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Carola Neher in Gefallene Engel von Noël Coward, Zeichnung von Julie Wolfthorn (1929)

Carola Neher (* 2. November 1900 in München; † 26. Juni 1942 in Sol-Ilezk, Sowjetunion) war eine deutsche Schauspielerin, die um 1930 in Berlin reüssierte. Aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflüchtet, kam sie in Lagerhaft in der stalinistischen Sowjetunion ums Leben.

LebenBearbeiten

Carola Neher, Tochter eines Musiklehrers und einer Wirtin, arbeitete nach dem Besuch einer Handelsschule 1917 bis 1919 als Bankangestellte. Ohne gründliche Ausbildung spielte sie ab Sommer 1920 bis 1922 am Theater Baden-Baden, danach in Darmstadt und Nürnberg. Schließlich wurde sie an die Münchener Kammerspiele engagiert, erhielt dort aber nur Stückverträge für kleine Rollen. 1924 ging sie ans Lobe-Theater nach Breslau, an dem auch Therese Giehse und Peter Lorre spielten. Dorthin folgte ihr aus München der Dichter Klabund (Alfred Henschke), den sie am 5. Mai 1925 heiratete. Der lungenkranke Klabund, zehn Jahre älter als sie, war bereits ein bekannter Lyriker. Die Uraufführung seines Stücks Der Kreidekreis in Meißen wurde für Carola Neher zu ihrem ersten großen Erfolg.

1926 ging sie nach Berlin, wo sie mit Bertolt Brecht zusammenarbeitete. Als sie 1928 gerade (als Polly) Brechts Dreigroschenoper probte, starb ihr Mann Klabund in Davos an Tuberkulose. Deshalb fand die legendäre Premiere des Stückes ohne sie statt. Neher übernahm die Rolle erst bei der Wiederaufnahme im Mai 1929; nun kam es auch zu Tonaufnahmen des Lieds von der Seeräuber-Jenny und vom Barbara Song.[1]

In den nächsten Jahren schrieb Brecht für sie die Rollen der Heilsarmistin Lilian Holiday in Happy End und Die heilige Johanna der Schlachthöfe. 1931 spielte sie in der Verfilmung der Dreigroschenoper die Polly. Weitere Erfolge feierte sie im selben Jahr als Marianne in Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald und in der Revue Ich tanze um die Welt mit dir.

Nach einer Liaison mit dem Dirigenten Hermann Scherchen heiratete sie 1932 den aus Rumänien stammenden Ingenieur Anatol Becker. 1933 unterzeichnete die der KPD nahestehende Neher zusammen mit anderen Künstlern einen Aufruf gegen Hitler. Deshalb hielt sie es im Frühjahr desselben Jahres für angebracht, Deutschland zu verlassen. Gemeinsam mit Anatol Becker ging sie zunächst nach Prag, wo sie am Neuen Deutschen Theater in Shaws Pygmalion und Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung spielte. 1934 emigrierten beide in die Sowjetunion; im November desselben Jahres wurde ihr von der nationalsozialistisch geführten Regierung die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. In Moskau engagierten sie sich im Kabarett Kolonne Links unter der Leitung von Gustav von Wangenheim. Am 26. Dezember 1934 wurde ihr Sohn Georg geboren. Neher arbeitete journalistisch, rezitierte und gab Schauspielunterricht. Ihre anfängliche Hoffnung auf eine Fortsetzung ihrer Filmkarriere in der Sowjetunion erfüllte sich nicht.[2]

Gefangenschaft und TodBearbeiten

Am 25. Juli 1936 wurde Carola Neher mit ihrem Mann im Zuge des Großen Terrors verhaftet. Becker wurde 1937 als „Trotzkist“ hingerichtet, Neher zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Nach fünf Jahren Haft starb sie im Lager Sol-Ilezk bei Orenburg an Typhus.

Die auf Dokumente gestützte Darstellung des Soziologen Reinhard Müller, Neher und ihr Mann seien von Gustav von Wangenheim als Trotzkisten denunziert worden,[3] wurde später von dessen Sohn als einseitig und unzutreffend zurückgewiesen.[4] Die vorliegenden Dokumente, soweit sie in den Publikationen Reinhard Müllers abgedruckt sind, lassen die Vorwürfe gegen von Wangenheim höchst zweifelhaft erscheinen. Konkret verurteilt wurde Carola Neher laut dem Gerichtsurteil wegen eines angeblichen Botendienstes für Erich Wollenberg, „indem sie von ihm einen direktiven Brief den Mitgliedern der konterrevolutionären Terrororganisation Moskau lieferte“. Im Protokoll der Vernehmung von Wangenheims durch den NKWD spielt diese Anschuldigung keine Rolle, schon deshalb nicht, weil dieser Brief von Wangenheim, jedenfalls zum Zeitpunkt seiner Vernehmung, nicht bekannt gewesen sein dürfte. In der Anklageschrift Carola Nehers, ebenfalls abgedruckt im Anhang der von Reinhard Müller herausgegebenen Dokumentation Die Säuberung, taucht neben dem genannten Botendienst nur der Vorwurf des Betrugs im Zusammenhang mit Nehers Mitgliedschaft in der KPD auf. Als Zeugen sind aufgeführt Anatol Becker sowie Hermann Taubenberger und Abram Rosenblum.

Im Stich gelassen?Bearbeiten

Insbesondere Bertolt Brecht als bekannter deutscher Schriftsteller hätte als Emigrant versuchen können, Nehers Freilassung zu bewirken. Einige Zeitgenossen werfen ihm vor, das unterlassen zu haben. So klagte der Trotzkist Walter Held Brecht, der damals (1938) in Dänemark lebte, wegen seines Schweigens an:

„Das traurigste und beschämendste Kapitel an dieser blutigen Tragödie [der Ermordung Carola Nehers und anderer Emigranten] ist die Haltung der offiziellen deutschen Emigration gegenüber dem Schicksal ihrer nach der Sowjetunion ausgewanderten Mitglieder. Die deutsche ‚Volksfront‘: die Herren Heinrich und Thomas Mann, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, die Weltbühne, die ‚Pariser Tageszeitung‘, die ‚Volkszeitung‘, […] sie alle, alle hüllen sich in Schweigen. Sie, Herr Brecht, haben Karola Neher gekannt. Sie wissen, daß sie weder eine Terroristin noch eine Spionin, sondern ein tapferer Mensch und eine große Künstlerin war. Weshalb schweigen Sie? Weil Stalin Ihre Publikation ‚Das Wort‘, die verlogenste und verkommenste Zeitschrift, die jemals von deutschen Intellektuellen herausgegeben worden ist, bezahlt? Woher nehmen Sie noch den Mut, gegen Hitlers Mord an Liese Hermann, an Edgar André und an Hans Litten zu protestieren? Glauben Sie wirklich, daß Sie mit Lüge, Knechtseligkeit und Niedrigkeit die Kerkerpforten des Dritten Reiches sprengen können?“[5]

Ähnlich äußert sich Margarete Buber-Neumann Jahrzehnte später in ihren Erinnerungen Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Vor ihrer Abschiebung nach Nazi-Deutschland stehend, lernte sie Neher im Januar 1940 im Moskauer Gefängnis Butyrka kennen und lieben. Damals habe Neher schon einen Selbstmordversuch in der berüchtigten Lubjanka, vor allem aber die schmerzliche Trennung von ihrem Söhnchen hinter sich gehabt. Nach zwölf Tagen wurde Buber-Neumann zur „Weiterreise“ abgeholt:

„Als ich Carola umarmte, schluchzte sie: ‚Ich bin verloren …‘ Das war das letzte, was ich von ihr hörte. Ich sah sie nie wieder. Bert Brecht, ihr Freund und Mitarbeiter, antwortete viele Jahre später, als man ihn nach Carola Nehers Schicksal fragte, sie leite in Leningrad ein Kindertheater, es gehe ihr gut. Von den Jahren ihrer Haft sprach er nicht. Die Wahrheit seiner Antwort ist mehr als zweifelhaft.“[6]

Sabine Kebir verweist auf Brechts Versuche, sich bei Lion Feuchtwanger für Carola Neher einzusetzen.[7] Sehr vorsichtig jeden Angriff auf die sowjetische Justiz vermeidend („ohne die Arbeit der Justizbehörden zu erschweren“[8]) und unter Berufung auf das Vorbild Maxim Gorki, der sich für Künstler und Wissenschaftler eingesetzt habe, versuchte er, Feuchtwanger zu bewegen, „sich beim Sekretariat Stalins nach der Neher zu erkundigen“.[9] Das sei auch im Interesse der Union, „bei dem Ruf, den sie in Deutschland, der Tschechoslowakei und der Schweiz genießt“.[10] Brecht wiederholte seine Bitte an Feuchtwanger im Mai 1937.[11] Feuchtwanger antwortete am 30. Mai, er habe den ersten Brief Brechts nicht erhalten. Zur Verhaftung Nehers schrieb er: „Carola Neher war, während ich in M.[12] war, eingesperrt. Sie soll in ein verräterisches Komplott ihres Mannes mitverwickelt sein. Details weiß ich nicht.“[13] In einem Briefentwurf gibt Brecht an, dass er auch an anderer Stelle nach Carola Neher gefragt habe. „Ich selber habe von niemand auf eine Frage eine Antwort erhalten, was ich nicht schätze.“[14]

Weitere RezeptionBearbeiten

Nehers Sohn Georg gelang 1975 die Ausreise aus der Sowjetunion nach Deutschland. Er hatte seine Mutter nach der Verhaftung nicht mehr gesehen und lebte danach im Waisenhaus, später bei Pflegeeltern. Georg erfuhr erst 1946, wer seine Eltern waren.[15] Die Suche nach Spuren der Mutter führte ihn in der Spätphase der Sowjetunion nach Moskau, Sol-Ilezk (Haftort von Carola Neher) und Berlin.[16] 1990 wurde von der Lichtfilm GmbH im Auftrag des WDR eine Dokumentation darüber gedreht.

Im Jahr 1995 wurde in Weimar auf einem russischen Soldatenfriedhof unterhalb des Schlosses Belvedere das Stück Bleiche Mutter, zarte Schwester von Jorge Semprún uraufgeführt, in dem das Leben von Carola Neher verarbeitet wird. Die Rolle von Carola Neher/Iphigenie wurde von Hanna Schygulla gespielt, Regie führte Klaus Michael Grüber.

Von Oktober bis Dezember 2016 fand im Literaturhaus Berlin die Ausstellung Carola Neher (1900–1942): Schauspielerin statt.[17][18]

EhrungenBearbeiten

 
Berliner Gedenktafel am Haus, Fürstenplatz 2, in Berlin-Westend (2017)

Im Berliner Ortsteil Hellersdorf erinnert seit 1992 eine Carola-Neher-Straße an die Schauspielerin. In München gibt es eine Carola-Neher-Straße, die am 15. November 2013 eingeweiht wurde.[19]

In Moskau wurde im Rahmen des Projekts Posledny adres (Letzte Adresse) an der Hausfassade auf der Krasnoprudnaja-Straße 36 am 5. Februar 2017 eine Gedenktafel mit der (russischen) Aufschrift „Letzte Adresse der Schauspielerin Carola Neher“ angebracht.[20]

Am 7. Dezember 2017 wurde an ihrem ehemaligen Wohnort, Berlin-Westend, Fürstenplatz 2, eine Berliner Gedenktafel enthüllt.

RollenBearbeiten

Theater (Premierenrollen)Bearbeiten

FilmeBearbeiten

HörspieleBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Tita Gaehme: Dem Traum folgen. Das Leben der Schauspielerin Carola Neher und ihre Liebe zu Klabund. Dittrich, Köln 1996, ISBN 3-920862-11-2.
  • Michaela Karl: Carola Neher: Die Silberfüchsin. In: Bayerische Amazonen – 12 Porträts. Pustet, Regensburg 2004, ISBN 3-7917-1868-1, S. 168–189.
  • Jürgen Kasten: Neher, Carola. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 37 (Digitalisat).
  • Guido von Kaulla: Und verbrenn in seinem Herzen: Die Schauspielerin Carola Neher und Klabund. Herder, Freiburg/Br. 1984, ISBN 3-451-08037-0.
  • Irina Scherbakowa: Der Sohn einer Schauspielerin. In: Nur ein Wunder konnte uns retten. Campus, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-593-36523-5, S. 163–190.
  • Matthias Wegner: Klabund und Carola Neher – eine Geschichte von Liebe und Tod. Rowohlt Berlin, Berlin 1996, ISBN 3-87134-266-1.
  • Bettina Nir-Vired, Reinhard Müller, Irina Scherbakowa, Olga Reznikova (Hrsg.): Carola Neher – gefeiert auf der Bühne – gestorben im Gulag. Lukas, Berlin 2016, ISBN 978-3-86732-243-0.
  • Kay Weniger: 'Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben …'. Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945. Eine Gesamtübersicht. S. 362, ACABUS-Verlag, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86282-049-8

WeblinksBearbeiten

  Commons: Carola Neher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Wiederveröffentlicht auf der CD Die Dreigroschenoper Berlin 1930. (Teldec Classic International)
  2. Wolfgang Bergmann: Carola Neher. TV-Dokumentation Lichtfilm/WDR 1990
  3. Reinhard Müller: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung. Hamburger Edition, Hamburg 2001, ISBN 3-930908-71-9.
  4. Von Wangenheims Sohn gab an, sein Vater habe, selbst vom NKWD verhaftet und „monarchistischer Umsturzpläne“ bezichtigt, nach ausdauernden Verhören lediglich ein Protokoll unterschrieben, das Carola Neher als „antisowjetisch eingestellt“ belastete. Den Vorwurf, Neher und ihr Mann Anatol Becker hätten die Ermordung Stalins geplant, habe von Wangenheim indes ausdrücklich zurückgewiesen. Vgl. Friedel von Wangenheim: Mein Vater Gustav Freiherr von Wangenheim und der Fall der Schauspielerin Carola Neher. In Wangenheim Nachrichten, Nr. 25, vom Dezember 1998, ZDB-ID 2303658-8.
  5. Stalins deutsche Opfer und die Volksfront. In: Unser Wort. (Exil-Zeitschrift) Nr. 4/5, Oktober 1938, S. 7 f.; zitiert nach Michael Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten. Metzler, Stuttgart 1991, ISBN 3-476-00765-0, S. 163; Klammern im Zitat übernommen von Rohrwasser.
  6. Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Herford 1985. Zitiert nach der Lizenzausgabe, 2. Auflage. Ullstein-Taschenbuchverlag, München 2002, ISBN 3-548-36332-6, S. 179. Im Ganzen wird Neher auf den Seiten 165 bis 179 wiederholt erwähnt. Buber-Neumann erwähnt auch die vergeblichen Versuche des NKWD, Neher mit dem Angebot zu ködern, russische Spionin zu werden (S. 176).
  7. Sabine Kebir: Brecht und die politischen Systeme. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. APuZ, Heft 23/24, 2006, S. 22–29, hier S. 26; abgerufen am 9. Januar 2011.
  8. Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 29: Briefe, 2: 1937–1949. Suhrkamp u. a., Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-40029-0, S. 14.
  9. Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 29: Briefe, 2: 1937–1949. Suhrkamp u. a., Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-40029-0, S. 13.
  10. Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 29: Briefe, 2: 1937–1949. Suhrkamp u. a., Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-40029-0, S. 14.
  11. Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 29: Briefe, 2: 1937–1949. Suhrkamp u. a., Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-40029-0, S. 14.
  12. Moskau
  13. Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 29: Briefe, 2: 1937–1949. Suhrkamp u. a., Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-40029-0, S. 587f.
  14. Bertolt Brecht: Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Band 29: Briefe, 2: 1937–1949. Suhrkamp u. a., Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-40029-0, S. 30.
  15. Berlin feiert die Schauspielikone Carola Neher. Welt.de am 28. November 2016.
  16. Wolfgang Bergmann: Carola Neher. TV-Dokumentation Lichtfilm/WDR, 1990.
  17. Ausstellungsseite (Memento vom 29. November 2016 im Internet Archive), abgerufen am 28. November 2016.
  18. Tilman Krause: Sie war die schönste deutsche Frau um 1930. welt.de, 28. November 2016.
  19. Carola Neher, theatermuseum.de
  20. Moskau, Krasnoprudnaja-Straße 36. im Projekt Posledny adres (russisch) abgerufen am 5. August 2018