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Finis Germania (oft übersetzt analog zu lateinisch finis Germaniae mit „Das Ende Deutschlands“)[1] ist eine im Februar 2017 im neurechten Verlag Antaios erschienene Textsammlung aus dem Nachlass des Historikers Rolf Peter Sieferle (1949–2016).[2] Die Erstauflage belief sich laut Verlag auf 20.000 Exemplare.[3] Das Lektorat übernahm die neurechte Publizistin Ellen Kositza.[3]

Aufbau und InhaltBearbeiten

Das Buch gliedert sich in vier Teile mit mehreren Beiträgen und ein Nachwort des emeritierten Würzburger Sinologen Raimund Theodor Kolb (Persönliche Confessio), der zugleich Sieferles Nachlassverwalter ist.

Der erste Teil des Buches, Finis Germania, umfasst sechs Beiträge (Vergangenheitsbewältigung und Fortschritt, Deutscher Sonderweg und Siegerperspektive, Das Schicksal hat einen Namen, Deutsche und Herrschaftskultur, Sozialdemokratismus, Moralische Arithmetik). Unter anderem werden folgende Thesen verfolgt: die Vorstellung des deutschen Sonderweges habe sich nach dem Holocaust entwickelt, um Deutschland (und damit die NS-Zeit) fundamental vom „Westen“ abzugrenzen. Aufgrund der geschichtlichen Brüche des 20. Jahrhunderts bestehe hier keine großbürgerlich-aristokratische „Herrschaftskultur“ mehr. Die bundesdeutsche Politikszene sei kleinbürgerlich geprägt. Ein zentrales Merkmal der politischen Kultur in Deutschland sei durch die Bank ein egalitaristischer „Sozialdemokratismus“. Unter Moralische Arithmetik wird versucht, sich mit der ethischen Bilanzierung der Opfer totalitärer Gewalt auseinanderzusetzen.

Der zweite Teil Paradoxien der Zeit umfasst fünfzehn Beiträge (Historisierung des Relativismus, Intellektueller Vorlauf, Wissenschaft und Avantgarde, Politik und System, Politiker und Intellektuelle, Rationalisierung und Atomisierung, Wiederkehr des Gleichen, Tierliebe, Die sensualistische Strategie, Verschwinden des anthropomorphen Raums, Hinter dem Kosmos, Das Hühner-Volk, Altfränkische Moderne, Kunst und Charisma, Am Meer). In Das Hühner-Volk beschreibt der Autor die deutsche Gesellschaft als Hühnerherde, die sich vor allem fürchtet, was auch nur entfernt nach einem Fuchs aussieht.

Der dritte Teil Mythos VB („VB“ ist als Abkürzung für Vergangenheitsbewältigung gemeint) enthält die umstrittensten Aussagen und umfasst fünf Kapitel (Der ewige Nazi, Eine neue Staatsreligion, Sack und Asche erbeten!, Aus Auschwitz lernen, Zur Logik des Antifaschismus). Unter anderem findet sich die Aussage, Auschwitz sei „zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden“. Angeblich werde die Erinnerung an die deutsche Schuld am Holocaust eingesetzt, um zu verhindern, dass Deutschland eigene Interessen formuliere und durchsetze. Stattdessen müssten die Deutschen ihre untilgbare Schuld sühnen und eliminiert werden, damit eine „homogene Menschheit“ verwirklicht werden könne. In Eine neue Staatsreligion entwirft Sieferle eine Art unmögliche Heilsgeschichte von der „unverzeihlichen Schuld […] Adam Hitlers“, die durch „keinen Jesus aufgehoben“ und „von keiner Gnade kompensiert“ werden könne. Sack und Asche erbeten! behandelt das Gedenken an den Holocaust anhand der skandalauslösenden Rede am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag zum 50. Jahresgedenken der Reichspogromnacht des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger. In Zur Logik des Antifaschismus kritisiert Sieferle das Konzept der multikulturellen Gesellschaft als neue, zwiespältige Religion, die sowohl universalistisch im Sinne einer homogenen Menschheit als auch relativistisch im Sinne der Bewahrung „völkisch-kultureller Besonderheit“ sei. In der Folge müsse sich „das indigene Volk der Industrieländer“ von Immigration und Überfremdung in seiner Eigenheit bedroht sehen, zugleich werde jeder Widerspruch als rechtes Gedankengut diffamiert.

Der vierte Teil Fragmente enthält ebenfalls fünf Kapitel (Ernst Jünger als Erzieher, Topik der Zivilisationskritik, Genie, Die große Verschwendung, Pathodizee).

RezeptionBearbeiten

Wahl in die Liste „Sachbücher des Monats“Bearbeiten

Das Buch wurde auf Platz neun der zehn Sachbücher des Monats Juni 2017 aufgeführt, die vom NDR[4] und der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wird. Dies löste eine öffentliche Auseinandersetzung aus, da Kritiker dem Buch vorwerfen, es verbreite „rechtslastige Verschwörungstheorien“. Das Buch kam auf die Liste, weil der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel nach eigenen Angaben seine zwanzig Stimmpunkte auf dieses eine Buch kumuliert hatte.[5] Die Jury der „Sachbücher des Monats“ erklärte daraufhin, eine solche Kumulation sei künftig ausgeschlossen.[6] Saltzwedel trat nach öffentlicher Kritik aus der Jury zurück und rechtfertigte seine Empfehlung als „Votum gegen einen Zeitgeist, der die Preisgabe der europäischen und der deutschen Kultur zugunsten eines diffusen Weltbürgertums propagiert“.[7] Zuvor war bereits der Journalist Lothar Müller aus Protest gegen die Listung als Leseempfehlung aus dem Gremium ausgetreten.[8] Am 12. Juni 2017 beendete der NDR vorerst seine Zusammenarbeit mit der Jury.[9]

Im Juni und Juli 2017 war Finis Germania bei Amazon.de teilweise wochenlang auf Platz 1 der Buch-Bestseller.[10][11] Die Berliner Morgenpost veröffentlichte im August 2017 eine „Amazon-Bestseller-Liste“ für Sachbücher, bei der das Buch weiterhin auf Platz 1 rangiert.[12]

Im Juli 2017 wurde Finis Germania auf der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher an sechster Stelle gelistet.[13][14] Kurz darauf wurde das Buch von der Redaktion zunächst ohne Angabe von Gründen von der Liste gelöscht.[15] Nach vermehrten Anfragen wegen dieses Vorgehens erklärte der Spiegel, man sehe sich in einer „besonderen Verantwortung“, dieses Buch, welches es ohne die Empfehlung ihres Redakteurs Johannes Saltzwedel nicht in die Liste geschafft hätte, zu entfernen. Eine Erklärung der Spiegel-Redaktion, warum die redaktionelle Änderung der Bestsellerliste zuvor nicht kenntlich gemacht worden war, erfolgte nicht.[16]

Unabhängig von der Frage, ob das Buch möglicherweise antisemitisch sei oder nicht, kritisierte Henryk M. Broder in der Welt die Manipulation der Spiegel-Bestsellerliste, die „als eine Art Goldstandard des Buchhandels“ gelte, als „Literaturkritik nach Gutsherrenart“.[17] Der Literaturkritiker Denis Scheck bezeichnete im SWR2 Kulturgespräch die Entscheidung der Spiegel-Chefredaktion als „journalistischen Skandal“ und forderte den Rücktritt des Chefredakteurs Klaus Brinkbäumer.[18] Der Sprecher der Interessengruppe Meinungsfreiheit im Börsenverein des Deutschen Buchhandels Christoph Links bezeichnet Finis Germania als „schreckliches Buch“ und kritisiert gleichzeitig die „überzogene und nicht angemessene Reaktion des Spiegel[s]“.[19]

Inhaltliche KontroversenBearbeiten

Kritik an dem Buch hat insbesondere die folgende Passage ausgelöst: „Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz, ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden. Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht“ (vgl. S. 63). Hierzu meinte Jan Grossarth in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Verbindung von Auschwitz und Mythos weise eine Nähe zur strafbaren Auschwitz-Lüge auf.[20] Gegen diese Interpretation wandte sich später der Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski in Deutschlandfunk Kultur: Diese sei auf eine „schlampige“ und „fahrlässige“ Lektüre zurückzuführen. Eine rechtsextreme Position, die Auschwitz leugne, sei nicht erkennbar. Safranski äußerte ferner, es handele sich um eine „fahrlässige und hysterische“ Debatte, die aufgrund ihrer Skandalisierung selbst einen „Skandal“ darstelle.[21] Dies wurde von Adam Soboczynski in der Zeit insofern kritisiert, als „Safranski das Werk zu einer harmlosen, geschichtsdialektisch interessanten Völkerschau umdeutet“.[22]

Der Literaturkritiker und Historiker Gustav Seibt hält Finis Germania für eine „Ansammlung von Glossen und Polemiken“, die geprägt sind von Sieferles Verlust der „Differenzierungsfähigkeit“ in der letzten Lebensphase und einem „uralten antisemitischen Topos von der jüdischen Rache oder der jüdischen Rachsucht und Gnadenlosigkeit“. Seibt kritisiert darüber hinaus, dass Sieferle „keinen Gegenvorschlag zur Vergangenheitsbewältigung“ präsentiere. Stattdessen sei die Diskussion um das umstrittene Buch ein „Triumph für die Verleger“, welche Feinde der Verfassung und der Demokratie seien. Seibt fordert deswegen eine ruhige Analyse und Beschreibung Sieferles, um sich nicht auf „dieses Spiel“ einzulassen, bei dem „diese Gruppe um Götz Kubitschek in Schnellroda“ durch Beschimpfung gewinnen würde.[23]

Der Politikwissenschaftler und Mitjuror Herfried Münkler bezeichnete Finis Germania ebenfalls als ein „zutiefst von antisemitischen Vorstellungen“ getränktes Werk.[24]

Die stellvertretende Chefredakteurin des Spiegel, Susanne Beyer, bezeichnete das Werk als „rechtsradikal, antisemitisch, geschichtsrevisionistisch“.[25]

Für den Historiker Volker Weiß bediene Sieferle „den Jargon klassischer Antisemiten“. Es handle sich bei dem Buch um eine Verfremdung der „Kampfschrift“ Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum von 1879 des Antisemiten Wilhelm Marr. Weiß nannte Sieferles Publikation ein „ebenso haarsträubendes wie zynisches Traktat gegen die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit“.[26]

Der Journalist Christopher Caldwell hingegen urteilte in der New York Times, dass Sieferle den Holocaust weder leugne noch bagatellisiere. Caldwell deutet die Popularität des Buchs als Zeichen eines Misstrauens des Publikums gegenüber dem deutschen Literaturestablishment.[1]

Der Rechtsextremismusforscher Armin Pfahl-Traughber stuft es als „antidemokratisches und rechtsextremistisches Buch“ ein. Er machte einen „relativierenden Geschichtsrevisionismus“ aus.[27]

Als „rechtsradikal“ wird Finis Germania durch den Fachjournalisten für Rechtsextremismus, Andreas Speit, beurteilt.[28]

Dirk Pilz, Literaturwissenschaftler, verwarf das Buch – trotz seiner Kritik am Spiegel – als „antisemitische, reaktionäre, demokratiefeindliche Hetzschrift“.[29]

AusgabenBearbeiten

  • Rolf Peter Sieferle: Finis Germania (= Kaplaken. Bd. 50), Verlag Antaios, Schnellroda 2017, ISBN 978-3-944422-50-3.
  • Rolf Peter Sieferle: Finis Germania, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof e.K (Landtverlag), Lüdinghausen 2019, ISBN 978-3-944872-90-2.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Christopher Caldwell: Germanys Newest Intellectual Antihero. In: New York Times, 8. Juli 2017, abgerufen am 19. Juli 2017.
  2. Finis Germania. In: buchreport. Abgerufen am 28. Juli 2017.
  3. a b Mariam Lau: Eigentlich alles wie im Wendland. In: Die Zeit, 3. August 2017, Nr. 32, S. 38.
  4. Andreas Wang: Sachbücher des Monats Juni 2017. In: NDR.de, 12. Juni 2017, abgerufen am 4. Juli 2017.
  5. Jan Grossarth: Wer gab die rechtsextreme Leseempfehlung? In: FAZ, 12. Juni 2017, abgerufen am 4. Juli 2017; Lothar Müller: Empfehlung nach Punkten. Auf Platz neun der Liste mit Sachbuch-Empfehlungen von NDR und SZ steht das Buch eines rechtsradikalen Verlags, das Pamphlet „Finis Germania“ des 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle. Warum? In: Süddeutsche.de, 11. Juni 2017, abgerufen am 4. Juli 2017.
  6. Andreas Wang: Stellungnahme der Jury. In: Heise online, 12. Juni 2017, abgerufen am 4. Juli 2017.
  7. Florian Rötzer: Rezension. In: heise.de. 12. Juni 2017, abgerufen am 4. Juli 2017.
  8. Streit um NDR-Bestenliste – Rechtsruck im Feuilleton? In: Deutschlandfunk Kultur. (deutschlandfunkkultur.de [abgerufen am 26. Juli 2017]).
  9. NDR Kultur setzt Zusammenarbeit mit Jury „Sachbücher des Monats“ aus. In: NDR.de, 12. Juni 2017, abgerufen am 4. Juli 2017.
  10. Thomas Moßburger: Bestseller-Platz 1 bei Amazon: Rechtradikales Buch sorgt für Mega-Wirbel. In: Chip.de, 13. Juni 2017, abgerufen am 4. Juli 2017.
  11. Bestsellerliste ohne „Finis Germania“. (tagesspiegel.de [abgerufen am 28. Juli 2017]).
  12. Top 10 Sachbuch aus der Amazon-Bestseller-Liste. In: Berliner Morgenpost, 1. August 2017, Nr. 207, S. 16.
  13. Bestseller: Sachbuch. In: Der Spiegel, 15. Juli 2017, S. 124.
  14. Gerrit Bartels: Von rechts nach oben. Rolf Peter Sieferles völkisch raunendes Machwerk „Finis Germania“ steht nun auch in den Top-Ten der „Spiegel“-Bestsellerliste. In: Der Tagesspiegel. 16. Juli 2017, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 18. Juli 2017]).
  15. Amazon-Spiegel-Bestseller: Wie Finis Germania mal verschwand. In: Welt Online. Abgerufen am 26. Juli 2017.
  16. Susanne Beyer: In eigener Sache: „Finis Germania“ und die SPIEGEL-Bestsellerliste. In: Spiegel Online. 25. Juli 2017, abgerufen am 26. Juli 2017.
  17. Der „Spiegel“ und Finis Germania: Literaturkritik nach Gutsherrenart. In: Welt Online. Abgerufen am 26. Juli 2017.
  18. Denis Scheck fordert Rücktritt des Spiegel-Chefredakteurs – Kultur Info – SWR2. In: swr.online. (swr.de [abgerufen am 28. Juli 2017]).
  19. Markus Decker: Finis Germania: Warum das umstrittene Buch von der Spiegel-Bestsellerliste geflogen ist. In: Kölner Stadt-Anzeiger. (ksta.de [abgerufen am 28. Juli 2017]).
  20. Jan Grossarth: Buch-Empfehlung für NDR und SZ: Redakteur des „Spiegel“ gab rechtsextreme Leseempfehlung. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 12. Juni 2017, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 31. Juli 2017]).
  21. Rolf Peter Sieferle und sein „Finis Germania“ – Eine „fahrlässige und hysterische“ Debatte. In: Deutschlandfunk Kultur. (deutschlandfunkkultur.de [abgerufen am 26. Juli 2017]).
  22. Adam Soboczynski: „Finis Germania“: Völkische Nachtgedanken. In: Die Zeit. 29. Juni 2017, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 26. Juli 2017]).
  23. Nicole Dittmer und Julius Stucke (Moderation): SZ-Literaturkritiker Gustav Seibt über „Finis Germania“: „Ein erschreckender Absturz“, Deutschlandfunk Kultur, 12. Juni 2017, abgerufen am 12. Juli 2017.
  24. Vgl. Herfried Münkler im Gespräch mit Joachim Scholl: Herfried Münkler zur „Finis Germania“-Debatte: „Ein miserables Buch“, Lesart (Deutschlandfunk Kultur), 16. Juni 2017, abgerufen am 12. Juli 2017.
  25. Susanne Beyer: Menschenwerk: Zur Meinungsfreiheit im SPIEGEL. In: Der Spiegel, 17. Juni 2017, S. 126.
  26. Volker Weiß: Furor Teutonicus. In: Jüdische Allgemeine, Nr. 27, 6. Juli 2017, S. 17.
  27. Armin Pfahl-Traughber: Auf der Sachbuch-Bestenliste, Blick nach Rechts, 21. Juli 2017.
  28. Andreas Speit: „Finis Germania“. In: Die Tageszeitung, 27. Juli 2017, S. 15.
  29. Dirk Pilz: Wer’s glaubt. In: Berliner Zeitung, 1. August 2017, S. 21.