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Ursula Krechel auf dem Erlanger Poetenfest 2018

Ursula Krechel (* 4. Dezember 1947 in Trier) ist eine deutsche Schriftstellerin und Autorin. Krechel bewegt sich in allen literarischen Genres. Die Lyrik, anfangs noch von Frauenbewegung und neuer Subjektivität beeinflusst, bildet den Schwerpunkt ihres Werks. Darüber hinaus hat sie Prosa, Theaterstücke und Hörspiele veröffentlicht. Als Autorin schreibt sie wissenschaftliche Essays, rezensiert Bücher und interpretiert Gedichte.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

 
Ursula Krechel im OLG Frankfurt, 2013

Krechel wurde als Tochter eines Psychologen geboren. Der Mutter, die früh verstarb, hat sie das erste Gedicht ihres ersten Gedichtbandes Nach Mainz! gewidmet. Nach der Volksschule in Trier-Heiligkreuz von 1954 bis 1958 besuchte Ursula Krechel das Neusprachliche Gymnasium für Mädchen (Städtische Studienanstalt Trier) in Trier, das sie 1966 mit der Reifeprüfung abschloss. Ab dem Wintersemester 1966/67 studierte sie Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Köln. Bereits während ihres Studiums, das sie 1971[1] mit der Promotion und einer Dissertation über Herbert Ihering abschloss,[2] verfasste sie Beiträge für den Westdeutschen Rundfunk und den Kölner Stadt-Anzeiger. Von 1969 bis 1972 war sie Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Dortmund und leitete Theaterprojekte mit jugendlichen Strafgefangenen.

Ab 1972 lebte sie als freie Schriftstellerin im Frankfurter Westend. 1974 machte sie mit ihrem ersten Bühnenstück Erika auf sich aufmerksam. Die im Milieu des rheinischen Kleinbürgertums spielende Handlung schildert den – schließlich abgebrochenen – Ausbruchsversuch der jungen Protagonistin aus einer von ihr als bedrückend empfundenen Welt, einer einengenden Ehe und der beruflichen Aussichtslosigkeit.[3] 1976 erschien bei Luchterhand ihre Untersuchung Selbsterfahrung und Fremdbestimmung. Bericht aus der neuen Frauenbewegung, in dem sie die politische und gesellschaftliche Position der Frauenbewegung seit 1968 definierte. Das Buch erreichte bis 1983 zahlreiche Neuauflagen.

2008 und 2012 haben zwei Romane von ihr großen Zuspruch gefunden, die beide die Themen Exil, Menschen im Exil und Rückkehr aus dem Exil zur Sprache bringen. In dem 2008 erschienenen Roman Shanghai fern von wo beschreibt sie das Schicksal einiger der achtzehntausend Juden, die seit 1938 eines der letzten visumfreien Schlupflöcher nutzen und so im fernen fremden Shanghaier Ghetto überleben konnten. Der Roman verfolgt aber auch die Rückkehr einiger Exilanten nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und zeigt die Unbarmherzigkeit, mit der man von Amts wegen mit den Rückkehrern umging.

Krechels 2012 erschienener Roman Landgericht erhielt den Deutschen Buchpreis. Das Werk stellt den jüdischen Richter Dr. Richard Kornitzer in den Mittelpunkt,[4] der 1947 aus dem Exil in Havanna nach Deutschland zu seiner versprengten Familie zurückkehrt „und zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert“.[5] Reales Vorbild für diese Romanfigur ist der Richter Robert Michaelis.[6] 2017 erschien in Deutschland unter dem Titel Landgericht – Geschichte einer Familie eine zweiteilige Fernsehverfilmung mit Ronald Zehrfeld und Johanna Wokalek in den Hauptrollen.

Im Kontext der Beschreibung von Kornitzers Exil in Havanna enthält Landgericht auch eine eindringliche Beschreibung der dort existierenden deutschsprachigen Exilgemeinde. Zu deren Mitgliedern, die von Krechel porträtiert werden, zählen beispielsweise Fritz Lamm, Hans und Lisa Fittko, Emma Kann, Julius Deutsch und Boris Goldenberg.

Ursula Krechel ist mit Herbert Wiesner, dem ehemaligen Leiter des Berliner Literaturhauses, verheiratet und lebt in Berlin. Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (seit 2012)[7] und der Berliner Akademie der Künste (seit 2017)[8].

WerkeBearbeiten

EinzeltitelBearbeiten

  • Information und Wertung: Untersuchungen zum theater- und filmkritischen Werk von Herbert Ihering. Köln 1972 (Dissertation).
  • Erika. Theaterstück. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main, 1973.
  • Selbsterfahrung und Fremdbestimmung. Luchterhand, Darmstadt, 1975 ISBN 3-472-61205-3
  • Nach Mainz! Luchterhand, Darmstadt, 1977 ISBN 3-472-86442-7
  • Verwundbar wie in den besten Zeiten. Luchterhand, Darmstadt, 1979 ISBN 3-472-86491-5
  • Zweite Natur. Luchterhand, Darmstadt, 1981 ISBN 3-472-86529-6
  • Rohschnitt. Luchterhand, Darmstadt, 1983 ISBN 3-472-86572-5
  • Aus der Sonne Theaterstück. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main, 1985.
  • Vom Feuer lernen. Luchterhand, Darmstadt, 1985 ISBN 3-47286620-9.
  • Kakaoblau. Gedichte. Residenz, Salzburg, 1989.
  • Tribunal im askanischen Hof. Berlin 1989 (zusammen mit Karin Reschke und Gisela von Wysocki), Literaturhaus, Berlin 1989 ISBN 3-92643302-7.
  • Die Freunde des Wetterleuchtens. Luchterhand Verlag, Darmstadt 1990 ISBN 3-63086741-3.
  • Sitzen Bleiben Gehen. Theaterstück. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 1990.
  • Mit dem Körper des Vaters spielen. Essays. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992 ISBN 978-3-51811716-3.
  • Technik des Erwachens. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992ISBN 3-51840431-8.
  • Äußerst innen. (mit Radierungen von Irmgard Flemming), Edition Flemming, Frankfurt am Main 1993
  • Sizilianer des Gefühls. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993. ISBN 3-518-40510-1.
  • Landläufiges Wunder. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995 ISBN 3-51840715-5.
  • Ungezürnt. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997 ISBN 3-51839282-4.
  • Verbeugungen vor der Luft. Residenz, Salzburg, 1999 ISBN 978-3-70171165-9.
  • Der Übergriff. Jung und Jung, Salzburg, 2001 ISBN 3-902144-16-5.
  • In Zukunft schreiben. Handbuch für alle, die schreiben wollen. Jung und Jung, Salzburg, 2003 ISBN 3-902144-66-1.
  • Liebes Stück. Theaterstück. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main, 2003.
  • Mein Hallo dein Ohr. (Mit Lithografien von Johannes Grützke) Quetsche, Witzwort, 2003 ISBN 3-92589969-3.
  • Stimmen aus dem harten Kern. Gedicht. Jung und Jung, Salzburg/Wien, 2005 ISBN 978-3-902144-98-0.
  • Mittelwärts. Gedicht. zu Klampen, Springe 2006, ISBN 3-933156-86-6.
  • Shanghai fern von wo. Roman. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2008 ISBN 978-3-902497-44-4.
  • Jäh erhellte Dunkelheit. Gedichte. Jung und Jung, Salzburg/Wien, 2010, ISBN 978-3-902497-67-3.
  • Landgericht. Roman. Jung und Jung, Salzburg/Wien, 2012, ISBN 978-3-99027-024-0.
  • Die da. Ausgewählte Gedichte. Jung und Jung, Salzburg/Wien, 2013, ISBN 978-3-99027-046-2.
  • Stark und leise. Pionierinnen. Jung und Jung, Salzburg/Wien, 2015, ISBN 978-3-99027-071-4.
  • Geisterbahn. Roman. Jung und Jung, Salzburg/Wien, 2018, ISBN 978-3-99027-219-0.

Hörspiele (Auswahl)Bearbeiten

ÜbersetzungBearbeiten

HerausgabeBearbeiten

AuszeichnungenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Killy Literaturlexikon, Band 7, Walter de Gruyter, 2010, ISBN 978-3-11022049-0, S. 35
  • Gabriele Heppner: Annäherungen – die Darstellung von Vertreibung, Verfolgung und Vernichtung in den Romanen "Die Bestandsaufnahme" von Gila Lustiger; "Shanghai fern von wo" von Ursula Krechel. Klagenfurt, Alpen-Adria-Univ., Dipl.-Arb., 2013

WeblinksBearbeiten

Einzelnachweise, QuellenBearbeiten

  1. USB Köln: Eintrag zur Dissertation. In: USB Katalog. Abgerufen am 11. Januar 2019.
  2. Ursula Krechel. auf der Webseite des Verlags der Autoren. abgerufen am 10. Oktober 2012.
  3. Theater heute, Heft 8, 1974, S. 37–46 (Ursula Krechel: Wenn Frauen an einem Stück über Frauen arbeiten, mit vollständigem Abdruck des Stücks)
  4. Ursula Krechel erhält den Deutschen Buchpreis. In: Spiegel Online. 8. Oktober 2012.
  5. Ursula Krechel erhält den Deutschen Buchpreis 2012 für ihren Roman „Landgericht“. (Memento des Originals vom 26. Dezember 2012 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutscher-buchpreis.de auf: deutscher-buchpreis.de
  6. Diese Geschichte vererbt sich an die Kinder
  7. Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Ursula Krechel ist neues Mitglied. auf: boersenblatt.net, 28. November 2012.
  8. Vier Autorinnen aufgenommen, boersenblatt.net, 7. Juli 2017, abgerufen am 7. Juli 2017.
  9. Ursula Krechel erhält den Wiesbadener Lyrik-Preis „Orphil“ (Memento des Originals vom 11. September 2018 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.hr-online.de, abgerufen am 25. April 2012.
  10. Vier Autorinnen aufgenommen, boersenblatt.net, 7. Juli 2017, abgerufen am 7. Juli 2017.