 1 der Forschungs- und Entwicklungsstätte für Weltraumraketen NII-88 (russ. научно-исследовательский институт) unter der Leitung von Sergei Koroljow und Helmut Gröttrup als Leiter des deutschen Kollektivs setzten die deutschen Spezialisten ihre Arbeit fort, um Produktion und Einsatzverfahren des A4 zum Laufen zu bringen. Bis zum 13. November 1947 gab es elf Startversuche von in Deutschland gebauten und in der Sowjetunion nachgebauten A4-Raketen, von denen fünf erfolgreich verliefen. Das deutsche Kollektiv konstruierte außerdem viele Verbesserungen für die komplett aus sowjetischer Fertigung gebaute R-1, die erstmals im Oktober 1948 gestartet wurde, auch um sehr speziellen Werkstoffe zu ersetzen. Die Sowjetunion entschied ab 1950, auf die deutschen Spezialisten zu verzichten, zog diese von den Raketenprojekten ab und beschäftigte sie längere Zeit noch anderweitig, um deren Spezialkenntnisse über Raketen veralten zu lassen.

Das deutsche Kollektiv musste auf Gorodomlja verbleiben, ehe im Frühjahr 1952 die ersten Familien heimkehren durften. Am 22. November 1953 kehrte Gröttrup mit seiner Familie als letzter deutscher Wissenschaftler nach Deutschland zurück und floh im Dezember 1953 mit Hilfe der amerikanischen und britischen Geheimdienste von Ost-Berlin nach Köln und wurde durch das britische Joint Intelligence Committee im Rahmen der Operation Dragon Return zum Stand der sowjetischen Raketenentwicklung ausgefragt. Gröttrup warnte dabei deutlich, die sowjetischen Fähigkeiten und ihre Zielstrebigkeit auf keinen Fall zu unterschätzen.[9][6]:222–225

 
Helmut Gröttrup im Jahr 1958 in Bremen bei der Erläuterung des Grundprinzips der Rakete

Das A4 bildete eine wesentliche Grundlage für das sowjetische Raketenprogramm und war Vorlage für die verbesserte R-2 und die erste Interkontinentalrakete R-7.[10] Die meist theoretischen Arbeiten der deutschen Wissenschaftler, die aufgrund von Materialmangel und neuen Ideen der Experten verbesserte Lösungskonzepte vorschlugen, trugen nennenswert zum Erfolg der sowjetischen Raumfahrt bei. Dieser begann im Oktober 1957 mit dem Start des ersten Sputnik-Satelliten in eine Umlaufbahn und wurde im April 1961 mit Juri Gagarin als erstem Kosmonauten fortgesetzt. Die dabei als Trägerrakete verwendete R-7 beruhte auf einer Bündelung von insgesamt 20 A4-ähnlichen Triebwerken mit kegelförmigen Raketenkörpern, wie sie die deutschen Wissenschaftler bereits 1949 in Gorodomlja vorgeschlagen hatten. Aus politischen Gründen wurden jedoch die Beiträge des deutschen Kollektivs zur sowjetischen Raketenentwicklung in der Öffentlichkeit lange Zeit als unbedeutend eingestuft.[11][12]

Helmut Gröttrup war mit Irmgard Gröttrup (1920–1991), geb. Rohe, verheiratet, deren Buch Die Besessenen und die Mächtigen über die Jahre in der Sowjetunion 1958 veröffentlicht wurde und sehr detailliert in tagebuchartigen Erinnerungen über diese Zeit Aufschluss gibt.[13]

InformatikBearbeiten

Zurück in Deutschland war er bei der Standard Elektrik AG und nach deren Fusion mit C. Lorenz bei ihrer Nachfolgerin Standard Elektrik Lorenz in Pforzheim beschäftigt (1954–1958). Gröttrup wurde 1957 zusammen mit Karl Steinbuch dafür bekannt, dass sie den Begriff Informatik prägten.[14] Er arbeitete maßgeblich an der Konzeption und Inbetriebnahme des Elektronischen Rechenautomat ER 56[15], der ersten volltransistorierten Datenverarbeitungsanlage deutscher Herkunft, und der weltweit ersten kommerziellen Datenverarbeitungsanwendung für die Steuerung der Logistik des Quelle-Versands mit. Danach arbeitete er als Werksleiter für die Elektrotechnische Fabrik Josef Mayr in Pforzheim, die im April 1960 von Siemens & Halske übernommen wurde und 1963 nach München verlagert wurde. Dort arbeitete er am Aufbau eines neuen Arbeitsgebiets zur Produktionsplanung mit Hilfe integrierter Datenverarbeitung. Im April 1965 machte sich Gröttrup selbständig und gründete die Datentechnische Gesellschaft (DATEGE), die unter anderem einen Matrixdrucker (damals von ihm Mosaikdrucker genannt) auf der Hannover-Messe vorstellte und elektrisch kodierte Zugangssysteme entwickelte.

Erfindung der ChipkarteBearbeiten

1966 meldete Gröttrup einen „Identifikationsschalter“ zur Identifizierung des Kunden und Freigabe des Zapfvorgangs in einer Tankstelle zum Patent an.[16] Er versuchte zunächst, die Information elektromechanisch oder in sequenziell auslesbaren elektronischen Speichern festzuhalten. Am 6. Februar 1967 meldete Gröttrup mit DE1574074 einen „nachahmungssicheren Identifizierungsschalter“ auf Basis eines monolithisch integrierten Halbleiters an, der sehr kompakt aufgebaut ist und keinerlei Leitungen nach außen besitzt.[17] Gemäß dieser Erfindung sind die Informationen aufgrund der ebenfalls geprüften Abmessungen „nicht durch diskrete Bauelemente nachahmbar“. Die Identifikationsdaten werden durch integrierte Zähler dynamisch so variiert, dass der zugrunde liegende Schlüssel nicht durch einfaches Auslesen kopierbar ist und daher im Chip verborgen bleibt. In einer dazu parallelen Anmeldung DE1574075 beschrieb Gröttrup die drahtlose Übertragung durch induktive Ankopplung, die später zur RFID-Technik führte.[18] Diese beiden Erfindungen enthalten die wesentlichen Elemente für das Funktionsprinzip und die Sicherheit aller späteren Anwendungen der Chipkarte für den Zahlungsverkehr, Telefonkarten, SIM-Karten sowie Ausweissysteme und ID-Karten. Damit erbrachte Helmut Gröttrup den ersten entscheidenden Schritt für die Erfindung der Chipkarte.

Am 13. September 1968, also mehr als 18 Monate später, reichte Gröttrup in Österreich die Patentanmeldung „Identifizierungsschalter“ ein, in welcher der 1967 angemeldete „nachahmungssichere Identifikationsschalter“, angereichert mit weiteren technischen Ausführungsformen, erneut beschrieben und beansprucht wird. In dieser Anmeldung wurde Gröttrups neuer Geschäftspartner Jürgen Dethloff als Miterfinder benannt. Diese erneute Anmeldung war möglich, weil die beiden deutschen Anmeldungen von 1967 noch nicht als Offenlegungsschrift veröffentlicht waren. Am 15. Mai 1970 erteilte das Österreichische Patentamt das Patent AT287366B. Unter Bezugnahme auf die österreichische Priorität von 1968 wurde Patentschutz auch in Deutschland beantragt und am 1. April 1982 mit der Patenterteilung DE1945777C3 erlangt.[19] Dabei reduzierte sich der Patentschutz weitgehend auf die Inhalte der vorhergehenden Patentanmeldung von 1967. Das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) benennt die Chipkarte als Meilenstein der Technikgeschichte unter den Erfindungen, die das Alltagsleben entscheidend beeinflussen.[20] Auf dieser Basis werden in der Fachwelt für die Erfindung der Chipkarte das Prioritätsdatum (13. September 1968) und die benannten Erfinder der in Österreich und Deutschland erteilten Patente zugrundegelegt, zumal auf dieser Basis Patentschutz auch in weiteren wichtigen Industrieländern, u. a. Frankreich, Großbritannien und USA, erteilt wurde.[21][22]

Banknotenbearbeitung und maschinenlesbare MerkmaleBearbeiten

Ab Juli 1970 leitete Gröttrup die von Siegfried Otto, dem Eigentümer der Banknotendruckerei Giesecke & Devrient in München, gegründete Gesellschaft für Automation und Organisation mbH (GAO)[23]:121–123 und legte die Basis für den später erfolgreichen Produktbereich Chipkarten für Zahlungsverkehrs- und Sicherheitssysteme im Unternehmensbereich Karten (seit April 2018 G+D Mobile Security GmbH). GAO produzierte 1979 weltweit die ersten normgerechten Chipkarten (Größe 85,60 mm × 53,98 mm, Dicke 0,76 mm) im Labormaßstab.[24] Außerdem verantwortete Gröttrup als Geschäftsführer den Aufbau des Produktbereichs für die automationsfähige Banknote[23]:201–205 mit maschinenlesbaren Sicherheitsmerkmalen zur Erkennung von Falschgeld und die Entwicklung von Systemen zur automatisierten Banknotenbearbeitung. Das Modell ISS 300 als Halbautomat erreichte anfangs eine Verarbeitungsgeschwindigkeit von 4 Banknoten pro Sekunde und wurde ab 1977 bei der Deutschen Bundesbank eingeführt.[25] Die ISS 300 wurde in 67 Länder verkauft und setzte damit einen weltweiten Standard für Banknotenbearbeitungssysteme. Sie wird seit 2006 im Deutschen Museum im Betrieb vorgeführt und demonstriert als frühes Beispiel automatischer Mustererkennung eine bedeutende Anwendung der Informatik.[26]

Das Funktionsmuster des Modells ISS 3000 als erster Vollautomat mit sehr ehrgeizigen 40 Banknoten pro Sekunde wurde 1977 bei der Federal Reserve Bank of New York getestet, aber bis zum Serienanlauf in 1987 nochmals grundlegend überarbeitet[1]:18, ehe das System als BPS 3000 flächendeckend bei der Federal Reserve Bank der Vereinigten Staaten eingesetzt wurde.[27] Der Unternehmensbereich Banknotenbearbeitung (seit April 2018 G+D Currency Technology GmbH, Division Currency Management Systems) entwickelte sich auf dieser Basis seit Mitte der 1990er Jahre zum Weltmarktführer für die Ausstattung von Zentralbanken und die Qualitätsprüfung in Banknoten-Druckereien.[23]:205–217

HommageBearbeiten

„Helmut Gröttrup war ein von seiner Arbeit zutiefst überzeugter Ingenieur. […] Ich muß ehrlich anerkennen, daß er mir als Mensch und als talentierter Ingenieur gefiel. Er besaß diesen ‚göttlichen Funken‘.“

Boris Tschertok: Raketen und Menschen (Band 1), S. 248

„Es gelang ihnen, den von den Amerikanern enttäuschten H. Gröttrup für ihre Pläne zu interessieren. Dieser damals 30 Jahre alte Elektronik-Ingenieur hatte in Peenemünde […] auch einen sehr breiten Überblick über den damaligen Stand der Raketentechnik gewonnen. Sein freundliches, offenes Wesen, seine schnelle Auffassungs- und Kombinationsgabe und schließlich auch sein Organisationstalent ließen Gröttrup zur Schlüsselfigur der von den Sowjets geplanten Raketenentwicklungsgruppe werden.“

Kurt Magnus: Raketensklaven, S. 20

„In allen Stufen seiner Laufbahn prägten seine Arbeit menschliche Wärme, beispielhaftes Pflichtbewußtsein, hoher Intellekt, hervorragende Fähigkeiten sowohl im organisatorischen Bereich als auch beim Führen von Mitarbeitern, die er zu hohen Leistungen zu motivieren verstand. […] Seine Ausbildung, die vielfältigen Erfahrungen und sein breitgefächertes physikalisches Wissen in Verbindung mit seiner besonderen Begabung für die Lösung theoretischer Aufgaben und das außerordentliche Geschick für Organisation und Menschenführung erschlossen ihm ein neues faszinierendes Arbeitsgebiet: Evolution und Revolution der für Gesellschaft, Wirtschaft und Kreditwirtschaft bedeutsamen Zahlungsverkehrssysteme.“

– Nachruf in Zeitschrift „Geldinstitute“, Juli 1981

„Mit seinen Raketen-Konstruktionsphilosophien legte Helmut Gröttrup den sowjetischen Konstrukteuren einen Schatz in die Hände, die zu einer Raketen-Zellenkonstruktion führte, die […] heute noch in jeder SOJUS-Raketenversion erfolgreich fliegt. Mit jedem Start beweist diese Rakete die Genialität der komplexen konstruktiven Arbeiten Deutscher in der UdSSR.“

Olaf Przybilski: Von Raketen zu Chipkarten, S. 7, Februar 2017

„Gröttrup hatte geholfen, die Basis zu legen für die späteren ersten großen Schritte der sowjetischen Raumfahrt, ihre anfängliche Führungsposition in Richtung Mond. Der große Triumph blieb ihm verwehrt. […] Helmut Gröttrup blieb ein anderes Lebenswerk vorbehalten: Er erfand später die Chipkarte und ließ sich diese patentieren. Den Wettlauf zum Mond konnte er nicht gewinnen, dafür revolutionierte, beschleunigte, vereinfachte er weltweit das Bezahlen von Rechnungen, den Zugang legitimierter Personen zu exklusiven Bereichen, die Handhabung von Ausweisen für die Bibliothek, für die Krankenkasse, für den Bankautomaten. Viele sagen, dies sei ein größerer Sprung für die Menschheit gewesen als der Sieg beim Wettrennen ins All.“

Ulli Kulke: Weltraumstürmer, S. 137

„Gröttrup hatte die Gabe, zuhörungsfähig und zuhörungswillig zu sein. Gröttrup hörte zu, dachte über das Gehörte nach und entließ seine Gesprächspartner mit guten Hinweisen und hoch motiviert. Er hatte die Gabe eines Lehrers mit Jugendlichen, die noch nicht wissen, dass sie für sich lernen, sondern vielfach für den Lehrer lernen, wenn er ihnen gefällt. [...] Und das könnte Tschertok mit seinem „göttlichen Funken“ gemeint haben.“

Reinhard Weißgerber: Festrede zum 100. Geburtstag Gröttrups (unveröffentlicht)

VeröffentlichungenBearbeiten

  • Helmut Gröttrup: Studienanalyse halbautomatischer Dokumentationsselektoren. In: Forschungsberichte des Wirtschafts- und Verkehrsministeriums Nordrhein-Westfalen. Nr. 604. Springer Fachmedien, Wiesbaden 1956, ISBN 978-3-663-03744-6 (112 S.).
  • Helmut Gröttrup: Über Raketen. Eine allgemeinverständliche Einführung in Physik und Technik der Rakete. Ullstein, Berlin 1959, DNB 451676866 (244 S.).
  • Hans Bolewski; Helmut Gröttrup (Hrsg.): Der Weltenraum in Menschenhand. Mit einem Vorwort von Irmgard Gröttrup. Kreuz-Verlag, Stuttgart 1959, DNB 455453322 (238 S.).
  • Technik und Bedeutung ballistischer Fernraketen. In: Hans Bolewski, Helmut Gröttrup (Hrsg.): Der Weltenraum in Menschenhand. Kreuz-Verlag, Stuttgart 1959, S. 82–94: „So fällt es nicht schwer, zu erkennen, daß die nichtmilitärischen Aufgaben der Rakete bis heute noch nicht genügend gefördert werden und daß Wünsche nach einer vernünftigen Unterstützung von Forschungsaufgaben, die mit Raketen gelöst werden können, berechtigt sind.“

LiteraturBearbeiten

  • Werner Albring: Gorodomlia. Deutsche Raketenforscher in Russland. Luchterhand Literaturverlag, München 1991, ISBN 978-3-630-86773-1 (260 S.).
  • Kurt Magnus: Raketensklaven. Deutsche Forscher hinter rotem Stacheldraht. Elbe-Dnjepr-Verlag, Mockrehna 1999, ISBN 978-3-933395-67-2 (360 S.).
  • Boris E. Tschertok: Raketen und Menschen. Deutsche Raketen in Sowjethand. Band 1. Elbe-Dnjepr-Verlag, Mockrehna 1998, ISBN 978-3-933395-00-9 (492 S.).
  • Ulli Kulke: Weltraumstürmer: Wernher von Braun und der Wettlauf zum Mond. Quadriga, Berlin 2012, ISBN 978-3-86995-026-6 (288 S.).
  • Sharon Dodua Otoo: Herr Gröttrup setzt sich hin. (PDF; 111 kB) Bachmann-Preis 2016. 2. Juli 2016, abgerufen am 13. Mai 2019.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Horst Böttge; Alfred Schmidt: Von Raketen zu Chipkarten – Zum 100. Geburtstag von Helmut Gröttrup. (PDF; 2,65 MB) Veranstaltung im Ehrensaal des Deutschen Museums in München. 3. Februar 2017, abgerufen am 16. Mai 2019.
  2. David Irving: Unternehmen Armbrust. (PDF; 2,5 MB) Der Kampf des britischen Geheimdiensts gegen Deutschlands Wunderwaffen. Der Spiegel, 17. November 1965, abgerufen am 22. April 2019.
  3. Werner Albring: Forschungs- und Entwicklungsprobleme von Raketen, bearbeitet in einer Eremitage auf der Insel im Seligersee ( 1946 bis 1952). Vortrag in der Sitzung der Technikwissenschaftlichen Klasse am 25. September 1998. Hrsg.: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Akademie-Verlag, Berlin, ISBN 3-05-003321-5 (15 S.).
  4. Boris E. Tschertok: Raketen und Menschen. Deutsche Raketen in Sowjethand. Band 1. Elbe-Dnjepr-Verlag, Mockrehna 1998, ISBN 978-3-933395-00-9 (492 S.).
  5. a b c d Matthias Uhl: Stalins V-2. Der Technologietransfer der deutschen Fernlenkwaffentechnik in die UdSSR und der Aufbau der sowjetischen Raketenindustrie 1945 bis 1959. Dissertationsschrift mit Reproduktion vieler Originaldokumente. Bernard & Graefe Verlag, Bonn 2001, ISBN 978-3-7637-6214-9 (304 S.).
  6. a b Paul Maddrell: Spying on Science: Western Intelligence in Divided Germany 1945–1961. Hrsg.: Oxford University Press. 2006, ISBN 978-0-19-926750-7 (englisch, 344 S.): “An unsuccessful attempt had even been made to entice Helmut Gröttrup to leave his job as director of the Institut Rabe at Bleicherode and take up work in Britain.”
  7. Anatoly Zak: News and history of astronautics in the former USSR – German team on Moscow. Abgerufen am 1. Dezember 2016 (englisch).
  8. Anatoly Zak: News and history of astronautics in the former USSR – German team on Gorodomlya Island. Abgerufen am 1. Dezember 2016 (englisch).
  9. Paul Maddrell: Einfallstor in die Sowjetunion. (PDF; 1,9 MB) Die Besatzung Deutschlands und die Ausspähung der UdSSR durch den britischen Nachrichtendienst. In: Institut für Zeitgeschichte. 1. Februar 2003, abgerufen am 11. Mai 2019: „Der R-14-Entwurf der Gruppe Gröttrup für eine Rakete, die eine Ladung von 3000 Kilogramm bis zu 3000 Kilometer tragen sollte, bestätigte ebenfalls die sowjetische Entschlossenheit, Raketen mit großer Reichweite zu bauen.“
  10. Olaf Przybilski: Wie die UdSSR die deutsche Rakete Aggregat 4 assimilierte. (PDF, 129 kB) In: Luft- und Raumfahrt 2/2006, S. 44. Februar 2006, abgerufen am 3. Mai 2019.
  11. Anatoly Zak: German contribution in the Soviet rocketry: Myth and Reality. 12. August 2012, abgerufen am 11. Mai 2019 (englisch): „striking resemblance between a cone-like aerodynamic shape proposed by the Gröttrup team for several of its rockets and Korolev’s own designs, which appeared in metal years later. Korolev’s largest rockets – the R-7 and the ill-fated N1 moon rocket, both featured exotic conical shape“
  12. Boris Tschertok; Ursula Gröttrup: Kurs Peenemünde. (PDF; 790 kB) mit einem Leserbrief von Ursula Gröttrup zur Richtigstellung einiger Behauptungen. Raumfahrt Concret, Juni 1999, abgerufen am 17. Mai 2019.
  13. Irmgard Gröttrup: Die Besessenen und die Mächtigen. Im Schatten der roten Rakete. Steingrüben Verlag, Stuttgart 1958, OCLC 73419520.
  14. Die Geburt der Informatik. Heinz Nixdorf Forum (HNF) Blog, 2. Juli 2018, abgerufen am 16. Mai 2019: „1956 gab es bei uns auch die Informatik, zumindest als Wort: Sie steckte im Informatikwerk Stuttgart der Standard Elektrik AG.“
  15. Elektronischer Rechenautomat ER 56. (PDF; 10,2 MB) Informatikwerk der Standard Elektrik Lorenz AG, April 1961, abgerufen am 16. Mai 2019.
  16. Patent DE1524695: Identifizierungsschalter. Angemeldet am 6. Dezember 1966, veröffentlicht am 26. November 1970, Anmelder: Tankbau Weilheim AG, Erfinder: Helmut Gröttrup.
  17. Patent DE1574074: Nachahmungssicherer Identifizierungsschalter. Angemeldet am 6. Februar 1967, veröffentlicht am 25. November 1971, Anmelder: Intelectron Patentverwaltung GmbH, Erfinder: Helmut Gröttrup.
  18. Patent DE1574075: Identifizierungsschalter mit induktiver Zuordnung. Angemeldet am 6. Februar 1967, veröffentlicht am 25. November 1971, Anmelder: Intelectron Patentverwaltung GmbH, Erfinder: Helmut Gröttrup.
  19. Patent DE1945777C3: Identifizierungsschalter. Angemeldet am 10. September 1969, veröffentlicht am 1. April 1982, Erfinder: Jürgen Dethloff, Helmut Gröttrup.
  20. Postergalerie DPMA 2014_Nr. 33: Chipkarte von Jürgen Dethloff und Helmut Gröttrup [1]
  21. Der Chip-Bürger – Alles auf eine Karte. (PDF; 662 kB) Der Spiegel 47/1994, 21. November 1994, abgerufen am 17. Mai 2019 (Link zeigt das Titelbild des Spiegel; PDF des Artikels von dieser Seite aus ladbar).
  22. Norbert Pötzl: Alles auf eine Karte. Die Chipkarte wird 50. Spiegel Online, 13. September 2018, abgerufen am 16. Mai 2019: „Ohne dieses Stück Plastik geht im Alltag wenig, Chipkarten durchdringen unser Leben wie kaum eine andere technische Neuerung. Und wer hat’s erfunden? Zwei deutsche Tüftler, anno 1968.“
  23. a b c Jan Hendrik Prell; Horst Böttge: Giesecke & Devrient 1852–2002. Werte im Wandel der Zeit. Hrsg.: Giesecke & Devrient. Deutscher Sparkassen Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-09-303892-1.
  24. Horst Böttge; Tobias Mahl; Michael Kamp: Von der ec-Karte zu Mobile Security 1968–2012. Hrsg.: Giesecke & Devrient. Battenberg Gietl Verlag, München 2013, ISBN 978-3-86646-549-7 (deutsch, englisch, 248 S.).
  25. Falschgeld. (PDF; 308 kB) Mit einem Super-Computer will die Bundesbank Geldfälschern auf die Spur kommen. Der Spiegel 6/1977, 31. Januar 1977, abgerufen am 16. Mai 2019 (Link zeigt das Titelbild des Spiegel; PDF des Artikels von dieser Seite aus ladbar).
  26. Hartmut Petzold: Jahresbericht 2006. (PDF; 4,24 MB) Deutsches Museum, 2007, S. 24, abgerufen am 23. Juli 2019.
  27. History of Currency Counting at the Federal Reserve Bank of Philadelphia. The 1990s: State of the Art Security. In: Federal Reserve Bank of Philadelphia. Abgerufen am 24. Juli 2019 (englisch).