Geldtheorie

Disziplin der Volkswirtschaftslehre

Geldtheorie ist eine Disziplin der Volkswirtschaftslehre, in der Wesen und Funktionen, Wert sowie Wirkungen des Geldes untersucht werden.

AllgemeinesBearbeiten

Teilgebiete der Geldtheorie sind unter anderem die Theorie der Geldnachfrage, die Theorie des Geldangebotes (siehe auch Geldschöpfung), die Erklärung des geldpolitischen Transmissionsmechanismus, die Inflationstheorie, die Zinstheorie und die Theorie der Geldpolitik.

Moderne GeldtheorieBearbeiten

Definition von GeldBearbeiten

Als Geld bezeichnet man alles, was als Zahlungsmittel in einer Volkswirtschaft akzeptiert wird. Heutzutage dienen vor allem Banknoten und Münzen (Bargeld) und Guthaben auf Bankkonten (Buchgeld) als Zahlungsmittel. Banknoten und Münzen werden beim täglichen Einkauf insbesondere für kleinere Beträge verwendet. Guthaben auf Bankkonten können durch Überweisung, Lastschrift, Scheck oder mittels Kreditkarte übertragen werden; dies wird als bargeldloser Zahlungsverkehr bezeichnet. Ein wichtiges Merkmal des heutigen Geldes ist, dass es keinen realen Stoffwert besitzt. Die Akzeptanz von heutigem Bargeld und Bankguthaben im Geschäftsverkehr basiert sowohl auf dem Vertrauen darauf, dass das Geld auch in Zukunft als Zahlungsmittel akzeptiert werden wird, als auch auf staatlichem Zwang („gesetzliches Zahlungsmittel“).

Funktionen von GeldBearbeiten

Geld erfüllt mehrere Funktionen im Wirtschaftsalltag.[1]

  • Tauschmittelfunktion: Geld dient als Tauschmittel. Ohne Geld wäre es viel schwieriger, Tauschgeschäfte abzuschließen. Ein Bäcker, der Fleisch haben möchte, müsste einen Schlachter finden, der zum gleichen Zeitpunkt eine entsprechende Menge an Brot haben möchte, damit ein Tauschgeschäft zustande kommt.[2] Ein allgemein akzeptiertes Tauschmittel bewirkt, dass schneller Tauschpartner gefunden werden und damit die Kosten für die Suche nach einem Tauschpartner reduziert werden. Außerdem sind die meisten Menschen über den Wert des täglich verwendeten Geldes besser informiert als über andere von Dritten angebotene Produkte, so dass es nicht notwendig ist, vor dem Tausch den Wert der Gegenleistung mühsam zu ermitteln.
  • Maß der Werte (Recheneinheit und Preisausdrucksmittel)[3]: Geld drückt den Preis der Waren aus; damit können die in Geldeinheiten ausgedrückten Werte verschiedener Güter und Dienstleistungen gut miteinander verglichen werden. Bei vier Gütern, von denen eines als Geld verwendet wird, gibt es genau drei Geldpreise. Ohne Geld als allgemeinem Wertmaßstab (Recheneinheit) gäbe es insgesamt 6 Preisverhältnisse (Preis von Gut 1 in Einheiten der Güter 2, 3 und 4; Preis von Gut 2 in Einheiten der Güter 3 und 4; Preis von Gut 3 in Einheiten von Gut 4). Ohne Geld ist die Situation also viel unübersichtlicher, so dass es schwieriger ist, ökonomische Entscheidungen zu fällen.
  • Wertaufbewahrungsmittel. „Geld erleichtert ... die Anhäufung und Aufbewahrung von Werten.“ In Form von Bargeld (Banknoten, Münzen) und Sichtguthaben erhält es die Kaufkraft des Besitzers über einen gewissen Zeitraum hinweg.[4] Für die Aufbewahrung des gesamten Geldvermögens stehen in modernen Volkswirtschaften auch zahlreiche andere Möglichkeiten zur Verfügung, und zwar sowohl in physischer Form (wertvolle Güter, zum Beispiel Gold, oder reales Anlagevermögen, zum Beispiel Maschinen), als auch in finanzieller Form wie Rentenpapiere, Aktien, Investmentzertifikate, Ansprüche gegenüber Versicherungen oder Ansprüche aus Pensionsrückstellungen usw.

Die Funktionen des Geldes begründen die Nachfrage nach Geld. Die Nachfrage nach Geld als Tauschmittel hängt vor allem von der Höhe des beabsichtigten Tauschvolumens und der Höhe der Zinsen ab, auf die man verzichtet, wenn man statt zinsbringender Vermögenswerte Geld hält (bei hohen Zinsen ist es vorteilhaft, durchschnittlich weniger Geld und mehr zinsbringende Vermögenswerte zu halten und im Gegenzug dazu bei niedrigen Zinsen öfter Wertpapiere zu verkaufen, um Geld für den Erwerb von Gütern und Dienstleistungen zu erhalten). Die Nachfrage nach Geld als Wertaufbewahrungsmittel hängt vor allem von der Höhe des gesamten Vermögens, von der Höhe der Verzinsung alternativer Vermögenswerte und von dem Risiko ab, das der Besitz von Geld in Form von Geldentwertung im Vergleich zum Risiko anderer Vermögenswerte mit sich bringt. Wenn das offizielle Zahlungsmittel eines Landes die Geldfunktionen aufgrund schneller Geldentwertung (Inflation) nicht mehr erfüllt, wird es immer weniger nachgefragt und reale Güter oder ausländische Währung übernehmen die Geldfunktionen. Diesen Vorgang bezeichnet man als Währungssubstitution.

Entstehung von GeldBearbeiten

 
Herstellung von Banknoten in Russland.

Geld entsteht heutzutage üblicherweise in einem zweistufigen Bankensystem, das aus Zentralbank und (Geschäfts)-Banken besteht.[5] Definieren Staaten in einem Gebiet eine bestimmte Währung als gesetzliches Zahlungsmittel, so benötigen die Banken diese Währung, um im Währungsgebiet legal Geschäfte machen zu können. Diese Nachfrage nach dem gesetzlichen Zahlungsmittel (legal tender) befriedigt die Zentralbank.

Geld – das gesetzliche Zahlungsmittel – entsteht, indem Geschäftsbanken bei der Zentralbank entweder einen Kredit aufnehmen, also Schulden machen, oder indem sie der Zentralbank Wertpapiere, Devisen oder Wechsel verkaufen. Dabei handelt es sich um sogenannte Offenmarktgeschäfte. Für die Schulden müssen Banken Zinsen zahlen, deren Höhe durch den Leitzins bestimmt ist, den die Zentralbank festlegt. Des Weiteren müssen die Geschäftsbanken im Fall einer Kreditaufnahme Wertpapiere als Sicherheit hinterlegen, deren Marktwert höher ist als der Kredit.

Das so geschöpfte Zentralbankgeld wird den Banken auf ihren Konten bei der Zentralbank gutgeschrieben. Eine Geschäftsbank kann über ihr Guthaben entweder elektronisch verfügen, um beispielsweise Überweisungen zu einer anderen Bank zu tätigen, oder sie lässt es sich als Bargeld (Banknoten oder Münzen) auszahlen.

Über ihr geldpolitisches Instrumentarium (insbesondere Leitzins und Offenmarktpolitik) steuert die Zentralbank indirekt die Kreditvergabe und Zinspolitik der Geschäftsbanken und wirkt so auch auf die Geschäftstätigkeit der Nicht-Banken ein.

Giralgeld entsteht hauptsächlich, indem eine Bank einen Kredit vergibt und dem Kunden den entsprechenden Betrag auf seinem Konto gutschreibt. Auch bei dieser Art der Geldschöpfung spielen die von Bankkunden beizubringenden Sicherheiten eine wichtige Rolle, um das Ausfallrisiko (der Kunde kann den Kredit nicht zurückzahlen) abzufedern. Bei der Kreditvergabe kommt es zu einer Bilanzverlängerung; die Aktivseite der Bankbilanz wächst um den Kreditbetrag, die Passivseite wächst um das Kontoguthaben des Kunden. Banken können die Geldmenge jedoch nicht beliebig durch Kreditvergabe erhöhen, weil sie verpflichtet sind, diese Kredite je nach Ausfallrisiko mit bis zu 8 % Eigenkapital zu unterlegen und mit 1 % auf ihrem Konto bei der Zentralbank zu unterlegen (sog. Reserven). Weitere begrenzende Faktoren sind generell die Bereitschaft der Banken zu Kreditvergaben sowie der Kunden zu Kreditaufnahmen (im Falle von Banken-, Wirtschafts- oder Finanzkrisen kann die Giralgeldschöpfung nachlassen und die Giralgeldmenge sinken – vgl. Nettokreditaufnahme).

Zusammenhang zwischen Geldmenge und InflationsrateBearbeiten

Unter Inflation versteht man den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Letzteres wird als gewichteter Durchschnitt der Preisänderungen von Gütern eines Warenkorbs bestimmt, der dem durchschnittlichen Konsum entspricht. Durch den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus verliert das Geld an Wert und damit an Kaufkraft. Die prozentuale Veränderungsrate des Preisniveaus heißt Inflationsrate. Liegt eine negative Inflationsrate vor – das Absinken des allgemeinen Preisniveaus – so nennt man diese Erscheinung Deflation.

Es ist empirisch gut belegt, dass auf mittlere und lange Frist eine hohe positive Korrelation zwischen der Wachstumsrate der Geldmenge und der Inflationsrate besteht.[6] Sehr hohe Inflationsraten, so genannte Hyperinflationen (wie beispielsweise die der Finanzierung des Ersten Weltkrieges folgende Deutsche Inflation 1914 bis 1923), wurden immer durch eine starke Ausweitung der Geldmenge (im Gegensatz zu stagnierender oder sinkender Gütermenge) hervorgerufen, oft begleitet von einer Währungssubstitution. Bei vergleichsweise niedrigen Inflationsraten (unter 10 Prozent pro Jahr) ist hingegen umstritten, inwieweit die mit der Inflation einhergehende Geldmengenausweitung Ursache oder Folge der Inflation ist.

Geschichte der GeldtheorieBearbeiten

Die Geschichte der Geldtheorie ist eng mit der Geschichte der Makroökonomie und der Geschichte des Geldes verzahnt. Die Entwicklung der Geldtheorie kann in folgende Phasen untergliedert werden: Vormoderne Geldtheorie, Klassische Geldtheorie, Keynesianische Geldtheorie, Neoklassische Synthese, Monetarismus, Neue Klassische Makroökonomik und Neukeynesianismus.

Vormoderne GeldtheorieBearbeiten

Obwohl bei Platon keine ausgearbeitete Geldtheorie nachzuweisen ist, lassen seine geldpolitischen Richtlinien – z. B. seine Abneigung gegen den Gebrauch von Gold und Silber, oder seine Idee einer heimischen Währung, die im Ausland wertlos wäre – erkennen, dass er davon ausging, dass der Wert des Geldes von seiner stofflichen Substanz unabhängig sei. Aristoteles hingegen vertrat genau die entgegengesetzte Theorie.[7] Joseph A. Schumpeter spricht im ersten Fall von „Chartal-Theorie“, im anderen Fall von Metallismus oder der „metallistischen Theorie“ des Geldes.[8]

Im Mittelalter war das Geld zentrale Frage für die Finanzierung, insbesondere der militärisch bedingten Ausgaben der Territorialherren, die oft durch Geldabwertung bzw. Münzverschlechterung bestritten wurde. Die von Thomas von Aquin bzw. Tholomeus von Lucca vertretene Meinung, das Geld sei Besitz des Herrschers und könne in seinem Wert frei von ihm festgesetzt werden, wandelte sich dahingehend, dass es vielmehr der Allgemeinheit gehöre und der Geldwert somit von den Ständen zu bestimmen sei. Diese Sichtweise wurde am akzentuiertesten von Nikolaus von Oresme in seinem um 1358 verfassten Tractatus de mutatione monetarum vorgebracht. Gabriel Biel übernahm Oresmes Argumente und passte sie den damals herrschenden Verhältnissen an, wobei er nicht ganz so rigoros auf der Geldwertstabilität beharrte wie Oresme.

Klassische GeldtheorieBearbeiten

Die Phase der klassischen Geldtheorie währte von etwa 1800 bis 1936. Das wesentliche Merkmal der klassischen Geldtheorie war die Annahme, dass der güterwirtschaftliche (reale) und der geldwirtschaftliche (monetäre) Sektor der Volkswirtschaft voneinander unabhängig waren (Klassische Dichotomie von realem und monetärem Sektor). Geld hatte nach Auffassung der Klassiker lediglich die Aufgabe, den Tausch von Gütern und Dienstleistungen zu vereinfachen (Tauschmittelfunktion des Geldes). Folglich bestand die Aufgabe der Geldpolitik damals auch im Wesentlichen darin, Banknoten auszugeben und die Umtauschbarkeit der Banknoten in Gold (oder Silber) zu gewährleisten. Die klassische Quantitätstheorie war ein Resultat dieser Sichtweise. Sie besagt, dass sich eine Veränderung der umlaufenden Geldmenge direkt proportional auf das gesamtwirtschaftliche Preisniveau auswirkt, während das reale gesamtwirtschaftliche Einkommen (der um Preisveränderungen bereinigte Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen) vollkommen unabhängig von Höhe und Veränderung der umlaufenden Geldmenge ist.[9]

Marx'sche GeldtheorieBearbeiten

Karl Marx (1818–1883) kritisierte die Klassiker der politischen Ökonomie dafür, nicht zwischen konkreter Arbeit, die Gebrauchswert schafft, und abstrakter Arbeit, die Tauschwert bzw. Wert bildet, unterschieden zu haben.[10][11] Da sie qualitative Aspekte bzw. den Charakter der wertbildenden Arbeit vernachlässigt hätten, sei ihnen entgangen, dass Wert und Wertform notwendig miteinander zusammenhängen.[10] Marx kritisierte die Position, wonach Geld nur ein Mittel ist, das kluge Warenbesitzer ausgedacht haben, um den wachsenden Tausch zu erleichtern.[12] Laut Marx erfordert der Wert eine angemessene Form, nämlich die Geldform.[13] Geld, der materielle Träger dieser Form, ist demnach strukturell notwendig: die Mitglieder einer Gesellschaft, in der das Arbeitsprodukt typischerweise die Warenform annimmt, können ihren gesellschaftlichen Zusammenhang nur aufgrund des Geldes herstellen.[12]

Das Geld birgt in sich die Möglichkeit, den Zusammenhang zu zerstören. Gegen Versuche, mittels Says Theorem zu beweisen, dass sich eine kapitalistische Wirtschaft im Grunde krisenfrei entwickeln könne, wandte Marx ein, dass dabei auf anachronistische Weise von einem unmittelbaren Produktentausch ausgegangen werde.[14] Im Geld stecke jedoch die abstrakte Möglichkeit der Krise: wenn jemand seine Ware verkauft, könnte er das Geld festhalten und nichts damit kaufen.[14]

Geld und Kapital hängen eng miteinander zusammen. Damit der Wert die Kapitalbewegung G – W – G‘ (Geld – Ware – mehr Geld) durchlaufen kann, braucht er die Geldform.[15] Zudem können Ware, Wert und Geld nur unter kapitalistischen Verhältnissen eine Wirtschaft ganz erfassen und dauerhaft bestimmen.[16]

Nach Marx wird Geld zum Fetisch. Dieser Geldfetisch setzt den Warenfetisch fort und erreicht seinen Höhepunkt im zinstragenden Kapital bzw. im Kapitalfetisch.[17]

Das Kreditsystem aus Banken und Kapitalmärkten hängt eng mit dem industriellen Kapital zusammen und bestimmt strukturell die kapitalistische Wirtschaft.[18] Die Schaffung von Kreditmitteln ist wesentlich, damit der gesamtgesellschaftliche Mehrwert realisiert werden kann. Zudem fördern sie eine schnellere Akkumulation, die Anwendung technologischer Innovationen im Produktionsprozess und Krisen. Schließlich vermittelt das Kreditsystem die Bildung einer durchschnittlichen Profitrate.

Keynesianische GeldtheorieBearbeiten

Die Veröffentlichung der Allgemeinen Theorie von John Maynard Keynes stellt einen Meilenstein in der Geschichte der Geldtheorie dar.[19] Mit der Allgemeinen Theorie unternahm Keynes u. a. den Versuch, die in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre in bis dahin unvorstellbarem Ausmaß zu beobachtende Arbeitslosigkeit zu erklären. Während es in der Theorie der Klassiker keine (unfreiwillige) Arbeitslosigkeit gab, zeigte Keynes, dass es unter bestimmten Voraussetzungen auch in einer Marktwirtschaft zu gravierender und anhaltender Arbeitslosigkeit kommen kann. Er baute seine Argumentation auf einer simultanen Analyse realer (Einkommen und Beschäftigung) und monetärer (Geldmenge und Zinsen) Variablen auf und verließ damit den Rahmen der klassischen Dichotomie von realem und monetärem Sektor. Man sprach von einer wissenschaftlichen Revolution.

Neoklassische SyntheseBearbeiten

Die von Keynes vorgenommene Analyse war im Wesentlichen verbaler Natur. In der Folgezeit wurde sie formalisiert und erweitert. John Richard Hicks überführte die Keynessche Argumentation in ein mathematisches Mehrgleichungssystem, das unter der Bezeichnung IS-LM-Modell als Neoklassische Synthese für einige Jahrzehnte die Makroökonomie stark beeinflusste.[20] Ein Bestandteil des IS-LM-Modells ist die Keynessche Geldnachfragetheorie (Liquiditätspräferenztheorie). Sie stellt insofern eine Erweiterung der klassischen Sichtweise dar, als nun auch eine zweite Funktion des Geldes, nämlich die Wertaufbewahrungsfunktion, berücksichtigt wurde. Die Formalisierung bildete die Grundlage für die keynesianisch orientierte Geld- und Fiskalpolitik der 1950er und 1960er Jahre. Ein wesentliches Problem bestand darin, dass Inflationserwartungen nicht hinreichend berücksichtigt wurden.

MonetarismusBearbeiten

Der Monetarismus, zu dessen bedeutendsten Vertretern Karl Brunner, Milton Friedman und Allan Meltzer zählen, sieht in der Geldmenge die Hauptursache für konjunkturelle Schwankungen. Konjunkturelle Schwankungen seien weitgehend vermeidbar, wenn die Zentralbank auf eine gleichmäßige Geldmengenausweitung in Höhe der durchschnittlichen langfristigen Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts hinwirkt (Geldmengen-Regel nach Friedman).

Neuklassische GeldtheorieBearbeiten

Die Neue Klassische Makroökonomik, deren bedeutendste Vertreter Robert E. Lucas, Thomas Sargent und Neil Wallace sind, beruht auf dem Konzept der Rationalen Erwartungen. Bei rationaler Erwartungsbildung fließen alle verfügbaren Informationen in die Erwartungsbildung ein. Deshalb wird postuliert, dass systematische wirtschaftspolitische Maßnahmen vorhergesehen werden und keine Wirkungen auf die reale gesamtwirtschaftliche Entwicklung hätten. Systematische Geldpolitik, die in vorhersehbarer Weise auf gesamtwirtschaftliche Schwankungen reagiert, hat im Modellrahmen der Neuklassiker keine realwirtschaftlichen Wirkungen (Politik-Ineffektivität[21]), sondern beeinflusst lediglich die Inflationsrate. Realwirtschaftliche Effekte kann die Geldpolitik demnach nur durch überraschend ausdehnende (expansive) oder einschränkende (restriktive) Maßnahmen erzielen.

Auf Robert Lucas geht auch die Forderung nach einer einzelwirtschaftlichen Fundierung gesamtwirtschaftlicher ökonomischer Modelle zurück (Mikrofundierung der Makroökonomik). Die Zusammenhänge zwischen gesamtwirtschaftlichen Variablen ändern sich, wenn sich das wirtschaftspolitische Umfeld ändert, d. h. auch wenn sich die Geldpolitik ändert. Daher können in der Vergangenheit beobachtete Regelmäßigkeiten nicht ohne weiteres als Grundlage für die Simulation der Effekte geldpolitischer Maßnahmen dienen (Lucas-Kritik). Vielmehr seien die Effekte geldpolitischer (und anderer wirtschaftspolitischer) Maßnahmen aus Modellen abzuleiten, die das Verhalten der einzelnen Marktteilnehmer unter Berücksichtigung des jeweiligen Umfeldes abbilden. Solche Modelle bilden gleichsam das Labor des Makroökonomen; denn schließlich kann die Makroökonomik nur in seltenen Ausnahmefällen Experimente durchführen, um die Wirkungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu studieren.[22]

Die Neuklassiker haben rationale Erwartungen und die mikroökonomische Fundierung in die Makroökonomie eingeführt. Die inhaltlichen Aussagen über die Wirksamkeit der Geldpolitik ließen sich jedoch nicht aufrechterhalten, insbesondere weil die tatsächlichen Märkte nicht so flexibel und vollkommen sind, wie es in der Neuklassik unterstellt wurde.

Neukeynesianische GeldtheorieBearbeiten

Die Geldtheorie des Neukeynesianismus verbindet die methodischen Fortschritte des Monetarismus und der Neuklassik mit der Analyse der in der Realität zu beobachtenden Unvollkommenheiten auf diversen Märkten. Man spricht daher auch von einer Neuen Neoklassischen Synthese.[23] Für die Geldtheorie bedeutsame Marktunvollkommenheiten sind insbesondere langsame Preisanpassung (rigide Preise), unvollkommener Wettbewerb auf Gütermärkten und asymmetrische Information auf Finanzmärkten. Diese Unvollkommenheiten haben einen großen Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung:[24]

  • Unvollkommenheiten führen im Allgemeinen dazu, dass das Marktergebnis nicht effizient ist. Dies bedeutet, dass es Raum für wohlfahrtssteigernde wirtschaftspolitische Maßnahmen gibt und dass die Geldpolitik nicht wirkungslos ist.
  • Unvollkommenheiten verändern die Effekte ökonomischer Schocks auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Preisrigidität führt zum Beispiel dazu, dass monetäre Schocks realwirtschaftliche Konsequenzen haben und die klassische Dichotomie von monetärem und realem Sektor nicht gegeben ist.
  • Unvollkommenheiten können eine Quelle zusätzlicher Schocks sein. Asymmetrische Information und die damit verbundenen Probleme wirken sich zum Beispiel auf das realwirtschaftliche Gleichgewicht aus.

Die Neukeynesianische Geldtheorie bildet in methodischer Hinsicht die Grundlage für die moderne kurz- bis mittelfristige geldtheoretische Analyse. Sie hat auch die praktische Geldpolitik vieler Zentralbanken nachhaltig beeinflusst. Insbesondere liefert sie eine Erklärung des geldpolitischen Transmissionsprozesses, d. h. der Übertragung geldpolitischer Maßnahmen auf die Gesamtwirtschaft.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

Einführende LehrbücherBearbeiten

Lehrbücher für FortgeschritteneBearbeiten

  • Jordi Galí: Monetary policy, inflation, and the business cycle. An introduction to the New Keynesian Framework. Princeton University Press, Princeton 2008, ISBN 978-0-691-13316-4.
  • Carl E. Walsh: Monetary theory and policy. 2. Auflage. MIT Press, Cambridge/ London 2003, ISBN 0-262-23231-6.
  • Michael Woodford: Interest and prices: Foundations of a theory of monetary policy. Princeton University Press, Princeton/ Oxford 2003, ISBN 0-691-01049-8.

SammelwerkeBearbeiten

Sonstige LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Carl Menger: On the origin of money. In: Economic Journal. 2, 1892, S. 239–255.
  2. Dieses Beispiel geht auf Adam Smith zurück. Adam Smith: An inquiry into the nature and the causes of the wealth of nations. 1776 (deutsch: Erich W. Streissler (Hrsg.): Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker. Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 3-8252-2655-7, S. 105).
  3. Klaus Müller: Mikroökonomie. Chemnitz 2019. S. 102.
  4. Manfred Borchert: Geld und Kredit. München Wien 2001. S. 29.
  5. Springer Gabler Verlag, Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Geldtheorie
  6. George T. McCandless, Warren E. Weber: Some monetary facts. In: Federal Reserve Bank of Minneapolis Quarterly Review. 19(3), 1995, S. 2–11.
  7. Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1965, S. 95f.
  8. Joseph A. Schumpeter, (Elizabeth B. Schumpeter, Hg.): Geschichte der ökonomischen Analyse. Erster Teilband. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1965, S. 104.
  9. Die klassische Quantitätstheorie wurde zunächst von David Hume (1711–1776) beschrieben. Später wurde sie in John Stewart Mill: Principles of political economy. J.W. Parker, London 1848, und in Irving Fisher: The purchasing power of money. Macmillan, New York 1911, dargestellt. Zur Geschichte und kritischen Bewertung der Quantitätstheorie siehe David Laidler: The quantity theory is always and everywhere controversial: Why? In: Economic Record. 77, 1991, S. 199–225.
  10. a b Michael Heinrich: (Arbeits)werttheorie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, S. 234–235.
  11. Im Original: Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozeß des Kapitals. In: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hrsg.): Karl Marx Friedrich Engels Werke (MEW). Band 23. Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 56: „Diese zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch nachgewiesen worden. Da dieser Punkt der Springpunkt ist, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht, soll er hier näher beleuchtet werden.“ Es folgt eine ausführliche Darstellung des Doppelcharakters der in den Waren dargestellten Arbeit.
  12. a b Michael Heinrich: Das Programm der Kritik der politischen Ökonomie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, S. 89–90.
  13. Michael Heinrich: (Arbeits)werttheorie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, S. 235–236.
  14. a b Michael Heinrich: Grundbegriffe der Kritik der politischen Ökonomie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, S. 181.
  15. Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition. 8. Auflage. Westfälisches Dampfboot, Münster 2020, S. 252–253.
  16. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 78–82.
  17. Michael Heinrich: Grundbegriffe der Kritik der politischen Ökonomie. In: Michael Quante/David P. Schweikard (Hrsg.): Marx-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, S. 178–180.
  18. Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in ,,Das Kapital" von Karl Marx. 14. Auflage. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2018, S. 165–168.
  19. John Maynard Keynes: The general theory of employment, interest and money. Macmillan, London 1936. (Deutsche Übersetzung: Jürgen Kromphardt, Stephanie Schneider (Hrsg.): Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. 10. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 2006, ISBN 3-428-12096-5.)
  20. John R. Hicks: Mr. Keynes and the classics: A suggested interpretation. In: Econometrica. 5, 1937, S. 147–159.
  21. Thomas Sargent, Neil Wallace: Rational expectations, the optimal monetary instrument, and the optimal money supply rule. In: Journal of Political Economy. 83, 1975, S. 241–254.
  22. Robert E. Lucas: Methods and problems in business cycle theory. In: Journal of Money, Credit, and Banking. 12(4), 1980, S. 696–715.
  23. Marvin Goodfriend: Monetary policy in the New Neoclassical Synthesis: A primer. In: Federal Reserve Bank of Richmond Economic Quarterly. 90(3), 2004, S. 21–45.
  24. Olivier Blanchard: What do we know about macroeconmics that Fisher and Wicksell did not? In: Quarterly Journal of Economics. 115, 2000, S. 1375–1409.