Bemannte Raumfahrt

Sammelbegriff für alle Weltraummissionen mit Menschen

Bemannte Raumfahrt ist der Sammelbegriff für alle Weltraummissionen, bei der Menschen in Raumschiffen in den Weltraum vorstoßen. Sind Raumfahrer gezwungen, außerhalb der schützenden Hülle ihres Raumschiffs oder Raumstation zu arbeiten (Außenbordeinsatz), so müssen sie luftdichte, temperierte Raumanzüge tragen.

Astronaut bei einem Außeneinsatz an der Raumstation ISS (2005)

Länder

Derzeit gibt es zwei Länder, deren Raumfahrtbehörden bemannte orbitale Raumfahrtmissionen mit eigenen Raumfahrzeugen durchführen: Russland (Roskosmos) und die Volksrepublik China (CNSA). Dazu kommt, abhängig von der Definition der Weltraumgrenze, für suborbitale Raumflüge die amerikanische Firma Virgin Galactic mit dem Raumflugzeug SpaceShipTwo. Russland und China starten ihre Missionen mit konventionellen Trägerraketen, an deren Spitze ein Raumschiff aufgesetzt ist. Die Volksrepublik China baut eine eigene Infrastruktur im Weltall auf. Der 2003 durchgeführte, bemannte Raumflug wurde zwar größtenteils durch Verwendung eines modifizierten Nachbaus des russischen Sojus-Raumschiffs ermöglicht, die eigenen Entwicklungen und Programme stehen aber in der Zwischenzeit im Vordergrund. Die NASA betreibt seit der Stilllegung der Space-Shuttle-Flotte derzeit keine bemannte Raumfahrt mehr mit eigenen Trägerraketen. Wie die Raumfahrtbehörden aus Europa (ESA), Japan (JAXA) und Kanada (CSA) nutzt die US-amerikanische NASA Kapazitäten der russischen Sojus-Raumschiffe als Transportmittel zur Internationalen Raumstation ISS.

Ein chronologischer Überblick ist in der Liste der bemannten Raumflüge verzeichnet.

Stellenwert in der Berichterstattung

Über bemannte Fahrten in den Weltraum wird in den Medien tendenziell öfter und ausführlicher berichtet als über unbemannte (ferngesteuerte). Die wissenschaftliche Bedeutung bemannter Missionen ist jedoch inzwischen geringer als die unbemannter. Fehlschläge und Unfälle, bei denen Astronauten gefährdet oder gar getötet worden sind, haften lange im Gedächtnis der Öffentlichkeit.

Motivation für bemannte Missionen

In den ersten Jahrzehnten beherrschten politische. militärische und wissenschaftliche Beweggründe die Entwicklung. Die Raumfahrt war eine nationale Angelegenheit. Inzwischen, mit der Hoffnung auf wirtschaftlichen Ertrag, engagieren sich auch vermehrt private Firmen. In den Anfängen der bemannten Raumfahrt zielte man für seine Nation aufs größtmögliche Prestige, auch der militärische Aspekt spielte eine gewisse Rolle. In den siebziger Jahren trat der Gedanke der Völkerverständigung hinzu (Ankoppeln eines russischen an ein amerikanisches Raumschiff am 17. Juli 1975 mit Handschlag zwischen den Raumfahrern), was in der Schöpfung der Internationalen Raumstation (ISS) gipfelte.

Geschichte

Frühe Entwicklung und erste Pioniere

In den USA und der Sowjetunion wurden bereits vor 1960 Ballonfahrten in große Höhen (bis etwa 30 km) mit anschließenden Fallschirmsprüngen aus der Stratosphäre unternommen, um die Belastungen zu untersuchen, denen der Mensch im Weltraum durch den fehlenden Luftdruck, die kosmische Strahlung u. a. ausgesetzt ist. Bekannt wurden insbesondere die amerikanischen Projekte Manhigh und Excelsior mit Joseph Kittinger, aber auch der sowjetische Springer Jewgeni Andrejew stellte neue Rekorde auf.[1]

1. Epoche: Kalter Krieg – Wettlauf ins All – Mondlandung

Im Zeitalter des Kalten Krieges begann zwischen den verfeindeten Supermächten USA und der Sowjetunion ein Wettlauf ins All, zuerst mit unbemannten Flügen, später mit bemannten Starts. Am 12. April 1961 umkreiste Juri Gagarin mit einem Wostok-Raumschiff als erster Mensch die Erde. Die USA konnten wenige Wochen später, am 5. Mai 1961, im Rahmen des Mercury-Programms einen 16-minütigen suborbitalen Flug von Alan Shepard vorweisen.

1968 flogen dann mit Apollo 7 die ersten Menschen im Rahmen des Apollo-Programms ins Weltall, was schließlich in der ersten bemannten Mondlandung 1969 mit Apollo 11 gipfelte. Danach konzentrierte man sich auf den erdnahen Weltraum. Die Raumstationen Saljut und Skylab boten den Menschen im All ein bescheidenes Zuhause. Mit dem Apollo-Sojus-Projekt gab es 1975 außerdem zum ersten Mal eine gemeinsame amerikanisch-sowjetische Mission. Danach gingen die beiden Nationen für die nächsten 20 Jahre wieder getrennte Wege.

2. Epoche: Das Shuttle-Konzept und die Raumstation Mir

Bereits in den 1970er Jahren erfolgte die Entwicklung der US-Raumfähren. Das Space Shuttle flog regelmäßig ab 1981.

Auch die Sowjetunion setzte in den 1980er Jahren auf das Shuttle-Konzept: Es entstand die Raumfähre Buran, die das Gegenstück zum US-Space-Shuttle bieten sollte. Aufgrund von finanziellen und politischen Schwierigkeiten konnte Buran nie eine bemannte Mission absolvieren. 1993 wurde das Programm endgültig gestoppt.

Parallel arbeitete die Sowjetunion weiter an ihrem bemannten Raumstationsprogramm. 1986 startete das erste Modul der Raumstation Mir, weitere Module folgten. Die Station blieb bis 2001 in Betrieb und diente 28 Stammbesatzungen als ein Zuhause.

3. Epoche: Die Internationale Raumstation (ISS)

Außer in der Volksrepublik China ist die Basis für alle gegenwärtigen Aktivitäten der staatlichen Raumfahrtagenturen die Internationale Raumstation (ISS). Bis zum Unglück der US-Raumfähre Columbia wurde die ISS von den US-Raumfähren und den russischen Sojus-Raumschiffen angeflogen. Nach dem Unglück im Februar 2003 startete zweieinhalb Jahre kein Space Shuttle mehr, erst im Juli 2005 wurde ein neuer Flug (STS-114) gestartet. Mit dem letzten Start des Space Shuttles Atlantis (STS-135) am 8. Juli 2011 endete die Ära des Space Shuttles. Abgesehen von unbemannten Weltraumfrachtern wurde die ISS bis Mai 2020 nur noch von russischen Sojus-Raumschiffen angeflogen.

4. Epoche: Privatisierung und Weltraumtourismus

Privat finanzierte Raumfahrt steht erst am Anfang ihrer Geschichte, wenn auch erste Erfolge, etwa die Flüge von SpaceShipOne am 21. und 29. September und 4. Oktober 2004, vorzuweisen sind. Seit 2001 konnten mehrere Weltraumtouristen mit zur Internationalen Raumstation (ISS) fliegen. Dabei handelte es sich aber um Ausnahmen, da die Transportkapazitäten zur ISS derzeit begrenzt sind.

Seit den späten 2000er Jahren arbeiten mehrere US-Unternehmen an Raumschiffen für den Transport von Astronauten zur Internationalen Raumstation. Bigelow Aerospace entwickelt entfaltbare Module, mit denen später private Raumstationen gebaut werden sollen. Die Stationen sollen als Hotels für Touristen dienen und von Firmen für Forschungen in der Schwerelosigkeit gemietet werden können. Als ersten Schritt plant Bigelow – in Zusammenarbeit mit der NASA – ein solches Wohnmodul für Touristen an der ISS. SpaceX, Boeing und die Sierra Nevada Corporation entwickeln mit der Crew Dragon, dem CST-100 Starliner und dem Dream Chaser bemannbare Raumschiffe. Dies geschieht hauptsächlich im Auftrag der NASA, aber auch Bigelow reservierte 2018 erste Crew-Dragon-Flüge.

Aktueller Stand & zukünftige Entwicklungen

Einige Raumfahrtnationen & private Unternehmen haben zukünftige bemannte Raumfahrtprogramme in Planung:

Europa

Die ESA beschäftigte sich ab 2003 innerhalb des Aurora-Programms noch mit einem bemannten Flug zum Mond im Jahr 2024, ebenso war in den 2030er Jahren ein Flug zum Mars geplant.[2] Seit 2010 beschränkt sich das Projekt nur noch auf unbemannte Erforschungsflüge zu Zielen innerhalb unseres Sonnensystems. Gegenwärtig befinden sich keine bemannten europäischen Raumflüge in Planung.[3]

Volksrepublik China

Das Büro für bemannte Raumfahrt der Volksrepublik China (kurz: CMSA) plant für 2030 die Landung eines Menschen auf dem Mond, später soll dort unter Einbindung von ESA und Roskosmos eine Forschungsstation errichtet werden.[4][5][6] Gegenwärtig entsteht unterdes eine chinesische Raumstation im All, für die ebenso bemannte Flüge mittels eines selbstentwickelten Raumschiffes vorgesehen sind.

Vereinigte Staaten

Nach Einstellung des US-amerikanischen Constellation-Programms 2009[7] wurde nach knapp einer Dekade im März 2019 das Artemis-Programm ins Leben gerufen.[8] Die US-Regierung möchte damit bis zum Jahr 2024 erstmals eine Frau auf den Mond bringen.[9] Das übergeordnete Ziel ist es, „eine dauerhafte Präsenz“ auf dem Erdsatelliten zu errichten, um einen besseren Ausgangspunkt für spätere Missionen zum Mars zu haben.[10] Konträr zu etwa China, will die NASA dabei auf „kommerzielle Partner“ setzen und verstärkt mit privaten Unternehmen, wie beispielsweise SpaceX, Dynetics oder BlueOrigin,[11] für die Vorbereitungen und Durchführungen zusammenarbeiten.[12]

Indien

Die Indische Regierung kündigte 2018 einen bemannten Flug in den Weltraum für das Jahr 2022 an.[13] Die ISRO wird dabei aktuell von der US-amerikanischen NASA innerhalb der NASA-ISRO Human Space Flight Working Group[14] und von der russischen Roskosmos[15] unterstützt.

Iran

Die Iranische Weltraumagentur (ISA) plant derzeit keine bemannten Flüge in den Weltraum. Pläne für eine Mission im Jahr 2024 wurden 2017 aufgrund hoher Kosten gestrichen.[16]

Russland

Die bemannte Raumfahrt der russischen Roskosmos beschränkt sich aktuell auf die Beförderung von Personen hin zur ISS. Dabei werden sowohl Kosmonauten als auch ab 2021 (wieder) Privatpersonen befördert.[17]

SpaceX

Als erstes Privatunternehmen beförderte die US-amerikanische Firma SpaceX im Mai 2020 einen Menschen zur ISS.[18] SpaceX plant in naher Zukunft weitere bemannte Missionen.[19]

Abgebrochene bemannte Raumfahrtprogramme

Siehe auch

Literatur

  • Luca Codignola u. a. (Hrsg.): Humans in outer space – interdisciplinary Odysseys. Springer, Wien u. a. 2009, ISBN 978-3-211-87464-6 (Studies in Space Policy 1).
  • David Darling: The complete book of spaceflight. From Apollo 1 to Zero gravity. Wiley, Hoboken NJ 2003, ISBN 0-471-05649-9.
  • Matthias Gründer u. a.: Lexikon der bemannten Raumfahrt. (Raketen, Raumfahrzeuge und Astronauten). Lexikon-Imprint-Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-89602-287-3.
  • Stephen B. Johnson (Hrsg.): Space exploration and humanity. A historical encyclopedia. 2 Bände. ABC-CLIO, Santa Barbara CA u. a. 2010, ISBN 978-1-85109-514-8.
  • Jesco von Puttkamer: Der Mensch im Weltraum -- eine Notwendigkeit, Frankfurt 1987.
  • Wiley J. Larson (Hrsg.): Human spaceflight – mission analysis and design. McGraw-Hill, New York NY 2003, ISBN 0-07-236811-X.
  • Donald Rapp: Human missions to Mars – enabling technologies for exploring the red planet. Springer u. a., Berlin u. a. 2008, ISBN 978-3-540-72938-9.
  • Haeuplik-Meusburger: Architecture for Astronauts - An Activity based Approach. Springer Praxis Books, 2011, ISBN 978-3-7091-0666-2.

Weblinks

  Wikinews: Portal:Bemannte Raumfahrt – in den Nachrichten

Einzelnachweise

  1. History of Research in Space Biology and Biodynamics 1948-1958. Abgerufen am 16. Dezember 2010.
  2. Aurora’s roadmap to Mars. Abgerufen am 31. Mai 2020 (englisch).
  3. Missionen der ESA 2020 - Sonne, Mars und Erde im Visier. Abgerufen am 31. Mai 2020 (deutsch).
  4. 郭凯: China aims to explore polar regions of Moon by 2030 - Chinadaily.com.cn. Abgerufen am 31. Mai 2020.
  5. 比美国还多出三分之一!我国航天员规模骤增,天宫空间站只是开局. Abgerufen am 31. Mai 2020.
  6. When will China get to Mars? Abgerufen am 31. Mai 2020 (englisch).
  7. Marcia S. Smith: NASA’s Project Constellation and the Future of Human Spaceflight. 23. Februar 2011, abgerufen am 31. Mai 2020 (englisch).
  8. US aims for humans on Moon in five years. In: BBC News. 27. März 2019 (bbc.com [abgerufen am 31. Mai 2020]).
  9. Flint Wild: What Is the Artemis Program? 30. August 2019, abgerufen am 31. Mai 2020.
  10. Brian Dunbar: Moon to Mars Overview. 29. Juni 2018, abgerufen am 31. Mai 2020.
  11. NASA Artemis program: Who will design next lunar lander? Abgerufen am 31. Mai 2020 (englisch).
  12. Sarah Loff: Commercial Lunar Payload Services Update. 29. Juli 2019, abgerufen am 31. Mai 2020.
  13. 4 Indian Astronauts Resume Training In Russia For ISRO's Gaganyaan Mission. Abgerufen am 31. Mai 2020.
  14. NASA resumes cooperation with ISRO after ASAT test. 7. April 2019, abgerufen am 31. Mai 2020 (amerikanisches Englisch).
  15. ISRO & ROSCOSMOS to work together for first Indian manned mission. In: The Financial Express. 5. Oktober 2018, abgerufen am 31. Mai 2020 (amerikanisches Englisch).
  16. Rick Gladstone: Iran Drops Plan to Send Human Into Space, Citing Cost. In: The New York Times. 31. Mai 2017, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 31. Mai 2020]).
  17. Deutsche Welle (www.dw.com): Musks "Drache" beendet das russische Monopol im Weltraum | DW | 31.05.2020. Abgerufen am 31. Mai 2020 (deutsch).
  18. SpaceX makes history with successful first human space launch. In: TechCrunch. Abgerufen am 1. Juni 2020 (amerikanisches Englisch).
  19. Tariq Malik 18 September 2018: How SpaceX's 1st Passenger Flight Around the Moon with Yusaku Maezawa Will Work. Abgerufen am 1. Juni 2020 (englisch).