Eva Menasse

österreichische Journalistin und Schriftstellerin

Eva Menasse (* 11. Mai 1970 in Wien) ist eine österreichische Schriftstellerin und ehemalige Journalistin.

Eva Menasse bei der Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille an Robert Menasse im Staatstheater Mainz am 18. Januar 2019.

LebenBearbeiten

Sie ist die Tochter des Fußballspielers Hans Menasse[1] und Halbschwester des Schriftstellers Robert Menasse. Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte arbeitete sie zunächst als Redakteurin u. a. für das Wiener Nachrichtenmagazin Profil, später für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 2003 lebt sie in Berlin-Schöneberg. In dem 2005 geführten deutschen Bundestagswahlkampf schloss sie sich der von Günter Grass initiierten Wahlinitiative zugunsten der damaligen rot-grünen Regierung an. 2010 hielt sie bei der Verleihung des Hölderlin-Preises die Laudatio auf Georg Kreisler, desgleichen bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Margaret Atwood im Oktober 2017.[2]

Eva Menasse war mit Michael Kumpfmüller verheiratet und hat mit ihm einen Sohn.[3]

Politisches EngagementBearbeiten

Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und gehört zu den Unterstützern der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union, die Ende November 2016 veröffentlicht wurde. Im März 2019 erhielt sie den mit 12.500 Euro dotierten Literaturpreis der Mainzer Stadtschreiberin. Der Preis ist verbunden mit einem einjährigen Wohnrecht im Stadtschreiberdomizil im Gutenberg-Museum in Mainz.[4]

Bei der Preisbegründung zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2019 in der Frankfurter Paulskirche an Eva Menasse wurde ihre „Unbestechlichkeit“ hervorgehoben.[5]

Menasse gehört zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die eine Neudefinition und Präzisierung des Antisemitismusbegriffs vornimmt.[6]

WerkeBearbeiten

Der Holocaust vor Gericht 2000Bearbeiten

Ihre erste Buchveröffentlichung versammelt ihre Reportagen über den im April 2000 in London abgeschlossenen Prozess um den Holocaust-Leugner David Irving.

Vienna 2005Bearbeiten

2005 erschien Menasses erster Roman Vienna bei Kiepenheuer & Witsch. In zahlreichen Anekdoten, die manchmal an Friedrich Torbergs Tante Jolesch erinnern, erzählt sie die fiktionalisierte Geschichte ihrer teils katholischen, teils jüdischen Verwandtschaft. Der damals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorabgedruckte Roman wurde von den einschlägigen deutschen Medien überwiegend positiv, von den österreichischen eher kritisch rezensiert. Im Herbst 2005 stand er in Deutschland und in Österreich auf den Bestseller-Listen. Im April 2005 rangierte das Buch auf Platz 1 der ORF-Bestenliste. Eva Menasse erhielt für Vienna den Rolf-Heyne-Debütpreis 2005.

Dunkelblum 2021Bearbeiten

"Ich wollte keinen historischen Roman schreiben, sondern eine paradigmatische Menschheitsgeschichte", sagt die Autorin im Radio-Interview und bewertet damit die Ereignisse im österreichischen Rechnitz zur Folie für den engen Zusammenhang von NS-Verbrechen und Nachkriegs-Erinnerungskultur. In der burgenländischen Kleinstadt wurden im März 1945 über hundert jüdische Zwangsarbeiter getötet und in ein bis heute nicht lokalisiertes Massengrab geworfen. In der literarischen Aufarbeitung geht es aber nicht um die kriminalistische Klärung der Sachverhalte, sondern durch die Verdichtung ins fiktive 'Dunkelblum' eröffnet sich Möglichkeit, grundsätzlichere menschliche Verwerfungen zu schildern. Zu diesen gehören die Konflikte um das Verdrängen und Bekämpfen von Versuchen eines angemessene Gedenkens, dies wird auf der Erzählebene der Jetztzeit ausgebreitet. Ein Amerikaner kommt an die österreich-ungarische Grenze. Er hofft nach dem Ende des Kalten Krieges endlich auf Aufklärung zum Schicksal seiner Angehörigen und auf die Identifikation des Massengrabes um auch persönlich gedenken zu können. Er stellt unangenehme Fragen. Wie auch die Wiener Studierenden, die gegen den Willen der Einwohner den vernachlässigten jüdischen Friedhof instand setzen wollen. Das Massaker reicht damit in die Gegenwart hinein. "Mir ging es um die Darstellung der Gruppe und ihre Dynamik über die Jahrzehnte, nachdem so etwas geschehen ist", so Eva Manasse, "Mir geht es darum, was das mit einer Gemeinschaft macht, mit einer kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt, wo jeder ungefähr weiß, wie der andere drauf ist, oder auf welcher Seite er stand im Zweiten Weltkrieg, ob er eher ein Nazi war oder ein Kommunist, oder ein Mitläufer oder vielleicht sogar ein Jude, wie der, der den kleinen Kaufmannsladen betreibt." Für die Rezensentin Sigrid Löffler wird damit 'Dunkelblum' zum "bösen österreichischen Anti-Heimatroman", aber auch zum "sozialen Wimmelbild".[7]

Rezensent Ijoma Mangold lobt in einer Rezension für die ZEIT besonders die Sprache, "eine Art literarisches Traum-Österreichisch". Die Sprache sei Menasses "Schlüssel zu den Köpfen der Protagonisten". Der Dialekt lasse alles, "auch die gruseligsten Monstrositäten, irgendwie ganz verständlich klingen". Eva Menasse habe sich des historischen Vorbilds bedient, "um das - man muss es so düster sagen - menschliche Universale daran herauszuarbeiten". Menasse entgehe außerdem der "Gefahr aus der komfortablen Positionen der Nachgeborenen gewissermaßen von oben nach unten zu erzählen". Für Ijoma Mangold insgesamt ein "Geniestreich".[8]

Werkübersicht (Auswahl)Bearbeiten

 
Eva Menasse bei einer Lesung aus Anlass des Lübecker Literaturtreffens 2013 im Theater Lübeck mit Feridun Zaimoglu, Tilman Spengler und Sherko Fatah (von links)

Eva Menasses Werke wurden unter anderem ins Englische, Französische, Italienische, Niederländische und Hebräische übersetzt.

Preise und AuszeichnungenBearbeiten

 
Heinrich-Böll-Preis 2013, überreicht von Jürgen Roters

Literatur und BeiträgeBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Eva Menasse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Juraske, Alexander: Hans Menasse. Ein Leben zwischen Wien, London und Hollywood. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-205-20782-5
  2. Eva Menasse hält Friedenspreis-Laudatio. In: boersenblatt.net, 9. August 2017, abgerufen am 9. August 2017.
  3. Autorenlexikon Literaturport. Abgerufen am 18. September 2017.
  4. Eva Menasse möchte „Hofnärrin“ sein. Allgemeine Zeitung Mainz, 8. März 2019.
  5. Ludwig-Börne-Preis 2019 – Schonungslose Dankesrede von Eva Menasse. SWR2 vom 27. Mai 2019, abgerufen am 1. Juni 2019.
  6. The Jerusalem Declaration On Antisemitism
  7. Radio-Besprechung in Deutschlandfunk Kultur. 18. August 2021. Abgerufen am 18. August 2021.
  8. Ijoma Mangold: Das Grauen im schönsten Dialekt. (Paywall). In: Die ZEIT. 19. August 2021, abgerufen am 23. August 2021.
  9. Analyse
  10. Helmut Böttiger: Plädoyer für die politische Moral. Deutschlandradio Kultur vom 12. Februar 2015; Rezension
  11. KulturZeit-Interview mit der Autorin zum Roman. 18. August 2021. Abgerufen am 18. August 2021.
  12. Kölner Böll-Preis an Eva Menasse. Rundschau Online, 27. Juni 2013; abgerufen am 27. Juni 2013
  13. Eva Menasse gewinnt Literaturpreis Alpha. derStandard.at, 11. November 2014; abgerufen am 11. November 2014.
  14. … und der Preis 2015 geht an: Eva Menasse. jonathan-swift-preis.ch; abgerufen am 25. April 2017.
  15. Schriftstellerin Eva Menasse erhält Hölderlin-Preis. orf.at, 24. April 2017;, abgerufen am 24. April 2017.
  16. Österreichischer Buchpreis an Eva Menasse. orf.at, 7. November 2017; abgerufen am 7. November 2017.
  17. Pressemitteilung. ZDF, 29. Oktober 2018; abgerufen am 29. Oktober 2018.
  18. Ludwig-Börne-Preis für Eva Menasse. Deutschlandfunk-Kultur, 5. Februar 2019.
  19. https://ru.muenchen.de/2020/237/Fernsehpreis-LiteraVision-2020-verliehen-93904