Ursula Krechel

deutsche Schriftstellerin, Germanistin

Ursula Krechel (* 4. Dezember 1947 in Trier) ist eine deutsche Schriftstellerin. Sie schreibt Gedichte, erzählende Prosa, Romane, Essays, Theaterstücke und Hörspiele.

Ursula Krechel 2019 beim Signieren

LebenBearbeiten

Ursula Krechel wurde als Tochter eines Psychologen geboren. Der früh verstorbenen Mutter widmete sie das erste Gedicht des ersten Lyrikbands Nach Mainz! Nach dem Abschluss des Neusprachlichen Gymnasium für Mädchen in Trier 1966, studierte sie Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Köln. Bereits während des Studiums, das sie 1971[1] mit der Promotion und einer Dissertation über Herbert Ihering abschloss,[2] verfasste sie Beiträge für den Westdeutschen Rundfunk und den Kölner Stadt-Anzeiger. Von 1969 bis 1972 war sie Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Dortmund und leitete Theaterprojekte mit jugendlichen Strafgefangenen.

Ab 1972 lebte sie als freie Schriftstellerin im Frankfurter Westend.

Seit den 80er Jahren lehrt Ursula Krechel im In- und Ausland[3]. So war sie 1984 Gastprofessorin an der Warwick Universität in England, 1989/90 hielt sie Poetik-Vorlesungen in Wien, war 1991 writer-in-residence an der Washington-University St. Louis/USA, 1993/94 poet-in-residence an der Universität Essen, 1997-1999 Gastprofessorin am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig, 2000 writer-in-residence an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be’er Scheva, 2002 Escriptora convidada in Barcelona sowie im Sommersemester 2007 Research Fellow an der Washington University St. Louis/USA. Von 1998 bis 2001 und von 2008 bis 2011 war sie die Leiterin der Werkstatt Prosa im Literarischen Colloquium Berlin.

Die Autorin ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und seit November 2020 dessen Ehrenpräsidentin.[4] Außerdem ist sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (seit 2012)[5] der Berliner Akademie der Künste (seit 2017)[6] und Vizepräsidentin der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz[7].

Ursula Krechel lebt mit ihrem Mann Herbert Wiesner, dem langjährigen Leiter des Berliner Literaturhauses, in Berlin.[8]

WerkBearbeiten

Die Unmöglichkeit einer Emanzipation ist Thema von Erika, des ersten Bühnenstücks von Ursula Krechel, mit dem sie 1974 auf sich aufmerksam machte. Die im Milieu des rheinischen Kleinbürgertums spielende Handlung schildert den – schließlich abgebrochenen – Ausbruchsversuch der jungen Frau aus einer als bedrückend empfundenen Welt, einer einengenden Ehe und der beruflichen Aussichtslosigkeit.[9] Es wurde im Landestheater Castrop-Rauxel uraufgeführt.[10] 1976 erschien bei Luchterhand das Buch Selbsterfahrung und Fremdbestimmung. Bericht aus der neuen Frauenbewegung, in dem sie die politische und gesellschaftliche Position der Frauenbewegung seit 1968 definiert. Das Buch erreichte bis 1983 zahlreiche Auflagen.

2008 und 2012 fanden zwei Romane besonderen Zuspruch, die beide das Exil thematisieren. In dem 2008 erschienenen Roman Shanghai fern von wo beschreibt sie das Schicksal einiger der achtzehntausend Juden, die seit 1938 eines der letzten visumfreien Schlupflöcher nutzen und so im fernen fremden Shanghaier Ghetto überleben konnten. Der Roman verfolgt aber auch die Rückkehr von Exilanten nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und zeigt die Unbarmherzigkeit, mit der man von Amts wegen mit den Rückkehrern umging.

Krechels 2012 erschienener Roman Landgericht erhielt den Deutschen Buchpreis. Im Mittelpunkt des Romans steht der jüdische Richter Dr. Richard Kornitzer,[11] der 1947 aus dem Exil in Havanna nach Deutschland zu seiner versprengten Familie zurückkehrt „und zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert“.[12] Reales Vorbild für diese Romanfigur ist der Richter Robert Michaelis.[13] 2017 erschien in Deutschland unter dem Titel Landgericht. Geschichte einer Familie eine zweiteilige Fernsehverfilmung mit Ronald Zehrfeld und Johanna Wokalek in den Hauptrollen. Im Kontext der Beschreibung von Kornitzers Exil in Havanna enthält Landgericht auch eine eindringliche Beschreibung der dort existierenden deutschsprachigen Exilgemeinde. Zu deren Mitgliedern, die von Krechel porträtiert werden, zählen beispielsweise Fritz Lamm, Hans und Lisa Fittko, Emma Kann, Julius Deutsch und Boris Goldenberg.

Zusammen mit dem Roman Geisterbahn, 2018 erschienen, entstand so eine Trilogie der Ausgegrenzten, auch eine Geschichte der Verdrängung aus der frühen Bundesrepublik. Der Roman umfasst fast 100 Jahre deutscher Geschichte in einem Panorama aus Ursula Krechels Heimatstadt Trier. Im Mittelpunkt steht eine Sinti-Familie.[14]

WerkeBearbeiten

LyrikBearbeiten

 
Ursula Krechel auf dem Erlanger Poetenfest 2018
  • Nach Mainz! Luchterhand, Darmstadt, 1977, ISBN 3-472-86442-7.
  • Verwundbar wie in den besten Zeiten. Luchterhand, Darmstadt 1979, ISBN 3-472-86491-5.
  • Rohschnitt. Luchterhand, Darmstadt 1983, ISBN 3-472-86572-5.
  • Vom Feuer lernen. Luchterhand, Darmstadt 1985, ISBN 3-472-86620-9.
  • Kakaoblau. Gedichte. Residenz, Salzburg 1989.
  • Technik des Erwachens. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-40431-8.
  • Äußerst innen. Mit Radierungen von Irmgard Flemming. Edition Flemming, Frankfurt am Main 1993.
  • Landläufiges Wunder. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-40715-5.
  • Ungezürnt. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-518-39282-4.
  • Verbeugungen vor der Luft. Residenz, Salzburg 1999, ISBN 3-7017-1165-8.
  • Rohschnitt. Gedicht in 60 Sequenzen. Lyrikedition 2000, München 2002.
  • Stimmen aus dem harten Kern. Gedicht. Jung und Jung, Salzburg/ Wien 2005, ISBN 3-902144-98-X.
  • Mittelwärts. Gedicht. zu Klampen, Springe 2006, ISBN 3-933156-86-6.
  • Jäh erhellte Dunkelheit. Gedichte. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2010, ISBN 978-3-902497-67-3.
  • Die da. Ausgewählte Gedichte. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2013, ISBN 978-3-99027-046-2.

ProsaBearbeiten

TheaterstückeBearbeiten

  • Erika. Theaterstück. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1973.
  • Ich glaub, mich tritt ein Meerschwein. Theaterstück für Kinder. In: Marion Victor (Hg.): Spielplatz. Bd. 10. Frankfurt/M. (Verlag der Autoren) 1997. S. 127–135.
  • Aus der Sonne. Theaterstück. Frankfurt/M. (Verlag der Autoren) 1985.
  • Sitzen Bleiben Gehen. Theaterstück. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1990.
  • Liebes Stück. Theaterstück. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2003.

Essays (Auswahl)Bearbeiten

  • Information und Wertung: Untersuchungen zum theater- und filmkritischen Werk von Herbert Ihering. Dissertation. Köln 1972.
  • Selbsterfahrung und Fremdbestimmung. Luchterhand, Darmstadt 1975, ISBN 3-472-61205-3.
  • Lesarten. Gedichte, Lieder, Balladen. Ausgewählt und kommentiert von Ursula Krechel. Darmstadt, Neuwied (Luchterhand) 1982. (= Sammlung Luchterhand 346). Erweiterte Neuausgabe unter dem Titel Lesarten: von der Geburt des Gedichts aus dem Nichts: Frankfurt/M. (Luchterhand) 1991. (=Sammlung Luchterhand 950).
  • Mit dem Körper des Vaters spielen. Essays. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-11716-5.
  • In Zukunft schreiben. Handbuch für alle, die schreiben wollen. Jung und Jung, Salzburg 2003, ISBN 3-902144-66-1.
  • Stark und leise. Pionierinnen. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2015, ISBN 978-3-99027-071-4.

HörspieleBearbeiten

  • 1975: Zwei Tode. Produktion: RB/HR
  • 1975: Erika. Produktion: WDR
  • 1979: Die Entfernung der Wünsche am hellen Tag. Produktion RB/WDR
  • 1979: Das Parkett ein spiegelnder See. Mit Lisa Kreuzer (Marie), Ulrike Bliefert (Amalie), Susanne von Schaefer (Sophie), Suzanne von Borsody (Elise), Edith Heerdegen (Elise als alte Frau) u. a. Regie: Bernd Lau, Produktion: BR/ WDR
  • 1979: Der Kunst in die Arme geworfen. Kantate für Sprechstimmen und das 19. Jahrhundert. Produktion: SFB/BR/NDR
  • 1984: Glückselig feindselig vogelfrei. Regie: Ursula Krechel, Produktion: NDR/ SFB
  • 1986: Der Keksgigant. Regie: Ursula Krechel, Produktion: SFB
  • 1986: Leuk und Lachen oder Die Grammatik des Austausches. Zus. mit Willem Capteyn. WDR/ NCRV Hilversum
  • 1988: Stadtluftundliebe. Produktion: SWR/ NDR
  • 1990: Sitzen Bleiben Gehen. Produktion: SWF
  • 1991: Zwischen den Ohrringen der Redefluß. Produktion: SFB/ SWR
  • 1991: Näher am springenden Punkt. Produktion: NDR.
  • 1991: Bilderbeben. In: Wüstensturm. Produktion: BR/ SR
  • 1995: Mein Hallo dein Ohr. Ein Hilferuf. Produktion: SWF
  • 1995: Im Ohrensaal. Mit Christa Berndl (Die Frau), Rolf Schult (Doktor Mortimer), Krista Posch (Die venusmuschelförmige Krankenschwester), Grete Wurm (Die Patientin aus dem Seufzertal) u. a. Regie: Hans Gerd Krogmann, Produktion: BR
  • 1997: Unendliches Türenschlagen. Produktion: NDR
  • 1998: Shanghai fern von wo. Zweiteiliges Hörspiel mit Katharina Palm (Fräulein Ling), Manfred Steffen (Mr. Tata), Donata Höffer (Fräulein Bamberger), Elisabeth Orth (Frau Tausig), Hille Darjes (Frau Kronheim), Rolf Schult (Herr Rosenbaum), Johanna Liebeneiner, Helmut Vogel, Rosemarie Gerstenberg, Gerd Wameling, Anthony Gibbs. Regie: Hans Gerd Krogmann, Produktion: SWF
  • 2003: Liebes Stück. Produktion: SWR
  • 2004: Meine Stimme ist mit den Fischen geschwommen. – Regie: Oliver Sturm und Nicole Paulsen; mit Angela Winkler. Produktion: SWR
  • 2007: Festbeleuchtung der Nacht. Produktion: DLR
  • 2013: Wenn man ein gleichschenkliges Dreieck auf den Kopf stellt. – Regie: Hans Gerd Krogmann, Produktion: SWR

ÜbersetzungBearbeiten

HerausgabeBearbeiten

AuszeichnungenBearbeiten

 
Verleihung des Jean-Paul-Preises 2019 durch den bayerischen Staatsminister Bernd Sibler

LiteraturBearbeiten

  • Beth Bjorklund: Rohschnitt. Gedicht in sechzig Sequenzen. Ursula Krechel. In: World Literature Today. 58(2):261-261; University of Oklahoma Press, 1984.
  • Wilhelm Genazino: Der Stellungkrieg des Normalen. Laudatio auf Ursula Krechel zur Verleihung des Kunstpreises Rheinland-Pfalz. In: Siegfried Gauch u. a.: Im Rampenlicht verborgen. Jahrbuch für Literatur. Frankfurt 2010.
  • Gabriele Heppner: Annäherungen – die Darstellung von Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung in den Romanen "Die Bestandsaufnahme" von Gila Lustiger; "Shanghai fern von wo" von Ursula Krechel. Klagenfurt, Alpen-Adria-Univ., Dipl.-Arb., 2013
  • Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon. Band 7, Walter de Gruyter, 2010, ISBN 978-3-11-022049-0, S. 35.
  • Ursula Mahlendorf: Zweite Natur. Szenen eines Romans. Ursula Krechel. In: World Literature Today. 56(2):327-327; University of Oklahoma Press, 1982.
  • Charlotte Melin: Improved Versions. Feminist Poetics and recent work by Ulla Hahn and Ursula Krechel. In: Studies in 20th & 21st Century Literature, Vol 21, Iss 1 (1997); New Prairie Press, 1997.
  • Ilse Picaper: Sie wollte Zeugin sein. Zu Ursula Krechel, Landgericht. In: GermanicaOpenAIRE. CeGes Université Charles-de-Gaulle Lille-III, 2017-02-20.; Germanica.
  • Ernestine Schlant: Sizilianer des Gefühls. Ursula Krechel. In: World Literature Today. 68(2):362-362; University of Oklahoma, 1994.
  • Rita Terras: Der Übergriff. Ursula Krechel. In: World Literature Today. 76(2):200-200; University of Oklahoma, 2002.
  • Rita Terras: Landläufiges Wunder. Ursula Krechel. In: World Literature Today. 70(2):394-395; University of Oklahoma, 1996.
  • Williams, Andrew: Stimmen aus dem harten Kern. Ursula Krechel. In: World Literature Today. Sept-Oct, 2006, Vol. 80 Issue 5, p. 73, 2 p.; University of Oklahoma.

WeblinksBearbeiten

Commons: Ursula Krechel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise, QuellenBearbeiten

  1. USB Köln: Eintrag zur Dissertation. In: USB Katalog. Abgerufen am 11. Januar 2019.
  2. Ursula Krechel. auf der Webseite des Verlags der Autoren. abgerufen am 10. Oktober 2012.
  3. https://www.adk.de/de/akademie/sektionen/literatur/mitglieder.htm?we_objectID=57151/
  4. Krechel zur Ehrenpräsidentin gewählt. Süddeutsche Zeitung, 25. November 2020, abgerufen am 26. November 2020.
  5. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Ursula Krechel ist neues Mitglied. auf: boersenblatt.net, 28. November 2012.
  6. Vier Autorinnen aufgenommen, boersenblatt.net, 7. Juli 2017, abgerufen am 7. Juli 2017
  7. http://www.adwmainz.de/mitglieder/profil/dr-ursula-krechel.html
  8. Der Mann, der das Literaturhaus erfand, welt.de vom 19. März 2017, abgerufen am 18. Dezember 2019.
  9. Theater heute, Heft 8, 1974, S. 37–46 (Ursula Krechel: Wenn Frauen an einem Stück über Frauen arbeiten, mit vollständigem Abdruck des Stücks)
  10. https://www.theatertexte.de/nav/2/2/3/werk?verlag_id=verlag_der_autoren&wid=320&ebex3=3
  11. Ursula Krechel erhält den Deutschen Buchpreis. In: Spiegel Online. 8. Oktober 2012.
  12. Ursula Krechel erhält den Deutschen Buchpreis 2012 für ihren Roman „Landgericht“. (Memento vom 26. Dezember 2012 im Internet Archive) auf: deutscher-buchpreis.de
  13. Diese Geschichte vererbt sich an die Kinder
  14. https://www.zeit.de/2018/39/geisterbahn-ursula-krechel-rom
  15. Ursula Krechel erhält den Wiesbadener Lyrik-Preis „Orphil“. (Memento vom 2. August 2012 im Webarchiv archive.today), abgerufen am 25. April 2012.
  16. Vier Autorinnen aufgenommen, boersenblatt.net, 7. Juli 2017, abgerufen am 7. Juli 2017.
  17. Ursula Krechel erhält Jean-Paul-Preis. In: buchmarkt.de. 11. November 2019, abgerufen am 11. November 2019.