Britisch-Guayana

britische Kolonie (1814-1966)
Flagge Britisch-Guayanas
Grenzen von Britisch-Guayana 1896

Britisch-Guayana (englisch British Guiana) war der Name einer Kolonie des Vereinigten Königreiches an der Nordküste von Südamerika. Sie bildet seit 1966 den unabhängigen Staat Guyana.

Erste niederländische NiederlassungenBearbeiten

Erste Siedlungen der Niederländischen Westindien-Kompanie wurden 1616–21 gebaut. Das Fort Kykoveral lag im Bezirk Essequibo. Der Handelsposten am Berbice entstand 1624. Drei englischen Versuchen Niederlassungen zu etablieren war zu dieser Zeit kein dauerhafter Erfolg beschieden.

In diesem Gebiet an den Flüssen Pomeroon, Essequibo betrieb man Tauschhandel mit Eingeborenen. Hieraus und aus ersten Pflanzungen entstanden die Kolonien Essequibo und Berbice. Ab 1745 wurden auch die Ufer des Demerara, der zu Essequibo gehörte, intensiver für die Plantagenwirtschaft genutzt. Im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bekam dieser Bereich als Demerara einen eigenständigen Charakter. Zusammen mit dem heutigen Suriname war dieser Bereich an der Nordküste von Südamerika auch unter dem Sammelbegriff Niederländisch-Guayana bekannt.

Die einzelnen Gebiete wechselten ab Ende des 18. Jahrhunderts mehrmals zwischen den Kolonialmächten Niederlande, Großbritannien und Frankreich die Besitzer.

Die britische KolonieBearbeiten

 
Der von Brown im April 1870 beschriebene Kaieteur-Wasserfall im Landesinnern – Zeichnung des Forschers.
 
Karte von British Guiana 1876. Noch ohne definitive Grenzmarkierung im Landesinneren.

Nach den Napoleonischen Kriegen fielen die Kolonien Essequibo, Demerara und Berbice durch den Britisch-Niederländischen Vertrag vom 13. August 1814 definitiv an Großbritannien.

Am 21. Juli 1831 wurden diese drei Kolonien zu Britisch-Guayana zusammengefügt.

Die exakte Definition der Grenzverläufe führte zu Streitigkeiten mit den Nachbarstaaten Venezuela,[1][2] Brasilien[3] und Niederländisch-Guayana.[4] Die Grenzziehung mit Venezuela regelte man 1899.
Das seit 1843 mit Brasilien umstrittene Gebiet im Südwesten wurde durch den als Vermittler angerufenen König von Italien 1901/4 mit Brasilien geteilt (heute im Bundesstaat Roraima).

Im Jahre 1953 intervenierten britische Truppen in Britisch-Guayana. Großbritannien befürchtete, dass das Ehepaar Janet und Cheddi Jagan und die durch sie gegründete People's Progressive Party (PPP) Guyana zum sozialistischen bzw. kommunistischen Staat machen wollten.

Britisch-Guayana erreichte am 26. Mai 1966 die Unabhängigkeit von Großbritannien und wurde am 23. Februar 1970 zur Kooperativen Republik Guyana erklärt.

BevölkerungBearbeiten

1834 wurde die Sklaverei abgeschafft. Nach Ablauf der anschließenden Arbeitspflicht für die ehemaligen Sklaven und dem Verlust von Arbeitskräften vor allem auf den Plantagen „verpflichteten“ die Briten ab 1838 Kontraktarbeiter aus Britisch-Indien als Ersatz.

Aus asiatischen Teilen des Empire wurden bis zum Ersten Weltkrieg indische Vertragsarbeiter (“indentured labourers”) für die Plantagen importiert. Die Hauptanbau- und Exportprodukte waren Zucker bzw. Molasse und Rum, Gummi (“para rubber”) sowie Kaffee. Balata zapften vor allem die Eingeborenen in den Urwäldern. Deren Exporte gingen in der Zwischenkriegszeit zu gut einem Drittel nach Großbritannien und je einem weiteren Viertel in die USA und nach Kanada.

Zum Stichtag 31. Dez. 1918 zählte man 310.972 Einwohner, davon waren rund 14000 Weiße (Briten und Portugiesen), 2874 Chinesen, 134670 Inder (mit 19167 Kindern), davon 37561 Arbeiter mit Knebelverträgen, Mischlinge und Neger 153051 sowie geschätzt 7000 Eingeborene in entwickelten Bezirken. Letztere wohnten vor allem im wenig entwickelten Nordwesten westlich des Pomeroon im Grenzbereich zu Venezuela.

Nach dem Ersten Weltkrieg mussten Einreisende bei Buchung einer Passage der 2. oder 3. Klasse eine hohe Kaution zur Sicherung ihres Lebensunterhalts hinterlegen. Diese war für britische Untertanen Westindiens £ 5 für andere £ 30.

VerwaltungBearbeiten

Verwaltungssitz war Georgetown das bis 1812 Starbroek hieß.

Bis 1831 hatte Berbice eine eigene verwaltung. Die danach geschaffene Verfassung bis 1891 schuf drei Verwaltungsorgane: Gouverneur, Court of Policy und Combined Court. Der Combined Court war für die Besteuerung zuständig. Letzteren gehörten alle Mitglieder des Policy Court, der Gouverneur und sechs financial representatives an. Die ersten beiden Institutionen zusammen bildeten in einem Exekutive und Legislative.

Seit 1837 gab es in Georgetown und New Amsterdam jeweils einen Bürgermeister und Gemeinderat.

Eine gewisse Gewaltentrennung erfolgte mit der Reform 1891/2: Der Court of Policy blieb für die gesamte Gesetzgebung, außer dem Haushalt zuständig. Neu geschaffen wurde, nach dem allgemeinen Vorbild britischer Kolonien der Zeit, ein Executive Council. Diesem gehörten ex officio der Gouverneur, der “colonial secretary” und der Generalstaatsanwalt. Dazu kamen bis zu sechs (ernannte) Mitglieder.
Dem Combined Court blieb das Haushaltsrecht. Ihm gehörten neben dem Gouverneur sieben Beamte an, die nicht gegen die Verwaltung stimmen durften und acht auf maximal fünf Jahre gewählte Mitglieder an. Ebenso Mitglied waren die sechs financial representatives des Policy Court.

1928 wurde Britisch-Guayana zur Kronkolonie. Der British Guiana Act brachte die Verwaltungspraxis noch mehr auf Linie der Praxis andrer Kolonien. Anstatt des Combined und Policy Court gab es nun ein Legislative Council, mit bis zu 19 nicht-beamteten Mitgliedern, von denen 14 nach vermögensabhängigem Zensuswahlrecht gewählt und fünf ernannt wurden. Frauen und Geistliche hatten kein passive Wahlrecht.

Das auf römischem Recht basierende Zivilrecht der Niederländer blieb bis 1. Jan. 1917 gültig. Dann erfolgte Anpassung an britische Praxis, was auch für das Strafrecht galt. Oberhalb der Magistrate's Courts (Amtsgerichte) gab es den Supreme Court mit einem “chief justice” und einem weiteren Richter. Vorgesetzt war 1919-58 der West Indian Court of Appeal.

Ab 1876 wurden konfessionelle Schulen zur allgemeinen Bildung staatlich unterstützt. Das Government College in Georgetown entsprach dem Niveau einer englischen Grammar School. Man richtete 1907 in Onderneeming auch eine Besserungsanstalt für Knaben (“industrial school”) ein.

 
20-Dollar-Banknote der Regierung von British Guiana, 1942.

Das öffentliche Gesundheitswesen konzentrierte sich nach 1900 auf Verringerung der häufigsten Tropenkrankheiten. Typhus wurde meldepflichtig, gegen Malaria wurden Wasserspeicher behandelt und Chinin günstig in Postämtern verkauft. Dem Medical department unterstand auch die Gefängnisverwaltung. Es gab eine staatliche Lepra-Kolonie und ein Irrenhaus (“lunatic asylum”).

Rechnungswährung der Kolonie war der Dollar, dessen Wert auf 4' 2 d. fixiert war. An Banknoten zirkulierten die Scheine der Royal Bank of Canada bis die Regierung eigenes Geld herstellen ließ. Zunächst waren dies ab 1916 nur Scheine zu 1 und 2 Dollar, erst mit der Serie ab 1938 folgten höhere Werte. Die Postverwaltung unterhielt zugleich die einzige Sparkasse.

Wirtschaft und VerkehrBearbeiten

Neben den erwähnten Exportfrüchten zog man für den Eigenbedarf vor allem Reis, Limetten und Kokosnüsse. Letztere zur Fettherstellung. Rinderzucht zum Fleischexport betrieb man an der Küste und mehr noch in Lagen über 500 Fuß in der Rupununi-Savanne.

Das 1925 eingerichtete Forestry Department, zuständig für 200000 km² Waldfläche, konzessionierte Plantagennutzung sowie den Einschlag des autochthonen Hartholzes, besonders von Chlorocardium rodiei.

Vor allem im Fluss Konawaruk wurde Gold maschinell gewaschen. Diamanten gewann man aus Alluvialböden. Der Abbau von Bauxit begann 1914. Es schürfte zuerst die Demerara Bauxite Company, Tochter der noch heute bei Suralco tätigen Alcoa sowie ab den 1920ern die British and Colonial Bauxite Company.

Die drei Flussläufe sind bis zu den weit im Inneren liegenden Wasserfällen schiffbar. Kommerzieller Fähr- und Bootsverkehr war naturgemäß bedeutsam. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurden Verbindungsstraßen zwischen den wichtigen Orten gebaut. In Georgetown gab es seit 1878 eine elektrische Straßenbahn.

Die erste Eisenbahn auf dem südamerikanischen Kontinent war ab 1848 die acht Kilometer lange Küstenstrecke von Georgetown nach Plaisance, die später auf knapp 100 km bis zum Westufer des Berbice bei Rosignol verlängert wurde.
Eine weitere Strecke begann in Vreed en Hoop und verlief 30 km bis Parika.

ForschungsreisenBearbeiten

1841 wurde der deutsche Forschungsreisende Robert Hermann Schomburgk von der britischen Regierung beauftragt, die Ost- und West-Grenze von Britisch-Guayana zu fixieren. Nach dreijähriger Arbeit hatte er die heute als „Schomburgk-Linie“ bekannte Grenze zu Venezuela sowie zu Niederländisch-Guayana, dem heutigen Suriname festgelegt.[5]

Außerdem bereiste der britische Geologe und Topograph Charles B. Brown von 1868 bis 1871 im Auftrag der Kolonialverwaltung das meist unerforschte Hinterland der Region zwischen Suriname und Venezuela. Brown war mit der exakten Vermessung der Flussläufe und geologischen Untersuchungen betraut. Dank seiner 40-monatigen Forschungsreisen im tropischen Urwald wurden zahlreiche Einheimischensiedlungen, Lagerstätten von Bodenschätzen und topographische Besonderheiten im Landesinnern dokumentiert.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Das englische Guayana. In: Illustrirte Zeitung. Nr. 15. J. J. Weber, Leipzig 7. Oktober 1843, S. 227–229 (books.google.de).
  • Clementi, Cecil [Government Secretary ab 1913, später Gouverneur]; Chinese in British Guiana; Georgetown 1915 (Argosy)
  • Federation of British Industries; Anglo-South American handbook; 1921; S. 169–90
  • Jagan, Cheddi [Ministerpräsident 1957–64]; Forbidden freedom: the story of British Guiana; London 1989 (Hansib Publ.)
  • Foreman, John; [Geography of British Guiana];
  • Rayner, Thomas Crossley [Hrsg.]; Laws of British Guiana; London 1905 (Waterlow & Sons), 5 Bde.
  • Rabe, Stepen; U.S. Intervention in British Guiana: A Cold War Story; 2005 (University of North Carolina Press); ISBN 080782979X; [Geschichte 1953-69.]
  • Rodway, James; Hand-book of British Guiana; Georgetown 1893 (Royal Agricultural and Commercial Society of British Guiana)
  • Smith, Raymond Thomas; British Guiana; London 1962 (Oxford Univ. Pr.)
  • South American handbook; Bath 1935 (Trade & Travel Publ.), S. 194–205

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Anna-Katharina Kraemer: Ersitzung als Gebietserwerbstitel im Völkerrecht Univ.-Diss., Osnabrück 2016, S. 165 f.
  2. Thum, Everard; Boundary between British Guiana and Venezuela; s. l. 1879
  3. The Guiana Boundary Case (Brazil, Great Britain); Reports of International Arbritral Awards, XI, S. 11–23 (englisch)
  4. Brown; Charle B.: Canoe and Camp Life in British Guiana; London 1876.
  5. Bericht: Reisen in Britisch-Guiana in den Jahren 1840-1844: nebst einer Fauna und Flora Guiana's nach Vorlagen von Johannes Müller, Ehrenberg, Erichson, Klotzsch, Troschel, Cabanis und Andern; 1847, mehrbändig