Vishnudevananda

indischer Hatha- und Raja-Yogameister
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Vishnudevananda Saraswati (* 31. Dezember 1927 in Kanimangalam, Kerala; † 9. November 1993 in Mangaluru, im Bundesstaat Karnataka) war ein Schüler von Sivananda Saraswati und ist Gründer, nach Eigenbekundung 1957, der Internationalen Sivananda Yoga Vedanta Zentren und Ashrams einer Glaubensrichtung des Hinduismus.[1] Er entwickelte die Sivananda-Yoga-Lehrerausbildung, eines der ersten Yogalehrer-Trainingsprogramme im Westen. Mit seinen Büchern Das große illustrierte Yogabuch (1959) und Meditation und Mantras (1978) machte er sich einen Namen als Experte für Hatha- und Rajayoga.

Vishnudevananda
Sivananda und Vishnudevananda am Ganges
Vishnudevananda beim Unterrichten

JugendBearbeiten

Vishnudevananda wurde in Kerala, einem Bundesstaat in Südindien, am 31. Dezember 1927 geboren. Seine Familie gehörte der Nair-Kaste an. Sein Vater war ein Brahmane namens Panchanatham.

Während seiner kurzen Laufbahn in der indischen Armee bekam er durch Zufall einen Handzettel von Sivananda Saraswati mit dem Titel Sadhana Tattwa (spirituelle Anleitungen) in die Hände. Was ihn darin besonders ansprach, waren die Worte: „Ein Gramm Praxis ist mehr wert als eine Tonne Theorie. Praktiziere Yoga, Religion und Philosophie im Alltag und erlange Selbstverwirklichung.“ Die Einfachheit und Direktheit dieser Botschaft beeindruckten ihn so sehr, dass Vishnudevananda kurz darauf einen 36-stündigen Ausgang nutzte, um nach Rishikesh zu reisen und Sivananda kennenzulernen. Der kurze Aufenthalt bewegte ihn so sehr, dass er so bald als möglich wiederkommen wollte.

LehrjahreBearbeiten

Im Alter von 20 Jahren trat Vishnudevananda 1947 in den Sivananda Ashram in Rishikesh ein. Er wurde ein Sannyasin (Mönch) und der erste Lehrer für Hatha-Yoga in der Sivananda Yoga Vedanta Forest Academy. Als solcher unterrichtete er hunderte indischer und westlicher Schüler. Unterdessen vertiefte er seine eigene Praxis und wurde ein Meister fortgeschrittener Hatha-Yoga-Techniken. Auf die Frage, wie es ihm gelungen sei, diese uralten Praktiken, die zum Teil schon lange in Vergessenheit geraten waren, zu solcher Vollendung zu bringen, antwortete Vishnudevananda: „Mein Meister hat mit seiner Berührung das Auge meiner Intuition geöffnet. All mein in früheren Leben erworbenes Wissen ist zu mir zurückgekehrt“. Er lebte und arbeitete zehn Jahre lang unter der direkten spirituellen Anleitung von Sivananda.

Zentren und AshramsBearbeiten

Vishnudevanandas Reise von Indien in den Westen dauerte ein volles Jahr. 1957 erreichte er die Westküste Amerikas. Er meinte bald, dass die westlichen Menschen so sehr in der Hektik ihres Alltags gefangen seien, dass sie sich weder entspannen könnten, noch wüssten, wie sie ein gesundes Leben führen könnten. Vishnudevananda entwickelte das Konzept des Yoga-Urlaubs und schuf Orte für eine komplette Erholung von Körper, Geist und Seele. Mehrere Ashrams und Zentren wurden so für die ganzheitliche Yogapraxis geschaffen.

1959 gründete er das erste Sivananda Yoga Vedanta Zentrum in Montreal, Kanada. Kurz darauf organisierte er 1961 die ersten Yogaferien, die seither eine feste Einrichtung in den Sivananda Yoga Vedanta Zentren und Ashrams sind. Im Februar 1962 fand Vishnudevananda den Ort in Kanada, an dem heute das Sivananda Ashram Yoga Camp in Val Morin, Quebec, liegt. Er entschied intuitiv, in diesem dichten Waldgebiet in den Laurentian Mountains ein Ashram zu eröffnen. Seit den bescheidenen Anfängen mit einigen wenigen kleinen Hütten und Zelten hat eine erhebliche Erweiterung stattgefunden. Heute gibt es dort mehrere Tempel, eine Yogahalle, Gästehäuser, Büros und vieles mehr.

1967 eröffnete Vishnudevananda das Sivananda Ashram Yoga Retreat auf den Bahamas. Es befindet sich auf vier Morgen (16.000 m²) auf Paradise Island, nur eine kurze Bootsfahrt von Nassau entfernt. Im August 1971 wurde die Sivananda Ashram Yoga Farm in Grass Valley (Kalifornien) gegründet. Vishnudevananda eröffnete einen vierten Ashram in Woodbourne (New York), in den Catskill Mountains. Er nannte ihn Sivananda Yoga Ranch Colony. Wie bereits bei den anderen Ashrams entschied sich Vishnudevananda für dieses Stück Land auf Grund seiner starken spirituellen Energie.

Im Februar 1978 eröffnete Vishnudevananda den Sivananda Yoga Vedanta Dhawanthari Ashram in Neyyar Dam, in der Nähe von Thiruvananthapuram in Kerala, Südindien. Der Ashram umfasst eine Fläche von 10 Morgen (Einheit) (40.000 m²) in den Ausläufern der Sahyadri Mountains. Ein kleiner Ashram im Himalaya, das Sivananda Kutir, wurde in Netala bei Uttarkashi gegründet. Er liegt am Ufer des Ganges und wurde der Ort von Vishnudevanandas Jala Samadhi (rituelle Wasserbestattung).

1972 wurde in Wien das erste Sivananda Yoga-Vedanta-Zentrum in Europa eröffnet. Weitere Zentren und Ashrams in Europa folgten, unter anderem Zentren in Berlin und München. Heute umfasst die von Vishnudevananda gegründete Organisation neun Ashrams und 19 Zentren, die rund um die Welt verstreut sind. Darüber hinaus gibt es viele angegliederte Zentren. Tausende von Lehrern wurden ausgebildet, die sich der Weitergabe seiner Wissenschaft des Yoga widmen.

Die Organisation will auch Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit und Verzicht auf Materielles vermitteln. Daher sahen es viele Yogis als Bruch dieser Tradition, dass „Swami Durgananda“ (Brigitte Fletcher) bis zum Herbst 2019 in einer 400-Quadratmeter-Villa mit Wellnessbereich und Panoramasauna in der Nähe des Ashrams bei Kitzbühel gelebt haben soll. Laut Vermieter war die Villa durch die Ashram-Leitung in 2016 für 12000 Euro pro Monat angemietet worden.[2]

Ehemalige Mitarbeitende beschreiben den Tagesablauf in den Zentren als „klosterartig“ und „arbeitsreich“. Von 5:30 Uhr bis oft gegen 23 Uhr bleibe zwischen Kochen, Putzen, Yoga-Unterricht, Rezeptionsbetreuung und Büroarbeit kaum Zeit zum Ausruhen. Die Arbeit sei unbezahlt. Kontakte zur Außenwelt, Freunden oder Familie seien unerwünscht. Auch hätten sie zum Teil weder ein eigenes Zimmer, noch eine Kranken- oder Sozialversicherung gehabt.[3]

VermächtnisBearbeiten

Vishnudevananda starb am 9. November 1993. Sein Körper wurde beim Sivananda Kutir dem Ganges übergeben und das Ritual des Jalasamadhi vollzogen.

Vishnudevananda war ein Pionier und fand neue Methoden, die klassischen Yogalehren seines Meisters Sivananda, dem er sein ganzes Lebenswerk widmete, zu verbreiten. Er „entmystifizierte“ das Yoga und bot den Menschen klare und praktische Methoden an, um Spiritualität in ihr Leben zu bringen und Gesundheit, geistige Ausgeglichenheit und inneren Frieden zu erlangen. Nachdem er die Lebensgewohnheiten und Bedürfnisse der Menschen im Westen genau beobachtet hatte, fasste Vishnudevananda die klassische Wissenschaft des Yoga in fünf Grundprinzipien für körperliche und geistige Gesundheit zusammen, die jeder innerhalb seines eigenen Lebensstils anwenden konnte. Alle Aktivitäten der Internationalen Sivananda Yoga Vedanta Zentren sind auf diesen fünf Prinzipien aufgebaut: Richtige Körperübungen, richtige Atmung, richtige Entspannung, richtige Ernährung, positives Denken und Meditation. Vishnudevanandas Motto war: „Gesundheit ist Reichtum. Geistiger Frieden ist Glück. Yoga zeigt den Weg.“

Die von Vishnudevananda gegründeten internationalen Sivananda-Yoga-Vedanta-Zentren und Ashrams ist eine der größten Ausbildungsinstitution für Yogalehrer weltweit und hat seit der ersten Sivananda-Yoga-Lehrerausbildung 1969 mehr als 37.000 Lehrer ausgebildet. Einer seiner Schüler ist Sukadev Bretz, der Gründer von Yoga Vidya.

Neben seiner unermüdlichen Arbeit für den Weltfrieden und intensivem Unterrichten als Hatha und Raja Yoga Meister, ist Vishnudevananda für seine Bücher Das große illustrierte Yogabuch und Meditation und Mantras bekannt. Er verfasste einen Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika (eine klassische Yogaschrift des 15. Jahrhunderts) und ist die Inspiration hinter dem Buch Yoga der Internationalen Sivananda-Yoga-Vedanta-Zentren.

AnschuldigungenBearbeiten

Am 10. Dezember 2019 veröffentlichte Julie Salter, Assistentin von Vishnudevananda in seinen letzten elf Lebensjahren, auf Facebook Vorwürfe wegen Machtmissbrauch, der emotionalen und sexuellen Missbrauch beinhaltet.[4] Sie war 11 Jahre lang seine Assistentin und begleitete ihn bis zu seinem Tod. Erst neun Jahre später verließ sie die Organisation. Im Jahr 2003 und 2005 berichtete sie einigen Mitgliedern des Vorstandes von den Vorfällen.[5] Diese reagierten mit einer Mediation, Julie Salter behielt aber trotz einer Abfindung das Gefühl, dass ihre Vorwürfe nicht „als Wahrheit akzeptiert“ worden wären. Erst auf die Vorwürfe auf Facebook und dem daraufhin enormen Druck ihrer Mitglieder über die sozialen Medien, stellte sich der Vorstand dem Thema und veröffentlichten 2020 mehrere Statements, in denen sie sich entschuldigten, die Anschuldigungen nicht ernstgenommen zu haben.[6] Gleichzeitig wurde eine unabhängige Untersuchung zu den von Salter und zwei anderen Frauen erhobenen Vorwürfen angekündigt. Diese beiden Frauen gaben in Salters Thread an, dass Vishnudevananda sie sexuell belästigt habe.[7] Der Vorstand versprach daraufhin eine unabhängige Untersuchung.[8] Die Ermittlerin, Marianne Plamondon von Langlois in Montreal, lehnte es ab, sich darüber zu äußern, ob die Ergebnisse der Untersuchung veröffentlicht würden.[9]

Im April 2020 gab der Vorstand an, die Untersuchungen aufgrund der Corona-Pandemie auszusetzen.[10] In der Zwischenzeit hatte sich eine große Gruppe von Interessenten in einer Facebook-Gruppe organisiert, um ihr Mitgefühl mit den Opfern zu teilen und weitere Informationen zu sammeln.[11] Sie nennen ihr Projekt „Satya“ – Wahrhaftigkeit. Diese Online-Community gab im Februar 2020 eine eigene Untersuchung in Auftrag, weil sie der offiziellen Untersuchung nicht trauten. Im Sommer 2020 kam der erste Bericht heraus, zwei weitere folgten, da noch gegen zwei weitere Lehrer der Organisation Anschuldigungen vorgebracht wurden.[12] Die Sivananda Organisation hat die Untersuchung nicht wieder aufgenommen, sondern direkt zu den Berichten Stellung genommen und den Frauen eine Mediation bzw. Gespräche angeboten.[13] Im August 2020 veröffentlichte der internationale Vorstand ein weiteres Statement, in dem sie ihre Anteilnahme bekunden und ihre Visionen für die Zukunft beschreiben.[14]

Nach einigen Medienberichten in der internationalen und deutschen Presse gab es noch mehrere Versuche mit den Frauen Kontakt aufzunehmen, ob dies inzwischen der Fall ist, ist im jetzigen Moment noch nicht öffentlich. Über die Anschuldigungen und über die Reaktionen in der Organisation ist im November 2020 durch die Süddeutsche Zeitung ausführlich berichtet worden.[15][16]

WerkeBearbeiten

  • Das große illustrierte Yoga-Buch, Aurum Verlag, 10. Auflage 2007, ISBN 978-3-89901-183-8.
  • Meditation und Mantras, 3. Ausgabe, Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, München 1997, ISBN 3-930716-00-3.
  • Hatha Yoga Pradipika, Kommentar. Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, München 1987.
  • Karma and Disease

LiteraturBearbeiten

  • Gopala Krishna: Der Yogi. Portraits von Swami Vishnu-devananda. Yoga Vidya Verlag 2010, ISBN 978-3-931854-74-4).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hubert Lenz, Wolfgang Rüfner, Manfred Baldus (Hrsg.): Entscheidungen in Kirchensachen seit 1949, Band 25 (1987). Walter de Gruyter, Berlin/New York, 1992 S. 64ff. (Google-Buchsuche)
  2. Marlene Halser Was ans Licht kommt, in Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 45 vom 6. November 2020, S. 12
  3. Marlene Halser Was ans Licht kommt, in Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 45 vom 6. November 2020, S. 6
  4. Bei Facebook anmelden. Abgerufen am 2. Februar 2022.
  5. Sivananda Organisation: Statements From EBM. In: Sivananda International. 2020, abgerufen am 2. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
  6. Sivananda Organisation: Statements From EBM. In: Sivananda International. 2020, abgerufen am 2. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
  7. unabhängige Untersuchungsberichte: Berichte Sivananda Yoga. In: Die Zeit. 2020, abgerufen am 15. Juni 2020.
  8. International Sivananda Yoga Vedanta Centres. 17. Dezember 2019, abgerufen am 15. Juni 2020.
  9. Matthew Remski: How a #MeToo Facebook Post Toppled a Yoga Icon. 11. März 2020, abgerufen am 15. Juni 2020 (englisch).
  10. Sivananda Organisation: Statements From EBM. In: Sivananda International. 2020, abgerufen am 2. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
  11. Project SATYA: Sivananda - Accountability - Truth seeking - Yogic Action. Abgerufen am 2. Februar 2022.
  12. Investigation Reports – Project SATYA. Abgerufen am 2. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
  13. Sivananda Organisation: Statements From EBM. In: Sivananda International. 2020, abgerufen am 2. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
  14. Sivananda Organisation: Statement 9 From EBM. In: Sivananda International. 8. Februar 2020, abgerufen am 2. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
  15. Marlene Halser Was ans Licht kommt, in Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 45 vom 6. November 2020, S. 5ff
  16. Radiofeature Missbrauch von Gurus Gnaden? - Wie Yoga-Schüler*innen für Aufklärung kämpfen, Ausstrahlung am 7. November 2020