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18. Oktober 1977 (RAF-Zyklus)
Gerhard Richter, 1988
Museum of Modern Art, New York

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(Bitte Urheberrechte beachten)

18. Oktober 1977 ist der Titel eines Gemäldezyklus von Gerhard Richter in der Art der Grisaille-Malerei. Er hat Fotografien zur Vorlage, die den Suizid von drei führenden Terroristen der Baader-Meinhof-Gruppe in der Justizvollzugsanstalt Stammheim nach der Befreiung der Geiseln in der durch arabische Terroristen entführten Lufthansa-Maschine Landshut dokumentieren. Zudem zeigt der Zyklus Ereignisse aus einem Zeitraum von mehreren Jahren: von der Festnahme der Terroristen bis zu ihrer Beerdigung. Eine Sonderstellung nimmt das sogenannte Jugendbildnis Ulrike Meinhofs ein. Richters Verfahrensweise des Verwischens der fotografischen Abmalungen folgt dem dialektischen Prozess der Annäherung durch Distanzierung. In Richters Gesamtwerk schließt der Gemäldezyklus die Werkgruppe seiner Fotoabmalungen ab. Seine Rezeption changierte zwischen großem Lob und heftiger Ablehnung. Nach einer Reihe von Ausstellungstationen erwarb das Museum of Modern Art das Werk.

Inhaltsverzeichnis

BeschreibungBearbeiten

Der Zyklus besteht aus 15 Bildern, die nach zwölf verschiedenen, vorwiegend dokumentarischen Polizei- und Pressefotos in dumpfen Grau- und Schwarztönen in Öl angelegt sind, die Konturen wurden verwischt. Das titelgebende Datum fixiert den Tag, an dem die Aufseher die inhaftierte Führungsspitze der Rote Armee Fraktion (RAF) im Gefängnis Stuttgart-Stammheim tot oder mit lebensgefährlichen Verletzungen auffanden.[1] Der Terrorismus der RAF, der die Bundesrepublik zehn Jahre lang in Atem hielt, ist für Richter eine Metapher für jegliche Ideologie, die auf Inhumanität gegründet ist. In einem Interview präzisiert der Künstler seine Motivation und antwortet auf die Frage ob die RAF Opfer ihrer Ideologie wurde: Ja sicher. Aber eben nicht Opfer einer ganz bestimmten Ideologie von links oder rechts, sondern von ideologischem Verhalten allgemein. Das hat eher zu tun mit dem immerwährenden menschlichen Dilemma, ganz allgemein: revolutionieren und scheitern.[2] Entstanden ist der Zyklus zwischen März und November 1988, im zehnjährigen Abstand zu den Ereignissen. Aus den Hunderten von gesichteten Fotos wählte Richter zwölf Motive aus, die nach seinen Worten „sehr auf den Tod hin konzentriert“ waren.[3] Richter definierte sein Verfahren als „dialektische Vermittlung von Annäherung und Distanzierung, als einen Prozeß der Aneignung einer verdrängten Erfahrung, der der Logik von Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten folgt“.[4] So verarbeitete er die Fotos zunächst zu 18 Gemälden, von denen er jedoch drei wieder aussonderte.[5] Die Herstellung der Gemälde erfolgte durch die Projektion der Fotovorlagen mit einem Episkop auf eine Leinwand, auf der Richter die abgebildeten Formen mit Bleistift nachzeichnete. Bei der anschließenden Ausführung in Öl verwendete er verschiedene Grautöne sowie Schwarz und Weiß. Danach verwischte er mit einem breiten Pinsel die noch nicht getrocknete Farbe.[6]

In dem Zyklus gibt es bewusst kein erstes und letztes Bild; nach Hubertus Butin kann sich daher das Werk nur in seiner Gesamtheit „für den Betrachter wirksam entfalten“.[7]

Auf den Ölgemälden sind Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Holger Meins dargestellt, aber die Personen sind weder durch ihre Gesichtszüge noch anhand der Bildtitel leicht zu identifizieren. Die Titel der Bilder sind unpersönlich gehalten. Die Verwischungen der Bildmotive sind unterschiedlich stark; allein Meinhof und Ensslin sind wegen der geringeren Verwischung zu erkennen, die anderen Personen erst im Vergleich mit den Ausgangsfotos.

Tote ist der Titel der dreiteiligen Gemäldegruppe (62 × 67 cm, 62 × 62 cm, 35 × 40 cm, Werkverzeichnis: 667/1-3), die in einer Seitenansicht Kopf und Schultern der auf dem Rücken liegenden Ulrike Meinhof nach ihrem Selbstmord am 9. Mai 1976 zeigen. Auch auf dem Foto ist nicht auszumachen, ob sie am Boden oder auf einer Bahre liegt. Der Verwischungseffekt verstärkt sich hier, je kleiner das Bild wird, auch der Ausschnitt ist variabel. Hubertus Butin schließt aus der dreifachen Wiederholung des Motivs „die unaufhebbare und trostlose Faktizität des Totseins“.[8]

Das Bild Erhängte (200 × 140 cm, Werkverzeichnis: 668) lässt die schemenhafte Gestalt Gudrun Ensslins erkennen, die sich am 18. Oktober 1977 an den Gitterstäben ihrer Zelle in Stammheim erhängte. Richter löst die untere Hälfte des Körpers im diffusem Grau auf. Da auch ein Fußboden nicht erkennbar ist, erscheint das untere Bilddrittel „als dunkler Abrund von nicht auslotbarer Tiefe“.[9] Zu diesem Bild gab es eine zweite Version, die Richter nicht in den Zyklus aufnahm und abstrakt übermalte (Decke, Werkverzeichnis 680/3).

Auf den Bildern Erschossener 1 und Erschossener 2 (beide 100 × 140 cm, Werkverzeichnis: 669/1-2) ist die auf dem Zellenboden liegende Leiche Andreas Baaders zu sehen. Beide Bilder entstanden nach einem Polizeifoto, das 1980 im Stern publiziert wurde. Obwohl Richter nur eine Vorlage verwendete, weisen beide Bilder deutliche Unterschiede auf: Im ersten wird der Leichnam in größerer Beobachterdistanz als im zweiten erfasst; das zweite Bild ist stärker verwischt, wodurch die Distanz wiederum vergrößert wird. Gerhard Storck erscheint es, als würde die im ersten Bild wiedergegebene Deutlichkeit im zweiten bis zur Unkenntlichkeit zurückgenommen.[10] Beide Gemälde standen am Anfang und Ende des Malprozesses.[11]

Zelle (200 × 140 cm, Werkverzeichnis: 670) zeigt die Zelle Baaders nach der Entdeckung der Selbstmorde. Vorlage war ebenfalls ein Polizeifoto, das 1980 im Stern veröffentlicht wurde. Die rechte Bildhälfte wird von einem Bücherregal beherrscht, auffällig ist die Verwischung in der Vertikalen.

Die Gemälde Gegenüberstellung 1-3 (jeweils 112 × 102 cm, Werkverzeichnis: 671/1-3) entstanden auf der Grundlage von Pressefotos nach der Verhaftung von Gudrun Ensslin aus dem Sommer 1972. Richter reduziert dabei den Bildausschnitt auf den Oberkörper der Festgenommenen, die Situation ist nur durch den Schattenwurf an der Wand zu erahnen. Die Bildfolge, von links nach rechts gelesen, weist Ähnlichkeiten mit einer Filmsequenz bzw. mit Standfotos von festgehaltenen Momenten aus dem zeitlichen Ablauf eines Films auf.[12]

Die geringste Verwischung zeigt das Jugendbildnis (67 × 62 cm, Werkverzeichnis: 672-1), das die junge Ulrike Meinhof darstellt. Die Vorlage zu dem Bild ist vermutlich 1970 entstanden, Meinhof wirkt auf dem Gemälde aber deutlich jünger.

„Kein zweites Bild zeigt seine Figur in dieser Klarheit. […] Zwar ahnungsvoll, aber doch unbelastet jugendlich wirkt der Blick der jungen Ulrike Meinhof, die aus dem sie umfassenden Schwarz des Hintergrunds in den Betrachterraum schaut. Zeitlich den übrigen Motiven vorausliegend, signalisert der Blick träumerische Zuversicht. Wie in keinem zweiten Bild setzt sich die Figur gegen die Textur der Verwischung durch und signalisiert einen Rest an Unmittelbarkeit; eine Direktheit, die der Zyklus als Ganzes in seiner Thematisierung medialer Vermitteltheit von Geschichte negiert.“

Martin Henatsch, Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte. S. 74.

Hubertus Butin schreibt dem Jugendbildnis eine „eklatante Harmlosigkeit“ zu, die uns fürchten lässt vor den in uns allen „verborgenen Möglichkeiten“, anderen gewalttätig unseren Willen aufzuzwingen.[13]

Relativ klar zu erkennen ist auch der Plattenspieler (62 × 83 cm, Werkverzeichnis: 672-2). Er nimmt eine Sonderrolle in dem Zyklus ein. Mit aufgelegtem Tonarm scheint er einen Moment der Stille zu fixieren, tatsächlich aber ist er der "Katalysator für den tragischen Ausgang der Geschichte";[14] denn in ihm war die Pistole Baaders versteckt, und links vom Apparat befinden sich die Kabel, die Ensslin als tödliche Schlinge dienten.

Beerdigung (200 × 320 cm, Werkverzeichnis: 673) ist das größte Bild des Zyklus. Es zeigt die Beisetzung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe auf dem Dornhaldenfriedhof in Stuttgart am 27. Oktober 1977. Die drei Särge sind in der Bilddiagonalen zu erkennen, umgeben von der anonymen Menge der Trauernden.

Festnahme 1 und Festnahme 2 (beide 92 × 126 cm, Werkverzeichnis: 674/1-2) beruhen auf Polizeifotos, die bei der Festnahme von Holger Meins, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe am 1. Juni 1972 in Frankfurt am Main entstanden und am 8. Juni 1972 im Stern veröffentlicht wurden. Man erkennt einen Garagenhof mit mehreren Fahrzeugen, darunter einen Panzerwagen der Polizei, von den verhafteten Terroristen ist nur Holger Meins auf dem zweiten Bild zu sehen.

Stellung im GesamtwerkBearbeiten

Frühe Kritiken übersahen die Verbindung des Zyklus mit Richters Arbeiten nach Schwarz-Weiß-Fotografien aus den 1960er Jahren, die zum Beispiel von dem Kunsthistoriker Benjamin Buchloh als unpolitisch angesehen wurden.[15] Die Annahme, dass Richter mit dem Zyklus erstmals ein politisches Thema aufgegriffen habe, teilte die spätere Forschung nicht mehr, sondern schärfte den Blick auf die bereits in Bildern der 1960er Jahre behandelten Themen wie Nationalsozialismus und Luftkrieg.[16]

In Richters Gesamtwerk schließt der Zyklus die Werkgruppe der Abmalungen von Schwarz-Weiß-Fotografien ab. Richter selbst begriff ihn „als Form einer komprimierten Zusammenfassung, die kein Weitergehen mehr zulässt“.[17] Anders als in seinen früheren Abmalungen verwendete Richter neben dem Grau die traditionell mit Trauer verbundene Farbe Schwarz, insbesondere in dem Jugendbildnis. Ortrud Westheider sieht darin eine „Referenz auf die Historienmalerei eines Velázquez, Goya oder Manet“.[18]

Moderne Historienmalerei?Bearbeiten

Richters Gemäldefolge hat die Frage aufgeworfen, ob der Zyklus dem Genre einer erneuerten und problematisierten Historienmalerei zuzurechnen sei. Historienmalerei, einst das vornehmste Genre, hatte ihre Hochzeit im 19. Jahrhundert und galt seither als obsolet. Dass Richters Zyklus eine Art moderner Historienmalerei darstelle, ist bei Kritikern und Kunsthistorikern umstritten.

Anlässlich der Ausstellung im Hamburger Bucerius Forum kommentierte Hans Joachim Müller in der Welt: „Aus dem großen Abstand betrachtet muten diese tunlichst abständigen Bilder wie die Neuerfindung der vernutzten Gattung der Historienmalerei an“.[19] Stefan Germer bezeichnet sie als „Historienbilder, die die Darstellbarkeit des Historischen problematisieren“.[20] Amine Haase sieht in dem als „modernen Totentanz“ und „allgemein gültigem Menetekel“ charakterisierten Gemälden eine Art „negativer Historienmalerei“.[21] Martin Henatsch stellt Richters Zyklus in die Tradition von Edouard Manets Gemälde Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko, das zur heroischen Historienmalerei bereits mit seinen malerischen Elementen „in einen formalen wie inhaltlichen Widerstreit“ tritt. Überdies mangelt es ihm an „Heroentum und Pathos“.[22] Das zeigt sich besonders am Gemälde Beerdigung, dem größten Bild des Zyklus. Im Unterschied zur traditionellen Historienmalerei, in der Helden wichtiger historischer Ereignisse, dargestellt werden, zeigt Richter die Beerdigung gescheiterter Terroristen. Dadurch erfüllt das Gemälde nicht den Zweck der detaillierten Abbildung eines Geschehens oder der Kreation einer historischen Wahrheit, sondern erinnert an ein bestimmtes Ereignis und das damit einhergehende Gefühl der Trauer und des Abschieds.[23] Anders als bei Manet wird bei Richter der Beobachter durch „den konfrontativen und nahsichtigen Bildaufbau“ auf Distanz gehalten.[24] Auch erhebt der Zyklus keinen Anspruch auf die umfassende Darstellung eines historischen Ereignisses wie die traditionelle Historienmalerei.[25] Kai-Uwe Hemken argumentiert in seiner Monographie, dass der Zyklus „weniger eine Erneuerung der Historienmalerei“ darstelle. sondern eine Kritik an den Massenmedien, die das kollektive Gedächtnis steuern und „Geschichte produzieren“.[26]

AusstellungenBearbeiten

Solange der Zyklus noch in Richters Besitz war, untersagte er bei der Präsentation in der Öffentlichkeit aus Pietät gegenüber den Toten und aus Rücksicht gegenüber deren Angehörigen den Abdruck der Personenbilder in der Presse und verlangte den Verzicht auf die übliche Eröffnungsfeier.[27]

Der Zyklus wurde zuerst 1989 unter Gerhard Storck im Museum Haus Esters in Krefeld ausgestellt. Jürgen Hohmeyer kommentierte die ausgestellte Gemäldefolge im Spiegel als das „ungewöhnliche Exempel einer zeitgemäßen Historienmalerei, das alle Traditionen der Gattung umstößt und dem Medium Dokumentarphotographie Sinnbilder der Trauer abgewinnt“.[28] Danach wurde der Zyklus auf eine zweijährige, internationale Ausstellungstour geschickt.[29] Noch im selben Jahr folgten Ausstellungen im Portikus Frankfurt am Main, Institute of Contemporary Arts London und Museum Boijmans Van Beuningen Rotterdam. In Rotterdamm wurde er zusammen mit abstrakten Bildern aus den 1980er Jahren gezeigt. 1990 wurden der Zyklus im Saint Louis Art Museum, in der Grey Art Gallery New York, im Musée des beaux-arts de Montréal und in der Lannan Foundation Los Angeles (hier auch wieder, wie in Rotterdam, zusammen mit abstrakten Gemälden) gezeigt. Anfang 1991 wurden die Gemälde im Institute of Contemporary Art in Boston ausgestellt.[30]

Danach war der Zyklus als Dauerleihgabe des Künstlers mehrere Jahre im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu sehen, bevor er 1995 an das Museum of Modern Art in New York verkauft wurde. 2004 war der Zyklus Bestandteil der Ausstellung „Das MoMA in Berlin“ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Im Albertinum (Dresden) wurde der Zyklus vom 19. März 2005 bis 2. Januar 2006 gezeigt.[31] Vom 5. Februar bis 15. Mai 2011 zeigte ihn das Bucerius Kunst Forum in Hamburg im Rahmen der Ausstellung Gerhard Richter. Bilder einer Epoche, bei der die Gemälde mit ihren Vorlagen aus Illustrierten und Fotoalben dokumentiert wurden. Vom 12. Februar bis 13. Mai 2012 wurde der Zyklus im Rahmen der von der Neuen Nationalgalerie konzipierten Retrospektive „Gerhard Richter: Panorama“ mit rund 140 Werken als einen gesonderten, zweiten Teil in der Alten Nationalgalerie Berlin ausgestellt.[32][33] Dorothee Achenbach kommentierte ihn in der Welt: „Das Trauma des Deutschen Herbstes, es ergreift und warnt einen heute noch - mehr kann Kunst nicht erreichen“.[34] Vom 18. Mai bis 7. September 2014 war er in der Fondation Beyeler in Riehen (Basel) zu sehen.

Die offizielle Webseite von Gerhard Richter listet bis 2014 über dreißig Stationen der Ausstellung des Zyklus auf.[35]

Nicht enthalten ist in dieser Liste die von KW Institute for Contemporary Art, Berlin konzipierte Ausstellung Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung, auf der u. a. zehn Tafeln aus Richters Atlas gezeigt wurden.[36] Deren Ziel war eine Ausstellung, in der die Reflexionen zur Roten Armee Fraktion (RAF) in den Medien einerseits und den künstlerischen Positionen, die sich direkt oder indirekt mit der Geschichte der RAF auseinandersetzen andererseits, erstmalig gemeinsam zu präsentieren. Das Konzept der Ausstellung war umstritten. Erst nach kontroversen Debatten in den Medien konnte der Kunst-Werke-Gründer Klaus Biesenbach die Ausstellung unter Verzicht auf öffentliche Förderung ein Jahr später, 2005, eröffnen.[37][38] Nach Berlin zeigte die Neue Galerie Graz die Ausstellung. Von Gerhard Richter wurden aus dem Atlas die Tafeln 470–479[39] gezeigt, die sich mit dem Sujet RAF beschäftigen. Sie haben Richter teilweise als Vorlagen für seinen Gemäldezyklus gedient, gelten aber als ein eigenständiges Werk, in dem die Spannung zwischen medialer Realität und künstlerischer Wahrnehmung, im objektiven wie subjektiven Sinne, in Erscheinung tritt.[40]

Verkauf ans MoMABearbeiten

Nachdem der Zyklus jahrelang als Leihgabe im Frankfurter Museum für Moderne Kunst ausgestellt worden war, ohne dass sich jemand für dessen Erwerb interessiert gezeigt hatte, wurde er 1995 für 3 Millionen Dollar an das New Yorker Museum of Modern Art verkauft. In einem Interview mit Hubertus Butin erklärte Richter, warum er durch den Verkauf ans MoMa, das er für das „beste Museum der Welt“ hält, eine Art Ent-Emotionalisierung der Rezeption erwartete: „Vielleicht sehen die Amerikaner aufgrund ihrer Distanz zur RAF eher das Allgemeine des Themas, das fast jedes moderne oder auch unmoderne Land betrifft: die generelle Gefahr von Ideologiegläubigkeit, von Fanatismus und Wahn.“[41]

RezeptionBearbeiten

Dem Kunsthistoriker Hubertus Butin zufolge sei keine andere Arbeit eines deutschen Künstlers seit 1989 international so intensiv und kontrovers diskutiert worden wie Richters Zyklus, wobei sich die Rezeption in Deutschland und in den USA in einer Bandbreite zwischen großem Lob und heftiger Ablehnung bewegte.[42] Nachstehend einige Beispiele aus dem polarisierten Meinungsspektrum:

Unter den ablehnenden Kommentaren stach besonders der des Kulturtheoretikers Bazon Brock hervor, der 2003 in der Zeitschrift konkret Richters Zyklus als „Polit-Pornographie“ und „Lumperei“ bezeichnete.[43] Richters Malerkollege Georg Baselitz äußert sich ebenfalls sehr abfällig: „[…] als Gerhard Richter Baader-Meinhof gemacht hat, habe ich mich geschämt, ich habe mich als Maler geschämt, weil ich denke, man kann als jetzt lebender Künstler kein solches ‚hochpeinliches‘ Geschichtsbild malen […].“[44]

Positive Bewertungen erfuhr das Werk durch den Schweizer Kunsthistoriker und Museumsdirekter Jean-Christophe Ammann, für den der Zyklus „ein Mahnmal gegen die Ideologien in Deutschland in diesem Jahrhundert schlechthin“ darstellte,[45] und den US-amerikanischen Kunstkritiker Donald Kuspit, der den Zyklus in seiner Bedeutung sogar neben Pablo Picassos Gemälde Guernica stellte.[46] Auch Alexander Braun schreibt in einer Rezension für das Kunstforum International dem Werk den Status eines singulären Meisterwerks vom Format eines Guernica zu.[47]

Eine Interpretation, die Richter in aller Deutlichkeit von sich wies, vertrat der deutsche, in USA lehrende Kunsthistoriker Benjamin Buchloh, dass Richters Bildgruppe eine „tolerierende Erinnerung an jene Personen und die Ideen dieser Individuen“ innitiere.[48]

LiteraturBearbeiten

  • Museum für Moderne Kunst und Portikus, Frankfurt am Main (Hrsg.): Presseberichte zu Gerhard Richter „18. Oktober 1977“. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1989, ISBN 3-88375-123-5.
  • Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (Hrsg.): Gerhard Richter. 18.Oktober 1977. 2. Auflage. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, ISBN 3-88375-105-7
  • Jean-Christophe Ammann: Das Werk als Menetekel. In: Zyma, Nr. 5, November/Dezember 1989, S. 18-21. Wieder abgedruckt in: Museum für Moderne Kunst und Portikus, Frankfurt am Main (Hrsg.): Presseberichte zu Gerhard Richter „18. Oktober 1977“. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1989, S. 129–131.
  • Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Schriften zur Sammlung des Museums für Moderne Kunst, Frankfurt am Main. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, ISBN 3-88375-141-3.
  • Hubertus Butin: Gerhard Richters RAF-Zyklus in der Kunstkritik. In: Kunstforum International. Band 215 (2012).
  • Julia Gelshorn: Das unauslöschliche Gedächtnis der Bilder. Gerhard Richters Zyklus „18. Oktober 1977“. In: Uwe Fleckner (Hrsg.): Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Gedächtnis der Kunst. De Greuyter, Verlin 2014, S. 399–416.
  • Stefan Germer: Ungebetene Erinnerung. In: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Ausstellungkatalog. Museum Haus Esters, Krefeld, und Portikus, Frankfurt am Main, Köln 1989.
  • Kai-Uwe Hemken: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Insel, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-458-33937-X.
  • Martin Henatsch: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte. Fischer, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-596-13626-1.
  • Robert Storr: Gerhard Richter October 18, 1977. Hatje Cantz, 2000, ISBN 3-7757-0976-2.
  • Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus 18. Oktober 1977. In: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog, Hrsg. Uwe M. Schneede. Hirmer, München 2011, S. 154–193.
  • Ulf Erdmann Ziegler: Wie die Seele den Leib verläßt. Gerhard Richters Zyklus „18. Oktober 1977“. das letzte Kapitel westdeutscher Nachkriegsmalerei. In: Eckhart Gillen (Hrsg.): Deutschlandbilder. Kunst aus einem geteilten Land. Ausstellungskatalog. Martin-Gropius-Bau, Berlin 1997–1998, S. 406–412.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus ‚18. Oktober 1977‘. In: Uwe W. Schneede: Gerhard Richter: Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog. Hirmer Verlag, München 2011, S. 154–194, hier: S. 155.
  2. Jan Thorn-Prikker: Gespräch mit Jan Thorn-Prikker über den Zyklus 18. Oktober 1977 aus dem Jahr 1989. Sammlung aus Zitaten Richters. Gerhard Richter, 1989, abgerufen am 5. Mai 2017.
  3. Gerhard Richter im Interview mit Sabine Schütz 1990, zitiert nach Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus 18. Oktober 1977. In: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog, Hg. Uwe M. Schneede. Hirmer, München 2011, S. 177.
  4. Stefan Germer: Ungebetene Erinnerung. In: Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (Hrsg.): Gerhard Richter. 18.Oktober 1977. 2. Auflage. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 51.
  5. Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus 18. Oktober 1977. In: Gerhard Richter. Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog, Hg. Uwe M. Schneede. Hirmer, München 2011, S. 155.
  6. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 13.
  7. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 15.
  8. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 16.
  9. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 18.
  10. Gerhard Storck in: Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (Hrsg.): Gerhard Richter. 18.Oktober 1977. 2. Auflage. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 15.
  11. Gerhard Storck in: Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (Hrsg.): Gerhard Richter. 18.Oktober 1977. 2. Auflage. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 15.
  12. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 16.
  13. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 48.
  14. Martin Henatsch, Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte. Fischer, Frankfurt am Main 1998, S. 79.
  15. Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus ‚18. Oktober 1977‘. In: Uwe W. Schneede: Gerhard Richter: Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog. Hirmer Verlag, München 2011, S. 154–194, hier: S. 161.
  16. Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus ‚18. Oktober 1977‘. In: Uwe W. Schneede: Gerhard Richter: Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog. Hirmer Verlag, München 2011, S. 154–194, hier: S. 161.
  17. Zitiert nach Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus ‚18. Oktober 1977‘. In: Uwe W. Schneede: Gerhard Richter: Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog. Hirmer Verlag, München 2011, S. 154–194, hier: S. 161.
  18. Ortrud Westheider: Eine Idee, die bis zum Tod geht. Der Zyklus ‚18. Oktober 1977‘. In: Uwe W. Schneede: Gerhard Richter: Bilder einer Epoche. Ausstellungskatalog. Hirmer Verlag, München 2011, S. 154–194, hier: S. 158.
  19. Hans Joachim Müller: Die Neuerfindung der Historienmalerei. In: DIE WELT vom 4. Februar 2011.
  20. Stefan Germer: Ungebetene Erinnerung. In: Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main (Hrsg.): Gerhard Richter. 18.Oktober 1977. 2. Auflage. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 51.
  21. Amine Haase: Historienmalerei in Zeiten der Post-Histoire. Zum Beispiel Luc Tuymans und Gerhard Richter. In: Kulturforum International. Band 214 (2012).
  22. Martin Henatsch: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte. Fischer, Frankfurt am Main 1998, S. 49.
  23. Robert Storr: Gerhard Richter October 18, 1977. Hatje Cantz, 2000, S. 121 ff.
  24. Martin Henatsch: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte. Fischer, Frankfurt am Main 1998, S. 53.
  25. Martin Henatsch: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Das verwischte Bild der Geschichte. Fischer, Frankfurt am Main 1998, S. 54.
  26. Kai-Uwe Hemken: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. Insel, Frankfurt am Main 1998, S. 147.
  27. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 13.
  28. Jürgen Hohmeyer: Das Ende der RAF, gnädig weggemalt. In: Der Spiegel, Ausgabe 7/1989.
  29. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 5.
  30. Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 13.
  31. gerhard.richter.com
  32. Berliner Zeitung
  33. Die Welt
  34. Die Welt
  35. gerhard-richter.com
  36. gerhard-richter.com
  37. Der Spiegel vom 28. Januar 2005.
  38. Pressestimmen zur Ausstellung
  39. Atlas Blatt 470–479
  40. Neue Galerie Graz
  41. Zitiert nach Richters RAF-Zyklus nach New York verkauft: kultureller Gewinn oder Verlust? Ein Gespräch mit Hubertus Butin. In: Kulturforum International. Band 132 (1995).
  42. Hubertus Butin: Gerhard Richters RAF-Zyklus in der Kunstkritik. In: Kunstforum International. Band 215 (2012), S. 90.
  43. Bazon Brock: Kinderkramkunst. Vom Mythos RAF zum Mythos Kunst. In: konkret, Nr. 11, November 2003, S. 45.
  44. Zitiert nach Hubertus Butin: Gerhard Richters RAF-Zyklus in der Kunstkritik. In: Kunstforum International. Band 215 (2012).
  45. Jean-Christophe Ammann: Das Werk als Menetekel. In: Zyma, Nr. 5, November/Dezember 1989.
  46. Donald Kuspit: All our Yesterdays. In: Artforum International. Vol. 28, No. 8 (April 1990), S. 132.
  47. Alexander Braun: Gerhard Richter. 18. Oktober 1977. In. Kunstforum International. Band 145 (1999).
  48. Zitiert nach Hubertus Butin: Zu Richters Oktober-Bildern. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 1991, S. 35.